28
Die Sonne bricht durch
Von Paris aus fuhr ich wieder zu Louise nach Fontainebleau. Ich wollte weder in die Rue Tremoulins zurückkehren noch an einen anderen Ort, an dem Jamie mich finden würde. Und für die Suche blieb ihm wenig Zeit, denn er mußte sofort nach Spanien aufbrechen, wenn sein Plan gelingen sollte.
Die gutmütige Louise verzieh mir meine List, und ich rechnete es ihr hoch an, daß sie nicht fragte, was ich getan hatte. Ich blieb wortkarg, hütete das Zimmer, aß wenig und starrte die dicken, nackten Putten an, mit denen die weiße Decke verziert war. Die Notwendigkeit meiner Reise nach Paris hatte mir neue Kraft gegeben, aber jetzt wurde mir nichts abverlangt, es gab keinen festen Tagesablauf, der mir Halt gab. Wie ein Boot ohne Ruder ließ ich mich treiben.
Dennoch gab ich mir von Zeit zu Zeit Mühe. Dann ließ ich mich von Louise überreden, an einer ihrer Abendgesellschaften teilzunehmen oder mit ihr und einer Freundin Tee zu trinken. Und ich kümmerte mich ein wenig um Fergus, den einzigen Menschen, für den ich mich noch verantwortlich fühlte.
Als ich ihn auf einem meiner täglichen Nachmittagsspaziergänge lautstark schimpfen hörte, fühlte ich mich verpflichtet nachzusehen, was los war.
Hinter einem Nebengebäude fand ich ihn im Streit mit einem Stallburschen, einem größeren, breitschultrigen Jungen, der verdrossen dreinblickte.
»Halt’s Maul, dummer Esel!« rief der Stallbursche. »Du weißt ja nicht, von was du redest!«
»Ich weiß es besser als du, dessen Mutter sich mit einem Schwein gepaart hat!« Fergus steckte zwei Finger in die Nasenlöcher, schob die Nasenspitze hoch und hüpfte mit einem lauten »Oink, oink, oink!« hin und her.
Der Stallbursche, dessen Rüssel tatsächlich auffällig himmelwärts zeigte, verlor keine Zeit mit schlagfertigen Antworten, sondern ließ die Fäuste sprechen. Im nächsten Augenblick wälzten sich die beiden mit wütendem Gekreisch auf dem schmutzigen Boden.
Während ich noch mit mir uneins war, ob ich eingreifen sollte, legte sich der Stallbursche auf Fergus, umklammerte mit beiden Händen dessen Hals und begann, seinen Kopf auf den Boden zu schlagen. Einerseits hatte Fergus einen derartigen Racheakt natürlich geradezu herausgefordert. Andererseits nahm sein Gesicht nun eine bedenklich dunkelrote Färbung an, und ich wollte nicht tatenlos zusehen, wie ihm in frühester Jugend das Lebenslicht ausgeblasen wurde. Also näherte ich mich den beiden Raufbolden mit der gebotenen Vorsicht.
Der Stallbursche kniete rittlings auf Fergus’ Brust und würgte ihn. Ich holte aus und versetzte dem Angreifer einen schmerzhaften Tritt auf den Hosenboden. Daraufhin verlor er das Gleichgewicht, tat einen verblüfften Schrei und fiel vornüber. Sogleich rollte er behende auf die Seite, sprang auf und ballte die Fäuste. Doch dann sah er mich und floh, ohne noch ein Wort zu verlieren.
»Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?« fragte ich, zog den prustenden und keuchenden Fergus auf die Beine und klopfte seine schmutzstarrenden Kleider ab.
»Sieh dir das an«, schalt ich ihn. »Du hast nicht nur dein Hemd zerrissen, sondern auch deine Hose. Wir werden Berta bitten müssen, die Sachen zu flicken.« Ich drehte ihn um und betastete den zerrissenen Stoff. Der Stallbursche hatte offenbar die Hand in den Hosenbund geschoben und die Kniehose an der Seitennaht aufgerissen. Der Stoff hing in Fetzen von Fergus’ schmalen Hüften, so daß das Hinterteil halb entblößt war.
Bei dem Anblick verschlug es mir die Sprache. Doch es war nicht die nackte Haut, die meine Aufmerksamkeit fesselte, sondern eine kleine rote Narbe, etwa so groß wie eine Halfpennymünze. Sie zeigte die purpurrote Färbung einer frisch verheilten Brandwunde. Ungläubig berührte ich sie, so daß Fergus erschrokken zusammenzuckte. Das Brandmal hatte sich tief ins Fleisch gegraben. Ich packte den Jungen am Arm, damit er nicht weglaufen konnte, und besah mir die Narbe genauer.
Von nahem war der Umriß des Brandmals klar zu erkennen. Es war ein Oval, in dem sich, wenn auch undeutlich, Buchstaben abzeichneten.
»Wer hat das getan, Fergus?« fragte ich. Meine Stimme klang unnatürlich ruhig und unbeteiligt.
Fergus versuchte, sich loszureißen, doch ich hielt ihn fest.
»Wer war es, Fergus?« wiederholte ich eindringlich und schüttelte ihn.
»Es ist nichts, Madame. Ich habe mich verletzt, als ich vom Zaun heruntergerutscht bin. Es muß ein Splitter sein.« Seine dunklen Augen huschten hin und her, als suchte er einen Fluchtweg.
»Das ist kein Splitter. Ich weiß, was das ist, Fergus. Und ich will wissen, wer es getan hat.« Etwas Ähnliches hatte ich bisher nur ein einziges Mal gesehen, und zwar als frische Wunde, während diese bereits verheilt war. Aber das Mal eines Brandzeichens ist unverkennbar.
Da Fergus merkte, daß ich es ernst meinte, hörte er auf, nach Ausflüchten zu suchen. Zögernd fuhr er sich mit der Zunge über die Lippen.
»Es war... ein Engländer, Madame. Mit einem Ring.«
»Wann?«
»Es ist schon lange her, Madame! Es war im Juni.«
Ich versuchte, ruhig zu bleiben, und rechnete nach. Zwei Monate. Vor zwei Monaten hatte Jamie das Haus verlassen, um den Aufseher seines Lagerhauses in einem Bordell zu suchen. In Begleitung von Fergus. Vor zwei Monaten war Jamie Jack Randall in Madame Elises Etablissement begegnet und hatte etwas gesehen, was alle Versprechungen null und nichtig machte, etwas, was in ihm den Entschluß reifen ließ, Jack Randall zu töten. Vor zwei Monaten war er gegangen - und nicht mehr zurückgekehrt.
Es erforderte große Geduld, und auch den Griff um Fergus’ Oberarm durfte ich nicht lockern, doch schließlich gelang es mir, ihm die ganze Geschichte zu entlocken.
Als die beiden in Madame Elises Etablissement eintrafen, hatte Jamie Fergus befohlen zu warten, während er nach oben ging, um die finanziellen Fragen zu regeln. Aufgrund früherer Erfahrungen wußte Fergus, daß dies einige Zeit dauern könnte. Also spazierte er in den großen Salon, wo sich eine Reihe der Damen, die er kannte, »ausruhten«, plauderten und sich gegenseitig frisierten, während sie auf Kundschaft warteten.
»Am Morgen geht das Geschäft manchmal schleppend«, erklärte Fergus. »Aber am Dienstag und am Freitag fahren die Fischer die Seine herauf, um ihren Fang auf dem Morgenmarkt zu verkaufen. Dann haben sie Geld, und Madame Elise macht guten Umsatz, also müssen les jeunes filles nach dem Frühstück bereit sein.«
Die »Mädchen« waren in Wirklichkeit die älteren Bewohnerinnen des Etablissements. Fischer galten nicht als besonders erlesene Kunden, und so landeten sie bei den weniger begehrten Prostituierten. Gerade mit ihnen war Fergus jedoch von früher her befreundet, also verbrachte er eine Viertelstunde bei ihnen. Einige Kunden erschienen, trafen ihre Wahl und gingen nach oben - das schmale Haus von Madame Elise besaß immerhin vier Stockwerke -, ohne daß sich die anderen Damen in ihrer Unterhaltung stören ließen.
»Und dann führte Madame Elise den Engländer herein.« Fergus hielt inne und schluckte.
Für Fergus, der Männer in allen Stadien der Trunkenheit und der Erregung gesehen hatte, stand fest, daß der Hauptmann die Nacht durchgemacht hatte. Sein Gesicht war rot, seine Kleidung unordentlich, und seine Augen blutunterlaufen. Madame Elises Versuche, ihn einer der Prostituierten zuzuführen, beachtete er nicht, sondern durchstreifte den Salon und begutachtete das Angebot selbst. Dann fiel sein Blick auf Fergus.
»Er hat gesagt: ›Du. Komm mit‹, und mich am Arm genommen. Ich wollte nicht, Madame. Ich habe ihm gesagt, mein Herr sei oben, und ich könnte nicht, aber er wollte nicht hören. Madame Elise hat mir zugeflüstert, ich sollte mit ihm gehen, sie würde das Geld nachher mit mir teilen.« Fergus zuckte die Achseln und sah mich hilflos an. »Ich wußte, daß Männer, die kleine Jungen mögen, nicht lange brauchen. Ich dachte, bis der Herr zum Aufbruch bereit ist, wäre der Engländer längst fertig.«
»Guter Gott.« Mein Griff lockerte sich, kraftlos glitten meine Finger über seinen Arm. »Soll das heißen... Fergus, hast du das früher auch schon gemacht?«
Er sah aus, als wäre er den Tränen nahe. Ich war es auch.
»Nicht oft, Madame«, sagte er verständnisheischend. »Es gibt Häuser, in denen das als Besonderheit angeboten wird, und die Männer, die das wollen, gehen in der Regel dorthin. Aber manchmal hat ein Kunde mich gesehen und Gefallen an mir gefunden...« Seine Nase lief, und er wischte sie sich mit dem Handrücken ab.
Ich zog ein Taschentuch aus meiner Rocktasche und gab es ihm. Bei der Erinnerung an diesen Freitagvormittag brach er in Tränen aus.
»Es war viel größer, als ich dachte. Ich hab’ ihn gefragt, ob ich es in den Mund nehmen könnte, aber er... er wollte...«
Ich zog Fergus an mich und drückte seinen Kopf an meine Schulter. Seine zerbrechlichen Schulterblätter unter meinen Händen fühlten sich an wie die Flügel eines Vogels.
»Sag nichts mehr. Sprich nicht weiter. Schon gut, Fergus, ich bin nicht böse. Aber sag nichts mehr.«
Doch diese Mahnung stieß auf taube Ohren. Nach so vielen Wochen der Angst und des Schweigens konnte er nicht aufhören zu sprechen.
»Aber es ist meine Schuld, Madame!« platzte er heraus und riß sich los. Seine Lippen zitterten, und Tränen liefen ihm über das Gesicht. »Ich hätte still sein sollen. Ich hätte nicht schreien dürfen! Aber ich konnte nicht anders, und mein Herr hörte mich, und... und er kam hereingestürmt... und... oh, Madame, ich hätte es nicht tun sollen, aber ich war so froh, ihn zu sehen, und rannte zu ihm, und er versteckte mich hinter seinem Rücken und schlug dem Engländer ins Gesicht. Und dann kam der Engländer wieder auf die Beine, mit einem Hocker in der Hand, den er nach uns warf. Ich hatte solche Angst, ich rannte aus dem Zimmer und versteckte mich in der Kammer am Ende des Flures. Dann hörte ich Schreie und Schläge und einen schrecklichen Krach und noch mehr Geschrei. Dann war es vorbei, und kurz darauf öffnete der Herr die Tür und holte mich heraus. Er hatte meine Kleider in der Hand und zog mich an, weil ich die Knöpfe nicht zumachen konnte... weil ich so zitterte.«
Er klammerte sich mit beiden Händen an meinem Rock. Mit qualvoll verzerrtem Gesicht rang er darum, daß ich ihm glaubte.
»Es ist meine Schuld, Madame, aber ich wußte es nicht! Ich wußte ja nicht, daß er mit dem Engländer kämpfen würde. Und jetzt ist der Herr fort, und er kommt nie wieder, und ich bin an allem schuld!«
Heftig schluchzend sank er vor mir auf die Erde. Er weinte so laut, daß er mich wohl nicht hören konnte, als ich mich über ihn beugte und ihn hochhob, aber ich sagte es trotzdem.
»Es ist nicht deine Schuld, Fergus. Und meine ist es auch nicht - aber du hast recht, er ist fort.«
Nach Fergus’ Geständnis versank ich noch tiefer in Apathie. Die graue Wolke, die mich seit der Fehlgeburt umgab, zog sich um mich zusammen und verdunkelte das Licht der strahlendsten Tage.
Mit besorgter Miene blickte Louise mich an.
»Du bist viel zu dünn«, schalt sie, »und weiß wie ein Teller Kutteln. Yvonne sagt, du hast dein Frühstück schon wieder stehenlassen!«
Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich zuletzt Hunger verspürt hatte. Es erschien mir auch nicht wichtig. Lange vor dem Duell im Bois de Boulogne, lange vor meiner Reise nach Paris. Ich starrte auf das Kaminsims und verlor mich in den Rokokoschnörkeln. Louise sprach weiter, aber ich achtete nicht darauf; ihre Stimme war nur ein Geräusch in meinem Zimmer, wie das Summen der Fliegen, die von meinem unberührten Frühstück angelockt wurden.
Ich beobachtete eine von ihnen, die hastig von den Eiern aufflog, als Louise in die Hände klatschte. Die Fliege zog ihre kleinen, wirren Kreise, bevor sie sich wieder auf ihrer Mahlzeit niederließ. Dann hörte ich Schritte, die sich eilig näherten, einen scharfen Befehl von Louise, ein unterwürfiges »Oui, Madame« und das jähe Patsch! der Fliegenklatsche, als sich das Zimmermädchen an die Arbeit machte und die Fliegen eine nach der anderen beseitigte. Sie ließ die kleinen schwarzen Leichen in ihre Tasche fallen und wischte die entstandenen Flecken mit dem Schürzenzipfel weg.
Louise beugte sich über mich und schob ihr Gesicht in mein Blickfeld.
»Ich sehe jeden Knochen in deinem Gesicht! Wenn du schon nicht essen willst, dann geh wenigstens an die frische Luft!« drängte sie. »Der Regen hat aufgehört. Komm mit, wir wollen sehen, ob es in der Laube noch ein paar Muskatellertrauben gibt. Vielleicht ißt du davon ein paar.«
Ob drinnen oder draußen, mir war alles gleich. Das weiche, betäubende Grau begleitete mich überallhin, verwischte die Konturen und ließ einen Ort wie den anderen aussehen. Aber Louise schien die Sache wichtig zu nehmen, also erhob ich mich gehorsam und folgte ihr.
Am Gartentor wurde sie jedoch von der Köchin gestellt, die ihr eine endlose Liste von Fragen und Klagen hinsichtlich der Speisenfolge für die geplante Abendgesellschaft präsentierte. Louise hatte Gäste eingeladen, um mich abzulenken, und die hektischen Vorbereitungen hatten den ganzen Vormittag über häusliche Unstimmigkeiten heraufbeschworen.
Mit einer wahren Leidensmiene seufzte Louise, dann klopfte sie mir auf den Rücken.
»Geh du nur allein voraus«, sagte sie und schob mich zum Tor. »Ich schicke dir einen Lakai mit deinem Umhang nach.«
Es war kühl für August, weil es die ganze Nacht hindurch geregnet hatte. Auf den Wegen hatte sich Pfützen gebildet, und von den Bäumen tropfte es unablässig.
Der Himmel war grau, aber die schwarzen, regenschweren Wolken hatten sich verzogen. Fröstelnd verschränkte ich die Arme; es sah so aus, als käme die Sonne bald heraus, aber ohne Umhang war es zu kalt.
Als ich hinter mir Schritte hörte, drehte ich mich um. Es war François, der zweite Lakai, aber er trug nichts bei sich. Zögernd sah er mich an, als wäre er nicht ganz sicher, ob er wirklich mich suchte.
»Madame, es ist Besuch für Sie da.«
Ich seufzte innerlich. Der Austausch von gesellschaftlichen Höflichkeiten war mir zu anstrengend.
»Sagen Sie den Besuchern, daß ich unpäßlich bin«, sagte ich und war schon im Begriff, meinen Spaziergang fortzusetzen. »Und wenn sie fort sind, bringen Sie mir bitte meinen Umhang.«
»Aber, Madame«, sagte er hinter mir. »Es ist der Herr von Broch Tuarach, Ihr Gemahl.«
Verblüfft drehte ich mich um und blickte zum Haus. Es stimmte tatsächlich. Ich sah einen großen Mann um die Ecke kommen. Es war Jamie. Ich wandte mich um, als hätte ich ihn nicht gesehen, und ging auf den Laubengang zu. Dort standen dichte Büsche, vielleicht konnte ich mich verstecken.
»Claire!« Verstellung hatte keinen Sinn; er hatte mich schon gesehen und folgte mir. Ich beschleunigte meinen Schritt, aber Jamie hatte die längeren Beine. Noch ehe ich die halbe Strecke zurückgelegt hatte, war ich außer Atem und mußte langsamer gehen. Sportlichen Übungen war ich nicht mehr gewachsen.
»Warte doch, Claire!«
Ich wandte mich halb um; er hatte mich beinahe eingeholt. Das weiche, betäubende Grau, das mich einhüllte, erzitterte, und mich packte eiskalte Angst bei dem Gedanken, daß sein Anblick diese Schutzhülle von mir reißen könnte. Wenn das geschah, mußte ich sterben, so wie eine Larve, die man ausgräbt und auf einen Felsen wirft, nackt und hilflos in der Sonne verschrumpelt.
»Nein!« rief ich. »Ich will nicht mit dir sprechen. Geh weg.« Er zögerte einen Augenblick, während ich mich abwandte und wieder auf den Laubengang zustrebte. Ich hörte seine Schritte hinter mir auf dem Kies, drehte mich aber nicht um, sondern begann zu laufen.
Als ich gerade im Laubengang verschwinden wollte, machte er einen Satz nach vorn und packte mich am Handgelenk. Ich versuchte, mich loszureißen, aber er ließ nicht locker.
»Clalre!« wiederholte er. Ich wand mich in seinem Griff, hielt aber mein Gesicht abgewandt. Solange ich ihn nicht ansah, konnte ich so tun, als wäre er nicht da. Solange war ich in Sicherheit.
Da ließ er meinen Arm los, faßte mich aber an den Schultern, so daß ich aufblicken mußte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Sein Gesicht war braungebrannt und schmal, zu beiden Seiten des Mundes hatten sich tiefe Falten eingegraben, und seine Augen waren schmerzerfüllt. »Claire«, sagte er sanfter, da er nun mein Gesicht sehen konnte. »Claire - es war auch mein Kind.«
»Ja - und du hast es getötet!«« Ich riß mich los und stürzte in den Laubengang. Drinnen blieb ich stehen, keuchend wie ein verängstigtes Hündchen. Ich hatte nicht gewußt, daß der Laubengang in einem kleinen, weinbewachsenen Pavillon endete. Spalierwände umgaben mich von allen Seiten - ich saß in der Falle. Hinter mir verdunkelte sich das Licht, als Jamie in den Laubengang trat.
»Rühr mich nicht an.« Ich wich zurück und starrte auf den Boden. Geh weg! dachte ich verzweifelt. Bitte, um Himmels willen, laß mich in Frieden! Doch ich spürte, wie meine graue Hülle unwiderruflich von mir weggerissen wurde und kleine grelle Schmerzstiche mich durchzuckten wie Blitze, die durch die Wolken brechen.
Kurz vor mir blieb er stehen. Ich taumelte wie blind auf das Spalier zu und ließ mich auf eine Holzbank fallen. Dann schloß ich die Augen. Ich zitterte. Obwohl es nicht mehr regnete, zog ein kalter, feuchter Wind durch die Laube und ließ mich frösteln.
Jamie kam nicht näher, aber ich spürte, daß er dastand und mich anblickte, und ich hörte seinen heftigen Atem.
»Claire«, sagte er verzweifelt, »Claire, verstehst du denn nicht... Claire, du mußt mit mir reden! Um Himmels willen, Claire, ich weiß nicht einmal, ob es ein Mädchen oder ein Junge war!«
Wie erstarrt saß ich da und klammerte mich an das rauhe Holz der Bank. Nach einer Weile hörte ich ein lautes Knirschen auf dem Boden vor mir. Ich öffnete die Augen einen Spalt und sah, daß er sich hingesetzt hatte - auf den nassen Kies zu meinen Füßen. Da saß er nun mit gesenktem Kopf. Auf seinem feuchten Haar glitzerten die Regentropfen.
»Willst du mich betteln lassen?« fragte er.
»Es war ein Mädchen«, erwiderte ich schließlich. Meine Stimme klang seltsam rauh und heiser. »Mutter Hildegarde hat sie getauft. Faith. Faith Fraser. Mutter Hildegarde hat einen sehr merkwürdigen Sinn für Humor.«
Der gesenkte Kopf vor mir rührte sich nicht. Nach einer Weile fragte Jamie ruhig: »Hast du das Kind gesehen?«
Nun hatte ich die Augen ganz geöffnet. Ich starrte auf meine Knie, wo verwehte Regentropfen von den Reben hinter mir Wasserflecken auf der Seide hinterlassen hatten.
»Ja. Die maîtresse sage-femme sagte, es wäre besser, also haben sie es mir gezeigt.« Mir klang noch die Stimme von Madame Bonheur im Ohr, der ältesten und angesehensten unter den Hebammen, die im Höpital des Anges ehrenamtlich arbeiteten.
»Gebt ihr das Kind. Es ist besser, wenn die Frauen es sehen. Dann stellen sie sich keine merkwürdigen Dinge vor.«
Also brauchte ich mir nichts vorzustellen, sondern erinnerte mich.
»Sie war vollkommen«, sagte ich leise, als spräche ich mit mir selbst. »So klein. Ihr Kopf paßte in meine hohle Hand. Ihre Ohren standen ein klein wenig ab... ich konnte das Licht durchscheinen sehen.«
Das Licht hatte auch durch ihre Haut geschienen, die runden Wangen und Pobacken schimmerten wie Perlen, die reglos und kühl einen Hauch der Unterwasserwelt mitbrachten.
»Mutter Hildegarde hat sie in weißen Satin gewickelt«, sagte ich und starrte auf meine Hände, die ich im Schoß zu Fäusten geballt hatte. »Ihre Augen waren geschlossen. Sie waren schräg, aber noch ohne Wimpern. Ich sagte, die Augen seien von dir, aber die Hebamme meinte, alle Babys hätten solche Augen.«
Zehn Finger und zehn Zehen. Keine Nägel, aber winzige, schimmernde Gelenke, Kniescheiben und Fingerknöchel wie Opale, wie die Knochen der Erde selbst. Denn du bist Erde...
Ich erinnerte mich an die fernen Geräusche im Spital, in dem das Leben weiterging, und an das Gemurmel von Mutter Hildegarde und Madame Bonheur in meiner Nähe; sie sprachen von dem Priester, den Mutter Hildegarde bitten wollte, eine Messe für das Kind zu lesen. Ich erinnerte mich an Madame Bonheurs ruhigen, wissenden Blick, als sie mich untersuchte und sah, wie schwach ich war. Vielleicht sah sie auch das Glänzen in meinen Augen, mit dem sich das Fieber ankündigte. Dann wandte sie sich wieder an Mutter Hildegarde und sprach diesmal noch leiser - vielleicht schlug sie vor, noch ein wenig zu warten, da zwei Beerdigungen erforderlich werden könnten.
Und sollst zu Erde werden.
Aber ich war von den Toten zurückgekehrt. Einzig und allein Jamies Macht über meinen Körper war stark genug gewesen, mich von jener äußersten Grenze zurückzuholen, und Maître Raymond hatte es gewußt. Ich wußte, daß nur Jamie selbst mich die letzte Wegstrecke aus dem Totenreich ins Land der Lebenden führen konnte. Deshalb war ich vor ihm weggelaufen, hatte alles getan, um ihn fernzuhalten, um dafür zu sorgen, daß er nie wieder zu mir kam. Denn ich wollte nicht zurückkehren, ich wollte nichts mehr fühlen. Ich wollte mich der Liebe nicht mehr preisgeben, nur damit sie mir dann wieder genommen wurde.
Aber es war zu spät. Das wußte ich, selbst als ich noch darum kämpfte, das graue Leichentuch festzuhalten. Der Kampf beschleunigte nur seine Auflösung, es war, als würde man nach Wolkenfetzen greifen, die sich als kalter Nebel zwischen den Fingern verflüchtigen. Nun spürte ich das Licht, das zu mir durchdrang.
Jamie war aufgestanden. Sein Schatten fiel auf meine Knie; bestimmt waren nun die Wolken zerrissen, denn ohne Licht gibt es keinen Schatten.
»Claire«, flüsterte er. »Bitte. Laß dich von mir trösten.«
»Trösten?« entgegnete ich. »Wie willst du das machen? Kannst du mir mein Kind zurückgeben?«
Er sank vor mir auf die Knie, aber ich hielt den Kopf gesenkt und starrte auf meine leeren Hände, die auf meinem Schoß lagen. Da spürte ich, daß er die Hand nach mir ausstreckte, zögerte, sie zurückzog und wieder ausstreckte.
»Nein«, sagte er fast unhörbar. »Nein, das kann ich nicht. Aber... mit Gottes Hilfe... könnte ich dir ein anderes geben.«
Seine Hand war der meinen so nah, daß ich die Wärme seiner Haut spürte. Und ich spürte noch mehr: den Kummer, den er gewaltsam zurückdrängte, die Wut und die Angst, die ihn fast erstickten, und den Mut, der ihm dennoch die Kraft zu sprechen gab. Also sammelte ich meinen eigenen Mut, der ein windiger Ersatz für das dicke, graue Leichentuch war. Dann nahm ich seine Hand, hob den Kopf und sah direkt in die Sonne.
 
Die Hände fest verschlungen, saßen wir auf der Bank und sprachen lange Zeit kein Wort, während die feuchte Brise im Weinlaub unsere Gedanken flüsterte. Regentropfen rieselten auf uns herab wie Tränen über Trennung und Verlust.
»Du frierst«, murmelte Jamie schließlich und legte mir seinen Umhang um die Schultern, so daß ich seine Wärme spürte. Langsam näherte ich mich ihm unter der schützenden Hülle, und angesichts der Hitze, die er ausstrahlte, zitterte ich noch mehr als zuvor.
Vorsichtig, als könnte ich mich tatsächlich an ihm verbrennen, legte ich meine Hand auf seine Brust, und so saßen wir und überließen das Reden dem Weinlaub.
»Jamie«, sagte ich irgendwann. »Oh, Jamie. Wo warst du?«
Er zog mich fester an sich, antwortete aber nicht sofort.
»Ich dachte, du seist tot, mo duinne«, sagte er so leise, daß ich es über dem Blätterrauschen kaum verstand.
»Ich sah dich dort liegen - auf dem Boden. O Gott! Du warst so bleich, und deine Röcke blutgetränkt... Ich wollte zu dir gehen, Claire, als ich dich sah... ich bin zu dir gerannt, aber da kamen die Wachen und verhafteten mich.«
Er schluckte, und ich spürte, wie er erbebte.
»Ich habe gekämpft... gekämpft und gebettelt... aber sie wollten nicht bleiben und haben mich mitgeschleift. Und mich in eine Zelle gesteckt und eingesperrt... ich dachte, du seist tot, Claire, und mir war klar, daß ich dich getötet hatte!«
Er zitterte immer noch. Ich wußte, daß er weinte, obwohl ich sein Gesicht nicht sehen konnte. Wie lange hatte er allein in der Bastille gesessen, allein in der Dunkelheit mit dem Blutgeruch und der leeren Hülse verübter Rache?
»Es ist gut«, sagte ich und drückte die Hand fester auf seine Brust, wie um sein rasendes Herz zu beruhigen. »Jamie, es ist gut. Es... es war nicht deine Schuld.«
»Ich bin mit dem Kopf gegen die Mauer gerannt, um nicht mehr daran denken zu müssen«, sagte er leise. »Da haben sie mich an Händen und Füßen gefesselt. Und am nächsten Tag hat mich de Rohan aufgestöbert und mir gesagt, daß du lebst, aber wahrscheinlich nicht mehr lange.«
Er schwieg, aber ich spürte den Schmerz in seiner Brust.
»Claire«, murmelte er schließlich. »Es tut mir leid.«
Es tut mir leid. Diese Worte standen auf dem Zettel, den er mir hinterlassen hatte, bevor die Welt zusammenbrach. Aber jetzt verstand ich ihre Bedeutung.
»Ich weiß. Jamie, ich weiß es. Fergus hat es mir erzählt. Ich weiß, warum du gehen mußtest.«
Schaudernd holte er Luft.
»Aye...«
Ich legte meine Hand auf seinen Schenkel.
»Als man dich gehen ließ, hat man dir da gesagt, warum du freigelassen wirst?« Vergeblich versuchte ich, ruhig zu atmen.
»Nein. Nur... es sei der Wille Seiner Majestät.« Das Wort »Majestät« betonte er ein wenig, und in seiner Stimme lag eine verhaltene Wut, die verriet, daß er den Grund für seine Freilassung kannte, auch wenn die Wächter es ihm nicht gesagt hatten.
Ich biß mir auf die Unterlippe und versuchte mich zu entscheiden, was ich ihm jetzt erzählen sollte.
»Es war Mutter Hildegarde«, fuhr er mit fester Stimme fort. »Ich ging sofort ins Höpital des Anges, um dich zu suchen. Dort traf ich Mutter Hildegarde, und sie gab mir das Briefchen, das du für mich hinterlassen hattest. Sie... hat es mir gesagt.«
»Ja«, antwortete ich und schluckte. »Ich habe den König aufgesucht.«
»Das weiß ich!« Sein Griff um meine Hand wurde fester, und an seinem Atem hörte ich, daß er die Zähne zusammenbiß.
»Aber Jamie... als ich zu ihm ging...«
»Bei Gott!« Plötzlich setzte er sich auf und sah mich an. »Weißt du denn nicht, was ich... Claire.« Er schloß die Augen und holte tief Luft. »Als ich nach Oviedo ritt, sah ich es die ganze Zeit vor mir, seine Hände auf deiner weißen Haut, seine Lippen an deinem Hals, seinen... seinen Schwanz, sah das verdammte, dreckige Ding in dich hineingleiten... Claire! Ich saß im Gefängnis und hielt dich für tot, und dann ritt ich nach Spanien und wünschte, du wärst es!«
Die Knöchel seiner Hand waren weiß.
Ich riß meine Hand los.
»Jamie, hör mir zu!«
»Nein!« rief er. »Nein, ich will das nicht hören!«
»Hör zu, verdammt noch mal!«
Etwas in meiner Stimme brachte ihn dazu, den Mund zu halten, und so begann ich hastig, ihm vom Gemach des Königs zu erzählen, von den Kapuzenträgern und dem verdunkelten Raum, vom Duell der Zauberer und dem Tod des Comte de St. Germain.
Während ich sprach, wich die Zornesröte aus Jamies Gesicht. Auf Schmerz und Wut folgten Verwirrung und dann erstauntes Begreifen.
»Bei allen Heiligen«, flüsterte er schließlich. »Großer Gott.«
»Du hast wohl nicht geahnt, was du mit deiner dummen Geschichte anrichten würdest? Trotz meiner Erschöpfung brachte ich ein Lächeln zustande. »Also... also, der Comte... es ist gut, Jamie. Er ist... fort.«
Darauf erwiderte er nichts, sondern zog mich zärtlich an sich, so daß meine Stirn an seiner Schulter ruhte und meine Tränen sein Hemd durchweichten. Doch nach einer Weile setzte ich mich auf, sah ihn an und putzte mir die Nase.
»Ich dachte nur, Jamie! Der Portwein, Charles Stuarts Investition! Wenn der Comte tot ist...«
Leise lächelnd schüttelte er den Kopf.
»Nein, mo duinne. Der ist in Sicherheit.«
Erleichterung überkam mich.
»Gott sei Dank. Du hast es also geschafft? Haben die Mittel bei Murtagh ihre Wirkung getan?«
»Nein«, meinte er heiter, »aber bei mir.«
Nachdem Furcht und Zorn von mir genommen waren, fühlte ich mich schwindelig und ein wenig benommen. Der süße Duft der regennassen Trauben stieg mir in die Nase. Als ich mich an Jamie schmiegte, um die Geschichte von der Portweinpiraterie zu hören, war seine Wärme tröstlich und nicht mehr bedrohlich.
»Es gibt Männer, die für das Leben auf See geboren sind, Sassenach«, begann er, »aber leider gehöre ich nicht dazu.«
»Ich weiß. Warst du seekrank?«
»So schlecht war mir selten«, versicherte er mir mit gequältem Lächeln.
Die See vor Oviedo war stürmisch gewesen, und innerhalb einer Stunde stand fest, daß Jamie seine Rolle nicht, wie ursprünglich geplant, würde übernehmen können.
»Ich war ohnehin zu nichts anderem mehr fähig, als in der Hängematte zu liegen und zu stöhnen«, meinte er achselzuckend. »Also bot es sich an, daß ich dazu auch noch die Pocken bekam.«
In aller Eile tauschten er und Murtagh die Rollen, und vierundzwanzig Stunden nach der Abfahrt aus Oviedo stellte der Kapitän zu seinem Entsetzen fest, daß unter Deck die Pocken ausgebrochen waren.
Jamie kratzte sich nachdenklich am Hals, als spürte er noch die Wirkung des Nesselsafts.
»Sie erwogen, mich über Bord zu werfen, als sie es merkten«, sagte er, »und ich muß zugeben, daß ich die Idee nicht schlecht fand.« Er grinste mich schief an. »Bist du je seekrank gewesen und hattest gleichzeitig Pusteln am ganzen Körper, Sassenach?«
»Nein, Gott sei Dank nicht.« Mir schauderte bei dem Gedanken. »Hat Murtagh es verhindert?«
»Aye. Murtagh ist wirklich ein wackerer Kämpfer. Mit der Hand am Dolch schlief er auf der Schwelle, bis wir wohlbehalten in Bilbao einliefen.«
Vor die unangenehme Wahl gestellt, nach Le Havre weiterzusegeln und seine Fracht zu verlieren oder nach Spanien zurückzukehren und sich die Füße in den Bauch zu stehen, während eine Botschaft nach Paris abgeschickt wurde, hatte der Kapitän der Scalamandre wie vorhergesehen die Möglichkeit ergriffen, den Portwein an den neuen Käufer abzustoßen, den ihm das Schicksal zugefügt hatte.
»Aber er ließ es sich nicht nehmen, hart zu verhandeln«, bemerkte Jamie und kratzte sich am Unterarm. »Er feilschte einen halben Tag lang, während ich halbtot in meiner Hängematte lag, Blut pißte und mir die Seele aus dem Leib kotzte.«
Aber schließlich waren sie handelseinig geworden, Portwein und Pockenpatient wurden in Bilbao eiligst ausgeladen, und abgesehen von der anhaltenden Neigung, zinnoberrot zu urinieren, hatte sich Jamie schlagartig erholt.
»Wir verkauften den Port an einen Händler in Bilbao«, erzählte Jamie weiter. »Anschließend schickte ich Murtagh sofort nach Paris, um Monsieur Duverneys Darlehen zurückzuzahlen, und dann... bin ich hierhergekommen.«
Er starrte auf seine Hände, die still auf seinem Schoß lagen. »Ich konnte mich nicht entscheiden«, sagte er leise, »ob ich kommen sollte oder nicht. Deshalb bin ich zu Fuß gegangen, um Zeit zum Nachdenken zu haben, von Paris bis nach Fontainebleau. Und fast die ganze Strecke wieder zurück. Immer wieder bin ich umgekehrt, ich kam mir vor wie ein Mörder, wie ein Narr, und wußte nicht, ob ich lieber mich oder dich umbringen sollte...«
Seufzend blickte er zu mir auf.
»Ich mußte kommen«, sagte er schlicht.
Darauf erwiderte ich nichts, sondern legte meine Hand auf die seine. Von den gärenden Weintrauben auf dem Boden stieg ein stechender Geruch auf, der Wein und damit Vergessen versprach.
Die halb von Wolken verhüllte Sonne würde bald untergehen, und vor ihrem goldenen Licht sah ich die Silhouette von Hugo, der mit einer Verbeugung am Eingang der Laube auftauchte.
»Verzeihen Sie, Madame«, sagte er. »Meine Herrin wünscht zu wissen, ob le seigneur zum Essen bleibt?«
Ich sah Jamie an. Still saß er da, die durchs Laub dringenden Sonnenstrahlen malten ein Tigermuster auf sein Haar und warfen Schatten auf sein Gesicht.
»Ich glaube, du solltest bleiben«, sagte ich. »Du bist schrecklich dünn.«
Er musterte mich amüsiert. »Du auch, Sassenach.«
Dann stand er auf und bot mir seinen Arm. Gemeinsam gingen wir hinein zum Essen und überließen die raschelnden Blätter ihrem wortlosen Gespräch.
 
Eng aneinandergeschmiegt lagen wir im Bett; Jamie schlief, und seine Hand ruhte auf meinem Schenkel. Ich starrte in die Dunkelheit, horchte auf seine ruhigen Atemzüge und sog die frische, feuchte Nachtluft ein, die von Glyzinienduft erfüllt war.
Mit St. Germains Tod war der Abend für die Beteiligten beendet gewesen - mit Ausnahme von Louis. Als sich die Gesellschaft unter aufgeregtem Gemurmel zum Aufbruch rüstete, nahm er meinen Arm und führte mich durch die kleine Tür, durch die wir eingetreten waren. Der wortgewandte Herrscher bedurfte nun keiner Worte mehr.
Ich wurde zu der grünen Chaiselongue geführt und auf den Rücken gelegt. Bevor ich einen Laut über die Lippen brachte, wurden meine Röcke sanft hochgehoben. Er küßte mich nicht; er begehrte mich nicht. Was nun folgte, war ein rituelles Einfordern der vereinbarten Bezahlung. Louis war ein gerissener Geschäftsmann, und eine Schuld, die ihm zuzustehen schien, trieb er ein, ganz gleich, ob die Bezahlung für ihn von Wert war oder nicht. Und vielleicht war sie es ja, denn in seinen Vorbereitungen zeigte sich eine halb ängstliche Erregung - wer außer einem König konnte es wagen, La Dame Blanche zu umarmen?
Ich war trocken, einfach nicht bereit; ungeduldig griff er nach einem Flakon und rieb mir nach Rosen duftendes Öl zwischen die Beine. Reglos lag ich da und spürte, wie ein hastig tastender Finger durch ein kaum größeres Glied ersetzt wurde, und - »erduldete« ist das falsche Wort, da weder Schmerz noch Demütigung im Spiel war, es war eine Transaktion - wartete also das Ende jener hastigen Stöße ab, und schon stand er wieder auf den Beinen und beeilte sich, die Hose über der kleinen Schwellung zuzuknöpfen. Offenbar wollte er es nicht riskieren, einen halbköniglichen Bastard zu zeugen - nicht, solange Madame de La Tourelle ihn in ihren Gemächern am anderen Ende des Korridors erwartete und ihn, wie ich hoffte, mit mehr Glut empfangen würde als ich.
Ich hatte gegeben, was stillschweigend vereinbart worden war. Nun konnte der König meine Bitte erfüllen, ohne sich dabei etwas zu vergeben. Was mich betraf, so erwiderte ich seine höfische Verbeugung mit einem Knicks und verließ das Audienzzimmer wenige Minuten, nachdem ich es zum zweitenmal betreten hatte mit dem Versprechen des Königs, am nächsten Morgen Jamies Freilassung anzuordnen.
Auf dem Korridor erwartete mich der köngliche Kammerjunker. Er verbeugte sich vor mir, ich machte einen Knicks, und dann folgte ich ihm durch den Spiegelsaal, wobei ich das glitschige Öl zwischen meinen Schenkeln spürte und den Rosenduft einatmete, der aus meinem Schoß aufstieg.
Draußen vor den Toren des Palastes hatte ich die Augen geschlossen und gedacht, ich würde Jamie nie wiedersehen. Und wenn er mir zufällig doch über den Weg liefe, so wollte ich seine Nase in diesen Rosenduft tauchen, bis seine Seele vor Ekel starb.
Doch statt dessen hielt ich nur seine Hand und lauschte seinen tiefen, gleichmäßigen Atemzügen. Und die Tür zum Audienzzimmer seiner Majestät ließ ich für immer ins Schloß fallen.
Die Geliehene Zeit
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