37
Holyrood
Edinburgh, Oktober 1745
Das Klopfen an meiner Tür schreckte mich auf; ich
war gerade damit beschäftigt, meinen neu aufgefüllten Medizinkasten
zu inspizieren. Nach dem überwältigenden Sieg von Prestonpans hatte
Charles seine Armee nach Edinburgh zurückgeführt, um sich dort in
seinem Ruhm zu sonnen. Während er sich sonnte, rackerten sich seine
Generäle und die Clanführer ab, versammelten ihre Männer um sich,
ergänzten die Ausrüstung und bereiteten sich auf künftige Kämpfe
vor.
Durch den frühen Erfolg ermutigt, verkündete
Charles freimütig, er werde als nächstes Stirling einnehmen, dann
Carlyle und dann vielleicht nach Süden vorrücken, womöglich gar bis
London. Ich verbrachte meine freie Zeit damit, Nadeln zum Nähen der
Wunden zu zählen, Weidenrinde zu sammeln und überall, wo sich eine
Gelegenheit bot, Alkohol zu stibitzen, den ich als
Desinfektionsmittel brauchte.
»Was gibt’s?« rief ich und öffnete die Tür. Vor mir
stand ein Bote, ein kleiner Junge, kaum älter als Fergus. Er
bemühte sich, ernst und respektvoll zu erscheinen, doch konnte er
seine Neugier kaum unterdrücken. Seine Augen wanderten flink im
Zimmer herum und blieben fasziniert an dem großen Medizinkasten in
der Ecke hängen. Offensichtlich waren auch im Palast von Holyrood
Gerüchte über mich im Umlauf.
»Seine Hoheit schickt nach Ihnen, Mistress Fraser«,
antwortete er. Er musterte mich aus klaren braunen Augen und suchte
zweifellos nach Anzeichen meiner übernatürlichen Kräfte. Mein
kläglich normales Aussehen schien ihn zu enttäuschen.
»Ach ja?« erwiderte ich. »Gut. Wo befindet er
sich?«
»Im Morgensalon, Mistress. Ich bringe Sie hin.
Oh...« Es war
ihm noch etwas eingefallen, und er drehte sich um, bevor ich die
Tür hinter mir schließen konnte. »Sie sollen Ihren Medizinkasten
mitbringen, wenn Sie so gut sein wollen.«
Mit stolzgeschwellter Brust geleitete mich der
kleine Bote den Gang entlang zu jenem Flügel des Palastes, in dem
der Prinz residierte. Gewiß wurde er als Page geschult, doch ein
gelegentlicher Hopser verriet, daß er in seinem Amt noch nicht viel
Erfahrung hatte.
Warum um alles in der Welt ließ mich Charles zu
sich rufen? überlegte ich. Zwar fand er sich um Jamies willen mit
meiner Anwesenheit ab, doch die Geschichte mit La Dame
Blanche hatte ihn offenkundig stark irritiert, und er fühlte
sich in meiner Gesellschaft nicht ganz wohl. Mehr als einmal hatte
ich beobachtet, wie er sich in meiner Anwesenheit heimlich
bekreuzigt hatte. Der Gedanke, daß er mich zu sich gebeten hatte,
um sich von mir ärztlich behandeln zu lassen, erschien mir
abwegig.
Als die schwere Holztür zum kleinen Morgensalon
aufging, kam mir der Gedanke noch unwahrscheinlicher vor. Der
Prinz, offenbar bei bester Gesundheit, lehnte am lackierten Cembalo
und schlug behutsam eine Taste an. Seine zarte Haut war leicht
gerötet, doch vor Erregung, nicht vor Fieber, und er blickte mich
mit klaren und aufmerksamen Augen an.
»Mistress Fraser! Wie freundlich von Ihnen, daß Sie
so bald gekommen sind!« Er war an diesem Morgen noch aufwendiger
gekleidet als gewöhnlich, er trug eine Perücke und eine neue
cremefarbene, mit Blumen bestickte Seidenweste. Irgend etwas mußte
ihn in große Aufregung versetzt haben, denn sein Englisch war, wie
immer, wenn er nervös war, holprig und fehlerhaft.
»Es ist mir eine Freude, Eure Hoheit«, erwiderte
ich mit einer leichten Verbeugung. Er war allein, ein
ungewöhnlicher Umstand. Vielleicht benötigte er doch meine
medizinische Hilfe?
Nervös zeigte er auf einen der goldenen,
damastbezogenen Stühle und bedeutete mir, Platz zu nehmen. Ein
zweiter Stuhl stand dem meinen gegenüber, doch der Prinz ging
unruhig auf und ab, ohne sich zu setzen.
»Ich benötige Ihre Hilfe«, sagte er
plötzlich.
»Ja?« Ich gab ein höfliches, fragendes Geräusch von
mir. Tripper vielleicht, überlegte ich und musterte ihn
unauffällig. Ich wußte von keiner Frau seit Louise de La Tour, doch
einmal genügte, um sich
anzustecken. Er verzog den Mund, als suchte er nach einer
Möglichkeit, wie er es umgehen könnte, es mir zu verraten, doch
dann gab er es auf.
»Ich habe einen capo hier - einen Anführer,
verstehen Sie? Er möchte sich der Sache meines Vaters anschließen,
aber er hat noch Zweifel.«
»Ein Clanoberhaupt, meint Ihr?« Er nickte und
runzelte unter den kunstvoll gedrehten Locken seiner Perücke die
Stirn.
»Oui, Madame. Selbstverständlich unterstützt
er die Ansprüche meines Vaters auf den Thron...«
»Oh, ja natürlich«, murmelte ich.
»... aber er möchte mit Ihnen sprechen, Madame, ehe
er seinen Männern befiehlt, mir zu folgen.«
Er klang, als wollte er seinen eigenen Worten nicht
glauben, und ich merkte, daß die Röte auf seinen Wangen Ausdruck
von Verwirrung und unterdrücktem Zorn war.
Aber ich war nicht weniger verwirrt. Vor meinem
geistigen Auge sah ich ein Clanoberhaupt, das von einer
schrecklichen Krankheit befallen war und sich der Sache des Prinzen
nur dann verschreiben konnte, wenn ich eine Wunderheilung
vollbrachte.
»Seid Ihr sicher, daß er mit mir sprechen will?«
fragte ich. So weit war mein Ruf mir doch gewiß nicht
vorausgeeilt.
Charles nickte kalt. »So sagt er, Madame.«
»Aber ich kenne gar keine Clanführer«, erwiderte
ich. »Natürlich, Glengarry und Lochiel. Ach ja, und Clanranald und
Keppoch. Aber die haben sich Euch bereits angeschlossen. Und warum
um alles in der Welt...«
»Er ist der Meinung, Sie kennen ihn«, unterbrach
mich der Prinz. Er hatte seine Hände fest verschränkt,
offensichtlich, um sich zu zwingen, in höflichem Ton fortzufahren.
»Es ist wichtig - äußerst wichtig, Madame, daß er davon
überzeugt wird, sich mir anzuschließen. Ich brauche... ich
erbitte... Ihre Hilfe... Sie müssen ihn überzeugen.«
Nachdenklich rieb ich mir die Nase und sah ihn an.
Wieder eine Entscheidung. Wieder eine Gelegenheit, den Gang der
Dinge zu lenken. Und wieder wußte ich nicht, was das Beste
war.
Er hatte recht; es war wichtig, diesen Clanführer
dazu zu bringen, seine Mittel in den Dienst der jakobitischen Sache
zu stellen. Mit den Camerons, den MacDonalds und all den anderen
war die
jakobitische Armee kaum zweitausend Mann stark, und dazu der
chaotischste Haufen, den ein General je zu befehligen hatte.
Dennoch hatten sie Edinburgh erobert, bei Preston eine weit
überlegene englische Armee in die Flucht geschlagen und schienen
durchaus bereit und willens, so weiterzumachen.
Wir hatten Charles nicht aufhalten können.
Vielleicht konnten wir ja, wie Jamie sagte, die Katastrophe nur
noch vermeiden, indem wir ihm mit allen Mitteln halfen. Wenn sich
ein weiterer bedeutender Clan anschloß, könnte das andere Clans
dazu veranlassen, dasselbe zu tun. Dies konnte ein Wendepunkt sein,
und die jakobitische Streitmacht würde zu einer richtigen Armee
anwachsen, die zu einer Invasion Englands imstande war. Und dann,
was zum Teufel würde dann geschehen?
Ich seufzte. Wie auch immer ich mich entschied, ich
konnte eine Entscheidung nur dann treffen, wenn ich dem
geheimnisvollen Fremden gegenüberstand. Ich sah an mir hinunter, um
zu prüfen, ob ich in meinem Kleid einem Clanoberhaupt
gegenübertreten konnte, gleichgültig, an welchem Gebrechen er litt.
Dann stand ich auf und klemmte meinen Medizinkasten unter den
Arm.
»Ich will es versuchen, Eure Hoheit«, sagte
ich.
Seine verkrampften Hände lösten sich und ließen
seine zerbissenen Fingernägel sehen. Auch seine Gesichtszüge
entspannten sich.
»Ah, gut«, erwiderte er. Dann wandte er sich zu der
Tür, die zum größeren Nachmittagssalon führte. »Kommen Sie, ich
bringe Sie selbst hin.«
Der Wachposten an der Tür sprang überrascht zur
Seite, als Charles schwungvoll die Tür öffnete und, ohne ihn
anzusehen, an ihm vorbeieilte. Am anderen Ende des langen, mit
Gobelins geschmückten Raumes befand sich ein großer Marmorkamin mit
weißen Delfter Fliesen, auf denen in Blau und Dunkelviolett
holländische Genreszenen dargestellt waren. Neben dem kleinen Sofa,
das vor den Kamin gerückt worden war, stand ein großer,
breitschultriger Mann in Hochlandtracht. In einem weniger großen
Raum wäre er als ein wahrer Riese erschienen; seine Beine in den
karierten Strümpfen unter dem Kilt waren kräftig wie Baumstämme.
Doch in diesem Zimmer mit der hohen Stuckdecke wirkte er einfach
nur groß - er paßte gut zu den heroischen Sagengestalten, die die
Gobelins an den Wänden bevölkerten.
Ich zuckte zusammen, als ich den hünenhaften
Besucher erkannte. Charles war weitergegangen, sah sich jetzt
ungeduldig nach mir um und machte mir ein Zeichen, ihm zu folgen.
Ich nickte dem Riesen zu. Dann umrundete ich zögernd das Sofa und
erblickte den Mann, der darauf lag.
Er lächelte schwach, als er mich sah, und in den
taubengrauen Augen lag ein Ausdruck der Belustigung.
»Ja«, sagte er, auf meine Verblüffung anspielend.
»Auch ich hätte nicht gedacht, dich jemals wiederzusehen.
Man könnte glauben, es sei Schicksal.« Er wandte den Kopf und gab
seinem hünenhaften Leibwächter ein Zeichen.
»Angus, hol doch einen Tropfen Weinbrand für
Mistress Claire! Ich fürchte, unser Wiedersehen hat sie etwas aus
der Fassung gebracht.«
Das war milde ausgedrückt. Ich ließ mich in einen
Stuhl sinken und nahm das Kristallglas, das mir Angus Mhor
entgegenstreckte.
Colum MacKenzies Blick hatte sich ebensowenig
verändert wie seine Stimme. In ihnen offenbarte sich der Charakter
des Mannes, der mehr als dreißig Jahre lang den MacKenzie-Clan
geführt hatte, ungeachtet seiner Krankheit, die ihn schon als
Jüngling zum Krüppel gemacht hatte. Im übrigen hatte er sich zu
seinem Nachteil verändert. Die schwarzen Haare waren stark ergraut,
seine Gesichtszüge waren zerfurcht, die Haut schlaff. Auch die
ehemals breite Brust war eingesunken, die mächtigen Schultern
hingen kraftlos herunter, und er wirkte abgemagert.
Er hatte bereits ein Glas in der Hand, gefüllt mit
einem Trank, der im Schein des Feuers bernsteinfarben funkelte. Er
setzte sich mühsam auf und prostete mir mit einer ironischen Geste
zu.
»Du siehst blendend aus... Nichte.« Aus den
Augenwinkeln sah ich, wie Charles vor Erstaunen den Mund
aufriß.
»Du nicht«, erwiderte ich brüsk.
Er blickte gleichmütig auf seine verkrüppelten
Beine. Etwa hundertfünfzig Jahre später würde man diese Krankheit -
nach dem berühmtesten Opfer - Toulouse-Lautrec-Syndrom
nennen.
»Nein«, erwiderte er. »Aber es ist immerhin schon
zwei Jahre her, seit du mich zum letztenmal gesehen hast. Mrs.
Duncan hatte mir damals nicht einmal mehr zwei Jahre
gegeben.«
Ich nahm einen Schluck Weinbrand, der ausgezeichnet
schmeckte. Charles gab sich wirklich Mühe.
»Ich hätte nicht gedacht, daß du dem Fluch einer
Hexe großen Wert beimißt«, gab ich zurück.
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Er besaß die
verwegene Schönheit seines Bruders Dougal, und wenn sich der
Schleier der Gleichgültigkeit von seinen Augen hob, überstrahlte
die innere Kraft dieses Mannes seine körperlichen Gebrechen.
»Nicht dem Fluch, nein. Ich hatte jedoch den
Eindruck, daß die Dame sich auf ihre Beobachtungsgabe stützte,
nicht auf die Macht von Verwünschungen. Und ich habe selten eine
aufmerksamere Beobachterin gesehen als Geillis Duncan - mit einer
Ausnahme«, fügte er mit einem ehrerbietigen Kopfnicken in meine
Richtung hinzu.
»Sehr schmeichelhaft«, erwiderte ich.
Colum sah Charles an, der unserem Gespräch mit
offenem Mund lauschte.
»Ich danke Euch für Eure Güte, daß Ihr mir für
meine Begegnung mit Mrs. Fraser Eure Räumlichkeiten zur Verfügung
gestellt habt, Hoheit«, sagte er mit einer Verbeugung. Die Worte
waren durchaus höflich, aber offensichtlich wollte Colum ihn damit
hinauskomplimentieren. Charles, der es nicht gewohnt war, daß man
so mit ihm umsprang, errötete übers ganze Gesicht und wollte etwas
sagen. Dann besann er sich, verbeugte sich kurz und ging
hinaus.
»Wir brauchen auch keine Wache!« rief ich ihm nach.
Er zog die Schultern hoch und errötete unter seiner Perücke, doch
dann machte er eine hastige Handbewegung. Die Wache an der Tür
blickte mich erstaunt an und folgte ihm.
»Hm.« Colum sah mißbilligend zur Tür, dann wandte
er seine Aufmerksamkeit wieder mir zu.
»Ich habe darum gebeten, dich zu sehen, da ich mich
bei dir entschuldigen muß«, sagte er ohne Umschweife.
Ich lehnte mich im Stuhl zurück und ließ das Glas
lässig auf meinem Bauch ruhen.
»Ach, entschuldigen?« sagte ich mit soviel
Sarkasmus, wie mir auf die schnelle zu Gebote stand. »Vermutlich
dafür, daß du mich beinahe als Hexe hättest verbrennen lassen.« Ich
winkte großzügig ab. »Mach dir darüber bloß keine Gedanken.« Ich
starrte ihn wutentbrannt an. »Entschuldigen?!«
Er lächelte, ohne sich im geringsten aus dem
Konzept bringen zu lassen.
»Es mag etwas unzulänglich erscheinen«, fuhr er
fort.
»Unzulänglich?! Dafür, daß du mich hast verhaften
und drei Tage lang ohne Brot und sauberes Wasser in ein Diebesloch
sperren lassen? Daß du mir die Kleider vom Leib hast reißen und
mich vor aller Augen in Cranesmuir auspeitschen lassen? Daß ich
einem Faß Pech und dem Scheiterhaufen gerade noch entronnen bin?«
Ich hielt inne und holte tief Luft. »Jetzt, wo du es sagst«, fuhr
ich etwas ruhiger fort, »unzulänglich ist genau das richtige
Wort.«
Das Lächeln auf seinem Gesicht verschwand.
»Ich bitte um Verzeihung für meine
Leichtfertigkeit«, sagte er leise. »Ich hatte nicht die Absicht,
dich zu verspotten.«
Ich sah ihn an, doch diesmal lag kein Ausdruck von
Belustigung in seinen Augen.
»Nein«, sagte ich und seufzte tief. »Wohl nicht.
Vermutlich willst du sagen, daß es auch nicht in deiner Absicht
lag, mich wegen Hexerei einsperren zu lassen.«
Seine grauen Augen blickten mich scharf an. »Du
weißt es?« »Geillis hat es gesagt. Als wir im Diebesloch waren. Sie
meinte, du hättest es eigentlich auf sie abgesehen; daß es mich
auch erwischt hat, war eher ein Mißgeschick.«
»Das stimmt.« Er sah plötzlich sehr müde aus.
»Wärst du in der Burg gewesen, hätte ich dich schützen können.
Warum um Himmels willen bist du auch ins Dorf gegangen?«
»Man hat mir ausgerichtet, Geillis Duncan sei krank
und habe mich gebeten zu kommen«, erwiderte ich knapp.
»Aha«, sagte er leise. »Man hat es dir
ausgerichtet. Und wer, wenn ich fragen darf?«
»Laoghaire.« Noch immer konnte ich den Zorn nicht
zügeln, der beim Klang dieses Namens in mir aufstieg. Aus
Eifersucht, weil ich Jamie geheiratet hatte, hatte das Mädchen
versucht, mich in den Tod zu schicken. Ziemlich bösartig für ein
sechzehnjähriges Mädchen. Und auch jetzt noch mischte sich in
meinen Zorn ein winziger Funken grimmiger Befriedigung. Er ist
mein, dachte ich beinahe unwillkürlich. Mein. Du wirst ihn mir nie
wegnehmen können. Niemals.
»Aha«, sagte Colum erneut und blickte mich an. »Das
habe ich mir gedacht. Und«, fuhr er fort und zog eine Augenbraue
hoch, »wenn eine bloße Entschuldigung dir unzulänglich erscheint,
möchtest du vielleicht statt dessen Rache nehmen?«
»Rache?« Ich muß verblüfft dreingesehen haben, denn
er verzog das Gesicht zu einem freudlosen Lächeln.
»Aye. Das Mädchen hat vor sechs Monaten geheiratet,
Hugh MacKenzie von Muldaur, einen meiner Clansmänner. Er wird mit
ihr machen, was ich befehle, wenn du möchtest, daß sie bestraft
wird. Was soll ich also tun?«
Sein Angebot verblüffte mich wirklich. Er drängte
mich nicht zu einer Antwort. Angus Mhor hatte ihm Weinbrand
nachgeschenkt, an dem er jetzt nippte. Colum sah mich nicht an,
aber ich stand auf und ging zum Fenster, um einen Augenblick allein
zu sein.
Die Wände hier waren anderthalb Meter dick, und
wenn ich mich nach vorne in die tiefe Fensterlaibung lehnte, war
ich ungestört. Das helle Sonnenlicht beschien meine Arme mit ihrem
blonden Flaum. Ich dachte an das Diebesloch, das feuchte, stinkende
Verlies, an den schmalen Streifen Sonnenlicht, der durch die
Öffnung von oben hereingedrungen war und den Eindruck, sich in
einer Gruft zu befinden, nur noch verstärkt hatte. Am dritten Tag
hatte der Prozeß stattgefunden. Schamerfüllt und voller Angst hatte
ich unter dem bewölkten Herbsthimmel gestanden. Ich war in Colums
Falle geraten, auf einen Satz vom Mädchen Laoghaire hin.
Laoghaire. Helle Haut, blaue Augen, ein rundes
hübsches Gesicht, nicht viel anders als die anderen Mädchen von
Leoch. Ich hatte viel über sie nachgedacht - im Verlies mit Geillis
Duncan. Dort hatte ich Zeit, über vieles nachzudenken. Aber so
wütend und voller Angst ich auch gewesen war, weder damals noch
heute gelang es mir, sie als Verkörperung des Bösen zu sehen.
»Sie war doch erst sechzehn, um Himmels
willen!«
»Alt genug, um heiraten zu können«, ertönte eine
hämische Stimme hinter mir, und erst jetzt merkte ich, daß ich laut
gesprochen hatte.
»Ja, sie wollte Jamie«, sagte ich und wandte mich
um. Colum saß auf dem Sofa, die kurzen Beine mit einer Decke
bedeckt. Angus Mhor stand unbeweglich hinter seinem Herrn und
blickte auf ihn hinunter. »Vielleicht hat sie geglaubt, ihn zu
lieben.«
Unten im Hof wurde exerziert. Rufe und
Waffengeklirr drangen herauf. Schwerter, Musketen und die
Messingbeschläge der Tartschen glitzerten in der Sonne - und
mittendrin Jamies rotgoldener Haarschopf. Jamie wischte sich mit
der Hand über das vor Anstrengung gerötete Gesicht und lachte über
eine Bemerkung Murtaghs.
Vielleicht tat ich Laoghaire Unrecht, wenn ich
annahm, ihre Gefühle für Jamie seien schwächer als die meinen. Ob
sie aus unreifer Boshaftigkeit oder aus wahrer Leidenschaft
gehandelt hatte, wußte ich nicht. Jedenfalls war sie gescheitert.
Ich lebte. Und Jamie war mein. Jetzt gerade zog er seinen Kilt hoch
und kratzte sich am Hintern. Ich lächelte und setzte mich wieder zu
Colum.
»Ich wähle die Entschuldigung«, sagte ich.
Er nickte, und seine grauen Augen blickten
nachdenklich.
»Du glaubst also an Gnade, Mistress?«
»Eher an Gerechtigkeit«, gab ich zurück. »Apropos,
ich kann mir nicht vorstellen, daß du dich auf den langen Weg von
Leoch nach Edinburgh gemacht hast, nur um dich bei mir zu
entschuldigen. Es muß eine höllisch anstrengende Reise gewesen
sein.«
»Aye, das kann man wohl sagen.« Angus Mhor beugte
sich nach vorn, doch Colum hob abwehrend die Hand - wie um zu
sagen: Alles in Ordnung, mir geht es gut im Augenblick.
»Nein«, fuhr Colum fort. »Daß du in Edinburgh bist,
habe ich erst erfahren, als Seine Hoheit Jamie Fraser erwähnte, und
dann habe ich nach dir gefragt.« Ein Grinsen huschte über sein
Gesicht. »Seine Hoheit ist nicht allzu begeistert von dir, Nichte.
Aber vermutlich weißt du das ja schon.«
Ich reagierte nicht auf diese Bemerkung. »Du
überlegst dir also ernsthaft, dich Prinz Charles
anzuschließen?«
Colum, Dougal und Jamie besaßen alle drei die
Fähigkeit, das, was sie wirklich dachten, zu verbergen, doch Colum
war darin der unbestrittene Meister. Selbst die Brunnenfiguren im
vorderen Hof waren mitteilsamer als er, wenn er nicht zum Reden
aufgelegt war.
»Ich bin gekommen, um mit ihm zu sprechen.« Mehr
sagte er nicht.
Ich saß da und überlegte, ob ich zu Charles’
Gunsten etwas sagen könnte - oder sagen sollte. Vielleicht sollte
ich das besser Jamie überlassen. Die Tatsache, daß Colum es
bedauerte, mich beinahe dem Tod ausgeliefert zu haben, bedeutete
nicht unbedingt, daß er geneigt war, mir zu vertrauen. Und nur weil
ich zu Charles’ Gefolge gehörte, sah er seinen Verdacht, ich könnte
eine englische Spionin sein, gewiß nicht widerlegt.
Ich überlegte immer noch hin und her, als Colum
sein Glas Weinbrand absetzte und mich unverhohlen ansah.
»Weißt du, wieviel ich seit heute morgen schon
getrunken habe?«
»Nein.« Seine Hände waren ruhig - schwielig und
rauh von der Krankheit, aber gepflegt. Die geröteten Augenlider und
die etwas blutunterlaufenen Augen konnten ebensogut von den
Strapazen der Reise als vom Alkohol herrühren. Er sprach keineswegs
schleppend, und lediglich eine gewisse Gemächlichkeit seiner
Bewegungen deutete darauf hin, daß er nicht nüchtern war. Aber ich
kannte Colums bewundernswerte Trinkfestigkeit.
Er wedelte Angus’ Hand beiseite, die nach der
Karaffe greifen wollte. »Eine halbe Flasche. Bis heute abend habe
ich sie ganz geleert.«
»Ah.« Deshalb also hatte er darum gebeten, daß ich
meinen Medizinkasten mitbrachte. Er stand am Boden, und ich griff
danach.
»Wenn du soviel Weinbrand brauchst, wird dir nur
noch Opium helfen«, sagte ich und kramte in meinem Bestand an
Fläschchen und Töpfchen. »Ich habe Laudanum hier, aber ich kann
dir...«
»Das ist es nicht, was ich von dir will.« Mit
befehlsgewohnter Stimme fiel er mir ins Wort. Er konnte seine
Gedanken verstecken, aber er verstand es auch, sie zu zeigen, wenn
er wollte.
»Laudanum zu besorgen ist kein Problem«, sagte er.
»Es gibt gewiß einen Apotheker in der Stadt, der es verkauft - oder
Mohnsirup oder auch unverdünntes Opium.«
Ich klappte den Deckel des Kastens zu und legte
meine Hand darauf. Er hatte also nicht vor, den Rest seines Lebens
dahinzudämmern und die Führung des Clans im ungewissen zu lassen.
Aber wenn er kein vorübergehendes Vergessen brauchte, was dann?
Vielleicht ein ewiges. Ich kannte Colum MacKenzie. Der skrupellose
Verstand, der Geillis Duncans Tod geplant hatte, würde auch nicht
zögern, wenn es um seinen eigenen ging.
Jetzt war es mir klar. Er war gekommen, um Charles
Stuart zu treffen und um zu entscheiden, ob die MacKenzies von
Leoch für die jakobitische Sache kämpfen sollten. War diese
Entscheidung getroffen, würde Dougal die Führung des Clans
übernehmen. Und dann...
»Ich dachte immer, Selbstmord sei eine Todsünde«,
wandte ich ein.
»Das stimmt wohl«, meinte er ungerührt. »Ich
erwarte jedoch
nicht, für diese Sünde übermäßig leiden zu müssen, da ich seit
meinem neunzehnten Lebensjahr nicht mehr an die Existenz Gottes
glaube.«
Es herrschte Schweigen, nur das Kaminfeuer
knisterte. Von unten drangen gedämpfte Kampfgeräusche herauf.
Colums Atem ging langsam und stetig.
»Weshalb kommst du dann zu mir?« sagte ich. »Du
hast recht, Laudanum bekommst du überall, wenn du es bezahlen
kannst - und an Geld mangelt es nicht. Du weißt gewiß, daß eine
genügend große Menge davon tödlich ist. Es ist ein leichter
Tod.«
»Zu leicht.« Er schüttelte den Kopf. »In meinem
Leben konnte ich mich auf wenig verlassen, und zu dem wenigen
gehört mein Verstand. Und den möchte ich mir bis zuletzt erhalten.
Und was die Erleichterung betrifft...« Er rutschte auf dem Sofa hin
und her, ohne sein Mißbehagen zu verbergen. »Die werde ich gleich
finden.«
Er verwies mit einer Kopfbewegung auf meinen
Kasten.»Du kennst dich, wie Mrs. Duncan, mit Arzneien aus. Und ich
dachte, du wüßtest vielleicht, womit sie ihren Mann getötet hat. Es
war schnell und zuverlässig. Und es scheint angemessen«, fügte er
bitter hinzu.
»Nach dem Urteil des Gerichts hat sie sich
magischer Kräfte bedient.« Jenes Gerichts, das sie in
Übereinstimmung mit Colums Plänen zum Tod verurteilt hatte, dachte
ich. »Oder glaubst du nicht an Magie?« fragte ich.
Er lachte - ein reines und unbeschwertes Lachen,
das durch den sonnendurchfluteten Raum tönte. »Sollte denn jemand,
der nicht an Gott glaubt, dem Satan Macht zugestehen?«
Ich zögerte immer noch, aber er war ein Mann, der
andere ebenso klug beurteilte wie sich selbst. Er hatte mich um
Verzeihung gebeten und erst danach um einen Gefallen, und er hatte
sich vergewissert, daß ich Sinn für Gerechtigkeit besaß. Und es
war, wie er sagte, angemessen. Ich öffnete den Kasten und holte das
kleine Fläschchen Zyankali heraus, das ich als Rattengift
benutzte.
»Ich danke dir, Mistress Claire«, sagte er sehr
formell und höflich, aber mit einem Lächeln in den Augenwinkeln.
»Auch wenn mein Neffe in Cranesmuir deine Unschuld nicht mit
solcher Leidenschaft beteuert hätte, würde ich niemals glauben, du
seist eine Hexe. Ich weiß heute ebensowenig wie damals, wer du bist
oder weshalb du hier bist, aber Hexerei habe ich nie in Erwägung
gezogen.
« Er hielt inne und zog eine Augenbraue hoch. »Ich nehme an, daß du
mir auch jetzt nicht sagen willst, wer - oder was - du bist?«
Ich zögerte einen Augenblick. Doch ein Mensch, der
weder an Gott noch an den Teufel glaubte, würde wohl auch meiner
Geschichte keinen Glauben schenken. Ich drückte ihm kurz die
Hand.
»Nenn mich ruhig eine Hexe«, sagte ich. »Recht viel
näher wirst du der Sache nicht kommen.«
Als ich am nächsten Morgen auf den Hof hinausging,
traf ich Lord Balmerino auf der Treppe.
»Oh, Mistress Fraser!« begrüßte er mich vergnügt.
»Sie suche ich gerade.«
Ich lächelte ihn an; er war von dicklicher Statur,
immer gut aufgelegt und einer der Lichtblicke in Holyrood.
»Wenn es nicht Fieber, Ruhr oder Pocken sind«,
sagte ich, »kann es einen Moment warten? Mein Mann und sein Onkel
führen Don Francisco de la Quintana eben den Schwertkampf vor, wie
er im Hochland praktiziert wird.«
»Ach, wirklich? Das muß ich mir auch ansehen.«
Balmerino ging neben mir her, sein Kopf wippte in Höhe meiner
Schulter auf und ab. »Hübsche Männer mit einem Schwert in der Hand
sind stets ein angenehmer Anblick«, sagte er. »Und alles, was auf
die Spanier Eindruck macht, findet meine herzlichste
Zustimmung.«
»Meine auch.« Jamie hielt es für zu gefährlich,
Fergus die Korrespondenz Seiner Hoheit in Holyrood abfangen zu
lassen, daher mußte er sich auf das verlassen, was Charles ihm
persönlich mitteilte. Das war jedoch nicht wenig. Charles
betrachtete Jamie als einen seiner Vertrauten. Als einziger der
Hochlandclanführer zählte er zum engsten Kreis - und das, obwohl
Jamie einen eher bescheidenen Beitrag an Männern und Geld
leistete.
Was das Geld anbetraf, so hatte ihm Charles
anvertraut, daß er große Hoffnungen auf eine Unterstützung durch
Philipp von Spanien setzte. Dessen letzter Brief an König James in
Rom hatte äußerst ermutigend geklungen. Don Francisco war zwar kein
Gesandter im eigentlichen Sinn, doch er war Mitglied des spanischen
Hofes und erstattete gewiß genauestens Bericht über den Stand der
Dinge. Nun konnte Charles prüfen, ob sein Vertrauen in das eigene
Schicksal ausreichte, um die Oberhäupter der Hochlandclans und
fremde Könige zu überzeugen, sich ihm anzuschließen.
»Weshalb wollten Sie mich eigentlich sprechen?«
fragte ich, als wir in den Gang einbogen, der direkt zum Innenhof
von Holyrood führte. Eine kleine Menschenmenge hatte sich
versammelt, aber weder Don Francisco noch die beiden Kombattanten
waren zu sehen.
»Ach ja!« Lord Balmerino begann in seiner
Rocktasche zu kramen. »Nichts Wichtiges, meine Liebe. Dies hier
habe ich von einem meiner Boten erhalten, der es wiederum von einem
Verwandten aus dem Süden hat. Ich dachte, es könnte Sie
amüsieren.«
Er reichte mir einen kleinen Stapel Flugblätter,
wie sie überall in den Schenken herumgereicht wurden oder an
Türpfosten und an Hecken in Städten und Dörfern flatterten.
»CHARLES EDWARD STUART, allgemein bekannt als
>Der junge Prätenaent‹« hieß es auf einem. »Hiermit sei
kundgetan, daß diese infame und gefährliche Person, die entgegen
Recht und Gesetz an der Küste Schottlands gelandet ist, das Volk
dieses Landes zur Rebellion aufgerufen und über die unschuldigen
Bürger die Geißel eines ungerechten Krieges gebracht hat.« So ging
es dann immer weiter, und das Flugblatt schloß mit der Ermahnung an
die unschuldigen Bürger, »alles nur mögliche zu tun, damit diese
Person der Gerichtsbarkeit übergeben werde, deren Urteilsspruch sie
mit Fug und Recht verdient«. Oben war das Flugblatt mit einem Bild
geschmückt, das wohl Charles darstellen sollte. Es besaß wenig
Ähnlichkeit mit dem wirklichen Charles, doch die dargestellte
Person sah in der Tat infam und höchst gefährlich aus, was ja wohl
Sinn und Zweck der Übung war.
»Dieses hier ist noch einigermaßen harmlos«, meinte
Balmerino und sah mir über die Schulter. »Die anderen aber sind
außerordentlich phantasievoll, dazu noch ausgesprochen perfide.
Dies hier zum Beispiel, das bin ich«, sagte er und deutete mit
sichtlichem Vergnügen auf ein Blatt.
Das Flugblatt zeigte einen hageren Hochlandschotten
mit dikkem Schnurrbart, buschigen Brauen und Augen, die wild unter
einer schottischen Mütze hervorblitzten. Ich sah Lord Balmerino
prüfend von der Seite an. Er trug, wie es seine Gewohnheit war,
eine Kniehose und einen Rock aus feinstem Tuch, doch dezent in
Farbe und Schnitt, um seine kleine rundliche Gestalt vorteilhaft
zur Geltung zu bringen. Er blickte auf das Flugblatt und rieb sich
dabei nachdenklich die vollen, glattrasierten Wangen.
»Ich weiß nicht«, sagte er. »Der Schnurrbart
verleiht mir einen äußerst romantischen Zug, nicht wahr? Trotzdem,
ein Bart juckt so teuflisch. Ich glaube nicht, daß ich jemals einen
tragen könnte, auch wenn er mir noch so gut zu Gesicht
stünde.«
Ich nahm das nächste Blatt zur Hand und hätte dabei
fast den ganzen Stapel fallen lassen.
»Bei der Wiedergabe Ihres Mannes haben sie sich
etwas mehr angestrengt«, bemerkte Lord Balmerino, »aber schließlich
sieht unser lieber Jamie ja auch ein bißchen so aus, wie sich der
gemeine Engländer einen Schurken aus dem Hochland vorstellt -
Verzeihung, meine Liebe, es war nicht böse gemeint. Er ist doch
wirklich groß, nicht wahr?«
»Ja«, sagte ich mit leiser Stimme und überflog den
Text.
»Sie haben bestimmt noch nicht gewußt, daß Ihr Mann
kleine Kinder auf dem Feuer röstet und verschlingt, stimmt’s?«
gluckste Lord Balmerino. »Ich hatte schon immer den Verdacht, daß
sein hoher Wuchs auf eine ganz besondere Ernährung zurückzuführen
ist.«
Die respektlosen Bemerkungen des kleinen Lord
munterten mich auf. Ich konnte beinahe selbst über die lächerlichen
Vorwürfe und Bilder schmunzeln, obwohl ich mich fragte, ob die
Leser diese Verleumdungen für bare Münze nahmen. Größtenteils wohl
schon, fürchtete ich. Häufig waren Menschen nicht nur bereit,
sondern sogar erpicht darauf, das Schlimmste zu glauben - und je
schlimmer das war, desto besser.
»Das unterste ist ganz besonders interessant für
Sie«, unterbrach Balmerino meine Gedanken und zeigte mir das letzte
Blatt.
»DIE HEXE DER STUARTS«, lautete die Überschrift.
Eine Frau mit langer Nase starrte mich aus winzigen Pupillen an,
darunter stand ein Text, in dem Charles Stuart beschuldigt wurde,
zur Unterstützung seiner ungerechten Sache die »Mächte der
Finsternis« angerufen zu haben. Wie es hieß, führte er in seinem
engsten Gefolge eine berüchtigte Hexe mit, die über Leben und Tod
der Menschen entschied, Ernten vernichtete, den Milchfluß von Kühen
versiegen ließ und Menschen mit Blindheit schlug. Damit liege auf
der Hand, daß Charles seine Seele dem Teufel verkauft habe und
dafür, so schloß der Text hämisch, müsse er »auf ewig in der Hölle
schmoren«.
»Ich nehme an, damit sind Sie gemeint«, sagte
Balmerino. »Ich
versichere Ihnen aber, daß das Bild keinerlei Ähnlichkeit mit
Ihnen hat.«
»Sehr amüsant«, erwiderte ich. Ich reichte ihm den
Stapel zurück und unterdrückte das Verlangen, mir die Hände an
meinem Rock abzuwischen. Eine leichte Übelkeit überkam mich, doch
ich bemühte mich, Balmerino anzulächeln. Er blickte mich forschend
an, dann drückte er beschwichtigend meinen Ellbogen.
»Beunruhigen Sie sich nicht, meine Liebe«, sagte
er. »Wenn Seine Majestät erst die Krone wiedererlangt hat, wird
dieser ganze Unsinn im Handumdrehen vergessen sein. In den Augen
des Volkes ist der Schuft von heute der Held von morgen, das habe
ich immer wieder erlebt.«
»Plus ça change, plus c’est la même chose«,
murmelte ich. Und wenn Seine Majestät König James die Krone nicht
zurückeroberte...
»Und falls durch ein unglückliches Geschick unsere
Bemühungen erfolglos sein sollten«, fuhr Balmerino fort und sprach
damit aus, was ich dachte, »wird der Inhalt dieser Flugblätter das
letzte sein, worüber wir uns den Kopf zerbrechen müssen.«
»En garde.«
Mit diesem Eröffnungssatz nahm Dougal die
klassische Fechtstellung ein. Er stand seinem Kontrahenten seitlich
gegenüber, den Arm, der das Schwert führte, leicht angewinkelt, den
anderen in einem anmutigen Bogen angehoben, die Hand offen zum
Zeichen, daß er nicht heimlich einen Dolch bei sich trug.
Jamies Schwert kreuzte Dougals, ein feines Klirren
war zu hören.
»Je suis prest.« Jamie fing meinen Blick
auf, und ich bemerkte den Schalk in seinen Augen. Die traditionelle
Antwort des Fechters im Duell war gleichzeitig das Motto seines
Clans: Je suis prest - »Ich bin bereit«.
Schritt, Ausfall mit dem Schwert, ein Gegenstoß,
bei dem die Klingen aneinander klirrten. Die beiden Schwerter
verharrten nur eine Sekunde lang in dieser Position, dann traten
die Fechtkämpfer einen Schritt zurück, schossen herum und gingen
erneut zum Angriff über.
Ein Klirren und ein Stoß, Terzparade und Ausfall,
und Jamie traf beinahe Dougals Hüfte und wich mit einem Sprung zur
Seite
aus, so daß sich sein grüner Kilt bauschte. Parade, ein Sprung zur
Seite, ein rascher Aufwärtsstoß, mit dem die gefährliche Klinge
abgewehrt wurde, dann griff Dougal wieder an und zwang Jamie einen
Schritt zurück.
Ich konnte Don Francisco beobachten, der mit
Charles, Sheridan, dem alten Tullibardine und einigen anderen auf
der gegenüberliegenden Seite des Hofes stand. Seine Lippen unter
dem schmalen gewachsten Schnurrbart hatten sich zu einem leichten
Lächeln verzogen, doch ich konnte nicht feststellen, ob es
Bewunderung für die Fechter war oder nur eine Variation seines
hochnäsigen Gesichtsausdruckes. Colum war nirgends zu sehen. Das
überraschte mich nicht; die Reise nach Edinburgh mußte ihn sehr
erschöpft haben.
Onkel und Neffe, beide begabte Fechter, beide
Linkshänder, lieferten eine überzeugende Probe ihres Könnens.
Besonders beeindruckend war, daß sie nach den strengen Regeln des
französischen Duells kämpften, jedoch weder das rapierähnliche
Florett noch den Soldatensäbel verwendeten, sondern das
Breitschwert des Hochlands mit einer flachen, einen Meter langen
Klinge, mit der man einem Menschen ohne weiteres den Kopf
abschlagen konnte. Sie handhabten die gewaltigen Waffen mit einer
Leichtigkeit und Eleganz, wie kleinere Männer es nicht zustande
gebracht hätten.
Charles murmelte Don Francisco etwas ins Ohr, und
der Spanier nickte, ohne seinen Blick von dem Schauspiel
abzuwenden. Jamie und sein Onkel waren sich als Gegner ebenbürtig
und erweckten durchaus den Eindruck, einander töten zu wollen.
Dougal hatte Jamie in der Kunst des Schwertkampfs unterrichtet, und
sie hatten schon viele Male Rücken an Rücken und Schulter an
Schulter gekämpft. Jeder kannte den Fechtstil des anderen so gut
wie seinen eigenen - das hoffte ich jedenfalls.
Dougal nutzte seinen Vorteil mit einem doppelten
Ausfall und zwang Jamie, bis an den Rand des Hofes zurückzuweichen.
Er sprang zur Seite und wehrte Dougals Schwert mit einem Hieb ab,
dann stieß er blitzschnell zu und streifte dabei mit der Klinge
Dougals rechten Ärmel. Der Stoff riß - und ein Fetzen weißen
Leinens flatterte im leichten Wind.
»Oh, hübsch pariert, Sir!« Ich wandte mich um, um
zu sehen, wer gesprochen hatte - es war Lord Kilmarnock, der hinter
mir stand, ein ernster, unscheinbarer Mann Anfang Dreißig. Er und
sein kleiner Sohn Johnny waren ebenfalls im Gästeflügel von
Holyrood untergebracht.
Der Sohn folgte seinem Vater meist auf den Fersen,
ich mußte also nicht lange nach ihm suchen. Er stand neben seinem
Vater und verfolgte mit offenem Mund den Schwertkampf. Da nahm ich
plötzlich eine Bewegung hinter einer Säule wahr: Fergus, dessen
schwarze Augen unverwandt auf Johnny gerichtet waren. Ich runzelte
die Stirn und warf ihm einen drohenden Blick zu.
Johnny, der sich seiner Stellung als Erbe von
Kilmarnock und mehr noch seines Privilegs, im Alter von zwölf
Jahren mit seinem Vater in den Krieg ziehen zu dürfen, überaus
bewußt war, spielte sich in Gesellschaft Gleichaltriger gerne auf.
Die meisten gingen Johnny deshalb entweder aus dem Weg oder
warteten auf den Augenblick, wo er aus dem schützenden Schatten
seines Vaters heraustreten würde.
Fergus zählte zweifellos zur zweiten Gruppe. Er
nahm Anstoß an Johnnys abschätziger Bemerkung über die »Gutsherren
mit Schottenmütze«, die er - ganz zu Recht - als Beleidigung Jamies
auffaßte. Vor ein paar Tagen hatte man Fergus mit Gewalt daran
gehindert, Johnny im Steingarten anzugreifen. Jamie hatte ihn
sogleich bestraft und ihm erklärt, Treue sei zwar eine
bewundernswerte Tugend, die er sehr zu schätzen wisse, Dummheit sei
jedoch unverzeihlich.
»Der Junge ist zwei Jahre älter und zwanzig Pfund
schwerer als du«, hatte er Fergus klarzumachen versucht und ihn
dabei sanft geschüttelt. »Glaubst du wirklich, du würdest mir
dadurch helfen, indem du dir den Schädel einschlagen läßt? Es gibt
Situationen, in denen man ohne Rücksicht auf Verluste kämpfen muß,
aber es gibt auch Momente, in denen man sich lieber auf die Zunge
beißen und den richtigen Zeitpunkt abwarten muß. Ne pétez plus
haut que votre cul, was?«
Fergus hatte genickt und sich mit seinem Hemdzipfel
die Tränen abgewischt. Aber ich hatte meine Zweifel, ob Jamies
Worte ihn nachhaltig beeindruckt hatten. Fergus’ kecker Blick
gefiel mir ganz und gar nicht. Und wenn Johnny etwas klüger gewesen
wäre, hätte er zwischen seinem Vater und mir Schutz gesucht.
Jamie ging leicht in die Knie, während er sein
Schwert mit einem mörderischen Schlag an Dougals Ohr vorbeisausen
ließ. Dougal MacKenzie zuckte erschrocken zurück, dann zeigte er
grinsend
seine weißen Zähne und hieb sein Schwert mit einem Dröhnen flach
auf Jamies Kopf.
Von der gegenüberliegenden Seite des Hofes hörte
ich zustimmendes Händeklatschen. Der Kampf artete allmählich aus;
aus dem eleganten französischen Duell wurde ein handfester
Hochlandkampf, und die Zuschauer genossen es sichtlich.
Lord Kilmarnock verzog verdrießlich das
Gesicht.
»Die Berater Seiner Hoheit werden herbeizitiert, um
den Spanier zu treffen«, bemerkte er sarkastisch. »O’Sullivan und
dieser alte Geck Tullibardine. Nimmt er den Rat von Lord Elcho an?
Von Balmerino, Lochiel oder von meiner Wenigkeit?«
Das war natürlich eine rhetorische Frage, und ich
begnügte mich mit einem mitfühlenden Murmeln, wandte meine Augen
aber nicht von den Fechtern ab. Das Waffengeklirr übertönte beinahe
Kilmarnocks Worte. Einmal in Fahrt gekommen, schien er seiner
Erbitterung nicht mehr Herr werden zu können.
»Nein, wirklich!« fuhr er fort. »O’Sullivan und
O’Brien und die anderen Iren, die riskieren doch gar nichts! Wenn
es zum Schlimmsten kommen sollte, können sie aufgrund ihrer
Staatsangehörigkeit verlangen, nicht vor Gericht gestellt zu
werden. Aber wir - wir, die wir unseren Besitz, unsere Ehre, ja
unser Leben aufs Spiel setzen, wir werden mißachtet und wie gemeine
Dragoner behandelt. Gestern habe ich Seiner Hoheit einen guten
Morgen gewünscht, doch er stürmte an mir vorbei, die Nase in der
Luft, als hätte ich gegen die Etikette verstoßen, indem ich das
Wort an ihn richtete!«
Kilmarnock war richtig wütend, und das mit gutem
Grund. Charles hatte die Lords zunächst hofiert und umschmeichelt,
damit sie ihm Männer und Geld für sein Abenteuer zur Verfügung
stellten. Später hatte er sie einfach links liegenlassen und sich
wieder seinen alten Vertrauten vom europäischen Festland zugewandt
- die Schottland als tiefste Wildnis und seine Bewohner kaum höher
als Barbaren einschätzten.
Da kam von Dougal ein Aufschrei der Überraschung,
und Jamie ließ ein wildes Gelächter hören. Dougals linker Ärmel
hing lose herab, sein Arm jedoch war unversehrt.
»Das werde ich dir heimzahlen, mein Kleiner«,
meinte Dougal grinsend. Schweiß rann ihm über das Gesicht.
»Ach ja, Onkel?« keuchte Jamie. »Wie denn?« Seine
Klinge
blitzte, und Dougals Felltasche flog, vom Gürtel abgetrennt, aufs
Pflaster.
Da nahm ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr
und drehte mich rasch um.
»Fergus!« rief ich.
Kilmarnock wandte den Kopf in dieselbe Richtung.
Fergus hielt einen langen Stock in der Hand, mit einer
Unschuldsmiene, die lächerlich gewirkt hätte, wenn der Stock nicht
so bedrohlich gewesen wäre.
»Sie können ganz beruhigt sein, meine liebe Mrs.
Fräser«, meinte Lord Kilmarnock. »Sie können sicher sein, daß mein
Sohn sich ehrenhaft verteidigen wird.« Nachsichtig lächelte er
seinen Sohn an, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder den
Fechtkämpfern zu. Auch ich drehte mich um, schielte aber mit einem
Auge immer wieder in Johnnys Richtung. Nicht, daß ich Fergus ein
Ehrgefühl abgesprochen hätte; ich hatte lediglich das Gefühl, daß
sein Begriff von Ehre ziemlich stark von Lord Kilmarnocks
Vorstellungen abwich.
»Gu leoir!« Mit diesem Ausruf Dougals war
der Kampf zu Ende. Die schweißgebadeten Fechtkämpfer verneigten
sich vor der applaudierenden Menge, dann schritten sie auf Don
Francisco zu, um ihm vorgestellt zu werden und die Glückwünsche
entgegenzuneilmen.
»Milord?« ertönte eine hohe Stimme hinter den
Säulen. »Bitte - le parabola!«
Jamie drehte sich um und runzelte die Stirn, dann
aber zuckte er die Achseln, lächelte und trat erneut in die Mitte
des Hofes. Le parabola war der Name, den Fergus diesem
besonderen Trick gegeben hatte.
Mit einer kurzen Verneigung vor Seiner Hoheit faßte
Jamie das Schwert vorsichtig an der Spitze der Klinge, beugte sich
etwas nach vorne und ließ es mit einem kräftigen Schwung in die
Luft schnellen. Aller Augen waren auf das glitzernde Schwert
gerichtet, das in hohem Bogen nach oben flog.
Der Trick bestand natürlich darin, das Schwert so
in die Luft zu schleudern, daß es sich beim Aufprall in die Erde
bohrte. Jamies besonderer Clou bestand darin, daß er direkt unter
dem absteigenden Bogen stand, den das Schwert beschrieb, und erst
im letzten Augenblick zur Seite sprang.
Als das Schwert mit der Spitze auftraf, ertönte ein
bewunderndes
»Ah!« aus der Menge. Erst als sich Jamie bückte, um das Schwert
aus dem Gras zu ziehen, bemerkte ich, daß zwei der Zuschauer
fehlten.
Der eine von ihnen, der zwölfjährige Erbe von
Kilmarnock, lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Rasen; die
anschwellende Beule unter seinem glatten braunen Haar war deutlich
zu erkennen. Sein Widersacher war nirgends zu sehen, doch hinter
mir vernahm ich ein Flüstern.
»Ne pétez plus haut que votre cul«, hörte
ich ihn mit Genugtuung sagen. Furze nie oberhalb deines
Arschloches.
Für November war es viel zu warm. Die Wolken
hatten sich verzogen und ließen die Herbstsonne für kurze Zeit auf
das graue Edinburgh scheinen. Mich hatte die Wärme nach draußen
gelockt, und ich kroch auf Knien durch den Steingarten hinter
Holyrood - sehr zur Belustigung der Hochlandschotten, die die Sonne
auf ihre Weise genossen und selbstgebrannten Whisky in einem Krug
herumreichten.
»Jagen Sie burras, Mistress?« rief einer der
Männer.
»Nein, Raupen doch nicht, Feen sucht sie«, scherzte
ein anderer.
»Feen finden Sie wohl eher in Ihrem Krug als ich
unter den Steinen!« rief ich zurück.
Der Mann hielt den Krug hoch, kniff ein Auge zu und
linste hinein.
»Aye, na gut, solange keine Raupe drin ist«, gab er
zurück und nahm einen herzhaften Schluck.
Das, wonach ich suchte, wäre ihnen ebenso komisch
vorgekommen wie Raupen. Ich drehte einen Stein um, so daß die
orangebraunen Flechten zu sehen waren, die sich auf seiner
Unterseite gebildet hatten. Ich kratzte mit meinem Taschenmesser
daran, und Flocken dieser seltsamen Schmarotzerpflanze fielen in
meine Handfläche. Behutsam legte ich sie in die billige
Schnupftabakdose, in der ich meine wertvollen Schätze
aufbewahrte.
Die verhältnismäßig weltoffene Atmosphäre
Edinburghs färbte auch auf die Hochlandschotten ab. In den
abgelegenen Bergdörfern hätte man mich mit unverhohlenem Argwohn
betrachtet, wenn nicht sogar mit offener Feindseligkeit. Hier
hingegen erschien mein Verhalten lediglich als harmlose
Schrulligkeit. Die Hochlandschotten behandelten mich mit großem
Respekt, in dem erfreulicherweise keine Angst lag.
Auch daß ich Engländerin war, hatte man mir
verziehen, seit es sich herumgesprochen hatte, mit wem ich
verheiratet war. Ich würde wohl nie mehr über Jamies Heldentaten in
der Schlacht von Prestonpans erfahren als das, was er mir selbst
erzählt hatte. Aber was es auch war, es hatte die Schotten mächtig
beeindruckt, und der »rote Jamie« wurde mit Jubel und Freude
begrüßt, wo immer er auftauchte.
Ein solcher Jubelruf weckte meine Aufmerksamkeit.
Ich blickte auf und sah den roten Jamie höchstpersönlich, der über
die Wiese ging und den Männern geistesabwesend zuwinkte, während
sein Blick suchend über die Felsen hinter dem Palast glitt.
Seine Augen leuchteten auf, als er mich sah, und er
kam über die Wiese auf mich zu.
»Da bist du ja«, sagte er. »Hast du einen
Augenblick Zeit? Nimm deinen Korb mit, wenn du willst.«
Ich erhob mich, klopfte mir das vertrocknete Gras
vom Rock und legte mein Messer in den Korb.
»Gut. Wohin gehen wir?«
»Colum hat nach uns geschickt. Er möchte mit uns
sprechen, mit uns beiden.«
»Und wo?« fragte ich und beschleunigte meinen
Schritt, um mithalten zu können.
»In der Kirche am Canongate.«
Das war interessant. Offenbar lag Colum daran, daß
die private Unterredung mit uns in Holyrood nicht bekannt
wurde.
Auch Jamie war es lieber, wenn niemand davon
erfuhr; deshalb der Korb. Wir gingen Arm in Arm durch das Tor, und
mein Korb bot einen ausreichenden Vorwand dafür, die Royal Mile,
die königliche Meile zwischen Burg und Palast, hinaufzugehen: sei
es, um Einkäufe zu machen, sei es, um die Männer und ihre Familien,
die in den engen Gassen untergebracht waren, mit Arzneien zu
versorgen.
Die Hauptstraße von Edinburgh führte steil nach
oben. Holyrood befand sich unten, am Fuße des Hügels, daneben die
verfallene Abtei. Die mächtige Burg von Edinburgh ragte oben auf
dem felsigen Hügel empor. Zwischen den beiden Schlössern befand
sich die Royal Mile. Während ich atemlos und mit rotem Kopf neben
Jamie herging, fragte ich mich, wie zum Teufel Colum MacKenzie den
guten halben Kilometer Aufstieg zwischen dem Palast und der Kirche
bewältigt hatte.
Colum saß im Kirchhof auf einer Steinbank, und die
Nachmittagssonne wärmte ihm den Rücken. Sein Stock lag neben ihm,
und die kurzen, verkrüppelten Beine baumelten einige Zentimeter
über dem Boden. Mit seinen hochgezogenen Schultern und dem
nachdenklich geneigten Kopf sah er aus der Ferne wie ein Zwerg aus
- ein Bewohner dieses von Menschenhand geschaffenen steinernen
Gartens. Die Grabsteine standen schief und waren mit Flechten
überwachsen. An einer verwitterten Gruft entdeckte ich ein
besonders schönes Exemplar, verzichtete aber drauf, es
abzulösen.
Das weiche Gras dämpfte unsere Schritte, aber Colum
hob den Kopf, als wir noch ein ganzes Stück weit von ihm entfernt
waren. Seine fünf Sinne hatte er noch beisammen.
Als wir näher kamen, bewegte sich auch die
schattenhafte Gestalt unter einer Linde; Angus Mhor war nicht
weniger aufmerksam als sein Herr. Als er sich vergewissert hatte,
daß wir es waren, nahm der Hüne seine stille Wacht wieder
auf.
Colum nickte zum Gruß und forderte uns mit einer
Handbewegung auf, Platz zu nehmen. Aus nächster Nähe verlor sich -
trotz seines verkrüppelten Körpers - der Eindruck des
Zwergenhaften.
Jamie suchte mir einen Platz auf einem Stein, ehe
er sich neben Colum setzte. Trotz meiner dicken Röcke war der
Marmor überraschend kalt. Ich rutschte unbehaglich hin und her -
und betrachtete mit gemischten Gefühlen den Totenschädel auf dem
Grabstein über mir. Als ich die Inschrift sah, mußte ich lächeln:
Jamie sah mich stirnrunzelnd an, dann wandte er sich wieder an
Colum. »Du wolltest mit uns sprechen, Onkel?«
Hier ruht Martin Elginbrod,
Erbarm dich meiner Seel’, lieber Gott,
Wie ich es täte, war’ ich Gott
und du wärst Martin Elginbrod.
Erbarm dich meiner Seel’, lieber Gott,
Wie ich es täte, war’ ich Gott
und du wärst Martin Elginbrod.
»Ich möchte dich etwas fragen, Jamie Fraser«,
erwiderte Colum ohne Umschweife. »Betrachtest du mich als deinen
Verwandten?«
Jamie schwieg und sah seinem Onkel aufmerksam in
die Augen. Dann verzog er seine Lippen zu einem schwachen
Lächeln.
»Du hast die Augen meiner Mutter«, sagte er.
»Sollte ich das abstreiten?«
Auf Colums Gesicht zeigte sich ein Ausdruck der
Überraschung.
Seine Augen waren hell, von einem sanften Taubengrau, seine
Wimpern waren dicht und tiefschwarz. So schön seine Augen waren,
sie konnten kalt wie Stahl blitzen, und ich fragte mich nicht zum
erstenmal, wie Jamies Mutter wohl gewesen war.
»Erinnerst du dich an deine Mutter? Du warst noch
recht klein, als sie starb.«
Jamie verzog den Mund, doch er antwortete ruhig:
»Alt genug. Außerdem befand sich in meinem Elternhaus ein Spiegel.
Man sagt, ich sehe ihr ein bißchen ähnlich.«
Colum lachte kurz auf. »Mehr als nur ein bißchen.«
Er warf einen forschenden Blick auf Jamie. »Aye, mein Junge; du
bist Ellens Sohn, zweifellos. Schon allein das Haar und der Mund.«
Colum verzog den eigenen Mund, als ob er sich nur widerstrebend
erinnerte. »›So groß wie der Schnabel einer Nachtschwalbe<,
neckte ich sie immer. >Du könntest Insekten fangen wie eine
Kröte<, sagte ich zu ihr, >wenn du eine klebrige Zunge
hättest.‹«
Jamie lachte überrascht.
»Das hat mir Willie einmal erzählt«, sagte er, dann
schwieg er. Er sprach selten von seinem älteren Bruder, und Colum
gegenüber hatte er Willie wohl noch nie erwähnt.
Falls Colum die Bemerkung gehört hatte, ließ er es
sich nicht anmerken.
»Ich habe ihr geschrieben, damals«, sagte er und
blickte geistesabwesend auf einen umgestürzten Grabstein. »Als dein
Bruder und das Baby an Pocken gestorben sind. Mein erster Brief an
sie, nachdem sie Leoch verlassen hatte.«
»Du meinst, nach ihrer Heirat.«
Colum nickte bedächtig, den Blick immer noch
abgewandt.
»Aye. Sie war älter als ich, weißt du, zwei Jahre
älter; der gleiche Abstand wie zwischen dir und deiner Schwester.«
Er sah Jamie an.
»Ich habe deine Schwester nie kennengelernt. Habt
ihr euch gern?«
Jamie schwieg, nickte aber leicht und betrachtete
dabei seinen Onkel, als suchte er in dessen müdem Gesicht die
Lösung für ein Rätsel.
Auch Colum nickte. »Zwischen Ellen und mir war es
so. Ich war ein kränkliches Kind, und sie kümmerte sich oft um
mich. Ich sehe sie noch genau vor mir, wie die Sonne auf ihr Haar
scheint, und sie mir Geschichten erzählt, während ich im Bett
liege. Auch später, als
meine Beine mich nicht mehr trugen, durchstreifte sie ganz Leoch
und kam jeden Morgen und Abend in mein Zimmer, um mir zu erzählen,
was sie gesehen und gehört hatte. Wir unterhielten uns über die
Pächter und die Clanangehörigen und was zu tun sei. Dann heiratete
ich, aber Letitia hatte keinen Sinn für diese Dinge.« Er machte
eine wegwerfende Handbewegung.
»Wir unterhielten uns - manchmal mit Dougal,
manchmal ohne ihn - über die Geschicke des Clans; wie unter den
Stämmen Frieden bewahrt, welche Bündnisse mit anderen Clans
geschlossen, wie die Äcker und Wälder bestellt werden sollten...
Und dann ging sie.« Er schwieg und blickte auf seine derben Hände.
»Ohne um Erlaubnis zu fragen und ohne ein Wort des Abschieds. Sie
war einfach nicht mehr da. Ich hörte hin und wieder etwas von ihr -
durch andere, aber sie selbst gab nie ein Lebenszeichen.«
»Hat sie denn deinen Brief nicht beantwortet?«
fragte ich behutsam. Er schüttelte den Kopf.
»Sie war krank. Sie hatte ein Kind verloren, und
sie hatte die Pocken. Vielleicht wollte sie später schreiben; so
etwas schiebt man gerne etwas auf.« Er lächelte flüchtig, dann
verdüsterte sich sein Blick. »Zwölf Monate später, an Weihnachten,
war sie tot.«
Jamie hielt seinem Blick stand.
»Es erstaunte mich nicht wenig, als mir dein Vater
schrieb, er wolle dich zu Dougal schicken und auch zu mir nach
Leoch.«
»Es wurde so abgemacht, als sie heirateten«,
erwiderte Jamie. »Ich sollte bei Dougal erzogen werden und dann
eine Zeitlang auch zu dir kommen.« Die Zweige einer Lärche
rauschten im Wind, und Jamie und Colum zogen fröstelnd die
Schultern hoch. Die Bewegung betonte ihre Ähnlichkeit.
Colum sah, daß ich lächelte, und zog seinerseits
einen Mundwinkel hoch.
»Oh, aye«, sagte er zu Jamie. »Doch Abmachungen
sind nur so viel wert wie diejenigen, die sie treffen. Und ich
kannte deinen Vater damals noch nicht.«
Er hielt inne und schwieg. Die Stille des Kirchhofs
legte sich wie ein Schleier zwischen sie.
Schließlich brach Jamie das Schweigen.
»Was hast du von meinem Vater gehalten?« fragte er,
und in seiner Stimme lag die Neugier eines Kindes, das seine Eltern
früh verloren hat und jetzt nach Anhaltspunkten sucht, um sich ein
Urteil zu bilden, das über die beschränkte kindliche Perspektive
hinausgeht. Ich verstand ihn gut; das wenige, was ich von meinen
eigenen Eltern wußte, hatte ich mir aus Onkel Lambs knappen und
wenig befriedigenden Auskünften zusammengereimt - Onkel Lamb hatte
keine Ader für tiefgründige Charakteranalysen gehabt.
Colum war da anders.
»Wie er war, meinst du?« Er betrachtete seinen
Neffen eindringlich, dann schmunzelte er.
»Schau in den Spiegel, mein Junge«, sagte er, »du
blickst in das Gesicht deiner Mutter, doch daraus sieht dich dein
Vater mit den verdammten Katzenaugen der Frasers an.« Er streckte
seine Gliedmaßen und rutschte auf der Steinbank hin und her. Seine
Lippen waren fest aufeinandergepreßt, damit ihm keine Klage über
sein körperliches Unbehagen entschlüpfte. Jetzt sah ich, wie er zu
den tiefen Falten zwischen Nase und Mund gekommen war.
»Um deine Frage zu beantworten«, fuhr er fort,
nachdem er sich in eine bequemere Position gebracht hatte. »Ich
mochte ihn nicht übermäßig - er mich übrigens auch nicht -, aber
auf den ersten Blick erkannte ich, daß er ein Ehrenmann war.« Er
machte eine Pause, dann fuhr er ruhig fort: »Das gleiche gilt für
dich, Jamie MacKenzie Fraser.«
Jamie zeigte keine Regung, doch seine Augenlider
flatterten kaum merklich. Nur jemand, der ihn so gut kannte wie ich
- oder ein so guter Beobachter wie Colum -, konnte dies
wahrnehmen.
Colum stieß einen tiefen Seufzer aus.
»Also, mein Junge, deshalb wollte ich mit dir
sprechen. Ich muß entscheiden, ob die MacKenzies von Leoch sich auf
die Seite von König James oder auf die Seite von König George
stellen sollen.« Er lächelte verdrießlich. »Es ist eine Wahl
zwischen zwei gleich großen Übeln, aber ich muß eine Entscheidung
treffen.«
»Dougal...«, begann Jamie, aber sein Onkel brachte
ihn mit einer energischen Handbewegung zum Schweigen.
»Aye, ich weiß, was Dougal denkt - seit zwei Jahren
peinigt er mich damit«, sagte er ungeduldig. »Aber ich bin der
MacKenzie von Leoch, und ich werde die Entscheidung fällen. Dougal
wird sich meinem Entschluß beugen. Ich möchte wissen, was du mir
raten würdest - um des Clans willen, dessen Blut in deinen Adern
fließt.«
Jamie blickte auf, ohne eine Regung zu zeigen; vor
der nachmittäglichen
Sonne, die ihm ins Gesicht schien, kniff er seine dunkelblauen
Augen zu.
»Ich bin hier und mit mir meine Männer«, sagte er.
»Meine Wahl ist wohl eindeutig.«
Colum rutschte erneut hin und her. Er sah seinen
Neffen forschend an, als suchte er in den feinsten Regungen von
Stimme und Gesichtsausdruck Aufschluß über dessen Gedanken.
»Tatsächlich?« fragte er. »Man geht aus den
verschiedensten Gründen Bündnisse ein, Junge, und nur in den
wenigsten Fällen bekennt man sich nach außen zu ihnen. Ich habe mit
Lochiel gesprochen, mit Clanranald, mit Angus und Alex MacDonald
von Scotus. Glaubst du wirklich, sie sind nur hier, weil sie der
Überzeugung sind, James Stuart sei der rechtmäßige König? Jetzt
will ich mit dir sprechen - und die Wahrheit hören, um der Ehre
deines Vaters willen.«
Als Colum sah, daß Jamie unschlüssig war, fuhr er
fort, ohne seinen Neffen aus den Augen zu lassen.
»Ich frage nicht um meiner selbst willen; wer Augen
im Kopf hat, kann sehen, daß mich das alles nicht mehr lange
belasten wird. Es geht mir um Hamish - deinen Cousin. Wenn es
später noch einen Clan geben soll, den er anführen kann, dann muß
ich jetzt die richtige Entscheidung treffen.«
Er hielt inne und saß regungslos da. Die Vorsicht,
die ihn für gewöhnlich auszeichnete, war aus seinen Zügen gewichen,
seine grauen Augen blickten offen und erwartungsvoll.
Auch Jamie saß unbeweglich da, starr wie der
Marmorengel auf dem Grab hinter ihm. Ich wußte um den Zwiespalt,
der ihn quälte, obwohl sich auf seinem strengen Gesicht nichts
davon spiegelte. In demselben Zwiespalt hatten wir uns befunden,
als wir entscheiden mußten, ob wir mit den Männern von Lallybroch
in den Kampf ziehen sollten. Charles’ Aufstand stand auf des
Messers Schneide; wenn sich ihm ein weiterer großer Clan wie der
der MacKenzies von Leoch anschloß, könnte dies auch andere
ermutigen, dem ungestümen jungen Prätendenten zu Hilfe zu eilen -
und damit den Erfolg bringen. Falls das Unternehmen aber dennoch
scheiterte, war dies das Ende der MacKenzies von Leoch.
Jamie hob bedächtig den Kopf und sah mich an.
Auch du hast dabei ein Wörtchen mitzureden, schien sein
Blick zu sagen. Was soll ich tun?
Auch Colums Blick ruhte auf mir, ich spürte mehr,
als daß ich sah, wie er fragend die dicken Augenbrauen hob. Doch in
Gedanken sah ich Hamish vor mir, einen rothaarigen zehnjährigen
Jungen, der Jamie so ähnlich sah, als wäre er sein Sohn und nicht
sein Cousin. Und ich dachte nach, was die Entscheidung für ihn und
seinen Clan bedeutete, falls die MacKenzies von Leoch mit Charles
in Culloden untergingen. Die Männer von Lallybroch hatten Jamie,
der sie vor dem letzten Gemetzel bewahren würde, falls es soweit
kommen sollte. Die Männer von Leoch hatten niemanden. Und dennoch,
es war nicht an mir, die Entscheidung zu treffen. Ich zuckte die
Schultern und senkte den Kopf. Jamie holte tief Luft; er hatte sich
entschieden.
»Geh zurück nach Leoch, Onkel«, sagte er. »Und
bleibe dort mit deinen Männern.« Colum blieb lange Zeit reglos
sitzen und sah mich an. Dann verzog er seinen Mund - aber es wurde
nicht ganz ein Lächeln.
»Ich hätte Ned Gowan beinahe daran gehindert, dich
vor dem Scheiterhaufen zu retten«, sagte er zu mir. »Ich bin froh,
daß ich es nicht getan habe.«
»Danke«, gab ich zurück.
Er seufzte und rieb sich den Nacken mit seiner
schwieligen Hand, als trüge er schwer an der Last der
Clanführung.
»Gut. Ich werde morgen früh mit Seiner Hoheit
sprechen und ihm meine Entscheidung mitteilen.« Er ließ die Hand
sinken. »Ich danke dir, Jamie, für deinen Rat.« Und nach kurzem
Zögern fügte er hinzu: »Gott sei mit dir.«
Jamie legte seine Hand auf die Colums. Er lächelte
breit und freundlich und sagte: »Mit dir auch, mo
caraidh.«
Auf der Royal Mile herrschte geschäftiges Treiben,
überall drängten sich Menschen, die die nachmittäglichen
Sonnenstrahlen ausnutzen wollten. Schweigend gingen wir durch die
Menge, meine Hand hatte ich unter Jamies Ellbogen geschoben. Auf
einmal schüttelte er den Kopf und murmelte etwas auf gälisch.
»Du hast dich richtig entschieden«, sagte ich zu
ihm. »Ich hätte es ebenso gemacht. Was auch geschieht, wenigstens
die MacKenzies werden in Sicherheit sein.«
»Aye, vielleicht.« Er grüßte einen Offizier, der
sich durch die Menge drängte. »Aber was ist mit den anderen - den
MacDonalds
und den Mac Gillivrays und all jenen, die gekommen sind? Bedeutet
das jetzt ihr Ende? Hätte es sich vermeiden lassen, wenn ich gewagt
hätte, Colum zu sagen, er solle sich ihnen anschließen?« Er
schüttelte traurig den Kopf. »Das weiß niemand, oder,
Sassenach?«
»Nein«, erwiderte ich leise und drückte seinen Arm.
»Man weiß es nicht. Und man weiß es wiederum nur allzu genau. Aber
wir können daran nichts ändern, nicht wahr?«
Er lächelte mich zaghaft an und preßte meine Hand
an seinen Körper.
»Nein, Sassenach. Wohl nicht. Und jetzt ist es
geschehen und kann nicht mehr rückgängig gemacht werden; es hat
keinen Sinn, sich Sorgen zu machen. Die MacKenzies werden von
alldem verschont bleiben.«
Die Wache am Tor von Holyrood war ein MacDonald.
Einer von Glengarrys Leuten. Er erkannte Jamie gleich und ließ uns
mit einem Kopfnicken passieren, ohne sich bei seiner Beschäftigung
- beim Läusesuchen - weiter stören zu lassen.
Jamie sagte etwas auf gälisch und lächelte. Der
Mann lachte, zupfte etwas von seinem Hemd und schnippte es Jamie
zu, der so tat, als finge er es auf. Dann beäugte er seinen
angeblichen Fang mit kritischem Blick und steckte ihn - mit einem
Augenzwinkern zu mir - in den Mund.
»Wie geht es Ihrem Sohn, Lord Kilmarnock?« fragte
ich höflich, während wir in der großen Galerie von Holyrood das
Tanzbein schwangen. Mir lag die Sache nicht besonders am Herzen,
aber da es unvermeidlich schien, das Thema anzuschneiden, war es
vielleicht besser, es an einem Ort zu tun, wo man sich mit
feindseligen Bemerkungen zurückhalten mußte.
Die Galerie war dafür genau der richtige Ort. In
dem langgestreckten Saal mit der hohen Decke, den beiden großen
Kaminen und den hohen Fenstern hatten seit Charles’ triumphalem
Einzug in Edinburgh im September schon viele Bälle und Feste
stattgefunden. An jenem Abend versammelten sich hier die
Honoratioren von Edinburgh, die nun, wo ihm der Sieg sicher schien,
ihrem Prinzen die Ehre erweisen wollten. Don Francisco, der
Ehrengast, stand mit Charles am anderen Ende des Festsaals; er war
nach der deprimierenden spanischen Hofmode gekleidet, mit
sackartiger Hose, einem formlosen Rock und einer kleinen
Halskrause, die bei den jüngeren
und stilbewußteren Gästen insgeheim für beträchtliche Belustigung
sorgte.
»Oh, ganz gut, Mistress Fräser«, erwiderte
Kilmarnock gelassen. »Ein Schlag auf den Schädel ist für einen
Jungen in seinem Alter keine allzu große Tragödie. Sein Stolz wird
wohl etwas länger brauchen, um sich zu erholen«, fügte er hinzu und
verzog den breiten Mund zu einem Grinsen.
Ich lächelte ihn erleichtert an.
»Sie sind also nicht böse?«
Er schüttelte den Kopf und sah auf seine Füße, um
sich zu vergewissern, daß er nicht auf meinen langen Rock
trat.
»Ich habe mich bemüht, John alles beizubringen, was
er als Erbe von Kilmarnock braucht. Scheinbar bin ich bei dem
Versuch, ihn Demut und Bescheidenheit zu lehren, kläglich
gescheitert. Vielleicht hat Ihr kleiner Page mehr Erfolg.«
»Vermutlich haben Sie ihn nie draußen verdroschen«,
meinte ich gedankenlos.
»Wie bitte?«
»Nichts«, sagte ich errötend. »Ist das Lochiel? Ich
dachte, er sei krank.«
Das Tanzen brachte mich ganz schön außer Atem, und
da Lord Kilmarnock keine große Lust zu haben schien, sich zu
unterhalten, hatte ich Zeit, mich umzusehen. Charles tanzte nicht;
obwohl er ein guter Tänzer war und die jungen Damen von Edinburgh
um seine Aufmerksamkeit wetteiferten, ging er an diesem Abend
vollkommen darin auf, seinen Ehrengast zu unterhalten.
Wir kreuzten Jamies Pfad, der den Tanz mit einer
der Damen Williams absolvierte. Es gab drei von ihnen, die beinahe
nicht zu unterscheiden waren - allesamt jung, dunkelhaarig,
wohlgestaltet und alle so »schrecklich interessiert, Mr. Fraser, an
dieser edlen Sache«. Mich ermüdeten sie, aber Jamie, eine Seele von
Mensch, tanzte mit allen dreien und beantwortete geduldig immer
wieder die gleichen dummen Fragen.
»Na ja, es ist für die armen Dinger eine
Gelegenheit, einmal herauszukommen«, erklärte er nachsichtig. »Ihr
Vater ist ein reicher Kaufmann, und deshalb möchte sich Seine
Hoheit die Sympathie der Familie erhalten.«
Die Miß Williams, mit der er gerade tanzte, sah
völlig berückt aus, und ich fragte mich finster, wie sehr er sie
ermutigte. Dann
wurde meine Aufmerksamkeit von Lord Balmerino abgelenkt, der mit
Lord George Murrays Frau an uns vorbeitanzte. Ich sah, wie die
Murrays liebevolle Blicke tauschten, als sie - er mit einer anderen
Miß Williams - aneinander vorbeikamen, und schämte mich meiner
Eifersucht.
Es überraschte niemanden, daß Colum nicht am Ball
teilnahm. Ober wohl schon Gelegenheit gehabt hatte, mit Charles zu
sprechen? Aber es sah nicht so aus. Charles war viel zu fröhlich -
gewiß hatte er die schlechte Nachricht noch nicht erhalten.
Auf einer Seite der Galerie entdeckte ich zwei
kräftige Gestalten, denen man ansah, daß sie sich in den unbequemen
Festgewändern gar nicht wohl fühlten. Es waren John Simpson, der
Zunftmeister der Waffenschmiede von Glasgow, und sein Sohn, John
Simpson der Jüngere. Die beiden waren Anfang der Woche
eingetroffen, um Seiner Hoheit eines der prächtigen Breitschwerter
zu überreichen, für deren Herstellung sie in ganz Schottland
berühmt waren. Zweifellos waren die beiden Handwerker eingeladen
worden, um Don Francisco zu demonstrieren, welch breite
Unterstützung die Stuarts genossen.
Die beiden Männer hatten dichtes, dunkles Haar und
Bärte, die schon angegraut waren - der des älteren Simpson war fast
ganz weiß, der des jüngeren erst an Schläfen und Backenbart. Eben
stieß der alte Schwertmacher seinen Sohn in die Seite und nickte
bedeutsam in Richtung einer der Kaufmannstöchter, die neben ihrem
Vater am Rand der Tanzfläche stand.
Der junge Simpson sah seinen Vater skeptisch an,
doch dann zuckte er die Achseln, schritt auf die dritte Miß
Williams zu und bot ihr mit einer Verbeugung seinen Arm.
Fasziniert und belustigt beobachtete ich, wie die
beiden munter fürbaß schritten, denn Jamie, der die Simpsons
bereits kannte, hatte mir gesagt, der junge Simpson sei fast
taub.
»Wohl vom Hämmern an der Esse«, hatte er gesagt und
mir stolz das wunderschöne Schwert gezeigt, das er bei den
Handwerkern erstanden hatte. »Stocktaub. Der Vater führt die
Verhandlungen, aber der Junge sieht alles.«
Die scharfen dunklen Augen des jungen Simpson
flogen flink über die Tanzfläche, um den Abstand von einem zum
nächsten Paar abzuschätzen. Der Waffenschmied tanzte etwas
schwerfällig, doch er blieb genau im Rhythmus - mindestens so gut
wie ich. Mit
geschlossenen Augen spürte ich, wie die Musik den Holzboden
vibrieren ließ - vermutlich orientierte er sich daran. Als ich die
Augen wieder öffnete, sah ich, wie der junge Simpson bei einem
kreischenden Mißklang der Geigen zusammenzuckte. Vielleicht hörte
er doch etwas?
Der Fortgang des Tanzes brachte Kilmarnock und mich
in die Nähe von Charles und Don Francisco, die an dem riesigen, mit
Fliesen verzierten offenen Kamin standen und sich die Rockschöße
wärmten. Zu meiner Verblüffung warf mir Charles über Don Franciscos
Schultern hinweg einen finsteren Blick zu und machte eine
abweisende Geste. Als Lord Kilmarnock dies sah, lachte er kurz
auf.
»Seine Hoheit fürchtet wohl, Sie dem Spanier
vorstellen zu müssen!« bemerkte er.
»Wirklich?« Ich blickte noch einmal zu Charles, der
inzwischen mit seiner Unterhaltung fortfuhr und seine Rede mit
ausdrucksvollen italienischen Gesten untermalte.
»Vermutlich.« Lord Kilmarnock war ein guter Tänzer,
und ich begann mich langsam zu entspannen, so daß ich plaudern
konnte, ohne mir insgeheim Sorgen machen zu müssen, ob ich nicht
über meine Röcke stolperte.
»Haben Sie die dumme Flugschrift gesehen, die
Balmerino überall herumzeigt?« fragte er, und als ich nickte, fuhr
er fort: »Ich denke, daß Seine Hoheit sie auch gesehen hat. Und die
Spanier sind abergläubisch genug, um für einen solchen Unsinn
empfänglich zu sein. Ein Mensch von Verstand und Bildung kann so
etwas nicht ernst nehmen«, versicherte er mir, »aber ohne Zweifel
geht Seine Hoheit auf Nummer Sicher. Spanisches Gold ist schon ein
Opfer wert.« Womit auch die Preisgabe des eigenen Stolzes gemeint
war: Charles behandelte die schottischen Grafen und Clanoberhäupter
wie Bettler. Wenigstens hatte er sie an diesem Abend zum Fest
eingeladen - zweifellos, um Don Francisco zu beeindrucken.
»Haben Sie die Bilder bemerkt?« fragte ich, um das
Thema zu wechseln. Über hundert Gemälde zierten die Wände der
großen Galerie, alles Porträts von Königen und Königinnen. Und in
einem Punkt sahen sich alle verblüffend ähnlich.
»Oh, die Nase?« sagte er, und ein amüsiertes
Lächeln trat an die Stelle der grimmigen Miene, die er beim Anblick
von Charles und dem Spanier aufgesetzt hatte. »Ja, natürlich.
Kennen Sie die Geschichte, die dahintersteckt?«
Die Porträts, so schien es, waren alle das Werk
eines einzigen Malers, eines gewissen Jakob DeWitt, den Charles II.
bei seiner Wiedereinsetzung beauftragt hatte, all seine Vorfahren
zu porträtieren.
»Um zu demonstrieren, wie weit er seinen Stammbaum
rückverfolgen kann und um seinen Thronanspruch zu untermauern«,
erklärte Kilmarnock und schnitt eine Grimasse. »Ob König James es
ihm gleichtut, wenn er den Thron erlangt?«
Jedenfalls, so fuhr er fort, hatte DeWitt sich wohl
mit Feuereifer in die Arbeit gestürzt und alle zwei Wochen ein
Porträt vollendet. Die Schwierigkeit bestand natürlich darin, daß
DeWitt keine Ahnung hatte, wie Charles’ Vorfahren ausgesehen
hatten. Er holte alle möglichen Leute als Modell in sein Atelier,
stattete aber jedes Porträt mit der gleichen langen Nase aus, um
eine familiäre Ähnlichkeit vorzutäuschen.
»Dies hier ist König Charles selbst«, sagte
Kilmarnock und wies mit dem Kopf auf ein Ganzporträt, prächtig mit
rotem Samt und Federhut. Er warf einen kritischen Blick auf den
anderen Charles, dessen gerötetes Gesicht darauf schließen ließ,
daß er dem Wein ebenso freudig zusprach wie sein Gast.
»Jedenfalls hat er eine bessere Nase«, murmelte der
Graf vor sich hin. »Seine Mutter war Polin.«
Es war bereits spät geworden, die Kerzen in den
silbernen Kandelabern fingen an zu flackern und drohten zu
verlöschen, noch ehe die feine Gesellschaft von Wein und Tanz genug
hatte. Don Francisco, der wohl doch weniger vertrug als Charles,
ließ den Kopf in seine Halskrause sinken.
Jamie hatte die letzte Miß Williams mit einem
Ausdruck sichtlicher Erleichterung zu ihrem Vater geleitet, der im
Aufbruch begriffen war, und gesellte sich nun zu mir. Er setzte
sich neben mich und fuhr sich mit einem großen weißen Taschentuch
über das erhitzte Gesicht. Dann streckte er die Hand nach dem
Tischchen aus, auf dem ein Tablett mit Kuchen stand.
»Ich bin am Verhungern«, erklärte er. »Das Tanzen
macht furchtbar Appetit, und dann das ständige Geplapper.« Er schob
sich ein riesiges Kuchenstück in den Mund und streckte, noch
während er kaute, die Hand nach dem nächsten aus.
Prinz Charles beugte sich über seinen Ehrengast,
der dasaß und sich nicht mehr rührte, und rüttelte ihn an der
Schulter, was wenig
nutzte. Der Kopf des spanischen Gesandten war nach hinten
gefallen, und sein Mund unter dem schlaffen Schnurrbart stand
offen. Seine Hoheit, selbst etwas wackelig auf den Beinen, blickte
sich hilfesuchend um, aber Sheridan und Tullibardine, beide schon
ältere Herren, waren eingeschlafen - sie lehnten aneinander wie
zwei alte Saufbrüder im Sonntagsstaat.
»Vielleicht solltest du Seiner Hoheit zur Hand
gehen?« schlug ich vor.
»Mmmpf.«
Resigniert schluckte Jamie seinen Kuchen hinunter,
doch noch bevor er aufstand, sah ich, wie der junge Simpson, der
die Lage mit einem Blick erfaßt hatte, seinen Vater in die Rippen
stieß.
Der trat vor und verbeugte sich vor Prinz Charles,
und noch ehe der benebelte Prinz reagieren konnte, hatten die
beiden Waffenschmiede den spanischen Gesandten an Händen und Füßen
gepackt. Sie hoben ihn hoch und trugen ihn davon. Sie verschwanden
durch die Tür am anderen Ende der Halle. Seine Hoheit taumelte
hinterdrein.
Mit diesem wenig feierlichen Abgang war der Ball zu
Ende.
Die übrigen Gäste schienen sich zu entspannen und
rüsteten sich zum Aufbruch, die Damen verschwanden, um ihre Schals
und Mäntel zu holen, die Herren standen unterdessen in kleinen
Grüppchen ungeduldig herum und klagten, wie lange die Damen doch
immer brauchten.
Da wir in Holyrood wohnten, gingen wir durch die
Tür am nördlichen Ende der Galerie nach draußen und durchquerten
den Morgen- und den Abendsalon bis zur Haupttreppe.
Die Wände waren mit Gobelins geschmückt, deren
Ornamente im Kerzenlicht düster und silbrig glänzten. Am
Treppenabsatz stand Angus Mhor, dessen hünenhafte Gestalt einen
langen Schatten an die Wand warf.
»Mein Herr ist tot«, sagte er.
»Seine Hoheit meinte, es sei vielleicht besser
so«, bemerkte Jamie sarkastisch.
»Weil Dougal«, fügte er hinzu, als er meine
Bestürzung sah, »weil Dougal immer mehr als willens war, sich
Seiner Hoheit anzuschließen. Jetzt, da Colum tot ist, ist Dougal
das Clanoberhaupt. Und deshalb werden die MacKenzies von Leoch mit
der
Hochlandarmee marschieren«, sagte er leise, »bis zum Sieg - oder
bis zum bitteren Ende.«
Besorgnis und Müdigkeit standen ihm ins Gesicht
geschrieben, und er ließ es geschehen, daß ich hinter ihn trat und
meine Hände auf seine breiten Schultern legte. Er seufzte
erleichtert, als sich meine Fingerspitzen in seine Halsmuskeln
drückten, und legte den Kopf auf seine verschränkten Arme. Auf dem
Tisch, an dem er saß, stapelten sich Briefe und Depeschen. Inmitten
dieser Papiere lag ein kleines Notizbuch, schon ziemlich
abgegriffen, das in rotes Saffianleder gebunden war. Colums
Tagebuch, das Jamie aus der Suite seines Onkels geholt hatte, weil
er gehofft hatte, es enthielte einen letzten Eintrag, der Colums
Entschluß bekräftigte, die Jakobiten nicht zu unterstützen.
»Nicht, daß das Dougal aufhalten würde«, sagte er
und blätterte in den eng beschriebenen Seiten, »aber eine andere
Möglichkeit haben wir nicht.«
Doch in Colums Tagebuch fand sich kein Eintrag von
den letzten drei Tagen, lediglich eine Bemerkung, die sich auf
unser Gespräch im Kirchhof am Tag zuvor bezog.
Mich mit Jamie und seiner Frau getroffen. Habe
endlich meinen Frieden mit Ellen gemacht. Das war natürlich
wichtig - für Colum, für Jamie und möglicherweise auch für Ellen -,
aber es würde kaum dazu beitragen, die Überzeugungen Dougal
MacKenzies ins Wanken zu bringen.
Jamie richtete sich wieder auf. Sein Blick war
düster und resigniert.
»Das bedeutet, Claire, daß unser aller Schicksal
jetzt in seinen Händen liegt - Charles’, meine ich. Wir haben nun
keine andere Wahl mehr. Wir müssen versuchen, ihm zum Sieg zu
verhelfen.«
Mein Mund war trocken vom Wein. Ich befeuchtete mir
mit der Zunge die Lippen, bevor ich antwortete.
»Das scheint mir auch so! Verdammt! Warum hat Colum
nicht etwas länger warten können? Bis morgen, bis er mit Charles
gesprochen hatte.«
Jamie verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln.
»Ich glaube nicht, daß er dabei viel mitzureden hatte, Sassenach.
Nur die wenigsten Menschen wählen die Stunde ihres Todes
selbst.«
»Colum wollte es tun.« Ich hatte bisher gezögert,
Jamie von
meiner ersten Begegnung mit Colum in Holyrood zu erzählen. Doch
jetzt gab es keinen Grund mehr, es für mich zu behalten.
Als Jamie hörte, daß Colum beschlossen hatte, sich
das Leben zu nehmen, schüttelte er ungläubig den Kopf und
seufzte.
»Dann frage ich mich«, murmelte er vor sich hin,
»ob dies nicht ein Zeichen ist, Claire.«
»Ein Zeichen?«
»Colums Tod, bevor er, wie er vorhatte, Charles’
Hilferuf abweisen konnte. Ob dies ein Zeichen dafür ist, daß
Charles seinen Kampf gewinnen soll?«
Ich erinnerte mich an meinen Abschied von Colum.
Der Tod hatte ihn überrascht, als er im Bett saß, ein volles Glas
Weinbrand neben sich. Er war also gestorben, wie er es sich
gewünscht hatte, mit klarem Kopf und wachem Verstand. Sein Mund war
fest zusammengepreßt, tief eingeschnitten die Falten zwischen Nase
und Kinn. Der Schmerz, sein ständiger Begleiter, war ihm auch auf
seinem letzten Weg nicht von der Seite gewichen.
»Das weiß Gott allein«, sagte ich
schließlich.
»Aye?« erwiderte er. »Aye. Ich hoffe, daß es jemand
weiß.«