11
Sinnvolle Beschäftigungen
»Wer ist dieses merkwürdige Männchen?« fragte ich Jamie neugierig. Besagter Mann schlenderte langsam zwischen den Grüppchen von Gästen umher, die sich im Hauptsalon des Hauses der de Rohans versammelt hatten. Gelegentlich hielt er inne, musterte kritischen Auges die eine oder andere Gruppe und ging dann achselzuckend weiter. Oder er trat unvermittelt an die eine oder andere Person heran, hielt ihr irgend etwas vor die Nase und erteilte eine Art Befehl. Was auch immer er da tat, es schien erhebliche Belustigung hervorzurufen.
Ehe Jamie antworten konnte, hatte der kleinwüchsige Mann mit dem Hutzelgesicht, der in grauen Serge gehüllt war, uns entdeckt, und seine Miene hellte sich auf. Er stürzte sich auf Jamie wie ein winziger Raubvogel auf einen großen, verdutzten Hasen.
»Singen Sie«, befahl er.
»Hä?« Jamie blinzelte erstaunt zu der kleinen Gestalt hinunter.
»Ich sagte: ›Singen Sie‹«, erwiderte der Mann geduldig und tippte bewundernd an Jamies Brust. »Mit einem solchen Resonanzkörper müssen Sie ein prächtiges Stimmvolumen haben.«
»Allerdings«, sagte ich amüsiert. »Wenn er sich erregt, hört man es noch drei Straßen weiter.«
Jamie warf mir einen vernichtenden Blick zu. Unterdessen ging das Hutzelmännchen um ihn herum, maß die Breite seines Rückens und pochte dagegen wie ein Specht, der einen vielversprechenden Baum gefunden hat.
»Ich kann nicht singen«, protestierte er.
»Unsinn, natürlich können Sie. Was für ein schöner Bariton«, murmelte der Mann entzückt. »Ausgezeichnet. Genau, was wir brauchen. Hier, eine kleine Hilfestellung. Versuchen Sie den Ton zu treffen.«
Flink zog er eine kleine Stimmgabel aus der Tasche, schlug sie gekonnt an einer Säule an und hielt sie an Jamies Ohr.
Jamie rollte mit den Augen, fügte sich dann aber in sein Schicksal und sang einen Ton. Der kleine Mann zuckte zusammen, als hätte man ihn angeschossen.
»Nein«, stöhnte er ungläubig.
»Doch, ich fürchte schon«, bekundete ich meine Anteilnahme. »Wissen Sie, er hat recht. Er kann wirklich nicht singen.«
Der Mann warf Jamie einen vorwurfsvollen Blick zu, dann schlug er die Stimmgabel erneut an und hielt sie ihm einladend hin.
»Noch einmal«, redete er ihm zu. »Hören Sie einfach auf den Ton und singen Sie ihn nach.«
Der geduldige Jamie lauschte aufmerksam auf das A der Gabel, dann brachte er einen Ton hervor, der ungefähr einem Dis entsprach.
»Nicht zu fassen«, meinte das Männchen zutiefst enttäuscht. »So dissonant kann man doch gar nicht sein, nicht einmal mit Absicht.«
»Ich schon«, erwiderte Jamie unbekümmert und verbeugte sich höflich. Mittlerweile hatte sich eine kleine neugierige Menge um uns versammelt. Louise de Rohan war eine großartige Gastgeberin, und in ihren Salons verkehrte die Elite der Pariser Gesellschaft.
»Ja«, versicherte ich dem Mann. »Er hat eben kein musikalisches Gehör.«
»Das habe ich gemerkt«, erwiderte er niedergeschlagen, doch dann fiel sein Blick auf mich.
»Nein, ich nicht!« rief ich lachend.
»Ihr musikalisches Gehör ist doch gewiß besser, Madame.« Seine Augen glitzerten wie die einer Schlange, die ihr schreckensstarres Opfer fixiert, während die Stimmgabel natterngleich zu züngeln schien.
»Augenblick«, sagte ich abwehrend. »Wer sind Sie eigentlich?«
»Das ist Herr Johannes Gerstmann, Sassenach.« Belustigt verbeugte sich Jamie vor dem Mann. »Der königliche Kantor. Herr Gerstmann, darf ich Ihnen meine Frau, Herrin von Broch Tuarach, vorstellen?« Bei Jamie konnte man sich darauf verlassen, daß er wirklich jeden am Hof kannte.
Johannes Gerstmann. Nun, das erklärte auch den leichten Akzent, der mir in seinem förmlichen Französisch aufgefallen war. Ein Deutscher, fragte ich mich, oder ein Österreicher?
»Ich bin gerade dabei, aus dem Stegreif einen kleinen Chor zusammenzustellen«, erklärte der Kantor. »Es müssen keine ausgebildeten Stimmen sein, aber sie sollten kräftig und natürlich klingen.« Er bedachte Jamie mit einem enttäuschten Blick, woraufhin dieser lediglich grinste. Dann nahm er Herrn Gerstmann die Stimmgabel aus der Hand und hielt sie fragend in meine Richtung.
»Hm, na gut«, meinte ich und sang.
Was Herr Gerstmann auch gehört haben mochte, er fand es anscheinend hoffnungsvoll, denn er beäugte mich interessiert, während er seine Stimmgabel einsteckte. Seine Perücke war eine Spur zu groß; sie rutschte etwas nach vorne, als er nickte. Nachlässig rückte er sie zurecht und sagte: »Eine außerordentliche Stimme, Madame! Sehr schön, in der Tat. Kennen Sie zufällig Le Papillon?« Er summte ein paar Takte.
»Nun, ich habe es schon einmal gehört«, antwortete ich vorsichtig. »Die Melodie meine ich; den Text kenne ich nicht.«
»Ah, das ist kein Problem, Madame. Der Refrain ist ganz einfach; er geht so...«
Ehe ich wußte, wie mir geschah, hatte der Kantor meinen Arm fest im Griff und zog mich mit sich fort. Dabei summte er mir ins Ohr wie eine verrücktgewordene Hummel.
Ich warf Jamie einen hilflosen Blick zu, doch er hob nur grinsend seinen Eisbecher zum Abschiedsgruß, ehe er eine Unterhaltung mit Monsieur Duverney dem Jüngeren begann, dem Sohn des königlichen Finanzministers.
Das Haus der de Rohans - wobei die Bezeichnung »Haus« eine krasse Untertreibung ist - erstrahlte im Licht der Laternen, die im Garten aufgehängt waren und die Terrasse säumten. Als Herr Gerstmann mich durch die Flure zerrte, sah ich Diener, die zwischen den Eßzimmern hin und her eilten und die Tische für das nachfolgende Diner deckten. Die meisten »Salons« waren kleine, private Zusammenkünfte, doch die Princesse Louise de la Tour de Rohan zog die Sache lieber im großen Stil auf.
Ich hatte die Prinzessin eine Woche zuvor bei einer anderen Abendgesellschaft kennengelernt und war von ihr ziemlich überrascht gewesen. Sie war mollig und sah recht gewöhnlich aus: ein rundliches Gesicht mit einem ebenso rundlichen, kleinen Kinn, blaßblauen, wimpernlosen Augen und einem künstlichen, sternförmigen Schönheitsfleck, der sie auch nicht schöner machte. Das sollte die Dame sein, deretwegen Prinz Charles gegen den guten Ton verstieß? dachte ich, als ich einen Begrüßungsknicks machte.
Doch sie hatte ein lebhaftes, munteres Wesen, das sehr anziehend wirkte, und einen hübschen rosigen Mund. Dieser schien überhaupt das Lebhafteste an ihr zu sein.
»Ach, wie reizend!« hatte sie ausgerufen und meine Hand ergriffen, als ich ihr vorgestellt wurde. »Wie schön, Sie endlich kennenzulernen! Mein Mann wie auch mein Vater haben endlose Lobeshymnen auf den Herrn von Broch Tuarach gesungen, aber seine bezaubernde Frau haben sie mit keinem Wort erwähnt. Ich bin außerordentlich entzückt über Ihre Anwesenheit, meine Liebe - muß ich Sie wirklich mit Broch Tuarach anreden, oder genügt es vielleicht auch, wenn ich Madame Tuarach sage? Ich weiß nicht, ob ich mir alles merken kann, aber ein Wort gewiß, auch wenn es so merkwürdig klingt... es ist schottisch, nicht wahr? Wie reizend!«
Eigentlich bedeutete Broch Tuarach »Der nach Norden schauende Turm«, doch wenn sie mich »Madame Nach-Norden-Schauend« nennen wollte, sollte mir das auch recht sein. Schließlich versuchte sie nicht einmal mehr, sich an »Tuarach« zu erinnern, sondern sprach mich bald nur noch mit »ma chère Claire« an.
Die Prinzessin beehrte gerade die Gesangsgruppe im Musikzimmer durch ihre Anwesenheit. Lachend und plaudernd flatterte sie von einem zum anderen Gast. Als sie mich erblickte, stürmte sie auf mich zu, so schnell es ihre Gewänder zuließen. Ihr Gesicht sprühte vor Energie.
»Ma chère Claire!« rief sie und nahm mich ohne Rücksicht auf Herrn Gerstmann sofort in Beschlag. »Sie kommen gerade recht! Kommen Sie, tun Sie mir einen Gefallen und reden Sie mit diesem närrischen englischen Kind.«
Das »närrische englische Kind« war in der Tat sehr jung: ein Mädchen von höchstens fünfzehn Jahren mit dunklen, glänzenden Ringellocken. Sie war so verlegen, daß ihr Kopf hochrot glühte und ich an eine leuchtende Mohnblume denken mußte. An ihren Wangen erkannte ich sie wieder - sie war das Mädchen, das ich im Garten von Versailles gesehen hatte, kurz vor dem beunruhigenden Erscheinen von Alexander Randall.
»Madame Fraser ist auch Engländerin«, erklärte Louise dem Mädchen. »In ihrer Gesellschaft werden Sie sich bald wie zu Hause fühlen.« Louise drehte sich zu mir um und fuhr im selben Atemzug fort: »Sie ist ein wenig schüchtern. Unterhalten Sie sich mit ihr und überreden Sie sie, mit uns zu singen. Man hat mir versichert, sie habe eine ganz herrliche Stimme. Also, mes enfants, amüsieren Sie sich gut!« Und nachdem sie uns ihren Segen in Form eines Klapses erteilt hatte, entschwand sie zum anderen Ende des Zimmers, wo sie mit schmeichelnder Bewunderung das Kleid einer neuangekommenen Dame inspizierte, dann den übergewichtigen Knaben am Cembalo tätschelte und mit seinem Lockenhaar spielte, während sie den Duca di Castellotti in einen Plausch verwickelte.
»Es ist schon anstrengend, ihr bloß zuzusehen, finden Sie nicht?« sagte ich auf englisch und blickte das Mädchen freundlich an. Um ihre Lippen spielte ein schwaches Lächeln, als sie kurz nickte. Sie sagte nichts. Ich überlegte, daß sie von alldem völlig überwältigt sein mußte; bei Louises Festen wußte ich selbst oft nicht, wo mir der Kopf stand, und das kleine Rotbäckchen war bestimmt gerade erst der Schulbank entronnen.
»Ich heiße Claire Fraser«, sagte ich, »aber Louise hat wohl vergessen, mir Ihren Namen zu verraten.« Ich hielt inne, aber es kam keine Antwort. Ihr Gesicht wurde immer röter, die Lippen waren zusammengepreßt, und ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Das beunruhigte mich ein wenig, doch schließlich rang sie sich zum Sprechen durch. Nach einem tiefen Atemzug reckte sie das Kinn, als wollte sie hocherhobenen Hauptes das Schafott besteigen.
»I-i-ich h-heiße... M-M-M...«, fing sie an, und plötzlich begriff ich, warum sie so schweigsam und schüchtern war. Sie schloß die Augen, biß sich auf die Unterlippe, dann setzte sie mutig zu einem neuen Versuch an: »M-M-Mary Hawkins«, brachte sie schließlich hervor. »Ich s-singe nicht«, fügte sie trotzig hinzu.
Hatte ich sie zuvor schon interessant gefunden, so war ich jetzt von ihr fasziniert. Das war also die Nichte von Silas Hawkins, die Tochter des Baronets, die den Vicomte de Marigny heiraten sollte! Es schien mir eine ziemlich schwere Bürde für ein so junges Mädchen, den hohen Erwartungen der Männerwelt gerecht zu werden. Ich blickte mich nach dem Vicomte um, doch zu meiner Erleichterung war er außer Sichtweite.
»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen«, sagte ich und trat vor sie hin, um sie vor den Leuten abzuschirmen, die in das Musikzimmer strömten. »Sie müssen nicht sprechen, wenn Sie nicht wollen. Aber vielleicht sollten Sie es mit Singen versuchen«, meinte ich, einer plötzlichen Eingebung folgend. »Ich kannte einmal einen Arzt, der sich auf die Behandlung von Stotterern spezialisiert hat; er sagte, beim Singen stottern sie nicht.«
Mit weitaufgerissenen Augen nahm Mary Hawkins diese erstaunliche Neuigkeit auf. Ich sah mich um und entdeckte gleich in der Nähe einen Alkoven mit einem Vorhang, hinter dem sich eine bequeme Bank verbarg.
»Kommen Sie«, sagte ich und nahm sie bei der Hand. »Setzen Sie sich hier rein, dann müssen Sie nicht mit den Leuten reden. Wenn Sie mitsingen wollen, kommen Sie raus, wenn wir anfangen; sonst bleiben Sie einfach drin, bis das Fest vorbei ist.« Einen Augenblick lang starrte sie mich an, dann schenkte sie mir plötzlich ein strahlendes Lächeln voller Dankbarkeit und huschte in den Alkoven.
Ich hielt unauffällig davor Wache, damit kein neugieriger Diener sie störte, und plauderte mit den vorbeigehenden Gästen.
»Wie hübsch Sie heute abend aussehen, ma chère!« Es war Madame de Ramage, eine ältere, würdevolle Frau, die zu den Hofdamen der Königin zählte. Sie war ein- oder zweimal zu unseren Tafelgesellschaften in die Rue Tremoulins gekommen. Nachdem sie mich herzlich umarmt hatte, blickte sie sich um, ob uns auch niemand beobachtete.
»Ich hatte gehofft, Sie hier zu treffen, meine Liebe«, sagte sie, dann beugte sie sich vor und flüsterte: »Ich möchte Ihnen raten, sich vor dem Comte de St. Germain in acht zu nehmen.«
Als ich unauffällig ihrem Blick folgte, entdeckte ich den Mann mit dem hageren Gesicht, dem ich am Hafen von Le Havre begegnet war. Er betrat gerade das Musikzimmer in Begleitung einer jüngeren, elegant gekleideten Dame. Anscheinend hatte er mich noch nicht bemerkt, und hastig drehte ich mich zu Madame de Ramage um.
»Was... will er... warum...« Ich spürte, wie ich, beunruhigt über das Auftauchen dieses finsteren Comte, noch mehr errötete.
»Nun ja, man hat ihn über Sie reden hören«, erklärte Madame de Ramage und half mir freundlicherweise aus meiner Verlegenheit. »Ich habe dem entnommen, daß es in Le Havre einen kleinen Zwischenfall gegeben hat.«
»Sozusagen«, erwiderte ich. »Ich habe nur festgestellt, daß jemand an Pocken erkrankt war, aber das hatte zur Folge, daß sein Schiff vernichtet wurde... und darüber war der Comte gar nicht erfreut«, schloß ich mit matter Stimme.
»Aha, das ist es also.« Madame de Ramage sah zufrieden aus. Mit dieser Information aus erster Hand würde sie wohl einen beträchtlichen Vorteil auf dem Klatsch- und Gerüchtemarkt des Pariser Gesellschaftslebens haben.
»Er hat verbreitet, daß er Sie für eine Hexe hält«, sagte sie, während sie einer Freundin von Ferne zulächelte und winkte. »Eine nette Geschichte! Oh, aber das glaubt keiner«, versicherte sie mir. »Wenn jemand mit so etwas zu tun hat, dann ist es Monsieur le Comte selbst. Das weiß jeder.«
»Tatsächlich?« Ich hätte gerne gewußt, was sie damit meinte, aber in diesem Augenblick erschien Herr Gerstmann und trieb uns wie ein Schar Hühner zusammen.
»Kommen Sie, kommen Sie, Mesdames!« sagte er. »Wir sind komplett, das Singen kann beginnen!«
Während sich der Chor eilig neben dem Cembalo versammelte, warf ich einen Blick zu dem Alkoven, wo ich Mary Hawkins zurückgelassen hatte. Ich dachte, ich hätte gesehen, wie sich der Vorhang bewegte, war mir aber nicht sicher. Und als die Musik einsetzte und sich die Stimmen erhoben, glaubte ich, vom Alkoven her einen klaren, hellen Sopran zu hören.
 
»Sehr hübsch, Sassenach«, meinte Jamie, als ich mich nach dem Singen atemlos und mit rotem Kopf wieder zu ihm gesellte. Er grinste mich an und klopfte mir auf die Schulter.
»Woher willst du das wissen?« fragte ich und ließ mir von einem vorbeikommenden Diener ein Glas Weinpunsch geben. »Du kannst doch ein Lied nicht vom anderen unterscheiden.«
»Na ja, jedenfalls wart ihr laut«, antwortete er gelassen. »Ich habe jedes Wort gehört.« Da spürte ich, wie sich seine Schultern ein wenig strafften, und folgte der Richtung seines Blicks.
Die Frau, die soeben hereinkam, war winzig, sie ging Jamie kaum bis zur untersten Rippe. Ihre Hände und Füße sahen aus wie die einer Puppe, und über ihren dunklen Augen wölbten sich ausgesprochen feine Brauen. Ihr leichtfüßiger Gang schien der Schwerkraft zu spotten; sie schien beinahe zu schweben.
»Ach, da ist ja Annalise de Marillac«, sagte ich bewundernd. »Eine wahre Augenweide, nicht wahr?«
»Äh, aye.« Der Unterton in seiner Stimme ließ mich aufblicken. Er hatte etwas gerötete Ohrläppchen.
»Und ich habe gedacht, du hättest deine Jahre in Frankreich mit Kämpfen zugebracht, nicht mit Romanzen«, meinte ich säuerlich.
Zu meiner Überraschung lachte er. Da drehte sich die Frau nach uns um, und als sie Jamies hochaufragende Gestalt erblickte, zeichnete sich auf ihrem Gesicht ein strahlendes Lächeln ab. Gerade als sie in unsere Richtung gehen wollte, wurde sie von einem Herrn abgelenkt, der eine Perücke und einen prachtvollen lavendelblauen Rock trug und ihr zudringlich die Hand auf den Arm legte. Bedauernd und gleichzeitig kokett schnippte sie mit dem Fächer in Jamies Richtung, ehe sie sich ihrem neuen Gegenüber widmete.
»Was gibt es da zu lachen?« fragte ich, als er dem leicht schillernden Spitzenrock der Dame hinterhergrinste.
Jäh schien er sich meiner Gegenwart bewußt zu werden und lächelte zu mir herab.
»Ach nichts, Sassenach. Nur deine Bemerkung über das Kämpfen. Ich habe mein erstes Duell - und übrigens auch mein einziges - wegen Annalise de Marillac gefochten. Da war ich achtzehn.«
Er sprach mit leicht verträumtem Ton, während sein Blick der in der Menge verschwindenden Frau folgte. Ihr schmaler, dunkler Kopf war stets umgeben von weißen Perücken und gepudertem Haar und gelegentlich auch von einer modisch rosagetönten Perücke.
»Ein Duell? Mit wem?« fragte ich und sah mich argwöhnisch nach irgendwelchen männlichen Anhängseln des Porzellanpüppchens um, die womöglich eine alte Rechnung begleichen wollten.
»Ach, der ist nicht hier.« Jamie wußte meinen Blick richtig zu deuten. »Der ist tot.«
»Du hast ihn umgebracht?« In meiner Erregung sprach ich lauter als beabsichtigt. Als einige Umstehende neugierig die Köpfe nach uns umdrehten, nahm Jamie mich am Ellbogen und lenkte mich hastig auf den nächsten Ausgang zu.
»Paß auf, was du sagst, Sassenach«, rügte er mich milde. »Nein, ich hab’ ihn nicht umgebracht. Ich wollte es zwar«, fügte er reumütig hinzu, »habe es aber nicht getan. Er starb zwei Jahre später an einer Halsentzündung. Das hat mir Jared erzählt.«
Er führte mich einen der Gartenwege entlang, die von laternentragenden Dienern beleuchtet wurden; sie standen im Abstand von jeweils fünf Metern zwischen der Terrasse und einem Springbrunnen am Ende des Pfades. In der Mitte des großen Beckens spuckten vier Delphine Wasserfontänen über einen ärgerlich dreinblickenden Meeresgott, der in einer leeren Drohgebärde einen Dreizack schwang.
»Spann mich nicht länger auf die Folter«, drängte ich, als die Gäste auf der Terrasse außer Hörweite waren. »Was ist geschehen?«
»Na schön«, gab er nach. »Du hast ja sicherlich bemerkt, daß Annalise recht hübsch ist.«
»Ach, findest du? Na ja, vielleicht. Jetzt, wo du es sagst, fällt mir auch auf, daß sie nicht gerade häßlich ist«, erwiderte ich mit honigsüßer Stimme, wofür ich einen bösen Blick, dann ein schiefes Lächeln erntete.
»Aye. Nun, ich war nicht der einzige in Paris, der dieser Meinung war, und auch nicht der einzige, der Hals über Kopf in sie verliebt war. Ich lief herum wie betäubt und stolperte über meine eigenen Füße. Wartete auf der Straße in der Hoffnung, einen Blick auf sie zu erhaschen, wenn sie von ihrem Haus zur Kutsche ging. Ich vergaß sogar zu essen. Jared sagte, mein Rock sei an mir heruntergehangen wie an einer Vogelscheuche, und meine Haare machten auch keinen besseren Eindruck.« Geistesabwesend fuhr er sich über den Kopf und strich über seinen tadellosen, mit einem blauen Band umwikkelten Zopf.
»Vergessen zu essen? Dann muß es dich wirklich schlimm erwischt haben«, bemerkte ich.
Er gluckste. »Allerdings. Und schlimmer wurde es noch, als sie mit Charles Gauloise herumtändelte. Weißt du, sie hat mit jedem getändelt«, fügte er der Gerechtigkeit halber hinzu, »das war in Ordnung - aber für meinen Geschmack hat sie ihn ein bißchen zu sehr bevorzugt... na ja, Sassenach, um es kurz zu machen: Ich habe ihn erwischt, wie er sie im Mondschein auf der Terrasse ihres Vaters geküßt hat, und da habe ich ihn gefordert.«
Mittlerweile waren wir an dem Brunnen angelangt. Jamie blieb stehen, und wir setzten uns an den Beckenrand.
»Duelle waren damals in Paris verboten - wie auch heute. Aber es gab gewisse Plätze; die gibt es immer. Charles hatte die Wahl und entschied sich für eine Stelle im Bois de Boulogne, in der Nähe der Straße der Sieben Heiligen, aber versteckt in einem Eichenwäldchen. Ihm stand auch die Wahl der Waffen zu. Ich hatte mit Pistolen gerechnet, doch er entschloß sich für das Florett.«
»Warum tat er das? Du hattest doch bestimmt fünfzehn oder zwanzig Zentimeter mehr Reichweite als er.« Ich war keine Expertin, hatte aber notgedrungen einiges über Strategie und Taktik des Fechtens gelernt. Denn Jamie und Murtagh lieferten sich alle zwei bis drei Tage ein Übungsgefecht, um in Form zu bleiben. Da gab es klirrende Paraden und Ausfälle im Garten - sehr zur Freude der Dienstboten, die alle auf die Balkone strömten und zuschauten.
»Warum er das Florett gewählt hat? Weil er verdammt gut damit umgehen konnte. Vielleicht hat er sich auch gedacht, daß ich ihn mit der Pistole unabsichtlich töten könnte, während er meinte, ich wäre zufrieden, wenn ich ihn mit der Klinge nur verletzen würde. Ich wollte ihn nicht wirklich töten, weißt du«, erklärte er, »sondern nur demütigen. Und das wußte er auch. Unser Charles war kein Dummkopf.« Traurig schüttelte er den Kopf.
Unter der feuchten Luft am Brunnen begannen sich allmählich die Locken aus meiner Frisur zu lösen. Ich strich sie aus der Stirn und fragte: »Und, hast du ihn gedemütigt?«
»Nun, ich habe ihn immerhin verletzt.« Zu meinem Erstaunen hörte ich einen leichten Unterton der Genugtuung in seiner Stimme und sah ihn mißbilligend an. »Er hatte sein Können bei Lejeune erworben, einem der besten Fechtmeister Frankreichs«, erläuterte Jamie. »Es war, als versuchte man einen Floh zu erwischen, und ich kämpfte auch noch rechtshändig.« Wieder griff er sich in sein Haar, als wollte er prüfen, ob es noch ordentlich gebunden war.
»Mitten im Kampf hat sich das Band, das meine Haare hielt, gelöst«, erzählte er, »und der Wind blies mir die Haare ins Gesicht, so daß ich nur noch eine Gestalt im weißen Hemd vor mir sah, die hin und her flitzte wie eine Elritze. Und so hab’ ich ihn schließlich auch erwischt - so, wie man einen Fisch im Wasser aufspießt.« Er schnaubte.
»Er ließ einen Schrei los, als ob ich ihn durchbohrt hätte. Dabei wußte ich, daß es nur ein Kratzer war. Als ich endlich die Haare aus dem Gesicht bekommen hatte, sah ich hinter ihm am Rand der Lichtung Annalise: Sie hatte die Augen weit aufgerissen, und sie waren so düster wie das Becken hier.« Er deutete auf die silbrigschwarze Wasseroberfläche.
»Also steckte ich meine Klinge in die Scheide, strich das Haar zurück und stand nur da - irgendwie habe ich wohl erwartet, daß sie auf mich zuläuft und sich in meine Arme wirft.«
»Hm«, meinte ich taktvoll. »Das hat sie aber nicht getan, nehme ich an?«
»Na ja, was wußte ich damals schon von Frauen?« verteidigte er sich. »Nein, sie ist natürlich auf ihn zugestürmt.« Er gab ein kehliges schottisches Geräusch von sich, das Selbstironie und gespielte Abscheu ausdrückte. »Einen Monat später hat sie ihn geheiratet, habe ich gehört.«
»Tja.« Unvermittelt zuckte er mit den Schultern und lächelte bedauernd. »Da hatte ich nun ein gebrochenes Herz. Ich kehrte heim nach Schottland und blies ein paar Wochen lang Trübsal, bis meinem Vater der Geduldsfaden riß.« Er lachte. »Ich hatte mir sogar schon überlegt, ob ich Mönch werden sollte. Eines Abends sagte ich zu meinem Vater, daß ich vielleicht ins Kloster gehen und Novize werden wollte.«
Bei diesem Gedanken mußte ich lachen. »Na, mit dem Armutsgelübde hättest du keine Schwierigkeiten gehabt; aber Enthaltsamkeit und Gehorsam wären dir wohl ein bißchen schwerer gefallen. Was meinte dein Vater dazu?«
Seine weißen Zähne blitzten in dem dunklen Gesicht, als er lächelnd antwortete: »Er legte den Löffel weg, sah von seinem Haferbrei auf und blickte mich einen Moment lang an. Schließlich seufzte er, schüttelte den Kopf und sagte: ›Es war ein langer Tag, Jamie.< Dann griff er wieder zu seinem Löffel und widmete sich seinem Essen. Ich verlor danach nie mehr ein Wort darüber.«
Er blickte hinauf zu der Terrasse, wo Leute herumspazierten, sich zwischen den Tänzen abkühlten, Wein tranken und hinter Fächern flirteten. Er seufzte wehmütig.
»Aye, wirklich ein ausgesprochen hübsches Ding, diese Annalise de Marillac. Graziös wie der Wind und so klein, daß man sie unter das Hemd stecken und wie ein Kätzchen tragen möchte.«
Ich schwieg und lauschte der leisen Musik, die aus den offenen Türen herüberdrang, während ich die schimmernden Satinpantoffeln an meinen großen Füßen betrachtete.
Nach einer Weile bemerkte Jamie mein Schweigen.
»Was ist los, Sassenach?« Er griff nach meinem Arm.
»Nichts«, sagte ich seufzend. »Ich hab’ nur gerade gedacht, daß mich wohl nie jemand ›graziös wie der Wind< nennen würde.«
»Ach.« Er hatte den Kopf halb weggedreht. Im Licht einer Laterne waren die Konturen seiner langen, geraden Nase und seines kräftigen Kinns zu erkennen. Als er mir dann das Gesicht zuwandte, bemerkte ich das schiefe Lächeln auf seinen Lippen.
»Ich sag’ dir was, Sassenach: Das Wort ›graziös‹ drängt sich vielleicht nicht gerade auf, wenn man dich sieht.« Er legte mir seine große warme Hand auf die Schulter.
»Doch wenn ich mit dir rede, ist es, als spräche ich zu meiner eigenen Seele.« Sanft drehte er mein Gesicht zu sich.
»Und, Sassenach«, wisperte er, »dein Antlitz ist mein größter Schatz.«
Erst als sich ein paar Minuten später der Wind drehte und uns mit einem feinen Sprühregen vom Springbrunnen bedachte, lösten wir uns voneinander. Der unverhoffte Schauer ließ uns lachend aufspringen. Auf Jamies fragende Kopfbewegung in Richtung Terrasse nickte ich und hakte mich bei ihm unter.
»Wie ich sehe«, bemerkte ich, während wir die breiten Stufen zum Ballsaal hinaufschlenderten, »hast du mittlerweile ein bißchen mehr über die Frauen gelernt.«
»Das wichtigste, was ich über die Frauen gelernt habe, ist, wie man sich für die Richtige entscheidet.« Er trat zurück, verbeugte sich und machte eine einladende Handbewegung in den hellerleuchteten Raum. »Darf ich Sie um diesen Tanz bitten, gnädige Frau?«
 
Den darauffolgenden Nachmittag verbrachte ich bei den d’Arbanvilles, wo ich wieder den königlichen Kantor traf. Diesmal fanden wir auch Zeit für eine Unterhaltung, von der ich Jamie beim Abendessen berichtete.
»Wie bitte?« Jamie blinzelte mich an, als dächte er, ich wolle ihn aufziehen.
»Ich sagte, Herr Gerstmann meinte, ich würde vielleicht gern eine Freundin von ihm kennenlernen. Mutter Hildegarde leitet das Höpital des Anges - du weißt schon, das Armenspital in der Nähe der Kathedrale.«
»Ich weiß, wo es ist.« Er klang alles andere als begeistert.
»Er hatte eine Halsentzündung, und ich habe ihm gesagt, was er dagegen nehmen soll. Dann kamen wir auf Medizin im allgemeinen zu sprechen und daß ich mich dafür interessiere - na ja, so führte eben eins zum anderen.«
»Wie so oft bei dir«, stimmte er mir mit ausgesprochen zynischem Tonfall zu. Ich ging aber nicht darauf ein und fuhr fort: »Und deshalb werde ich morgen in das Krankenhaus gehen.« Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um an meinen Medizinkasten auf dem Regal zu gelangen. »Beim ersten Mal nehme ich ihn wohl besser noch nicht mit«, sagte ich und inspizierte den Inhalt. »Es könnte zu aufdringlich wirken, meinst du nicht?«
»Zu aufdringlich?« Er klang erstaunt. »Möchtest du zu einem Besuch hingehen oder dort einziehen?«
»Äh, nun...« Ich atmete tief durch. »Weißt du, ich habe mir gedacht, ich könnte vielleicht regelmäßig dort arbeiten. Herr Gerstmann meinte, daß all die Ärzte und Heiler in dem Krankenhaus unentgeltlich arbeiten. Die meisten kommen nicht jeden Tag, aber ich habe ja viel freie Zeit und könnte...«
»Viel freie Zeit?«
»Hör doch auf, mir jedes Wort nachzuplappern«, erwiderte ich. »Ja, ich habe viel freie Zeit. Mir ist klar, daß es wichtig ist, zu den Salons, Abendgesellschaften und so weiter zu gehen, aber das nimmt ja nicht den ganzen Tag in Anspruch - bräuchte es jedenfalls nicht. Ich könnte...«
»Sassenach, du trägst ein Kind in dir! Du hast doch nicht ernstlich vor, Bettler und Verbrecher zu pflegen?« Nun hörte er sich ziemlich ratlos an, so als würde er sich fragen, wie er mit jemandem umgehen solle, der von einem Moment auf den anderen übergeschnappt war.
»Das habe ich nicht vergessen«, versicherte ich ihm. Ich blickte zu meinem Bauch hinab und legte eine Hand darauf.
»Man sieht es noch kaum; mit einem weiten Kleid könnte ich es noch eine Weile verbergen. Und mir fehlt ja nichts außer meiner morgendlichen Übelkeit. Es gibt keinen Grund, warum ich nicht noch ein paar Monate arbeiten sollte.«
»Nein, außer daß ich es nicht will!« Da wir an diesem Abend keine Gäste erwarteten, hatte er seine Halsbinde bereits abgenommen, so daß ich sehen konnte, wie sein Hals dunkelrot anlief.
»Jamie«, ich versuchte sachlich zu bleiben, »du weißt, was ich bin.«
»Du bist meine Frau!«
»Ja, das auch.« Ich tat seinen Einwand mit einer Handbewegung ab. »Ich bin eine Krankenpflegerin, Jamie. Eine Heilerin. Du müßtest das eigentlich wissen.«
Die Zornesröte hatte nun sein Gesicht erreicht. »Aye. Aber weil du mich kuriert hast, als ich verwundet war, soll ich es gutheißen, daß du dich um Bettler und Prostituierte kümmerst? Sassenach, weißt du denn nicht, was für Leute das Höpital des Anges aufnimmt?« Er sah mich flehentlich an, als erwartete er, daß ich endlich zur Besinnung käme.
»Was macht das schon für einen Unterschied?«
Sein wilder Blick schweifte im Zimmer umher und schien das Porträt über dem Kamin als Zeugen meiner Unvernunft anrufen zu wollen.
»Um Himmels willen, du könntest dir eine gefährliche Krankheit holen! Bedeutet dir dein Kind denn gar nichts, wenn ich dir schon gleichgültig bin?«
Sachlich zu bleiben schien mir plötzlich nicht mehr so erstrebenswert.
»Natürlich bedeutet es mir was! Für wie verantwortungslos hältst du mich eigentlich?«
»Verantwortungslos genug, um deinen Mann zu verlassen und dich mit Abschaum aus der Gosse abzugeben!« herrschte er mich an. »Wenn du’s genau wissen willst.« Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare, so daß sie zu Berge standen.
»Dich verlassen? Was hat es mit Verlassen zu tun, wenn ich etwas Sinnvolles tun möchte, anstatt im Salon der d’Arbanvilles herumzugammeln? Und zuzugucken, wie sich Louise de Rohan mit Torten vollstopft? Und mir schlechte Gedichte und noch schlechtere Musik anzuhören? Nein, ich möchte mich nützlich machen!«
»Ist es dir nicht nützlich genug, den eigenen Haushalt zu versorgen? Und mit mir eine Ehe zu führen?« Sein Haarband riß, und ein dichter, flammendroter Lockenkranz umstand sein Gesicht. Er funkelte mich an wie ein Racheengel.
»Und wie steht’s mit dir?« fauchte ich zurück. »Ist dir die Ehe mit mir etwa Lebensinhalt genug? Mir ist jedenfalls noch nicht aufgefallen, daß du den ganzen Tag im Haus herumhängst und mich anhimmelst. Und was den Haushalt angeht, das ist doch Bockmist!«
»Bockmist? Was meinst du damit?« fragte er unwirsch.
»Blödsinn. Quatsch. Unsinn. Käse. Mit anderen Worten, das ist einfach lächerlich. Madame Vionnet kümmert sich doch um alles, und das kann sie zehnmal besser als ich!«
Dies war so offenkundig wahr, daß er einen Augenblick verstummte. Wütend starrte er mich an und knirschte mit den Zähnen.
»Ach ja? Und wenn ich dir verbiete hinzugehen?«
Das brachte mich einen Moment lang zum Schweigen. Ich richtete mich auf und musterte ihn von oben bis unten. Seine Augen hatten die Farbe von regennassem Schiefer, der breite, üppige Mund war nur ein Strich. Breitschultrig und aufrecht saß er da, die Arme vor der Brust verschränkt. Er wirkte bedrohlich und abstoßend.
»Heißt das, daß du es mir verbietest?«
Zwischen uns herrschte knisternde Spannung. Ich wollte blinzeln, ihm aber nicht die Genugtuung verschaffen und meinen eisernen Blick abwenden. Was würde ich tun, wenn er mir tatsächlich verbot hinzugehen?
Verschiedene Ideen schossen mir durch den Kopf - ihm den elfenbeinernen Brieföffner zwischen die Rippen rammen, ihm das Dach über dem Kopf anzünden... Die einzige Möglichkeit, die ich völlig ausschloß, war nachzugeben.
Er nahm einen tiefen Atemzug. Mit einiger Anstrengung entkrampfte er seine geballten Fäuste.
»Nein«, sagte er. »Ich verbiete es dir nicht.« Seine Stimme zitterte, als er versuchte, sich zu beherrschen. »Aber wenn ich dich darum bitte?«
Da senkte ich den Blick und starrte sein Spiegelbild in der polierten Tischplatte an. Anfangs war die Idee, im Hôpital des Anges zu arbeiten, nur ein interessanter Gedanke gewesen, eine reizvolle Alternative zu dem endlosen Tratsch und den kleinlichen Intrigen der Pariser Gesellschaft. Doch jetzt... jeder Muskel meiner Arme spannte sich an, als ich meinerseits die Fäuste ballte. Es war nicht nur ein Wunsch, dort zu arbeiten; es war mir ein Bedürfnis.
»Ich weiß nicht«, antwortete ich schließlich.
Er atmete tief durch.
»Willst du darüber nachdenken, Claire?« Ich spürte seinen Blick auf mir ruhen. Nach einer Zeit, die mir sehr lang schien, nickte ich.
»Ich werde darüber nachdenken.«
»Gut.« Seine Anspannung hatte nachgelassen. Er wandte sich ab, ging rastlos im Zimmer umher und nahm wahllos Gegenstände in die Hand, um sie danach wieder hinzustellen. Schließlich blieb er stehen, lehnte sich an das Bücherregal und betrachtete geistesabwesend die ledergebundenen Werke. Zögernd trat ich auf ihn zu und legte eine Hand auf seinen Arm.
»Jamie, ich wollte dich nicht wütend machen.«
»Aye, nun, ich wollte auch nicht mit dir streiten, Sassenach. Ich bin wohl etwas reizbar und überempfindlich.« Er tätschelte entschuldigend meine Hand, dann ging er zum Schreibtisch und blickte darauf hinunter.
»Du hast einen harten Arbeitstag hinter dir«, sagte ich besänftigend.
»Das ist es nicht.« Kopfschüttelnd griff er nach dem Geschäftsbuch und blätterte es flüchtig durch.
»Der Weinhandel, der ist nicht das Problem. Es ist zwar eine Menge Arbeit, das schon. Aber es macht mir nichts aus. Es sind die anderen Angelegenheiten...« Er deutete auf einen kleinen Stapel Briefe, auf denen ein Briefbeschwerer aus Alabaster lag, der Jared gehörte und die Form einer weißen Rose hatte - das Wahrzeichen der Stuarts. Die Briefe stammten von Abt Alexander, vom Grafen von Mar und anderen prominenten Jakobiten. Und in allen ging es um verhüllte Anfragen, vage Versprechungen und widersprüchliche Erwartungen.
»Ich komme mir vor, als würde ich gegen Schatten kämpfen!« polterte Jamie los. »Einen richtigen Kampf führen, gegen etwas Greifbares, das wäre in Ordnung. Aber das...« Er packte die Handvoll Briefe und warf sie in die Luft. Ziellos flatterten die Papiere hin und her, bis sie unter Möbelstücken oder auf dem Teppich landeten.
»Es gibt nichts Handfestes«, sagte er ratlos. »Ich kann mit tausend Leuten reden, hundert Briefe schreiben, mit Charles bis zum Umfallen saufen, und trotzdem weiß ich nie, ob ich auch nur einen Schritt weiterkomme.«
Ich ließ die Briefe liegen; einer der Dienstboten würde sie später aufheben.
»Jamie«, sagte ich leise, »wir können es nur immer wieder versuchen.«
Er lächelte schwach. »Aye. Ich bin froh, daß du ›wir‹ sagst, Sassenach. Manchmal komme ich mir mit alldem ziemlich alleingelassen vor.«
Da legte ich meinen Arm um seine Hüfte und schmiegte mein Gesicht an seinen Rücken.
»Du weißt, daß ich dich damit nicht allein lasse«, erwiderte ich. »Schließlich habe ich dich ja in die Sache hineingezogen.«
Ich spürte ein leichtes Vibrieren an meiner Wange, als er lachte.
»Aye. Aber ich mache dir keinen Vorwurf daraus, Sassenach.« Er drehte sich zu mir um und küßte mich sanft auf die Stirn. »Du siehst müde aus, mo duinne. Geh ins Bett. Ich muß noch ein bißchen arbeiten, aber ich komme bald nach.«
»Gut.« Ich war tatsächlich müde, obwohl nach der Dauermüdigkeit der ersten Schwangerschaftszeit neue Lebensgeister in mir erwacht waren. Tagsüber fühlte ich mich neuerdings putzmunter und barst beinahe vor Tatendrang.
Beim Gehen blieb ich an der Tür stehen. Jamie stand noch immer am Schreibtisch und blickte in das aufgeschlagene Geschäftsbuch.
»Jamie?«
»Aye?«
»Wegen der Sache mit dem Krankenhaus - ich sagte, ich werde darüber nachdenken. Tust du es auch, ja?«
Er drehte den Kopf zu mir und musterte mich mit einer hochgezogenen Augenbraue. Dann lächelte er und nickte kurz.
»Ich bin gleich bei dir, Sassenach«, sagte er.
 
Draußen fiel noch immer Schneeregen, und gefrorene Regenkörnchen schlugen gegen die Scheiben. Das Stöhnen und Heulen des Windes im Schornstein ließ das Schlafzimmer noch gemütlicher erscheinen.
Das Bett war dank der Gänsedaunendecken, den riesigen weichen Kopfkissen und Jamie, der wie ein Nachtspeicherofen konstant Wärme abgab, eine Oase der Behaglichkeit.
Seine große Hand strich sanft über meinen Bauch.
»Nein, da. Du mußt ein bißchen fester drücken.« Ich führte seine Hand etwas tiefer bis knapp über mein Schambein, wo der Uterus mittlerweile als eine rundliche, harte Schwellung von der Größe einer Pampelmuse zu ertasten war.
»Aye, jetzt spüre ich es«, murmelte er. »Er ist tatsächlich da.« Ein ehrfürchtiges, entzücktes Lächeln spielte um seine Lippen, dann sah er mit glänzenden Augen auf. »Merkst du es schon, wenn er sich bewegt?«
Ich schüttelte den Kopf. »Noch nicht. In einem Monat oder so, wenn deine Schwester Jenny recht hat.«
»Mmm«, meinte er und liebkoste die leichte Wölbung. »Was hältst du von ›Dalhousie‹, Sassenach?«
»Wovon?« fragte ich.
»Na, von dem Namen Dalhousie«, erklärte er, während er zärtlich meinen Bauch tätschelte. »Wir müssen ihm ja einen Namen geben.«
»Stimmt«, sagte ich. »Aber woher willst du wissen, daß es ein Junge ist? Es könnte ebensogut ein Mädchen sein.«
»Äh - aye, da hast du recht«, räumte er ein, als zöge er zum erstenmal diese Möglichkeit in Betracht. »Aber trotzdem können wir uns ja erst einen Jungennamen überlegen. Wir könnten ihn nach deinem Onkel nennen, von dem du mir erzählt hast. Der, der dich aufgezogen hat.«
»Hmm«, brummte ich mißbilligend. So sehr ich meinen Onkel Lamb gemocht hatte, einen Namen wie »Lambert« oder »Quentin« wollte ich einem wehrlosen Kind nicht antun. »Nein, lieber nicht. Andererseits will ich ihn auch nicht nach einem von deinen Onkeln benennen, glaube ich.«
»Wie hieß dein Vater, Sassenach?«, fragte Jamie gedankenverloren, während er weiter meinen Bauch streichelte.
Ich mußte einen Augenblick nachdenken, ehe es mir wieder einfiel.
»Henry«, antwortete ich. »Henry Montmorency Beauchamp. Aber, Jamie, ich will mein Kind wirklich nicht ›Montmorency Fraser< nennen, auf keinen Fall. Von ›Henry‹ bin ich auch nicht so begeistert, aber das ist zumindest besser als Lambert. Wie wär’s mit William?« schlug ich vor. »Nach deinem Bruder?« Sein älterer Bruder William war in früher Jugend gestorben, aber Jamie hatte ihn in liebevoller Erinnerung behalten.
Seine Stirn legte sich in nachdenkliche Falten. »Hmm. Aye, vielleicht. Oder wir nennen ihn...«
»James«, ertönte eine dumpfe Grabesstimme aus dem Rauchfang.
»Was?« Ich fuhr hoch.
»James«, wiederholte der Kamin voller Ungeduld. »James. James!«
»Heiliger Himmel!« keuchte Jamie und starrte in das lodernde Kaminfeuer. Ich spürte, wie sich die Haare an seinem Arm aufstellten. Einen Moment lang saß er wie erstarrt da, dann hatte er plötzlich eine Idee. Er schwang sich aus dem Bett und trat ans Dachfenster, ohne sich die Mühe zu machen, etwas über sein Hemd zu ziehen.
Ein Schwall eiskalter Luft drang herein, als Jamie das Schiebefenster aufriß und den Kopf hinausstreckte. Ich vernahm einen gedämpften Ruf, dann ein scharrendes Geräusch auf den Dachziegeln. Jamie beugte sich weit hinaus. Ächzend vor Anstrengung zog er jemanden herein, der die Arme um seinen Nacken gelegt hatte. Die Gestalt entpuppte sich als ein gutaussehender Jüngling in dunklen, klatschnassen Kleidern, dessen eine Hand mit einem blutigen Stück Stoff umwickelt war.
Der Besucher stolperte über das Fensterbrett und landete auf allen vieren im Zimmer. Doch unverzüglich rappelte er sich auf, zog seinen Schlapphut und verbeugte sich vor mir.
»Madame«, sagte er mit breitem Akzent auf französisch. »Ich bitte mein formloses Erscheinen zu entschuldigen. Ich möchte Sie nicht stören, doch es ist von höchster Dringlichkeit, daß ich meinen Freund James zu solch nachtschlafender Zeit aufsuche.«
Er war ein kräftiger, hübscher Bursche mit dichtem, hellbraunem Lockenhaar, das lose auf seine Schultern fiel. Sein hellhäutiges Gesicht war vor Kälte und Erschöpfung gerötet. Als er sich mit der verbundenen Hand über die laufende Nase fuhr, zuckte er leicht zusammen.
Jamie verbeugte sich höflich vor dem Besucher.
»Mein Haus steht Euch zu Diensten, Eure Hoheit«, verkündete er mit einem flüchtigen Blick auf das ungepflegte Äußere des Jünglings. Seine Halsbinde hing herab, die Hälfte seiner Knöpfe war verkehrt geknöpft, und der Schlitz seiner Kniehose stand teilweise offen. Mir entging nicht, daß Jamie dies mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis nahm und sich unauffällig vor den jungen Mann stellte, um mir den anstößigen Anblick zu ersparen.
»Darf ich Euch meine Frau vorstellen, Hoheit: Claire, Herrin von Broch Tuarach.« Dann wandte er sich an mich:
»Claire, das ist seine Hoheit Prinz Charles, der Sohn von König James von Schottland.«
»Hm, ja, das habe ich mir schon gedacht«, meinte ich. »Äh, guten Abend, Eure Hoheit.« Ich nickte geziemend, während ich die Bettdecke etwas höher zog. Unter diesen Umständen konnte ich den üblichen Knicks wohl weglassen.
Der Prinz hatte Jamies langwierige Vorstellung genutzt, um seine Hose etwas in Ordnung zu bringen, und nickte mir jetzt voller königlicher Würde zu.
»Es ist mir ein Vergnügen, Madame.« Er verbeugte sich erneut, diesmal mit mehr Eleganz. Dann stand er da, drehte den Hut in seinen Händen und überlegte offenbar, was er als nächstes sagen sollte. Jamie, nur mit seinem Hemd bekleidet, stand neben ihm und blickte abwechselnd von mir zu Charles. Anscheinend war er ebenso um Worte verlegen.
»Äh«, brach ich das Schweigen, »habt Ihr einen Unfall gehabt, Hoheit?« Ich nickte zu dem Taschentuch, das um seine Hand gewickelt war, und er starrte es an, als sähe er es zum erstenmal.
»Ja«, antwortete er, »äh... nein. Ich meine... es ist nicht der Rede wert, gnädige Frau.« Während er noch tiefer errötete, betrachtete er die Hand. Sein Verhalten war merkwürdig, halb verlegen, halb wütend. Da ich jedoch sah, daß der Blutfleck auf dem Stoff größer wurde, schwang ich mich aus dem Bett und griff nach meinem Morgenrock.
»Laßt mich das einmal ansehen«, meinte ich. Etwas widerwillig entblößte der Prinz die Wunde; sie war nicht bedenklich, aber eigenartig.
»Es sieht wie eine Bißwunde aus«, bemerkte ich ungläubig und betupfte die halbkreisförmige Verletzung zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie mußte vor dem Verbinden noch mehr bluten, und Prinz Charles zuckte zusammen, als ich gegen das Fleisch um die Wunde drückte.
»Ja«, sagte er. »Ein Affenbiß. Dieses widerliche, verlauste Vieh!« brach es aus ihm heraus. »Ich sagte ihr noch, sie solle ihn loswerden. Das Tier ist zweifellos krank!«
Ich holte meinen Medizinkasten und bestrich die Stelle dünn mit Enziansalbe. »Ich denke, Ihr müßt Euch keine Sorgen machen«, meinte ich, in meine Arbeit vertieft, »außer wenn der Affe tollwütig ist.«
»Tollwütig?« Der Prinz erbleichte sichtlich. »Halten Sie das für möglich?« Offenkundig hatte er keine Ahnung, was »tollwütig« bedeutete, wollte aber unter keinen Umständen irgend etwas damit zu tun haben.
»Möglich ist alles«, erklärte ich munter. Von seinem plötzlichen Auftauchen überrascht, kam mir erst in diesem Moment der Gedanke, daß es auf lange Sicht allen eine Menge Arger ersparen würde, wenn dieser junge Mann infolge einer tödlichen Krankheit rasch und sanft entschlummern würde. Doch ich brachte es nicht über mich, ihm Wundbrand oder Tollwut an den Hals zu wünschen, und legte ihm einen ordentlichen, frischen Leinenverband an.
Er lächelte, verbeugte sich wieder und bedankte sich in einer netten Mixtur aus Französisch und Italienisch. Noch während er sich wortreich für seinen ungelegenen Besuch entschuldigte, schleppte ihn Jamie - nunmehr mit einem respektablen Kilt angetan - zu einem Drink nach unten.
Die Kälte drang durch meinen Morgenmantel und das Nachthemd, und so kroch ich wieder ins Bett und zog die Decken bis zum Kinn hoch. Das war also Prinz Charles! Jetzt war mir auch klar, warum man ihn »bonnie« - »hübsch« -nannte. Er wirkte ziemlich jung-wesentlich jünger als Jamie, obwohl Jamie nur ein oder zwei Jahre älter war als er. Tatsächlich hatte Seine Hoheit eine sehr gewinnende Art, dazu ein recht standesbewußtes und würdevolles Auftreten, ungeachtet seiner schlampigen Kleidung. Aber genügte das, um an der Spitze einer Streitmacht nach Schottland zurückzukehren und um die Krone zu fechten? Im Halbschlaf fragte ich mich noch, was der schottische Thronerbe eigentlich mitten in der Nacht auf den Dächern von Paris trieb, noch dazu mit einem Affenbiß an der Hand.
Die Frage beschäftigt mich immer noch, als ich etwas später von Jamie geweckt wurde, der ins Bett schlüpfte und seine großen eiskalten Füße gleich neben meine Knie plazierte.
»Schrei nicht so«, sagte er. »Du weckst ja noch die Diener auf.«
»Wieso zum Teufel läuft Charles Stuart mit einem Affen auf den Dächern herum?« wollte ich wissen, während ich von ihm wegrückte. »Nimm diese Eisklumpen da weg!«
»Er hat seine Geliebte besucht«, entgegnete Jamie lakonisch. »Ist ja gut - hör auf, mich zu treten.« Er zog seine Füße zurück und schloß mich zitternd in die Arme, als ich mich zu ihm drehte.
»Tatsächlich? Louise de la Tour?« Nach dem Kälteschock und in Erwartung einer Skandalgeschichte war ich plötzlich hellwach.
»Genau die«, Jamie nickte widerwillig. Unter den dichten, zusammengezogenen Augenbrauen wirkte seine Nase noch markanter und länger als sonst. Als schottischer Katholik fand er es anstößig, wenn jemand eine Geliebte hatte, doch bekanntlich genoß der Adel in dieser Hinsicht gewisse Privilegien. Allerdings war die Princesse Louise de La Tour verheiratet. Und Adel hin oder her, eine Verheiratete zur Geliebten zu nehmen war schlichtweg unmoralisch, ungeachtet dessen, was sein Cousin Jared tat.
»Er sagt, daß er sie liebt«, berichtete Jamie knapp und zog sich die Decken über die Schultern. »Und daß sie ihn auch liebt; er behauptet, sie sei ihm während der letzten drei Monate treu gewesen. Pah!«
»Na ja, so etwas soll vorkommen«, entgegnete ich belustigt. »Dann hat er sie also besucht? Aber wie ist er denn auf das Dach gekommen? Hat er dir das erzählt?«
»Oh, aye, das hat er.«
Nach mehreren Gläsern von Jareds bestem Portwein hatte Charles sich als äußerst mitteilsam erwiesen. Ihre Liebe war, so Charles, an diesem Abend auf eine harte Probe gestellt worden, und zwar durch die Zuneigung, die seine Geliebte für ihr Haustier, einen reichlich übellaunigen Affen, empfand. Dieser erwiderte die Abneigung Seiner Hoheit und brachte sie auf recht konkrete Weise zum Ausdruck: Als Seine Hoheit vor der Nase des Affen spöttisch mit den Fingern schnippte, bekam er nicht nur dessen spitze Zähne zu spüren, sondern auch die ebenso spitze Zunge seiner Geliebten, die ihn mit bitteren Anschuldigungen überhäufte. Darauf folgte ein hitziger Streit, bis Louise Charles’ Gegenwart nicht mehr erdulden wollte. Dieser erklärte sich nur allzugern bereit, sie zu verlassen - und zwar endgültig, wie er dramatisch hinzufügte.
Des Prinzen Abgang wurde jedoch durch den Umstand behindert, daß Louises Gatte zurückgekehrt war und es sich mit einer Flasche Weinbrand im Vorzimmer bequem gemacht hatte.
»Und so«, fuhr Jamie fort, wobei er unwillkürlich grinsen mußte, »konnte er nicht bei dem Mädel bleiben, aber auch nicht hinausgehen. Deshalb stieg er durch das Fenster aufs Dach. Er war über die Regenrinne schon fast zur Straße hinuntergelangt, da kam die Wache daher, und er mußte wieder hinaufklettern, um nicht gesehen zu werden. Er meint, es habe ihn nicht sonderlich amüsiert, um Kamine herumzuschlüpfen und auf den nassen Ziegeln auszurutschen. Dann fiel ihm ein, daß wir ja nur drei Häuser weiter wohnen und die Dächer so nahe beieinander liegen, daß man leicht von einem zum anderen springen kann.«
»Mmh«, meinte ich und spürte, wie die Wärme in meine Zehen zurückkehrte. »Hast du ihn mit der Kutsche nach Hause geschickt?«
»Nein, er hat eins von unseren Stallpferden genommen.«
»Wenn er Jareds Portwein getrunken hat, hoffe ich nur, daß er es noch bis zum Montmartre schafft«, bemerkte ich. »Es ist ein ziemlich langer Weg.«
»Ja, und es wird zweifellos ein kalter, nasser Ritt werden«, erwiderte Jamie mit der Selbstgefälligkeit eines Mannes, der neben seinem rechtmäßig angetrauten Weib im warmen Bett liegt. Er blies die Kerze aus und zog mich an seine Brust.
»Geschieht ihm recht«, murmelte er. »Ein Mann sollte verheiratet sein.«
 
Die Hausangestellten waren bereits vor Tagesanbruch aufgestanden und putzten und polierten, da am Abend Monsieur Duverney zu einem Essen im kleinen Kreis erwartet wurde.
»Ich weiß nicht, warum sie sich die Mühe machen«, sagte ich zu Jamie, während ich mit geschlossenen Augen dalag und auf das geschäftige Treiben im Haus lauschte. »Sie bräuchten doch nur das Schachspiel abzustauben und eine Flasche Weinbrand bereitzustellen; etwas anderes bemerkt er sowieso nicht.«
Jamie lachte. »Das ist schon gut so; ich brauche ein kräftiges Abendessen, wenn ich ihn schlagen will.« Dann gab er mir einen Abschiedskuß und meinte: »Ich gehe ins Lagerhaus, Sassenach, aber ich bin rechtzeitig zurück, um mich umzuziehen.«
Um den Dienstboten nicht im Weg zu stehen, beschloß ich, mich von einem Lakaien zu den de Rohans begleiten zu lassen. Vielleicht konnte Louise nach dem Streit letzte Nacht ein bißchen Trost brauchen. Mit vulgärer Neugierde, so redete ich mir ein, hatte das überhaupt nichts zu tun.
 
Als ich am Spätnachmittag zurückkehrte, fand ich Jamie in einem Sessel neben dem Schlafzimmerfenster, die Füße auf dem Tisch. Mit offenem Kragen und ungekämmten Haaren brütete er über einem Bündel bekritzelter Blätter. Als er hörte, wie die Tür geschlossen wurde, blickte er auf und schenkte mir ein breites Grinsen.
»Sassenach! Da bist du ja!« Er stand auf und umarmte mich. Das Gesicht in meine Haare vergraben, schnupperte er, dann fuhr er plötzlich zurück und nieste. Gleich darauf nieste er noch einmal, ließ mich los und griff nach seinem Taschentuch, das er in Soldatenmanier in seinem Ärmel stecken hatte.
»Wie riechst du denn, Sassenach?« fragte er unwirsch und preßte das viereckige Leinentuch an seine Nase, gerade noch rechtzeitig vor dem nächsten Niesanfall.
Ich faßte in den Ausschnitt meines Kleides und zog das Stoffsäckchen zwischen meinen Brüsten heraus.
»Jasmin, Rose, Hyazinthe, Maiglöckchen... und anscheinend auch Kreuzkraut«, zählte ich auf, während er in das große Taschentuch prustete und schneuzte. »Ist alles in Ordnung?«
»Aye, es geht schon. Das sind die Hya... Hya... Hyatschü!«
»Himmel!«Ich öffnete schnell das Fenster und winkte ihn herbei. Gehorsam streckte er den Kopf in den Nieselregen hinaus, wo er frische, hyazinthenfreie Luft atmen konnte.
»Ah, das tut gut«, sagte er erleichtert, als er ein paar Minuten später den Kopf wieder hereinzog. Mir großen Augen starrte er mich an. »Was machst du da, Sassenach?«
»Ich wasche mich«, antwortete ich, während ich an den Bändern meines Kleides nestelte. »Zumindest habe ich es vor. Ich habe am ganzen Körper Hyazinthenöl«, erklärte ich angesichts seiner verständnislosen Miene. »Wenn ich es nicht abwasche, zerreißt es dich am Ende noch.«
Nachdenklich wischte er sich die Nase und nickte.
»Da könntest du nicht unrecht haben, Sassenach. Soll ich den Lakaien nach heißem Wasser schicken?«
»Nein, das ist nicht nötig. Mit einer schnellen Wäsche müßte ich das meiste wegkriegen«, versicherte ich ihm und entledigte mich möglichst rasch meiner Kleider. Als ich hinter meinen Kopf faßte, um die Haare zu einem Knoten aufzustecken, packte Jamie mich plötzlich am Handgelenk und riß meinen Arm hoch.
»Was soll das?« fragte ich verwundert.
»Erklär mir mal, was das soll, Sassenach!« entgegnete er ungehalten und starrte in meine Achselhöhle.
»Ich hab’ mich rasiert«, antwortete ich stolz. »Besser gesagt, gewachst. Louise hatte heute morgen ihre servante aux petits soins da - du weißt schon, die Dame für die Schönheitspflege -, und die hat mich auch gleich behandelt.«
»Gewachst?« Jamies Blick schweifte zwischen mir und dem Kerzenhalter neben dem Wasserkrug hin und her. »Du hast dir Wachs in die Achseln getan?«
»Nicht so ein Wachs«, beruhigte ich ihn. »Parfümiertes Bienenwachs. Die Schönheitspflegerin hat es erwärmt und dann das flüssige Wachs aufgetragen. Wenn es abgekühlt ist, braucht man es nur noch abziehen«, mir schauderte bei der Erinnerung daran, »und fertig ist die Laube!«
»Was für eine Laube?« fragte Jamie irritiert. »Wofür zum Teufel soll das gut sein?« Er nahm die besagte Körperpartie näher in Augenschein. »Hat das nicht weh... wehge-hatschi!« Er ließ mein Handgelenk los und wandte sich ab.
»Hat es nicht wehgetan?« brummelte er in das Taschentuch.
»Ein bißchen schon«, gestand ich. »Aber es hat sich doch gelohnt, findest du nicht?« meinte ich, hob wie eine Ballerina die Arme und drehte mich ein wenig. »Zum erstenmal seit Monaten fühle ich mich richtig sauber.«
»Gelohnt?« wiederholte er mit etwas belegter Stimme. »Was hat es mit Sauberkeit zu tun, wenn man sich die Achselhaare ausreißt?«
Da kam mir ein wenig verspätet zu Bewußtsein, daß sich von den Schottinnen, die ich kannte, keine einzige enthaart hatte. Daß das bei vielen Pariserinnen aus der Oberschicht üblich war, konnte Jamie nicht wissen, da er wohl kaum so engen Kontakt zu ihnen gehabt hatte. »Na ja...«, meinte ich und erkannte plötzlich, wie schwierig es für einen Völkerkundler sein mußte, die Sitten und Gebräuche eines Eingeborenenstammes zu erläutern. »Es riecht weniger«, argumentierte ich.
»Und was soll mit deinem Geruch nicht in Ordnung sein?« entgegnete er hitzig. »Du hast wie eine Frau gerochen, nicht wie ein verdammtes Blumenbeet. Bin ich ein Mann oder eine Hummel? Würdest du dich bitte waschen, Sassenach, damit ich nicht ständig fünf Schritte Abstand von dir halten muß?«
Ich nahm einen Waschlappen und begann meinen Oberkörper abzureiben. Madame Laserre, Louises Schönheitspflegerin, hatte mich über und über mit dem Duftöl parfümiert; hoffentlich ließ es sich leicht abwaschen. So wie Jamie mich außer Reichweite anfunkelte, erinnerte er mich fatal an einen Wolf, der seine Beute umkreist.
Während ich ihm den Rücken zukehrte, erwähnte ich beiläufig: »Äh, ich hab’ mir auch die Beine gewachst.«
Bei einem flüchtigen Blick über die Schulter sah ich, daß sein anfänglicher Schrecken in völlige Verwirrung umgeschlagen war.
»Beine riechen doch gar nicht«, sagte er, »wenn man nicht gerade bis zu den Knien in der Jauche steht.«
Ich drehte mich um, hob den Rock und streckte anmutig ein Bein vor.
»Aber es sieht so viel hübscher aus«, bemerkte ich. »So schön glatt, nicht wie bei einem Affen.«
Beleidigt sah er auf seine eigenen wuscheligen Beine hinunter.
»Ich bin also ein Affe, wie?«
»Doch nicht du, ich!« widersprach ich ärgerlich.
»Meine Beine sind allemal behaarter, als deine jemals waren!«
»Na, das sollen sie auch! Du bist ja schließlich ein Mann!«
Er schien etwas entgegnen zu wollen, schüttelte aber nur seufzend den Kopf und brummte irgend etwas Gälisches.
Dann ließ er sich in seinen Sessel fallen und beobachtete mich aus zusammengekniffenen Augen, während er weiterhin vor sich hin murmelte. Ich beschloß, ihm und mir eine Übersetzung zu ersparen.
»Weißt du, es hätte noch schlimmer kommen können«, meinte ich, während ich einen Oberschenkel abrieb. »Louise hat sich am gesamten Körper enthaaren lassen.«
Meine Worte ließen ihn zumindest vorübergehend zur englischen Sprache zurückfinden.
»Was, sie hat sich die Haare um ihren Honigtopf weggemacht?« In seinem Entsetzen ließ er sich sogar zu einer charakteristischen Vulgarität hinreißen.
»Ja«, erwiderte ich und war froh, daß ihn dieser Gedanke von meiner eigenen Haarlosigkeit ablenkte. »Jedes einzelne Härchen. Madame Laserre hat sie teilweise einzeln ausgezupft.«
»Heilige Maria!« Er schloß die Augen bei diesem Gedanken, entweder um ihn zu verdrängen oder ihn sich auszumalen.
Offenbar letzteres. Denn als er die Augen wieder aufschlug, starrte er mich durchdringend an. »Dann läuft sie jetzt also wie ein kleines Mädel herum?«
»Sie sagt, die Männer finden das erotisch«, antwortete ich delikat.
Jamies Verwirrung war nun vollkommen.
»Hör doch mit diesem gälischen Gebrabbel auf«, ermahnte ich ihn, als ich den Waschlappen zum Trocknen über eine Stuhllehne hängte. »Ich verstehe kein Wort.«
»Das ist vielleicht auch ganz gut so«, bekannte er.
Die Geliehene Zeit
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