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Lallybroch
Man nannte es Broch Tuarach wegen des Steinturms,
der auf dem Hang hinter dem Gutshaus emporragte. Die Bewohner
dieses Anwesens nannten es »Lallybroch«. Soweit ich in Erfahrung
bringen konnte, bedeutet das »träger Turm«, was ebensoviel Sinn
machte wie der Ausdruck »nach Norden schauender Turm« für einen
zylinderförmigen Bau.
»Wie kann etwas, das rund ist, nach Norden
schauen?« fragte ich, während wir den felsigen, mit Heidekraut
bewachsenen Abhang hinuntergingen. Wir führten die Pferde einzeln
hintereinander auf dem schmalen, gewundenen Pfad, den das Rotwild
durch das Gestrüpp getrampelt hatte. »Es hat doch keine
Augen.«
»Aber eine Tür«, erwiderte Jamie sachlich. »Die Tür
geht nach Norden.« Er suchte mit den Füßen festen Halt, als der
Hang steiler wurde, und pfiff dem Pferd, das er hinter sich
herführte. Die muskulösen Hinterbacken des Pferdes strafften sich,
als es vorsichtig zu tänzeln begann; auf dem feuchten Gras rutschte
es bei jedem Schritt. Die Pferde aus Inverness waren große,
prächtige Tiere. Sicherlich hätten die zähen kleinen Hochlandponys
den steilen Hang leichter bewältigt, aber diese Pferde, alles
Stuten, waren zur Zucht, nicht zur Arbeit bestimmt.
»Na schön«, sagte ich und machte einen vorsichtigen
Schritt über ein Rinnsal, das den Trampelpfad kreuzte.
»Meinetwegen. Trotzdem, weshalb ›Lallybroch‹? Weshalb ist es ein
träger Turm?«
»Weil er ein bißchen schief steht«, erwiderte
Jamie. Er ging vor mir her, den Kopf etwas gesenkt, da er sich auf
den Weg konzentrieren mußte. Ein paar Strähnen seines rotgoldenen
Haares bewegten sich in der leichten Nachmittagsbrise. »Vom Haus
aus erkennt man es nicht so gut, aber wenn man auf der Westseite
steht, sieht man, daß er sich ein bißchen nach Norden neigt.«
»Vermutlich kannte man im dreizehnten Jahrhundert
noch kein Senklot«, gab ich zurück. »Ein Wunder, daß er noch
steht.«
»Oh, er ist schon mehrmals eingestürzt«, erwiderte
Jamie mit etwas lauterer Stimme, denn der Wind frischte auf. »Die
Leute, die hier lebten, haben ihn einfach wieder aufgebaut;
wahrscheinlich ist er deshalb so schief.«
»Ich seh’s, ich seh’s!« ertönte Fergus’ schrille
Stimme hinter mir. Er hatte auf seinem Pferd sitzenbleiben dürfen,
da sein Fliegengewicht dem Tier wohl kaum etwas ausmachte. Als ich
mich umdrehte, sah ich, wie er auf dem Sattel kniete und vor Freude
auf und nieder hopste. Sein Pferd, eine gutmütige rotbraune Stute,
gab ein mißbilligendes Schnauben von sich, warf ihn aber
netterweise nicht ab. Seit seinem Erlebnis mit dem Percheron-Fohlen
in Argentan hatte Fergus jede sich bietende Gelegenheit
wahrgenommen, auf ein Pferd zu steigen, und Jamie, selbst ein
Pferdenarr, hatte dem Jungen amüsiert nachgegeben und ihn hinter
sich auf dem Sattel sitzen lassen, wenn er durch die Straßen von
Paris ritt. Ab und zu hatte er ihm auch erlaubt, allein auf eines
von Jareds Kutschenpferden zu steigen, große, träge Tiere, die
Fergus’ Tritte und Rufe mit verständnislosem Ohrenwackeln quittiert
hatten.
Ich schirmte meine Augen mit der Hand ab und sah in
die Richtung, in die er zeigte. Und tatsächlich: von seiner höheren
Warte aus hatte er die dunklen Umrisse des alten Steinturms auf dem
Hügel entdeckt. Das neuere Herrenhaus unterhalb war schwerer zu
erkennen; es war aus weißgekalktem Stein gebaut, und die Hausmauer
und die Felder ringsum glänzten im Sonnenlicht. Das Haus lag
inmitten von Gerstenfeldern in einer Senke und war von einer Reihe
von Bäumen, die den Windschutz eines Feldes bildeten, teilweise
noch verdeckt.
Jamie hob den Kopf, und als er das wohlvertraute
Gutshaus von Lallybroch entdeckte, hielt er inne. Eine Weile blieb
er reglos und schweigend stehen, doch ich sah, wie sich seine
Schultern strafften. Der Wind wirbelte seine Haare durcheinander
und hob sein Plaid in die Luft, als ob er im nächsten Augenblick
abheben würde wie ein fröhlicher Drachen.
Es erinnerte mich an die windgeblähten Segel der
Schiffe, die aus dem Hafen von Le Havre ausliefen und hinter der
Landzunge in See stachen. Ich hatte am Kai gestanden und das
geschäftige Treiben beobachtet.
Jared Munro Fraser hatte neben mir gestanden und
zufrieden zugesehen, wie das wertvolle Frachtgut - auch sein
eigenes - verladen und gelöscht wurde. Mit einem seiner Schiffe,
der Portia, würden wir nach Schottland fahren. Jamie hatte
mir gesagt, daß jedes von Jareds Schiffen den Namen einer seiner
Geliebten trage und daß die geschnitzten Galionsfiguren stets eine
gewisse Ähnlichkeit mit der jeweiligen Dame aufwiesen. Ich kniff
die Augen zusammen und betrachtete den Schiffsbug, unschlüssig, ob
Jamie mich vielleicht nur necken wollte. Wenn nicht, dann hatte
Jared wohl eine Vorliebe für üppige Frauen.
»Ich werde euch beide vermissen«, sagte Jared nun
schon zum viertenmal innerhalb der letzten halben Stunde. Man sah
ihm sein Bedauern förmlich an, sogar seine lustige Nase schien
weniger steil nach oben zu weisen als gewöhnlich. Die Fahrt nach
Deutschland war ein voller Erfolg gewesen. Jareds Halstuch zierte
ein großer Diamant, und sein Rock war aus dickem flaschengrünem
Samt und hatte silberne Knöpfe.
»Nun ja«, sagte er und schüttelte den Kopf. »So
gern ich den Burschen bei mir behalten würde, ich gönne ihm die
Freude, daß er endlich wieder nach Hause kommt. Vielleicht besuche
ich euch eines Tages, meine Liebe; ich war schon lange nicht mehr
in Schottland.«
»Tja, ich werde dich auch vermissen«, sagte ich
wahrheitsgemäß. Auch andere würde ich vermissen - Louise, Mutter
Hildegarde, Herrn Gerstmann und vor allem Maître Raymond. Dennoch
freute ich mich darauf, nach Schottland, nach Lallybroch,
zurückzukehren. Ich sehnte mich nicht nach Paris zurück, und einige
Leute dort wollte ich ganz bestimmt nicht wiedersehen - Louis von
Frankreich zum Beispiel.
Oder Charles Stuart. Vorsichtige Sondierungen unter
den jakobiten in Paris hatten Jamies anfänglichen Eindruck
bestätigt. Der verhaltene Optimismus nach Charles’ großspurig
verkündeter »großen Unternehmung« war verschwunden. Und während die
Anhänger von König James ihrem Souverän auch weiterhin die Treue
hielten, schien die Chance, daß unerschütterliche Loyalität zu
Taten führen würde, außerordentlich gering.
Dann soll sich Charles eben mit dem Exil abfinden,
dachte ich. Unser Exil war jedenfalls zu Ende. Wir befanden uns auf
dem Weg nach Hause.
»Das Gepäck ist an Bord«, hörte ich eine mürrische
schottische Stimme neben mir. »Der Kapitän bittet, nun an Bord zu
gehen; wir laufen bei Flut aus.«
Jared wandte sich an Murtagh. »Wo ist der Bursche?«
fragte er.
Murtagh wies mit dem Kopf über die Pier hinweg. »In
der Taverne da drüben. Er läßt sich vollaufen.«
Ich hatte mich schon gefragt, wie Jamie die
Überquerung des Kanals zu überstehen gedachte. Nach einem Blick auf
den finsteren roten Morgenhimmel, der Sturm ankündigte, hatte er
sich bei Jared entschuldigt und war verschwunden. Als ich in die
von Murtagh angegebene Richtung sah, entdeckte ich Fergus, der
neben dem Eingang zu einer Schnapsbude saß und offensichtlich Wache
schob.
Erst ungläubig, dann belustigt vernahm Jared den
Grund für das Verhalten seines Cousins.
»Ach, tatsächlich?« sagte er mit einem breiten
Grinsen. »Na, dann hoffe ich, daß mein Cousin das letzte Glas
aufspart, wenn wir ihn holen kommen. Sonst haben wir unsere liebe
Mühe, den schweren Brocken über die Landungsbrücke zu
tragen.«
»Warum hat er das gemacht?« fragte ich Murtagh
ärgerlich. »Ich habe ihm doch gesagt, daß ich Laudanum für ihn
habe.« Dabei klopfte ich mit der Hand auf den Seidenbeutel, den ich
bei mir trug. »Das hätte ihn viel schneller betäubt.«
Murtagh zwinkerte nur. »Aye. Er meinte, wenn er
schon Kopfweh bekommen muß, würde er gern auch einen Genuß dabei
haben. Und Whisky schmeckt nun mal weitaus besser als dein ekliges
schwarzes Zeug.«
In der vorderen Kabine der Portia saß ich
dann auf der Schlafkoje des Kapitäns und sah dem Auf und Ab der
sich immer weiter entfernenden Küstenlinie zu, während der Kopf
meines Gatten auf meinen Knien ruhte.
Schließlich öffnete er ein Auge und sah zu mir auf.
Ich strich ihm das feuchte Haar aus der Stirn. Er war in eine
Duftwolke aus Ale und Whisky gehüllt.
»Du wirst dich höllisch elend fühlen, wenn du in
Schottland aufwachst«, sagte ich zu ihm.
Er blinzelte und betrachtete die Lichtwellen, die
über die holzgetäfelte Decke tanzten. Dann richtete er den Blick
auf mich.
»Wenn ich mir aussuchen kann, ob ich die Hölle
gleich oder erst später haben möchte, Sassenach«, sagte er mit
gemessener und
klarer Stimme, »werde ich immer die spätere Hölle wählen.« Er
schloß die Augen. Dann rülpste er leise, entspannte sich und ließ
sich von den Wellen in den Schlaf wiegen.
Die Pferde waren scheinbar ebenso ungeduldig wie
wir; sie spürten die Nähe der Stallungen und schlugen eine
schnellere Gangart ein.
Ich dachte eben, daß ich mich gerne waschen und
etwas essen würde, als mein Pferd plötzlich die Füße fest in den
Boden stemmte. Heftig warf die Stute den Kopf hin und her und
schnaubte und ächzte.
»He, Mädel, was ist los? Hast du eine Biene in die
Nüstern gekriegt?« Jamie schwang sich vom Sattel eines Pferdes und
packte die graue Stute am Zügel. Da ich spürte, wie der breite
Rücken meines Tieres zitterte und bebte, stieg ich ebenfalls
ab.
»Was hat sie bloß?« Neugierig betrachtete ich das
Tier, das sich gegen Jamies festen Griff wehrte. Es schüttelte die
Mähne und rollte die Augen. Nun begannen auch die anderen Pferde
nervös zu stampfen.
Jamie blickte über die Schulter hinweg auf die
leere Straße.
»Sie sieht etwas.«
Fergus stellte sich in seinem verkürzten Steigbügel
auf, beschattete die Augen mit der Hand und spähte angestrengt über
den Rücken des Tieres hinweg. Dann ließ er die Hand sinken und
blickte mich achselzuckend an.
Ich zuckte ebenfalls die Achseln; es war nichts zu
sehen, was die Unruhe der Stute hätte erklären können - der Weg und
die Felder lagen verlassen vor uns, die Ähren reiften und
trockneten in der spätsommerlichen Sonne. Das nächste Wäldchen war
über hundert Meter entfernt hinter einem kleinen Haufen Steine,
vielleicht den Überresten eines eingestürzten Schornsteins. Wölfe
gab es in diesem offenen Gelände so gut wie gar nicht, und auf
diese Entfernung konnte kein Fuchs oder Dachs ein Pferd in Unruhe
versetzen.
Jamie gab den Versuch auf, die Stute
vorwärtszuziehen, und führte sie einmal im Halbkreis; willig folgte
sie ihm in die Richtung, aus der wir gekommen waren.
Er gab Murtagh ein Zeichen, die anderen Pferde
beiseite zu führen, dann schwang er sich in den Sattel. Eine Hand
in die Mähne des Tieres gekrallt, beugte er sich vor und trieb es
langsam an, während er ihm etwas ins Ohr flüsterte. Zögernd, doch
ohne Widerstand,
folgte das Pferd, bis es an derselben Stelle wieder stehenblieb
und witterte. Nichts konnte die Stute dazu bewegen, einen Schritt
weiter zu gehen.
»Also gut«, meinte Jamie resigniert. »Wie du
willst.« Er führte die Stute in das Feld. Die gelben Ähren
streiften das zottige Fell ihres Bauches. Wir folgten, und die
Tiere beugten den Kopf und schnappten hie und da nach einem
Maulvoll Körnern, während wir durch das Feld ritten.
Als wir einen kleinen Granitfelsen unterhalb des
Hügelrückens umrundet hatten, hörte ich ein kurzes warnendes
Bellen. Am Weg angelangt, sahen wir einen Schäferhund, der uns mit
gerecktem Kopf und steif aufgestelltem Schwanz argwöhnisch
beobachtete.
Er bellte noch einmal kurz, und da tauchte zwischen
den Erlen noch ein Hund auf, gefolgt von einer großgewachsenen
schlanken Gestalt, die in ein braunes Jagdplaid gehüllt war.
»Ian!«
»Jamie!«
Jamie warf mir die Zügel des Pferdes zu und rannte
auf seinen Schwager zu. Mitten auf dem Weg fielen sie sich in die
Arme, lachten und klopften sich gegenseitig auf den Rücken. Auch
die Hunde tollten jetzt ausgelassen und mit glücklich wedelnden
Schwänzen um sie herum und beschnüffelten neugierig die Beine der
Pferde.
»Wir haben euch erst morgen erwartet«, sagte Ian
und strahlte über das ganze Gesicht.
»Wir hatten günstigen Wind«, erklärte Jamie. »Das
meinte jedenfalls Claire; ich selbst habe nicht so aufgepaßt.« Er
warf mir einen kurzen Blick zu und grinste, und Ian kam auf mich
zu, um mir die Hand zu drücken.
»Schwägerin«, begrüßte er mich förmlich. Dann
lächelte er, und seine brauen Augen strahlten vor Güte und Wärme.
»Claire.« Spontan küßte er mir die Hand, und ich drückte die
seine.
»Jenny putzt und kocht wie verrückt«, erzählte er,
noch immer lachend. »Ihr könnt froh sein, wenn ihr ein Bett für
heute nacht findet; sie hat alle Matratzen nach draußen gebracht,
um sie auszuklopfen.«
»Nach drei Nächten im Heidekraut würde es mir auch
nichts ausmachen, auf dem Boden zu schlafen«, versicherte ich ihm.
»Sind Jenny und die Kinder wohlauf?«
»Aye. Sie ist wieder schwanger.« Und er fügte
hinzu: »Im Februar ist es soweit.«
»Schon wieder?« riefen Jamie und ich
gleichzeitig, und Ians schmale Wangen wurden von einer tiefen Röte
überzogen.
»Gott, eure Maggie ist doch noch kein Jahr alt«,
sagte Jamie und hob tadelnd eine Augenbraue. »Kannst du dich denn
gar nicht beherrschen?«
»Ich?« gab Ian entrüstet zurück. »Du glaubst
wohl, ich hätte etwas damit zu tun?«
»Tja, wenn nicht, dann sollte es dich doch
interessieren, wer es dann war«, meinte Jamie grinsend.
Ians Gesicht wurde tiefrot, was gut zu seinem
glatten braunen Haar paßte. »Du weißt ganz genau, was ich meine«,
erwiderte er. »Ich habe zwei Monate lang mit dem kleinen Jamie im
Rollbett geschlafen, aber dann hat Jenn...«
»Willst du etwa sagen, daß meine Schwester eine
liederliche Person ist, hm?«
»Ich sage nur, sie ist so stur wie ihr Bruder, wenn
sie ihren Kopf durchsetzen will«, erwiderte Ian. Er machte einen
Satz zur Seite, beugte sich leicht nach hinten und landete einen
sanften Tritt mitten in Jamies Magen. Jamie krümmte sich
lachend.
»Dann ist es ja gut, daß ich wieder da bin«, sagte
er. »Ich helfe dir, sie im Zaum zu halten.«
»Ach, tatsächlich?« fragte Ian skeptisch. »Dann
rufe ich alle Pächter zusammen - das dürfen sie sich nicht entgehen
lassen.«
»Du suchst verirrte Schafe, stimmt’s?« wechselte
Jamie das Thema und deutete auf die Hunde und auf Ians langen
Stock, der auf der Erde lag.
»Fünfzehn, dazu einen Bock«, nickte Ian. »Jennys
Merinoherde, die sie wegen der Wolle hält. Der Bock ist ein
richtiges Mistvieh; er hat das Gatter eingerammt. Ich dachte, sie
seien vielleicht hier im Getreidefeld, aber sie sind nirgends zu
sehen.«
»Wir haben vorhin auch nichts gesehen«, sagte
ich.
»Ach, da oben können sie nicht sein«, erwiderte Ian
und winkte ab. »Zur Kate hinauf gehen die Biester nie.«
»Welche Kate?« Fergus, der während des höflichen
Wortwechsels zunehmend ungeduldig geworden war, hatte sein Pferd
neben das meine geführt. »Ich hab’ nirgendwo eine Kate gesehen,
Herr. Nur einen Steinhaufen.«
»Das ist alles, was von MacNabs Kate übriggeblieben
ist, Junge«, antwortete Ian. Er blinzelte zu Fergus hinauf. »Und du
solltest ebenfalls einen großen Bogen darum machen.«
Ich bekam eine Gänsehaut, trotz der
nachmittäglichen Hitze. Ronald MacNab war der Pächter gewesen, der
Jamie vor einem Jahr an die Wache verraten hatte. Dafür hatte er
noch an dem Tag, an dem es herauskam, mit dem Leben bezahlen
müssen. Er war in seinem brennenden Haus umgekommen, erinnerte ich
mich, das ihm die Männer von Lallybroch über dem Kopf angezündet
hatten. Der Haufen Steine, der so harmlos dalag, als wir vorhin
daran vorbeigeritten waren, hatte sich in meiner Vorstellung jetzt
in ein Grab verwandelt. Ich schluckte den bitteren Geschmack
hinunter, der in meiner Kehle aufstieg.
»MacNab?« fragte Jamie leise. Er schien hellhörig
geworden zu sein. »Ronnie MacNab?«
Ich hatte Jamie von MacNabs Verrat und von seinem
Tod erzählt, aber ich hatte ihm verschwiegen, wie es dazu gekommen
war.
Ian nickte. »Aye. Er starb dort in der Nacht, als
die Engländer dich mitnahmen, Jamie. Das Strohdach muß irgendwie
Feuer gefangen haben, und er war wohl derart betrunken, daß er es
nicht mehr schaffte, rechtzeitig herauszukommen.« Er blickte Jamie
fest in die Augen.
»Ach? Und seine Frau und sein Kind?« Jamie
erwiderte Ians Blick - kühl und unergründlich.
»Die sind in Sicherheit. Mary MacNab ist Küchenmagd
im Haus, und Rabbie arbeitet in den Ställen.« Ian warf
unwillkürlich einen Blick auf die zerstörte Kate. »Mary geht ab und
zu hin, aber sie ist die einzige.«
»Dann hat sie ihn also geliebt?« Jamie hatte sich
zur Kate umgewandt, so daß ich sein Gesicht nicht sehen konnte,
aber sein Rücken verriet eine gewisse Anspannung.
Ian zuckte die Achseln. »Das wohl nicht. Ronnie war
ein Trunkenbold und ein Scheusal dazu; nicht einmal seine alte
Mutter hatte für ihn etwas übrig. Nein, Mary hält es wohl für ihre
Pflicht, für seine arme Seele zu beten - das wird ihm auch nichts
helfen.«
»Ah.« Jamie stand einen Augenblick still, wie in
Gedanken versunken, dann warf er dem Pferd die Zügel über den
Rücken und ging den Hügel hinauf.
»Jamie!« rief ich, aber er war schon auf dem Weg zu
der kleinen
Lichtung neben dem Wäldchen. Ich drückte dem überraschten Fergus
die Zügel in die Hand.
»Bleib du hier bei den Pferden«, sagte ich. »Ich
muß mit ihm gehen.« Ian machte Anstalten, ebenfalls mitzukommen,
aber Murtagh hielt ihn mit einem Kopfschütteln zurück. So ging ich
allein weiter und folgte Jamie den Hügel hinauf.
Er erreichte die Lichtung, ehe ich ihn eingeholt
hatte. Nun stand er an der Stelle, an der einst die Außenmauer des
Hauses gewesen war. Man konnte die rechteckige Grundfläche des
Hauses gerade noch erkennen. Das neue Gras, das darüber wuchs, war
spärlicher als die grüne Gerste, die nebenan im Schatten der Bäume
wucherte.
Die Spuren des Feuers waren kaum mehr zu sehen; ein
paar verkohlte Holzstrünke ragten aus dem Gras neben der steinernen
Feuerstelle, die flach und nackt dalag wie ein Grabstein. Streng
darauf bedacht, nicht die Begrenzung des einstigen Hauses zu
überschreiten, ging Jamie um die Lichtung herum. Er umkreiste die
Feuerstelle dreimal, immer entgegen dem Uhrzeigersinn, um die bösen
Geister, die ihm folgen mochten, zu verwirren.
Ich stand daneben und sah ihm zu. Dies war seine
ganz persönliche Angelegenheit, aber ich konnte ihn nicht allein
damit lassen, und obwohl er mich nicht ansah, wußte ich doch, daß
er sich über meine Anwesenheit freute.
Schließlich blieb er vor dem Haufen eingestürzter
Steine stehen. Er streckte eine Hand aus und legte sie zögernd
darauf, dann schloß er für einen Augenblick die Augen, als betete
er. Schließlich bückte er sich, nahm einen faustgroßen Stein in die
Hand und legte ihn vorsichtig oben auf den Haufen, als wollte er
die ruhelose Seele des Verstorbenen darunter begraben. Er
bekreuzigte sich, drehte sich um und kam mit festem Schritt auf
mich zu.
»Schau nicht mehr zurück«, sagte er ruhig und legte
seinen Arm um mich, während wir hinuntergingen.
Und ich schaute nicht zurück.
Jamie, Fergus und Murtagh begaben sich mit Ian und
den Hunden auf die Suche nach den Schafen und überließen es mir,
die Pferde zum Haus hinunterzuführen. Ich war keineswegs geübt im
Umgang mit ihnen, aber ich traute es mir zu, knapp einen Kilometer
allein mit den Pferden zurückzulegen, solange nichts
Unvorhergesehenes dazwischenkam.
Diesmal war es ganz anders als bei unserer ersten
Heimkehr. Damals waren wir beide auf der Flucht gewesen: ich vor
der Zukunft, Jamie vor seiner Vergangenheit. Wir hatten hier eine
glückliche Zeit verbracht, wenn auch in ständiger Anspannung und
Unsicherheit; es drohte immer die Gefahr, daß wir entdeckt würden
und Jamie verhaftet werden würde. Dank der Hilfe des Herzogs von
Sandringham war Jamie nun heimgekehrt, um sein Erbe anzutreten, und
ich, um meinen rechtmäßigen Platz als seine Frau einzunehmen.
Damals waren wir erschöpft und vollkommen
unerwartet angekommen und hatten das ganze Haus
durcheinandergebracht. Diesmal waren wir angekündigt, wie es sich
gehörte, und brachten Geschenke aus Frankreich mit. Ich war zwar
sicher, daß man uns herzlich empfangen würde, doch fragte ich mich,
wie Ian und Jamies Schwester damit zurechtkommen würden, daß wir
nun für immer blieben. Schließlich hatten sie die letzten Jahre als
Herr und Herrin von Haus und Hof gelebt - seit dem Tod von Jamies
Vater und den katastrophalen Ereignissen, die Jamie zu einem Leben
als Ausgestoßener und Verbannter gezwungen hatten.
Ich überwand den letzten Hügel ohne Zwischenfall,
und das Herrenhaus mit seinen Nebengebäuden lag jetzt vor mir. Die
schiefergedeckten Dächer wurden bereits von den ersten aufziehenden
Regenwolken verdunkelt. Plötzlich scheute meine Stute, woraufhin
ich ebenfalls zusammenzuckte und mich bemühte, die Zügel
festzuhalten, während sie sich in Panik immer wieder
aufbäumte.
Was ich ihr allerdings nicht verdenken konnte. Denn
an einer Ecke des Hauses waren zwei riesige Ungetüme aufgetaucht
und rollten wie überdimensionale Wolken am Boden entlang.
»Schluß jetzt!« rief ich. »Brr!« Alle Pferde waren
jetzt außer Rand und Band und kurz davor durchzugehen. Eine feine
Heimkehr, dachte ich, wenn sich Jamies neue Zuchtpferde jetzt
allesamt die Beine brachen.
Eine der Wolken erhob sich ein wenig, dann fiel sie
flach auf den Boden, und Jenny Fraser Murray, nunmehr befreit von
der Federmatratze, die sie getragen hatte, stürmte auf mich
zu.
Ohne einen Augenblick zu zögern, ergriff sie die
Zügel des erstbesten Pferdes und zog daran mit ganzer Kraft.
»Brr!« rief sie. Das Pferd, dem der befehlsgewohnte
Ton offensichtlich Respekt einflößte, blieb sofort stehen. Nun war
es ein
leichtes, auch die anderen Pferde zu beruhigen, und während ich
abstieg, eilten noch eine Frau und ein Junge von neun oder zehn
Jahren herbei, die sich mit geübter Hand um die Tiere
kümmerten.
Ich erkannte den jungen Rabbie MacNab und schloß
daraus, daß die Frau seine Mutter Mary sein mußte. Das Versorgen
der Pferde, die Bergung der Bündel und Matratzen verhinderten jedes
Gespräch, aber ich fand Zeit, Jenny zur Begrüßung wenigstens kurz
zu umarmen. Sie roch nach Zimt und Honig und nach frischem Schweiß,
hinzu kam ein Hauch von Babyduft, jener eigenartige Geruch aus
aufgestoßener Milch, feuchten Windeln und reiner, weicher
Kinderhaut.
Wir hielten uns einen Augenblick fest umschlungen
und dachten an unsere letzte Umarmung, als wir am Rande eines
Wäldchens in nächtlicher Dunkelheit Abschied genommen hatten - ich,
um Jamie zu suchen, und sie, um zu ihrer neugeborenen Tochter
zurückzukehren.
»Wie geht’s der kleinen Maggie?« fragte ich und
löste mich aus der Umarmung.
Jenny schnitt eine Grimasse und meinte dann, nicht
ohne Stolz: »Sie fängt schon an zu laufen und ist eine rechte
Plage.« Sie blickte die leere Straße hinauf und sagte: »Ihr habt
Ian unterwegs getroffen, nicht wahr?«
»Ja, Jamie, Murtagh und Fergus sind mit ihm
gegangen, um die Schafe zu suchen.«
»Besser sie als wir«, erwiderte sie mit einer
knappen Geste zum Himmel hinauf. »Es kann jeden Augenblick anfangen
zu regnen. Rabbie soll die Pferde in den Stall bringen, und du
hilfst mir mit den Matratzen, sonst müssen wir heute nacht alle im
Feuchten schlafen.«
Es folgte hektische Geschäftigkeit, doch als es
endlich anfing zu regnen, saßen Jenny und ich bereits gemütlich im
Salon und packten die Pakete aus, die wir aus Frankreich
mitgebracht hatten. Ich bewunderte die kleine Maggie, ein munteres
Fräulein von zehn Monaten mit runden blauen Augen und einem
erdbeerroten Haarflaum, und ihren großen Bruder Jamie, einen
stämmigen Vierjährigen. Der jüngste Nachwuchs war bislang nur eine
schwache Wölbung unter der Schürze seiner Mutter. Jenny legte ab
und zu zärtlich ihre Hand darauf, was mir einen kleinen Stich
versetzte.
»Du hast Fergus erwähnt«, sagte Jenny, »wer ist
das?«
»Ach, Fergus? Der ist - na ja - er ist...« Ich
zögerte, denn ich wußte nicht, wie ich Fergus beschreiben sollte.
Die Aussichten eines Taschendiebs, auf dem Gut angestellt zu
werden, schienen mir sehr begrenzt. »Er ist so etwas wie Jamies
Schatten«, sagte ich schließlich.
»Ach ja? Ich denke, er kann im Stall schlafen«,
meinte Jenny. »Apropos Jamie...« Sie sah durch das Fenster in den
strömenden Regen hinaus. »Hoffentlich finden sie die Schafe bald.
Ich habe etwas Gutes zu essen gemacht und möchte nicht, daß es zu
lange auf dem Herd steht.«
In der Tat, es war inzwischen dunkel geworden, und
Mary MacNab deckte bereits den Tisch. Ich sah ihr bei der Arbeit
zu; sie war eine kleine, zartgliedrige Person mit dunkelbraunem
Haar und einem etwas besorgten Gesichtsausdruck, der sich jedoch in
ein Lächeln verwandelte, als Rabbie aus dem Stall in die Küche kam
und nachfragte, wann es endlich etwas zu essen gebe.
»Sobald die Männer zurück sind, mo luaidh«,
antwortete sie. »Das weißt du doch. Geh und wasch dich schon
mal.«
Als die Männer endlich kamen, sahen sie aus, als ob
sie die Wäsche weitaus nötiger hätten als Rabbie. Durchnäßt,
schmutzig und bis zu den Knien lehmverschmiert, kamen sie erschöpft
in den Salon. Ian nahm sich das nasse Plaid von den Schultern und
hängte es über den Ofenschirm, wo es tropfte und dampfte. Fergus,
der nach seiner abrupten Einführung in das Landleben völlig
erschöpft war, setzte sich hin, wo er gerade stand, und starrte wie
betäubt auf den Boden.
Jenny blickte ihren Bruder an, den sie seit beinahe
einem Jahr nicht mehr gesehen hatte. Während sie ihn von Kopf bis
Fuß musterte - sein Haar triefte vor Nässe, und an seinen Stiefeln
klebten Lehmklumpen -, deutete sie auf die Tür.
»Erst raus und die Stiefel ausgezogen!« befahl sie
streng. »Und wenn ihr im offenen Feld gewesen seid, denkt dran, an
die Türpfosten zu pinkeln, bevor ihr wieder reinkommt. Dadurch hält
man sich nämlich die Geister vom Leib«, erklärte sie mir mit
gesenkter Stimme, während sie flüchtig zu der Tür blickte, durch
die Mary MacNab verschwunden war, um das Essen zu holen.
Jamie, der sich in einen Sessel gelümmelt hatte,
öffnete ein Auge und funkelte seine Schwester an.
»Ich komme mit dem Schiff in Schottland an, halbtot
von der
Uberfahrt, reite vier Tage über die Berge, um hierherzukommen, und
als ich endlich da bin, darf ich nicht einmal eintreten, um meine
ausgetrocknete Kehle zu befeuchten. Statt dessen stolpere ich durch
den Schlamm, um verirrte Schafe zu suchen. Und wenn ich dann
endlich hier bin, willst du mich wieder in die Nacht
hinausschicken, damit ich an den Türpfosten pinkle. Pah!« Er machte
das Auge wieder zu, faltete die Hände über dem Bauch und sank noch
tiefer in den Sessel.
»Jamie, mein Lieber«, sagte seine Schwester mit
zuckersüßer Stimme. »Willst du dein Essen, oder soll ich’s den
Hunden geben?«
Er blieb noch einen langen Moment reglos und mit
geschlossenen Augen sitzen. Dann raffte er sich mit einem
resignierten Seufzer auf, zuckte verdrießlich mit den Schultern und
bedeutete Ian, ihm nach draußen zu folgen, wo Murtagh sich bereits
erleichterte. Als Jamie an Fergus vorbeikam, packte er ihn, zog ihn
hoch und schleifte den schläfrigen Jungen mit.
»Willkommen zu Hause«, meinte Jamie mürrisch, und
mit einem letzten wehmütigen Blick auf das Feuer und den Whisky
trottete er abermals in die Dunkelheit hinaus.