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»Eine Dame mit üppigem braunen Lockenhaar...
ohne Datum«
Ich tauchte aus einem flirrenden gelben Nebel aus
Sonnenlicht, Staub und Erinnerungsfetzen auf und war vollkommen
verwirrt.
Über mich gebeugt sah ich Frank, der mit
sorgenvollem Gesicht meine Hand hielt. Nur daß es nicht Frank war.
Die Hand, die die meine umfaßte, war viel größer als die von Frank,
und meine Finger spürten drahtiges, festes Haar am Handgelenk.
Franks Hände jedoch waren glatt wie die eines Mädchens.
»Alles in Ordnung?« Ich erkannte Franks beherrschte
Stimme. »Claire!« Diese tiefere und rauhere Stimme hörte sich gar
nicht nach Frank an. Sie klang auch nicht beherrscht, sondern
ängstlich, ja entsetzt.
»Jamie.« Endlich fand ich den Namen, der zu dem
Bild vor meinem geistigen Auge paßte. »jamie! Nicht...« Mit einem
Ruck setzte ich mich auf und blickte verwirrt von einem Gesicht zum
nächsten. Ich fand mich umgeben von einem Kreis neugieriger
Höflinge, von denen sich einige etwas tiefer und näher
hinuntergebeugt hatten. Man hatte eine kleine Lücke für Seine
Majestät freigelassen, die mich mit teilnahmsvollem Interesse
musterte.
Zwei Männer knieten im Staub neben mir. Zu meiner
Rechten Jamie, die Augen weit aufgerissen, das Gesicht kreidebleich
wie die Weißdornblüten über ihm. Und zu meiner Linken...
»Sind Sie wohlauf, Madame?« Die hellbraunen Augen
unter den fragend hochgezogenen Brauen zeigten nichts als höfliche
Besorgtheit. Es war natürlich nicht Frank, und auch nicht Jonathan
Randall. Dieser Mann war gut zehn Jahre jünger als der Hauptmann,
vielleicht eher in meinem Alter, mit einem blassen, keineswegs
wind-und wettergegerbten Gesicht. Seinen feingeschnittenen Lippen
fehlte der grausame Zug, der für den Hauptmann so typisch war.
»Sie...«, krächzte ich und wandte mich von ihm ab,
»Sie sind...«
»Alexander Randall, Madame«, antwortete er rasch
und deutete eine Geste an, als wolle er seinen nicht vorhandenen
Hut ziehen. »Ich glaube allerdings nicht, daß wir schon das
Vergnügen hatten«, meinte er mit einem leisen Zweifel.
»Ich... äh... nein, gewiß nicht«, stotterte ich und
ließ mich in Jamies Arme sinken. Sie waren fest wie Stahl, doch
seine Hand, die die meine umfaßt hielt, zitterte, und ich verbarg
sie in den Falten meines Kleides.
»Eine etwas formlose Bekanntmachung, Mrs. äh,
nein... Herrin von Broch Tuarach, nicht wahr?« Ich wandte den Kopf
nach der hohen, piepsenden Stimme um und blickte in das gerötete,
pausbäckige Gesicht des Herzogs von Sandringham, das neugierig
zwischen dem Comte de Sevigny und dem Duc d’Orleans hervorlugte. Er
zwängte seinen plumpen Körper zwischen den Umstehenden hindurch und
reichte mir die Hand, um mir aufzuhelfen. Während er noch meine
schweißfeuchte Hand hielt, verbeugte er sich in Alexander Randalls
Richtung, der verwirrt die Stirn runzelte.
»Mr. Randall steht als Sekretär in meinen Diensten,
gnädige Frau. Die Priesterweihe ist eine edle Berufung, doch von
hehren Absichten allein kann man nicht leben, nicht wahr, Alex?«
Der junge Mann errötete ein wenig, nahm die Spitze jedoch
widerspruchslos hin und verneigte sich vor mir. Da erst bemerkte
ich seinen nüchternen dunklen Anzug und den steifen weißen Kragen,
die ihn als Geistlichen auswiesen.
»Seine Hoheit hat ganz recht, gnädige Frau. Und
deshalb bin ich ihm überaus dankbar für die Stelle.« Seine leicht
verkniffenen Lippen schienen anzudeuten, daß seine Dankbarkeit
vielleicht doch nicht so groß war, ungeachtet der schönen Worte.
Ich sah den Herzog an, dessen kleine blaue Augen in die Sonne
blinzelten. Sein Gesichtsausdruck war undurchdringlich.
Das kleine Intermezzo fand ein Ende, als der König
mit einem Händeklatschen zwei Lakaien herbeirief. Auf Louis’
Anweisung packten sie mich an den Armen und setzten mich trotz
meines Protestes in eine Sänfte.
»Nicht doch, Madame«, tat er huldvoll meine
Einwände wie auch meine Dankesbekundungen ab. »Begeben Sie sich
nach Hause und ruhen Sie sich aus; wir möchten doch nicht, daß Sie
bei dem
morgigen Ball indisponiert sind, non?« Seine großen braunen
Augen zwinkerten mir zu, während er meine Hand an die Lippen
führte. Ohne den Blick von mir abzuwenden, verbeugte er sich
förmlich vor Jamie, der geistesgegenwärtig genug war, eine
freundliche Dankesrede zu halten. Darauf erwiderte der König:
»Ihren Dank, mein Herr, würde ich gerne in der Weise
entgegennehmen, daß Sie mir einen Tanz mit Ihrer bezaubernden Frau
gestatten.«
Jamie kniff die Lippen zusammen, verbeugte sich
jedoch und antwortete: »Meine Frau ist, wie auch ich, geehrt von
Eurer Freundlichkeit, Eure Majestät.« Er warf mir einen flüchtigen
Blick zu. »Wenn sie soweit bei Kräften ist, daß sie an dem Ball
teilnehmen kann, wird es ihr eine Freude sein, mit Eurer Majestät
zu tanzen.« Ohne eine förmliche Entlassung abzuwarten, wandte er
sich ab und nickte den Sänftenträgern zu.
»Nach Hause«, sagte er.
Als ich nach dem holprigen Transport durch
Straßen, die nach Blumen und Kloake rochen, endlich zu Hause
angelangt war, vertauschte ich mein schweres Kleid und das
unbequeme Korsett mit einem seidenen Morgenmantel.
Jamie saß mit geschlossenen Augen am erkalteten
Kamin. Er war weiß wie sein Leinenhemd.
»Heilige Jungfrau«, murmelte er und schüttelte den
Kopf. »Bei Gott und allen Heiligen, das war knapp. Um Haaresbreite
hätte ich den Mann ermordet. Weißt du, Claire, wenn du nicht
ohnmächtig geworden wärst... Himmel, ich wollte ihn wirklich
umbringen, mit aller Willenskraft, die ich aufbringen konnte.«
Er schauderte.
»Hier. Leg lieber die Beine hoch«, drängte ich und
stellte ihm einen schweren geschnitzten Schemel hin.
»Nein, es geht schon wieder«, meinte er mit einer
wegwerfenden Handbewegung. »Dann ist er also... Jack Randalls
Bruder?«
»Es sieht ganz danach aus«, entgegnete ich trocken.
»Er kann ja kaum jemand anders sein.«
»Hm. Hast du gewußt, daß er für Sandringham
arbeitet?«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich wußte... ich
weiß von ihm nicht mehr als seinen Namen und daß er
Hilfsgeistlicher ist. F... Frank hat sich nicht sonderlich für ihn
interessiert, da er kein direkter Vorfahr ist.« Meine Stimme
zitterte verräterisch, als ich Frank erwähnte.
Jamie stellte seine Flasche ab und kam zu mir. Er
bückte sich langsam, hob mich hoch und wiegte mich in seinen Armen.
Sein Hemd hatte noch den frischen, intensiven Geruch der Gärten von
Versailles. Nachdem er mich auf die Stirn geküßt hatte, wandte er
sich zum Bett.
»Komm, leg den Kopf hin, Claire«, sagte er leise.
»Wir haben beide einen langen Tag hinter uns.«
Ich befürchtete, daß Jamie nach der Begegnung mit
Alexander Randall wieder schlecht träumen würde. Es geschah nicht
oft, aber gelegentlich spürte ich, wie er plötzlich angespannt und
gleichsam kampfbereit neben mir lag. Dann taumelte er aus dem Bett
und verbrachte die Nacht am Fenster, als böte es eine
Fluchtmöglichkeit. In diesem Zustand wollte er weder angesprochen
noch berührt werden. Und am nächsten Morgen hatte er Jonathan
Randall und die anderen Dämonen der Finsternis wieder in ihre
Schachtel gepackt, fest verschnürt mit dem eisernen Band seines
Willens, und alles war wieder in Ordnung.
Doch Jamie schlief rasch ein, und als ich die Kerze
löschte, war sein Gesicht friedlich und entspannt.
Es war die reine Glückseligkeit, reglos dazuliegen,
während sich die Wärme in meinen kalten Gliedern ausbreitete. Doch
meine frei umherschweifenden Gedanken führten mir immer und immer
wieder jene Szene vor dem Palast vor Augen - ein flüchtiger Blick
auf einen dunkelhaarigen Kopf, eine hohe Stirn, enganliegende Ohren
und ein kantiges Kinn -, dieses erste, blitzartige Gefühl eines
vermeintlichen Wiedererkennens hatte mir gleichermaßen einen
freudigen und einen bangen Schrecken eingejagt. Frank, hatte ich
gedacht. Frank. Und ich sah Franks Gesicht vor mir, bis ich
einschlummerte.
Es war ein Vorlesungssaal der Londoner Universität;
eine alte Holzdecke und ein moderner Linoleumfußboden, auf dem
unruhige Füße scharrten. Man saß auf alten, glatten Bänken; neues
Mobiliar blieb der naturwissenschaftlichen Fakultät vorbehalten.
Für Geschichte genügten sechzig Jahre alte, verschrammte Holzpulte.
Schließlich war der Forschungsgegenstand fest und unveränderlich -
warum sollte es da bei der Einrichtung anders sein?
»Kunstgegenstände«, ertönte Franks Stimme, »und
Gebrauchsgegenstände.« Seine Finger berührten den Rand eines
silbernen
Kerzenhalters, und die hereinfallenden Sonnenstrahlen glänzten auf
dem Metall, als hätten Franks Finger es elektrisiert.
Die Gegenstände, allesamt Leihgaben des Britischen
Museums, standen auf dem Tisch. Die Studenten in der ersten Reihe
konnten die winzigen Sprünge in dem vergilbten Elfenbein der
französischen Spielgeldschatulle erkennen. Und die bräunlichen
Tabakflecken an den Rändern einer weißen Tonpfeife. Und ein
goldenes englisches Parfümfläschchen, ein goldbronzenes Tintenfaß
mit geriffeltem Deckel, einen geborstenen Hornlöffel und eine
kleine Marmoruhr mit zwei trinkenden Schwänen darauf.
Hinter diesen Gegenständen lagen Miniaturen auf dem
Tisch; was sie darstellten, war nicht zu erkennen, denn die Sonne
spiegelte sich darin.
Die Nachmittagssonne verlieh Franks dunklem Haar
einen rötlichen Schimmer, während er hingebungsvoll über die
Gegenstände gebeugt dastand. Schließlich hob er mit der einen Hand
die Tonpfeife hoch, während er die andere wie zum Schutz
darüberwölbte.
»Aus einigen historischen Epochen«, fuhr er fort,
»ist uns die Geschichte selbst überliefert: das schriftliche
Zeugnis der Menschen jener Zeit. Von anderen Perioden sind uns nur
Gegenstände erhalten geblieben, die uns zeigen, wie die Menschen
damals gelebt haben.«
Er führte die Pfeife an den Mund, schürzte die
Lippen um das Mundstück und blähte mit komisch hochgezogenen
Augenbrauen die Wangen. Aus der Zuhörerschaft drang ein verhaltenes
Kichern. Lächelnd legte er die Pfeife weg.
»Kunstgegenstände«, er wies auf die glitzernde
Sammlung, »findet man besonders häufig, die Schmuckstücke einer
Gesellschaft. Warum auch nicht?« wandte er sich an einen
intelligent dreinschauenden braunhaarigen Jungen - der Trick eines
geschickten Referenten: Man sucht sich jemanden von den Zuhörern
aus und tut so, als spreche man nur zu ihm. Dann wählt man einen
anderen aus. Auf diese Weise fühlt sich jeder im Raum persönlich
angesprochen.
»Schließlich sind es ja sehr hübsche Dinge.« Eine
leichte Berührung brachte die Schwäne auf der Uhr zum Kreisen,
während sie würdevoll ihre geschwungenen Hälse reckten. »So etwas
wirft man nicht weg. Aber wer würde schon einen alten, geflickten
Teewärmer oder einen ausgedienten Autoreifen aufheben?« richtete er
diesmal das Wort an eine hübsche Blondine mit Brille. Das Mädchen
lächelte und gab ein kurzes Kichern von sich.
»Aber es sind gerade die Gebrauchsgegenstände, die
Dinge, für die es keine schriftlichen Belege gibt, die man benutzt,
bis sie kaputtgehen, und dann achtlos wegwirft, durch die wir
erfahren, wie der Durchschnittsmensch gelebt hat. Beispielsweise
verraten uns diese Dinge hier einiges über die Häufigkeit und die
Art und Weise des Tabakgenusses in den verschiedenen
Gesellschaftsschichten, den höheren«, Frank tippte an den
Emaildeckel einer Schnupftabakdose, »und den niederen.« Mit
liebevoller Vertrautheit strich sein Finger über das lange, gerade
Pfeifenmundstück, und er lächelte.
Jetzt hatte er sie alle in seinen Bann geschlagen;
sie mit seiner guten Laune angesteckt und ihre Aufmerksamkeit auf
die funkelnden Gegenstände gerichtet. Nun würden sie ihm mit wachem
Interesse und ohne Klagen durch das Dickicht der Theorien
folgen.
»Der beste Zeuge der Geschichte ist derjenige -
oder diejenige«, er nickte der Blondine zu, »der oder die in jener
Zeit gelebt hat, stimmt’s?« Lächelnd griff er nach dem gesprungenen
Hornlöffel. »Vielleicht, vielleicht auch nicht. Schließlich liegt
es in der Natur des Menschen, die Dinge von ihrer Schokoladenseite
zu zeigen, wenn man weiß, daß das, was man schreibt, von anderen
gelesen wird. Man neigt dazu, sich auf das zu konzentrieren, was
man für wichtig hält, und oft genug wird es der Öffentlichkeit ein
wenig geschönt präsentiert. Selten findet man einen Zeitzeugen wie
Pepys, der den Einzelheiten einer königlichen Prozession ebensoviel
Interesse schenkte wie dem Umstand, wie oft er seinen Nachttopf
benutzen mußte.«
Diesmal lachten alle. Locker und entspannt lehnte
Frank sich an den Tisch, während er mit dem Löffel spielte.
»Deshalb werden gerade die hübschen Dinge, die
kunstvollen Objekte besonders gern aufgehoben. Aber Nachttöpfe,
Löffel und billige Tonpfeifen geben uns mindestens genausoviel
Aufschluß über die Menschen, die sie benutzt haben.
Und was waren das für Menschen? Wir haben die
Vorstellung, historische Personen seien ganz anders als wir,
beinahe etwas Mythisches. Aber das hier hat jemand zum Spielen
benutzt«, sein Zeigefinger strich über die Spielgelddose, »und das
hat einmal einer Dame gehört«, er stupste das Parfümflakon an, »die
sich damit parfümiert hat - hinter den Ohren, an den
Handgelenken...
oder wo parfümieren sich Damen noch?« Er sah plötzlich auf und
lächelte die mollige Blondine in der ersten Reihe an. Das Mädchen
errötete, kicherte und deutete züchtig auf den V-Ausschnitt ihrer
Bluse.
»Ah, ja. Da natürlich auch. Nun, die Besitzerin
dieses Flakons hat es nicht anders getan.«
Frank drehte sich zum Tisch um, und eine
Haarsträhne fiel ihm in die Stirn, als seine Hand unentschlossen
über den Miniaturen verharrte.
»Und dann gibt es einen besonderen Typ von Objekten
- Porträts. Eine Kunstform einerseits, andererseits der einzige
Beleg dafür, wie die Leute damals ausgesehen haben. Doch wie
wirklich erscheinen sie uns?««
Er hob ein winziges ovales Bild auf und drehte es
zu den Studenten hin, während er vorlas, was auf dem kleinen
Aufkleber auf der Rückseite stand.
»Eine Dame mit gelocktem, braunem, hochgestecktem
Haar; rosafarbenes Kleid und Chemise mit Rüschenkragen. Hintergrund
Himmel und Wolken. Von Nathaniel Plimer, mit dessen Initialen und
Datum von 1786.« Daneben hielt er ein rechteckiges Porträt
hoch.
»Ein Herr mit gepudertem Haar en queue;
brauner Rock, blaue Weste, Batistjabot und Ordenszeichen,
vermutlich des Bath-Ordens. Von Horace Hone, mit Monogramm und
Datum von 1780.«
Das Gemälde zeigte einen Mann mit rundlichem
Gesicht. Seine rosigen Lippen waren geschürzt - die typische,
förmlichen Pose der Porträts des achtzehnten Jahrhunderts.
»Wir kennen die Künstler«, fuhr Frank fort und
legte das Porträt weg. »Entweder haben sie ihre Bilder signiert,
oder wir finden in ihrer Technik und dem gewählten Sujet Hinweise
auf ihre Identität. Aber wie steht es mit den Personen, die sie
gemalt haben? Wir sehen sie zwar, doch wir wissen nichts von ihnen.
Die merkwürdigen Frisuren, die seltsame Kleidung - wohl kaum Leute
aus Ihrem Bekanntenkreis, stimmt’s? Und obwohl sie von so vielen
verschiedenen Künstlern gemalt worden sind, sehen die Gesichter
alle gleich aus. Meistens bleiche Vollmondgesichter, und recht viel
mehr läßt sich nicht über sie sagen. Gelegentlich gibt es
Ausnahmen...« Er griff nach einem weiteren ovalen Bild aus der
Sammlung.
»Ein Herr...«
Als Frank das Porträt hochhielt, funkelten mir
Jamies blaue Augen unter dem feuerroten Haar entgegen, das gekämmt,
geflochten und mit Bändern geschmückt ungewöhnlich förmlich aussah.
Über den Spitzen seiner Halsbinde ragte kühn die schmale Nase, und
der breite Mund schien im Begriff zu sprechen.
»Aber es waren tatsächlich reale Menschen«,
beharrte Frank. »Sie taten größtenteils das gleiche wie Sie heute -
abgesehen von ein paar Kleinigkeiten wie Kinobesuchen und
Autofahrten.« Seine Bemerkung fand kichernde Resonanz im Saal.
»Aber sie haben sich um ihre Kinder gesorgt, ihre Ehemänner oder
-frauen geliebt... na ja, vielleicht nicht immer...« Wieder
Gelächter.
»Eine Dame«, sagte er dann leise und hielt das
letzte der Porträts in beiden Händen, als zögerte er, es den
Blicken preiszugeben. »Mit üppigem braunen Lockenhaar und einer
Perlenkette. Ohne Datum. Künstler unbekannt.«
Es war ein Spiegel, kein Porträt. Meine Wangen
erröteten, meine Lippen zitterten, als Franks Finger sachte mein
Kinn und die anmutigen Konturen meines Halses nachzeichnete. Tränen
traten mir in die Augen und liefen über meine Wangen, während ich
seine dozierende Stimme vernahm. Dann legte er das Bild weg. Ich
hob den Blick zu der Holzdecke.
»Ohne Datum, unbekannt. Doch irgendwann einmal...
irgendwann hat sie tatsächlich gelebt.«
Ich rang nach Atem und dachte erst, das Glas vor
dem Bildnis würde mich ersticken. Doch es war etwas Weiches und
Feuchtes, was sich gegen meine Nase drückte, und als ich den Kopf
zur Seite drehte, wachte ich auf. Das Leinenkissen unter meinem
Kopf war tränennaß. Auf meiner Schulter lag Jamies große, warme
Hand und schüttelte mich leicht.
»Ruhig, Mädel, ganz ruhig. Du hast nur geträumt -
ich bin doch bei dir.«
Ich vergrub mein tränennasses Gesicht in der Wärme
seiner bloßen Schulter. Während ich mich fest an seinen kräftigen
Körper schmiegte, drangen die leisen nächtlichen Geräusche des
Pariser Hauses an mein Ohr und riefen mir in Erinnerung, wo ich
mich befand.
»Es tut mir leid«, flüsterte ich. »Ich habe
geträumt - von...«
Er tätschelte meinen Rücken und suchte unter dem
Kissen nach einem Taschentuch.
»Ich weiß. Du hast seinen Namen gerufen.« Es klang
resigniert.
Ich ließ den Kopf wieder an seine Schulter sinken,
Jamie roch nach heimeliger Wärme, der Schlafgeruch seines Körpers
vermischte sich mit dem der Daunendecke und der frischen
Laken.
»Es tut mir leid«, sagte ich abermals.
Er gab ein kurzes Schnauben von sich, das nur
entfernt einem Lachen ähnelte.
»Nun, ich kann nicht leugnen, daß ich wahnsinnig
eifersüchtig auf den Mann bin«, erklärte er reuevoll. »Aber ich
kann ihm ja schlecht deine Träume zum Vorwurf machen. Oder deine
Tränen.« Sein Finger folgte einem kleinen Tränenrinnsal an meiner
Wange, dann trocknete er es mit dem Taschentuch.
»Nein?«
Im Dämmerlicht konnte ich ein schiefes Lächeln
erkennen.
»Nein. Du hast ihn geliebt. Ich kann es keinem von
euch verübeln, um den anderen zu trauern. Und ich finde es
tröstlich zu wissen...«
Als er zögerte, strich ich ihm das zerzauste Haar
aus der Stirn und fragte: »Was zu wissen?«
»Daß du, falls es jemals soweit kommen sollte, in
gleicher Weise um mich trauern wirst«, antwortete er leise.
Ich preßte mein Gesicht so fest gegen seine Brust,
daß meine Worte gedämpft klangen.
»Ich werde nicht um dich trauern, weil ich keinen
Grund dazu haben werde. Ich werde dich nie verlieren, niemals!« Da
schoß mir ein Gedanke durch den Kopf, und ich blickte hoch. Die
feinen Bartstoppeln wirkten wie ein Schatten auf seinem
Gesicht.
»Du hast doch nicht etwa Angst, daß ich zurückgehe?
Du glaubst doch nicht, nur weil ich... an Frank denke...«
»Nein«, kam seine Antwort leise, aber ohne Zögern.
Ebenso rasch schlang er seine Arme besitzergreifend um mich.
»Nein«, flüsterte er wieder und strich über mein
Haar, »wir gehören zusammen, du und ich, und nichts auf dieser Welt
soll mich von dir trennen. Erinnerst du dich an unseren Blutschwur,
als wir geheiratet haben?«
»Ja, ich glaube schon: ›Du bist Blut von meinem
Blute und Fleisch von meinem Fleische...‹«
»Ich schenke dir meinen Leib, auf daß wir eins sein
mögen«, sprach er das Gelübde weiter. »Aye, und ich habe Wort
gehalten,
Sassenach, und du auch.« Er drehte mich etwas zur Seite und legte
seine Hand über die leichte Rundung meines Bauches.
»Blut von meinem Blute«, flüsterte er, »und Fleisch
von meinem Fleisch. Du trägst mich in dir, Claire, und du kannst
mich nicht mehr verlassen, was auch immer geschieht. Du bist mein,
für immer, ob du es willst oder nicht, ob du mich liebst oder
nicht. Du gehörst mir, und ich werde dich nicht hergeben.«
Ich nahm seine Hand und drückte sie an mich.
»Nein«, sagte ich leise. »Und du kannst mich auch
nicht verlassen.«
»Nein«, erwiderte er mit einem halben Lächeln.
»Denn ich habe auch den Rest des Gelübdes gehalten.« Er umfaßte
mich mit beiden Händen und legte den Kopf an meine Schulter, so daß
ich die Wärme an meinem Ohr spürte, als er in die Dunkelheit
flüsterte:
»Ich schenke dir meine Seele, bis wir unser Leben
aushauchen.«