33
Deines Bruder, Hüter
Fergus hatte sich nach anfänglicher Scheu und Zurückhaltung auf dem Gutshof eingelebt und übernahm, zusammen mit dem jungen Rabbie MacNab, die Aufgaben eines Stallburschen.
Rabbie war ein, zwei Jahre jünger als Fergus, jedoch genauso groß wie der schmächtige französische Junge, und bald waren die beiden unzertrennliche Freunde, außer wenn sie Streit bekamen - was zwei- bis dreimal pro Tag geschah - und eine Rauferei anfingen. Eines Morgens, als ihr Streit in eine regelrechte Schlägerei ausartete, griff Jamie ein.
Mit einem Ausdruck, der ahnen ließ, daß seine Geduld am Ende war, packte er die beiden Unholde am Nacken und zerrte sie in die Scheune, wo er, wie ich vermutete, alle noch bestehenden Skrupel gegenüber körperlicher Züchtigung ablegte und ihnen eine tüchtige Tracht Prügel verabreichte. Dann verließ er kopfschüttelnd die Scheune, schnallte seinen Gürtel wieder fest und ritt mit Ian das Tal hinauf nach Broch Mordha. Die Jungen kamen eine Weile später aus dem Stall, zerknirscht, kleinlaut und - im Leiden vereint - wieder die allerbesten Freunde.
Sie waren so butterweich, daß sie es sogar zuließen, daß der kleine Jamie sich ihnen anschloß, während sie ihre Arbeit erledigten. Als ich am späten Vormittag dann aus dem Fenster blickte, sah ich alle drei im Hof mit einem Stoffball spielen.
»Ein hübscher kräftiger Junge, dein Kleiner«, sagte ich zu Jenny, die in ihrem Nähkorb nach einem Knopf suchte. Sie blickte auf, sah hinaus in den Hof und lächelte.
»Ja, unser Jamie ist ein lieber Kerl.« Sie trat zu mir ans Fenster und beobachtete die spielenden Kinder.
»Er ist seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten«, fuhr sie liebevoll fort, »aber er wird, glaube ich, breiter an den Schultern. Womöglich wird er einmal so groß wie sein Onkel. Siehst du seine Beine?« Sie hatte wohl recht; der kleine Jamie, knapp vier Jahre alt, war zwar noch pummelig, doch er hatte lange Beine, und sein Rücken war breit und muskulös. Er hatte den gleichen Knochenbau wie sein Onkel, und wie bei seinem Onkel hatte man das Gefühl, er sei aus zäherem Material als gewöhnliche Sterbliche.
Ich beobachtete, wie sich der Kleine auf den Ball stürzte, ihn sich flink schnappte und Rabbie MacNab zuwarf. Der Ball schoß haarscharf an dessen Kopf vorbei, und Rabbie MacNab fuhr herum, um ihn zu fangen.
»Noch etwas hat er mit seinem Onkel gemein«, sagte ich. »Ich glaube, er wird Linkshänder wie er.«
»O Gott!« rief Jenny und runzelte die Stirn. »Hoffentlich nicht, aber du könntest recht haben.« Sie schüttelte seufzend den Kopf.
»Mein Gott, wenn ich an die Scherereien denke, die der arme Jamie hatte! Alle versuchten, es ihm auszutreiben, angefangen bei unseren Eltern bis hin zum Lehrer, aber er war stur wie ein Holzklotz und gab nicht nach. Alle waren dagegen, bis auf Ians Vater«, fügte sie nach kurzem Nachdenken hinzu.
»Er betrachtete Linkshändigkeit nicht als Makel?« fragte ich neugierig, da ich wußte, daß man zu jener Zeit Linkshändigkeit bestensfalls für ein Unglück, schlimmstenfalls für ein Zeichen von Besessenheit hielt. Jamie schrieb - unter Schwierigkeiten - mit der rechten Hand, weil er in der Schule geschlagen worden war, wenn er die Feder in die linke Hand nahm.
Jenny schüttelte den Kopf, und ihre schwarzen Locken wippten unter ihrer Haube hin und her.
»Nein, er war ein seltsamer Mann, der alte John Murray. Er meinte, wenn Gott es so gewollt hat, daß Jamies linker Arm stark wird, dann sei es eine Sünde, diese Gabe zu verschmähen. Er verstand es, das Schwert zu führen, der alte John, und deshalb hörte mein Vater auf ihn und ließ Jamie den Kampf mit der linken Hand erlernen.«
»Ich dachte, Dougal MacKenzie hat Jamie beigebracht, linkshändig zu kämpfen«, warf ich ein. Ich wollte hören, was Jenny von ihrem Onkel Dougal hielt.
Sie nickte und leckte das eine Ende ihres Fadens ab, bevor sie ihn mit einer raschen Bewegung durch das Nadelöhr führte.
»Aye, das stimmt, aber das war erst später, als Jamie größer war und zu Dougal geschickt wurde. Ians Vater hat ihn die Anfänge gelehrt.« Sie lächelte und blickte nachdenklich auf das Hemd in ihrem Schoß.
»Ich erinnere mich noch genau; als sie noch klein waren, sagte der alte John zu Ian, es sei seine Aufgabe, stets auf Jamies rechter Seite zu stehen, um im Kampf die schwächere Seite seines Clanführers zu schützen. Und das hat er auch getan - sie haben es sehr ernst genommen, die beiden. Und ich glaube, der alte John hatte recht«, fügte sie hinzu und schnitt den überstehenden Faden ab. »Bald waren sie unbesiegbar, nicht einmal die Jungen von MacNab konnten gegen sie ankommen. Jamie und Ian waren großgewachsen und tüchtige Kämpfer, und wenn sie Schulter an Schulter standen, konnte es niemand mit ihnen aufnehmen, auch wenn ihnen die Gegner zahlenmäßig überlegen waren.«
Plötzlich lachte sie und strich sich eine Haarlocke hinters Ohr.
»Beobachte sie einmal, wenn sie zusammen über die Felder gehen. Ich glaube nicht, daß es ihnen heute noch bewußt ist, aber Jamie geht immer links, Ian rechts und schützt so Jamies schwache Seite.«
Jenny blickte aus dem Fenster und legte eine Hand auf die leichte Wölbung ihres Bauches; die Näharbeit lag unbeachtet in ihrem Schoß.
»Hoffentlich ist es ein Junge«, bemerkte sie und sah hinaus zu ihrem Sohn. »Ob Linkshänder oder nicht, es ist gut, wenn ein Mann einen Bruder hat, der ihm zur Seite steht.« Ich blickte - wie Jenny - auf das Bild an der Wand: Es zeigte Jamie als kleines Kind, das zwischen den Knien seines älteren Bruders Willie stand. Beide hatten Stupsnasen und schauten ernst drein. Willies Hand ruhte schützend auf der Schulter seines Bruders.
»Zum Glück hat Jamie Ian«, sagte ich.
Jenny zwinkerte. Sie war zwei Jahre älter als Jamie und demnach drei Jahre jünger, als Willie jetzt gewesen wäre.
»Aye, das stimmt. Und es ist auch mein Glück«, nickte sie sanft und nahm ihre Näharbeit wieder auf.
Ich holte einen Kinderkittel aus dem Nähkorb und stülpte die Innenseite nach außen, um den aufgetrennten Saum unter dem Ärmel zu flicken. Die Kälte draußen war nur erträglich für spielende Kinder und arbeitende Männer; drinnen im Salon war es warm und behaglich. Die Fensterscheiben, die uns vor der Eiseskälte draußen schützten, beschlugen rasch, während wir dasaßen und arbeiteten.
»Apropos Brüder«, sagte ich und kniff die Augen zusammen, als ich den Faden durchs Nadelöhr führte, »hast du Dougal und Colum MacKenzie oft gesehen, als du klein warst?«
Jenny schüttelte den Kopf. »Ich habe Colum nie kennengelernt. Dougal war ein-, zweimal hier, als er Jamie zu Silvester herbrachte, aber ich kann nicht behaupten, daß ich ihn gut kenne.« Sie blickte von ihrer Näharbeit auf und sah mich mit großen Augen an. »Du kennst sie doch. Sag, was ist Colum MacKenzie für ein Mensch? Ich wollte immer mehr über ihn erfahren. Nach dem wenigen, das ich von Besuchern gehört hatte, bin ich neugierig geworden, aber meine Eltern haben nie über ihn gesprochen.« Sie runzelte die Stirn.
»Nein, stimmt gar nicht; mein Vater sagte einmal etwas über ihn. Das war, kurz nachdem Dougal wieder abgereist war und Jamie nach Beannachd mitgenommen hatte. Vater lehnte draußen am Zaun und sah ihnen hinterher, wie sie davonritten, und ich winkte Jamie nach - ich war jedesmal todtraurig, wenn er wieder fortging, da ich nicht wußte, wie lange er wegblieb. Kurz und gut, wir sahen ihnen nach, wie sie hinter dem Hügel verschwanden, und dann drehte sich mein Vater um, seufzte und sagte: ›Gott stehe Dougal MacKenzie bei, wenn sein Bruder Colum stirbt.‹ Dann schien er sich daran zu erinnern, daß ich neben ihm stand, denn er sah mich an, lächelte und meinte: ›Na, Mädel, was gibt’s zum Abendessen?‹ Dann verlor er kein Wort mehr darüber.« Jennys schwarze Augenbrauen, keck und fein wie kalligraphische Zeichen, hoben sich fragend.
»Das erschien mir merkwürdig, denn jeder weiß, daß Colum schwer verkrüppelt ist und Dougal an seiner Stelle die Führung übernommen hat, die Pacht eintreibt, Forderungen erfüllt - und falls nötig, den Clan in den Kampf führt.«
»Ja, das stimmt, aber...« Ich zögerte, da ich nicht genau wußte, wie ich diese seltsame symbiotische Beziehung beschreiben sollte. »Einmal«, fuhr ich mit einem Lächeln fort, »habe ich sie streiten hören, und da sagte Colum zu Dougal: ›Wenn die Brüder MacKenzie sich einen Schwanz und ein Gehirn teilen müssen, dann bin ich froh über meinen Anteil an diesem Geschäft!‹«
Jenny lachte laut auf, dann blickte sie mich erstaunt an, und ihre Augen, die denen ihres Bruders so ähnlich waren, funkelten nachdenklich.
»Ach, so ist das also. Ich habe mich einmal über Dougal gewundert, als er über Colums Sohn, den kleinen Hamish, sprach - mit einer Begeisterung, die für einen Onkel höchst ungewöhnlich war.«
»Du bist fix, Jenny«, sagte ich und sah sie an. »Sehr fix. Ich habe lange gebraucht, bis ich das herausgefunden hatte, und ich habe sie monatelang tagtäglich gesehen.«
Sie zuckte bescheiden die Schultern, doch ein schwaches Lächeln spielte um ihre Lippen.
»Ich höre genau hin«, erwiderte sie, »was die Leute sagen - und was sie verschweigen. Und die Leute hier im Hochland sind zuweilen furchtbar klatschsüchtig. Nun also«, sie biß ein Stück Faden ab und spuckte das Fadenende in ihre Handfläche, »erzähl mir von Leoch. Die Leute sagen, es ist groß, aber nicht so groß wie Beaufort oder Kilravock.«
Wir arbeiteten und plauderten den ganzen Vormittag; nach dem Wäscheflicken wickelten wir Strickgarn auf und schnitten ein neues Kleidchen für Maggie zu. Das Lärmen der Jungs draußen verstummte, doch bald hörten wir von der anderen Seite des Hauses Rufe und Krach. Die jungen Herren hatten wohl genug von der Kälte und krakeelten jetzt in der Küche.
»Es wird bald schneien«, meinte Jenny mit einem Blick zum Fenster. »Die Luft ist feucht; hast du heute morgen den Nebel über dem Loch gesehen?«
Ich schüttelte den Kopf. »Hoffentlich nicht. Sonst wird der Heimweg beschwerlich für Jamie und Ian.« Das Dorf Broch Mordha war nicht einmal fünfzehn Kilometer von Lallybroch entfernt, doch dazwischen lagen steile Hügel, felsige Abhänge, und der Pfad war schmal und wenig begangen.
Kurz nach Mittag begann es tatsächlich zu schneien, und die Schneeflocken wirbelten auch noch nach Einbruch der Dämmerung durch die Luft.
»Sie werden wohl in Broch Mordha übernachten«, sagte Jenny, die mit der Schlafhaube auf dem Kopf den Himmel inspizierte. »Mach dir keine Sorgen; sie sitzen bestimmt ganz behaglich in einer Katen Sie lächelte mir beruhigend zu, während sie die Fensterläden zuklappte. Auf einmal war von unten ein Wimmern zu hören. Mit leisem Protest raffte Jenny ihr Nachthemd zusammen.
»Gute Nacht, Claire!« rief sie und eilte davon, um ihren mütterlichen Pflichten nachzukommen. »Schlaf gut.«
Ich schlief für gewöhnlich gut. Die massiven Mauern des Hauses hielten Kälte und Feuchtigkeit ab, und über das Daunenbett waren mehrere Wolldecken gebreitet. Doch ohne Jamie an meiner Seite fand ich in dieser Nacht keinen Schlaf. Das Bett erschien mir riesengroß und klamm, meine Beine prickelten, und meine Füße waren eiskalt.
Ich legte mich auf den Rücken, die Hände über der Brust verschränkt, die Augen geschlossen, und rief mir Jamie in Erinnerung; vielleicht konnte ich einschlafen, wenn ich mir vorstellte, er läge neben mir.
Ein markerschütterndes »Kikeriki« ließ mich erschrocken auffahren.
»Idiot!« murmelte ich, vor Schreck am ganzen Körper zitternd. Ich stand auf und öffnete den Fensterladen. Es hatte aufgehört zu schneien, aber der Himmel war noch fahl und von Wolken bedeckt. Der Hahn unten im Hühnerstall krähte ein weiteres Mal.
»Sei still!« sagte ich. »Es ist mitten in der Nacht, du dummes Federvieh!« Das Echo seines Rufes hallte durch die Nacht, unten fing ein Kind zu weinen an, und es folgte ein deftiger, aber leiser Fluch Jennys auf gälisch.
»Du«, warnte ich den unsichtbaren Hahn, »deine Tage sind gezählt.« Dann war es still, ich lauschte in die Nacht hinaus, und nach einer Weile schloß ich den Fensterladen und legte mich wieder hin.
Der Tumult hatte die lange Gedankenkette in meinem Kopf unterbrochen. Statt daran anzuknüpfen, beschloß ich, mich nach innen zu wenden, in der Hoffnung, daß die Konzentration auf meinen Körper mich entspannen und mir den ersehnten Schlaf bringen würde.
Es klappte. Während ich in Gedanken irgendwo bei meiner Bauchspeicheldrüse war und so allmählich in den Schlaf hineindämmerte, hörte ich wie aus weiter Ferne den kleinen Jamie, der den Flur entlang ins elterliche Schlafzimmer tappte; er mußte wohl dringend aufs Töpfchen. Er hatte selten die nötige Geistesgegenwart, das Nächstliegende zu tun, und stolperte statt dessen vom Kinderzimmer die Treppe hinunter, damit ihm jemand behilflich sei.
Bei unserer Ankunft in Lallybroch hatte ich Bedenken, ob es mir nicht schwerfallen würde, so eng mit Jenny zusammenzuleben, ob ich nicht neidisch sein würde auf ihre Mutterschaft. Und ich wäre wohl tatsächlich neidisch gewesen, hätte ich nicht gesehen, daß dieser reiche Segen auch seinen Preis hatte.
»Neben deinem Bett steht doch der Nachttopf, du Dummkopf«, hörte ich Jenny draußen vor meiner Tür mit wütender Stimme sagen. »Du mußt doch beim Aufstehen regelrecht darüber gestolpert sein. Warum kannst du es dir nicht merken, daß du den dort nehmen sollst? Warum willst du immer meinen benutzen, Nacht für Nacht?« Ihre Stimme wurde leiser, während sie die Treppe hinaufgingen. Ich lächelte und vergegenwärtigte mir wieder die Windungen meiner inneren Organe.
Es gab noch einen anderen Grund, weshalb ich Jenny nicht beneidete. Ich hatte zunächst befürchtet, daß die Geburt von Faith mir körperlichen Schaden zugefügt hätte, doch die Furcht war gewichen, als mir Raymond die Hände aufgelegt hatte. Es war einmal geschehen, es konnte wieder geschehen. Ich brauchte nur Zeit. Und Jamie.
Jennys Schritte auf den Dielen im Flur beschleunigten sich, als in einem Zimmer am anderen Ende des Hauses Maggie im Schlaf stöhnte.
»Kinder bringen Freude, sind aber keine geringe Last«, murmelte ich vor mich hin; dann schlief ich ein.
 
Den ganzen nächsten Tag warteten wir auf die Männer, während wir wie immer unseren täglichen Pflichten nachgingen. Immer wieder horchten wir, ob draußen nicht Pferdegetrappel zu hören war.
»Sie werden noch etwas zu erledigen haben«, versuchte mich Jenny zu beschwichtigen. Nach außen hin trug sie Zuversicht zur Schau. Aber mir entging nicht, daß sie häufig an dem Fenster stehenblieb, das auf den Weg zum Haus hinausging.
Mir wiederum fiel es schwer, meine Phantasie zu zügeln. Der von König George unterschriebene Brief, der Jamies Begnadigung bestätigte, war in einer Schublade im gutsherrlichen Arbeitszimmer eingeschlossen. Jamie betrachtete das Schreiben als Demütigung und hätte es am liebsten verbrannt, aber ich hatte darauf bestanden, es aufzubewahren, für alle Fälle. Als ich jetzt auf das Rauschen des Windes lauschte, kam mir immer wieder der Gedanke, alles sei nur ein Irrtum gewesen oder ein übler Scherz und Jamie sei von den Rotröcken erneut verhaftet und ins Gefängnis gesteckt worden.
Die Männer kehrten kurz vor Einbruch der Dämmerung zurück; ihre Pferde waren schwer beladen mit Salz, Näh- und Stricknadeln, Gewürzen zum Einpökeln und anderen Dingen, die es in Lallybroch nicht gab.
Als ich auf dem Hof ein Pferd wiehern hörte, eilte ich die Treppe hinunter, wo ich mit Jenny zusammenstieß, die eben aus der Küche gerannt kam.
Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich Jamies langen Schatten erkannte, der sich an der Stallwand abzeichnete. Ich lief über den Hof, ungeachtet der dünnen Schneedecke, die sich inzwischen gebildet hatte, und warf mich in seine Arme.
»Wo zum Teufel bist du gewesen?« wollte ich wissen.
Er küßte mich, bevor er antwortete. Ich spürte sein kaltes Gesicht an meinem; seine Lippen rochen leicht und angenehm nach Whisky.
»Mmmh, Wurst zum Abendessen?« meinte er anerkennend und schnupperte an meinem Haar, das den Rauchgeruch der Küche angenommen hatte. »Prima, ich bin halb verhungert.«
»Bratwurst mit Stopfer«, nickte ich. »Wo warst du?«
Er lachte und schüttelte den Schnee von seinem Plaid. »Stopfer? Das ist etwas zu essen, stimmt’s?«
»Würstchen mit Kartoffelbrei«, erklärte ich. »Ein feines traditionelles englisches Gericht, das in den rückständigen Regionen Schottlands bisher noch unbekannt ist. Nun also, du Schotte, du, wo zum Teufel warst du die letzten beiden Tage? Jenny und ich haben uns große Sorgen gemacht!«
»Tja, wir hatten einen kleinen Unfall...«, begann Jamie, dann hielt er inne, denn er hatte Fergus entdeckt, der mit einer Laterne in der Hand auf uns zukam. »Ach, du bringst uns Licht, Fergus? Guter Junge. Stell die Laterne hier ab, wo kein Stroh ist, und dann führe das arme Tier in seinen Stall. Wenn du fertig bist, komm rein zum Essen. Du kannst doch inzwischen wieder auf deinen vier Buchstaben sitzen, oder?« Er gab Fergus einen freundlichen Klaps hinters Ohr. Der Junge duckte sich und grinste. Offensichtlich hatte das, was gestern in der Scheune stattgefunden hatte, keine tieferen Spuren bei ihm hinterlassen.
»Jamie«, sagte ich in gemessenem Ton. »Wenn du nicht aufhörst, über Pferde und Würste zu reden, und mir nicht endlich sagst, was ihr für einen Unfall hattet, verpasse ich dir einen Tritt gegen das Schienbein. Auch wenn es mich hart ankommt, da ich nur Pantoffeln trage - sei gewarnt, ich werde es tun.«
»Das soll wohl eine Drohung gewesen sein?« meinte er lachend. »Es ist nichts Schlimmes passiert, Sassenach, nur...«
»Ian!« Jenny, die durch Maggie aufgehalten worden war, erschien in dem Augenblick, als ihr Mann in den Lichtkegel der Laterne trat. Aufgeschreckt durch ihren Schrei, drehte ich mich um und sah, wie sie ihre Hand auf Ians Gesicht legte.
»Was ist denn mit dir passiert?« fragte sie. In der Tat, was auch geschehen sein mochte, Ian war der Leidtragende. Sein eines Auge war blutunterlaufen und verschwollen, und eine große Schramme lief quer über seine Wange.
»Es ist alles in Ordnung, mi dhu«, sagte er und tätschelte Jenny sanft den Rücken, während sie ihn umarmte. Die kleine Maggie stand zwischen beiden. »Nar ein paar blaue Flecken hie und da.«
»Als wir ein paar Kilometer hinter dem Dorf den Abhang hinunterkamen - wir haben die Pferde am Zügel geführt, weil der Weg schlecht war -, ist Ian in ein Maulwurfsloch geraten und hat sich das Bein gebrochen«, erklärte Jamie.
»Das Holzbein«, fügte Ian erläuternd hinzu. Er grinste verlegen. »Der Maulwurf kam bei der Sache am besten weg.«
»Und dann sind wir so lange in einer Kate in der Nähe geblieben, bis sein neues Bein fertig war«, fuhr Jamie fort. »Können wir jetzt essen? Mein Magen hat schon ein Loch.«
Wir gingen ins Haus. Mrs. Crook und ich trugen das Abendessen auf, während Jenny Ians Gesicht mit Zaubernußsud betupfte und sich besorgt nach weiteren Verletzungen erkundigte.
»Es ist nichts weiter«, beruhigte er sie. »Nur hie und da ein paar blaue Flecken.« Doch beim Hineingehen war mir aufgefallen, daß er stärker als sonst humpelte. Während wir den Tisch abräumten, sprach ich mit Jenny darüber. Als der Inhalt der Satteltaschen verstaut war und wir im Salon saßen, kniete sie neben Ian auf dem Teppich nieder und nahm das Holzbein in die Hand.
»Nimm es ab«, sagte sie entschlossen. »Du hast dich verletzt, und ich möchte, daß Claire es sich einmal ansieht. Sie kennt sich besser aus als ich.«
Sein Bein war vor Jahren mit großem Geschick und noch größerem Glück amputiert worden; dem Militärwundarzt, der den Unterschenkel abgenommen hatte, war es gelungen, das Kniegelenk zu retten, wodurch Ian sich verhältnismäßig ungehindert bewegen konnte. Doch im Moment war das Kniegelenk mehr eine Belastung als ein Vorteil.
Durch den Sturz war es böse verrenkt. Der Beinstumpf war voller blauer Flecken, und die harten Kanten des Holzbeins hatten sich ins Fleisch gebohrt. Schon allein deshalb mußte es höllisch weh tun, das Bein zu belasten. Doch da zudem das Kniegelenk ausgerenkt war, hatte sich das Bein entzündet und war angeschwollen.
Ians gutmütiges Gesicht war fast so rot wie das Kniegelenk. Er ging mit seiner Behinderung sehr sachlich um, doch ich wußte, wie sehr er seine Hilflosigkeit haßte. Das Gefühl, auf andere angewiesen zu sein, war ihm ebenso unangenehm wie meine Berührung seines Beins.
»Du hast einen Bänderriß«, erklärte ich und fuhr die Schwellung seines Knies sanft mit dem Finger nach. »Ich weiß nicht, wie schlimm es ist, aber es ist schlimm genug. Im Gelenk hat sich Flüssigkeit angesammelt; deshalb ist es geschwollen.«
»Kannst du ihm nicht helfen, Sassenach?« Jamie sah mir über die Schulter und runzelte sorgenvoll die Stirn.
Ich schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht viel mehr machen als kalte Umschläge, damit die Schwellung zurückgeht.« Ich sah Ian an und bemühte mich, Mutter Hildegardes strengen Blick nachzuahmen.
»Was du tun kannst«, sagte ich, »ist, im Bett zu bleiben. Du kannst morgen Whisky trinken, um den Schmerz zu betäuben; für die Nacht gebe ich dir Laudanum, dann kannst du wenigstens schlafen. Du mußt eine Woche im Bett bleiben, dann sehen wir weiter.«
»Das ist unmöglich«, protestierte Ian. »Die Stallwände müssen ausgebessert werden, die Pflugscharen müssen geschliffen werden und...«
»Und ein Bein muß repariert werden«, sagte Jamie streng. Er blickte Ian mit seinem - wie ich es nannte - Gutsherrenblick an, dem durchdringenden Blick aus seinen blauen Augen, der meist bewirkte, daß seine Befehle unverzüglich befolgt wurden. Ian, der als Kind mit Jamie gespielt hatte, mit ihm auf die Jagd gegangen war, Seite an Seite mit ihm gekämpft und mit ihm Prügel bezogen hatte, war weitaus weniger empfänglich für derartige Drohgebärden als andere.
»Den Teufel werd’ ich«, erwiderte er mit matter Stimme. Seine feurigen braunen Augen, in denen Schmerz, Wut und ein mir unbekanntes Gefühl zum Ausdruck kamen, hielten Jamies strengem Blick stand. »Glaubst du etwa, du kannst mir Befehle erteilen?«
Jamie ging in die Hocke und errötete, als ob er geschlagen worden wäre. Nach kurzem Schweigen sagte er ganz ruhig: »Nein. Ich will dir keine Befehle erteilen. Aber - darf ich dich wenigstens bitten, auf dich achtzugeben?«
Die beiden wechselten einen langen Blick, dessen Botschaft ich nicht entziffern konnte. Schließlich ließ Ian die Schultern sinken und nickte mit einem gequälten Lächeln.
»Du darfst.« Er seufzte und rieb sich die Wange; als er die wunde Stelle berührte, zuckte er zusammen. Dann holte er tief Luft, nahm seine ganze Kraft zusammen und streckte Jamie die Hand entgegen. »Hilfst du mir auf?«
Es war ein schwieriges Unterfangen, einen Mann mit einem Bein zwei Treppen hochzutragen, aber schließlich war es geschafft. Vor der Schlafzimmertür überließ Jamie Ian seiner Schwester. Als er sich umdrehte, sagte Ian schnell und leise etwas auf gälisch zu ihm. Ich beherrschte diese Sprache noch immer nicht gut, aber ich glaube, er sagte: »Mach’s gut, Bruder.«
Jamie drehte sich um und lächelte ihn an; seine Augen leuchteten sanft im Schein des Kerzenlichts.
»Du auch, mo brathair.«
Ich folgte Jamie den Flur entlang zu unserem Zimmer. An seiner Haltung sah ich, daß er sehr müde war, doch ich wollte ihm vor dem Einschlafen noch ein paar Fragen stellen.
»Ein paar blaue Flecken hie und da«, hatte Ian gesagt, um Jenny zu beschwichtigen. So war es auch. Hie und da. Er hatte Verletzungen im Gesicht und am Bein, doch hatte ich auch die dunklen Flecken an seinem Hals bemerkt. Der Maulwurf mochte Ian als Eindringling und Störenfried betrachtet haben, aber ich konnte mir trotzdem nicht vorstellen, daß er versucht hatte, ihn deswegen zu erdrosseln.
 
Es stellte sich heraus, daß Jamie gar nicht sofort schlafen wollte.
»Ja, die Liebe wächst, wenn man sich eine Zeitlang nicht sieht«, sagte ich. Das Bett, das mir letzte Nacht so groß erschienen war, reichte jetzt kaum aus für uns beide.
»Hmm?« erwiderte er zufrieden und mit halb geschlossenen Augen. »Ja, die Liebe? Aye, die auch. O Gott, mach weiter, das tut so gut.«
»Keine Sorge, ich hör’ schon nicht auf«, versicherte ich ihm. »Laß mich nur die Kerze ausmachen.« Ich stand auf und blies sie aus; die Fensterläden waren offen, und es drang genügend Licht vom Schneehimmel draußen herein. Ich konnte Jamie genau erkennen, wie er entspannt unter der Decke lag, die Arme locker neben dem Körper. Ich legte mich wieder neben ihn und massierte weiter seine Finger und seine Handflächen.
Er seufzte tief, ja er stöhnte beinahe, als ich mit meinem Daumen die Innenfläche seiner Hand mit festen kreisförmigen Bewegungen massierte. Seine Hände, die sich durch das stundenlange Festhalten der Pferdezügel verkrampft hatten, wurden warm und entspannten sich langsam. Im Haus war kein Laut zu hören, das Zimmer war kalt, nur das Bett wohlig warm. Ich genoß die Wärme seines Körpers neben mir, seine Nähe, die Berührung, die nichts Forderndes an sich hatte. Zu gegebener Zeit konnte aus dieser Berührung mehr werden. Wir hatten Winter, und die Nächte waren lang. Im Augenblick machte es mich glücklich, ihn hier bei mir zu haben, einfach mit ihm zusammenzusein.
»Jamie«, sagte ich nach einer Weile, »wer hat Ian verletzt?«
Er hielt die Augen geschlossen, seufzte jedoch tief, bevor er antwortete. Meine Frage wehrte er nicht ab; er hatte sie erwartet.
»Ich«, sagte er.
»Was?« Ich ließ vor Schreck seine Hand fallen. Er ballte die Hand zur Faust, öffnete sie wieder und bewegte die Finger. Dann legte er seine linke Hand auf die Decke neben sich und zeigte mir die Fingerknöchel, die durch den Schlag in Ians Gesicht etwas angeschwollen waren.
»Warum?« fragte ich entsetzt. Ich hatte zwischen Jamie und Ian etwas Neues gespürt, eine Gereiztheit, die jedoch keine Feindseligkeit war. Es war mir unerklärlich, was Jamie dazu veranlaßt haben könnte, Ian zu schlagen; sein Schwager stand ihm fast so nahe wie seine Schwester Jenny.
Jamie hatte die Augen geöffnet, blickte mich aber nicht an, sondern besah sich statt dessen seine Fingerknöchel. Abgesehen von der leichten Schwellung der Hand hatte Jamie keine Spuren einer tätlichen Auseinandersetzung davongetragen; offensichtlich hatte Ian nicht zurückgeschlagen.
»Ian ist schon zu lange verheiratet«, erwiderte er abwehrend.
»Ich glaube eher, du hast einen Sonnenstich«, gab ich zurück und starrte ihn verständnislos an. »Nur scheint keine Sonne. Hast du Fieber?«
»Nein«, sagte er und wich zurück, als ich versuchte, seine Stirn zu befühlen. »Nein, es ist nur - hör auf, Sassenach, mir fehlt nichts.« Er preßte die Lippen zusammen, doch dann gab er nach und erzählte mir die ganze Geschichte.
Ian hatte sich tatsächlich das Holzbein gebrochen, als er unweit von Broch Mordha in ein Maulwurfsloch getreten war.
»Es ging schon auf Abend zu - wir hatten viel im Dorf zu erledigen gehabt -, und es schneite. Ich sah, daß sein Bein ihm starke Schmerzen verursachte - auch wenn er behauptete, er könne reiten. In der Nähe befanden sich ein paar Katen, also half ich ihm auf eines der Ponys, führte ihn den Hang hinauf und bat um ein Nachtlager für uns.«
Sie wurden mit der traditionellen Gastfreundschaft des Hochlands aufgenommen und erhielten Unterkunft und ein Abendessen. Nach einer Schale Brei und frischem Haferkuchen richtete man für die Gäste ein Strohlager am Feuer her.
»Es war wenig Platz neben dem Feuer, und wir lagen ziemlich beengt, aber wir machten es uns so bequem wie möglich.« Jamie holte tief Luft und sah mich zögernd an.
»Ja, ich war erschöpft von der Reise und schlief fest, und ich vermute, Ian ebenfalls. Aber da er die letzten fünf Jahre jede Nacht bei Jenny geschlafen und immer ihren warmen Körper neben sich im Bett gespürt hat - na ja, irgendwann in der Nacht rollte er zu mir herüber, legte seinen Arm um mich und küßte mich auf den Nakken. Und ich...«, er stockte, und ich konnte im fahlen Lichtschein des Schneehimmels genau sehen, wie er blaß wurde, »ich wurde aus dem Tiefschlaf gerissen und meinte, es sei Jack Randall.«
Ich hatte den Atem angehalten; jetzt atmete ich langsam aus.
»Das muß ein höllischer Schock gewesen sein«, sagte ich.
Jamies Mund verzog sich zu einem Grinsen. »Für Ian war es ein höllischer Schock, das kann ich dir versichern«, erwiderte er. »Ich habe mich umgedreht und ihn ins Gesicht geschlagen, und als ich zu mir kam, saß ich auf ihm und würgte ihn. Ein Schock war es auch für die Murrays, die mit uns im Zimmer schliefen«, fügte er nachdenklich hinzu. »Ich habe ihnen erklärt, ich hätte einen Alptraum gehabt - das stimmte ja auch irgendwie -, aber da war schon der Teufel los. Die Kinder schrien, Ian kauerte in einer Ecke und rang nach Luft, und Mrs. Murray saß kerzengerade im Bett und heulte wie eine aufgeplusterte Eule ›hu, hu‹.«
Ich mußte unwillkürlich lachen, als ich mir das vorstellte.
»O Gott, Jamie. Und mit Ian war alles in Ordnung?«
Jamie zuckte die Achseln. »Du hast ihn ja gesehen. Nach einer Weile legten sich alle wieder schlafen, ich blieb den Rest der Nacht neben dem Feuer ausgestreckt liegen und starrte auf die Balken an der Decke.« Er ließ mich gewähren, als ich seine Hand nahm und die geschwollenen Knöchel sanft streichelte. Seine Finger schlossen sich um meine Hand.
»Als wir dann am nächsten Morgen aufbrachen«, fuhr er fort, »wartete ich, bis wir an eine Stelle kamen, wo man sitzen und das Tal überblicken konnte. Und dann...«, er schluckte und drückte meine Hand, »dann erzählte ich ihm alles. Von Randall. Und alles, was geschehen war.«
Jetzt verstand ich auch den seltsamen Blick, den Ian Jamie zugeworfen hatte. Und ich verstand auch die Anspannung in Jamies Gesicht und die dunklen Ringe unter seinen Augen. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte, und drückte seine Hand.
»Ich wollte es niemandem erzählen - außer dir«, sagte er und erwiderte meinen Händedruck. Er lächelte, dann strich er sich mit einer Hand übers Gesicht.
»Aber Ian... na ja, er ist...« Er suchte nach dem richtigen Wort. »Er kennt mich, verstehst du?«
»Ich glaube schon. Du kennst ihn seit eh und je, nicht wahr?«
Er nickte und starrte aus dem Fenster. Es hatte wieder angefangen zu schneien; kleine Schneeflocken tanzten vor der Scheibe.
»Er ist nur ein Jahr älter als ich. Ich bin praktisch mit ihm aufgewachsen. Bis ich vierzehn war, verging nicht ein einziger Tag, an dem ich Ian nicht sah. Und auch später, als ich zu Dougal geschickt wurde und dann nach Leoch, und als ich nach Paris gingimmer wenn ich zurückkam, war er da, und es war so, als wäre ich nie fort gewesen. Er lächelte, wenn er mich sah, so wie er es immer getan hatte, und dann gingen wir zusammen, Seite an Seite, über die Felder und überquerten Flüsse und unterhielten uns über alles.« Er seufzte tief und strich sich mit einer Hand durchs Haar.
»Ian... er ist der Teil von mir, der hierher gehört, der niemals von hier weggegangen ist«, sagte er stockend. »Ich dachte... ich muß es ihm einfach sagen; ich wollte mich nicht... abgeschnitten fühlen. Von Ian. Von hier.« Er blickte zum Fenster, dann wandte er sich mir zu, und seine Augen leuchteten dunkel im trüben Licht. »Verstehst du?«
»Ich glaube schon«, sagte ich noch einmal mit sanfter Stimme. »Versteht es Ian auch?«
Er zuckte kaum merklich mit den Schultern. »Das weiß ich nicht. Zuerst hat er immer nur den Kopf geschüttelt, als könnte er es nicht glauben, und dann...« Er machte eine Pause und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, und ich ahnte, wie schwer ihm dieses Bekenntnis im Schnee gefallen war. »Ich spürte, daß er am liebsten aufgesprungen wäre und mit den Füßen aufgestampft hätte, aber er konnte ja nicht, wegen seines Beins. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt und war ganz blaß im Gesicht, und er sagte immer wieder: ›Verdammt, Jamie, wie konntest du das bloß zulassen?‹«
Er schüttelte den Kopf. »Ich erinnere mich nicht mehr daran, was ich gesagt habe. Oder was er gesagt hat. Wir schrien einander an, das weiß ich noch. Und ich wollte ihn schlagen, konnte aber nicht, wegen seines Beins. Und er wollte mich schlagen, konnte aber nicht - wegen seines Beins.« Er lachte leise. »Himmel, wir müssen ausgesehen haben wie zwei komplette Idioten, wie wir mit den Armen gefuchtelt und einander angeschrien haben. Aber ich schrie lauter, und schließlich schwieg er und hörte sich meine Geschichte zu Ende an.
Dann plötzlich konnte ich nicht mehr weiterreden. Es erschien mir so sinnlos. Und ich setzte mich auf einen Felsvorsprung und stützte den Kopf in die Hand. Nach einer Weile sagte Ian, es sei wohl das beste weiterzureiten. Und ich nickte und half ihm aufs Pferd, und wir setzten unseren Weg fort und schwiegen.«
Jamie schien plötzlich zu merken, wie fest er meine Hand umklammerte. Er lockerte seinen Griff, ließ aber meine Hand nicht los und drehte meinen Ehering zwischen seinem Daumen und Zeigefinger.
»Wir sind sehr lange geritten«, fuhr er leise fort. »Und dann hörte ich ein Schluchzen hinter mir, und ich hielt mein Pferd an, so daß Ian mich einholen konnte, und da sah ich, daß er weinte. Und er merkte, daß ich ihn anschaute, und schüttelte heftig den Kopf, als ob er immer noch wütend wäre, doch dann streckte er mir die Hand hin. Ich nahm sie, und er drückte so fest zu, als wollte er mir alle Knochen brechen. Dann ließ er meine Hand los, und wir ritten nach Hause.«
Ich spürte, wie die Anspannung wich, als er geendet hatte. »Mach’s gut, Bruder«, hatte Ian gesagt, auf einem Bein vor der Schlafzimmertür balancierend.
»Ist jetzt alles gut?« fragte ich.
»Es wird gut werden.« Jamie ließ sich erleichtert auf sein Kopfkissen zurückfallen. Ich schmiegte mich unter der Decke an ihn, und wir sahen den Schneeflocken zu, die gegen die Fensterscheiben prallten.
»Ich bin froh, daß du gesund zurückgekehrt bist«, sagte ich.
 
Als ich aufwachte, war das Licht noch immer fahl und grau. Jamie stand bereits angekleidet am Fenster.
»Oh, du bist wach, Sassenach?« sagte er, als ich meinen Kopf vom Kissen hob. »Das ist gut. Ich habe dir ein Geschenk mitgebracht.«
Er griff in seine Felltasche und holte mehrere Kupfermünzen hervor, ein paar Steinchen, einen kurzen, mit einer Angelschnur umwickelten Stock, einen zerknitterten Brief und ineinander verknäulte Haarbänder.
»Haarbänder?« fragte ich. »Danke, sie sind sehr hübsch.«
»Nein, die sind nicht für dich«, erwiderte er und runzelte die Stirn, während er die blauen Bänder entwirrte, die sich um die Maulwurfspfote geschlungen hatten - sein Amulett gegen Rheumatismus. »Die sind für Klein-Maggie.« Er betrachtete unsicher die Steinchen in seiner Hand. Zu meiner Verwunderung nahm er eines und leckte daran.
»Nein, der ist es nicht«, murmelte er und griff wieder in die Felltasche.
»Was hast du vor, um Himmels willen?« fragte ich verwundert. Er antwortete nicht, sondern holte noch eine Handvoll Steine hervor, leckte an ihnen und legte einen nach dem anderen beiseite, bis er bei einem Stein innehielt. Er leckte sicherheitshalber daran, dann ließ er ihn, übers ganze Gesicht strahlend, in meine Hand fallen.
»Bernstein«, erklärte er, als ich den unregelmäßig geformten Klumpen unschlüssig hin und her drehte. Er wurde warm bei der Berührung, und ich schloß meine Hand beinahe unbewußt zur Faust.
»Er muß natürlich poliert werden«, fuhr Jamie fort, »aber ich dachte, er gäbe eine hübsche Halskette für dich.« Er errötete leicht und blickte mich an. »Es ist... es ist ein Geschenk zu unserem ersten Hochzeitstag. Als ich den Stein sah, mußte ich an den kleinen Bernstein denken, den dir Hugh Munro gab, als wir heirateten.«
»Den hab’ ich immer noch«, sagte ich leise und fuhr sanft mit dem Finger über den seltsamen kleinen Klumpen versteinerten Harzes. Hughs Bernstein war auf einer Seite glattgeschliffen - wie durch ein Fenster sah man darin eine Libelle. Ich bewahrte den Stein in meinem Medizinkasten auf und betrachtete ihn als mein wichtigstes Amulett.
Ein Geschenk zu unserem ersten Hochzeitstag. Wir hatten natürlich im Juli geheiratet, nicht im Dezember. Aber an unserem ersten Hochzeitstag hatte Jamie in der Bastille gesessen, während ich... in den Armen des Königs von Frankreich lag. Nicht der richtige Zeitpunkt, um das eheliche Glück zu feiern.
»Das Jahr geht zu Ende, bald ist Silvester«, sagte Jamie und sah aus dem Fenster; sanft fiel der Schnee und deckte die Felder von Lallybroch zu. »Es schien mir eine gute Zeit für einen Anfang.«
»Das glaube ich auch.« Ich trat zu ihm ans Fenster und legte ihm die Arme um die Hüfte. So blieben wir stehen, schweigend, bis mein Blick auf die anderen kleinen gelblichen Klumpen fiel, die Jamie aus seiner Felltasche geholt hatte.
»Und was ist das, Jamie?« fragte ich und zeigte darauf.
»Ach, das? Das sind Honigkugeln, Sassenach.« Er nahm eine davon in die Hand und wischte sie mit dem Finger sauber. »Mrs. Gibson im Dorf hat sie mir gegeben. Sehr gut, obwohl sie, wie ich fürchte, in meiner Tasche ein bißchen staubig geworden sind.« Er streckte mir die hohle Hand hin. »Magst du eine?«
Die Geliehene Zeit
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