30
Lallybroch
Man nannte es Broch Tuarach wegen des Steinturms, der auf dem Hang hinter dem Gutshaus emporragte. Die Bewohner dieses Anwesens nannten es »Lallybroch«. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, bedeutet das »träger Turm«, was ebensoviel Sinn machte wie der Ausdruck »nach Norden schauender Turm« für einen zylinderförmigen Bau.
»Wie kann etwas, das rund ist, nach Norden schauen?« fragte ich, während wir den felsigen, mit Heidekraut bewachsenen Abhang hinuntergingen. Wir führten die Pferde einzeln hintereinander auf dem schmalen, gewundenen Pfad, den das Rotwild durch das Gestrüpp getrampelt hatte. »Es hat doch keine Augen.«
»Aber eine Tür«, erwiderte Jamie sachlich. »Die Tür geht nach Norden.« Er suchte mit den Füßen festen Halt, als der Hang steiler wurde, und pfiff dem Pferd, das er hinter sich herführte. Die muskulösen Hinterbacken des Pferdes strafften sich, als es vorsichtig zu tänzeln begann; auf dem feuchten Gras rutschte es bei jedem Schritt. Die Pferde aus Inverness waren große, prächtige Tiere. Sicherlich hätten die zähen kleinen Hochlandponys den steilen Hang leichter bewältigt, aber diese Pferde, alles Stuten, waren zur Zucht, nicht zur Arbeit bestimmt.
»Na schön«, sagte ich und machte einen vorsichtigen Schritt über ein Rinnsal, das den Trampelpfad kreuzte. »Meinetwegen. Trotzdem, weshalb ›Lallybroch‹? Weshalb ist es ein träger Turm?«
»Weil er ein bißchen schief steht«, erwiderte Jamie. Er ging vor mir her, den Kopf etwas gesenkt, da er sich auf den Weg konzentrieren mußte. Ein paar Strähnen seines rotgoldenen Haares bewegten sich in der leichten Nachmittagsbrise. »Vom Haus aus erkennt man es nicht so gut, aber wenn man auf der Westseite steht, sieht man, daß er sich ein bißchen nach Norden neigt.«
»Vermutlich kannte man im dreizehnten Jahrhundert noch kein Senklot«, gab ich zurück. »Ein Wunder, daß er noch steht.«
»Oh, er ist schon mehrmals eingestürzt«, erwiderte Jamie mit etwas lauterer Stimme, denn der Wind frischte auf. »Die Leute, die hier lebten, haben ihn einfach wieder aufgebaut; wahrscheinlich ist er deshalb so schief.«
»Ich seh’s, ich seh’s!« ertönte Fergus’ schrille Stimme hinter mir. Er hatte auf seinem Pferd sitzenbleiben dürfen, da sein Fliegengewicht dem Tier wohl kaum etwas ausmachte. Als ich mich umdrehte, sah ich, wie er auf dem Sattel kniete und vor Freude auf und nieder hopste. Sein Pferd, eine gutmütige rotbraune Stute, gab ein mißbilligendes Schnauben von sich, warf ihn aber netterweise nicht ab. Seit seinem Erlebnis mit dem Percheron-Fohlen in Argentan hatte Fergus jede sich bietende Gelegenheit wahrgenommen, auf ein Pferd zu steigen, und Jamie, selbst ein Pferdenarr, hatte dem Jungen amüsiert nachgegeben und ihn hinter sich auf dem Sattel sitzen lassen, wenn er durch die Straßen von Paris ritt. Ab und zu hatte er ihm auch erlaubt, allein auf eines von Jareds Kutschenpferden zu steigen, große, träge Tiere, die Fergus’ Tritte und Rufe mit verständnislosem Ohrenwackeln quittiert hatten.
Ich schirmte meine Augen mit der Hand ab und sah in die Richtung, in die er zeigte. Und tatsächlich: von seiner höheren Warte aus hatte er die dunklen Umrisse des alten Steinturms auf dem Hügel entdeckt. Das neuere Herrenhaus unterhalb war schwerer zu erkennen; es war aus weißgekalktem Stein gebaut, und die Hausmauer und die Felder ringsum glänzten im Sonnenlicht. Das Haus lag inmitten von Gerstenfeldern in einer Senke und war von einer Reihe von Bäumen, die den Windschutz eines Feldes bildeten, teilweise noch verdeckt.
Jamie hob den Kopf, und als er das wohlvertraute Gutshaus von Lallybroch entdeckte, hielt er inne. Eine Weile blieb er reglos und schweigend stehen, doch ich sah, wie sich seine Schultern strafften. Der Wind wirbelte seine Haare durcheinander und hob sein Plaid in die Luft, als ob er im nächsten Augenblick abheben würde wie ein fröhlicher Drachen.
Es erinnerte mich an die windgeblähten Segel der Schiffe, die aus dem Hafen von Le Havre ausliefen und hinter der Landzunge in See stachen. Ich hatte am Kai gestanden und das geschäftige Treiben beobachtet.
Jared Munro Fraser hatte neben mir gestanden und zufrieden zugesehen, wie das wertvolle Frachtgut - auch sein eigenes - verladen und gelöscht wurde. Mit einem seiner Schiffe, der Portia, würden wir nach Schottland fahren. Jamie hatte mir gesagt, daß jedes von Jareds Schiffen den Namen einer seiner Geliebten trage und daß die geschnitzten Galionsfiguren stets eine gewisse Ähnlichkeit mit der jeweiligen Dame aufwiesen. Ich kniff die Augen zusammen und betrachtete den Schiffsbug, unschlüssig, ob Jamie mich vielleicht nur necken wollte. Wenn nicht, dann hatte Jared wohl eine Vorliebe für üppige Frauen.
»Ich werde euch beide vermissen«, sagte Jared nun schon zum viertenmal innerhalb der letzten halben Stunde. Man sah ihm sein Bedauern förmlich an, sogar seine lustige Nase schien weniger steil nach oben zu weisen als gewöhnlich. Die Fahrt nach Deutschland war ein voller Erfolg gewesen. Jareds Halstuch zierte ein großer Diamant, und sein Rock war aus dickem flaschengrünem Samt und hatte silberne Knöpfe.
»Nun ja«, sagte er und schüttelte den Kopf. »So gern ich den Burschen bei mir behalten würde, ich gönne ihm die Freude, daß er endlich wieder nach Hause kommt. Vielleicht besuche ich euch eines Tages, meine Liebe; ich war schon lange nicht mehr in Schottland.«
»Tja, ich werde dich auch vermissen«, sagte ich wahrheitsgemäß. Auch andere würde ich vermissen - Louise, Mutter Hildegarde, Herrn Gerstmann und vor allem Maître Raymond. Dennoch freute ich mich darauf, nach Schottland, nach Lallybroch, zurückzukehren. Ich sehnte mich nicht nach Paris zurück, und einige Leute dort wollte ich ganz bestimmt nicht wiedersehen - Louis von Frankreich zum Beispiel.
Oder Charles Stuart. Vorsichtige Sondierungen unter den jakobiten in Paris hatten Jamies anfänglichen Eindruck bestätigt. Der verhaltene Optimismus nach Charles’ großspurig verkündeter »großen Unternehmung« war verschwunden. Und während die Anhänger von König James ihrem Souverän auch weiterhin die Treue hielten, schien die Chance, daß unerschütterliche Loyalität zu Taten führen würde, außerordentlich gering.
Dann soll sich Charles eben mit dem Exil abfinden, dachte ich. Unser Exil war jedenfalls zu Ende. Wir befanden uns auf dem Weg nach Hause.
»Das Gepäck ist an Bord«, hörte ich eine mürrische schottische Stimme neben mir. »Der Kapitän bittet, nun an Bord zu gehen; wir laufen bei Flut aus.«
Jared wandte sich an Murtagh. »Wo ist der Bursche?« fragte er.
Murtagh wies mit dem Kopf über die Pier hinweg. »In der Taverne da drüben. Er läßt sich vollaufen.«
Ich hatte mich schon gefragt, wie Jamie die Überquerung des Kanals zu überstehen gedachte. Nach einem Blick auf den finsteren roten Morgenhimmel, der Sturm ankündigte, hatte er sich bei Jared entschuldigt und war verschwunden. Als ich in die von Murtagh angegebene Richtung sah, entdeckte ich Fergus, der neben dem Eingang zu einer Schnapsbude saß und offensichtlich Wache schob.
Erst ungläubig, dann belustigt vernahm Jared den Grund für das Verhalten seines Cousins.
»Ach, tatsächlich?« sagte er mit einem breiten Grinsen. »Na, dann hoffe ich, daß mein Cousin das letzte Glas aufspart, wenn wir ihn holen kommen. Sonst haben wir unsere liebe Mühe, den schweren Brocken über die Landungsbrücke zu tragen.«
»Warum hat er das gemacht?« fragte ich Murtagh ärgerlich. »Ich habe ihm doch gesagt, daß ich Laudanum für ihn habe.« Dabei klopfte ich mit der Hand auf den Seidenbeutel, den ich bei mir trug. »Das hätte ihn viel schneller betäubt.«
Murtagh zwinkerte nur. »Aye. Er meinte, wenn er schon Kopfweh bekommen muß, würde er gern auch einen Genuß dabei haben. Und Whisky schmeckt nun mal weitaus besser als dein ekliges schwarzes Zeug.«
In der vorderen Kabine der Portia saß ich dann auf der Schlafkoje des Kapitäns und sah dem Auf und Ab der sich immer weiter entfernenden Küstenlinie zu, während der Kopf meines Gatten auf meinen Knien ruhte.
Schließlich öffnete er ein Auge und sah zu mir auf. Ich strich ihm das feuchte Haar aus der Stirn. Er war in eine Duftwolke aus Ale und Whisky gehüllt.
»Du wirst dich höllisch elend fühlen, wenn du in Schottland aufwachst«, sagte ich zu ihm.
Er blinzelte und betrachtete die Lichtwellen, die über die holzgetäfelte Decke tanzten. Dann richtete er den Blick auf mich.
»Wenn ich mir aussuchen kann, ob ich die Hölle gleich oder erst später haben möchte, Sassenach«, sagte er mit gemessener und klarer Stimme, »werde ich immer die spätere Hölle wählen.« Er schloß die Augen. Dann rülpste er leise, entspannte sich und ließ sich von den Wellen in den Schlaf wiegen.
 
Die Pferde waren scheinbar ebenso ungeduldig wie wir; sie spürten die Nähe der Stallungen und schlugen eine schnellere Gangart ein.
Ich dachte eben, daß ich mich gerne waschen und etwas essen würde, als mein Pferd plötzlich die Füße fest in den Boden stemmte. Heftig warf die Stute den Kopf hin und her und schnaubte und ächzte.
»He, Mädel, was ist los? Hast du eine Biene in die Nüstern gekriegt?« Jamie schwang sich vom Sattel eines Pferdes und packte die graue Stute am Zügel. Da ich spürte, wie der breite Rücken meines Tieres zitterte und bebte, stieg ich ebenfalls ab.
»Was hat sie bloß?« Neugierig betrachtete ich das Tier, das sich gegen Jamies festen Griff wehrte. Es schüttelte die Mähne und rollte die Augen. Nun begannen auch die anderen Pferde nervös zu stampfen.
Jamie blickte über die Schulter hinweg auf die leere Straße.
»Sie sieht etwas.«
Fergus stellte sich in seinem verkürzten Steigbügel auf, beschattete die Augen mit der Hand und spähte angestrengt über den Rücken des Tieres hinweg. Dann ließ er die Hand sinken und blickte mich achselzuckend an.
Ich zuckte ebenfalls die Achseln; es war nichts zu sehen, was die Unruhe der Stute hätte erklären können - der Weg und die Felder lagen verlassen vor uns, die Ähren reiften und trockneten in der spätsommerlichen Sonne. Das nächste Wäldchen war über hundert Meter entfernt hinter einem kleinen Haufen Steine, vielleicht den Überresten eines eingestürzten Schornsteins. Wölfe gab es in diesem offenen Gelände so gut wie gar nicht, und auf diese Entfernung konnte kein Fuchs oder Dachs ein Pferd in Unruhe versetzen.
Jamie gab den Versuch auf, die Stute vorwärtszuziehen, und führte sie einmal im Halbkreis; willig folgte sie ihm in die Richtung, aus der wir gekommen waren.
Er gab Murtagh ein Zeichen, die anderen Pferde beiseite zu führen, dann schwang er sich in den Sattel. Eine Hand in die Mähne des Tieres gekrallt, beugte er sich vor und trieb es langsam an, während er ihm etwas ins Ohr flüsterte. Zögernd, doch ohne Widerstand, folgte das Pferd, bis es an derselben Stelle wieder stehenblieb und witterte. Nichts konnte die Stute dazu bewegen, einen Schritt weiter zu gehen.
»Also gut«, meinte Jamie resigniert. »Wie du willst.« Er führte die Stute in das Feld. Die gelben Ähren streiften das zottige Fell ihres Bauches. Wir folgten, und die Tiere beugten den Kopf und schnappten hie und da nach einem Maulvoll Körnern, während wir durch das Feld ritten.
Als wir einen kleinen Granitfelsen unterhalb des Hügelrückens umrundet hatten, hörte ich ein kurzes warnendes Bellen. Am Weg angelangt, sahen wir einen Schäferhund, der uns mit gerecktem Kopf und steif aufgestelltem Schwanz argwöhnisch beobachtete.
Er bellte noch einmal kurz, und da tauchte zwischen den Erlen noch ein Hund auf, gefolgt von einer großgewachsenen schlanken Gestalt, die in ein braunes Jagdplaid gehüllt war.
»Ian!«
»Jamie!«
Jamie warf mir die Zügel des Pferdes zu und rannte auf seinen Schwager zu. Mitten auf dem Weg fielen sie sich in die Arme, lachten und klopften sich gegenseitig auf den Rücken. Auch die Hunde tollten jetzt ausgelassen und mit glücklich wedelnden Schwänzen um sie herum und beschnüffelten neugierig die Beine der Pferde.
»Wir haben euch erst morgen erwartet«, sagte Ian und strahlte über das ganze Gesicht.
»Wir hatten günstigen Wind«, erklärte Jamie. »Das meinte jedenfalls Claire; ich selbst habe nicht so aufgepaßt.« Er warf mir einen kurzen Blick zu und grinste, und Ian kam auf mich zu, um mir die Hand zu drücken.
»Schwägerin«, begrüßte er mich förmlich. Dann lächelte er, und seine brauen Augen strahlten vor Güte und Wärme. »Claire.« Spontan küßte er mir die Hand, und ich drückte die seine.
»Jenny putzt und kocht wie verrückt«, erzählte er, noch immer lachend. »Ihr könnt froh sein, wenn ihr ein Bett für heute nacht findet; sie hat alle Matratzen nach draußen gebracht, um sie auszuklopfen.«
»Nach drei Nächten im Heidekraut würde es mir auch nichts ausmachen, auf dem Boden zu schlafen«, versicherte ich ihm. »Sind Jenny und die Kinder wohlauf?«
»Aye. Sie ist wieder schwanger.« Und er fügte hinzu: »Im Februar ist es soweit.«
»Schon wieder?« riefen Jamie und ich gleichzeitig, und Ians schmale Wangen wurden von einer tiefen Röte überzogen.
»Gott, eure Maggie ist doch noch kein Jahr alt«, sagte Jamie und hob tadelnd eine Augenbraue. »Kannst du dich denn gar nicht beherrschen?«
»Ich?« gab Ian entrüstet zurück. »Du glaubst wohl, ich hätte etwas damit zu tun?«
»Tja, wenn nicht, dann sollte es dich doch interessieren, wer es dann war«, meinte Jamie grinsend.
Ians Gesicht wurde tiefrot, was gut zu seinem glatten braunen Haar paßte. »Du weißt ganz genau, was ich meine«, erwiderte er. »Ich habe zwei Monate lang mit dem kleinen Jamie im Rollbett geschlafen, aber dann hat Jenn...«
»Willst du etwa sagen, daß meine Schwester eine liederliche Person ist, hm?«
»Ich sage nur, sie ist so stur wie ihr Bruder, wenn sie ihren Kopf durchsetzen will«, erwiderte Ian. Er machte einen Satz zur Seite, beugte sich leicht nach hinten und landete einen sanften Tritt mitten in Jamies Magen. Jamie krümmte sich lachend.
»Dann ist es ja gut, daß ich wieder da bin«, sagte er. »Ich helfe dir, sie im Zaum zu halten.«
»Ach, tatsächlich?« fragte Ian skeptisch. »Dann rufe ich alle Pächter zusammen - das dürfen sie sich nicht entgehen lassen.«
»Du suchst verirrte Schafe, stimmt’s?« wechselte Jamie das Thema und deutete auf die Hunde und auf Ians langen Stock, der auf der Erde lag.
»Fünfzehn, dazu einen Bock«, nickte Ian. »Jennys Merinoherde, die sie wegen der Wolle hält. Der Bock ist ein richtiges Mistvieh; er hat das Gatter eingerammt. Ich dachte, sie seien vielleicht hier im Getreidefeld, aber sie sind nirgends zu sehen.«
»Wir haben vorhin auch nichts gesehen«, sagte ich.
»Ach, da oben können sie nicht sein«, erwiderte Ian und winkte ab. »Zur Kate hinauf gehen die Biester nie.«
»Welche Kate?« Fergus, der während des höflichen Wortwechsels zunehmend ungeduldig geworden war, hatte sein Pferd neben das meine geführt. »Ich hab’ nirgendwo eine Kate gesehen, Herr. Nur einen Steinhaufen.«
»Das ist alles, was von MacNabs Kate übriggeblieben ist, Junge«, antwortete Ian. Er blinzelte zu Fergus hinauf. »Und du solltest ebenfalls einen großen Bogen darum machen.«
Ich bekam eine Gänsehaut, trotz der nachmittäglichen Hitze. Ronald MacNab war der Pächter gewesen, der Jamie vor einem Jahr an die Wache verraten hatte. Dafür hatte er noch an dem Tag, an dem es herauskam, mit dem Leben bezahlen müssen. Er war in seinem brennenden Haus umgekommen, erinnerte ich mich, das ihm die Männer von Lallybroch über dem Kopf angezündet hatten. Der Haufen Steine, der so harmlos dalag, als wir vorhin daran vorbeigeritten waren, hatte sich in meiner Vorstellung jetzt in ein Grab verwandelt. Ich schluckte den bitteren Geschmack hinunter, der in meiner Kehle aufstieg.
»MacNab?« fragte Jamie leise. Er schien hellhörig geworden zu sein. »Ronnie MacNab?«
Ich hatte Jamie von MacNabs Verrat und von seinem Tod erzählt, aber ich hatte ihm verschwiegen, wie es dazu gekommen war.
Ian nickte. »Aye. Er starb dort in der Nacht, als die Engländer dich mitnahmen, Jamie. Das Strohdach muß irgendwie Feuer gefangen haben, und er war wohl derart betrunken, daß er es nicht mehr schaffte, rechtzeitig herauszukommen.« Er blickte Jamie fest in die Augen.
»Ach? Und seine Frau und sein Kind?« Jamie erwiderte Ians Blick - kühl und unergründlich.
»Die sind in Sicherheit. Mary MacNab ist Küchenmagd im Haus, und Rabbie arbeitet in den Ställen.« Ian warf unwillkürlich einen Blick auf die zerstörte Kate. »Mary geht ab und zu hin, aber sie ist die einzige.«
»Dann hat sie ihn also geliebt?« Jamie hatte sich zur Kate umgewandt, so daß ich sein Gesicht nicht sehen konnte, aber sein Rücken verriet eine gewisse Anspannung.
Ian zuckte die Achseln. »Das wohl nicht. Ronnie war ein Trunkenbold und ein Scheusal dazu; nicht einmal seine alte Mutter hatte für ihn etwas übrig. Nein, Mary hält es wohl für ihre Pflicht, für seine arme Seele zu beten - das wird ihm auch nichts helfen.«
»Ah.« Jamie stand einen Augenblick still, wie in Gedanken versunken, dann warf er dem Pferd die Zügel über den Rücken und ging den Hügel hinauf.
»Jamie!« rief ich, aber er war schon auf dem Weg zu der kleinen Lichtung neben dem Wäldchen. Ich drückte dem überraschten Fergus die Zügel in die Hand.
»Bleib du hier bei den Pferden«, sagte ich. »Ich muß mit ihm gehen.« Ian machte Anstalten, ebenfalls mitzukommen, aber Murtagh hielt ihn mit einem Kopfschütteln zurück. So ging ich allein weiter und folgte Jamie den Hügel hinauf.
Er erreichte die Lichtung, ehe ich ihn eingeholt hatte. Nun stand er an der Stelle, an der einst die Außenmauer des Hauses gewesen war. Man konnte die rechteckige Grundfläche des Hauses gerade noch erkennen. Das neue Gras, das darüber wuchs, war spärlicher als die grüne Gerste, die nebenan im Schatten der Bäume wucherte.
Die Spuren des Feuers waren kaum mehr zu sehen; ein paar verkohlte Holzstrünke ragten aus dem Gras neben der steinernen Feuerstelle, die flach und nackt dalag wie ein Grabstein. Streng darauf bedacht, nicht die Begrenzung des einstigen Hauses zu überschreiten, ging Jamie um die Lichtung herum. Er umkreiste die Feuerstelle dreimal, immer entgegen dem Uhrzeigersinn, um die bösen Geister, die ihm folgen mochten, zu verwirren.
Ich stand daneben und sah ihm zu. Dies war seine ganz persönliche Angelegenheit, aber ich konnte ihn nicht allein damit lassen, und obwohl er mich nicht ansah, wußte ich doch, daß er sich über meine Anwesenheit freute.
Schließlich blieb er vor dem Haufen eingestürzter Steine stehen. Er streckte eine Hand aus und legte sie zögernd darauf, dann schloß er für einen Augenblick die Augen, als betete er. Schließlich bückte er sich, nahm einen faustgroßen Stein in die Hand und legte ihn vorsichtig oben auf den Haufen, als wollte er die ruhelose Seele des Verstorbenen darunter begraben. Er bekreuzigte sich, drehte sich um und kam mit festem Schritt auf mich zu.
»Schau nicht mehr zurück«, sagte er ruhig und legte seinen Arm um mich, während wir hinuntergingen.
Und ich schaute nicht zurück.
 
Jamie, Fergus und Murtagh begaben sich mit Ian und den Hunden auf die Suche nach den Schafen und überließen es mir, die Pferde zum Haus hinunterzuführen. Ich war keineswegs geübt im Umgang mit ihnen, aber ich traute es mir zu, knapp einen Kilometer allein mit den Pferden zurückzulegen, solange nichts Unvorhergesehenes dazwischenkam.
Diesmal war es ganz anders als bei unserer ersten Heimkehr. Damals waren wir beide auf der Flucht gewesen: ich vor der Zukunft, Jamie vor seiner Vergangenheit. Wir hatten hier eine glückliche Zeit verbracht, wenn auch in ständiger Anspannung und Unsicherheit; es drohte immer die Gefahr, daß wir entdeckt würden und Jamie verhaftet werden würde. Dank der Hilfe des Herzogs von Sandringham war Jamie nun heimgekehrt, um sein Erbe anzutreten, und ich, um meinen rechtmäßigen Platz als seine Frau einzunehmen.
Damals waren wir erschöpft und vollkommen unerwartet angekommen und hatten das ganze Haus durcheinandergebracht. Diesmal waren wir angekündigt, wie es sich gehörte, und brachten Geschenke aus Frankreich mit. Ich war zwar sicher, daß man uns herzlich empfangen würde, doch fragte ich mich, wie Ian und Jamies Schwester damit zurechtkommen würden, daß wir nun für immer blieben. Schließlich hatten sie die letzten Jahre als Herr und Herrin von Haus und Hof gelebt - seit dem Tod von Jamies Vater und den katastrophalen Ereignissen, die Jamie zu einem Leben als Ausgestoßener und Verbannter gezwungen hatten.
Ich überwand den letzten Hügel ohne Zwischenfall, und das Herrenhaus mit seinen Nebengebäuden lag jetzt vor mir. Die schiefergedeckten Dächer wurden bereits von den ersten aufziehenden Regenwolken verdunkelt. Plötzlich scheute meine Stute, woraufhin ich ebenfalls zusammenzuckte und mich bemühte, die Zügel festzuhalten, während sie sich in Panik immer wieder aufbäumte.
Was ich ihr allerdings nicht verdenken konnte. Denn an einer Ecke des Hauses waren zwei riesige Ungetüme aufgetaucht und rollten wie überdimensionale Wolken am Boden entlang.
»Schluß jetzt!« rief ich. »Brr!« Alle Pferde waren jetzt außer Rand und Band und kurz davor durchzugehen. Eine feine Heimkehr, dachte ich, wenn sich Jamies neue Zuchtpferde jetzt allesamt die Beine brachen.
Eine der Wolken erhob sich ein wenig, dann fiel sie flach auf den Boden, und Jenny Fraser Murray, nunmehr befreit von der Federmatratze, die sie getragen hatte, stürmte auf mich zu.
Ohne einen Augenblick zu zögern, ergriff sie die Zügel des erstbesten Pferdes und zog daran mit ganzer Kraft.
»Brr!« rief sie. Das Pferd, dem der befehlsgewohnte Ton offensichtlich Respekt einflößte, blieb sofort stehen. Nun war es ein leichtes, auch die anderen Pferde zu beruhigen, und während ich abstieg, eilten noch eine Frau und ein Junge von neun oder zehn Jahren herbei, die sich mit geübter Hand um die Tiere kümmerten.
Ich erkannte den jungen Rabbie MacNab und schloß daraus, daß die Frau seine Mutter Mary sein mußte. Das Versorgen der Pferde, die Bergung der Bündel und Matratzen verhinderten jedes Gespräch, aber ich fand Zeit, Jenny zur Begrüßung wenigstens kurz zu umarmen. Sie roch nach Zimt und Honig und nach frischem Schweiß, hinzu kam ein Hauch von Babyduft, jener eigenartige Geruch aus aufgestoßener Milch, feuchten Windeln und reiner, weicher Kinderhaut.
Wir hielten uns einen Augenblick fest umschlungen und dachten an unsere letzte Umarmung, als wir am Rande eines Wäldchens in nächtlicher Dunkelheit Abschied genommen hatten - ich, um Jamie zu suchen, und sie, um zu ihrer neugeborenen Tochter zurückzukehren.
»Wie geht’s der kleinen Maggie?« fragte ich und löste mich aus der Umarmung.
Jenny schnitt eine Grimasse und meinte dann, nicht ohne Stolz: »Sie fängt schon an zu laufen und ist eine rechte Plage.« Sie blickte die leere Straße hinauf und sagte: »Ihr habt Ian unterwegs getroffen, nicht wahr?«
»Ja, Jamie, Murtagh und Fergus sind mit ihm gegangen, um die Schafe zu suchen.«
»Besser sie als wir«, erwiderte sie mit einer knappen Geste zum Himmel hinauf. »Es kann jeden Augenblick anfangen zu regnen. Rabbie soll die Pferde in den Stall bringen, und du hilfst mir mit den Matratzen, sonst müssen wir heute nacht alle im Feuchten schlafen.«
Es folgte hektische Geschäftigkeit, doch als es endlich anfing zu regnen, saßen Jenny und ich bereits gemütlich im Salon und packten die Pakete aus, die wir aus Frankreich mitgebracht hatten. Ich bewunderte die kleine Maggie, ein munteres Fräulein von zehn Monaten mit runden blauen Augen und einem erdbeerroten Haarflaum, und ihren großen Bruder Jamie, einen stämmigen Vierjährigen. Der jüngste Nachwuchs war bislang nur eine schwache Wölbung unter der Schürze seiner Mutter. Jenny legte ab und zu zärtlich ihre Hand darauf, was mir einen kleinen Stich versetzte.
»Du hast Fergus erwähnt«, sagte Jenny, »wer ist das?«
»Ach, Fergus? Der ist - na ja - er ist...« Ich zögerte, denn ich wußte nicht, wie ich Fergus beschreiben sollte. Die Aussichten eines Taschendiebs, auf dem Gut angestellt zu werden, schienen mir sehr begrenzt. »Er ist so etwas wie Jamies Schatten«, sagte ich schließlich.
»Ach ja? Ich denke, er kann im Stall schlafen«, meinte Jenny. »Apropos Jamie...« Sie sah durch das Fenster in den strömenden Regen hinaus. »Hoffentlich finden sie die Schafe bald. Ich habe etwas Gutes zu essen gemacht und möchte nicht, daß es zu lange auf dem Herd steht.«
In der Tat, es war inzwischen dunkel geworden, und Mary MacNab deckte bereits den Tisch. Ich sah ihr bei der Arbeit zu; sie war eine kleine, zartgliedrige Person mit dunkelbraunem Haar und einem etwas besorgten Gesichtsausdruck, der sich jedoch in ein Lächeln verwandelte, als Rabbie aus dem Stall in die Küche kam und nachfragte, wann es endlich etwas zu essen gebe.
»Sobald die Männer zurück sind, mo luaidh«, antwortete sie. »Das weißt du doch. Geh und wasch dich schon mal.«
Als die Männer endlich kamen, sahen sie aus, als ob sie die Wäsche weitaus nötiger hätten als Rabbie. Durchnäßt, schmutzig und bis zu den Knien lehmverschmiert, kamen sie erschöpft in den Salon. Ian nahm sich das nasse Plaid von den Schultern und hängte es über den Ofenschirm, wo es tropfte und dampfte. Fergus, der nach seiner abrupten Einführung in das Landleben völlig erschöpft war, setzte sich hin, wo er gerade stand, und starrte wie betäubt auf den Boden.
Jenny blickte ihren Bruder an, den sie seit beinahe einem Jahr nicht mehr gesehen hatte. Während sie ihn von Kopf bis Fuß musterte - sein Haar triefte vor Nässe, und an seinen Stiefeln klebten Lehmklumpen -, deutete sie auf die Tür.
»Erst raus und die Stiefel ausgezogen!« befahl sie streng. »Und wenn ihr im offenen Feld gewesen seid, denkt dran, an die Türpfosten zu pinkeln, bevor ihr wieder reinkommt. Dadurch hält man sich nämlich die Geister vom Leib«, erklärte sie mir mit gesenkter Stimme, während sie flüchtig zu der Tür blickte, durch die Mary MacNab verschwunden war, um das Essen zu holen.
Jamie, der sich in einen Sessel gelümmelt hatte, öffnete ein Auge und funkelte seine Schwester an.
»Ich komme mit dem Schiff in Schottland an, halbtot von der Uberfahrt, reite vier Tage über die Berge, um hierherzukommen, und als ich endlich da bin, darf ich nicht einmal eintreten, um meine ausgetrocknete Kehle zu befeuchten. Statt dessen stolpere ich durch den Schlamm, um verirrte Schafe zu suchen. Und wenn ich dann endlich hier bin, willst du mich wieder in die Nacht hinausschicken, damit ich an den Türpfosten pinkle. Pah!« Er machte das Auge wieder zu, faltete die Hände über dem Bauch und sank noch tiefer in den Sessel.
»Jamie, mein Lieber«, sagte seine Schwester mit zuckersüßer Stimme. »Willst du dein Essen, oder soll ich’s den Hunden geben?«
Er blieb noch einen langen Moment reglos und mit geschlossenen Augen sitzen. Dann raffte er sich mit einem resignierten Seufzer auf, zuckte verdrießlich mit den Schultern und bedeutete Ian, ihm nach draußen zu folgen, wo Murtagh sich bereits erleichterte. Als Jamie an Fergus vorbeikam, packte er ihn, zog ihn hoch und schleifte den schläfrigen Jungen mit.
»Willkommen zu Hause«, meinte Jamie mürrisch, und mit einem letzten wehmütigen Blick auf das Feuer und den Whisky trottete er abermals in die Dunkelheit hinaus.
Die Geliehene Zeit
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