3
Mutter und Tochter
Wie viele dieser winzigen Teestuben mochte es wohl in Inverness geben? So weit das Auge reichte, war die High Street von Andenkenläden und kleinen Cafes gesäumt. Seit Königin Victoria die Highlands für Reisende sicher gemacht hatte, indem sie der Gegend ihre königliche Wertschätzung angedeihen ließ, pilgerten immer mehr Touristen nach Norden. Und die Schotten, die vom Süden bis dato nichts anderes gewohnt waren als Invasionen und politische Bevormundung, waren mit dieser Herausforderung hervorragend fertig geworden.
In jeder x-beliebigen schottischen Kleinstadt stieß man auf Geschäfte mit schottischem Mürbgebäck, Zuckerstangen, Dudelsäkken in Miniaturausführung, Brieföffnern in Form eines Breitschwerts und Geldbörsen, verbrämt mit einem Schottenrock (manchmal sogar mit einem anatomisch korrekten »Schotten« darunter). Hinzu kam eine verwirrende Vielzahl von unechten Clankaros, die jedes nur erdenkliche Objekt aus Stoff zierten, seien es nun Mützen, Halstücher oder Servietten.
Beim Betrachten eines Sortiments von Geschirrtüchern, bedruckt mit einer himmelschreiend unkorrekten Wiedergabe des Ungeheuers von Loch Ness, das »Auld Lang Syne« sang, fragte ich mich, ob die gute Victoria wußte, was sie hier angerichtet hatte.
Brianna schlenderte durch den schmalen Gang des Ladens und betrachtete staunend das Warensortiment, das von der Decke hing.
»Glaubst du, die sind echt?« fragte sie und deutete auf eine Anzahl Hirschgeweihe, deren Enden vorwitzig aus einem Wald von Dudelsackpfeifen hervorragten.
»Die Geweihe? O ja. Daß man es mit Plastik schon so weit gebracht hat, kann ich mir nicht vorstellen«, erwiderte ich. »Abgesehen davon kannst du dich am Preis orientieren. Was mehr als hundert Pfund kostet, ist höchstwahrscheinlich echt.«
Brianna sah mich an.
»Du meine Güte! Ich glaube, ich kaufe Jane lieber ein Stück Schottenkaro für einen Rock.«
»Ein guter Wollstoff kostet auch nicht weniger«, entgegnete ich trocken. »Nur läßt er sich besser im Flugzeug verstauen. Gehen wir in das Kiltgeschäft; dort gibt es die beste Qualität.«
Es hatte - wie nicht anders zu erwarten war - zu regnen begonnen. Zum Glück hatte ich darauf bestanden, daß wir unsere Regenmäntel mitnahmen, und so konnten wir jetzt wenigstens unsere in Papier eingeschlagenen Päckchen darunter verbergen. Plötzlich lachte Brianna amüsiert auf.
»Jetzt wundert es mich nicht mehr, daß die Regenmäntel von einem Schotten erfunden wurden«, meinte sie. »Regnet es hier immer?«
»Häufig«, verbesserte ich und hielt nach herannahenden Autos Ausschau. »Allerdings muß Mr. Macintosh, der Erfinder, eher von der mimosenhaften Sorte gewesen sein, denn den meisten Schotten, die ich kannte, hat Regen nichts ausgemacht.« Rasch biß ich mir auf die Lippen, doch Brianna hatte diesen relativ unbedeutenden Ausrutscher nicht bemerkt. Sie betrachtete fasziniert den knöcheltiefen Sturzbach, der sich in den Rinnstein ergoß.
»Wir sollten besser an der Ampel über die Straße gehen, Mama. Hier ist es viel zu riskant.«
Ich nickte und folgte ihr, während mir das Herz bis zum Hals schlug. Wann bringst du es endlich hinter dich? fragte meine innere Stimme. Du kannst nicht ständig aufpassen, was du sagst, und halbe Sätze herunterschlucken, die dir auf der Zunge liegen. Warum sagst du es ihr nicht einfach?
Noch nicht, hielt ich mir vor. Ich bin nicht feige - und wenn doch, dann würde es auch nichts ändern. Aber dies war nicht der rechte Augenblick. Ich möchte, daß sie Schottland erst einmal kennenlernt. Nicht dieses Schottland - wir kamen gerade an einem Schaufenster mit Kinderschühchen im Schottenmuster vorbei -, sondern die Landschaft. Und Culloden. Vor allem aber wollte ich ihr das Ende der Geschichte erzählen können. Und dazu brauchte ich Roger Wakefield.
Als hätte ich ihn durch meine Gedanken herbeigerufen, erblickte ich auf einem Parkplatz einen klapprigen Morris mit grell orangefarbenem Verdeck, das in der regendunstigen Nässe wie eine Verkehrsampel leuchtete.
Brianna hatte ihn auch entdeckt. Da es in Inverness nicht viele Autos dieser Farbe und in diesem kläglichen Zustand geben konnte, meinte sie: »Sieh mal, Mama! Ist das nicht der Wagen von Roger Wakefield?«
»Ja, ich glaube schon.« Rechts von uns lag ein Café, aus dem der Duft nach Hörnchen und Kaffee drang, der sich mit der frischen Regenluft vermischte. Ich nahm Brianna am Arm und zog sie hinein.
»Ich glaube, ich habe Hunger«, erklärte ich. »Laß uns eine heiße Schokolade trinken und dazu ein paar Kekse essen.«
Da Brianna noch kindlich genug war, um sich jederzeit von Schokolade verführen zu lassen, leistete sie keine Gegenwehr.
Eigentlich wollte ich weniger Kakao trinken als einen Moment nachdenken. An der Betonwand hinter dem Parkplatz auf der gegenüberliegenden Straßenseite prangte ein großes Schild. PARKEN NUR FÜR KUNDEN DER SCHOTTISCHEN EISENBAHN, stand darauf, gefolgt von einer Auflistung der Maßnahmen, die denjenigen Autobesitzern angedroht wurden, die nicht mit dem Zug gefahren waren. Sofern Roger bei den Hütern von Recht und Ordnung keinen Sonderstatus genoß, mußte er den Zug genommen haben. Zwar gab es eine Vielzahl möglicher Reiseziele, doch London oder Edinburgh waren am wahrscheinlichsten. Er nahm die Nachforschungen sehr ernst, der gute Junge.
Wir waren ebenfalls mit dem Zug aus Edinburgh gekommen. Ich versuchte, mich an den Fahrplan zu erinnern, gab es aber bald wieder auf.
»Ob Roger wohl mit dem Abendzug zurückkehrt?« Brianna sprach mit schlafwandlerischer Sicherheit aus, was ich dachte, so daß ich mich überrascht an meiner Schokolade verschluckte. Daß sie sich überhaupt mit Rogers Rückkehr beschäftigte, brachte mich zu der Überlegung, welche Bedeutung der junge Mr. Wakefield für sie hatte.
Keine geringe, wie es schien.
»Ich habe mir überlegt«, sagte sie beiläufig, »daß wir für Roger Wakefield ein Geschenk besorgen sollten, wenn wir schon beim Einkaufen sind - als Dank für die Nachforschungen, die er für dich übernommen hat.«
»Eine gute Idee«, pflichtete ich amüsiert bei. »Und was könnte ihm deiner Meinung nach gefallen?«
Sie blickte mit gerunzelter Stirn in ihre Kakaotasse, als erwartete sie sich von dort eine Inspiration. »Keine Ahnung. Irgendwas Nettes. Schließlich kann das Projekt noch mit beträchtlicher Arbeit verbunden sein.« Fragend blickte sie dann auf.
»Warum hast du ihn eigentlich darum gebeten?« fragte sie forschend. »Wenn es um Personen aus dem achtzehnten Jahrhundert geht, hättest du auch eine Firma damit beauftragen können, die so etwas übernimmt. Ahnenforschung und ähnliches. Dad hat sich doch auch immer an Scot-Search gewandt, wenn er genealogische Fragen hatte und sich aus Zeitgründen nicht selbst damit beschäftigen konnte.«
»Ja, ich weiß«, erwiderte ich und holte tief Luft. Jetzt galt es aufzupassen. »Dieses Projekt hatte für... für deinen Vater eine besondere Bedeutung. Er hätte gewollt, daß Roger Wakefield es übernimmt.«
»Ach so.« Sie schwieg und betrachtete die Regentropfen, die gegen die Fensterscheibe prasselten.
»Fehlt dir Daddy sehr?« fragte sie plötzlich, die Nase in der Kakaotasse verborgen, um mich nicht ansehen zu müssen.
»Ja«, antwortete ich. Ich ließ den Finger über den Rand meiner Tasse gleiten, um einen Tropfen Schokolade abzuwischen. »Wie du weißt, hatten wir so unsere Probleme, aber trotzdem... Wir haben uns respektiert, und das macht vieles wett. Vor allem aber mochten wir uns. Ja, er fehlt mir sehr.«
Sie nickte schweigend und drückte meine Hand. Ich umschloß ihre langen warmen Finger, und in inniger Verbundenheit saßen wir eine Weile stumm da und tranken unsere Schokolade.
»Ich habe etwas vergessen«, sagte ich schließlich und schob meinen Stuhl resolut zurück. »Auf dem Weg in die Stadt wollte ich einen Brief ans Krankenhaus aufgeben. Wenn ich mich beeile, wird er heute wohl noch mitgenommen. Geh doch schon mal vor ins Kiltgeschäft - es ist ein Stück die Straße hinunter auf der anderen Seite -, ich komme nach, sobald ich auf der Post fertig bin.«
Brianna wirkte zwar überrascht, doch sie nickte bereitwillig.
»Ja, gut. Aber ist es nicht zu weit zur Post? Du wirst klatschnaß.«
»Kein Problem. Ich nehme ein Taxi.« Ich legte eine Pfundnote auf den Tisch und zog meinen feuchten Regenmantel an.
In den meisten Städten begegnet man bei Regenwetter dem Phänomen, daß sämtliche Taxis urplötzlich verschwunden sind. Anders in Inverness, denn hier hätte das zum Aussterben dieser Gattung geführt. Ich brauchte nicht einmal bis zur nächsten Straßenecke zu gehen, bis ich auf zwei der gedrungenen schwarzen Karossen stieß. Mit einem angenehmen Gefühl der Vertrautheit stieg ich in den warmen, rauchgeschwängerten Innenraum. Britische Taxis bieten nicht nur größere Bequemlichkeit und Beinfreiheit als amerikanische, sie riechen auch anders. Ich merkte erst jetzt, wie mir das in den letzten zwanzig Jahren gefehlt hatte.
»Nummer vierundsechzig? Das ist das alte Pfarrhaus, nicht wahr?« Obwohl die Heizung auf Hochtouren lief, hatte sich der Fahrer bis zu den Ohren in Schal und Jacke vergraben und seinen Kopf mit einer Schirmmütze geschützt. Die heutigen Schotten sind wohl ein wenig verweichlicht, dachte ich. Ganz anders als die kräftigen Hochlandschotten, die nur mit Plaid und Kilt bekleidet im Freien geschlafen hatten. Andererseits verspürte auch ich kein großes Verlangen, lediglich mit einer feuchten Decke ausgestattet im Freien zu schlafen. Ich nickte dem Fahrer zu, und er fuhr davon, daß das Wasser aufspritzte.
Es kam mir ein wenig unehrenhaft vor, Rogers Haushälterin auszufragen, während er selbst nicht da war, und Brianna hinters Licht zu führen. Andererseits wußte ich nicht, was ich den beiden als Erklärung hätte sagen sollen. Noch hatte ich nicht entschieden, wann und wie ich es ihnen erzählen sollte; ich wußte lediglich, daß der richtige Zeitpunkt dafür noch nicht gekommen war.
Ich fuhr mit der Hand in die Tasche meines Regenmantels und vernahm das tröstliche Knistern des Umschlags von Scot-Search. Zwar hatte ich mich mit Franks Arbeit nicht sonderlich beschäftigt, doch die Firma mit den fünf, sechs Historikern, die sich auf schottische Ahnenforschung spezialisiert hatten, war mir bekannt. Bei ihnen konnte man sicher sein, daß sie die Abstammung des Kunden nicht einfach auf Robert Bruce zurückführten und es dabei bewenden ließen.
Diskret und zuverlässig wie immer hatten sie sich mit Roger Wakefield beschäftigt, und jetzt kannte ich seine Vorfahren über sieben, acht Generationen hinweg. Damit wußte ich allerdings noch nicht, aus welchem Holz er geschnitzt war. Das würde ich erst mit der Zeit erfahren.
Ich bezahlte das Taxi und eilte über den regennassen Weg zum Haus des Reverend. Unter der überdachten Veranda schüttelte ich mir das Wasser vom Mantel, bevor die Tür auf mein Klingeln hin geöffnet wurde.
Fiona strahlte, als sie mich sah. Sie trug Jeans und eine gestärkte Schürze, von der ein Duft nach Möbelpolitur und Frischgebackenem aufstieg.
»Ach, Mrs. Randall!« rief sie. »Sie wollen doch nicht etwa zu mir?«
»Doch, Fiona«, entgegnete ich, »ich möchte mit Ihnen über Ihre Großmutter sprechen.«
 
»Ist wirklich alles in Ordnung mit dir, Mama? Ich könnte Roger anrufen und ihn bitten, daß wir den Ausflug verschieben, wenn du mich brauchst.« Ratlos und besorgt stand Brianna an der Tür unseres Pensionszimmers. Mit Stiefeln, Jeans und Pullover war sie zweckmäßig gekleidet, doch sie trug auch das orangeblaue Seidenhalstuch, das Frank ihr vor zwei Jahren, kurz vor seinem Tod, aus Paris mitgebracht hatte.
»Orange, die Farbe deiner Augen, meine Kleine«, hatte er grinsend gesagt, als er ihr das Tuch um die Schultern legte. Das, »meine Kleine«, war scherzhaft gemeint, denn bereits mit fünfzehn war Brianna Frank mit seinen bescheidenen Einssechzig über den Kopf gewachsen. So hatte er sie gerufen, als sie ein Baby war, und die Zärtlichkeit, die sich mit diesem Namen verband, wurde wieder wach, als er sich streckte und ihr einen Stups auf die Nasenspitze gab.
Der Schal - jedenfalls sein Blau - hatte nicht nur die Farbe ihrer Augen, sondern auch die der schottischen Seen, des Sommerhimmels und der dunstverhangenen Bergspitzen in der Ferne. Da ich wußte, wie teuer er ihr war, mußte ich mein Urteil über ihr Interesse an Roger Wakefield um ein paar Grad korrigieren.
»Nein, mir fehlt nichts«, versicherte ich ihr. Ich wies auf meinen Nachttisch mit der Teekanne unter einer gehäkelten Haube, die den Tee ebenso verläßlich warmhielt, wie der danebenstehende Toastständer den Toast austrocknen ließ. »Mrs. Thomas hat mir das Frühstück heraufgebracht, und vielleicht kann ich später ein bißchen davon essen.« Ich hoffte, daß sie nicht das Knurren meines Magens hörte, der diese Aussicht mit ungläubigem Entsetzen zur Kenntnis nahm.
»Nun gut.« Widerstrebend wandte sie sich zur Tür. »Aber nach Culloden drehen wir gleich wieder um.«
»Meinetwegen braucht ihr euch nicht zu beeilen!« rief ich ihr nach.
Ich wartete, bis ich die Haustür hinter ihr ins Schloß fallen hörte. Erst als ich sie sicher unterwegs wußte, holte ich die große Tafel Schokolade aus der Nachttischschublade, die ich am Abend zuvor dort versteckt hatte.
Nachdem ich die guten Beziehungen zu meinem Magen wiederhergestellt hatte, ließ ich mich in die Kissen zurücksinken und sah zu, wie sich der Himmel vor meinem Fenster allmählich grau bezog. Der auffrischende Wind schlug die Spitze eines knospenden Lindenzweiges unablässig gegen mein Fenster. Obwohl im Zimmer dank der dröhnenden Zentralheizung eine angenehme Wärme herrschte, fröstelte ich. Auf dem Schlachtfeld von Culloden würde es kalt sein.
Allerdings vielleicht nicht so kalt wie im April des Jahres 1746, als Bonnie Prince Charlie seine Männer ins Moor geführt hatte, um dem Schneeregen und dem donnernden Kanonenfeuer der Engländer zu trotzen. In Berichten heißt es, an jenem Tag sei es bitterkalt gewesen, und die verwundeten Hochlandschotten seien mit den Gefallenen auf einen Haufen geworfen worden, wo sie getränkt von Blut und Regen hatten ausharren müssen, der Gnade der englischen Sieger ausgeliefert. Und der Herzog von Cumberland, der Oberbefehlshaber des englischen Heeres, hatte kein Erbarmen gezeigt.
Die Toten wurden aufgeschichtet wie Klafterholz und verbrannt, um den Ausbruch von Seuchen zu verhindern, und die Geschichte weiß, daß viele der Verwundeten das gleiche Schicksal ereilte - ohne die Gnade einer tödlichen Kugel. Ihre Asche lag jetzt, von Krieg und Unwetter unangetastet, unter der Grasnarbe des Schlachtfelds von Culloden.
Vor fast dreißig Jahren hatten Frank und ich Culloden auf unserer Hochzeitsreise besucht. Nun, nach Franks Tod, war ich mit meiner Tochter nach Schottland gekommen. Zwar sollte sie Culloden mit eigenen Augen sehen, doch mich hätte keine Macht der Erde bewegen können, noch einmal meinen Fuß auf dieses blutgetränkte Moor zu setzen.
Um den Schein zu wahren, blieb ich an diesem Tag wohl besser im Bett. Immerhin hatte mich diese überraschende Indisposition davor bewahrt, Brianna und Roger auf ihrem Ausflug begleiten zu müssen. Wenn ich aufstünde und ein Mittagessen bestellte, könnte Mrs. Thomas später eine falsche Bemerkung entschlüpfen. Ich inspizierte meine Schublade und fand dort drei Schokoriegel und einen Krimi. Mit etwas Glück würde mich das über den Tag retten.
Der Krimi war nicht schlecht, doch der Wind draußen hatte eine hypnotische und das warme Bett eine einschläfernde Wirkung. So sank ich in einen friedlichen Schlummer und hörte den weichen Klang schottischer Stimmen und träumte von Männern in Kilts, die um ein Feuer in der Heide saßen.
Die Geliehene Zeit
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