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Sinnvolle Beschäftigungen
»Wer ist dieses merkwürdige Männchen?« fragte ich
Jamie neugierig. Besagter Mann schlenderte langsam zwischen den
Grüppchen von Gästen umher, die sich im Hauptsalon des Hauses der
de Rohans versammelt hatten. Gelegentlich hielt er inne, musterte
kritischen Auges die eine oder andere Gruppe und ging dann
achselzuckend weiter. Oder er trat unvermittelt an die eine oder
andere Person heran, hielt ihr irgend etwas vor die Nase und
erteilte eine Art Befehl. Was auch immer er da tat, es schien
erhebliche Belustigung hervorzurufen.
Ehe Jamie antworten konnte, hatte der kleinwüchsige
Mann mit dem Hutzelgesicht, der in grauen Serge gehüllt war, uns
entdeckt, und seine Miene hellte sich auf. Er stürzte sich auf
Jamie wie ein winziger Raubvogel auf einen großen, verdutzten
Hasen.
»Singen Sie«, befahl er.
»Hä?« Jamie blinzelte erstaunt zu der kleinen
Gestalt hinunter.
»Ich sagte: ›Singen Sie‹«, erwiderte der Mann
geduldig und tippte bewundernd an Jamies Brust. »Mit einem solchen
Resonanzkörper müssen Sie ein prächtiges Stimmvolumen haben.«
»Allerdings«, sagte ich amüsiert. »Wenn er sich
erregt, hört man es noch drei Straßen weiter.«
Jamie warf mir einen vernichtenden Blick zu.
Unterdessen ging das Hutzelmännchen um ihn herum, maß die Breite
seines Rückens und pochte dagegen wie ein Specht, der einen
vielversprechenden Baum gefunden hat.
»Ich kann nicht singen«, protestierte er.
»Unsinn, natürlich können Sie. Was für ein schöner
Bariton«, murmelte der Mann entzückt. »Ausgezeichnet. Genau, was
wir brauchen. Hier, eine kleine Hilfestellung. Versuchen Sie den
Ton zu treffen.«
Flink zog er eine kleine Stimmgabel aus der Tasche,
schlug sie gekonnt an einer Säule an und hielt sie an Jamies
Ohr.
Jamie rollte mit den Augen, fügte sich dann aber in
sein Schicksal und sang einen Ton. Der kleine Mann zuckte zusammen,
als hätte man ihn angeschossen.
»Nein«, stöhnte er ungläubig.
»Doch, ich fürchte schon«, bekundete ich meine
Anteilnahme. »Wissen Sie, er hat recht. Er kann wirklich nicht
singen.«
Der Mann warf Jamie einen vorwurfsvollen Blick zu,
dann schlug er die Stimmgabel erneut an und hielt sie ihm einladend
hin.
»Noch einmal«, redete er ihm zu. »Hören Sie einfach
auf den Ton und singen Sie ihn nach.«
Der geduldige Jamie lauschte aufmerksam auf das A
der Gabel, dann brachte er einen Ton hervor, der ungefähr einem Dis
entsprach.
»Nicht zu fassen«, meinte das Männchen zutiefst
enttäuscht. »So dissonant kann man doch gar nicht sein, nicht
einmal mit Absicht.«
»Ich schon«, erwiderte Jamie unbekümmert und
verbeugte sich höflich. Mittlerweile hatte sich eine kleine
neugierige Menge um uns versammelt. Louise de Rohan war eine
großartige Gastgeberin, und in ihren Salons verkehrte die Elite der
Pariser Gesellschaft.
»Ja«, versicherte ich dem Mann. »Er hat eben kein
musikalisches Gehör.«
»Das habe ich gemerkt«, erwiderte er
niedergeschlagen, doch dann fiel sein Blick auf mich.
»Nein, ich nicht!« rief ich lachend.
»Ihr musikalisches Gehör ist doch gewiß besser,
Madame.« Seine Augen glitzerten wie die einer Schlange, die ihr
schreckensstarres Opfer fixiert, während die Stimmgabel
natterngleich zu züngeln schien.
»Augenblick«, sagte ich abwehrend. »Wer sind Sie
eigentlich?«
»Das ist Herr Johannes Gerstmann, Sassenach.«
Belustigt verbeugte sich Jamie vor dem Mann. »Der königliche
Kantor. Herr Gerstmann, darf ich Ihnen meine Frau, Herrin von Broch
Tuarach, vorstellen?« Bei Jamie konnte man sich darauf verlassen,
daß er wirklich jeden am Hof kannte.
Johannes Gerstmann. Nun, das erklärte auch den
leichten Akzent, der mir in seinem förmlichen Französisch
aufgefallen war. Ein Deutscher, fragte ich mich, oder ein
Österreicher?
»Ich bin gerade dabei, aus dem Stegreif einen
kleinen Chor zusammenzustellen«, erklärte der Kantor. »Es müssen
keine ausgebildeten Stimmen sein, aber sie sollten kräftig und
natürlich klingen.« Er bedachte Jamie mit einem enttäuschten Blick,
woraufhin dieser lediglich grinste. Dann nahm er Herrn Gerstmann
die Stimmgabel aus der Hand und hielt sie fragend in meine
Richtung.
»Hm, na gut«, meinte ich und sang.
Was Herr Gerstmann auch gehört haben mochte, er
fand es anscheinend hoffnungsvoll, denn er beäugte mich
interessiert, während er seine Stimmgabel einsteckte. Seine Perücke
war eine Spur zu groß; sie rutschte etwas nach vorne, als er
nickte. Nachlässig rückte er sie zurecht und sagte: »Eine
außerordentliche Stimme, Madame! Sehr schön, in der Tat. Kennen Sie
zufällig Le Papillon?« Er summte ein paar Takte.
»Nun, ich habe es schon einmal gehört«, antwortete
ich vorsichtig. »Die Melodie meine ich; den Text kenne ich
nicht.«
»Ah, das ist kein Problem, Madame. Der Refrain ist
ganz einfach; er geht so...«
Ehe ich wußte, wie mir geschah, hatte der Kantor
meinen Arm fest im Griff und zog mich mit sich fort. Dabei summte
er mir ins Ohr wie eine verrücktgewordene Hummel.
Ich warf Jamie einen hilflosen Blick zu, doch er
hob nur grinsend seinen Eisbecher zum Abschiedsgruß, ehe er eine
Unterhaltung mit Monsieur Duverney dem Jüngeren begann, dem Sohn
des königlichen Finanzministers.
Das Haus der de Rohans - wobei die Bezeichnung
»Haus« eine krasse Untertreibung ist - erstrahlte im Licht der
Laternen, die im Garten aufgehängt waren und die Terrasse säumten.
Als Herr Gerstmann mich durch die Flure zerrte, sah ich Diener, die
zwischen den Eßzimmern hin und her eilten und die Tische für das
nachfolgende Diner deckten. Die meisten »Salons« waren kleine,
private Zusammenkünfte, doch die Princesse Louise de la Tour de
Rohan zog die Sache lieber im großen Stil auf.
Ich hatte die Prinzessin eine Woche zuvor bei einer
anderen Abendgesellschaft kennengelernt und war von ihr ziemlich
überrascht gewesen. Sie war mollig und sah recht gewöhnlich aus:
ein rundliches Gesicht mit einem ebenso rundlichen, kleinen Kinn,
blaßblauen, wimpernlosen Augen und einem künstlichen, sternförmigen
Schönheitsfleck, der sie auch nicht schöner machte. Das
sollte die Dame sein, deretwegen Prinz Charles gegen den guten Ton
verstieß? dachte ich, als ich einen Begrüßungsknicks machte.
Doch sie hatte ein lebhaftes, munteres Wesen, das
sehr anziehend wirkte, und einen hübschen rosigen Mund. Dieser
schien überhaupt das Lebhafteste an ihr zu sein.
»Ach, wie reizend!« hatte sie ausgerufen und meine
Hand ergriffen, als ich ihr vorgestellt wurde. »Wie schön, Sie
endlich kennenzulernen! Mein Mann wie auch mein Vater haben endlose
Lobeshymnen auf den Herrn von Broch Tuarach gesungen, aber seine
bezaubernde Frau haben sie mit keinem Wort erwähnt. Ich bin
außerordentlich entzückt über Ihre Anwesenheit, meine Liebe - muß
ich Sie wirklich mit Broch Tuarach anreden, oder genügt es
vielleicht auch, wenn ich Madame Tuarach sage? Ich weiß nicht, ob
ich mir alles merken kann, aber ein Wort gewiß, auch wenn es so
merkwürdig klingt... es ist schottisch, nicht wahr? Wie
reizend!«
Eigentlich bedeutete Broch Tuarach »Der nach Norden
schauende Turm«, doch wenn sie mich »Madame Nach-Norden-Schauend«
nennen wollte, sollte mir das auch recht sein. Schließlich
versuchte sie nicht einmal mehr, sich an »Tuarach« zu erinnern,
sondern sprach mich bald nur noch mit »ma chère Claire«
an.
Die Prinzessin beehrte gerade die Gesangsgruppe im
Musikzimmer durch ihre Anwesenheit. Lachend und plaudernd flatterte
sie von einem zum anderen Gast. Als sie mich erblickte, stürmte sie
auf mich zu, so schnell es ihre Gewänder zuließen. Ihr Gesicht
sprühte vor Energie.
»Ma chère Claire!« rief sie und nahm mich
ohne Rücksicht auf Herrn Gerstmann sofort in Beschlag. »Sie kommen
gerade recht! Kommen Sie, tun Sie mir einen Gefallen und reden Sie
mit diesem närrischen englischen Kind.«
Das »närrische englische Kind« war in der Tat sehr
jung: ein Mädchen von höchstens fünfzehn Jahren mit dunklen,
glänzenden Ringellocken. Sie war so verlegen, daß ihr Kopf hochrot
glühte und ich an eine leuchtende Mohnblume denken mußte. An ihren
Wangen erkannte ich sie wieder - sie war das Mädchen, das ich im
Garten von Versailles gesehen hatte, kurz vor dem beunruhigenden
Erscheinen von Alexander Randall.
»Madame Fraser ist auch Engländerin«, erklärte
Louise dem Mädchen. »In ihrer Gesellschaft werden Sie sich bald wie
zu Hause fühlen.« Louise drehte sich zu mir um und fuhr im selben
Atemzug
fort: »Sie ist ein wenig schüchtern. Unterhalten Sie sich mit ihr
und überreden Sie sie, mit uns zu singen. Man hat mir versichert,
sie habe eine ganz herrliche Stimme. Also, mes enfants,
amüsieren Sie sich gut!« Und nachdem sie uns ihren Segen in Form
eines Klapses erteilt hatte, entschwand sie zum anderen Ende des
Zimmers, wo sie mit schmeichelnder Bewunderung das Kleid einer
neuangekommenen Dame inspizierte, dann den übergewichtigen Knaben
am Cembalo tätschelte und mit seinem Lockenhaar spielte, während
sie den Duca di Castellotti in einen Plausch verwickelte.
»Es ist schon anstrengend, ihr bloß zuzusehen,
finden Sie nicht?« sagte ich auf englisch und blickte das Mädchen
freundlich an. Um ihre Lippen spielte ein schwaches Lächeln, als
sie kurz nickte. Sie sagte nichts. Ich überlegte, daß sie von
alldem völlig überwältigt sein mußte; bei Louises Festen wußte ich
selbst oft nicht, wo mir der Kopf stand, und das kleine Rotbäckchen
war bestimmt gerade erst der Schulbank entronnen.
»Ich heiße Claire Fraser«, sagte ich, »aber Louise
hat wohl vergessen, mir Ihren Namen zu verraten.« Ich hielt inne,
aber es kam keine Antwort. Ihr Gesicht wurde immer röter, die
Lippen waren zusammengepreßt, und ihre Hände ballten sich zu
Fäusten. Das beunruhigte mich ein wenig, doch schließlich rang sie
sich zum Sprechen durch. Nach einem tiefen Atemzug reckte sie das
Kinn, als wollte sie hocherhobenen Hauptes das Schafott
besteigen.
»I-i-ich h-heiße... M-M-M...«, fing sie an, und
plötzlich begriff ich, warum sie so schweigsam und schüchtern war.
Sie schloß die Augen, biß sich auf die Unterlippe, dann setzte sie
mutig zu einem neuen Versuch an: »M-M-Mary Hawkins«, brachte sie
schließlich hervor. »Ich s-singe nicht«, fügte sie trotzig
hinzu.
Hatte ich sie zuvor schon interessant gefunden, so
war ich jetzt von ihr fasziniert. Das war also die Nichte von Silas
Hawkins, die Tochter des Baronets, die den Vicomte de Marigny
heiraten sollte! Es schien mir eine ziemlich schwere Bürde für ein
so junges Mädchen, den hohen Erwartungen der Männerwelt gerecht zu
werden. Ich blickte mich nach dem Vicomte um, doch zu meiner
Erleichterung war er außer Sichtweite.
»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen«, sagte ich
und trat vor sie hin, um sie vor den Leuten abzuschirmen, die in
das Musikzimmer strömten. »Sie müssen nicht sprechen, wenn Sie
nicht wollen. Aber vielleicht sollten Sie es mit Singen versuchen«,
meinte ich,
einer plötzlichen Eingebung folgend. »Ich kannte einmal einen
Arzt, der sich auf die Behandlung von Stotterern spezialisiert hat;
er sagte, beim Singen stottern sie nicht.«
Mit weitaufgerissenen Augen nahm Mary Hawkins diese
erstaunliche Neuigkeit auf. Ich sah mich um und entdeckte gleich in
der Nähe einen Alkoven mit einem Vorhang, hinter dem sich eine
bequeme Bank verbarg.
»Kommen Sie«, sagte ich und nahm sie bei der Hand.
»Setzen Sie sich hier rein, dann müssen Sie nicht mit den Leuten
reden. Wenn Sie mitsingen wollen, kommen Sie raus, wenn wir
anfangen; sonst bleiben Sie einfach drin, bis das Fest vorbei ist.«
Einen Augenblick lang starrte sie mich an, dann schenkte sie mir
plötzlich ein strahlendes Lächeln voller Dankbarkeit und huschte in
den Alkoven.
Ich hielt unauffällig davor Wache, damit kein
neugieriger Diener sie störte, und plauderte mit den vorbeigehenden
Gästen.
»Wie hübsch Sie heute abend aussehen, ma
chère!« Es war Madame de Ramage, eine ältere, würdevolle Frau,
die zu den Hofdamen der Königin zählte. Sie war ein- oder zweimal
zu unseren Tafelgesellschaften in die Rue Tremoulins gekommen.
Nachdem sie mich herzlich umarmt hatte, blickte sie sich um, ob uns
auch niemand beobachtete.
»Ich hatte gehofft, Sie hier zu treffen, meine
Liebe«, sagte sie, dann beugte sie sich vor und flüsterte: »Ich
möchte Ihnen raten, sich vor dem Comte de St. Germain in acht zu
nehmen.«
Als ich unauffällig ihrem Blick folgte, entdeckte
ich den Mann mit dem hageren Gesicht, dem ich am Hafen von Le Havre
begegnet war. Er betrat gerade das Musikzimmer in Begleitung einer
jüngeren, elegant gekleideten Dame. Anscheinend hatte er mich noch
nicht bemerkt, und hastig drehte ich mich zu Madame de Ramage
um.
»Was... will er... warum...« Ich spürte, wie ich,
beunruhigt über das Auftauchen dieses finsteren Comte, noch mehr
errötete.
»Nun ja, man hat ihn über Sie reden hören«,
erklärte Madame de Ramage und half mir freundlicherweise aus meiner
Verlegenheit. »Ich habe dem entnommen, daß es in Le Havre einen
kleinen Zwischenfall gegeben hat.«
»Sozusagen«, erwiderte ich. »Ich habe nur
festgestellt, daß jemand an Pocken erkrankt war, aber das hatte zur
Folge, daß sein Schiff vernichtet wurde... und darüber war der
Comte gar nicht erfreut«, schloß ich mit matter Stimme.
»Aha, das ist es also.« Madame de Ramage sah
zufrieden aus. Mit dieser Information aus erster Hand würde sie
wohl einen beträchtlichen Vorteil auf dem Klatsch- und
Gerüchtemarkt des Pariser Gesellschaftslebens haben.
»Er hat verbreitet, daß er Sie für eine Hexe hält«,
sagte sie, während sie einer Freundin von Ferne zulächelte und
winkte. »Eine nette Geschichte! Oh, aber das glaubt keiner«,
versicherte sie mir. »Wenn jemand mit so etwas zu tun hat, dann ist
es Monsieur le Comte selbst. Das weiß jeder.«
»Tatsächlich?« Ich hätte gerne gewußt, was sie
damit meinte, aber in diesem Augenblick erschien Herr Gerstmann und
trieb uns wie ein Schar Hühner zusammen.
»Kommen Sie, kommen Sie, Mesdames!« sagte er. »Wir
sind komplett, das Singen kann beginnen!«
Während sich der Chor eilig neben dem Cembalo
versammelte, warf ich einen Blick zu dem Alkoven, wo ich Mary
Hawkins zurückgelassen hatte. Ich dachte, ich hätte gesehen, wie
sich der Vorhang bewegte, war mir aber nicht sicher. Und als die
Musik einsetzte und sich die Stimmen erhoben, glaubte ich, vom
Alkoven her einen klaren, hellen Sopran zu hören.
»Sehr hübsch, Sassenach«, meinte Jamie, als ich
mich nach dem Singen atemlos und mit rotem Kopf wieder zu ihm
gesellte. Er grinste mich an und klopfte mir auf die
Schulter.
»Woher willst du das wissen?« fragte ich und ließ
mir von einem vorbeikommenden Diener ein Glas Weinpunsch geben. »Du
kannst doch ein Lied nicht vom anderen unterscheiden.«
»Na ja, jedenfalls wart ihr laut«, antwortete er
gelassen. »Ich habe jedes Wort gehört.« Da spürte ich, wie sich
seine Schultern ein wenig strafften, und folgte der Richtung seines
Blicks.
Die Frau, die soeben hereinkam, war winzig, sie
ging Jamie kaum bis zur untersten Rippe. Ihre Hände und Füße sahen
aus wie die einer Puppe, und über ihren dunklen Augen wölbten sich
ausgesprochen feine Brauen. Ihr leichtfüßiger Gang schien der
Schwerkraft zu spotten; sie schien beinahe zu schweben.
»Ach, da ist ja Annalise de Marillac«, sagte ich
bewundernd. »Eine wahre Augenweide, nicht wahr?«
»Äh, aye.« Der Unterton in seiner Stimme ließ mich
aufblicken. Er hatte etwas gerötete Ohrläppchen.
»Und ich habe gedacht, du hättest deine Jahre in
Frankreich mit Kämpfen zugebracht, nicht mit Romanzen«, meinte ich
säuerlich.
Zu meiner Überraschung lachte er. Da drehte sich
die Frau nach uns um, und als sie Jamies hochaufragende Gestalt
erblickte, zeichnete sich auf ihrem Gesicht ein strahlendes Lächeln
ab. Gerade als sie in unsere Richtung gehen wollte, wurde sie von
einem Herrn abgelenkt, der eine Perücke und einen prachtvollen
lavendelblauen Rock trug und ihr zudringlich die Hand auf den Arm
legte. Bedauernd und gleichzeitig kokett schnippte sie mit dem
Fächer in Jamies Richtung, ehe sie sich ihrem neuen Gegenüber
widmete.
»Was gibt es da zu lachen?« fragte ich, als er dem
leicht schillernden Spitzenrock der Dame hinterhergrinste.
Jäh schien er sich meiner Gegenwart bewußt zu
werden und lächelte zu mir herab.
»Ach nichts, Sassenach. Nur deine Bemerkung über
das Kämpfen. Ich habe mein erstes Duell - und übrigens auch mein
einziges - wegen Annalise de Marillac gefochten. Da war ich
achtzehn.«
Er sprach mit leicht verträumtem Ton, während sein
Blick der in der Menge verschwindenden Frau folgte. Ihr schmaler,
dunkler Kopf war stets umgeben von weißen Perücken und gepudertem
Haar und gelegentlich auch von einer modisch rosagetönten
Perücke.
»Ein Duell? Mit wem?« fragte ich und sah mich
argwöhnisch nach irgendwelchen männlichen Anhängseln des
Porzellanpüppchens um, die womöglich eine alte Rechnung begleichen
wollten.
»Ach, der ist nicht hier.« Jamie wußte meinen Blick
richtig zu deuten. »Der ist tot.«
»Du hast ihn umgebracht?« In meiner Erregung
sprach ich lauter als beabsichtigt. Als einige Umstehende neugierig
die Köpfe nach uns umdrehten, nahm Jamie mich am Ellbogen und
lenkte mich hastig auf den nächsten Ausgang zu.
»Paß auf, was du sagst, Sassenach«, rügte er mich
milde. »Nein, ich hab’ ihn nicht umgebracht. Ich wollte es zwar«,
fügte er reumütig hinzu, »habe es aber nicht getan. Er starb zwei
Jahre später an einer Halsentzündung. Das hat mir Jared
erzählt.«
Er führte mich einen der Gartenwege entlang, die
von laternentragenden Dienern beleuchtet wurden; sie standen im
Abstand von jeweils fünf Metern zwischen der Terrasse und einem
Springbrunnen am Ende des Pfades. In der Mitte des großen Beckens
spuckten
vier Delphine Wasserfontänen über einen ärgerlich dreinblickenden
Meeresgott, der in einer leeren Drohgebärde einen Dreizack
schwang.
»Spann mich nicht länger auf die Folter«, drängte
ich, als die Gäste auf der Terrasse außer Hörweite waren. »Was ist
geschehen?«
»Na schön«, gab er nach. »Du hast ja sicherlich
bemerkt, daß Annalise recht hübsch ist.«
»Ach, findest du? Na ja, vielleicht. Jetzt, wo du
es sagst, fällt mir auch auf, daß sie nicht gerade häßlich ist«,
erwiderte ich mit honigsüßer Stimme, wofür ich einen bösen Blick,
dann ein schiefes Lächeln erntete.
»Aye. Nun, ich war nicht der einzige in Paris, der
dieser Meinung war, und auch nicht der einzige, der Hals über Kopf
in sie verliebt war. Ich lief herum wie betäubt und stolperte über
meine eigenen Füße. Wartete auf der Straße in der Hoffnung, einen
Blick auf sie zu erhaschen, wenn sie von ihrem Haus zur Kutsche
ging. Ich vergaß sogar zu essen. Jared sagte, mein Rock sei an mir
heruntergehangen wie an einer Vogelscheuche, und meine Haare
machten auch keinen besseren Eindruck.« Geistesabwesend fuhr er
sich über den Kopf und strich über seinen tadellosen, mit einem
blauen Band umwikkelten Zopf.
»Vergessen zu essen? Dann muß es dich wirklich
schlimm erwischt haben«, bemerkte ich.
Er gluckste. »Allerdings. Und schlimmer wurde es
noch, als sie mit Charles Gauloise herumtändelte. Weißt du, sie hat
mit jedem getändelt«, fügte er der Gerechtigkeit halber hinzu, »das
war in Ordnung - aber für meinen Geschmack hat sie ihn ein bißchen
zu sehr bevorzugt... na ja, Sassenach, um es kurz zu machen: Ich
habe ihn erwischt, wie er sie im Mondschein auf der Terrasse ihres
Vaters geküßt hat, und da habe ich ihn gefordert.«
Mittlerweile waren wir an dem Brunnen angelangt.
Jamie blieb stehen, und wir setzten uns an den Beckenrand.
»Duelle waren damals in Paris verboten - wie auch
heute. Aber es gab gewisse Plätze; die gibt es immer. Charles hatte
die Wahl und entschied sich für eine Stelle im Bois de Boulogne, in
der Nähe der Straße der Sieben Heiligen, aber versteckt in einem
Eichenwäldchen. Ihm stand auch die Wahl der Waffen zu. Ich hatte
mit Pistolen gerechnet, doch er entschloß sich für das
Florett.«
»Warum tat er das? Du hattest doch bestimmt
fünfzehn oder zwanzig Zentimeter mehr Reichweite als er.« Ich war
keine Expertin, hatte aber notgedrungen einiges über Strategie und
Taktik des Fechtens gelernt. Denn Jamie und Murtagh lieferten sich
alle zwei bis drei Tage ein Übungsgefecht, um in Form zu bleiben.
Da gab es klirrende Paraden und Ausfälle im Garten - sehr zur
Freude der Dienstboten, die alle auf die Balkone strömten und
zuschauten.
»Warum er das Florett gewählt hat? Weil er verdammt
gut damit umgehen konnte. Vielleicht hat er sich auch gedacht, daß
ich ihn mit der Pistole unabsichtlich töten könnte, während er
meinte, ich wäre zufrieden, wenn ich ihn mit der Klinge nur
verletzen würde. Ich wollte ihn nicht wirklich töten, weißt du«,
erklärte er, »sondern nur demütigen. Und das wußte er auch. Unser
Charles war kein Dummkopf.« Traurig schüttelte er den Kopf.
Unter der feuchten Luft am Brunnen begannen sich
allmählich die Locken aus meiner Frisur zu lösen. Ich strich sie
aus der Stirn und fragte: »Und, hast du ihn gedemütigt?«
»Nun, ich habe ihn immerhin verletzt.« Zu meinem
Erstaunen hörte ich einen leichten Unterton der Genugtuung in
seiner Stimme und sah ihn mißbilligend an. »Er hatte sein Können
bei Lejeune erworben, einem der besten Fechtmeister Frankreichs«,
erläuterte Jamie. »Es war, als versuchte man einen Floh zu
erwischen, und ich kämpfte auch noch rechtshändig.« Wieder griff er
sich in sein Haar, als wollte er prüfen, ob es noch ordentlich
gebunden war.
»Mitten im Kampf hat sich das Band, das meine Haare
hielt, gelöst«, erzählte er, »und der Wind blies mir die Haare ins
Gesicht, so daß ich nur noch eine Gestalt im weißen Hemd vor mir
sah, die hin und her flitzte wie eine Elritze. Und so hab’ ich ihn
schließlich auch erwischt - so, wie man einen Fisch im Wasser
aufspießt.« Er schnaubte.
»Er ließ einen Schrei los, als ob ich ihn
durchbohrt hätte. Dabei wußte ich, daß es nur ein Kratzer war. Als
ich endlich die Haare aus dem Gesicht bekommen hatte, sah ich
hinter ihm am Rand der Lichtung Annalise: Sie hatte die Augen weit
aufgerissen, und sie waren so düster wie das Becken hier.« Er
deutete auf die silbrigschwarze Wasseroberfläche.
»Also steckte ich meine Klinge in die Scheide,
strich das Haar zurück und stand nur da - irgendwie habe ich wohl
erwartet, daß sie auf mich zuläuft und sich in meine Arme
wirft.«
»Hm«, meinte ich taktvoll. »Das hat sie aber nicht
getan, nehme ich an?«
»Na ja, was wußte ich damals schon von Frauen?«
verteidigte er sich. »Nein, sie ist natürlich auf ihn
zugestürmt.« Er gab ein kehliges schottisches Geräusch von sich,
das Selbstironie und gespielte Abscheu ausdrückte. »Einen Monat
später hat sie ihn geheiratet, habe ich gehört.«
»Tja.« Unvermittelt zuckte er mit den Schultern und
lächelte bedauernd. »Da hatte ich nun ein gebrochenes Herz. Ich
kehrte heim nach Schottland und blies ein paar Wochen lang Trübsal,
bis meinem Vater der Geduldsfaden riß.« Er lachte. »Ich hatte mir
sogar schon überlegt, ob ich Mönch werden sollte. Eines Abends
sagte ich zu meinem Vater, daß ich vielleicht ins Kloster gehen und
Novize werden wollte.«
Bei diesem Gedanken mußte ich lachen. »Na, mit dem
Armutsgelübde hättest du keine Schwierigkeiten gehabt; aber
Enthaltsamkeit und Gehorsam wären dir wohl ein bißchen schwerer
gefallen. Was meinte dein Vater dazu?«
Seine weißen Zähne blitzten in dem dunklen Gesicht,
als er lächelnd antwortete: »Er legte den Löffel weg, sah von
seinem Haferbrei auf und blickte mich einen Moment lang an.
Schließlich seufzte er, schüttelte den Kopf und sagte: ›Es war ein
langer Tag, Jamie.< Dann griff er wieder zu seinem Löffel und
widmete sich seinem Essen. Ich verlor danach nie mehr ein Wort
darüber.«
Er blickte hinauf zu der Terrasse, wo Leute
herumspazierten, sich zwischen den Tänzen abkühlten, Wein tranken
und hinter Fächern flirteten. Er seufzte wehmütig.
»Aye, wirklich ein ausgesprochen hübsches Ding,
diese Annalise de Marillac. Graziös wie der Wind und so klein, daß
man sie unter das Hemd stecken und wie ein Kätzchen tragen
möchte.«
Ich schwieg und lauschte der leisen Musik, die aus
den offenen Türen herüberdrang, während ich die schimmernden
Satinpantoffeln an meinen großen Füßen betrachtete.
Nach einer Weile bemerkte Jamie mein
Schweigen.
»Was ist los, Sassenach?« Er griff nach meinem
Arm.
»Nichts«, sagte ich seufzend. »Ich hab’ nur gerade
gedacht, daß mich wohl nie jemand ›graziös wie der Wind< nennen
würde.«
»Ach.« Er hatte den Kopf halb weggedreht. Im Licht
einer Laterne waren die Konturen seiner langen, geraden Nase und
seines
kräftigen Kinns zu erkennen. Als er mir dann das Gesicht zuwandte,
bemerkte ich das schiefe Lächeln auf seinen Lippen.
»Ich sag’ dir was, Sassenach: Das Wort ›graziös‹
drängt sich vielleicht nicht gerade auf, wenn man dich sieht.« Er
legte mir seine große warme Hand auf die Schulter.
»Doch wenn ich mit dir rede, ist es, als spräche
ich zu meiner eigenen Seele.« Sanft drehte er mein Gesicht zu
sich.
»Und, Sassenach«, wisperte er, »dein Antlitz ist
mein größter Schatz.«
Erst als sich ein paar Minuten später der Wind
drehte und uns mit einem feinen Sprühregen vom Springbrunnen
bedachte, lösten wir uns voneinander. Der unverhoffte Schauer ließ
uns lachend aufspringen. Auf Jamies fragende Kopfbewegung in
Richtung Terrasse nickte ich und hakte mich bei ihm unter.
»Wie ich sehe«, bemerkte ich, während wir die
breiten Stufen zum Ballsaal hinaufschlenderten, »hast du
mittlerweile ein bißchen mehr über die Frauen gelernt.«
»Das wichtigste, was ich über die Frauen gelernt
habe, ist, wie man sich für die Richtige entscheidet.« Er trat
zurück, verbeugte sich und machte eine einladende Handbewegung in
den hellerleuchteten Raum. »Darf ich Sie um diesen Tanz bitten,
gnädige Frau?«
Den darauffolgenden Nachmittag verbrachte ich bei
den d’Arbanvilles, wo ich wieder den königlichen Kantor traf.
Diesmal fanden wir auch Zeit für eine Unterhaltung, von der ich
Jamie beim Abendessen berichtete.
»Wie bitte?« Jamie blinzelte mich an, als dächte
er, ich wolle ihn aufziehen.
»Ich sagte, Herr Gerstmann meinte, ich würde
vielleicht gern eine Freundin von ihm kennenlernen. Mutter
Hildegarde leitet das Höpital des Anges - du weißt schon, das
Armenspital in der Nähe der Kathedrale.«
»Ich weiß, wo es ist.« Er klang alles andere als
begeistert.
»Er hatte eine Halsentzündung, und ich habe ihm
gesagt, was er dagegen nehmen soll. Dann kamen wir auf Medizin im
allgemeinen zu sprechen und daß ich mich dafür interessiere - na
ja, so führte eben eins zum anderen.«
»Wie so oft bei dir«, stimmte er mir mit
ausgesprochen zynischem
Tonfall zu. Ich ging aber nicht darauf ein und fuhr fort: »Und
deshalb werde ich morgen in das Krankenhaus gehen.« Ich stellte
mich auf die Zehenspitzen, um an meinen Medizinkasten auf dem Regal
zu gelangen. »Beim ersten Mal nehme ich ihn wohl besser noch nicht
mit«, sagte ich und inspizierte den Inhalt. »Es könnte zu
aufdringlich wirken, meinst du nicht?«
»Zu aufdringlich?« Er klang erstaunt. »Möchtest du
zu einem Besuch hingehen oder dort einziehen?«
»Äh, nun...« Ich atmete tief durch. »Weißt du, ich
habe mir gedacht, ich könnte vielleicht regelmäßig dort arbeiten.
Herr Gerstmann meinte, daß all die Ärzte und Heiler in dem
Krankenhaus unentgeltlich arbeiten. Die meisten kommen nicht jeden
Tag, aber ich habe ja viel freie Zeit und könnte...«
»Viel freie Zeit?«
»Hör doch auf, mir jedes Wort nachzuplappern«,
erwiderte ich. »Ja, ich habe viel freie Zeit. Mir ist klar, daß es
wichtig ist, zu den Salons, Abendgesellschaften und so weiter zu
gehen, aber das nimmt ja nicht den ganzen Tag in Anspruch -
bräuchte es jedenfalls nicht. Ich könnte...«
»Sassenach, du trägst ein Kind in dir! Du hast doch
nicht ernstlich vor, Bettler und Verbrecher zu pflegen?« Nun hörte
er sich ziemlich ratlos an, so als würde er sich fragen, wie er mit
jemandem umgehen solle, der von einem Moment auf den anderen
übergeschnappt war.
»Das habe ich nicht vergessen«, versicherte ich
ihm. Ich blickte zu meinem Bauch hinab und legte eine Hand
darauf.
»Man sieht es noch kaum; mit einem weiten Kleid
könnte ich es noch eine Weile verbergen. Und mir fehlt ja nichts
außer meiner morgendlichen Übelkeit. Es gibt keinen Grund, warum
ich nicht noch ein paar Monate arbeiten sollte.«
»Nein, außer daß ich es nicht will!« Da wir an
diesem Abend keine Gäste erwarteten, hatte er seine Halsbinde
bereits abgenommen, so daß ich sehen konnte, wie sein Hals
dunkelrot anlief.
»Jamie«, ich versuchte sachlich zu bleiben, »du
weißt, was ich bin.«
»Du bist meine Frau!«
»Ja, das auch.« Ich tat seinen Einwand mit einer
Handbewegung ab. »Ich bin eine Krankenpflegerin, Jamie. Eine
Heilerin. Du müßtest das eigentlich wissen.«
Die Zornesröte hatte nun sein Gesicht erreicht.
»Aye. Aber weil du mich kuriert hast, als ich verwundet war, soll
ich es gutheißen, daß du dich um Bettler und Prostituierte
kümmerst? Sassenach, weißt du denn nicht, was für Leute das Höpital
des Anges aufnimmt?« Er sah mich flehentlich an, als erwartete er,
daß ich endlich zur Besinnung käme.
»Was macht das schon für einen Unterschied?«
Sein wilder Blick schweifte im Zimmer umher und
schien das Porträt über dem Kamin als Zeugen meiner Unvernunft
anrufen zu wollen.
»Um Himmels willen, du könntest dir eine
gefährliche Krankheit holen! Bedeutet dir dein Kind denn gar
nichts, wenn ich dir schon gleichgültig bin?«
Sachlich zu bleiben schien mir plötzlich nicht mehr
so erstrebenswert.
»Natürlich bedeutet es mir was! Für wie
verantwortungslos hältst du mich eigentlich?«
»Verantwortungslos genug, um deinen Mann zu
verlassen und dich mit Abschaum aus der Gosse abzugeben!« herrschte
er mich an. »Wenn du’s genau wissen willst.« Er fuhr sich mit der
Hand durch die Haare, so daß sie zu Berge standen.
»Dich verlassen? Was hat es mit Verlassen zu tun,
wenn ich etwas Sinnvolles tun möchte, anstatt im Salon der
d’Arbanvilles herumzugammeln? Und zuzugucken, wie sich Louise de
Rohan mit Torten vollstopft? Und mir schlechte Gedichte und noch
schlechtere Musik anzuhören? Nein, ich möchte mich nützlich
machen!«
»Ist es dir nicht nützlich genug, den eigenen
Haushalt zu versorgen? Und mit mir eine Ehe zu führen?« Sein
Haarband riß, und ein dichter, flammendroter Lockenkranz umstand
sein Gesicht. Er funkelte mich an wie ein Racheengel.
»Und wie steht’s mit dir?« fauchte ich zurück. »Ist
dir die Ehe mit mir etwa Lebensinhalt genug? Mir ist jedenfalls
noch nicht aufgefallen, daß du den ganzen Tag im Haus herumhängst
und mich anhimmelst. Und was den Haushalt angeht, das ist doch
Bockmist!«
»Bockmist? Was meinst du damit?« fragte er
unwirsch.
»Blödsinn. Quatsch. Unsinn. Käse. Mit anderen
Worten, das ist einfach lächerlich. Madame Vionnet kümmert sich
doch um alles, und das kann sie zehnmal besser als ich!«
Dies war so offenkundig wahr, daß er einen
Augenblick verstummte. Wütend starrte er mich an und knirschte mit
den Zähnen.
»Ach ja? Und wenn ich dir verbiete
hinzugehen?«
Das brachte mich einen Moment lang zum Schweigen.
Ich richtete mich auf und musterte ihn von oben bis unten. Seine
Augen hatten die Farbe von regennassem Schiefer, der breite, üppige
Mund war nur ein Strich. Breitschultrig und aufrecht saß er da, die
Arme vor der Brust verschränkt. Er wirkte bedrohlich und
abstoßend.
»Heißt das, daß du es mir verbietest?«
Zwischen uns herrschte knisternde Spannung. Ich
wollte blinzeln, ihm aber nicht die Genugtuung verschaffen und
meinen eisernen Blick abwenden. Was würde ich tun, wenn er mir
tatsächlich verbot hinzugehen?
Verschiedene Ideen schossen mir durch den Kopf -
ihm den elfenbeinernen Brieföffner zwischen die Rippen rammen, ihm
das Dach über dem Kopf anzünden... Die einzige Möglichkeit, die ich
völlig ausschloß, war nachzugeben.
Er nahm einen tiefen Atemzug. Mit einiger
Anstrengung entkrampfte er seine geballten Fäuste.
»Nein«, sagte er. »Ich verbiete es dir nicht.«
Seine Stimme zitterte, als er versuchte, sich zu beherrschen. »Aber
wenn ich dich darum bitte?«
Da senkte ich den Blick und starrte sein
Spiegelbild in der polierten Tischplatte an. Anfangs war die Idee,
im Hôpital des Anges zu arbeiten, nur ein interessanter Gedanke
gewesen, eine reizvolle Alternative zu dem endlosen Tratsch und den
kleinlichen Intrigen der Pariser Gesellschaft. Doch jetzt... jeder
Muskel meiner Arme spannte sich an, als ich meinerseits die Fäuste
ballte. Es war nicht nur ein Wunsch, dort zu arbeiten; es war mir
ein Bedürfnis.
»Ich weiß nicht«, antwortete ich schließlich.
Er atmete tief durch.
»Willst du darüber nachdenken, Claire?« Ich spürte
seinen Blick auf mir ruhen. Nach einer Zeit, die mir sehr lang
schien, nickte ich.
»Ich werde darüber nachdenken.«
»Gut.« Seine Anspannung hatte nachgelassen. Er
wandte sich ab, ging rastlos im Zimmer umher und nahm wahllos
Gegenstände in die Hand, um sie danach wieder hinzustellen.
Schließlich blieb er stehen, lehnte sich an das Bücherregal und
betrachtete geistesabwesend
die ledergebundenen Werke. Zögernd trat ich auf ihn zu und legte
eine Hand auf seinen Arm.
»Jamie, ich wollte dich nicht wütend machen.«
»Aye, nun, ich wollte auch nicht mit dir streiten,
Sassenach. Ich bin wohl etwas reizbar und überempfindlich.« Er
tätschelte entschuldigend meine Hand, dann ging er zum Schreibtisch
und blickte darauf hinunter.
»Du hast einen harten Arbeitstag hinter dir«, sagte
ich besänftigend.
»Das ist es nicht.« Kopfschüttelnd griff er nach
dem Geschäftsbuch und blätterte es flüchtig durch.
»Der Weinhandel, der ist nicht das Problem. Es ist
zwar eine Menge Arbeit, das schon. Aber es macht mir nichts aus. Es
sind die anderen Angelegenheiten...« Er deutete auf einen kleinen
Stapel Briefe, auf denen ein Briefbeschwerer aus Alabaster lag, der
Jared gehörte und die Form einer weißen Rose hatte - das
Wahrzeichen der Stuarts. Die Briefe stammten von Abt Alexander, vom
Grafen von Mar und anderen prominenten Jakobiten. Und in allen ging
es um verhüllte Anfragen, vage Versprechungen und widersprüchliche
Erwartungen.
»Ich komme mir vor, als würde ich gegen Schatten
kämpfen!« polterte Jamie los. »Einen richtigen Kampf führen, gegen
etwas Greifbares, das wäre in Ordnung. Aber das...« Er packte die
Handvoll Briefe und warf sie in die Luft. Ziellos flatterten die
Papiere hin und her, bis sie unter Möbelstücken oder auf dem
Teppich landeten.
»Es gibt nichts Handfestes«, sagte er ratlos. »Ich
kann mit tausend Leuten reden, hundert Briefe schreiben, mit
Charles bis zum Umfallen saufen, und trotzdem weiß ich nie, ob ich
auch nur einen Schritt weiterkomme.«
Ich ließ die Briefe liegen; einer der Dienstboten
würde sie später aufheben.
»Jamie«, sagte ich leise, »wir können es nur immer
wieder versuchen.«
Er lächelte schwach. »Aye. Ich bin froh, daß du
›wir‹ sagst, Sassenach. Manchmal komme ich mir mit alldem ziemlich
alleingelassen vor.«
Da legte ich meinen Arm um seine Hüfte und
schmiegte mein Gesicht an seinen Rücken.
»Du weißt, daß ich dich damit nicht allein lasse«,
erwiderte ich. »Schließlich habe ich dich ja in die Sache
hineingezogen.«
Ich spürte ein leichtes Vibrieren an meiner Wange,
als er lachte.
»Aye. Aber ich mache dir keinen Vorwurf daraus,
Sassenach.« Er drehte sich zu mir um und küßte mich sanft auf die
Stirn. »Du siehst müde aus, mo duinne. Geh ins Bett. Ich muß
noch ein bißchen arbeiten, aber ich komme bald nach.«
»Gut.« Ich war tatsächlich müde, obwohl nach der
Dauermüdigkeit der ersten Schwangerschaftszeit neue Lebensgeister
in mir erwacht waren. Tagsüber fühlte ich mich neuerdings
putzmunter und barst beinahe vor Tatendrang.
Beim Gehen blieb ich an der Tür stehen. Jamie stand
noch immer am Schreibtisch und blickte in das aufgeschlagene
Geschäftsbuch.
»Jamie?«
»Aye?«
»Wegen der Sache mit dem Krankenhaus - ich sagte,
ich werde darüber nachdenken. Tust du es auch, ja?«
Er drehte den Kopf zu mir und musterte mich mit
einer hochgezogenen Augenbraue. Dann lächelte er und nickte
kurz.
»Ich bin gleich bei dir, Sassenach«, sagte
er.
Draußen fiel noch immer Schneeregen, und gefrorene
Regenkörnchen schlugen gegen die Scheiben. Das Stöhnen und Heulen
des Windes im Schornstein ließ das Schlafzimmer noch gemütlicher
erscheinen.
Das Bett war dank der Gänsedaunendecken, den
riesigen weichen Kopfkissen und Jamie, der wie ein
Nachtspeicherofen konstant Wärme abgab, eine Oase der
Behaglichkeit.
Seine große Hand strich sanft über meinen
Bauch.
»Nein, da. Du mußt ein bißchen fester drücken.« Ich
führte seine Hand etwas tiefer bis knapp über mein Schambein, wo
der Uterus mittlerweile als eine rundliche, harte Schwellung von
der Größe einer Pampelmuse zu ertasten war.
»Aye, jetzt spüre ich es«, murmelte er. »Er ist
tatsächlich da.« Ein ehrfürchtiges, entzücktes Lächeln spielte um
seine Lippen, dann sah er mit glänzenden Augen auf. »Merkst du es
schon, wenn er sich bewegt?«
Ich schüttelte den Kopf. »Noch nicht. In einem
Monat oder so, wenn deine Schwester Jenny recht hat.«
»Mmm«, meinte er und liebkoste die leichte Wölbung.
»Was hältst du von ›Dalhousie‹, Sassenach?«
»Wovon?« fragte ich.
»Na, von dem Namen Dalhousie«, erklärte er, während
er zärtlich meinen Bauch tätschelte. »Wir müssen ihm ja einen Namen
geben.«
»Stimmt«, sagte ich. »Aber woher willst du wissen,
daß es ein Junge ist? Es könnte ebensogut ein Mädchen sein.«
»Äh - aye, da hast du recht«, räumte er ein, als
zöge er zum erstenmal diese Möglichkeit in Betracht. »Aber trotzdem
können wir uns ja erst einen Jungennamen überlegen. Wir könnten ihn
nach deinem Onkel nennen, von dem du mir erzählt hast. Der, der
dich aufgezogen hat.«
»Hmm«, brummte ich mißbilligend. So sehr ich meinen
Onkel Lamb gemocht hatte, einen Namen wie »Lambert« oder »Quentin«
wollte ich einem wehrlosen Kind nicht antun. »Nein, lieber nicht.
Andererseits will ich ihn auch nicht nach einem von deinen Onkeln
benennen, glaube ich.«
»Wie hieß dein Vater, Sassenach?«, fragte Jamie
gedankenverloren, während er weiter meinen Bauch streichelte.
Ich mußte einen Augenblick nachdenken, ehe es mir
wieder einfiel.
»Henry«, antwortete ich. »Henry Montmorency
Beauchamp. Aber, Jamie, ich will mein Kind wirklich nicht
›Montmorency Fraser< nennen, auf keinen Fall. Von ›Henry‹ bin
ich auch nicht so begeistert, aber das ist zumindest besser als
Lambert. Wie wär’s mit William?« schlug ich vor. »Nach deinem
Bruder?« Sein älterer Bruder William war in früher Jugend
gestorben, aber Jamie hatte ihn in liebevoller Erinnerung
behalten.
Seine Stirn legte sich in nachdenkliche Falten.
»Hmm. Aye, vielleicht. Oder wir nennen ihn...«
»James«, ertönte eine dumpfe Grabesstimme aus dem
Rauchfang.
»Was?« Ich fuhr hoch.
»James«, wiederholte der Kamin voller Ungeduld.
»James. James!«
»Heiliger Himmel!« keuchte Jamie und starrte in das
lodernde Kaminfeuer. Ich spürte, wie sich die Haare an seinem Arm
aufstellten. Einen Moment lang saß er wie erstarrt da, dann hatte
er
plötzlich eine Idee. Er schwang sich aus dem Bett und trat ans
Dachfenster, ohne sich die Mühe zu machen, etwas über sein Hemd zu
ziehen.
Ein Schwall eiskalter Luft drang herein, als Jamie
das Schiebefenster aufriß und den Kopf hinausstreckte. Ich vernahm
einen gedämpften Ruf, dann ein scharrendes Geräusch auf den
Dachziegeln. Jamie beugte sich weit hinaus. Ächzend vor Anstrengung
zog er jemanden herein, der die Arme um seinen Nacken gelegt hatte.
Die Gestalt entpuppte sich als ein gutaussehender Jüngling in
dunklen, klatschnassen Kleidern, dessen eine Hand mit einem
blutigen Stück Stoff umwickelt war.
Der Besucher stolperte über das Fensterbrett und
landete auf allen vieren im Zimmer. Doch unverzüglich rappelte er
sich auf, zog seinen Schlapphut und verbeugte sich vor mir.
»Madame«, sagte er mit breitem Akzent auf
französisch. »Ich bitte mein formloses Erscheinen zu entschuldigen.
Ich möchte Sie nicht stören, doch es ist von höchster
Dringlichkeit, daß ich meinen Freund James zu solch
nachtschlafender Zeit aufsuche.«
Er war ein kräftiger, hübscher Bursche mit dichtem,
hellbraunem Lockenhaar, das lose auf seine Schultern fiel. Sein
hellhäutiges Gesicht war vor Kälte und Erschöpfung gerötet. Als er
sich mit der verbundenen Hand über die laufende Nase fuhr, zuckte
er leicht zusammen.
Jamie verbeugte sich höflich vor dem
Besucher.
»Mein Haus steht Euch zu Diensten, Eure Hoheit«,
verkündete er mit einem flüchtigen Blick auf das ungepflegte Äußere
des Jünglings. Seine Halsbinde hing herab, die Hälfte seiner Knöpfe
war verkehrt geknöpft, und der Schlitz seiner Kniehose stand
teilweise offen. Mir entging nicht, daß Jamie dies mit einem
Stirnrunzeln zur Kenntnis nahm und sich unauffällig vor den jungen
Mann stellte, um mir den anstößigen Anblick zu ersparen.
»Darf ich Euch meine Frau vorstellen, Hoheit:
Claire, Herrin von Broch Tuarach.« Dann wandte er sich an
mich:
»Claire, das ist seine Hoheit Prinz Charles, der
Sohn von König James von Schottland.«
»Hm, ja, das habe ich mir schon gedacht«, meinte
ich. »Äh, guten Abend, Eure Hoheit.« Ich nickte geziemend, während
ich die Bettdecke etwas höher zog. Unter diesen Umständen konnte
ich den üblichen Knicks wohl weglassen.
Der Prinz hatte Jamies langwierige Vorstellung
genutzt, um seine Hose etwas in Ordnung zu bringen, und nickte mir
jetzt voller königlicher Würde zu.
»Es ist mir ein Vergnügen, Madame.« Er verbeugte
sich erneut, diesmal mit mehr Eleganz. Dann stand er da, drehte den
Hut in seinen Händen und überlegte offenbar, was er als nächstes
sagen sollte. Jamie, nur mit seinem Hemd bekleidet, stand neben ihm
und blickte abwechselnd von mir zu Charles. Anscheinend war er
ebenso um Worte verlegen.
»Äh«, brach ich das Schweigen, »habt Ihr einen
Unfall gehabt, Hoheit?« Ich nickte zu dem Taschentuch, das um seine
Hand gewickelt war, und er starrte es an, als sähe er es zum
erstenmal.
»Ja«, antwortete er, »äh... nein. Ich meine... es
ist nicht der Rede wert, gnädige Frau.« Während er noch tiefer
errötete, betrachtete er die Hand. Sein Verhalten war merkwürdig,
halb verlegen, halb wütend. Da ich jedoch sah, daß der Blutfleck
auf dem Stoff größer wurde, schwang ich mich aus dem Bett und griff
nach meinem Morgenrock.
»Laßt mich das einmal ansehen«, meinte ich. Etwas
widerwillig entblößte der Prinz die Wunde; sie war nicht
bedenklich, aber eigenartig.
»Es sieht wie eine Bißwunde aus«, bemerkte ich
ungläubig und betupfte die halbkreisförmige Verletzung zwischen
Daumen und Zeigefinger. Sie mußte vor dem Verbinden noch mehr
bluten, und Prinz Charles zuckte zusammen, als ich gegen das
Fleisch um die Wunde drückte.
»Ja«, sagte er. »Ein Affenbiß. Dieses widerliche,
verlauste Vieh!« brach es aus ihm heraus. »Ich sagte ihr noch, sie
solle ihn loswerden. Das Tier ist zweifellos krank!«
Ich holte meinen Medizinkasten und bestrich die
Stelle dünn mit Enziansalbe. »Ich denke, Ihr müßt Euch keine Sorgen
machen«, meinte ich, in meine Arbeit vertieft, »außer wenn der Affe
tollwütig ist.«
»Tollwütig?« Der Prinz erbleichte sichtlich.
»Halten Sie das für möglich?« Offenkundig hatte er keine Ahnung,
was »tollwütig« bedeutete, wollte aber unter keinen Umständen
irgend etwas damit zu tun haben.
»Möglich ist alles«, erklärte ich munter. Von
seinem plötzlichen Auftauchen überrascht, kam mir erst in diesem
Moment der Gedanke,
daß es auf lange Sicht allen eine Menge Arger ersparen würde, wenn
dieser junge Mann infolge einer tödlichen Krankheit rasch und sanft
entschlummern würde. Doch ich brachte es nicht über mich, ihm
Wundbrand oder Tollwut an den Hals zu wünschen, und legte ihm einen
ordentlichen, frischen Leinenverband an.
Er lächelte, verbeugte sich wieder und bedankte
sich in einer netten Mixtur aus Französisch und Italienisch. Noch
während er sich wortreich für seinen ungelegenen Besuch
entschuldigte, schleppte ihn Jamie - nunmehr mit einem respektablen
Kilt angetan - zu einem Drink nach unten.
Die Kälte drang durch meinen Morgenmantel und das
Nachthemd, und so kroch ich wieder ins Bett und zog die Decken bis
zum Kinn hoch. Das war also Prinz Charles! Jetzt war mir auch klar,
warum man ihn »bonnie« - »hübsch« -nannte. Er wirkte ziemlich
jung-wesentlich jünger als Jamie, obwohl Jamie nur ein oder zwei
Jahre älter war als er. Tatsächlich hatte Seine Hoheit eine sehr
gewinnende Art, dazu ein recht standesbewußtes und würdevolles
Auftreten, ungeachtet seiner schlampigen Kleidung. Aber genügte
das, um an der Spitze einer Streitmacht nach Schottland
zurückzukehren und um die Krone zu fechten? Im Halbschlaf fragte
ich mich noch, was der schottische Thronerbe eigentlich mitten in
der Nacht auf den Dächern von Paris trieb, noch dazu mit einem
Affenbiß an der Hand.
Die Frage beschäftigt mich immer noch, als ich
etwas später von Jamie geweckt wurde, der ins Bett schlüpfte und
seine großen eiskalten Füße gleich neben meine Knie
plazierte.
»Schrei nicht so«, sagte er. »Du weckst ja noch die
Diener auf.«
»Wieso zum Teufel läuft Charles Stuart mit einem
Affen auf den Dächern herum?« wollte ich wissen, während ich von
ihm wegrückte. »Nimm diese Eisklumpen da weg!«
»Er hat seine Geliebte besucht«, entgegnete Jamie
lakonisch. »Ist ja gut - hör auf, mich zu treten.« Er zog seine
Füße zurück und schloß mich zitternd in die Arme, als ich mich zu
ihm drehte.
»Tatsächlich? Louise de la Tour?« Nach dem
Kälteschock und in Erwartung einer Skandalgeschichte war ich
plötzlich hellwach.
»Genau die«, Jamie nickte widerwillig. Unter den
dichten, zusammengezogenen Augenbrauen wirkte seine Nase noch
markanter und länger als sonst. Als schottischer Katholik fand er
es anstößig,
wenn jemand eine Geliebte hatte, doch bekanntlich genoß der Adel
in dieser Hinsicht gewisse Privilegien. Allerdings war die
Princesse Louise de La Tour verheiratet. Und Adel hin oder her,
eine Verheiratete zur Geliebten zu nehmen war schlichtweg
unmoralisch, ungeachtet dessen, was sein Cousin Jared tat.
»Er sagt, daß er sie liebt«, berichtete Jamie knapp
und zog sich die Decken über die Schultern. »Und daß sie ihn auch
liebt; er behauptet, sie sei ihm während der letzten drei Monate
treu gewesen. Pah!«
»Na ja, so etwas soll vorkommen«, entgegnete ich
belustigt. »Dann hat er sie also besucht? Aber wie ist er denn auf
das Dach gekommen? Hat er dir das erzählt?«
»Oh, aye, das hat er.«
Nach mehreren Gläsern von Jareds bestem Portwein
hatte Charles sich als äußerst mitteilsam erwiesen. Ihre Liebe war,
so Charles, an diesem Abend auf eine harte Probe gestellt worden,
und zwar durch die Zuneigung, die seine Geliebte für ihr Haustier,
einen reichlich übellaunigen Affen, empfand. Dieser erwiderte die
Abneigung Seiner Hoheit und brachte sie auf recht konkrete Weise
zum Ausdruck: Als Seine Hoheit vor der Nase des Affen spöttisch mit
den Fingern schnippte, bekam er nicht nur dessen spitze Zähne zu
spüren, sondern auch die ebenso spitze Zunge seiner Geliebten, die
ihn mit bitteren Anschuldigungen überhäufte. Darauf folgte ein
hitziger Streit, bis Louise Charles’ Gegenwart nicht mehr erdulden
wollte. Dieser erklärte sich nur allzugern bereit, sie zu verlassen
- und zwar endgültig, wie er dramatisch hinzufügte.
Des Prinzen Abgang wurde jedoch durch den Umstand
behindert, daß Louises Gatte zurückgekehrt war und es sich mit
einer Flasche Weinbrand im Vorzimmer bequem gemacht hatte.
»Und so«, fuhr Jamie fort, wobei er unwillkürlich
grinsen mußte, »konnte er nicht bei dem Mädel bleiben, aber auch
nicht hinausgehen. Deshalb stieg er durch das Fenster aufs Dach. Er
war über die Regenrinne schon fast zur Straße hinuntergelangt, da
kam die Wache daher, und er mußte wieder hinaufklettern, um nicht
gesehen zu werden. Er meint, es habe ihn nicht sonderlich amüsiert,
um Kamine herumzuschlüpfen und auf den nassen Ziegeln
auszurutschen. Dann fiel ihm ein, daß wir ja nur drei Häuser weiter
wohnen und die Dächer so nahe beieinander liegen, daß man leicht
von einem zum anderen springen kann.«
»Mmh«, meinte ich und spürte, wie die Wärme in
meine Zehen zurückkehrte. »Hast du ihn mit der Kutsche nach Hause
geschickt?«
»Nein, er hat eins von unseren Stallpferden
genommen.«
»Wenn er Jareds Portwein getrunken hat, hoffe ich
nur, daß er es noch bis zum Montmartre schafft«, bemerkte ich. »Es
ist ein ziemlich langer Weg.«
»Ja, und es wird zweifellos ein kalter, nasser Ritt
werden«, erwiderte Jamie mit der Selbstgefälligkeit eines Mannes,
der neben seinem rechtmäßig angetrauten Weib im warmen Bett liegt.
Er blies die Kerze aus und zog mich an seine Brust.
»Geschieht ihm recht«, murmelte er. »Ein Mann
sollte verheiratet sein.«
Die Hausangestellten waren bereits vor
Tagesanbruch aufgestanden und putzten und polierten, da am Abend
Monsieur Duverney zu einem Essen im kleinen Kreis erwartet
wurde.
»Ich weiß nicht, warum sie sich die Mühe machen«,
sagte ich zu Jamie, während ich mit geschlossenen Augen dalag und
auf das geschäftige Treiben im Haus lauschte. »Sie bräuchten doch
nur das Schachspiel abzustauben und eine Flasche Weinbrand
bereitzustellen; etwas anderes bemerkt er sowieso nicht.«
Jamie lachte. »Das ist schon gut so; ich brauche
ein kräftiges Abendessen, wenn ich ihn schlagen will.« Dann gab er
mir einen Abschiedskuß und meinte: »Ich gehe ins Lagerhaus,
Sassenach, aber ich bin rechtzeitig zurück, um mich
umzuziehen.«
Um den Dienstboten nicht im Weg zu stehen, beschloß
ich, mich von einem Lakaien zu den de Rohans begleiten zu lassen.
Vielleicht konnte Louise nach dem Streit letzte Nacht ein bißchen
Trost brauchen. Mit vulgärer Neugierde, so redete ich mir ein,
hatte das überhaupt nichts zu tun.
Als ich am Spätnachmittag zurückkehrte, fand ich
Jamie in einem Sessel neben dem Schlafzimmerfenster, die Füße auf
dem Tisch. Mit offenem Kragen und ungekämmten Haaren brütete er
über einem Bündel bekritzelter Blätter. Als er hörte, wie die Tür
geschlossen wurde, blickte er auf und schenkte mir ein breites
Grinsen.
»Sassenach! Da bist du ja!« Er stand auf und
umarmte mich. Das
Gesicht in meine Haare vergraben, schnupperte er, dann fuhr er
plötzlich zurück und nieste. Gleich darauf nieste er noch einmal,
ließ mich los und griff nach seinem Taschentuch, das er in
Soldatenmanier in seinem Ärmel stecken hatte.
»Wie riechst du denn, Sassenach?« fragte er
unwirsch und preßte das viereckige Leinentuch an seine Nase, gerade
noch rechtzeitig vor dem nächsten Niesanfall.
Ich faßte in den Ausschnitt meines Kleides und zog
das Stoffsäckchen zwischen meinen Brüsten heraus.
»Jasmin, Rose, Hyazinthe, Maiglöckchen... und
anscheinend auch Kreuzkraut«, zählte ich auf, während er in das
große Taschentuch prustete und schneuzte. »Ist alles in
Ordnung?«
»Aye, es geht schon. Das sind die Hya... Hya...
Hyatschü!«
»Himmel!«Ich öffnete schnell das Fenster und winkte
ihn herbei. Gehorsam streckte er den Kopf in den Nieselregen
hinaus, wo er frische, hyazinthenfreie Luft atmen konnte.
»Ah, das tut gut«, sagte er erleichtert, als er ein
paar Minuten später den Kopf wieder hereinzog. Mir großen Augen
starrte er mich an. »Was machst du da, Sassenach?«
»Ich wasche mich«, antwortete ich, während ich an
den Bändern meines Kleides nestelte. »Zumindest habe ich es vor.
Ich habe am ganzen Körper Hyazinthenöl«, erklärte ich angesichts
seiner verständnislosen Miene. »Wenn ich es nicht abwasche,
zerreißt es dich am Ende noch.«
Nachdenklich wischte er sich die Nase und
nickte.
»Da könntest du nicht unrecht haben, Sassenach.
Soll ich den Lakaien nach heißem Wasser schicken?«
»Nein, das ist nicht nötig. Mit einer schnellen
Wäsche müßte ich das meiste wegkriegen«, versicherte ich ihm und
entledigte mich möglichst rasch meiner Kleider. Als ich hinter
meinen Kopf faßte, um die Haare zu einem Knoten aufzustecken,
packte Jamie mich plötzlich am Handgelenk und riß meinen Arm
hoch.
»Was soll das?« fragte ich verwundert.
»Erklär mir mal, was das soll, Sassenach!«
entgegnete er ungehalten und starrte in meine Achselhöhle.
»Ich hab’ mich rasiert«, antwortete ich stolz.
»Besser gesagt, gewachst. Louise hatte heute morgen ihre
servante aux petits soins da - du weißt schon, die Dame für
die Schönheitspflege -, und die hat mich auch gleich
behandelt.«
»Gewachst?« Jamies Blick schweifte zwischen mir und
dem Kerzenhalter neben dem Wasserkrug hin und her. »Du hast dir
Wachs in die Achseln getan?«
»Nicht so ein Wachs«, beruhigte ich ihn.
»Parfümiertes Bienenwachs. Die Schönheitspflegerin hat es erwärmt
und dann das flüssige Wachs aufgetragen. Wenn es abgekühlt ist,
braucht man es nur noch abziehen«, mir schauderte bei der
Erinnerung daran, »und fertig ist die Laube!«
»Was für eine Laube?« fragte Jamie irritiert.
»Wofür zum Teufel soll das gut sein?« Er nahm die besagte
Körperpartie näher in Augenschein. »Hat das nicht weh...
wehge-hatschi!« Er ließ mein Handgelenk los und wandte sich
ab.
»Hat es nicht wehgetan?« brummelte er in das
Taschentuch.
»Ein bißchen schon«, gestand ich. »Aber es hat sich
doch gelohnt, findest du nicht?« meinte ich, hob wie eine Ballerina
die Arme und drehte mich ein wenig. »Zum erstenmal seit Monaten
fühle ich mich richtig sauber.«
»Gelohnt?« wiederholte er mit etwas belegter
Stimme. »Was hat es mit Sauberkeit zu tun, wenn man sich die
Achselhaare ausreißt?«
Da kam mir ein wenig verspätet zu Bewußtsein, daß
sich von den Schottinnen, die ich kannte, keine einzige enthaart
hatte. Daß das bei vielen Pariserinnen aus der Oberschicht üblich
war, konnte Jamie nicht wissen, da er wohl kaum so engen Kontakt zu
ihnen gehabt hatte. »Na ja...«, meinte ich und erkannte plötzlich,
wie schwierig es für einen Völkerkundler sein mußte, die Sitten und
Gebräuche eines Eingeborenenstammes zu erläutern. »Es riecht
weniger«, argumentierte ich.
»Und was soll mit deinem Geruch nicht in Ordnung
sein?« entgegnete er hitzig. »Du hast wie eine Frau gerochen, nicht
wie ein verdammtes Blumenbeet. Bin ich ein Mann oder eine Hummel?
Würdest du dich bitte waschen, Sassenach, damit ich nicht ständig
fünf Schritte Abstand von dir halten muß?«
Ich nahm einen Waschlappen und begann meinen
Oberkörper abzureiben. Madame Laserre, Louises Schönheitspflegerin,
hatte mich über und über mit dem Duftöl parfümiert; hoffentlich
ließ es sich leicht abwaschen. So wie Jamie mich außer Reichweite
anfunkelte, erinnerte er mich fatal an einen Wolf, der seine Beute
umkreist.
Während ich ihm den Rücken zukehrte, erwähnte ich
beiläufig: »Äh, ich hab’ mir auch die Beine gewachst.«
Bei einem flüchtigen Blick über die Schulter sah
ich, daß sein anfänglicher Schrecken in völlige Verwirrung
umgeschlagen war.
»Beine riechen doch gar nicht«, sagte er, »wenn man
nicht gerade bis zu den Knien in der Jauche steht.«
Ich drehte mich um, hob den Rock und streckte
anmutig ein Bein vor.
»Aber es sieht so viel hübscher aus«, bemerkte ich.
»So schön glatt, nicht wie bei einem Affen.«
Beleidigt sah er auf seine eigenen wuscheligen
Beine hinunter.
»Ich bin also ein Affe, wie?«
»Doch nicht du, ich!« widersprach ich
ärgerlich.
»Meine Beine sind allemal behaarter, als deine
jemals waren!«
»Na, das sollen sie auch! Du bist ja schließlich
ein Mann!«
Er schien etwas entgegnen zu wollen, schüttelte
aber nur seufzend den Kopf und brummte irgend etwas
Gälisches.
Dann ließ er sich in seinen Sessel fallen und
beobachtete mich aus zusammengekniffenen Augen, während er
weiterhin vor sich hin murmelte. Ich beschloß, ihm und mir eine
Übersetzung zu ersparen.
»Weißt du, es hätte noch schlimmer kommen können«,
meinte ich, während ich einen Oberschenkel abrieb. »Louise hat sich
am gesamten Körper enthaaren lassen.«
Meine Worte ließen ihn zumindest vorübergehend zur
englischen Sprache zurückfinden.
»Was, sie hat sich die Haare um ihren Honigtopf
weggemacht?« In seinem Entsetzen ließ er sich sogar zu einer
charakteristischen Vulgarität hinreißen.
»Ja«, erwiderte ich und war froh, daß ihn dieser
Gedanke von meiner eigenen Haarlosigkeit ablenkte. »Jedes einzelne
Härchen. Madame Laserre hat sie teilweise einzeln
ausgezupft.«
»Heilige Maria!« Er schloß die Augen bei diesem
Gedanken, entweder um ihn zu verdrängen oder ihn sich
auszumalen.
Offenbar letzteres. Denn als er die Augen wieder
aufschlug, starrte er mich durchdringend an. »Dann läuft sie jetzt
also wie ein kleines Mädel herum?«
»Sie sagt, die Männer finden das erotisch«,
antwortete ich delikat.
Jamies Verwirrung war nun vollkommen.
»Hör doch mit diesem gälischen Gebrabbel auf«,
ermahnte ich ihn, als ich den Waschlappen zum Trocknen über eine
Stuhllehne hängte. »Ich verstehe kein Wort.«
»Das ist vielleicht auch ganz gut so«, bekannte
er.