38
Ein Handel mit dem Teufel
Die dicken Regenwolken, die die Burg einhüllten, brachten Husten und Schnupfen nach Edinburgh. Es regnete Tag und Nacht, so daß das Pflaster endlich einmal von Abwässern gesäubert wurde, aber die Freude über die reine Luft wurde durch den schleimigen Auswurf getrübt, der allenthalben in den Gassen und Gäßchen zu finden war.
Trotz des unwirtlichen Wetters war ich die meiste Zeit draußen, unterwegs zwischen Holyrood und dem Canongate. Der Regen, der mir ins Gesicht peitschte, schien mir erträglicher als der Rauch schwelender Holzfeuer und die bakterienverseuchte Luft im Innern der Häuser. Die Bewohner des Palasts husteten und niesten fortwährend. Die erlauchte Anwesenheit Seiner Hoheit zwang die Leidenden allerdings, in schmutzige Taschentücher oder in die mit Delfter Fliesen verzierten Kamine zu spucken und den auf Hochglanz polierten Fußboden aus schottischer Eiche zu verschonen.
Es wurde schnell dunkel in dieser Jahreszeit. Ich befand mich auf der High Street und beeilte mich, noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder in Holyrood zu sein. Nicht, daß ich Angst vor Überfällen gehabt hätte. Auch wenn ich nicht allen Jakobiten, die die Stadt besetzt hatten, bekannt gewesen wäre - die allgemein verbreitete Abneigung gegen frische Luft hielt die Menschen in den Häusern.
Mich quälte nur die Angst, im Finstern auszurutschen und mir auf den schlüpfrigen Pflastersteinen den Fuß zu verrenken. Die Stadt wurde lediglich vom schwachen Schein der Laternen erleuchtet, die die Nachtwächter bei sich trugen. Diese hatten die irritierende Angewohnheit, von Toreingang zu Toreingang zu huschen und wie Glühwürmchen aufzutauchen und wieder zu verschwinden. Manchmal verschwand ein solcher Laternenträger auch für eine gute halbe Stunde ganz von der Bildfläche, etwa wenn er einen Abstecher in die Taverne am Ende des Canongate machte, um sich ein lebensrettendes heißes Ale zu genehmigen.
Ich spähte zum grauen Himmel über der Kirche am Canongate, um einzuschätzen, wieviel Zeit noch bis zum Einbruch der Dunkelheit blieb. Mit ein bißchen Glück konnte ich noch in Mr. Haughs Apotheke vorbeischauen. Er konnte zwar nicht die Schätze vorweisen, die Raymond in seinem gutsortierten Pariser Lager zu bieten hatte, doch er verkaufte Roßkastanien und Fuchsulmenrinde und konnte mir Pfefferminze und Berberitze beschaffen. Um diese Jahreszeit waren sein Verkaufsschlager Kampferkugeln, die als unfehlbares Mittel gegen Erkältung, Katarrh und Schwindsucht galten. Auch wenn sie nicht mehr halfen als moderne Erkältungsmittel, so waren sie doch auch nicht schädlicher. Sie rochen jedenfalls umwerfend gesund.
Obwohl die Menschen durch rote Nasen und bleiche Gesichter entstellt waren, wurden im Palast dauernd Feste abgehalten, bei denen die Noblesse von Edinburgh ihrem Prinzen begeistert huldigte. Schon in zwei Stunden würden Diener, die ihre Herrschaften zum Ball geleiteten, mit flackernden Laternen durch die High Street eilen.
Ich seufzte bei dem Gedanken an den bevorstehenden Ball und die niesenden Kavaliere, die mit verstopfter Nase höfliche Komplimente machten. Vielleicht sollte ich mir Knoblauch besorgen. Man trug ihn gewöhnlich in einer silbernen Duftkugel um den Hals zur Abwehr von Krankheiten. Auf jeden Fall hielt er kränkelnde Gesprächs- und Tanzpartner auf Abstand.
Die Stadt war von Charles’ Truppen besetzt. Die Engländer wurden zwar nicht gerade belagert, fristeten aber in der Burg oberhalb der Stadt ein ziemlich abgeschiedenes Dasein. Dennoch sickerten aus beiden Lagern Nachrichten durch, denen man jedoch nur bedingt Glauben schenken konnte. Mr. Haugh kannte die neuesten Gerüchte, denen zufolge der Herzog von Cumberland südlich von Perth Truppen zusammenzog, um so bald wie möglich nach Norden zu marschieren. Ich hatte keine Ahnung, ob das stimmte, bezweifelte es aber, da ich mich in den historischen Quellen an keine Erwähnung Cumberlands vor dem Frühjahr 1746 erinnern konnte - und soweit war es noch nicht. Dennoch mußte man das Gerücht ernst nehmen.
Die Wache am Tor nickte mir hustend zu. Auch die Wachposten in den Korridoren und an den Treppen husteten. Ich widerstand dem Impuls, ihnen meinen knoblauchgefüllten Korb wie ein Weihrauchgefäß entgegenzuschwenken, und eilte in den Nachmittagssalon, zu dem man mir ohne Zögern Zutritt gewährte.
Dort befand sich Seine Hoheit in Gesellschaft von Jamie, Aeneas MacDonald, O’Sullivan, dem Sekretär Seiner Hoheit und einer finsteren Gestalt namens Francis Townsend, der in letzter Zeit in Seiner Hoheit Gunst stand. Die meisten der Anwesenden hatten rote Nasen, niesten und schnieften. Der schöne Kamin war mit ausgespucktem Schleim verklebt. Ich musterte Jamie, der erschöpft und bleich auf seinem Stuhl saß.
Die Männer, die daran gewöhnt waren, daß ich von meinen Streifzügen in der Stadt Neuigkeiten über die englischen Truppenbewegungen mitbrachte, hörten mir aufmerksam zu.
»Wir sind Ihnen unendlich zu Dank verpflichtet, Mistress Fraser«, meinte Seine Hoheit, als ich meinen Bericht beendet hatte. Dabei verneigte er sich höflich und lächelte. »Sie müssen mir sagen, auf welche Weise ich Ihnen Ihre großzügigen Dienste vergelten kann.«
»Ich wüßte schon, wie«, erwiderte ich und ergriff die Gelegenheit beim Schopf. »Ich möchte meinen Mann gerne mitnehmen und ins Bett stecken. Und zwar gleich.«
Der Prinz starrte mich verblüfft an, hatte sich aber schnell wieder gefaßt. Aeneas MacDonald, der weniger Selbstbeherrschung aufbrachte, wurde von einem eigenartig erstickt klingenden Hustenanfall geschüttelt. Jamies bleiches Gesicht hingegen wurde glühend rot. Er nieste und verbarg sein Gesicht in seinem Taschentuch, warf mir aber funkelnde Blicke zu.
»Ah... Ihren Gemahl«, erwiderte Charles, der sich der Herausforderung tapfer stellte. Seine Wangen überzogen sich mit einer leichten Röte.
»Er ist krank«, sagte ich streng. »Das seht Ihr sicher selbst. Ich möchte, daß er sich ausruht und eine Zeitlang das Bett hütet.«
»Oh, ausruht«, murmelte MacDonald vor sich hin.
Ich suchte nach höflichen Worten.
»Es tut mir leid, wenn ich Eurer Hoheit vorübergehend die Dienste meines Mannes entziehe, aber wenn er sich nicht auskuriert, wird er Euch in Zukunft noch weniger zu Diensten sein können.«
Charles, der inzwischen wieder ganz die Fassung gewonnen hatte, schien beschlossen zu haben, Jamies offenkundige Verlegenheit unterhaltsam zu finden.
»Aber gewiß«, gab er mit einem Blick auf Jamie zurück, dessen Gesicht nunmehr rotbleich gesprenkelt war. »Die Aussicht, die Sie, Madame, eben beschrieben haben, erfüllt uns mit größtem Unbehagen.« Er verneigte sich in meine Richtung. »Es sei, wie Sie wünschen, Madame. Cher James ist entschuldigt, bis er wieder gesund ist. Sie müssen Ihren Gemahl unverzüglich in Ihre Gemächer bringen und... alles unternehmen, was seiner Genesung... dient.« Die Mundwinkel des Prinzen zuckten, also zog er ein riesiges Taschentuch heraus und folgte dem Beispiel Jamies, indem er sein Gesicht darin vergrub und vornehm hustete.
»Paßt auf, Hoheit«, mahnte MacDonald sarkastisch, »daß Ihr Euch nicht bei Mr. Fraser ansteckt.«
»Die eine Hälfte von Mr. Frasers Beschwerden möchte ich mir wohl wünschen«, murmelte Francis Townsend mit sardonischem Grinsen, das ihn wie ein Fuchs im Hühnerstall aussehen ließ.
Jamie, der inzwischen starke Ähnlichkeit mit einer erfrorenen Tomate hatte, stand abrupt auf, verbeugte sich vor dem Prinzen mit einem knappen »Ich danke Eurer Hoheit« und steuerte, mich am Arm packend, auf die Tür zu.
»Laß mich los«, knurrte ich, als wir die Wachen im Vorraum passiert hatten. »Du brichst mir ja den Arm.«
»Gut«, murmelte er. »Sobald wir ungestört sind, breche ich dir das Genick.« Aber ich sah an dem Zucken seiner Mundwinkel, daß sein Ingrimm nur gespielt war.
Als wir die Tür unseres Zimmers geschlossen hatten, zog er mich an sich und lachte, seine Wange an meinen Scheitel geschmiegt.
»Danke, Sassenach«, sagte er.
»Du bist also nicht böse?« fragte ich, mein Gesicht an seine Brust gedrückt. »Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen.«
»Nein, so etwas macht mir nichts aus«, sagte er und ließ mich los. »Mein Gott, Hauptsache, ich bin Seiner Hoheit entronnen. Der Kerl langweilt mich zu Tode, ich bin hundemüde, jeder Muskel tut mir weh.« Er wurde von einem Hustenanfall geschüttelt und lehnte sich erneut gegen die Tür, diesmal, um Halt zu finden.
»Geht es dir gut?« Ich befühlte seine Stirn. Ich war nicht überrascht, aber doch beunruhigt, als ich spürte, wie heiß sie war.
»Du glühst wie ein Backofen!« sagte ich vorwurfsvoll.
»Aye, gut, mir ist aber gar nicht heiß, Sassenach«, wehrte er beinahe ärgerlich ab.
»Keine Widerrede«, tadelte ich, erleichtert, daß er in seinem Zustand noch dazu aufgelegt war, mit mir zu debattieren. »Zieh dich aus. Nein, mach dir keine Hoffnungen«, fügte ich hinzu, als ich das Grinsen auf seinem Gesicht sah. »Ich habe nichts weiter vor, als deinen fiebergeschüttelten Körper so schnell wie möglich in ein Nachthemd zu stecken.«
»Oh, aye? Meinst du nicht, es würde mir guttun, wenn ich ein bißchen ins Schwitzen käme?« Er begann, sich das Hemd aufzuknöpfen. »Ich habe gedacht, du seist der Meinung, Schwitzen ist gesund?« Sein Lachen ging in ein heiseres Husten über; er bekam keine Luft mehr und wurde ganz rot im Gesicht. Das Hemd glitt ihm aus der Hand, und er fing an, vor Kälte zu zittern.
»Viel zu gesund für dich, mein Lieber.« Ich stülpte ihm das dicke Wollnachthemd über den Kopf, das er überstreifte, während ich ihm bereits den Kilt, die Schuhe und die Strümpfe auszog. »Mein Gott, deine Füße sind wie Eiszapfen!«
»Du könntest... sie mir... ja wärmen.« Das Sprechen fiel ihm schwer, denn seine Zähne klapperten, und er ließ sich ohne Widerrede ins Bett bringen.
Ich holte mit einer Zange einen heißen Backstein vom Feuer, wickelte ihn in ein Flanelltuch und schob ihm den Stein unter die Füße.
Der Schüttelfrost ließ jedoch bald nach, und als ich einen Topf mit Wasser und einer Handvoll Pfefferminzblätter und schwarzen Johannisbeeren aufsetzte, hatte Jamie schon aufgehört zu zittern.
»Was ist das?« fragte er argwöhnisch und schnupperte, als ich ein weiteres Gefäß aus meinem Korb zog und öffnete. »Du willst hoffentlich nicht, daß ich das trinke? Es riecht wie eine zu lange abgehangene Ente.«
»Du hast es fast erraten«, sagte ich. »Das ist Gänseschmalz, mit Kampfer vermischt. Damit reibe ich dir jetzt die Brust ein.«
»Nein!a Mit einem Ruck zog er die Decke schützend bis zum Kinn hoch.
»Doch«, sagte ich, keinen Widerspruch duldend.
Während der Einreibeprozedur merkte ich plötzlich, daß wir einen Zuschauer hatten. Fergus stand am anderen Ende des Bettes und beobachtete fasziniert, was ich tat. Seine Nase triefte. Ich nahm mein Knie von Jamies Magengrube und streckte ihm ein Taschentuch entgegen.
»Was machst denn du hier?« fragte Jamie und versuchte sein Nachthemd herunterzuziehen.
Fergus schien durch diese wenig freundliche Begrüßung nicht besonders irritiert. Ohne das ihm angebotene Taschentuch zu beachten, wischte er sich die Nase an seinem Hemdsärmel ab und starrte weiter mit unverhohlener Bewunderung auf Jamies fettglänzende muskulöse Brust.
»Der dünne Milord schickt mich, ein Päckchen zu holen, das Sie angeblich für ihn bereitgelegt haben. Haben alle Schotten so viele Haare auf der Brust, Herr?«
»Um Himmels willen! Die Berichte habe ich ja ganz vergessen! Warte, ich bringe sie Cameron selbst!««rief Jamie und wollte sich im Bett aufsetzen. Dabei kam er mit der Nase beinahe an die Brust, um die ich mich eben so bemüht hatte.
»Puh!« Er fächelte sich mit seinem Nachthemd Luft zu, um den durchdringenden Geruch zu verscheuchen, und wandte sich anklagend an mich: »Wie soll ich diesen Gestank bloß wieder loswerden? Soll ich vielleicht so unter die Leute, stinkend wie eine tote Gans, Sassenach?«
»Ganz bestimmt nicht«, erwiderte ich. »Du bleibst ruhig im Bett liegen und rührst dich nicht, sonst bist du eine tote Gans.« Ich setzte meine allerstrengste Miene auf.
»Ich kann das Päckchen hinbringen, Herr«, versicherte Fergus.
»Das wirst du nicht«, sagte ich, als ich die geröteten Wangen und die glänzenden Augen des Jungen sah. Ich legte ihm eine Hand auf die Stirn.
»Jetzt sag bloß nicht«, bemerkte Jamie sarkastisch, »daß er Fieber hat.«
»Doch.«
»Ha«, wandte er sich an Fergus mit einem Ausdruck düsterer Genugtuung. »Jetzt bist du an der Reihe. Mal sehen, wie es dir gefällt, wenn sie dich einseift.«
Kurze Zeit später lag auch Fergus auf seinem Strohsack am Feuer, dick in Decken eingepackt, mit Gänseschmalz eingerieben und mit Kräutertee versorgt. Beiden Patienten hatte ich ein sauberes Taschentuch in Reichweite gelegt.
»Und jetzt«, verkündete ich und wusch mir dabei ausgiebig die Hände, »werde ich dieses wertvolle Päckchen mit Berichten zu Mr. Cameron bringen. Ihr beide bleibt brav im Bett liegen, trinkt heißen Tee, ruht euch aus und putzt euch die Nase - in dieser Reihenfolge. Verstanden, die ganze Kompanie?«
Jamies gerötete Nasenspitze bewegte sich langsam hin und her, als er seinen Kopf schüttelte.
»Machtbesessen«, seufzte er mißbilligend und blickte zur Zimmerdecke. »Eine sehr unweibliche Haltung.«
Ich drückte ihm einen Kuß auf die heiße Stirn und nahm meinen Umhang vom Kleiderhaken.
»Wie schlecht du die Frauen kennst, mein Lieber«, erwiderte ich.
 
Bei Ewan Cameron liefen die Fäden dessen zusammen, was man den Geheimdienst von Holyrood nennen könnte. Sein Quartier befand sich an einem Ende des Westflügels in der Nähe der Küche. Wohl nicht ganz zufällig, wie ich mutmaßte, als ich einmal den Appetit dieses Mannes aus der Nähe beobachten konnte. Vermutlich hat er einen Bandwurm, dachte ich, als ich sein ausgemergeltes Gesicht sah, während er das Päckchen öffnete und die Berichte herausnahm.
»Alles in Ordnung?« fragte ich nach einer Weile.
Er zuckte zusammen, hob den Kopf und blinzelte mich an.
»Hm? Oh!« Hastig entschuldigte er sich: »Verzeihung, Mistress Fraser. Wie unhöflich von mir, Sie einfach hier stehenzulassen. Ja, es scheint alles in Ordnung zu sein - höchst interessant. Würden Sie bitte so freundlich sein und Ihrem Gemahl ausrichten, daß ich diese Angelegenheit so bald wie möglich mit ihm besprechen möchte? Ich habe gehört, daß er sich im Augenblick nicht wohl fühlt«, fügte er taktvoll hinzu und vermied es, mich anzublicken. Offenkundig hatte Aeneas MacDonald nichts Eiligeres zu tun gehabt, als ihm von meinem Auftritt beim Prinzen zu erzählen.
»Es geht ihm wirklich nicht gut«, entgegnete ich knapp. Daß Jamie aufstand und mit Cameron und Lochiel die ganze Nacht über den Berichten brütete, war das letzte, was ich wollte. Das wäre fast so schlimm, wie die ganze Nacht mit den Damen von Edinburgh tanzen zu müssen. Na ja, vielleicht nicht ganz so schlimm, gab ich zu, als ich mich an die drei Damen Williams erinnerte.
»Er wird kommen, sobald er kann«, sagte ich und zog meinen Umhang enger um mich. »Ich werde es ihm ausrichten.« Ja, ich würde es ihm ausrichten, aber erst am nächsten Tag. Oder am übernächsten. Wo immer sich die englischen Truppen im Augenblick auch befanden, ich war sicher, daß sie mindestens hundertfünfzig Kilometer vor Edinburgh lagen.
 
Bei meiner Rückkehr warf ich einen kurzen Blick ins Schlafzimmer, um mich zu vergewissern, daß die beiden Patienten regungslos unter ihrer Bettdecke lagen und gleichmäßig atmeten. Ich zog erleichtert den Umhang aus und begab mich mit einer Tasse heißen Tee, dem ich zur Vorbeugung einen tüchtigen Schuß Weinbrand hinzugefügt hatte, in den Salon.
Während ich meinen Tee schlürfte, spürte ich, wie die heiße Flüssigkeit durch meine Kehle rann und die Wärme sich in meiner Brust und in meinem Bauch ausbreitete. Ich hielt mir die Tasse unter die Nase, sog den angenehm bitteren Duft ein und spürte, wie die heißen Weinbranddämpfe meine Stirnhöhlen reinigten. Es erschien mir beinahe wie ein Wunder, daß ich mich in einer Stadt und in einem Haus, in dem die Grippe die Runde machte, selbst nicht angesteckt hatte.
Abgesehen vom Kindbettfieber, war ich seit meiner Reise durch den Steinkreis nicht ein einziges Mal krank gewesen. Das war wirklich eigenartig. In Anbetracht der hygienischen Bedingungen und der überfüllten Behausungen hätte ich doch wenigstens einen Schnupfen bekommen müssen. Doch meine Gesundheit blieb unerschütterlich.
Ich war gewiß nicht immun gegen alle Krankheiten, denn sonst hätte ich ja das Fieber nicht bekommen dürfen. Wie stand es mit den üblichen ansteckenden Krankheiten? Manches war natürlich durch die Impfungen zu erklären. Pocken, Typhus, Cholera oder Gelbfieber konnte ich nicht bekommen. Eine Gelbfieberepidemie war zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber trotzdem. Ich stellte die Tasse ab und betastete durch den Stoff meines Kleides die Impfnarbe.
Ich schauderte, als ich mich an Geillis Duncan erinnerte, dann schob ich den Gedanken beiseite. Ich wollte weder an jene Frau denken, die den Tod auf dem Scheiterhaufen erlitten hatte, noch an Colum MacKenzie, der für ihren Tod verantwortlich war.
Ich stand auf, um mir eine zweite Tasse Tee zu holen. Vielleicht war es eine angeborene Immunität, überlegte ich weiter. Ich hatte während meiner Schwesternausbildung gelernt, daß Erkältungen durch zahllose Viren ausgelöst werden, die sich ständig verändern. Wenn man einmal mit einem bestimmten Virus in Berührung gekommen ist, wird man gegen ihn immun. Man erkältet sich aber immer wieder, wenn man von neuen, andersartigen Viren befallen wird. Doch die Wahrscheinlichkeit, einen Virus aufzuschnappen, mit dem man nicht schon in Berührung gekommen ist, wird mit zunehmendem Alter immer geringer. Demnach, das hatte ich damals gelernt, erkälten sich Kinder durchschnittlich sechsmal pro Jahr, Menschen mittleren Alters nur noch zweimal und ältere Menschen alle paar Jahre einmal; und zwar deshalb, weil sie mit den meisten gängigen Viren schon einmal in Berührung gekommen und immun geworden sind.
Konnte es sein, daß einige Formen der Immunität im Laufe der Entwicklungsgeschichte von Viren und Menschen erblich wurden? Antikörper gegen zahlreiche Krankheiten konnten von der Mutter ans Kind weitergegeben werden, das wußte ich. Dies geschah durch die Plazenta oder die Muttermilch, so daß das Kind - vorübergehend - gegen jene Krankheiten immun wurde, die die Mutter bereits gehabt hatte. Vielleicht bekam ich deshalb keine Erkältung, weil ich ererbte Antikörper gegen Erreger des achtzehnten Jahrhunderts besaß - weil ich von all den Erkältungen, die meine Vorfahren sich im Lauf der letzten zweihundert Jahre eingehandelt hatten, profitierte.
Diese Überlegung faszinierte mich so sehr, daß ich mitten im Zimmer stehenblieb und meinen Tee schlürfte. Plötzlich klopfte es an der Tür.
Ich seufzte ungeduldig. Ohne die Tasse abzustellen, ging ich nachsehen; sicher war es jemand, der sich nach Jamies Gesundheitszustand erkundigen wollte. Ich war entschlossen, den ungelegenen Besucher rasch wieder loszuwerden. Vielleicht war Cameron auf eine unklare Stelle in einem Bericht gestoßen, oder Seine Hoheit hatte es sich anders überlegt und ließ ausrichten, daß Jamie von seiner Teilnahme an dem Ball doch nicht dispensiert sei. Egal, Jamie würden sie nur über meine Leiche hier rausbekommen.
Ich riß die Tür auf, und der Gruß erstarb mir auf den Lippen. Vor mir stand Jack Randall.
Als ich den verschütteten Tee auf meinem Rock spürte, kam ich wieder zu mir, doch da stand er schon im Zimmer. Er musterte mich mit seiner gewohnt verächtlichen Miene, dann warf er einen Blick auf die geschlossene Schlafzimmertür.
»Sie sind allein?«
»Ja!«
Seine haselnußbrauen Augen wanderten mißtrauisch zwischen mir und der Tür hin und her. Er sah nicht sehr gesund aus, er war blaß und schlecht ernährt, und man sah ihm an, daß er sich meist drinnen aufhielt, doch er war wachsam wie eh und je.
Schließlich gab er sich einen Ruck, packte mich am Arm und ergriff meinen abgelegten Umhang.
»Kommen Sie mit.«
Ich hätte mich von ihm lieber in Stücke reißen lassen, als daß ich einen Laut von mir gegeben hätte, der die Aufmerksamkeit Jamies erregt hätte.
Wir waren bereits ein gutes Stück den Korridor entlanggegangen, bevor ich es wagte zu sprechen. Innerhalb des Wohnbereichs gab es keine Wachen, aber das ganze Gelände wurde streng bewacht. Er konnte nicht hoffen, mich unbemerkt aus dem Palast zu bekommen. Was auch immer er vorhatte, er mußte es hier tun.
Mord vielleicht, aus Rache für die Verletzung, die Jamie ihm zugefügt hatte? Bei dem Gedanken wurde mir flau im Magen. Ich musterte ihn verstohlen von der Seite, während wir durch den von Kerzen erleuchteten Korridor schritten. Die Kerzen in diesem Flügel des Palastes waren klein, die Flammen schwach; sie erfüllten keinen dekorativen Zweck, sondern sollten lediglich den in ihre Zimmer zurückkehrenden Bewohnern den Weg erhellen.
Randall trug keine Uniform und schien vollkommen unbewaffnet. Seine Kleidung war schlicht und unauffällig. Über einer einfachen braunen Kniehose trug er einen dicken Rock. Nur seine stramme Körperhaltung und die etwas überheblich wirkende Neigung seines Kopfes - er trug auch keine Perücke - verrieten, wer er war. Er hätte, gut getarnt wie er war, in Begleitung der Ballgäste leicht als Diener in den Festsaal schlüpfen können.
Nein, sagte ich mir, ihn weiterhin mißtrauisch beobachtend, während wir aus dem Halbdunkel wieder in den Lichtkreis einer Kerze gelangten. Er war nicht bewaffnet. Doch der Griff, mit dem er meinen Arm umklammert hielt, war eisenhart. Aber wenn er vorhatte, mich zu erdrosseln, würde er merken, daß ich kein leichtes Opfer war. Ich war fast so groß wie er und weitaus besser genährt.
Als hätte er meine Gedanken erraten, blieb er am Ende des Korridors stehen und riß mich herum.
»Ich will Ihnen nichts zuleide tun«, sagte er mit leiser, aber fester Stimme.
»Das können Sie Ihrer Großmutter erzählen«, gab ich zurück. Ich überlegte, ob mich jemand hören würde, wenn ich hier um Hilfe riefe. Hinter zwei verschlossenen Türen, einem Treppenabsatz und einer langen Treppe stand eine Wache.
Andererseits befanden wir uns in einer Pattsituation. Er konnte mich nicht weiterführen, und ich konnte von da, wo wir uns jetzt befanden, nicht um Hilfe rufen. Dieser Teil des Korridors wurde kaum benutzt, und die wenigen Bewohner dieses Traktes hielten sich zu dieser Stunde im anderen Flügel - im Ballsaal - auf.
Randalls Stimme klang ungeduldig.
»Seien Sie nicht töricht. Wenn ich Sie töten wollte, so könnte ich das hier erledigen. Das wäre weitaus ungefährlicher, als nach draußen zu gehen. Und«, fügte er hinzu, »wenn ich das vorhätte, weshalb hätte ich dann Ihren Umhang mitnehmen sollen?« Wie zum Beweis hob er den Arm hoch, über den er meinen Mantel gelegt hatte.
»Wie zum Teufel soll ich das wissen?« gab ich zurück, obwohl dieser Punkt durchaus einleuchtend war. »Weshalb haben Sie ihn denn mitgenommen?«
»Weil Sie mit mir nach draußen gehen sollen. Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen, und ich will nicht, daß wir dabei belauscht werden.« Er warf einen Blick zur Tür. Die Türen in Holyrood waren alle mit dem gleichen Muster dekoriert: Die oberen vier Paneele waren in Form eines Kreuzes angeordnet, die beiden unteren bildeten ein aufgeschlagenes Buch, die Bibel. Holyrood war früher eine Abtei gewesen.
»Wollen wir in die Kirche gehen? Dort könnten wir ungestört reden.« Das war richtig; die Kirche neben dem Palast, die einstige Abteikirche, wurde schon lange nicht mehr benutzt. Ich zögerte.
»Überlegen Sie doch!« Er schüttelte mich, ließ mich dann aber los und trat einen Schritt zurück. Im Schein des Kerzenlichts konnte ich ihn nur undeutlich erkennen. »Weshalb sollte ich das Risiko auf mich nehmen, den Palast zu betreten?«
Das war eine gute Frage. Sobald er in seiner Verkleidung die Burg verlassen hatte, konnte er sich in den Straßen von Edinburgh frei bewegen. Er hätte mir ebensogut in einem Gäßchen auflauern können. Die einzig plausible Erklärung hatte er bereits selbst gegeben: Er wollte mit mir sprechen, ohne Gefahr zu laufen, entdeckt und belauscht zu werden.
Als er merkte, daß ich bereit war, mich auf seinen Vorschlag einzulassen, ließ er erleichtert die Schultern sinken. Er hielt mir den Umhang hin, so daß ich hineinschlüpfen konnte.
»Sie haben mein Wort, daß Sie unbeschadet wieder nach Hause gehen können, Madam.«
Ich versuchte, in seinem Gesicht zu lesen, aber seine versteinerte Miene verriet nichts.
Ich nahm den Umhang.
»Also gut«, nickte ich.
Wir passierten den Wachposten, der mich mit einem Kopfnicken begrüßte. Die Wachen kannten mich. Es war durchaus nicht ungewöhnlich, daß ich nachts noch unterwegs war, um in der Stadt einen dringenden Krankenbesuch zu machen. Der Wachposten musterte Jack Randall mit scharfem Blick - gewöhnlich begleitete mich Murtagh, wenn Jamie verhindert war -, aber der unauffällig gekleidete Randall erregte keinerlei Aufsehen. Er erwiderte diesen Blick gleichgültig, das Tor des Palastes schloß sich hinter uns, und wir traten hinaus in den dunklen Steingarten.
Es hatte gestürmt und geregnet, doch der Sturm flaute allmählich ab. Dicke Wolkenfetzen zogen über uns hinweg, der Wind fuhr mir unter den Mantel und klatschte mir den Rock an die Beine.
»Hier entlang.« Ich zog den schweren Samtumhang enger um mich, beugte den Kopf gegen den Wind und folgte Jack Randall auf dem Pfad durch den Steingarten.
Als wir den Garten hinter uns hatten, drehten wir uns kurz um, um uns zu vergewissern, daß uns niemand folgte, und eilten dann durch das Gras auf das Kirchenportal zu.
Die verzogene Tür stand angelehnt. Ich stieg über das am Boden aufgehäufte Laub und den Unrat hinweg und tauchte in den dunklen Schatten der Kirche.
Doch auch hier war es nicht ganz finster. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte ich die Säulenreihen des Kirchenschiffs erkennen und die feinen Steinmetzarbeiten an den hohen, leeren Fenstern.
Eine Bewegung in der Dunkelheit verriet mir, wohin Randall gegangen war. Er stand neben den Überresten eines Taufbeckens. Rechts und links davon befanden sich verblaßte Rechtecke an der Wand - die Gedenktafeln für jene, die in der Kirche begraben worden waren.
»Gut«, sagte ich, »hier kann uns niemand hören. Was wollen Sie von mir?«
»Ich benötige Ihre Kenntnisse als Heilerin und erbitte Ihre Verschwiegenheit. Im Austausch dafür erhalten Sie die Informationen, die ich über die Truppenbewegungen und die weiteren Pläne des Kurfürsten besitze«, erwiderte er knapp.
Ich war ehrlich verblüfft. Alles mögliche hatte ich erwartet, darauf aber war ich nicht gefaßt gewesen. Er wollte doch wohl nicht sagen...
»Sie brauchen ärztliche Hilfe?« fragte ich, ohne meine Erregung zu verbergen. »Meine Hilfe? Ich glaubte, daß Sie... äh, ich meine...« Mit großer Selbstbeherrschung gelang es mir, ruhig fortzufahren. »Gewiß haben Sie bereits die notwendige ärztliche Behandlung erhalten. Sie scheinen in guter Verfassung zu sein.« Zumindest nach außen hin. Ich biß mir auf die Lippen, um die aufsteigende Hysterie zu bezähmen.
»Man hat mir gesagt, ich könne von Glück reden, daß ich noch am Leben bin, Madam«, erwiderte er kalt. Er stellte seine Laterne in eine Nische.
»Ich vermute, Ihr Interesse entspringt eher fachlicher Neugier als der Sorge um meine Person«, fuhr er fort. Das Licht der Laterne beleuchtete ihn von der Hüfte an abwärts, Kopf und Schultern blieben im Dunkeln. Er legte eine Hand auf den Bund seine Kniehose.
»Möchten Sie die Narbe sehen, um den Erfolg der Behandlung begutachten zu können?« Sein Gesicht war nicht deutlich zu erkennen, aber in seiner Stimme lag eine frostige, geradezu giftige Kälte.
»Vielleicht später«, erwiderte ich, ebenso kühl wie er. »Wenn nicht für Sie selbst, für wen benötigen Sie dann meine Hilfe?«
Er zögerte, fuhr dann aber fort:
»Für meinen Bruder.«
»Ihren Bruder?« Ich konnte mein Entsetzen nicht verbergen. »Alexander?
»Mein ältester Bruder William kümmert sich, soweit ich weiß, brav und rechtschaffen um die Verwaltung der Familiengüter in Sussex und benötigt keine Hilfe«, gab er trocken zurück. »Ja, mein Bruder Alex.«
Ich streckte die Hand aus, um am kalten Stein eines Grabmals Halt zu finden.
»Erzählen Sie«, forderte ich ihn auf.
 
Es war eine einfache - und eine traurige - Geschichte. Wenn mir jemand anders als Jonathan Randall davon erzählt hätte, wäre ihm mein aufrichtiges Mitgefühl sicher gewesen.
Da Alexander Randall seine Stellung beim Herzog von Sandringham wegen des Skandals um Mary Hawkins verloren hatte und er aufgrund seines schlechten Gesundheitszustands keinen neuen Posten finden konnte, war er gezwungen gewesen, seinen Bruder um Hilfe zu ersuchen.
»William schickte ihm zwei Pfund und einen Brief, gespickt mit ernsten Ermahnungen.« Jack Randall lehnte sich an die Wand und schlug die Füße übereinander. »William ist ein sehr ernsthafter Mensch, fürchte ich. Aber er war nicht bereit, Alex bei sich aufzunehmen. Williams Gattin ist ein bißchen... extrem, möchte ich sagen, in ihren religiösen Überzeugungen.« In seiner Stimme lag ein Hauch von Spott, was ihn mir in diesem Augenblick sympathisch machte. Ober seinem Nachfahren, der äußerlich sein Ebenbild war, unter anderen Umständen hätte ähnlicher sein können?
Der Gedanke an Frank brachte mich so sehr aus dem Gleichgewicht, daß ich Randalls folgende Bemerkung überhörte.
»Verzeihung, was haben Sie gesagt?« Ich preßte meine Hände so fest zusammen, daß mir mein goldener Ehering in den Finger schnitt. Frank war tot. Ich mußte aufhören, an ihn zu denken.
»Ich sagte eben, daß ich Alex ein Zimmer in der Nähe der Burg besorgt habe, damit ich selbst nach ihm sehen kann. Denn meine Mittel erlauben es nicht, einen Dienstboten für ihn zu engagieren.«
Durch die Besetzung Edinburghs war es dann allerdings schwierig geworden, sich um ihn zu kümmern, so daß Alex Randall im vergangenen Monat mehr oder weniger auf sich gestellt war; nur eine Frau kam hin und wieder, um sauberzumachen. Durch die kalte Witterung, die schlechte Ernährung und die ärmlichen Verhältnisse hatte sich sein ohnehin schlechter Gesundheitszustand noch verschlimmert. Schließlich hatte sich Jack Randall, tief besorgt, an mich um Hilfe gewandt. Und um diese Hilfe zu erhalten, hatte er sich entschlossen, seinen König zu verraten.
»Weshalb kommen Sie zu mir?« fragte ich.
Er sah mich etwas überrascht an.
»Weil Sie sind, wer Sie sind.« Seine Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Grinsen. »Wenn man vorhat, seine Seele zu verkaufen, ist es dann nicht sinnvoll, sich an die Mächte der Finsternis zu wenden?«
»Sie glauben tatsächlich, daß ich zu den Mächten der Finsternis gehöre?« Das war offensichtlich der Fall. Ironie lag seinem Wesen zwar ganz und gar nicht fern, doch alles an seinem augenblicklichen Verhalten deutete darauf hin, daß er es ernst meinte.
»Abgesehen von den Geschichten, die in Paris über Sie in Umlauf waren, haben Sie es mir doch selbst gesagt«, erwiderte er. »Als ich Sie aus Wentworth habe gehen lassen.« Er trat einen Schritt zurück.
»Das war ein schwerer Fehler«, fuhr er leise fort. »Sie hätten diesen Ort niemals lebend verlassen dürfen, Sie gefährliche Kreatur. Und dennoch hatte ich keine andere Wahl; Ihr Leben war der Preis, den er forderte. Und ich hätte noch mehr bezahlt für das, was ich dafür von ihm bekommen habe.«
Ich gab ein zischendes Geräusch von mir, zügelte mich aber rasch, doch er hatte es bereits gehört. Zwischen den dahinjagenden Wolken lugte der Mond hervor, der ihn von hinten durch das zerbrochene Fenster anstrahlte. In der Dunkelheit, wenn er wie jetzt den Kopf etwas abgewandt hatte und der grausame Zug um den Mund nicht sichtbar war, sah er wieder dem Mann täuschend ähnlich, den ich einst geliebt hatte. Frank.
Doch ich hatte diesen Mann verraten; dieser Mann würde niemals existieren. Laßt uns den Baum in seinem Saft verderben und ihn aus dem Lande der Lebendigen ausrotten, daß seines Namens nimmermehr gedacht wird.
»Hat er es Ihnen erzählt?« fragte die leise, angenehme Stimme aus dem Halbschatten. »Hat er Ihnen alles erzählt, was zwischen uns geschehen ist, zwischen ihm und mir, in dem kleinen Zimmer in Wentworth?« Ich war entsetzt und wütend, doch mir fiel auf, daß er sich an Jamies Verbot hielt: Er sprach nicht ein einziges Mal Jamies Namen aus. Sein Name gehörte mir.
Zwischen zusammengebissenen Zähnen preßte ich hervor: »Er hat es mir erzählt. Alles.«
Randall stieß einen Seufzer aus.
»Ob Ihnen der Gedanke gefällt oder nicht, meine Liebe, wir sind miteinander verbunden, Sie und ich. Ich kann nicht behaupten, daß es mir sonderlich gefällt, aber ich muß es zugeben. Sie wissen, genau wie ich, wie sich seine Hand anfühlt - so warm, wie von einem inneren Feuer, nicht wahr? Sie kennen den Geruch seines Schweißes und haben die rauhe Behaarung seiner Schenkel gespürt. Sie kennen den Laut, den er ausstößt, wenn er sich vergißt. Ich auch.«
»Seien Sie still«, sagte ich. »Hören Sie auf!« Er achtete nicht darauf, lehnte sich zurück und sprach weiter, wie zu sich selbst. Ich erkannte, was ihn dazu trieb, und es machte mich nur noch rasender - nicht, wie ich zunächst gemeint hatte, die Absicht, mich aus der Fassung zu bringen, sondern ein alles überwältigendes Bedürfnis, von dem Geliebten zu sprechen. Denn mit wem konnte er in dieser Art über Jamie sprechen, wenn nicht mit mir?
»Ich gehe!« sagte ich mit lauter Stimme und drehte mich auf dem Absatz um.
»Sie wollen gehen?« fragte die sanfte Stimme hinter mir. »Ich kann Ihnen General Hawley in die Hände spielen. Sie können aber auch zulassen, daß er das schottische Heer besiegt. Die Wahl liegt bei Ihnen, Madam.«
Ich hatte das starke Bedürfnis, ihm zu sagen, daß General Hawley die Sache nicht wert war. Aber ich dachte an die schottischen Clanführer, die jetzt in Holyrood lagerten, nur wenige Meter von uns entfernt. Und an Jamie. An die Tausenden von Clansmännern, die sie führten. War die Aussicht auf einen Sieg es wert, daß ich meine Gefühle opferte? War dies vielleicht der Wendepunkt - ein erneuter Scheideweg? Wenn ich ihm nicht zuhörte, wenn ich den Handel nicht akzeptierte, den mir Randall vorschlug, was dann?
Langsam drehte ich mich um. »So sprechen Sie«, sagte ich. »Wenn es denn sein muß.« Meine Wut ließ ihn kalt, auch schien er nicht zu befürchten, daß ich ihn abwies. Die Stimme in der finsteren Kirchenruine klang ruhig und beherrscht.
»Ich frage mich manchmal«, fuhr er fort, »ob Sie von ihm soviel bekommen haben wie ich.« Er neigte den Kopf zur Seite, und seine scharf umrissenen Gesichtszüge waren jetzt deutlich zu erkennen. Das Laternenlicht strahlte ihn von der Seite an und ließ seine haselnußbraunen Augen glänzen.
Der Triumph in seiner Stimme war unverkennbar.
»Ich«, sagte er sanft, »ich hatte ihn, wie Sie ihn niemals werden haben können. Sie sind eine Frau. Sie können das nicht verstehen, auch wenn Sie eine Hexe sind. Ich hatte seine Männlichkeit, ich habe ihm genommen, was er mir genommen hat. Ich kenne ihn, so wie er mich kennt. Er und ich, wir sind durch Blutsbande miteinander verknüpft.«
Ich schenke dir meinen Leib, auf daß wir eins sein mögen...
»Sie wählen eine höchst seltsame Weise, mich um Hilfe zu bitten«, sagte ich mit zitternder Stimme. Meine Hände gruben sich in den Stoff meines Rockes, der sich klamm anfühlte.
»Meinen Sie? Verstehen Sie mich nicht falsch, Madam: Ich erflehe nicht Ihr Mitleid, ich beschwöre nicht Ihre Macht wie ein Mann, der Erbarmen bei einer Frau sucht und dabei auf das sogenannte weibliche Mitgefühl hofft. Ginge es nur darum, würden Sie meinen Bruder auch um seiner selbst willen aufsuchen.« Eine Strähne seines dunklen Haares fiel ihm in die Stirn; er strich sie mit der Hand zurück.
»Mir geht es um einen klaren Handel, Madam; für den erwiesenen Dienst wird ein entsprechender Preis bezahlt - denn bedenken Sie, Madam, daß ich für Sie nichts anderes empfinde als Sie für mich.«
Das war ein Schock. Während ich noch um eine Antwort rang, fuhr er fort.
»Wir sind miteinander verbunden, Sie und ich, durch den Leib eines Mannes - durch ihn. Ich möchte nicht, daß durch den Leib meines Bruders eine ähnliche Verbindung entsteht. Ich erbitte Ihre Hilfe für seine Heilung, aber ich möchte nicht riskieren, daß seine Seele in Ihre Hände fällt. Sagen Sie mir also: Akzeptieren Sie den Preis, den ich biete?«
Ich wandte mich von ihm ab und durchquerte langsam das Kirchenschiff. Ich zitterte so heftig, daß ich mich beim Gehen unsicher fühlte; der harte Steinboden unter meinen Füßen erschreckte mich. Das Maßwerk des großen Fensters über dem einstigen Altar hob sich dunkel ab von den weißen Wolken, die der Wind vor sich hertrieb; trübes Mondlicht schien herein.
Vorne angelangt, blieb ich stehen. Ich mußte mich an der Wand abstützen, mußte einen Halt suchen. Behutsam lehnte ich den Kopf gegen die Wand. Mit geschlossenen Augen wartete ich darauf, daß es mir besser ging, daß sich der Puls, der heiß in meinen Schläfen pochte, beruhigte.
Es macht keinen Unterschied, sagte ich mir. Egal, was er ist. Egal, was er sagt.
Wir sind miteinander verbunden, Sie und ich, durch den Leib eines Mannes... Ja, aber nicht durch Jamie. Nicht durch ihn! schrie es in mir. Ja, du hast ihn genommen, du Scheißkerl! Aber ich habe ihn zurückgeholt, ich habe ihn aus deinen Klauen befreit. Du hast keinen Anteil an ihm! Doch der Schweiß, der mir aus allen Poren brach, und das Geräusch meines keuchenden Atems straften meine Gedanken Lügen.
War dies der Preis, den ich für den Verlust von Frank zu zahlen hatte? War es mir gegeben, tausend Leben zu retten durch den Verlust dieses einen?
Ich nahm die dunklen Umrisse des Altars zu meiner Rechten wahr. In diesem Augenblick wünschte ich nichts sehnlicher als die Gegenwart eines höheren Wesens, das mir eine Antwort geben würde. Aber niemand war hier, ich war ganz allein. Die Geister der Toten behielten ihre Meinung für sich.
Ich versuchte, nicht mehr an Jack Randall zu denken. Wenn mich jemand anders gebeten hätte, wäre ich dann gegangen? Abgesehen von allem anderen, ging es hier auch um Alex Randall. »Ginge es nur darum, würden Sie meinen Bruder auch um seiner selbst willen aufsuchen«, hatte der Hauptmann gesagt. Das würde ich natürlich tun. Konnte ich Alex nur wegen des Mannes, der mich darum bat, meine Hilfe verweigern?
Ich verweilte lange so, bevor ich mich müde aufrichtete. Meine Hände waren feucht und glitschig. Mein Nacken schmerzte, mein Kopf war schwer, ich fühlte mich so ausgelaugt und schwach, als hätte mich die über der Stadt liegende Epidemie schließlich doch noch heimgesucht.
Randall war noch da, er wartete geduldig in der kalten Finsternis.
»Ja«, sagte ich, sobald ich nahe genug bei ihm stand. »In Ordnung. Ich komme morgen vormittag. Wohin?«
»Ladywalk Wynd«, antwortete er. »Kennen Sie die Gasse?«
»Ja.« Edinburgh war eine kleine Stadt - es gab nur eine einzige Hauptstraße, die High Street, und zahlreiche enge, schlecht beleuchtete Gäßchen, die davon abzweigten. Ladywalk Wynd zählte zu den armseligeren Gäßchen.
»Ich werde da sein«, sagte er. »Ich werde Ihnen die versprochenen Auskünfte geben.«
Er stand auf und ging einen Schritt auf mich zu, dann blieb er stehen und wartete, bis ich mich in Bewegung setzte. Scheinbar wollte er mir nicht zu nahe kommen.
»Sie haben Angst vor mir, nicht wahr?« sagte ich mit einem tonlosen Lachen. »Glauben Sie, daß ich Sie in einen Giftpilz verwandle?«
»Nein«, erwiderte er und sah mich ruhig an. »Ich habe keine Angst vor Ihnen, Madam. In Wentworth haben Sie versucht, mir Angst einzujagen, als Sie mir den Tag meines Todes nannten. Aber nachdem Sie mir das gesagt haben, können Sie mich nicht mehr bedrohen, denn wenn ich nächstes Jahr im April sterben werde, dann können Sie mir doch jetzt noch nichts anhaben, nicht wahr?«
Wenn ich ein Messer bei mir gehabt hätte, hätte ich ihm spontan das Gegenteil bewiesen. Doch die Macht der Prophezeiung lag auf mir und die Last Tausender schottischer Leben. Er war vor mir sicher.
»Ich halte nur deshalb Abstand, Madam«, fuhr er fort, »weil ich es vorziehe, Sie nicht zu berühren.«
Ich lachte wieder, diesmal aber war es ein echtes Lachen.
»Damit, Hauptmann«, sagte ich, »sprechen Sie mir aus der Seele.« Ich drehte mich um und verließ die Kirche, ohne mich weiter um ihn zu kümmern.
Ich sah keine Notwendigkeit, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, ob er sein Wort halten würde. Er hatte mich aus Wentworth freigelassen, weil er sein Wort gegeben hatte. Sein Wort war für ihn bindend. Jack Randall war ein Ehrenmann.
 
Was hast du empfunden, als ich Jack Randall meinen Körper überließ? hatte mich Jamie gefragt.
Wut, hatte ich geantwortet. Übelkeit. Abscheu.
Ich lehnte mich gegen die Tür des Salons und empfand eben diese Gefühle. Das Kaminfeuer war ausgegangen, der Raum war kalt. Der Geruch des mit Kampfer angereicherten Gänseschmalzes stieg mir in die Nase. Kein Laut war zu hören, nur tiefe schnarrende Atemzüge aus dem Schlafzimmer und das ferne Rauschen des Windes, der an den dicken Mauern des Hauses vorbeistrich.
Ich kniete mich vor den Kamin und versuchte, das Feuer wieder zu entfachen. Meine Hände zitterten, und der Feuerstein fiel mir zweimal zu Boden, bevor es mir gelang, Funken zu schlagen. Das macht die Kälte, sagte ich mir. Es war wirklich eisig.
Hat er Ihnen alles erzählt, was zwischen uns geschehen ist? hatte Jack Randall spöttisch gefragt.
»Alles, was ich wissen muß«, murmelte ich vor mich hin. Ich hielt ein Stück Papier in die winzige Flamme, um den Zunder zu entfachen. Dann legte ich Zweige nach, die ebenfalls rasch Feuer fingen. Als das Feuer lichterloh brannte, legte ich einen großen Holzscheit auf. Es war Kiefernholz; grün, doch mit ein wenig Harz, das durch einen Spalt im Holz heraustrat wie eine winzige goldene Perle.
Irgendwann einmal könnte daraus ein Tropfen Bernstein werden, hart und dauerhaft wie Edelstein. Doch der Harztropfen erglühte in der Hitze der Flammen, platzte auf, explodierte in einem winzigen Funkenregen und war verschwunden.
»Alles, was ich wissen muß«, flüsterte ich. Fergus’ Strohlager war leer; er war wohl frierend aufgewacht und hatte sich einen warmen Unterschlupf gesucht.
Ich fand ihn zuammengerollt in Jamies Bett; der dunkle und der rote Haarschopf lagen einträchtig nebeneinander auf dem Kissen. Die beiden schnarchten friedlich. Ich lächelte, aber ich hatte nicht vor, auf dem Boden zu schlafen.
»Los, raus hier«, flüsterte ich Fergus zu, schob ihn behutsam an den Bettrand und nahm ihn in meine Arme. Er hatte einen leichten Knochenbau, und für ein zehnjähriges Kind war er sehr schmächtig, trotzdem war er keine leichte Last. Doch ich trug ihn ohne große Schwierigkeiten zu seinem Strohlager und legte ihn darauf nieder. Er wachte nicht auf.
Während ich mich langsam auszog, betrachtete ich Jamie. Er hatte sich in seiner Betthälfte zusammengerollt. Seine langen Wimpern waren kastanienbraun, an den Spitzen fast schwarz, am Ansatz hellblond. Er wirkte unschuldig, trotz der langen, geraden Nase und den festen Linien von Mund und Kinn.
Im Hemd schlüpfte ich zu ihm ins Bett und kuschelte mich an sein weites warmes Wollnachthemd. Er hatte mir den Rücken zugewandt und bewegte sich ein wenig; er hustete, und ich legte ihm meine Hand auf die Hüfte, um ihn zu beruhigen. Daraufhin rollte er sich noch mehr zusammen und rückte mit einem zufriedenen Grunzen zu mir hin; er spürte, daß ich da war. Ich legte ihm den Arm um die Hüfte und streifte dabei seine Hoden. Es war leicht, ihn zu erregen, auch wenn er schlief; durch die Berührung meiner Hand konnte ich ihn sofort zur Erektion bringen.
Doch ich wollte seinen Schlaf nicht stören und begnügte mich damit, ihm sanft den Bauch zu streicheln. Er reichte mit seiner Hand nach hinten und tätschelte meine Beine.
»Ich liebe dich«, murmelte er im Halbschlaf.
»Ich weiß«, flüsterte ich und schlief bald ein.
Die Geliehene Zeit
gaba_9783641059972_oeb_cover_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_toc_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_fm1_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_ata_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_fm2_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_ded_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_fm3_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_p01_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c01_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c02_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c03_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c04_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c05_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_p02_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c06_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c07_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c08_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c09_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c10_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c11_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c12_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c13_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c14_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c15_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c16_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c17_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_p03_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c18_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c19_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c20_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c21_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_p04_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c22_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c23_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c24_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c25_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c26_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c27_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c28_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c29_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_p05_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c30_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c31_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c32_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c33_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c34_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c35_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_p06_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c36_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c37_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c38_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c39_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c40_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c41_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c42_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c43_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c44_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c45_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c46_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_p07_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c47_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c48_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_c49_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_ack_r1.html
gaba_9783641059972_oeb_cop_r1.html