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Ein Handel mit dem Teufel
Die dicken Regenwolken, die die Burg einhüllten,
brachten Husten und Schnupfen nach Edinburgh. Es regnete Tag und
Nacht, so daß das Pflaster endlich einmal von Abwässern gesäubert
wurde, aber die Freude über die reine Luft wurde durch den
schleimigen Auswurf getrübt, der allenthalben in den Gassen und
Gäßchen zu finden war.
Trotz des unwirtlichen Wetters war ich die meiste
Zeit draußen, unterwegs zwischen Holyrood und dem Canongate. Der
Regen, der mir ins Gesicht peitschte, schien mir erträglicher als
der Rauch schwelender Holzfeuer und die bakterienverseuchte Luft im
Innern der Häuser. Die Bewohner des Palasts husteten und niesten
fortwährend. Die erlauchte Anwesenheit Seiner Hoheit zwang die
Leidenden allerdings, in schmutzige Taschentücher oder in die mit
Delfter Fliesen verzierten Kamine zu spucken und den auf Hochglanz
polierten Fußboden aus schottischer Eiche zu verschonen.
Es wurde schnell dunkel in dieser Jahreszeit. Ich
befand mich auf der High Street und beeilte mich, noch vor Einbruch
der Dunkelheit wieder in Holyrood zu sein. Nicht, daß ich Angst vor
Überfällen gehabt hätte. Auch wenn ich nicht allen Jakobiten, die
die Stadt besetzt hatten, bekannt gewesen wäre - die allgemein
verbreitete Abneigung gegen frische Luft hielt die Menschen in den
Häusern.
Mich quälte nur die Angst, im Finstern
auszurutschen und mir auf den schlüpfrigen Pflastersteinen den Fuß
zu verrenken. Die Stadt wurde lediglich vom schwachen Schein der
Laternen erleuchtet, die die Nachtwächter bei sich trugen. Diese
hatten die irritierende Angewohnheit, von Toreingang zu Toreingang
zu huschen und wie Glühwürmchen aufzutauchen und wieder zu
verschwinden. Manchmal verschwand ein solcher Laternenträger auch
für eine gute halbe Stunde ganz von der Bildfläche, etwa wenn er
einen
Abstecher in die Taverne am Ende des Canongate machte, um sich ein
lebensrettendes heißes Ale zu genehmigen.
Ich spähte zum grauen Himmel über der Kirche am
Canongate, um einzuschätzen, wieviel Zeit noch bis zum Einbruch der
Dunkelheit blieb. Mit ein bißchen Glück konnte ich noch in Mr.
Haughs Apotheke vorbeischauen. Er konnte zwar nicht die Schätze
vorweisen, die Raymond in seinem gutsortierten Pariser Lager zu
bieten hatte, doch er verkaufte Roßkastanien und Fuchsulmenrinde
und konnte mir Pfefferminze und Berberitze beschaffen. Um diese
Jahreszeit waren sein Verkaufsschlager Kampferkugeln, die als
unfehlbares Mittel gegen Erkältung, Katarrh und Schwindsucht
galten. Auch wenn sie nicht mehr halfen als moderne
Erkältungsmittel, so waren sie doch auch nicht schädlicher. Sie
rochen jedenfalls umwerfend gesund.
Obwohl die Menschen durch rote Nasen und bleiche
Gesichter entstellt waren, wurden im Palast dauernd Feste
abgehalten, bei denen die Noblesse von Edinburgh ihrem Prinzen
begeistert huldigte. Schon in zwei Stunden würden Diener, die ihre
Herrschaften zum Ball geleiteten, mit flackernden Laternen durch
die High Street eilen.
Ich seufzte bei dem Gedanken an den bevorstehenden
Ball und die niesenden Kavaliere, die mit verstopfter Nase höfliche
Komplimente machten. Vielleicht sollte ich mir Knoblauch besorgen.
Man trug ihn gewöhnlich in einer silbernen Duftkugel um den Hals
zur Abwehr von Krankheiten. Auf jeden Fall hielt er kränkelnde
Gesprächs- und Tanzpartner auf Abstand.
Die Stadt war von Charles’ Truppen besetzt. Die
Engländer wurden zwar nicht gerade belagert, fristeten aber in der
Burg oberhalb der Stadt ein ziemlich abgeschiedenes Dasein. Dennoch
sickerten aus beiden Lagern Nachrichten durch, denen man jedoch nur
bedingt Glauben schenken konnte. Mr. Haugh kannte die neuesten
Gerüchte, denen zufolge der Herzog von Cumberland südlich von Perth
Truppen zusammenzog, um so bald wie möglich nach Norden zu
marschieren. Ich hatte keine Ahnung, ob das stimmte, bezweifelte es
aber, da ich mich in den historischen Quellen an keine Erwähnung
Cumberlands vor dem Frühjahr 1746 erinnern konnte - und soweit war
es noch nicht. Dennoch mußte man das Gerücht ernst nehmen.
Die Wache am Tor nickte mir hustend zu. Auch die
Wachposten
in den Korridoren und an den Treppen husteten. Ich widerstand dem
Impuls, ihnen meinen knoblauchgefüllten Korb wie ein Weihrauchgefäß
entgegenzuschwenken, und eilte in den Nachmittagssalon, zu dem man
mir ohne Zögern Zutritt gewährte.
Dort befand sich Seine Hoheit in Gesellschaft von
Jamie, Aeneas MacDonald, O’Sullivan, dem Sekretär Seiner Hoheit und
einer finsteren Gestalt namens Francis Townsend, der in letzter
Zeit in Seiner Hoheit Gunst stand. Die meisten der Anwesenden
hatten rote Nasen, niesten und schnieften. Der schöne Kamin war mit
ausgespucktem Schleim verklebt. Ich musterte Jamie, der erschöpft
und bleich auf seinem Stuhl saß.
Die Männer, die daran gewöhnt waren, daß ich von
meinen Streifzügen in der Stadt Neuigkeiten über die englischen
Truppenbewegungen mitbrachte, hörten mir aufmerksam zu.
»Wir sind Ihnen unendlich zu Dank verpflichtet,
Mistress Fraser«, meinte Seine Hoheit, als ich meinen Bericht
beendet hatte. Dabei verneigte er sich höflich und lächelte. »Sie
müssen mir sagen, auf welche Weise ich Ihnen Ihre großzügigen
Dienste vergelten kann.«
»Ich wüßte schon, wie«, erwiderte ich und ergriff
die Gelegenheit beim Schopf. »Ich möchte meinen Mann gerne
mitnehmen und ins Bett stecken. Und zwar gleich.«
Der Prinz starrte mich verblüfft an, hatte sich
aber schnell wieder gefaßt. Aeneas MacDonald, der weniger
Selbstbeherrschung aufbrachte, wurde von einem eigenartig erstickt
klingenden Hustenanfall geschüttelt. Jamies bleiches Gesicht
hingegen wurde glühend rot. Er nieste und verbarg sein Gesicht in
seinem Taschentuch, warf mir aber funkelnde Blicke zu.
»Ah... Ihren Gemahl«, erwiderte Charles, der sich
der Herausforderung tapfer stellte. Seine Wangen überzogen sich mit
einer leichten Röte.
»Er ist krank«, sagte ich streng. »Das seht Ihr
sicher selbst. Ich möchte, daß er sich ausruht und eine Zeitlang
das Bett hütet.«
»Oh, ausruht«, murmelte MacDonald vor
sich hin.
Ich suchte nach höflichen Worten.
»Es tut mir leid, wenn ich Eurer Hoheit
vorübergehend die Dienste meines Mannes entziehe, aber wenn er sich
nicht auskuriert, wird er Euch in Zukunft noch weniger zu Diensten
sein können.«
Charles, der inzwischen wieder ganz die Fassung
gewonnen hatte, schien beschlossen zu haben, Jamies offenkundige
Verlegenheit unterhaltsam zu finden.
»Aber gewiß«, gab er mit einem Blick auf Jamie
zurück, dessen Gesicht nunmehr rotbleich gesprenkelt war. »Die
Aussicht, die Sie, Madame, eben beschrieben haben, erfüllt uns mit
größtem Unbehagen.« Er verneigte sich in meine Richtung. »Es sei,
wie Sie wünschen, Madame. Cher James ist entschuldigt, bis
er wieder gesund ist. Sie müssen Ihren Gemahl unverzüglich in Ihre
Gemächer bringen und... alles unternehmen, was seiner Genesung...
dient.« Die Mundwinkel des Prinzen zuckten, also zog er ein
riesiges Taschentuch heraus und folgte dem Beispiel Jamies, indem
er sein Gesicht darin vergrub und vornehm hustete.
»Paßt auf, Hoheit«, mahnte MacDonald sarkastisch,
»daß Ihr Euch nicht bei Mr. Fraser ansteckt.«
»Die eine Hälfte von Mr. Frasers Beschwerden
möchte ich mir wohl wünschen«, murmelte Francis Townsend mit
sardonischem Grinsen, das ihn wie ein Fuchs im Hühnerstall aussehen
ließ.
Jamie, der inzwischen starke Ähnlichkeit mit einer
erfrorenen Tomate hatte, stand abrupt auf, verbeugte sich vor dem
Prinzen mit einem knappen »Ich danke Eurer Hoheit« und steuerte,
mich am Arm packend, auf die Tür zu.
»Laß mich los«, knurrte ich, als wir die Wachen im
Vorraum passiert hatten. »Du brichst mir ja den Arm.«
»Gut«, murmelte er. »Sobald wir ungestört sind,
breche ich dir das Genick.« Aber ich sah an dem Zucken seiner
Mundwinkel, daß sein Ingrimm nur gespielt war.
Als wir die Tür unseres Zimmers geschlossen hatten,
zog er mich an sich und lachte, seine Wange an meinen Scheitel
geschmiegt.
»Danke, Sassenach«, sagte er.
»Du bist also nicht böse?« fragte ich, mein Gesicht
an seine Brust gedrückt. »Ich wollte dich nicht in Verlegenheit
bringen.«
»Nein, so etwas macht mir nichts aus«, sagte er und
ließ mich los. »Mein Gott, Hauptsache, ich bin Seiner Hoheit
entronnen. Der Kerl langweilt mich zu Tode, ich bin hundemüde,
jeder Muskel tut mir weh.« Er wurde von einem Hustenanfall
geschüttelt und lehnte sich erneut gegen die Tür, diesmal, um Halt
zu finden.
»Geht es dir gut?« Ich befühlte seine Stirn. Ich
war nicht überrascht, aber doch beunruhigt, als ich spürte, wie
heiß sie war.
»Du glühst wie ein Backofen!« sagte ich
vorwurfsvoll.
»Aye, gut, mir ist aber gar nicht heiß, Sassenach«,
wehrte er beinahe ärgerlich ab.
»Keine Widerrede«, tadelte ich, erleichtert, daß er
in seinem Zustand noch dazu aufgelegt war, mit mir zu debattieren.
»Zieh dich aus. Nein, mach dir keine Hoffnungen«, fügte ich hinzu,
als ich das Grinsen auf seinem Gesicht sah. »Ich habe nichts weiter
vor, als deinen fiebergeschüttelten Körper so schnell wie möglich
in ein Nachthemd zu stecken.«
»Oh, aye? Meinst du nicht, es würde mir guttun,
wenn ich ein bißchen ins Schwitzen käme?« Er begann, sich das Hemd
aufzuknöpfen. »Ich habe gedacht, du seist der Meinung, Schwitzen
ist gesund?« Sein Lachen ging in ein heiseres Husten über; er bekam
keine Luft mehr und wurde ganz rot im Gesicht. Das Hemd glitt ihm
aus der Hand, und er fing an, vor Kälte zu zittern.
»Viel zu gesund für dich, mein Lieber.« Ich stülpte
ihm das dicke Wollnachthemd über den Kopf, das er überstreifte,
während ich ihm bereits den Kilt, die Schuhe und die Strümpfe
auszog. »Mein Gott, deine Füße sind wie Eiszapfen!«
»Du könntest... sie mir... ja wärmen.« Das Sprechen
fiel ihm schwer, denn seine Zähne klapperten, und er ließ sich ohne
Widerrede ins Bett bringen.
Ich holte mit einer Zange einen heißen Backstein
vom Feuer, wickelte ihn in ein Flanelltuch und schob ihm den Stein
unter die Füße.
Der Schüttelfrost ließ jedoch bald nach, und als
ich einen Topf mit Wasser und einer Handvoll Pfefferminzblätter und
schwarzen Johannisbeeren aufsetzte, hatte Jamie schon aufgehört zu
zittern.
»Was ist das?« fragte er argwöhnisch und
schnupperte, als ich ein weiteres Gefäß aus meinem Korb zog und
öffnete. »Du willst hoffentlich nicht, daß ich das trinke? Es
riecht wie eine zu lange abgehangene Ente.«
»Du hast es fast erraten«, sagte ich. »Das ist
Gänseschmalz, mit Kampfer vermischt. Damit reibe ich dir jetzt die
Brust ein.«
»Nein!a Mit einem Ruck zog er die Decke schützend
bis zum Kinn hoch.
»Doch«, sagte ich, keinen Widerspruch
duldend.
Während der Einreibeprozedur merkte ich plötzlich,
daß wir einen Zuschauer hatten. Fergus stand am anderen Ende des
Bettes
und beobachtete fasziniert, was ich tat. Seine Nase triefte. Ich
nahm mein Knie von Jamies Magengrube und streckte ihm ein
Taschentuch entgegen.
»Was machst denn du hier?« fragte Jamie und
versuchte sein Nachthemd herunterzuziehen.
Fergus schien durch diese wenig freundliche
Begrüßung nicht besonders irritiert. Ohne das ihm angebotene
Taschentuch zu beachten, wischte er sich die Nase an seinem
Hemdsärmel ab und starrte weiter mit unverhohlener Bewunderung auf
Jamies fettglänzende muskulöse Brust.
»Der dünne Milord schickt mich, ein Päckchen zu
holen, das Sie angeblich für ihn bereitgelegt haben. Haben alle
Schotten so viele Haare auf der Brust, Herr?«
»Um Himmels willen! Die Berichte habe ich ja ganz
vergessen! Warte, ich bringe sie Cameron selbst!««rief Jamie und
wollte sich im Bett aufsetzen. Dabei kam er mit der Nase beinahe an
die Brust, um die ich mich eben so bemüht hatte.
»Puh!« Er fächelte sich mit seinem Nachthemd Luft
zu, um den durchdringenden Geruch zu verscheuchen, und wandte sich
anklagend an mich: »Wie soll ich diesen Gestank bloß wieder
loswerden? Soll ich vielleicht so unter die Leute, stinkend wie
eine tote Gans, Sassenach?«
»Ganz bestimmt nicht«, erwiderte ich. »Du bleibst
ruhig im Bett liegen und rührst dich nicht, sonst bist du eine tote
Gans.« Ich setzte meine allerstrengste Miene auf.
»Ich kann das Päckchen hinbringen, Herr«,
versicherte Fergus.
»Das wirst du nicht«, sagte ich, als ich die
geröteten Wangen und die glänzenden Augen des Jungen sah. Ich legte
ihm eine Hand auf die Stirn.
»Jetzt sag bloß nicht«, bemerkte Jamie sarkastisch,
»daß er Fieber hat.«
»Doch.«
»Ha«, wandte er sich an Fergus mit einem Ausdruck
düsterer Genugtuung. »Jetzt bist du an der Reihe. Mal sehen, wie es
dir gefällt, wenn sie dich einseift.«
Kurze Zeit später lag auch Fergus auf seinem
Strohsack am Feuer, dick in Decken eingepackt, mit Gänseschmalz
eingerieben und mit Kräutertee versorgt. Beiden Patienten hatte ich
ein sauberes Taschentuch in Reichweite gelegt.
»Und jetzt«, verkündete ich und wusch mir dabei
ausgiebig die Hände, »werde ich dieses wertvolle Päckchen mit
Berichten zu Mr. Cameron bringen. Ihr beide bleibt brav im Bett
liegen, trinkt heißen Tee, ruht euch aus und putzt euch die Nase -
in dieser Reihenfolge. Verstanden, die ganze Kompanie?«
Jamies gerötete Nasenspitze bewegte sich langsam
hin und her, als er seinen Kopf schüttelte.
»Machtbesessen«, seufzte er mißbilligend und
blickte zur Zimmerdecke. »Eine sehr unweibliche Haltung.«
Ich drückte ihm einen Kuß auf die heiße Stirn und
nahm meinen Umhang vom Kleiderhaken.
»Wie schlecht du die Frauen kennst, mein Lieber«,
erwiderte ich.
Bei Ewan Cameron liefen die Fäden dessen zusammen,
was man den Geheimdienst von Holyrood nennen könnte. Sein Quartier
befand sich an einem Ende des Westflügels in der Nähe der Küche.
Wohl nicht ganz zufällig, wie ich mutmaßte, als ich einmal den
Appetit dieses Mannes aus der Nähe beobachten konnte. Vermutlich
hat er einen Bandwurm, dachte ich, als ich sein ausgemergeltes
Gesicht sah, während er das Päckchen öffnete und die Berichte
herausnahm.
»Alles in Ordnung?« fragte ich nach einer
Weile.
Er zuckte zusammen, hob den Kopf und blinzelte mich
an.
»Hm? Oh!« Hastig entschuldigte er sich:
»Verzeihung, Mistress Fraser. Wie unhöflich von mir, Sie einfach
hier stehenzulassen. Ja, es scheint alles in Ordnung zu sein -
höchst interessant. Würden Sie bitte so freundlich sein und Ihrem
Gemahl ausrichten, daß ich diese Angelegenheit so bald wie möglich
mit ihm besprechen möchte? Ich habe gehört, daß er sich im
Augenblick nicht wohl fühlt«, fügte er taktvoll hinzu und vermied
es, mich anzublicken. Offenkundig hatte Aeneas MacDonald nichts
Eiligeres zu tun gehabt, als ihm von meinem Auftritt beim Prinzen
zu erzählen.
»Es geht ihm wirklich nicht gut«, entgegnete ich
knapp. Daß Jamie aufstand und mit Cameron und Lochiel die ganze
Nacht über den Berichten brütete, war das letzte, was ich wollte.
Das wäre fast so schlimm, wie die ganze Nacht mit den Damen von
Edinburgh tanzen zu müssen. Na ja, vielleicht nicht ganz so
schlimm, gab ich zu, als ich mich an die drei Damen Williams
erinnerte.
»Er wird kommen, sobald er kann«, sagte ich und zog
meinen
Umhang enger um mich. »Ich werde es ihm ausrichten.« Ja, ich würde
es ihm ausrichten, aber erst am nächsten Tag. Oder am übernächsten.
Wo immer sich die englischen Truppen im Augenblick auch befanden,
ich war sicher, daß sie mindestens hundertfünfzig Kilometer vor
Edinburgh lagen.
Bei meiner Rückkehr warf ich einen kurzen Blick
ins Schlafzimmer, um mich zu vergewissern, daß die beiden Patienten
regungslos unter ihrer Bettdecke lagen und gleichmäßig atmeten. Ich
zog erleichtert den Umhang aus und begab mich mit einer Tasse
heißen Tee, dem ich zur Vorbeugung einen tüchtigen Schuß Weinbrand
hinzugefügt hatte, in den Salon.
Während ich meinen Tee schlürfte, spürte ich, wie
die heiße Flüssigkeit durch meine Kehle rann und die Wärme sich in
meiner Brust und in meinem Bauch ausbreitete. Ich hielt mir die
Tasse unter die Nase, sog den angenehm bitteren Duft ein und
spürte, wie die heißen Weinbranddämpfe meine Stirnhöhlen reinigten.
Es erschien mir beinahe wie ein Wunder, daß ich mich in einer Stadt
und in einem Haus, in dem die Grippe die Runde machte, selbst nicht
angesteckt hatte.
Abgesehen vom Kindbettfieber, war ich seit meiner
Reise durch den Steinkreis nicht ein einziges Mal krank gewesen.
Das war wirklich eigenartig. In Anbetracht der hygienischen
Bedingungen und der überfüllten Behausungen hätte ich doch
wenigstens einen Schnupfen bekommen müssen. Doch meine Gesundheit
blieb unerschütterlich.
Ich war gewiß nicht immun gegen alle Krankheiten,
denn sonst hätte ich ja das Fieber nicht bekommen dürfen. Wie stand
es mit den üblichen ansteckenden Krankheiten? Manches war natürlich
durch die Impfungen zu erklären. Pocken, Typhus, Cholera oder
Gelbfieber konnte ich nicht bekommen. Eine Gelbfieberepidemie war
zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber trotzdem. Ich stellte die
Tasse ab und betastete durch den Stoff meines Kleides die
Impfnarbe.
Ich schauderte, als ich mich an Geillis Duncan
erinnerte, dann schob ich den Gedanken beiseite. Ich wollte weder
an jene Frau denken, die den Tod auf dem Scheiterhaufen erlitten
hatte, noch an Colum MacKenzie, der für ihren Tod verantwortlich
war.
Ich stand auf, um mir eine zweite Tasse Tee zu
holen. Vielleicht
war es eine angeborene Immunität, überlegte ich weiter. Ich hatte
während meiner Schwesternausbildung gelernt, daß Erkältungen durch
zahllose Viren ausgelöst werden, die sich ständig verändern. Wenn
man einmal mit einem bestimmten Virus in Berührung gekommen ist,
wird man gegen ihn immun. Man erkältet sich aber immer wieder, wenn
man von neuen, andersartigen Viren befallen wird. Doch die
Wahrscheinlichkeit, einen Virus aufzuschnappen, mit dem man nicht
schon in Berührung gekommen ist, wird mit zunehmendem Alter immer
geringer. Demnach, das hatte ich damals gelernt, erkälten sich
Kinder durchschnittlich sechsmal pro Jahr, Menschen mittleren
Alters nur noch zweimal und ältere Menschen alle paar Jahre einmal;
und zwar deshalb, weil sie mit den meisten gängigen Viren schon
einmal in Berührung gekommen und immun geworden sind.
Konnte es sein, daß einige Formen der Immunität im
Laufe der Entwicklungsgeschichte von Viren und Menschen erblich
wurden? Antikörper gegen zahlreiche Krankheiten konnten von der
Mutter ans Kind weitergegeben werden, das wußte ich. Dies geschah
durch die Plazenta oder die Muttermilch, so daß das Kind -
vorübergehend - gegen jene Krankheiten immun wurde, die die Mutter
bereits gehabt hatte. Vielleicht bekam ich deshalb keine Erkältung,
weil ich ererbte Antikörper gegen Erreger des achtzehnten
Jahrhunderts besaß - weil ich von all den Erkältungen, die meine
Vorfahren sich im Lauf der letzten zweihundert Jahre eingehandelt
hatten, profitierte.
Diese Überlegung faszinierte mich so sehr, daß ich
mitten im Zimmer stehenblieb und meinen Tee schlürfte. Plötzlich
klopfte es an der Tür.
Ich seufzte ungeduldig. Ohne die Tasse abzustellen,
ging ich nachsehen; sicher war es jemand, der sich nach Jamies
Gesundheitszustand erkundigen wollte. Ich war entschlossen, den
ungelegenen Besucher rasch wieder loszuwerden. Vielleicht war
Cameron auf eine unklare Stelle in einem Bericht gestoßen, oder
Seine Hoheit hatte es sich anders überlegt und ließ ausrichten, daß
Jamie von seiner Teilnahme an dem Ball doch nicht dispensiert sei.
Egal, Jamie würden sie nur über meine Leiche hier
rausbekommen.
Ich riß die Tür auf, und der Gruß erstarb mir auf
den Lippen. Vor mir stand Jack Randall.
Als ich den verschütteten Tee auf meinem Rock
spürte, kam ich wieder zu mir, doch da stand er schon im Zimmer. Er
musterte mich mit seiner gewohnt verächtlichen Miene, dann warf er
einen Blick auf die geschlossene Schlafzimmertür.
»Sie sind allein?«
»Ja!«
Seine haselnußbrauen Augen wanderten mißtrauisch
zwischen mir und der Tür hin und her. Er sah nicht sehr gesund aus,
er war blaß und schlecht ernährt, und man sah ihm an, daß er sich
meist drinnen aufhielt, doch er war wachsam wie eh und je.
Schließlich gab er sich einen Ruck, packte mich am
Arm und ergriff meinen abgelegten Umhang.
»Kommen Sie mit.«
Ich hätte mich von ihm lieber in Stücke reißen
lassen, als daß ich einen Laut von mir gegeben hätte, der die
Aufmerksamkeit Jamies erregt hätte.
Wir waren bereits ein gutes Stück den Korridor
entlanggegangen, bevor ich es wagte zu sprechen. Innerhalb des
Wohnbereichs gab es keine Wachen, aber das ganze Gelände wurde
streng bewacht. Er konnte nicht hoffen, mich unbemerkt aus dem
Palast zu bekommen. Was auch immer er vorhatte, er mußte es hier
tun.
Mord vielleicht, aus Rache für die Verletzung, die
Jamie ihm zugefügt hatte? Bei dem Gedanken wurde mir flau im Magen.
Ich musterte ihn verstohlen von der Seite, während wir durch den
von Kerzen erleuchteten Korridor schritten. Die Kerzen in diesem
Flügel des Palastes waren klein, die Flammen schwach; sie erfüllten
keinen dekorativen Zweck, sondern sollten lediglich den in ihre
Zimmer zurückkehrenden Bewohnern den Weg erhellen.
Randall trug keine Uniform und schien vollkommen
unbewaffnet. Seine Kleidung war schlicht und unauffällig. Über
einer einfachen braunen Kniehose trug er einen dicken Rock. Nur
seine stramme Körperhaltung und die etwas überheblich wirkende
Neigung seines Kopfes - er trug auch keine Perücke - verrieten, wer
er war. Er hätte, gut getarnt wie er war, in Begleitung der
Ballgäste leicht als Diener in den Festsaal schlüpfen können.
Nein, sagte ich mir, ihn weiterhin mißtrauisch
beobachtend, während wir aus dem Halbdunkel wieder in den
Lichtkreis einer Kerze gelangten. Er war nicht bewaffnet. Doch der
Griff, mit dem er meinen Arm umklammert hielt, war eisenhart. Aber
wenn er
vorhatte, mich zu erdrosseln, würde er merken, daß ich kein
leichtes Opfer war. Ich war fast so groß wie er und weitaus besser
genährt.
Als hätte er meine Gedanken erraten, blieb er am
Ende des Korridors stehen und riß mich herum.
»Ich will Ihnen nichts zuleide tun«, sagte er mit
leiser, aber fester Stimme.
»Das können Sie Ihrer Großmutter erzählen«, gab ich
zurück. Ich überlegte, ob mich jemand hören würde, wenn ich hier um
Hilfe riefe. Hinter zwei verschlossenen Türen, einem Treppenabsatz
und einer langen Treppe stand eine Wache.
Andererseits befanden wir uns in einer
Pattsituation. Er konnte mich nicht weiterführen, und ich konnte
von da, wo wir uns jetzt befanden, nicht um Hilfe rufen. Dieser
Teil des Korridors wurde kaum benutzt, und die wenigen Bewohner
dieses Traktes hielten sich zu dieser Stunde im anderen Flügel - im
Ballsaal - auf.
Randalls Stimme klang ungeduldig.
»Seien Sie nicht töricht. Wenn ich Sie töten
wollte, so könnte ich das hier erledigen. Das wäre weitaus
ungefährlicher, als nach draußen zu gehen. Und«, fügte er hinzu,
»wenn ich das vorhätte, weshalb hätte ich dann Ihren Umhang
mitnehmen sollen?« Wie zum Beweis hob er den Arm hoch, über den er
meinen Mantel gelegt hatte.
»Wie zum Teufel soll ich das wissen?« gab ich
zurück, obwohl dieser Punkt durchaus einleuchtend war. »Weshalb
haben Sie ihn denn mitgenommen?«
»Weil Sie mit mir nach draußen gehen sollen. Ich
möchte Ihnen einen Vorschlag machen, und ich will nicht, daß wir
dabei belauscht werden.« Er warf einen Blick zur Tür. Die Türen in
Holyrood waren alle mit dem gleichen Muster dekoriert: Die oberen
vier Paneele waren in Form eines Kreuzes angeordnet, die beiden
unteren bildeten ein aufgeschlagenes Buch, die Bibel. Holyrood war
früher eine Abtei gewesen.
»Wollen wir in die Kirche gehen? Dort könnten wir
ungestört reden.« Das war richtig; die Kirche neben dem Palast, die
einstige Abteikirche, wurde schon lange nicht mehr benutzt. Ich
zögerte.
»Überlegen Sie doch!« Er schüttelte mich, ließ mich
dann aber los und trat einen Schritt zurück. Im Schein des
Kerzenlichts konnte ich ihn nur undeutlich erkennen. »Weshalb
sollte ich das Risiko auf mich nehmen, den Palast zu
betreten?«
Das war eine gute Frage. Sobald er in seiner
Verkleidung die Burg
verlassen hatte, konnte er sich in den Straßen von Edinburgh frei
bewegen. Er hätte mir ebensogut in einem Gäßchen auflauern können.
Die einzig plausible Erklärung hatte er bereits selbst gegeben: Er
wollte mit mir sprechen, ohne Gefahr zu laufen, entdeckt und
belauscht zu werden.
Als er merkte, daß ich bereit war, mich auf seinen
Vorschlag einzulassen, ließ er erleichtert die Schultern sinken. Er
hielt mir den Umhang hin, so daß ich hineinschlüpfen konnte.
»Sie haben mein Wort, daß Sie unbeschadet wieder
nach Hause gehen können, Madam.«
Ich versuchte, in seinem Gesicht zu lesen, aber
seine versteinerte Miene verriet nichts.
Ich nahm den Umhang.
»Also gut«, nickte ich.
Wir passierten den Wachposten, der mich mit einem
Kopfnicken begrüßte. Die Wachen kannten mich. Es war durchaus nicht
ungewöhnlich, daß ich nachts noch unterwegs war, um in der Stadt
einen dringenden Krankenbesuch zu machen. Der Wachposten musterte
Jack Randall mit scharfem Blick - gewöhnlich begleitete mich
Murtagh, wenn Jamie verhindert war -, aber der unauffällig
gekleidete Randall erregte keinerlei Aufsehen. Er erwiderte diesen
Blick gleichgültig, das Tor des Palastes schloß sich hinter uns,
und wir traten hinaus in den dunklen Steingarten.
Es hatte gestürmt und geregnet, doch der Sturm
flaute allmählich ab. Dicke Wolkenfetzen zogen über uns hinweg, der
Wind fuhr mir unter den Mantel und klatschte mir den Rock an die
Beine.
»Hier entlang.« Ich zog den schweren Samtumhang
enger um mich, beugte den Kopf gegen den Wind und folgte Jack
Randall auf dem Pfad durch den Steingarten.
Als wir den Garten hinter uns hatten, drehten wir
uns kurz um, um uns zu vergewissern, daß uns niemand folgte, und
eilten dann durch das Gras auf das Kirchenportal zu.
Die verzogene Tür stand angelehnt. Ich stieg über
das am Boden aufgehäufte Laub und den Unrat hinweg und tauchte in
den dunklen Schatten der Kirche.
Doch auch hier war es nicht ganz finster. Als sich
meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte ich die
Säulenreihen des Kirchenschiffs erkennen und die feinen
Steinmetzarbeiten an den hohen, leeren Fenstern.
Eine Bewegung in der Dunkelheit verriet mir, wohin
Randall gegangen war. Er stand neben den Überresten eines
Taufbeckens. Rechts und links davon befanden sich verblaßte
Rechtecke an der Wand - die Gedenktafeln für jene, die in der
Kirche begraben worden waren.
»Gut«, sagte ich, »hier kann uns niemand hören. Was
wollen Sie von mir?«
»Ich benötige Ihre Kenntnisse als Heilerin und
erbitte Ihre Verschwiegenheit. Im Austausch dafür erhalten Sie die
Informationen, die ich über die Truppenbewegungen und die weiteren
Pläne des Kurfürsten besitze«, erwiderte er knapp.
Ich war ehrlich verblüfft. Alles mögliche hatte ich
erwartet, darauf aber war ich nicht gefaßt gewesen. Er wollte doch
wohl nicht sagen...
»Sie brauchen ärztliche Hilfe?« fragte ich, ohne
meine Erregung zu verbergen. »Meine Hilfe? Ich glaubte, daß Sie...
äh, ich meine...« Mit großer Selbstbeherrschung gelang es mir,
ruhig fortzufahren. »Gewiß haben Sie bereits die notwendige
ärztliche Behandlung erhalten. Sie scheinen in guter Verfassung zu
sein.« Zumindest nach außen hin. Ich biß mir auf die Lippen, um die
aufsteigende Hysterie zu bezähmen.
»Man hat mir gesagt, ich könne von Glück reden, daß
ich noch am Leben bin, Madam«, erwiderte er kalt. Er stellte seine
Laterne in eine Nische.
»Ich vermute, Ihr Interesse entspringt eher
fachlicher Neugier als der Sorge um meine Person«, fuhr er fort.
Das Licht der Laterne beleuchtete ihn von der Hüfte an abwärts,
Kopf und Schultern blieben im Dunkeln. Er legte eine Hand auf den
Bund seine Kniehose.
»Möchten Sie die Narbe sehen, um den Erfolg der
Behandlung begutachten zu können?« Sein Gesicht war nicht deutlich
zu erkennen, aber in seiner Stimme lag eine frostige, geradezu
giftige Kälte.
»Vielleicht später«, erwiderte ich, ebenso kühl wie
er. »Wenn nicht für Sie selbst, für wen benötigen Sie dann meine
Hilfe?«
Er zögerte, fuhr dann aber fort:
»Für meinen Bruder.«
»Ihren Bruder?« Ich konnte mein Entsetzen nicht
verbergen. »Alexander?
»Mein ältester Bruder William kümmert sich, soweit
ich weiß,
brav und rechtschaffen um die Verwaltung der Familiengüter in
Sussex und benötigt keine Hilfe«, gab er trocken zurück. »Ja, mein
Bruder Alex.«
Ich streckte die Hand aus, um am kalten Stein eines
Grabmals Halt zu finden.
»Erzählen Sie«, forderte ich ihn auf.
Es war eine einfache - und eine traurige -
Geschichte. Wenn mir jemand anders als Jonathan Randall davon
erzählt hätte, wäre ihm mein aufrichtiges Mitgefühl sicher
gewesen.
Da Alexander Randall seine Stellung beim Herzog von
Sandringham wegen des Skandals um Mary Hawkins verloren hatte und
er aufgrund seines schlechten Gesundheitszustands keinen neuen
Posten finden konnte, war er gezwungen gewesen, seinen Bruder um
Hilfe zu ersuchen.
»William schickte ihm zwei Pfund und einen Brief,
gespickt mit ernsten Ermahnungen.« Jack Randall lehnte sich an die
Wand und schlug die Füße übereinander. »William ist ein sehr
ernsthafter Mensch, fürchte ich. Aber er war nicht bereit, Alex bei
sich aufzunehmen. Williams Gattin ist ein bißchen... extrem, möchte
ich sagen, in ihren religiösen Überzeugungen.« In seiner Stimme lag
ein Hauch von Spott, was ihn mir in diesem Augenblick sympathisch
machte. Ober seinem Nachfahren, der äußerlich sein Ebenbild war,
unter anderen Umständen hätte ähnlicher sein können?
Der Gedanke an Frank brachte mich so sehr aus dem
Gleichgewicht, daß ich Randalls folgende Bemerkung überhörte.
»Verzeihung, was haben Sie gesagt?« Ich preßte
meine Hände so fest zusammen, daß mir mein goldener Ehering in den
Finger schnitt. Frank war tot. Ich mußte aufhören, an ihn zu
denken.
»Ich sagte eben, daß ich Alex ein Zimmer in der
Nähe der Burg besorgt habe, damit ich selbst nach ihm sehen kann.
Denn meine Mittel erlauben es nicht, einen Dienstboten für ihn zu
engagieren.«
Durch die Besetzung Edinburghs war es dann
allerdings schwierig geworden, sich um ihn zu kümmern, so daß Alex
Randall im vergangenen Monat mehr oder weniger auf sich gestellt
war; nur eine Frau kam hin und wieder, um sauberzumachen. Durch die
kalte Witterung, die schlechte Ernährung und die ärmlichen
Verhältnisse hatte sich sein ohnehin schlechter Gesundheitszustand
noch verschlimmert. Schließlich hatte sich Jack Randall, tief
besorgt,
an mich um Hilfe gewandt. Und um diese Hilfe zu erhalten, hatte er
sich entschlossen, seinen König zu verraten.
»Weshalb kommen Sie zu mir?« fragte ich.
Er sah mich etwas überrascht an.
»Weil Sie sind, wer Sie sind.« Seine Lippen
verzogen sich zu einem spöttischen Grinsen. »Wenn man vorhat, seine
Seele zu verkaufen, ist es dann nicht sinnvoll, sich an die Mächte
der Finsternis zu wenden?«
»Sie glauben tatsächlich, daß ich zu den Mächten
der Finsternis gehöre?« Das war offensichtlich der Fall. Ironie lag
seinem Wesen zwar ganz und gar nicht fern, doch alles an seinem
augenblicklichen Verhalten deutete darauf hin, daß er es ernst
meinte.
»Abgesehen von den Geschichten, die in Paris über
Sie in Umlauf waren, haben Sie es mir doch selbst gesagt«,
erwiderte er. »Als ich Sie aus Wentworth habe gehen lassen.« Er
trat einen Schritt zurück.
»Das war ein schwerer Fehler«, fuhr er leise fort.
»Sie hätten diesen Ort niemals lebend verlassen dürfen, Sie
gefährliche Kreatur. Und dennoch hatte ich keine andere Wahl; Ihr
Leben war der Preis, den er forderte. Und ich hätte noch mehr
bezahlt für das, was ich dafür von ihm bekommen habe.«
Ich gab ein zischendes Geräusch von mir, zügelte
mich aber rasch, doch er hatte es bereits gehört. Zwischen den
dahinjagenden Wolken lugte der Mond hervor, der ihn von hinten
durch das zerbrochene Fenster anstrahlte. In der Dunkelheit, wenn
er wie jetzt den Kopf etwas abgewandt hatte und der grausame Zug um
den Mund nicht sichtbar war, sah er wieder dem Mann täuschend
ähnlich, den ich einst geliebt hatte. Frank.
Doch ich hatte diesen Mann verraten; dieser Mann
würde niemals existieren. Laßt uns den Baum in seinem
Saft verderben und ihn aus dem Lande der Lebendigen ausrotten, daß
seines Namens nimmermehr gedacht wird.
»Hat er es Ihnen erzählt?« fragte die leise,
angenehme Stimme aus dem Halbschatten. »Hat er Ihnen alles erzählt,
was zwischen uns geschehen ist, zwischen ihm und mir, in dem
kleinen Zimmer in Wentworth?« Ich war entsetzt und wütend, doch mir
fiel auf, daß er sich an Jamies Verbot hielt: Er sprach nicht ein
einziges Mal Jamies Namen aus. Sein Name gehörte mir.
Zwischen zusammengebissenen Zähnen preßte ich
hervor: »Er hat es mir erzählt. Alles.«
Randall stieß einen Seufzer aus.
»Ob Ihnen der Gedanke gefällt oder nicht, meine
Liebe, wir sind miteinander verbunden, Sie und ich. Ich kann nicht
behaupten, daß es mir sonderlich gefällt, aber ich muß es zugeben.
Sie wissen, genau wie ich, wie sich seine Hand anfühlt - so warm,
wie von einem inneren Feuer, nicht wahr? Sie kennen den Geruch
seines Schweißes und haben die rauhe Behaarung seiner Schenkel
gespürt. Sie kennen den Laut, den er ausstößt, wenn er sich
vergißt. Ich auch.«
»Seien Sie still«, sagte ich. »Hören Sie
auf!« Er achtete nicht darauf, lehnte sich zurück und sprach
weiter, wie zu sich selbst. Ich erkannte, was ihn dazu trieb, und
es machte mich nur noch rasender - nicht, wie ich zunächst gemeint
hatte, die Absicht, mich aus der Fassung zu bringen, sondern ein
alles überwältigendes Bedürfnis, von dem Geliebten zu sprechen.
Denn mit wem konnte er in dieser Art über Jamie sprechen, wenn
nicht mit mir?
»Ich gehe!« sagte ich mit lauter Stimme und drehte
mich auf dem Absatz um.
»Sie wollen gehen?« fragte die sanfte Stimme hinter
mir. »Ich kann Ihnen General Hawley in die Hände spielen. Sie
können aber auch zulassen, daß er das schottische Heer besiegt. Die
Wahl liegt bei Ihnen, Madam.«
Ich hatte das starke Bedürfnis, ihm zu sagen, daß
General Hawley die Sache nicht wert war. Aber ich dachte an die
schottischen Clanführer, die jetzt in Holyrood lagerten, nur wenige
Meter von uns entfernt. Und an Jamie. An die Tausenden von
Clansmännern, die sie führten. War die Aussicht auf einen Sieg es
wert, daß ich meine Gefühle opferte? War dies vielleicht der
Wendepunkt - ein erneuter Scheideweg? Wenn ich ihm nicht zuhörte,
wenn ich den Handel nicht akzeptierte, den mir Randall vorschlug,
was dann?
Langsam drehte ich mich um. »So sprechen Sie«,
sagte ich. »Wenn es denn sein muß.« Meine Wut ließ ihn kalt, auch
schien er nicht zu befürchten, daß ich ihn abwies. Die Stimme in
der finsteren Kirchenruine klang ruhig und beherrscht.
»Ich frage mich manchmal«, fuhr er fort, »ob Sie
von ihm soviel bekommen haben wie ich.« Er neigte den Kopf zur
Seite, und seine scharf umrissenen Gesichtszüge waren jetzt
deutlich zu erkennen. Das Laternenlicht strahlte ihn von der Seite
an und ließ seine haselnußbraunen Augen glänzen.
Der Triumph in seiner Stimme war
unverkennbar.
»Ich«, sagte er sanft, »ich hatte ihn, wie Sie ihn
niemals werden haben können. Sie sind eine Frau. Sie können das
nicht verstehen, auch wenn Sie eine Hexe sind. Ich hatte seine
Männlichkeit, ich habe ihm genommen, was er mir genommen hat. Ich
kenne ihn, so wie er mich kennt. Er und ich, wir sind durch
Blutsbande miteinander verknüpft.«
Ich schenke dir meinen Leib, auf daß wir eins
sein mögen...
»Sie wählen eine höchst seltsame Weise, mich um
Hilfe zu bitten«, sagte ich mit zitternder Stimme. Meine Hände
gruben sich in den Stoff meines Rockes, der sich klamm
anfühlte.
»Meinen Sie? Verstehen Sie mich nicht falsch,
Madam: Ich erflehe nicht Ihr Mitleid, ich beschwöre nicht Ihre
Macht wie ein Mann, der Erbarmen bei einer Frau sucht und dabei auf
das sogenannte weibliche Mitgefühl hofft. Ginge es nur darum,
würden Sie meinen Bruder auch um seiner selbst willen aufsuchen.«
Eine Strähne seines dunklen Haares fiel ihm in die Stirn; er strich
sie mit der Hand zurück.
»Mir geht es um einen klaren Handel, Madam; für den
erwiesenen Dienst wird ein entsprechender Preis bezahlt - denn
bedenken Sie, Madam, daß ich für Sie nichts anderes empfinde als
Sie für mich.«
Das war ein Schock. Während ich noch um eine
Antwort rang, fuhr er fort.
»Wir sind miteinander verbunden, Sie und ich, durch
den Leib eines Mannes - durch ihn. Ich möchte nicht, daß
durch den Leib meines Bruders eine ähnliche Verbindung entsteht.
Ich erbitte Ihre Hilfe für seine Heilung, aber ich möchte nicht
riskieren, daß seine Seele in Ihre Hände fällt. Sagen Sie mir also:
Akzeptieren Sie den Preis, den ich biete?«
Ich wandte mich von ihm ab und durchquerte langsam
das Kirchenschiff. Ich zitterte so heftig, daß ich mich beim Gehen
unsicher fühlte; der harte Steinboden unter meinen Füßen
erschreckte mich. Das Maßwerk des großen Fensters über dem
einstigen Altar hob sich dunkel ab von den weißen Wolken, die der
Wind vor sich hertrieb; trübes Mondlicht schien herein.
Vorne angelangt, blieb ich stehen. Ich mußte mich
an der Wand abstützen, mußte einen Halt suchen. Behutsam lehnte ich
den Kopf gegen die Wand. Mit geschlossenen Augen wartete ich
darauf, daß
es mir besser ging, daß sich der Puls, der heiß in meinen Schläfen
pochte, beruhigte.
Es macht keinen Unterschied, sagte ich mir. Egal,
was er ist. Egal, was er sagt.
Wir sind miteinander verbunden, Sie und ich,
durch den Leib eines Mannes... Ja, aber nicht durch Jamie.
Nicht durch ihn! schrie es in mir. Ja, du hast ihn genommen,
du Scheißkerl! Aber ich habe ihn zurückgeholt, ich habe ihn aus
deinen Klauen befreit. Du hast keinen Anteil an ihm! Doch
der Schweiß, der mir aus allen Poren brach, und das Geräusch meines
keuchenden Atems straften meine Gedanken Lügen.
War dies der Preis, den ich für den Verlust von
Frank zu zahlen hatte? War es mir gegeben, tausend Leben zu retten
durch den Verlust dieses einen?
Ich nahm die dunklen Umrisse des Altars zu meiner
Rechten wahr. In diesem Augenblick wünschte ich nichts sehnlicher
als die Gegenwart eines höheren Wesens, das mir eine Antwort geben
würde. Aber niemand war hier, ich war ganz allein. Die Geister der
Toten behielten ihre Meinung für sich.
Ich versuchte, nicht mehr an Jack Randall zu
denken. Wenn mich jemand anders gebeten hätte, wäre ich dann
gegangen? Abgesehen von allem anderen, ging es hier auch um Alex
Randall. »Ginge es nur darum, würden Sie meinen Bruder auch um
seiner selbst willen aufsuchen«, hatte der Hauptmann gesagt. Das
würde ich natürlich tun. Konnte ich Alex nur wegen des Mannes, der
mich darum bat, meine Hilfe verweigern?
Ich verweilte lange so, bevor ich mich müde
aufrichtete. Meine Hände waren feucht und glitschig. Mein Nacken
schmerzte, mein Kopf war schwer, ich fühlte mich so ausgelaugt und
schwach, als hätte mich die über der Stadt liegende Epidemie
schließlich doch noch heimgesucht.
Randall war noch da, er wartete geduldig in der
kalten Finsternis.
»Ja«, sagte ich, sobald ich nahe genug bei ihm
stand. »In Ordnung. Ich komme morgen vormittag. Wohin?«
»Ladywalk Wynd«, antwortete er. »Kennen Sie die
Gasse?«
»Ja.« Edinburgh war eine kleine Stadt - es gab nur
eine einzige Hauptstraße, die High Street, und zahlreiche enge,
schlecht beleuchtete Gäßchen, die davon abzweigten. Ladywalk Wynd
zählte zu den armseligeren Gäßchen.
»Ich werde da sein«, sagte er. »Ich werde Ihnen die
versprochenen Auskünfte geben.«
Er stand auf und ging einen Schritt auf mich zu,
dann blieb er stehen und wartete, bis ich mich in Bewegung setzte.
Scheinbar wollte er mir nicht zu nahe kommen.
»Sie haben Angst vor mir, nicht wahr?« sagte ich
mit einem tonlosen Lachen. »Glauben Sie, daß ich Sie in einen
Giftpilz verwandle?«
»Nein«, erwiderte er und sah mich ruhig an. »Ich
habe keine Angst vor Ihnen, Madam. In Wentworth haben Sie versucht,
mir Angst einzujagen, als Sie mir den Tag meines Todes nannten.
Aber nachdem Sie mir das gesagt haben, können Sie mich nicht mehr
bedrohen, denn wenn ich nächstes Jahr im April sterben werde, dann
können Sie mir doch jetzt noch nichts anhaben, nicht wahr?«
Wenn ich ein Messer bei mir gehabt hätte, hätte ich
ihm spontan das Gegenteil bewiesen. Doch die Macht der Prophezeiung
lag auf mir und die Last Tausender schottischer Leben. Er war vor
mir sicher.
»Ich halte nur deshalb Abstand, Madam«, fuhr er
fort, »weil ich es vorziehe, Sie nicht zu berühren.«
Ich lachte wieder, diesmal aber war es ein echtes
Lachen.
»Damit, Hauptmann«, sagte ich, »sprechen Sie mir
aus der Seele.« Ich drehte mich um und verließ die Kirche, ohne
mich weiter um ihn zu kümmern.
Ich sah keine Notwendigkeit, mir den Kopf darüber
zu zerbrechen, ob er sein Wort halten würde. Er hatte mich aus
Wentworth freigelassen, weil er sein Wort gegeben hatte. Sein Wort
war für ihn bindend. Jack Randall war ein Ehrenmann.
Was hast du empfunden, als ich Jack Randall
meinen Körper überließ? hatte mich Jamie gefragt.
Wut, hatte ich geantwortet. Übelkeit.
Abscheu.
Ich lehnte mich gegen die Tür des Salons und
empfand eben diese Gefühle. Das Kaminfeuer war ausgegangen, der
Raum war kalt. Der Geruch des mit Kampfer angereicherten
Gänseschmalzes stieg mir in die Nase. Kein Laut war zu hören, nur
tiefe schnarrende Atemzüge aus dem Schlafzimmer und das ferne
Rauschen des Windes, der an den dicken Mauern des Hauses
vorbeistrich.
Ich kniete mich vor den Kamin und versuchte, das
Feuer wieder
zu entfachen. Meine Hände zitterten, und der Feuerstein fiel mir
zweimal zu Boden, bevor es mir gelang, Funken zu schlagen. Das
macht die Kälte, sagte ich mir. Es war wirklich eisig.
Hat er Ihnen alles erzählt, was zwischen uns
geschehen ist? hatte Jack Randall spöttisch gefragt.
»Alles, was ich wissen muß«, murmelte ich vor mich
hin. Ich hielt ein Stück Papier in die winzige Flamme, um den
Zunder zu entfachen. Dann legte ich Zweige nach, die ebenfalls
rasch Feuer fingen. Als das Feuer lichterloh brannte, legte ich
einen großen Holzscheit auf. Es war Kiefernholz; grün, doch mit ein
wenig Harz, das durch einen Spalt im Holz heraustrat wie eine
winzige goldene Perle.
Irgendwann einmal könnte daraus ein Tropfen
Bernstein werden, hart und dauerhaft wie Edelstein. Doch der
Harztropfen erglühte in der Hitze der Flammen, platzte auf,
explodierte in einem winzigen Funkenregen und war
verschwunden.
»Alles, was ich wissen muß«, flüsterte ich. Fergus’
Strohlager war leer; er war wohl frierend aufgewacht und hatte sich
einen warmen Unterschlupf gesucht.
Ich fand ihn zuammengerollt in Jamies Bett; der
dunkle und der rote Haarschopf lagen einträchtig nebeneinander auf
dem Kissen. Die beiden schnarchten friedlich. Ich lächelte, aber
ich hatte nicht vor, auf dem Boden zu schlafen.
»Los, raus hier«, flüsterte ich Fergus zu, schob
ihn behutsam an den Bettrand und nahm ihn in meine Arme. Er hatte
einen leichten Knochenbau, und für ein zehnjähriges Kind war er
sehr schmächtig, trotzdem war er keine leichte Last. Doch ich trug
ihn ohne große Schwierigkeiten zu seinem Strohlager und legte ihn
darauf nieder. Er wachte nicht auf.
Während ich mich langsam auszog, betrachtete ich
Jamie. Er hatte sich in seiner Betthälfte zusammengerollt. Seine
langen Wimpern waren kastanienbraun, an den Spitzen fast schwarz,
am Ansatz hellblond. Er wirkte unschuldig, trotz der langen,
geraden Nase und den festen Linien von Mund und Kinn.
Im Hemd schlüpfte ich zu ihm ins Bett und kuschelte
mich an sein weites warmes Wollnachthemd. Er hatte mir den Rücken
zugewandt und bewegte sich ein wenig; er hustete, und ich legte ihm
meine Hand auf die Hüfte, um ihn zu beruhigen. Daraufhin rollte er
sich noch mehr zusammen und rückte mit einem zufriedenen Grunzen zu
mir hin; er spürte, daß ich da war. Ich legte ihm den Arm um
die Hüfte und streifte dabei seine Hoden. Es war leicht, ihn zu
erregen, auch wenn er schlief; durch die Berührung meiner Hand
konnte ich ihn sofort zur Erektion bringen.
Doch ich wollte seinen Schlaf nicht stören und
begnügte mich damit, ihm sanft den Bauch zu streicheln. Er reichte
mit seiner Hand nach hinten und tätschelte meine Beine.
»Ich liebe dich«, murmelte er im Halbschlaf.
»Ich weiß«, flüsterte ich und schlief bald
ein.