20
La Dame Blanche
Als wir uns endlich umgezogen hatten und aus der Küche das Frühstück heraufgebracht wurde, war die Dämmerung dem Tag gewichen.
»Eines wüßte ich zu gern«, sagte ich, während ich die Schokolade einschenkte. »Wer zum Teufel ist La Dame Blanche
»La Dame Blanche?« Magnus, der sich mit dem Brotkorb in der Hand über meine Schulter beugte, zuckte so heftig zusammen, daß ein Brötchen herausfiel. Ich fing es auf, legte es zurück und musterte den Butler, der ziemlich erschüttert aussah.
»Ja, genau«, sagte ich. »Sie haben den Namen schon einmal gehört, Magnus?«
»Aber natürlich, Madame«, entgegnete der alte Mann. »La Dame Blanche est une sorciere
»Eine Zauberin?« wiederholte ich ungläubig.
Magnus zuckte die Achseln, legte die Serviette über die Brötchen und vermied es, mich anzusehen.
»Die weiße Dame«, murmelte er. »Sie gilt als weise Frau, als Heilerin. Aber... sie kann auch ins Innerste eines Menschen blikken und seine Seele zu Asche machen, wenn sie dort etwas Böses entdeckt.« Er nickte kurz, drehte sich um und verschwand eiligst in Richtung Küche. An der Bewegung seines Ellbogens sah ich, daß er sich bekreuzigte.
»Großer Gott«, sagte ich zu Jamie. »Hast du schon mal von La Dame Blanche gehört?«
»Hm? Oh? Ach ja... ich kenne die Geschichten, die man sich über sie erzählt.« Von Jamies Augen sah ich nur die langen Wimpern, während er die Nase in die Kakaotasse steckte, aber seine Wangen waren so rot, daß es nicht allein an dem heißen Getränk liegen konnte.
Ich lehnte mich im Stuhl zurück, verschränkte die Arme und musterte ihn streng.
»So, so, du weißt etwas darüber«, stellte ich fest. »Überrascht es dich zu hören, daß die beiden Männer, die uns letzte Nacht überfallen haben, mich La Dame Blanche genannt haben?«
»Tatsächlich?« Verblüfft sah er mich an.
Ich nickte. »Als sie mich kurz im Licht sahen, riefen sie: ›La Dame Blanche‹, und dann gaben sie Fersengeld, als hätte ich die Pest.«
Jamie atmete tief durch. Seine rote Gesichtsfarbe verblaßte, und er wurde bleich wie der Porzellanteller, der vor ihm stand.
»Herr im Himmel«, sagte er halb zu sich selbst. »Herr... im Himmel!«
Ich beugte mich über den Tisch und nahm ihm die Tasse aus der Hand.
»Möchtest du mir jetzt vielleicht erzählen, was du über La Dame Blanche weißt?« schlug ich freundlich vor.
»Na ja...« Er zögerte, doch dann warf er mir einen betretenen Blick zu. »Es ist nur... Ich habe Glengarry gesagt, du seist La Dame Blanche.«
»Du hast Glengarry was gesagt?« Ich verschluckte mich an dem Bissen, den ich gerade im Mund hatte. Fürsorglich klopfte mir Jamie auf den Rücken.
»Genauer gesagt, Glengarry und Castellotti«, meinte er entschuldigend. »Kartenspielen und Würfeln, schön und gut, aber sie wollten es nicht dabei belassen. Und sie fanden es sehr komisch, daß ich meiner Frau treu bleiben will. Sie sagten... nun, sie sagten verschiedene Dinge, und ich... ich war es leid.« Er sah weg. Seine Ohren brannten feuerrot.
»Hm.« Ich nippte an meinem Tee. Da ich Castellottis spitze Zunge kannte, konnte ich mir gut vorstellen, wie erbarmungslos er meinen Mann geneckt hatte.
Jamie leerte seine Tasse mit einem Zug. Als er sich vorsichtig nachschenkte, starrte er auf die Kanne, um meinem Blick auszuweichen. »Aber ich konnte schließlich nicht einfach weggehen, oder?« fuhr er fort. »Ich mußte doch den ganzen Abend bei Seiner Hoheit bleiben, und es hätte uns nicht weitergebracht, wenn er mich für unmännlich halten würde.«
»Also hast du ihnen weisgemacht, ich sei La Dame Blanche Angestrengt versuchte ich, ein Lachen zu unterdrücken. »Und wenn du dich mit den Damen der Nacht einlassen würdest, ließe ich dein Geschlecht einschrumpeln.«
»Äh, nun ja...«
»Mein Gott, und sie haben es dir abgenommen?« Vor Anstrengung, mich zu beherrschen, mußte ich inzwischen ebenso rot angelaufen sein wie Jamie.
»Anscheinend war ich sehr überzeugend«, erklärte Jamie mit einem Zucken um die Mundwinkel, »und sie mußten einen Eid auf das Leben ihrer Mutter schwören, es nicht weiterzuerzählen.«
Nun konnte ich nicht mehr an mich halten und brach in schallendes Gelächter aus.
»O Jamie!« rief ich. »Du bist ein Schatz!« Ich beugte mich vor und küßte ihn auf die heißen Wangen.
»Na ja«, sagte er verlegen, während er sein Brot mit Butter bestrich. »Mir ist nichts Besseres eingefallen. Und danach hörten sie tatsächlich auf, mir Huren auf den Hals zu hetzen.«
»Gut«, sagte ich. Ich nahm ihm das Brot aus der Hand, strich Honig darauf und gab es ihm zurück.
»Ich kann mich wohl kaum beklagen«, meinte ich schließlich. »Denn mit der Geschichte hast du nicht nur deine Tugend verteidigt, sondern auch eine Vergewaltigung verhindert.«
»Aye, Gott sei Dank.« Er legte das Brot weg und nahm meine Hand. »Wenn dir etwas geschehen wäre, Sassenach, dann würde ich -«
»Ja«, fiel ich ihm ins Wort, »aber wenn die Männer, die uns angegriffen haben, wußten, daß ich La Dame Blanche sein soll...«
»Aye, Sassenach«, nickte er mir zu. »Glengarry und Castellotti können es nicht gewesen sein, denn als du überfallen wurdest, waren sie mit mir in dem Haus, aus dem mich Fergus geholt hat. Aber es muß jemand gewesen sein, dem sie davon erzählt haben.«
Bei der Erinnerung an die Maske und die höhnische Stimme lief es mir kalt den Rücken hinunter.
Seufzend ließ Jamie meine Hand los. »Und das heißt vermutlich, daß ich Glengarry aufsuchen sollte, um herauszufinden, wie vielen Leuten er Geschichten über mein Eheleben aufgetischt hat.« Ärgerlich fuhr er sich durch die Haare. »Und dann muß ich Seiner Hoheit einen Besuch abstatten und feststellen, was er bei diesem Geschäft mit St. Germain im Schilde führt.«
»Du hast recht«, sagte ich nachdenklich, »aber so wie ich Glengarry kenne, hat er es inzwischen halb Paris erzählt. Übrigens habe ich heute nachmittag auch einige Besuche zu machen.«
»Ach ja? Und wen gedenkst du zu beehren, Sassenach?«« fragte er und beäugte mich skeptisch. Ich holte tief Luft und nahm meinen Mut zusammen angesichts der Prüfung, die mir bevorstand.
»Zuerst Maître Raymond«, erwiderte ich. »Und dann Mary Hawkins.«
 
»Lavendel vielleicht?« Raymond stellte sich auf Zehenspitzen, um ein Gefäß aus dem Regal zu holen. »Nicht als Heilmittel, aber das Aroma beruhigt die Nerven.«
»Das hängt davon ab, um wessen Nerven es sich handelt«, entgegnete ich, da mir Jamies Reaktion auf Lavendel einfiel. Es war Jack Randalls Lieblingsduft, und auf Jamie wirkte das Aroma alles andere als beruhigend. »In diesem Fall könnte es jedoch helfen. Oder zumindest keinen Schaden anrichten.«
»Keinen Schaden anrichten«, zitierte er nachdenklich. »Ein guter Grundsatz.«
»Dieser Grundsatz ist Teil des Hippokratischen Eids.« Ich beobachtete, wie er in seinen Schubladen und Dosen stöberte. »Der Eid, den ein Arzt schwört. >Ich werde die Kranken bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht.«
»Aha? Und haben Sie diesen Eid abgelegt, Madonna?« Die klugen Amphibienaugen zwinkerten mir über den hohen Tresen hinweg zu.
Ich spürte, wie ich unter seinem forschenden Blick errötete.
»Nein, eigentlich nicht. Ich bin keine richtige Ärztin. Noch nicht.« Mir war schleierhaft, was mich bewegt hatte, letzteres hinzuzufügen.
»Nein? Und doch versuchen Sie etwas zu heilen, an das sich ein ›richtiger‹ Arzt nicht heranwagen würde, weil er weiß, daß die verlorene Jungfräulichkeit nicht wiederherstellbar ist.« Die Ironie seiner Worte war nicht zu überhören.
»Ach, tatsächlich nicht?« antwortete ich ungerührt. Fergus hatte einige Geheimnisse der »Damen« im Haus von Madame Elise ausgeplaudert. »Was hat es dann mit der Ferkelblase voll Hühnerblut auf sich? Oder wollen Sie behaupten, daß derartiges in den Fachbereich des Apothekers fällt und nicht in den des Arztes?«
Raymond besaß zwar keine nennenswerten Augenbrauen, aber er konnte beeindruckend die Stirn kräuseln, wenn er belustigt war.
»Wem geschieht dadurch Unrecht, Madonna? Gewiß nicht dem Anbieter. Und auch nicht dem Käufer. Wahrscheinlich amüsiert er sich sogar besser als einer, der die unverfälschte Ware erwirbt. Nicht einmal der Jungfräulichkeit selbst geschieht Unrecht! Zweifelsfrei ein hochmoralisches hippokratisches Unterfangen, das jeder Arzt mit Freuden unterstützen würde!««
Ich lachte. »Und ich vermute, Sie kennen mehr als einen, der das tut?« sagte ich. »Ich werde die Angelegenheit beim nächsten Ärztekongreß zur Sprache bringen. Aber was können wir einstweilen tun, ohne auf Wunder von Menschenhand zurückzugreifen?«
»Hm.« Er breitete ein Gazetuch auf dem Tresen aus und schüttete eine Handvoll fein zerstoßener Kräuter darauf. Ein durchdringender, angenehmer Duft stieg von den getrockneten graugrünen Pflanzenteilchen auf.
»Das ist Jakobskraut«, sagte er und faltete die Gaze geschickt zu einem kleinen Quadrat mit eingesteckten Ecken. »Damit behandelt man Hautreizungen, Kratzwunden und Entzündungen der Geschlechtsteile. Wäre das zweckdienlich?«
»Das kann man wohl sagen«, entgegnete ich grimmig. »Als Aufguß oder Absud?«
»Absud. Warm, unter den gegeben Umständen.« Er ging zu einem anderen Regal und holte eines der großen weißen Porzellangefäße heraus. Die Beschriftung auf der Seite lautete CHELIDO-NIUM.
»Ein Schlafmittel«, erklärte er. »Ich glaube, auf Opium-Mohn-Derivate sollten Sie lieber verzichten. Diese Patientin reagiert offenbar unberechenbar darauf.«
»Sie haben die Geschichte schon gehört, nicht wahr?« sagte ich resigniert. Das war zu erwarten gewesen. Schließlich zählten Neuigkeiten zu den wichtigeren Waren, mit denen Maitre Raymond handelte. In dem kleinen Geschäft liefen die Fäden zusammen, und sein Inhaber wurde von Dutzenden von Informanten - vom Straßenhändler bis zum königlichen Kammerjunker - mit Klatsch versorgt.
»Aus drei verschiedenen Quellen«, erwiderte Raymond. Er sah aus dem Fenster und reckte den Hals, um einen Blick auf die riesige horloge werfen zu können, die an der Wand des benachbarten Eckhauses hing. »Und es ist noch nicht einmal zwei Uhr. Wahrscheinlich werde ich, bevor es Abend wird, noch mehrere Versionen der Ereignisse bei Ihrer Abendgesellschaft hören.« Aus dem breiten, zahnlosen Mund kam ein leises Lachen. »Besonders gut gefällt mir die Version, in der Ihr Gemahl General d’Arbanville zu einem Duell auf der Straße auffordert, während Sie dem Comte anbieten, seine Lust an dem ohnmächtigen Mädchen zu stillen, sofern er darauf verzichtet, die Leibgarde des Königs zu rufen.«
»Mmmpf«, sagte ich, eine befangene Nachahmung des schottischen Urlauts.
»Würden Sie vielleicht gern erfahren, was wirklich geschehen ist?«
Das Mohntonikum schimmerte bernsteinfarben in der Nachmittagssonne, als er es in ein kleines Fläschchen goß.
»Die Wahrheit ist immer nützlich, Madonna«, erwiderte er, den Blick auf das Rinnsal gerichtet. »Denn sie hat Seltenheitswert.« Behutsam setzte er das Porzellangefäß ab. »Und daher ist sie ihren Preis wert.« Das Geld für die Arzneimittel, die ich gekauft hatte, lag auf dem Ladentisch. Die Münzen funkelten in der Sonne. Ich blickte ihn aus schmalen Augen an, doch er lächelte nur höflich, als hätte er noch nie von Froschschenkeln in Knoblauchbutter gehört.
Draußen auf der Straße schlug die horloge zwei. Ich berechnete die Entfernung zum Haus der Hawkins’ in der Rue Malory. Eine knappe halbe Stunde, wenn ich eine Droschke bekam. Also blieb mir noch Zeit genug.
»In diesem Fall«, sagte ich, »sollten wir uns vielleicht in Ihren Arbeitsraum zurückziehen.«
 
»Und das war’s«, erklärte ich, während ich genüßlich an meinem Kirschlikör nippte. Die Gerüche in dem Arbeitsraum waren fast so intensiv wie der Dunst, der aus meinem Glas aufstieg, und ich spürte, wie mein Kopf unter dem Einfluß des Alkohols anschwoll wie ein großer roter Luftballon. »Man hat Jamie zwar entlassen, aber wir stehen noch unter Verdacht. Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, daß das von langer Dauer sein wird, Sie etwa?«
Raymond schüttelte den Kopf. Das Krokodil an der Decke bewegte sich im Luftzug. Er stand auf, um das Fenster zu schließen.
»Nein. Ein Ärgernis, weiter nichts. Monsieur Hawkins hat Geld und Freunde, und natürlich ist er außer sich, aber dennoch... Offensichtlich können Sie und Ihr Gemahl sich nur übergroße Freundlichkeit vorwerfen - weil Sie das Unglück des Mädchens geheimhalten wollten.« Er nahm einen herzhaften Schluck aus seinem Glas.
»Und jetzt gilt Ihre größte Sorge dem Mädchen, oder nicht?«
Ich nickte. »Zum Teil ja. Für ihren Ruf kann ich im Augenblick nichts tun. Ich kann nur versuchen, ihr zu helfen, damit sie wieder gesund wird.«
Ein boshaftes schwarzes Auge spähte über den Rand des Metallkelchs, den er hielt.
»Die meisten Ärzte, die ich kenne, würden sagen: Ich kann nur versuchen, sie zu heilen.< Wollen Sie ihr tatsächlich beim Gesundwerden helfen? Es ist interessant, daß Sie den Unterschied erkennen, Madonna. Ich hatte nichts anderes erwartet.«
Ich setzte den Kelch ab, weil ich allmählich genug hatte. Meine Wangen glühten, und ich glaubte, deutlich zu spüren, daß meine Nasenspitze rot war.
»Wie ich schon sagte, bin ich keine richtige Ärztin.« Ich schloß kurz die Augen, wobei ich mir fest vornahm, nach dem Öffnen wieder zu wissen, wo oben und unten war. »Außerdem hatte ich... äh, schon einmal mit einem Fall von Vergewaltigung zu tun. Äußerlich kann man nicht viel tun. Vielleicht kann man überhaupt nicht viel tun. Punktum«, fügte ich hinzu. Da besann ich mich anders und nahm den Kelch wieder auf.
»Vielleicht nicht«, pflichtete mir Raymond bei. »Aber wenn jemand imstande ist, das Innerste der Patientin zu erreichen, dann ist es doch wohl La Dame Blanche?«
Ich setzte den Kelch ab und starrte den Apotheker an. Mein Mund stand offen, und weil das bestimmt nicht gut aussah, schloß ich ihn wieder. Gedanken, Verdächtigungen und Erkenntnisse schossen mir durch den Kopf, bis sie sich heillos ineinander verhedderten. Um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen, hielt ich mich zunächst an den ersten Teil seiner Bemerkung.
»Das Innerste der Patientin?«
Einem offenen Gefäß auf dem Tisch entnahm er eine Prise weißen Pulvers, die er in seinen Kelch gab. Das bernsteingelbe Getränk nahm sofort eine blutrote Färbung an und begann zu brodeln.
»Drachenblut«, bemerkte er, die blubbernde Flüssigkeit schwenkend. »Es geht nur in einem versilberten Gefäß. Dabei wird der Becher natürlich verdorben, aber unter den richtigen Umständen ist es äußerst wirksam.«
Ich gab ein leises Gurgeln von mir.
»Oh, das Innerste der Patientin«, sagte er, als erinnerte er sich an etwas, worüber wir vor Tagen gesprochen hatten. »Ja, natürlich. Eine Heilung gelingt im Grunde nur, wenn wir... wie sollen wir es nennen? Die Seele? Die Mitte? Nun, eben das Innerste der Patientin erreichen. Von dort aus kann sie sich selbst heilen. Gewiß haben Sie das schon beobachtet, Madonna. Patienten, die so schwerkrank sind, daß sie todgeweiht scheinen - aber sie sterben nicht. Oder jene, die sich von ihrem geringfügigen Leiden bei richtiger Pflege eigentlich erholen müßten, sich aber dann fortstehlen, trotz allem, was wir für sie tun.«
»Jeder, der mit Kranken zu tun hat, kann derlei beobachten«, bemerkte ich vorsichtig.
»Ja«, stimmte er zu. »Und der Stolz treibt die meisten Ärzte dazu, sich am Tod des einen schuldig zu fühlen und das Überleben der anderen auf ihr überragendes Können zurückzuführen. Aber La Dame Blanche schaut ins Innerste eines Menschen und führt ihn zur Heilung - oder in den Tod. Also mag ein Bösewicht zurecht fürchten, ihr ins Gesicht zu blicken.« Er nahm seinen Kelch, prostete mir zu und leerte die brodelnde Flüssigkeit in einem Zug. Sie hinterließ eine schwachrosa Spur auf seinen Lippen.
»Danke«, sagte ich trocken. »Es war also nicht nur Glengarrys Leichtgläubigkeit?«
Raymond zuckte die Achseln und sah dabei höchst selbstzufrieden aus. »Die Anregung kam von Ihrem Gatten«, meinte er bescheiden. »Eine exzellente Idee. Doch während Ihr Gemahl aufgrund seiner gottgegebenen Talente große Achtung genießt, kann man ihn auf dem Gebiet übernatürlicher Erscheinungen wohl kaum als Autorität betrachten.«
»Sie hingegen schon.«
Die breiten Schultern unter der grauen Samtrobe hoben sich. An einem Ärmel waren mehrere kleine, am Rand versengte Löcher, als hätten sich Glutstückchen hineingebrannt. Ein Mißgeschick bei einer Geisterbeschwörung, vermutete ich.
»Sie sind in meinem Geschäft gesehen worden«, erklärte er. »Ihre Herkunft ist geheimnisumwoben. Und, wie Ihr Gemahl bemerkt hat, ist mein Ruf etwas suspekt. Ich bewege mich in... gewissen Kreisen, wie man so sagt...« - der lippenlose Mund verzog sich zu einem Grinsen -, »in denen Mutmaßungen über Ihre wahre Identität übertrieben ernst genommen werden können. Sie wissen ja, wie die Leute reden«, fügte er mit übertriebener Mißbilligung hinzu, so daß ich laut herauslachte.
Er stellte seinen Kelch ab und beugte sich vor.
»Sie sagten, Ihre Sorge würde nur zum Teil Mademoiselle Hawkins gelten, Madonna. Haben Sie noch andere Sorgen?«
»Durchaus.« Ich nippte an dem Likör. »Ich vermute, Sie sind über das, was in Paris geschieht, bestens im Bilde?«
Er lächelte und blickte mich mit wohlwollender Aufmerksamkeit an. »Aber natürlich, Madonna. Was möchten Sie wissen?«
»Haben Sie etwas über Charles Stuart gehört? Wissen Sie überhaupt, wer er ist?«
Die Frage überraschte ihn, und er zog seine Stirn kraus. Dann nahm er ein Glasfläschchen, das vor ihm auf dem Tisch stand, und drehte es versonnen zwischen den Handflächen.
»Ja, Madonna«, sagte er. »Sein Vater ist König von Schottland - oder sollte es sein, nicht wahr?«
»Nun, das ist Ansichtssache«, entgegnete ich, ein Rülpsen unterdrückend. »Er ist entweder König von Schottland oder Thronprätendent, aber das kümmert mich wenig. Aber sagen Sie mir eins... Unternimmt Charles Stuart irgendwelche Schritte, die darauf hindeuten, daß er eine bewaffnete Invasion in Schottland oder England plant?«
Raymond lachte laut heraus.
»Meine Güte, Madonna! Sie sind wirklich eine außergewöhnliche Frau. Wissen Sie eigentlich, wie selten solche Offenheit ist?«
»Ja«, gab ich zu, »aber so bin ich nun mal. Es liegt mir nicht, erst lange auf den Busch zu klopfen.« Ich streckte die Hand aus und nahm ihm das Fläschchen ab. »Haben Sie denn etwas gehört?«
Unwillkürlich blickte er zu der zweigeteilten Tür, doch das Ladenmädchen war nur damit beschäftigt, für eine redselige Kundin Parfüm zu mischen.
»Eine Kleinigkeit, Madonna, nur eine beiläufige Bemerkung im Brief eines Freundes - aber die Antwort lautet eindeutig ja.«
Mir entging nicht, daß er überlegte, wieviel er mir erzählen durfte. Einstweilen betrachtete ich eingehend das Fläschchen in meiner Hand, um ihm Zeit zu lassen, seine Entscheidung zu treffen. Für seine Größe war es merkwürdig schwer, und der Inhalt war so dicht und gleichzeitig so beweglich wie flüssiges Metall.
»Quecksilber«, beantwortete Maitre Raymond meine unausgesprochene Frage. Offenbar hatte er zu meinen Gunsten entschieden, denn er nahm das Fläschchen wieder an sich, goß den Inhalt auf den Tisch, so daß ein kleiner glänzender See entstand, und lehnte sich zurück, um mir zu berichten, was er wußte.
»Einer der Agenten seiner Hoheit hat Nachforschungen in Holland angestellt«, sagte er. »Ein Mann namens O’Brien - und hoffentlich stelle ich nie jemanden ein, der so ungeeignet für seine Aufgabe ist wie er«, fügte er hinzu. »Ein Geheimagent, der maßlos trinkt?«
»In Charles Stuarts Kreisen trinken alle Leute maßlos«, bemerkte ich. »Was hat O’Brien getan?«
»Er wollte Verhandlungen über eine Schiffsladung Breitschwerter führen. Zweitausend Breitschwerter, die in Spanien gekauft und über Holland versandt werden sollen, um ihre Herkunft zu verschleiern.«
»Was will er damit bezwecken?« fragte ich. Ich war mir nicht sicher, ob ich von Natur aus dumm oder nur von dem Likör benebelt war, aber das Ganze erschien mir ein sinnloses Unterfangen, selbst für Charles Stuart.
Raymond zuckte die Achseln und stupste die Quecksilberpfütze mit dem Zeigefinger an.
»Immerhin kann man Mutmaßungen anstellen, Madonna. Der spanische König ist ein Vetter des schottischen Königs, nicht wahr? Ebenso wie unser guter König Louis.«
»Ja, aber...«
»Könnte es nicht sein, daß er die Sache der Stuarts unterstützen möchte, aber nicht in aller Öffentlichkeit?«
Der Alkoholnebel in meinem Hirn verflüchtigte sich.
»Vielleicht.«
Raymond klopfte energisch auf den Tisch, so daß die Quecksilberpfütze in mehrere Kügelchen zersprang, die in einem wilden Tanz über die Tischplatte hüpften.
»Wie man hört«, sagte Raymond leise, die Augen nach wie vor auf die silbernen Tröpfchen gerichtet, »ist ein englischer Herzog bei König Louis in Versailles zu Gast. Es heißt auch, daß der Herzog deswegen hier ist, um Handelsvereinbarungen zu treffen. Aber was man hört, ist nicht immer die ganze Wahrheit, Madonna.«
Auch ich betrachtete die zitternden Quecksilbertropfen und versuchte, mir einen Reim auf die Geschichte zu machen. Jamie hatte ebenfalls das Gerücht gehört, daß es bei Sandringhams Mission nicht nur um Handelsrechte ging. Was, wenn der Besuch des Herzogs auf ein mögliches Abkommen zwischen Frankreich und England zielte - vielleicht in Hinblick auf die Zukunft Brüssels? Und wenn Louis heimlich mit England verhandelte, um Unterstützung für seine Invasion in Brüssel zu bekommen - was mochte dann Philipp von Spanien unternehmen, wenn sich ein mittelloser Verwandter an ihn wandte, der die Macht besaß, die Engländer von außenpolitischen Abenteuern abzuhalten?
»Drei bourbonische Vettern«, murmelte Raymond vor sich hin. Er trieb ein Tröpfchen auf ein anderes zu. Sobald sie sich berührten, verschmolzen sie zu einem glänzenden Tropfen - wie durch Zauberhand zu einem Ball gerundet. »Von einem Blute. Aber verfolgen sie auch ein Ziel?«
Der Finger stieß wieder zu, und die glitzernden Fragmente kugelten in alle Richtungen über die Tischplatte.
»Ich glaube nicht, Madonna«, sagte Raymond leise.
»Verstehe«, sagte ich seufzend. »Und was halten Sie von den neuen Geschäftsbeziehungen zwischen Charles Stuart und dem Comte de St. Germain?«
Das Amphibienlächeln wurde noch breiter.
»Ich habe gehört, daß seine Hoheit in letzter Zeit häufig bei den Docks anzutreffen ist - selbstverständlich, um mit seinem neuen Partner zu sprechen. Und er sieht sich die Schiffe an, die vor Anker liegen - so schön, so schnell, so... teuer. Schottland liegt doch jenseits des Meeres, wenn ich mich nicht irre?«
»In der Tat«, meinte ich. Ein Lichtstrahl ließ das Quecksilber aufleuchten und lenkte meine Aufmerksamkeit auf die tiefer stehende Sonne. Ich mußte gehen.
»Ich danke Ihnen«, sagte ich. »Werden Sie mich benachrichtigen, wenn Sie etwas hören?«
Er neigte huldvoll sein imposantes Haupt, so daß sein Haar wie Quecksilber in der Sonne glänzte. Doch dann blickte er rasch wieder auf.
»Halt! Fassen Sie das Quecksilber nicht an, Madonna!« rief er, als ich die Hand nach einem Tröpfchen ausstreckte, das auf die Tischkante zurollte. »Es verbindet sich sofort mit jedem Metall, mit dem es in Berührung kommt.« Er beugte sich über den Tisch und schubste das Kügelchen behutsam in seine Richtung. »Sie wollen sich doch gewiß nicht Ihre schönen Ringe verderben.«
»Stimmt«, sagte ich. »Ich muß zugeben, daß Sie sich bisher sehr hilfsbereit gezeigt haben. In letzter Zeit hat niemand versucht, mich zu vergiften. Und ich vermute, daß Sie und Jamie es verhindern werden, wenn man mich auf dem Place de la Bastille wegen Hexerei verbrennen will, oder?« fragte ich leichthin, obwohl mir das Diebesloch und der Prozeß in Cranesmuir noch lebhaft in Erinnerung waren.
»Gewiß«, entgegnete er mit Würde. »In Paris wurde seit... mindestens zwanzig Jahren niemand mehr wegen Hexerei verbrannt. Sie können völlig unbesorgt sein. Solange Sie niemanden ermorden«, fügte er hinzu.
»Ich werde mein Bestes tun«, erwiderte ich und stand auf, um mich zu verabschieden.
 
Fergus trieb eine Droschke für mich auf, und ich nutzte die kurze Fahrt zum Haus der Hawkins’, um über die jüngsten Entwicklungen nachzudenken. Wahrscheinlich hatte mir Raymond tatsächlich einen Gefallen getan, als er Jamies verrückte Geschichte unter seinen abergläubischen Kunden weiterverbreitete, obwohl mir die Vorstellung, daß mein Name bei Seancen und auf schwarzen Messen fiel, ganz und gar nicht schmeckte.
Dann ging mir auf, daß ich, abgelenkt durch Mutmaßungen über Könige, Schwerter und Schiffe, vergessen hatte, Maitre Raymond nach seinen Kontakten zum Comte de St. Germain zu fragen.
Nach allem, was man hörte, war der Comte eine zentrale Figur in jenen mysteriösen »Kreisen«, die Raymond erwähnt hatte. Als Kollege oder als Rivale? Und erreichten die Wellen, die jene Kreise schlugen, auch das Königsschloß? Louis interessierte sich angeblich für Astrologie. War es denkbar, daß durch die dunklen Kanäle von Kabbalismus und Zauberei eine Verbindung zwischen Louis, dem Comte und Charles Stuart bestand?
Um Alkoholdünste und sinnlose Fragen zu vertreiben, schüttelte ich ungeduldig den Kopf. Fest stand lediglich, daß der Comte eine gefährliche Partnerschaft mit Charles Stuart eingegangen war, und das bereitete mir im Augenblick genug Kopfzerbrechen.
Das Haus der Familie Hawkins in der Rue Malory war ein ansehnliches dreistöckiges Gebäude, doch daß die Dinge nicht ihren gewohnten Lauf nahmen, offenbarte sich auch dem zufälligen Beobachter. Trotz der Wärme waren alle Fensterläden fest verschlossen, um neugierige Blicke abzuwehren. Niemand hatte an diesem Morgen die Stufen geschrubbt, so daß die Abdrücke schmutziger Schuhe den weißen Stein verunstalteten. Weder Köchin noch Hausmädchen ließen sich auf der Straße blicken, um mit den Straßenhändlern zu feilschen oder zu tratschen. In diesem Haus hatte man sich gegen drohendes Unheil verbarrikadiert.
Ungeachtet meines fröhlichen gelben Kleides fühlte ich mich wie ein Unglücksbote, als ich Fergus die Stufen hinaufschickte, um für mich zu klopfen. Es kam zu einem Wortwechsel zwischen Fergus und der Person, die die Tür öffnete, aber zu Fergus’ guten Eigenschaften zählte die Unfähigkeit, sich mit einem Nein abzufinden. Kurze Zeit später stand ich einer Frau gegenüber, bei der es sich offenbar um die Hausherrin, also Marys Tante handelte.
Allerdings hatte ich meine Schlüsse selbst ziehen müssen, da die Frau viel zu aufgewühlt war, um mir so handfeste Informationen wie ihren Namen zu liefern.
»Aber wir können niemanden empfangen!«rief sie immer wieder und wan verstohlene Blicke über die Schulter, als erwartete sie, daß Mr. Hawkins’ breite Gestalt anklagend hinter ihr auftauchte. »Wir sind... wir haben... das heißt...«
»Ich möchte nicht Sie besuchen«, entgegnete ich fest, »sondern Ihre Nichte Mary.«
Dieser Name schien ihre Aufregung nur noch zu steigern.
»Sie... aber... Mary? Nein! Ihr... ihr geht es nicht gut!«
»Das habe ich vermutet«, erklärte ich geduldig und hob meinen Korb hoch. »Ich habe ein paar Arzneien für sie mitgebracht.«
»Oh! Aber... aber... sie... Sie... sind doch nicht... Sie...?«
»Schluß mit dem Gewäsch, Frau«, sagte Fergus in seinem besten Schottisch. Mißbilligend nahm er die Anzeichen geistiger Verwirrung zur Kenntnis. »Das Mädchen sagt, die junge Herrin ist oben in ihrem Zimmer.«
»Gut«, sagte ich. »Geh voraus, Fergus.« Ohne eine Einladung abzuwarten, duckte er sich unter dem ausgestreckten Arm, der uns den Weg versperrte, und verschwand in den düsteren Tiefen des Hauses. Mit einem Schrei stürzte Mrs. Hawkins ihm nach, so daß ich an ihr vorbeischlüpfen konnte.
Vor Marys Zimmer hatte eine kräftige Dienstbotin mit gestreifter Schürze Stellung bezogen, aber sie leistete keinen Widerstand, als ich meine Absichten kundtat. Traurig schüttelte sie den Kopf. »Ich kann nichts für sie tun, Madame. Vielleicht haben Sie mehr Glück.«
Das klang nicht gerade vielversprechend, aber ich hatte keine Wahl. Zumindest schien es unwahrscheinlich, daß ich noch mehr Schaden anrichtete. Also strich ich mein Kleid glatt und öffnete die Tür.
Es war, als beträte ich eine Höhle. Die Fenster waren mit schweren braunen Samtvorhängen verhüllt, die fast kein Tageslicht durchließen, und das bißchen Licht, das hereindrang, wurde von dem drückenden Rauch des Kaminfeuers geschluckt.
Ich atmete tief ein und mußte sofort husten. Mary lag im Bett und rührte sich nicht - eine bemitleidenswert kleine, zusammengekauerte Gestalt unter einer dicken Daunendecke. Gewiß war die Wirkung der Droge inzwischen abgeklungen, und nach dem Spektakel unten in der Halle schlief sie bestimmt nicht. Vielleicht stellte sie sich schlafend, um den Tiraden ihrer Tante zu entgehen. An ihrer Stelle hätte ich das auch getan.
Ich drehte mich um und machte der unglückseligen Mrs. Hawkins die Tür vor der Nase zu. Dann ging ich zum Bett.
»Ich bin’s«, sagte ich. »Warum kommst du nicht heraus, bevor du da drin erstickst?«
Plötzlich kam das Bettzeug in Bewegung. Mary tauchte aus den Decken auf und umarmte mich stürmisch.
»Claire! O Claire! Gott sei Dank! Ich dachte, ich sehe dich n-nie wieder! Mein Onkel sagte, du seist im Gefängnis! Er s-sagte, du...«
»Schon gut!« Es gelang mir, mich ihrem Griff zu entwinden und sie weit genug von mir zu halten, um sie ansehen zu können. Ihr Gesicht war rot, und weil sie sich so lange unter den Decken versteckt hatte, sah sie verschwitzt und aufgelöst aus, aber sonst schien es ihr gutzugehen. Ihre braunen Augen waren groß und klar: keine Spur mehr von der Wirkung des Opiums. Zwar wirkte sie unruhig und erregt, aber der Schlaf, gepaart mit der Widerstandskraft der Jugend, hatte sie körperlich weitgehend wiederhergestellt. Mehr Sorgen machte mir das, was man nicht sah.
»Nein, ich bin nicht im Gefängnis«, wehrte ich ihre ungeduldigen Fragen ab. »Offensichtlich nicht, obwohl dein Onkel nach besten Kräften versucht hat, mich hinter Schloß und Riegel zu bringen.«
»Aber, ich h-hab’ ihm doch gesagt...«, begann sie, kam aber ins Stottern und senkte den Blick. »Zumindest hab’ ich v-v-versucht, es ihm zu sagen, aber er... aber ich...«
»Keine Sorge«, beruhigte ich sie. »Er ist so aufgebracht, daß er dir sowieso nicht zuhören würde, egal, was und wie du es sagst. Wichtig bist jetzt nur du. Wie geht es dir?« Ich strich ihr das schwere, dunkle Haar aus der Stirn und betrachtete sie forschend.
»Gut«, sagte sie und schluckte. »Ich habe... ein bißchen geblutet, aber es hat aufgehört.« Sie errötete noch tiefer, sah mir aber in die-Augen. »Ich... es ist... wund. G-geht es wieder weg?«
»Ja, natürlich«, sagte ich freundlich. »Ich habe dir Kräuter mitgebracht. Sie müssen in Wasser aufgekocht werden, und wenn der Absud etwas abgekühlt ist, kannst du ihn für Umschläge oder für ein Sitzbad verwenden. Das hilft.« Ich nahm die Kräuterpäckchen aus meinem Ridikül und legte sie auf den Nachttisch.
Sie nickte und biß sich auf die Lippen. Offensichtlich wollte sie noch mehr sagen; ihre angeborene Schüchternheit kämpfte gegen ihr Bedürfnis an, sich mir anzuvertrauen.
»Was hast du auf dem Herzen?« fragte ich so sachlich wie möglich.
»Bekomme ich jetzt ein Kind?« platzte sie heraus und sah mich angstvoll an. »Du hast gesagt...«
»Nein«, entgegnete ich, so fest ich konnte. »Du bekommst keins. Er wurde nicht... fertig.« Unter den Falten meines Rockes kreuzte ich die Finger beider Hände. Ich hoffte inständig, daß ich recht hatte. Die Gefahr war äußerst gering, aber angeblich war dergleichen schon vorgekommen. Doch es hatte keinen Sinn, Mary wegen einer vagen Möglichkeit noch mehr zu beunruhigen. Bei der Vorstellung wurde mir übel. Ich schob den Gedanken beiseite; spätestens in einem Monat würden wir Bescheid wissen.
»Hier ist es heiß wie in einem Backofen«, bemerkte ich und löste die Bänder an meinem Hals, um Luft zu bekommen. »Und verraucht wie im Vorzimmer der Hölle, wie mein alter Onkel zu sagen pflegte.« Da ich im Augenblick nicht die rechten Worte fand, machte ich einen Rundgang durchs Zimmer, zog die Vorhänge zurück und öffnete die Fenster.
»Tante Helen meint, ich darf mich nirgends blicken lassen.« Mary hatte sich auf die Fersen gesetzt und beobachtete mich. »Sie sagt, ich s-sei entehrt, und die Leute auf der Straße würden mit Fingern auf mich zeigen, wenn ich ausgehe.«
»Vielleicht tun sie das, die Geier.« Ich hatte nun alle Fenster geöffnet und kehrte zu Mary zurück. »Aber das heißt nicht, daß du dich lebendig begraben lassen und dabei auch noch ersticken mußt.« Ich setzte mich neben sie, lehnte mich zurück und spürte, wie mir die frische Luft durchs Haar strich und den Rauch vertrieb.
Mary schwieg lange Zeit und spielte mit den Kräuterpäckchen auf dem Tisch. Als sie mich schließlich ansah, lächelte sie tapfer, obwohl ihre Unterlippe zitterte.
»Jetzt muß ich wenigstens n-nicht den Vicomte heiraten. Mein Onkel sagt, daß er mich nicht mehr will.«
»Nein, vermutlich nicht.«
Sie nickte und betrachtete das quadratische Gazepäckchen auf ihren Knien. Nervös spielte sie an der Schnur herum, so daß sich ein Ende löste und ein paar Brösel Goldrute auf die Bettdecke fielen.
»Ich habe... öfter d-darüber nachgedacht. Über das, was du mir erzählt hast, wie ein M-mann...« Sie hielt inne und schluckte. Ich sah, wie eine Träne auf die Gaze fiel. »Ich glaubte nicht, daß ich es mit dem Vicomte hätte tun können. Jetzt ist es g-geschehen... und n-niemand kann es rückgängig machen, und ich werde es n-nie wieder tun müssen... und... und... o Claire, Alex wird nie wieder mit mir sprechen! Ich werde ihn nie wiedersehen, nie!«
Hysterisch weinend sank sie mir in die Arme. Ich drückte sie an mich, streichelte ihren Rücken und redete beruhigend auf sie ein. Dabei vergoß ich selbst ein paar Tränen, die unbemerkt auf Mary dunkles glänzendes Haar fielen.
»Du wirst ihn wiedersehen«, flüsterte ich. »Natürlich siehst du ihn wieder. Für ihn hat sich nichts geändert. Er ist ein guter Mensch.«
Aber ich wußte, daß sich für ihn sehr wohl etwas geändert hatte. In der vergangenen Nacht hatte ich den Schmerz in Alex Randalls Augen gesehen und geglaubt, ihn bewege das gleiche hilflose Mitleid mit allen Gepeinigten wie Jamie und Murtagh. Aber seit ich von Alex Randalls Liebe zu Mary wußte, war mir klar, um wieviel tiefer sein Schmerz - und seine Angst - gehen mußten.
Er schien ein guter Mensch zu sein. Aber er war auch ein mittelloser jüngerer Sohn, von schwacher Gesundheit und mit schlechten Berufsaussichten. Die Stellung, die er innehatte, verdankte er einzig und allein dem guten Willen des Herzogs von Sandringham. Und ich wagte nicht zu hoffen, daß der Herzog es billigen würde, wenn sein Sekretär ein entehrtes Mädchen ohne gesellschaftliche Beziehungen und ohne Mitgift zur Frau nahm.
Und wenn Alex den Mut aufbrachte und sie trotz allem heiratete, welche Chance hatten sie dann noch - ohne einen roten Heller, von der guten Gesellschaft ausgestoßen und mit dem grausamen Wissen um die Vergewaltigung, das ihr gemeinsames Leben überschatten würde?
Für Mary konnte ich nicht mehr tun, als sie festzuhalten und mit ihr um das Verlorene zu weinen.
 
Als ich ging, war die Dämmerung hereingebrochen; über den Schornsteinen blinkten die ersten Sterne. In der Tasche hatte ich einen Brief von Marys Hand, ordnungsgemäß von Zeugen bestätigt, in dem sie die Ereignisse der vergangenen Nacht schilderte. Sobald das Schreiben den zuständigen Behörden übermittelt war, würden wir wenigstens von seiten des Gesetzes nichts mehr zu befürchten haben. Das war immerhin ein Trost, denn von anderer Seite drohten uns noch genug Unannehmlichkeiten.
Inzwischen vorsichtiger geworden, nahm ich Mrs. Hawkins’ widerwilliges Angebot gern an und ließ mich und Fergus in der Familienkutsche heimfahren.
Als ich in der Halle meinen Hut auf den Kartentisch warf, entdeckte ich die vielen Briefchen und kleinen Blumensträuße, die auf dem Tablett kaum Platz fanden. Offenbar waren wir doch noch keine Parias, auch wenn sich die skandalöse Neuigkeit im Laufe des Tages gewiß überall herumgesprochen hatte.
Ich wich den besorgten Fragen der Dienstboten aus und zog mich in unser Schlafgemach zurück. Auf dem Weg nach oben ließ ich meine äußeren Hüllen achtlos fallen. Ich fühlte mich so ausgepumpt, daß mir alles gleich war.
Aber als ich die Tür zu unserem Zimmer aufstieß und Jamie sah, der es sich in einem Sessel am Feuer bequem gemacht hatte, war meine Erschöpfung wie weggeblasen. Mich überkam eine Welle von Zärtlichkeit. Jamie hatte die Augen geschlossen, und sein Haar stand in alle Richtungen ab, ein sicheres Anzeichen für inneren Aufruhr. Doch als er mich kommen hörte, lächelte er mich an; seine blauen Augen strahlten im Kerzenlicht.
»Es ist alles gut«, flüsterte er, als er mich in die Arme schloß. »Du bist wieder da.« Dann sagten wir nichts mehr, streiften uns gegenseitig die Kleider vom Leib, sanken zu Boden und fanden endlich Zuflucht in unserer Umarmung.
Die Geliehene Zeit
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