39
Familienbande
Das Haus lag in einem elenden, heruntergekommenen
Viertel. Mit tastenden Schritten versuche ich, den Kothaufen und
Urinlachen auszuweichen. Sie rührten von den Nachttöpfen her, die
bedenkenlos durch die Fenster auf die Gasse gekippt wurden. Erst
der nächste kräftige Regen würde den Dreck fortspülen.
Randall ergriff meinen Ellbogen, damit ich auf den
schlüpfrigen Pflastersteinen nicht ausrutschte. Ich versteifte
mich, und augenblicklich zog er seine Hand weg.
Als er sah, daß ich den wackligen Türrahmen
skeptisch musterte, versuchte er, sich zu rechtfertigen: »Ich
konnte es mir nicht leisten, ihn in einem besseren Quartier
unterzubringen. Innen ist es nicht so schlimm.«
Das stimmte. Er hatte sich bemüht, das Zimmer
bequem auszustatten. Am Boden stand eine Wasserschüssel mit einem
Krug, und auf dem stabilen Tisch befand sich ein Laib Brot, Käse
und eine Flasche Wein. Das Bett hatte eine Federmatratze und
mehrere dicke Decken.
Der Mann, der auf der Matratze lag, hatte sich der
Decken entledigt - wohl, weil ihm durch die Anstrengung beim Husten
heiß geworden war. Er war rot im Gesicht, und wenn er hustete,
erzitterte das robuste Bettgestell.
Ich ging zum Fenster und riß es auf, ohne auf
Randalls Protest zu achten. Kalte Luft drang herein, und der üble
Geruch von Körperausdünstungen, schmutzigen Bettüchern und dem
randvollen Nachttopf verflüchtigte sich etwas.
Als der Hustenanfall nachließ, verfärbte sich
Alexander Randalls Gesicht zu einem käsigen Weiß. Seine Lippen
waren bläulich, und er atmete schwer.
Ich blickte mich suchend im Zimmer um, öffnete dann
aber
meinen Medizinkasten und zog einen Bogen steifes Pergament heraus.
Es war an den Rändern etwas eingerissen, doch das machte nichts.
Ich setzte mich auf den Bettrand und lächelte Alexander
zuversichtlich an.
»Nett... daß Sie... gekommen sind«, stieß er hervor
und kämpfte dabei gegen den Husten.
»Es wird Ihnen gleich besser gehen«, beruhigte ich
ihn. »Sprechen Sie nicht und unterdrücken Sie Ihren Husten nicht.
Ich muß die Geräusche hören.«
Sein Hemd war offen und entblößte seine
eingefallene Brust. Er war nur noch Haut und Knochen; er war immer
schlank gewesen, aber die Krankheit hatte ihn im Laufe des letzten
Jahres ausgezehrt.
Ich rollte das Pergament zu einer Röhre zusammen,
setzte das eine Ende auf seine Brust und hielt mein Ohr an das
andere. Es war ein primitives Stethoskop, aber es tat seine
Dienste.
Ich hörte ihn an verschiedenen Stellen ab und hieß
ihn tief einatmen. Daß er husten sollte, mußte ich ihm nicht eigens
sagen.
»Legen Sie sich auf den Bauch.« Ich zog sein Hemd
hoch und hörte ihn auch am Rücken ab, klopfte ihn ab und prüfte die
Resonanz der Lungenflügel. Seine Haut war schweißnaß.
»Gut. Und jetzt legen Sie sich wieder auf den
Rücken. Bleiben Sie einfach ruhig liegen und entspannen Sie sich.
Es wird nicht weh tun.« Ich fuhr fort, ihn mit Worten zu beruhigen,
während ich das Weiße seiner Augen untersuchte, die geschwollenen
Lymphdrüsen an seinem Hals, die belegte Zunge und die entzündeten
Mandeln.
»Sie haben eine Erkältung«, stellte ich fest und
klopfte ihm auf die Schultern. »Ich werde Ihnen einen Tee
aufbrühen, der den Husten mildert. Unterdessen...« Ich deutete
angewidert auf den mit einem Deckel verschlossenen Nachttopf unter
dem Bett und sah dabei Jack Randall an, der wartend an der Tür
stand, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, aufrecht wie bei
einer Truppenparade.
»Leeren Sie das hier aus«, befahl ich. Randall
starrte mich wütend an, doch dann gab er sich einen Ruck und
gehorchte.
»Nicht aus dem Fenster!« sagte ich streng, als er
einen Schritt in diese Richtung machte. »Bringen Sie den Topf
runter!« Er machte auf dem Absatz kehrt und verließ das Zimmer,
ohne mich eines Blickes zu würdigen.
Alexander atmete flach, und als sich die Tür hinter
seinem Bruder schloß, lächelte er mich an. Seine blasse, beinahe
durchscheinende Haut straffte sich über dem knochigen
Gesicht.
»Schnell, bevor Johnny wiederkommt. Wie ernst ist
es?«
Sein dunkles Haar war zerzaust. Ich bemühte mich,
die Gefühle zu unterdrücken, die in mir aufstiegen, und strich ihm
das Haar glatt. Eigentlich wollte ich es ihm nicht sagen, aber er
wußte es sicher schon.
»Sie haben eine Erkältung. Und Sie haben
Tuberkulose. Schwindsucht.«
»Und?«
»Und Sie leiden an Herzschwäche«, fuhr ich fort und
sah ihm in die Augen.
»Ich dachte... es mir schon. In meiner Brust
flattert es manchmal... wie ein kleiner Vogel.« Er legte die Hand
auf sein Herz.
Ich konnte den Anblick seines eingefallenen
Brustkorbs, der sich unter den schweren Atmenzügen hob und senkte,
nicht ertragen, und band ihm das Hemd zu. Eine schmale, weiße Hand
griff nach der meinen.
»Wie lange noch?« fragte er. Er sprach leichthin,
beinahe unbeschwert, wie aus spielerischer Neugier.
»Ich weiß nicht«, sagte ich. »Das ist die Wahrheit.
Ich weiß es nicht.«
»Aber es dauert nicht mehr lange«, erwiderte er mit
Nachdruck.
»Nein. Nicht mehr lange. Vielleicht ein paar
Monate, aber sicher weniger als ein Jahr.«
»Können Sie... etwas gegen den Husten tun?«
Ich griff in meinen Medizinkasten. »Ja, ich kann
ihn zumindest mildern. Und gegen das Herzflattern kann ich Ihnen
ein Digitalisextrakt machen.« Ich kramte das kleine Päckchen
getrockneter Fingerhutblätter hervor. Es würde einige Zeit dauern,
das Mittel zu brauen.
»Ihr Bruder«, sagte ich, ohne ihn anzusehen.
»Wollen Sie, daß ich...«
»Nein«, erwiderte er entschlossen. Sein Mund verzog
sich, und er sah Frank in diesem Augenblick so ähnlich, daß ich am
liebsten um ihn geweint hätte.
»Nein«, wiederholte er. »Er weiß es wohl schon.
Wir... haben... immer alles voneinander gewußt.«
»Tatsächlich?« Ich blickte ihn fragend an. Er hielt
meinem Blick stand und lächelte schwach.
»Ja«, nickte er. »Ich weiß, wie es um ihn steht. Es
spielt keine Rolle.«
Ach? Tatsächlich? dachte ich. Für dich vielleicht
nicht. Um mich nicht zu verraten, wandte ich mich ab und zündete
das Alkohollämpchen an, das ich bei mir trug.
»Er ist mein Bruder«, sagte die sanfte Stimme
hinter mir. Ich holte tief Luft und bemühte mich, nicht zu zittern,
als ich die Blätter abmaß.
»Ja«, sagte ich. »Das stimmt.«
Nachdem sich die Nachricht von Copes
überraschender Niederlage von Prestonpans verbreitet hatte, traf
Verstärkung in Form von Männern und Geld aus dem Norden ein. Lord
Ogilvy, der älteste Sohn des Grafen von Airlie, kam mit
sechshundert Pächtern seines Vaters, Stewart von Appin traf an der
Spitze von vierhundert Männern aus den Grafschaften Aberdeen und
Banff ein. Lord Pitsligo war fast ganz allein für die Kavallerie
der Hochlandarmee verantwortlich und brachte eine große Zahl von
Edelleuten samt Bediensteten aus den nordöstlichen Grafschaften mit
- alle beritten und gut bewaffnet, jedenfalls im Vergleich zu
manchen Clansmännern, die mit den Säbeln und Breitschwertern
ausgerüstet waren, die ihre Großväter noch vom Aufstand des Jahres
1715 herübergerettet hatten, und mit rostigen Äxten und Mistgabeln,
mit denen sie noch vor kurzem die Kuhställe gereinigt hatten.
Es war ein buntgemischter Haufen, deshalb aber noch
lange nicht ungefährlich, überlegte ich und bahnte mir meinen Weg
durch eine Gruppe Männer, die sich um einen umherziehenden
Scherenschleifer versammelt hatten. Gleichmütig schliff er Dolche,
Rasierklingen und Sensen. Ein englischer Soldat, der diesen Waffen
gegenübertrat, riskierte eher Wundstarrkrampf als den sofortigen
Tod, aber im Grunde lief dies ja auf dasselbe heraus.
Lord Lewis Gordon, der jüngere Bruder des Herzogs
von Gordon, war erschienen, um Charles in Holyrood zu huldigen. Er
brachte das verlockende Versprechen mit, den gesamten Gordon-Clan
zu mobilisieren. Doch vom Handkuß bis zur Bereitstellung von
Männern war es ein weiter Weg.
Und im schottischen Tiefland war man zwar bereit,
Charles’ Sieg
mit lautem Beifall zu begrüßen, aber nicht gewillt, Männer zu
seiner Unterstützung zu schicken. Fast die gesamte Armee der
Stuarts bestand aus Hochlandschotten, und das schien sich auch in
absehbarer Zeit nicht zu ändern. Das Tiefland hatte seinen Beitrag
allerdings auf andere Weise geleistet. Von Lord George Murray hatte
ich erfahren, daß durch die Beschlagnahme von Nahrungsmitteln,
Waren und Geld von den Burgen im Süden die Heereskasse wieder
gefüllt worden war.
»Wir haben fünftausendfünfhundert Pfund allein aus
Glasgow erhalten. Das ist zwar nicht viel im Vergleich zu dem Geld,
das uns Frankreich und Spanien versprochen haben«, hatte Seine
Lordschaft Jamie anvertraut, »aber ich nehme es, ohne die Nase zu
rümpfen, besonders, da Seine Hoheit aus Frankreich bisher kein
Gold, sondern nur leere Versprechungen erhalten hat.«
Jamie, der wußte, wie unwahrscheinlich es war, daß
wir je französisches Gold sehen würden, hatte dazu bloß
genickt.
»Hast du heute etwas gehört, mo duinne?«
fragte er mich, als ich hereinkam. Vor ihm lag ein halbfertiger
Bericht, und er tauchte eben seine Feder ins Tintenfaß. Ich zog mir
die feuchte Kapuze vom Kopf und nickte.
»Es geht das Gerücht um, daß General Hawley im
Süden Kavallerieeinheiten zusammenzieht. Er hat den Befehl, acht
Regimenter zu bilden.«
Jamie seufzte. Angesichts der Abneigung der
Hochlandschotten gegen Kavalleriegefechte waren dies keine guten
Nachrichten. Geistesabwesend kratzte er sich am Rücken.
»Gut, ich teile es Oberst Cameron mit«, sagte er.
»Und wie verläßlich ist dieses Gerücht, Sassenach?« Mit einem Blick
über die Schulter vergewisserte er sich, daß wir allein waren.
Sassenach nannte er mich nur, wenn wir allein waren, in der
Öffentlichkeit sagte er Claire zu mir.
»Du kannst unbesorgt sein«, erwiderte ich. »Die
Quelle ist verläßlich.«
Es handelte sich keineswegs um ein Gerücht; es war
die neueste Information von Jack Randall, mit der er die Behandlung
seines Bruders abzahlte.
Jamie wußte selbstverständlich, daß ich mich um
Alexander Randall ebenso kümmerte wie um die Kranken der
jakobitischen
Armee. Was er nicht wußte, und was ich ihm um keinen Preis der
Welt hätte sagen können, war, daß ich mich einmal in der Woche -
manchmal auch öfter - mit Jack Randall traf, um zu erfahren, welche
Nachrichten aus dem Süden in der Burg von Edinburgh
eintrafen.
Manchmal besuchte er Alexander, während ich dort
war. Manchmal trat, während ich in der Abenddämmerung nach Hause
ging, eine in schlichtes Braun gekleidete Gestalt hinter einer
Hausecke hervor und gab mir ein Zeichen, oder eine Stimme sprach
mich aus dem Nebel an. Es war zermürbend; manchmal hatte ich das
Gefühl, von Franks Geist verfolgt zu werden.
Es wäre viel einfacher für Randall gewesen, in
Alex’ Zimmer einen Brief für mich zu hinterlassen, aber er wollte
nichts Schriftliches hinterlegen, was mir einleuchtete. Wenn ein
solcher Brief jemals gefunden wurde - auch ohne Unterschrift -,
hätte das nicht nur ihn, sondern auch Alexander in Gefahr gebracht.
Edinburgh wimmelte nur so von Fremden: Freiwillige, die sich unter
dem Banner von König James versammelten, neugierige Besucher aus
dem Süden und Norden, Gesandte aus Frankreich und Spanien, Spione
und Informanten in großer Zahl. Die einzigen, die sich nicht auf
den Straßen blicken ließen, waren die Offiziere und Soldaten der
englischen Garnison, die die Burg nicht verlassen durften. Solange
uns niemand belauschte, würde niemand Randall als englischen
Offizier erkennen oder unsere Begegnung als ungewöhnlich empfinden,
selbst wenn man uns sah - und man sah uns selten, dafür sorgte
er.
Mir kam das ebenfalls sehr entgegen; schriftliche
Zeugnisse hätte ich vernichten müssen. Jamie hätte Randalls
Handschrift wahrscheinlich nicht erkannt, aber ich hätte ihm nicht
erklären können, woher ich meine regelmäßigen Informationen bezog,
ohne lügen zu müssen. Es war besser, so zu tun, als wären Randalls
Nachrichten nichts anderes als Gerüchte, die ich von meinen
Streifzügen mit nach Hause brachte.
Der Nachteil allerdings bestand darin, daß ich
Randalls Informationen nicht besonders hervorheben konnte und
deshalb die Gefahr bestand, daß sie in der Flut der Gerüchte
untergingen. Zwar war ich überzeugt, daß Jack Randall mir seine
Nachrichten in gutem Glauben überbrachte - soweit ein solches Wort
für diesen Mann überhaupt angemessen war -, doch schloß ich daraus
nicht, daß alles stimmte. Auch seine Informationen waren mit
Vorsicht zu genießen.
Ich überbrachte die Nachricht von Harleys neuen
Regimentern mit jenem leichten Schuldgefühl, das ich stets empfand,
da ich Jamie meine eigentliche Quelle nicht preisgab. Obwohl ich
Aufrichtigkeit in der Ehe als wesentlich erachtete, fand ich auch,
man sollte es nicht übertreiben damit. Ich sah keinen Grund,
weshalb die für die Jakobiten nützlichen Auskünfte Jamie
gleichzeitig Kummer und Schmerz zufügen sollten.
»Der Herzog von Cumberland wartet auf die Rückkehr
seiner Truppen aus Flandern«, fuhr ich fort. »Und die Belagerung
der Burg von Stirling kommt nicht voran.«
Jamie schrieb eifrig weiter und murmelte: »Das weiß
ich bereits; Lord George hat vor zwei Tagen von Francis Townsend
eine Nachricht erhalten. Er hat die Stadt schon erobert, aber das
Ausheben von Gräben, wie Seine Majestät es befiehlt, kostet Kraft
und Zeit. Das wäre nicht nötig; es wäre besser, die Burg mit
Kanonen zu beschießen und sie dann zu stürmen.«
»Warum heben sie dann Gräben aus?«
Jamie winkte zerstreut ab.
»Weil die italienische Armee bei der Einnahme der
Burg von Verano ebenfalls Gräben gebaut hat - die einzige Form der
Belagerung, die Seine Hoheit kennt, folglich muß es hier ebenso
gemacht werden, ist doch klar, oder?«
»Och, aye«, nickte ich höchst schottisch.
Es klappte; er sah auf und lachte.
»Das ist schon recht beachtlich, Sassenach«, lobte
er. »Was kannst du noch sagen?«
»Das Vaterunser auf gälisch. Willst du es hören?«
fragte ich.
»Nein«, erwiderte er und streute Sand auf seinen
Brief. Dann stand er auf, gab mir einen Kuß und griff nach seinem
Rock. »Aber ich habe Hunger. Komm, Sassenach. Laß uns in eine
gemütliche Taverne gehen, dann bringe ich dir Dinge bei, die man in
der Öffentlichkeit nicht sagt. Ich habe sie ganz frisch in
Erinnerung.«
Die Burg von Stirling fiel schließlich. Doch der
Preis dafür war hoch gewesen und der Vorteil, der daraus erwuchs,
zweifelhaft. Dennoch, dieser Sieg hatte auf Charles eine
euphorische - und letztlich fatale - Wirkung.
»Es ist mir endlich gelungen, Murray zu überzeugen,
diesen verbohrten Narren!« rief Charles. Dann fiel ihm sein Sieg
wieder ein, und er strahlte. »Ich habe gesiegt, fürwahr, trotz
allem. Wir ziehen heute in einer Woche gen England, und wir werden
das ganze Reich meines Vaters einfordern!«
Die schottischen Clanführer, die sich im
Morgensalon versammelt hatten, tauschten zweifelnde Blicke,
räusperten sich und rutschten unruhig hin und her. Diese Nachricht
wurde keineswegs mit großer Begeisterung aufgenommen.
»Äh, Eure Hoheit«, begann Lord Kilmarnock
vorsichtig. »Wäre es nicht klüger...?«
Sie versuchten es. Alle versuchten es. Schottland,
betonten sie, gehörte Charles doch schon, und zwar voll und ganz.
Immer noch strömten Männer aus dem Norden herbei, im Süden jedoch
schien es weiterhin wenig Aussicht auf Unterstützung zu geben. Und
den schottischen Lords war nur allzusehr bewußt, daß die
Hochlandschotten zwar verwegene Kämpfer und treue Gefolgsleute von
Prinz Charles, in erster Linie aber Bauern waren. Die Felder mußten
gepflügt, und das Vieh mußte für den Winter versorgt werden. Die
meisten Männer würden sich in den Wintermonaten nicht dazu bewegen
lassen, tief in den Süden zu ziehen.
»Diese Männer - sind sie denn nicht meine
Untertanen? Sie gehen nicht dahin, wo ich befehle? Unsinn!« meinte
Charles entschieden. Und damit war die Sache erledigt.
Beinahe.
»James, mein Freund! Warten Sie, ich möchte einen
Augenblick mit Ihnen unter vier Augen sprechen, wenn Sie
gestatten.« Seine Hoheit wandte sich von Lord Pitsligo ab, den er
eben mit scharfen Worten zurechtgewiesen hatte.
Ich glaubte nicht, daß ich zu dieser Unterredung
eingeladen war. Doch ich hatte nicht die Absicht zu gehen, und
während die jakobitischen Lords und Clanführer murmelnd
hinausgingen, machte ich keine Anstalten, mich von dem Stuhl zu
erheben, auf dem ich saß.
»Ha!« Charles schnippte verächtlich mit den Fingern
zur Tür hin, die sich hinter ihnen schloß. »Alte Weiber, allesamt!
Sie werden schon sehen. Wie mein Cousin Louis, wie Philipp - bin
ich auf ihre Hilfe angewiesen? Ich zeige es ihnen.« Seine weißen,
manikürten Finger tippten auf seine Brust. Unter dem Seidenbrokat
seines Mantels war ein rechteckiges Medaillon zu sehen. Er trug
Louises Bild bei sich. Ich hatte es gesehen.
»Ich wünsche Eurer Hoheit viel Glück bei Eurem
Unternehmen«, murmelte Jamie, »aber...«
»Ah, vielen Dank, cher James! Wenigstens
Sie glauben an mich!« Charles legte Jamie freundschaftlich
den Arm um die Schultern.
»Ich bin untröstlich, daß Sie mich nicht begleiten
werden, daß Sie nicht an meiner Seite reiten werden, wenn ich auf
meinem Marsch nach England die Jubelrufe meiner Untertanen
entgegennehme«, sagte Charles und drückte James Schulter noch
fester.
»Werde ich nicht dabeisein?« Jamie sah verblüfft
aus.
»Leider, mon cher ami, die Pflicht verlangt
ein großes Opfer von Ihnen. Ich weiß, wie sehr Ihr großes Herz den
Kampfesruhm ersehnt, aber ich brauche Sie für eine andere
Aufgabe.«
»Ja?« fragte Jamie.
»Wofür?« fragte ich frech dazwischen.
Charles warf einen unmutigen Blick in meine
Richtung. Dann wandte er sich wieder an Jamie und fuhr wohlwollend
fort: »Es ist eine Aufgabe von großer Wichtigkeit, mein lieber
James, die nur Sie allein erfüllen können. Es stimmt, daß dem
Banner meines Vaters scharenweise Anhänger zuströmen; jeden Tag
werden es mehr. Dennoch dürfen wir uns nicht in Sicherheit wiegen,
nicht wahr? Durch einen glücklichen Umstand haben sich mir die
MacKenzies angeschlossen. Aber es gibt noch die andere Seite Ihrer
Familie, nicht wahr?«
»Nein!« sagte Jamie. Ein Ausdruck des Entsetzens
huschte über sein Gesicht.
»Aber ja«, erwiderte Charles. Schwungvoll trat er
Jamie gegenüber und strahlte übers ganze Gesicht. »Sie werden in
den Norden ziehen, in das Land Ihrer Väter, und an der Spitze des
Fraser-Clans zu mir zurückkehren!«