18
vergewaltigung in Paris
Ende April gab es im Königlichen Zeughaus eine Explosion. Später hörte ich, daß ein achtloser Pförtner eine Fackel an der falschen Stelle abgelegt hatte, woraufhin das größte Schießpulver- und Feuerwaffenarsenal von Paris mit einem Donnerschlag in die Luft flog, daß die Tauben von Notre Dame aufflogen.
Da ich zu der Zeit im Hôpital des Anges arbeitete, hörte ich die Explosion selbst nicht, dafür bekam ich aber ihre Nachwirkungen zu Gesicht. Das Spital lag zwar am anderen Ende der Stadt, aber es gab so viele Verletzte, daß diejenigen, die in den anderen Krankenhäusern keine Aufnahme mehr fanden, zu uns geschafft wurden. Die verstümmelten, mit Brandwunden bedeckten Opfer wurden auf Karren geladen oder auf ein Brett gelegt und von freundlichen Mitmenschen zu uns gebracht.
Die Dunkelheit war schon hereingebrochen, als der letzte versorgt war und in Verbände gehüllt in ein Bett zwischen die schmuddeligen, anonymen Patienten des Spitals gelegt wurde.
Als ich sah, welch gewaltige Aufgabe die Schwestern erwartete, hatte ich Fergus mit der Nachricht heimgeschickt, daß ich später kommen würde. Er war in Begleitung von Murtagh zurückgekehrt, und die beiden machten es sich auf den Stufen vor dem Eingang bequem und warteten darauf, uns nach Hause zu geleiten.
Mary und ich traten müde und erschöpft durch die Flügeltür und trafen auf Murtagh, der gerade dabei war, Fergus in die Kunst des Messerwerfens einzuführen.
»Also los«, sagte er, den Rücken zu uns gewandt. »So gerade du kannst, auf drei. Eins... zwei... drei!« Bei »drei« warf Fergus eine große weiße Zwiebel und ließ sie über das unebene Gelände hüpfen.
Murtagh stand entspannt da, den Arm lässig erhoben, den Dolch in den Fingerspitzen. Als die Zwiebel vorbeisauste, zuckte sein Handgelenk schnell und scharf. Sonst zeigte er keine Regung, nicht einmal sein Kilt bewegte sich, aber die Zwiebel wurde zur Seite geschleudert und rollte tödlich getroffen im Staub zu seinen Füßen.
»B-bravo, Mr. Murtagh!« rief Mary lächelnd. Verblüfft drehte sich Murtagh um, und im Licht, das durch die Flügeltür hinter uns fiel, sah ich, wie ihm die Röte in die hageren Wangen stieg.
»Mmmpf«, brummte er.
»Tut mir leid, daß wir so spät kommen«, entschuldigte ich mich. »Es hat ziemlich lange gedauert, bis alle versorgt waren.«
»Oh, aye«, antwortete Murtagh lakonisch. Er wandte sich an Fergus. »Wir sollten versuchen, eine Kutsche aufzutreiben, Junge; in der Dunkelheit können die Damen nicht zu Fuß gehen.«
»Hier gibt es keine«, meinte Fergus achselzuckend. »Ich bin in der letzten Stunde immer wieder die Straße auf- und abgelaufen; alle freien Kutschen der Stadt sind zum Zeughaus gefahren. Aber vielleicht bekommen wir eine in der Rue du Faubourg-St.-Honoré.« Er deutete auf eine schmale dunkle Passage. »Das ist eine Abkürzung.«
Nach kurzem Bedenken nickte Murtagh zustimmend. »In Ordnung, Junge. Gehen wir.«
Auf der Gasse war es kalt; obwohl Neumond war, sah ich die weißen Wölkchen meines Atems. In Paris gab es auch in der dunkelsten Nacht immer irgendwelche Lichtquellen: Lampen- und Kerzenschein drang durch die Fensterläden und Ritzen der Holzhäuser; die Buden der Straßenhändler waren beleuchtet, und an Kutschen und Lastkarren baumelten kleine Horn- und Metallaternen.
In der nächsten Straße gab es viele Geschäfte; hier und da hatten die Kaufleute Laternen aus durchbrochenem Metall über ihren Türen oder dem Ladeneingang aufgehängt. Man verließ sich nicht darauf, daß die Polizei das Eigentum der Bürger schützte; oft taten sich mehrere Kaufleute zusammen und stellten einen Nachtwächter ein, der ihre Geschäfte bewachte. Vor dem Laden eines Segelmachers sah ich einen solchen Mann, der im Schatten auf einem Stapel gefalteten Segeltuchs kauerte, und erwiderte sein schroffes »Bonsoir, Monsieur, Mesdames« mit einem Nicken.
Als wir an dem Geschäft vorbeigingen, hörte ich den Nachtwächter jedoch plötzlich rufen.
»Monsieur! Madame!«
Murtagh wirbelte herum, um den Angriff abzuwehren, und hatte auch schon das Schwert gezogen. Als er vortrat, bemerkte ich eine Bewegung im Eingang hinter ihm. Bevor ich ihn warnen konnte, traf Murtagh ein Schlag von hinten, und er fiel mit dem Gesicht nach unten auf die Straße. Schlaff und kraftlos lag er da. Schwert und Dolch waren ihm aus der Hand geflogen und fielen scheppernd aufs Pflaster.
Ich bückte mich rasch nach dem Dolch, der an meinem Fuß vorbeischlitterte, wurde jedoch von hinten gepackt.
Kümmere dich um den Mann«, befahl eine Stimme hinter mir. »Schnell!«
Ich wand mich im Griff des Angreifers, aber seine Hände glitten zu meinen Handgelenken und verdrehten sie so brutal, daß ich laut aufschrie. Etwas Weißes blähte sich gespenstisch auf, und der »Nachtwächter«, der ein Stück weißen Stoff hinter sich herschleifte, beugte sich über den bewußtlosen Murtagh.
»Hilfe!« schrie ich. »Laßt ihn! Hilfe! Räuber! Mörder! HILFE!«
»Sei ruhig!« Ein harter Schlag traf mich am Ohr, so daß mir schwindlig wurde. Als meine Augen aufhörten zu tränen, erkannte ich ein längliches, weißes Bündel in der Gosse; Murtagh lag fein säuberlich verpackt in einem Segeltuchsack. Der falsche Nachtwächter beugte sich über ihn. Dann stand er grinsend auf, und ich bemerkte, daß er sein Gesicht von der Stirn bis zur Oberlippe hinter einer dunklen Maske verborgen hatte.
Im schwächlichen Lichtstrahl, der aus dem benachbarten Kerzengießerladen fiel, sah ich, daß er trotz der kalten Nacht nur ein Hemd anhatte, das smaragdgrün schimmerte. Dazu trug er eine Kniehose und überraschenderweise Seidenstrümpfe und Lederschuhe, und nicht etwa Holzpantinen an bloßen Füßen, wie ich es erwartet hatte. Offenbar waren es keine gewöhnlichen Banditen.
Rasch warf ich einen Blick auf Mary neben mir. Einer der Maskierten hielt sie von hinten fest, ein Arm umklammerte ihre Taille, der andere fuhr unter ihre Röcke wie ein Tier, das sich verkriecht.
Der Mann, der vor mir stand, nahm mich geradezu einschmeichelnd am Hinterkopf und zog mich an sich. Die Maske bedeckte nur seine obere Gesichtshälfte und ließ aus leicht erkennbaren Gründen seinen Mund frei. Seine Zunge drängte sich zwischen meine Lippen; sie schmeckte nach Alkohol und Zwiebeln. Ich würgte, biß zu und spuckte aus, als der Bandit von mir abließ. Er ohrfeigte mich und zwang mich in der Gosse auf die Knie.
Mary verfehlte um ein Haar meine Nase, als sie nach dem Grobian trat, der ihr unsanft den Rock hochzog. Man hörte Satin reißen und einen Schrei, als sich seine Finger zwischen ihre Schenkel gruben.
»Eine Jungfrau! Ich habe eine Jungfrau!« frohlockte er. Einer der Männer verbeugte sich höhnisch vor Mary.
»Mademoiselle, herzlichen Glückwunsch! Ihr Mann wird in der Hochzeitsnacht allen Grund haben, uns zu danken, da ihm keine lästigen Hindernisse den Weg versperren werden. Aber wir handeln selbstlos - wir verlangen keinen Dank für die Ausübung unserer Pflichten. Anderen einen Dienst erweisen zu können ist uns Dank genug.«
Wenn ich neben den seidenen Strümpfen noch einen Beweis dafür gebraucht hätte, daß unsere Gegner keine normalen Straßenräuber waren, hätte mir diese Rede - die mit johlendem Gelächter quittiert wurde - genügt. Doch damit konnte ich den maskierten Gesichtern noch keine Namen zuordnen.
Die Hände, die mich packten und wieder hochzerrten, waren manikürt, und an einer prangte an der Gabelung von Daumen und Zeigefinger ein Leberfleck. Das muß ich mir einprägen, dachte ich grimmig. Wenn sie uns am Leben ließen, könnte es sich als nützlich erweisen.
Ein anderer packte meine Arme von hinten und riß sie so unsanft hoch, daß ich laut aufschrie. In dieser Haltung wurden meine Brüste in dem tief ausgeschnittenen Mieder wie auf dem Präsentierteller dargeboten.
Der Anführer der Gruppe trug ein lose sitzendes helles Hemd, das mit dunklen Punkten, vielleicht Stickerei, verziert war. Seine Gestalt konnte ich im schattenhaften Dunkel nur schwer ausmachen. Doch als er sich vorbeugte und seine Finger taxierend über meine Brüste gleiten ließ, sah ich dunkles Haar, das mit stark duftender Pomade frisiert war. Seine Ohren waren so groß, daß er nicht zu fürchten brauchte, die Bänder der Maske könnten abrutschen.
»Keine Sorge, Mesdames«, meinte der im getupften Hemd. »Es geschieht Ihnen kein Leid. Wir wollen nur eine kleine, harmlose Übung mit Ihnen machen, und dann werden wir Sie wieder freilassen - Ihre Ehemänner oder Verlobten brauchen nichts davon zu erfahren.«
»Zunächst werden Sie uns mit Ihren süßen Lippen beehren, Mesdames«, verkündete er, trat einen Schritt zurück und zerrte an den Schnüren seiner Hose.
»Nicht die«, wandte der im grünen Hemd ein und deutete auf mich. »Die beißt.«
»Nicht, wenn sie ihre Zähne behalten will«, erwiderte sein Kumpan. »Auf die Knie, Madame, wenn ich bitten darf.« Er packte mich an den Schultern und versuchte, mich gewaltsam zu Boden zu drücken. Ich machte einen Satz nach hinten, stolperte jedoch. Er griff nach mir, um mich an der Flucht zu hindern, und die große Kapuze meines Umhangs fiel zurück. Im Kampf lösten sich meine Haarnadeln, so daß mir die Locken auf die Schultern fielen, wie Fahnen im Nachtwind flatterten und mir die Sicht nahmen.
Ich taumelte nach hinten, riß mich von dem Angreifer los und schüttelte den Kopf, um besser sehen zu können. Auf der dunklen Straße konnte ich nur dort etwas erkennen, wo Sternenlicht hinfiel oder der schwache Schein der Laternen durch die Fensterläden der Geschäfte drang.
Die Silberschnalle von Marys Schuh reflektierte das Licht. Sie lag auf dem Rücken, wehrte sich, trat nach dem Mann, der über ihr lag und fluchend versuchte, gleichzeitig seine Hose herunterzuziehen und Mary unter Kontrolle zu bringen. Dann riß Stoff, und sein Hinterteil leuchtete weiß auf.
Einer nahm mich um die Taille, hob mich hoch und zog mich nach hinten. Ich kratzte mit dem Absatz an seinem Schienbein entlang, so daß er vor Wut aufheulte.
»Halt sie!« Der im getupften Hemd trat aus dem Schatten.
»Halt du sie!« meinte der Angesprochene und warf mich seinem Kumpan unsanft in die Arme. Das Licht aus dem Hoftor schien mir in die Augen, so daß ich kurze Zeit nichts sah.
»Heilige Mutter Gottes!« Als sich der Griff um meine Arme lockerte, riß ich mich los, und der im getupften Hemd starrte mich mit offenem Mund entsetzt an. Dann wich er vor mir zurück und bekreuzigte sich.
»In nomine Patris, et Filü, et Spiritus Sancti«, brabbelte er, sich immer wieder bekreuzigend. »La Dame Blanche
»La Dame Blanche!« echote der Mann hinter mir voller Grauen.
Der im getupften Hemd entfernte sich immer weiter von mir. Dabei streckte er mir die Hand in einer nicht mehr ganz so christlicher Geste entgegen, die aber offenbar denselben Zweck erfüllen sollte wie das Bekreuzigen. Mit ausgestrecktem Zeigefinger und kleinem Finger machte er das uralte gehörnte Zeichen gegen das Böse, beschwor eine Liste religiöser Autoritäten, angefangen mit der Dreifaltigkeit bis hinab zu den niedrigeren Rängen, und rasselte dabei die lateinischen Namen so schnell herunter, daß sie kaum noch zu verstehen waren.
Zitternd und wie betäubt stand ich auf der Straße, bis mich ein schrecklicher Schrei vom Boden her in die Wirklichkeit zurückrief. Zu sehr in sein Vorhaben vertieft, um darauf zu achten, was über seinem Kopf vorging, stieß der Mann auf Mary gutturale Laute der Zufriedenheit aus. Dann begann er, seine Hüften rhythmisch zu bewegen, während Mary gellende Schreie ausstieß.
Instinktiv ging ich einen Schritt zurück, holte aus und trat ihn, so fest ich konnte, in die Rippen. Mit einem lauten Kuchen entwich die Luft aus seiner Lunge, und er rollte zur Seite.
Einer seiner Freunde stürzte auf ihn zu, packte ihn am Arm und rief: »Hoch mit dir! Sie ist La Damen Blanche! Lauf!«
Immer noch in die Raserei der Vergewaltigung versunken, starrte der Mann blöde vor sich hin und wollte sich wieder Mary zuwenden, die verzweifelt versuchte, die Falten ihrer Röcke von dem Gewicht freizubekommen, das sie festhielt. Sowohl der im grünen Hemd als auch der im getupften Hemd zogen den Vergewaltiger an den Armen und brachten ihn endlich auf die Beine. Die Hose hing ihm in Fetzen herunter, während sein blutverschmiertes erigiertes Glied zwischen den Hemdschößen zitterte.
Das Geräusch von hastig näher kommenden Schritten brachte ihn endlich zur Besinnung. Seine beiden Helfer ergriffen die Flucht und überließen ihn seinem Schicksal. Mit einem leisen Fluch humpelte er in die nächstbeste Seitengasse und wäre dabei fast über seine Hose gestolpert, die er sich im Laufen hochzog.
»Au secours! Au secours! Gendarmes!« Ein atemloser Hilferuf schallte durch die Gasse; offenbar bahnte sich der Rufer durch den Unrat auf der Straße einen Weg in unsere Richtung. Es schien zwar unwahrscheinlich, daß ein weiterer Schurke oder Wegelagerer die Gasse herunterstolperte und dabei nach der Gendarmerie rief, aber da ich nach wie vor unter Schock stand, hätte mich auch das nicht verwundert.
Doch als ich in der dunklen Gestalt, die aus der Gasse stürmte, den mit schwarzem Umhang und Schlapphut bekleideten Alexander Randall erkannte, war ich tatsächlich erstaunt. Er blickte vierstört auf den als Müllsack getarnten Murtagh, auf mich, die ich erstarrt und nach Luft ringend an der Wand lehnte, und auf die zusammengekauerte Mary, die im Schatten fast unsichtbar war. Kurze Zeit stand er ratlos da, dann wirbelte er herum und kletterte an dem schmiedeeisernen Tor empor, aus dem die Angreifer gekommen waren. Er griff nach der Laterne, die über dem Tor an einem Balken baumelte.
Das Licht war tröstlich. Auch wenn sich in seinem Schein ein jammervoller Anblick bot, bannte es zumindest die lauernden Schatten.
Marv lag zusammengekauert auf den Knien, barg den Kopf in den Armen und zitterte heftig, ohne einen Laut von sich zu geben. Ein Schuh, dessen Silberschnalle im schwankenden Licht der Laterne glitzerte, lag auf dem Pflaster.
Wie ein unheilverkündender Vogel stürzte Alex auf sie zu und kniete sich neben sie.
»Miss Hawkins! Mary! Miss Hawkins! Ist alles in Ordnung?«
»Eine verdammt dumme Frage«, bemerkte ich ziemlich schroff, als sie stöhnte und vor ihm zurückwich. »Offensichtlich ist nichts in Ordnung. Sie ist gerade vergewaltigt worden.« Mit einiger Anstrengung löste ich mich von der tröstlichen Wand und ging auf die beiden zu, wobei ich unbeteiligt registrierte, daß mir die Knie zitterten.
Sie versagten völlig ihren Dienst, als eine riesige, fledermausartige Gestalt vor meiner Nase herabsauste und mit einem dumpfen Schlag auf dem Pflaster landete.
»Ach, wer kommt denn da?« rief ich und fing völlig entnervt zu lachen an. Große Hände nahmen mich an den Schultern und schüttelten mich durch.
»Sei still, Sassenach«, sagte Jamie, dessen blaue Augen im Schein der Laterne dunkel und gefährlich blitzten. Er richtete sich auf. Als er seine Arme zu dem Dach ausstreckte, von dem er gerade gesprungen war, fielen die Falten seines blauen Samtumhangs über seine Schultern zurück. Auf Zehenspitzen stehend, erreichte er gerade den Rand des Dachs.
»Na, dann komm mal runter!« rief er ungeduldig und blickte auf. »Stell die Füße auf meine Schultern, dann kannst du über meinen Rücken auf den Boden rutschen.« Lose Dachziegel knirschten, als eine kleine dunkle Gestalt sich nach vorn schob und dann über Jamies breiten Rücken herunterglitt wie ein Affe an der Stange.
»Gut gemacht, Fergus.« Jamie klopfte dem Jungen auf die Schultern, und selbst in dem schummrigen Licht sah ich, wie dessen Wangen vor Freude glühten. Mit dem geübten Blick des Strategen erfaßte Jamie die Lage; leise befahl er Fergus, die Gasse hinunterzulaufen und nach Gendarmen Ausschau zu halten. Nachdem alle nötigen Vorkehrungen getroffen waren, ging er wieder vor mir in die Hocke.
»Alles in Ordnung, Sassenach?« erkundigte er sich.
»Nett, daß du fragst«, erwiderte ich höflich. »Ja, danke. Aber ihr geht es nicht besonders.« Ich deutete auf Mary, die immer noch zusammengerollt auf dem Boden kauerte, wie Espenlaub zitterte und vor Alexander zurückwich, der unbeholfen versuchte, sie zu tätscheln.
Jamie hatte nur einen kurzen Blick für sie übrig. »Verstehe. Wo zum Teufel ist Murtagh?«
»Dort drüben«, antwortete ich. »Hilf mir auf.«
Ich stolperte zur Gosse, wo der Sack, der Murtagh barg, herumzappelte wie eine erboste Raupe und eine erstaunliche Mixtur erstickter Flüche in drei Sprachen von sich gab.
Jamie zog seinen Dolch und schlitzte in gefühlloser Mißachtung seines Inhalts den Sack von oben bis unten auf. Aus der Öffnung sprang Murtagh wie ein Schachtelteufelchen. Ein Teil seines borstigen schwarzen Haares klebte ihm, durchtränkt von der ekelhaften Flüssigkeit, in der der Sack gelegen war, am Kopf, der andere stand ab. Das verlieh seinem Gesicht, das durch eine große dunkelrote Beule an der Stirn und ein Veilchen entstellt war, ein noch wilderes Aussehen.
»Wer hat mich niedergeschlagen?« bellte er.
»Ich war’s nicht«, meinte Jamie und zog die Brauen hoch. »Komm schon, Mann, wir haben nicht die ganze Nacht Zeit.«
 
»Das kann nicht gutgehen«, murmelte ich, während ich meine Frisur mit brillantenbesetzten Haarnadeln feststeckte. »Sie müßte medizinisch versorgt werden. Sie braucht einen Arzt!«
»Sie hat schon einen«, erklärte Jamie, hob das Kinn und knüpfte, in den Spiegel blickend, sein Halstuch. »Dich.« Dann griff er zum Kamm und ließ ihn hastig durch seine dichten roten Haare gleiten.
»Keine Zeit zum Flechten«, meinte er, hielt seinen dicken roten Schopf am Hinterkopf zusammen und fing an, in einer Schublade zu wühlen. »Hast du ein Band, Sassenach?«
»Laß mich das machen.« Ich trat hinter ihn, schlug die Haarspitzen unter und umwickelte die Haare mit einer grünen Schleife. »So ein Mist, ausgerechnet heute müssen wir eine Abendgesellschaft geben!«
Und zwar keine gewöhnliche. Der Herzog von Sandringham war als Ehrengast geladen und sollte in einem kleinen, aber erlesenen Kreis empfangen werden. Monsieur Duverney kam mit seinem ältesten Sohn, einem bekannten Bankier. Louise und Jules de La Tour gaben sich die Ehre. Und damit es ein bißchen interessanter wurde, hatten wir auch den Comte de St. Germain eingeladen.
»St. Germains!« hatte ich erstaunt ausgerufen, als Jamie mich eine Woche zuvor in seine Pläne eingeweiht hatte. »Wozu denn das?«
»Ich habe geschäftlich mit ihm zu tun«, erklärte Jamie. »Er war schon öfter hier zu Gast, bei Jared. Ich möchte die Gelegenheit nutzen und ihn beobachten, wenn er sich beim Essen mit dir unterhält. Wie ich ihn kenne, hält er mit seinen Gedanken nicht hinterm Berg.« Er nahm den weißen Kristall, den mir Maître Raymond gegeben hatte, und wog ihn nachdenklich in der Hand.
»Sieht nicht schlecht aus«, meinte er. »Ich werde ihn in Gold fassen lassen, damit du ihn um den Hals tragen kannst. Spiel damit bei der Abendgesellschaft herum, bis jemand danach fragt, Sassenach. Dann erklärst du, wofür der Kristall gut ist. Achte auf St. Germains Reaktion, wenn du davon sprichst. Wenn er dir das Gift in Versailles verabreicht hat, dann wird er sich bestimmt irgendwie verraten.«
Alles, wonach ich mich im Augenblick sehnte, war Ruhe, Stille und völlige Abgeschiedenheit, um meine Wunden zu lecken. Statt dessen erwartete mich eine Abendgesellschaft mit einem Herzog, der vielleicht ein Jakobit, vielleicht aber auch ein englischer Agent war, einem Comte, der unter Umständen als Giftmörder sein Unwesen trieb, und einem Vergewaltigungsopfer, das bei uns Unterschlupf gefunden hatte. Meine Hände zitterten so stark, daß ich die Kette mit dem Kristall kaum schließen konnte. Jamie trat hinter mich und half mir mit ruhiger Hand.
»Hast du eigentlich Nerven?« wollte ich wissen. Er zog im Spiegel eine Grimasse und legte sich die Hände auf den Magen.
»Aber gewiß doch. Nur spüre ich’s im Bauch und nicht in den Fingern. Hast du noch was von dem Zeug gegen Magenkrämpfe?
»Dort drüben.« Ich deutete auf den Medizinkasten auf dem Tisch, der noch offenstand, da ich kurz zuvor Mary verarztet hatte. »Die kleine grüne Flasche. Einen Teelöffel.«
Er ignorierte den Löffel, setzte die Flasche an die Lippen und nahm ein paar herzhafte Schlucke. Dann setzte er sie wieder ab und beäugte die Flüssigkeit mißtrauisch.
»Mein Gott, schmeckt das ekelhaft! Bist du gleich fertig, Sassenach? Die Gäste können jeden Augenblick eintreffen.«
Mary hielten wir in einem Gästezimmer im ersten Stock verborgen. Ich hatte sie sorgfältig untersucht, aber sie hatte nur einige Schürfwunden davongetragen. Schlimmer war der Schock, gegen den ich ihr eine gerade noch vertretbare Dosis Mohnsaft verabreicht hatte.
Hartnäckig hatte sich Alex Randall allen Versuchen Jamies widersetzt, ihn heimzuschicken. Ausgestattet mit der strikten Anweisung, mich zu holen, wenn sie aufwachte, hielt er jetzt bei Mary Wache.
»Warum ist der Idiot ausgerechnet in diesem Augenblick dort aufgetaucht?« überlegte ich laut, während ich in einer Schublade nach der Puderdose kramte.
»Das habe ich ihn auch gefragt«, erwiderte Jamie. »Anscheinend ist der arme Narr in Mary Hawkins verliebt. Er folgt ihr kreuz und quer durch die Stadt und läßt den Kopf hängen wie eine verwelkte Blume, weil Mary den Vicomte de Marigny heiraten soll.«
Die Puderdose fiel mir aus der Hand.
»Er-er liebt sie?« stieß ich hervor und wedelte mit der Hand, um die Puderwolke zu vertreiben.
»Das behauptet er, und ich sehe keinen Grund, an seinen Worten zu zweifeln«, sagte Jamie, während er mir fürsorglich den Puder vom Kleid klopfte. »Er war ziemlich aufgewühlt, als er es mir erzählte.«
»Das kann ich mir denken.« Zu den widersprüchlichen Gefühlen, die mich beseelten, gesellte sich jetzt noch Mitleid mit Alex Randall. Natürlich hatte er sich Mary noch nicht erklärt - was war schon die Liebe eines verarmten Sekretärs im Vergleich zu dem Reichtum und Ansehen, das eine Verbindung mit dem Geschlecht derer von Gascogne brachte? Und wie mußte er sich jetzt fühlen, nachdem man sie buchstäblich vor seiner Nase brutal angegriffen hatte?
»Warum hat er ihr denn keinen Antrag gemacht? Sie wäre auf der Stelle mit ihm durchgebrannt.« Denn der blasse englische Hilfsgeistliche war zweifelsfrei das »vergeistigte« Objekt von Marys stummer Anbetung.
»Randall ist ein Gentleman«, erklärte Jamie und reichte mir eine Feder und einen Tiegel mit Rouge.
»Du meinst, er ist ein Esel«, entgegnete ich ungnädig.
Jamies Lippen zuckten. »Na ja, vielleicht, und überdies ist er ein armer Esel; mit seinem Einkommen kann er keinen Hausstand gründen, wenn Mary von ihrer Familie verstoßen wird - was sicherlich geschehen würde, wenn sie mit Alex durchbrennt. Und er ist gesundheitlich angeschlagen; also würde er schwerlich eine andere Stellung finden, wenn ihn der Herzog ohne Zeugnis entläßt.«
»Bestimmt wird sie von einem der Dienstboten entdeckt.« Mit dieser schon einmal geäußerten Sorge wollte ich mich von den neuesten tragischen Enthüllungen ablenken.
»Nein, bestimmt nicht. Die haben genug zu tun. Und morgen früh hat sich Mary vielleicht so weit erholt, daß sie ins Haus ihres Onkels zurückkehren kann. Ich habe ihn davon benachrichtigt«, fügte Jamie hinzu, »daß sie im Haus einer Freundin übernachtet, weil es spät geworden ist. Ich wollte vermeiden, daß man nach ihr sucht.«
»Ja, aber...«
»Sassenach.« Er legte mir beschwichtigend die Hände auf die Schultern und fing meinen Blick im Spiegel auf. »Niemand darf sie zu Gesicht bekommen, bevor sie sich wieder ganz normal benimmt. Wenn bekannt wird, was man ihr angetan hat, ist ihr Ruf ruiniert.«
»Ihr Ruf! Es ist doch nicht ihre Schuld, daß sie vergewaltigt wurde!« Meine Stimme zitterte, und der Griff um meine Schultern wurde fester.
»Es ist nicht recht, Sassenach, aber so ist es nun mal. Wenn bekannt wird, daß sie keine Jungfrau mehr ist, bekommt sie keinen Mann mehr - sie wäre entehrt und müßte bis ans Ende ihrer Tage ledig bleiben.« Er drückte meine Schulter, ließ mich schließlich los und half mir, eine Haarnadel in meine gefährlich hochgetürmte Frisur zu stecken.
»Mehr können wir für sie nicht tun, Claire«, sagte er. »Sie vor Schaden bewahren, sie heilen, so gut es geht - und den dreckigen Bastard finden, der es getan hat.« Er wandte sich ab und suchte in meinem Schmuckkästchen nach seiner Krawattennadel. »Bei Gott«, fügte er über das Kästchen gebeugt hinzu, »glaubst du, ich weiß nicht, was es für sie bedeutet? Oder für ihn?«
Ich legte meine Hand auf seine suchenden Finger und drückte sie. Er erwiderte den Druck, dann hauchte er rasch einen Kuß auf meine Hand.
»Allm<ichtiger, Sassenach! Deine Finger sind eiskalt.« Er drehte mich um und sah mich ernst an. »Ist mit dir alles in Ordnung, Mädel?«
Was immer er in meinem Gesicht sah, entrang ihm ein weiteres »Mein Gott«. Er sank auf die Knie und zog mich an seine gerüschte Hemdbrust. Ich hörte auf, Mut vorzutäuschen, und klammerte mich an ihn.
»Ach Gott, Jamie. Ich hatte solche Angst. Ich habe solche Angst. Lieber Himmel, ich möchte jetzt mit dir schlafen.«
Er lachte und zog mich noch enger an sich.
»Du glaubst, das würde helfen?«
»Ja.«
Mir war, als würde ich mich erst wieder sicher fühlen können, wenn ich geborgen in unserem Bett lag, umgeben von der schützenden Stille des Hauses, und Jamies Wärme und Stärke neben mir, in mir spürte. Die Freude über unsere Vereinigung würde mir wieder Mut machen und Sicherheit geben und das entsetzliche Gefühl der Hilflosigkeit auslöschen, das die versuchte Vergewaltigung hinterlassen hatte.
Er nahm mein Gesicht in seine Hände und küßte mich, so daß die Angst vor der Zukunft und das Grauen der nächtlichen Erlebnisse für einen Augenblick von mir abfielen. Dann trat er zurück und lächelte. Auch er hatte Sorgenfalten, aber in seinen Augen konnte ich nichts weiter sehen als mein kleines Spiegelbild.
»Dann tun wir es auf jeden Fall«, sagte er zärtlich.
 
Wir waren ohne Zwischenfälle beim zweiten Gang angelangt, und ich entspannte mich allmählich, obwohl meine Hand über der Bouillon immer noch zitterte.
»Faszinierend!« rief ich und ermutigte damit Monsieur Duverney den Jüngeren, mit seinem Bericht fortzufahren, während ich gleichzeitig auf etwaige verdächtige Geräusche aus dem oberen Stockwerk lauschte.
Ich fing Magnus’ Blick auf, während er mir gegenüber den Comte de St. Germain bediente, und schenkte ihm ein anerkennendes Lächeln, so gut das mit einem Mund voll Fisch ging. Zu wohlerzogen, um mein Lächeln in der Öffentlichkeit zu erwidern, dankte er mir mit einem leichten Nicken und bediente weiter. Meine Hand wanderte zu dem Kristall an meinem Hals, und ich spielte herausfordernd damit, doch der Comte ließ sich seine Forelle mit Mandeln ohne jedes Anzeichen von Verstörung schmekken.
Unterdessen führten Jamie und Duverney der Ältere am anderen Ende der Tafel ein lebhaftes Gespräch. Die Speisen blieben unbeachtet, da Jamie mit der linken Hand Zahlen auf ein Blatt Papier kritzelte. Schach oder Geschäftliches, fragte ich mich.
Als Ehrengast nahm der Herzog von Sandringham den besten Platz an der Tafel ein. Die ersten Gänge hatte er mit der Begeisterung des wahren Genießers vertilgt und unterhielt sich nun angeregt mit Madame d’Arbanville zu seiner Rechten. Da der Herzog zu dieser Zeit der namhafteste Engländer in Paris war, hatte Jamie sich die Mühe gemacht, die Bekanntschaft mit ihm zu pflegen - in der Hoffnung, auf Gerüchte zu stoßen, die zum Absender der musikalischen Botschaft an Charles Stuart führen würden. Doch meine Aufmerksamkeit wanderte immer wieder vom Herzog zu seinem Gegenüber - Silas Hawkins.
Ich hätte auf der Stelle tot umfallen und damit allen Beteiligten Ärger ersparen können, als der Herzog durch die Tür spaziert kam, beiläufig über die Schulter blickte und meinte: »Mrs. Fraser, Sie kennen Hawkins doch bereits, nicht wahr?«
Aus den fröhlichen kleinen Augen des Herzogs sprach die treuherzige Gewißheit, daß ich ihm seinen Wunsch nicht abschlagen würde, also lächelte ich, nickte und bat Magnus, noch ein Gedeck aufzulegen. Als Jamie sah, wie Mr. Hawkins durch die Salontür schritt, erweckte er den Eindruck, noch eine Dosis Magentropfen vertragen zu können. Doch er nahm sich zusammen, streckte Mr. Hawkins die Hand entgegen und begann ein Gespräch über die Gasthäuser auf dem Weg nach Calais.
Ich warf einen Blick auf die Uhr über dem Kaminsims. Wie lange würde es noch dauern, bis sie endlich alle fort waren? Im Geiste ging ich die bereits servierten und die noch geplanten Gänge durch. Bald kam das Dessert, dann der Salat und der Käse. Weinbrand und Kaffee für die Herren, Likör für die Damen. Ein, zwei Stunden anregende Gespräche. Nicht zu anregend, bei Gott, sonst blieben sie womöglich bis zum Morgengrauen.
Nun war vom Unwesen der Bandenräuber die Rede. Ich ließ den Fisch stehen und nahm ein Brötchen.
»Und ich habe gehört, daß einige dieser Banden nicht nur aus Pöbel bestehen, wie man erwarten könnte, sondern aus jungen Adligen!« General d’Arbanville verzog den Mund ob dieser unglaublichen Vorstellung. »Sie tun es zum Zeitvertreib - Zeitvertreib! Als wäre das Ausrauben ehrbarer Männer und der Frevel gegen Damen nichts anderes als ein Hahnenkampf!«
»Wie merkwürdig«, bemerkte der Herzog mit der Gleichgültigkeit eines Mannes, der auf all seinen Wegen ein großes Gefolge hinter sich weiß. Eine Platte mit pikanten Nachspeisen wurde gereicht, von denen er sich ein halbes Dutzend auf seinen Teller schaufelte.
Jamie warf mir einen Blick zu und erhob sich.
»Wenn Sie erlauben, Mesdames, Messieurs«, sagte er mit einer Verneigung, »ich habe einen hervorragenden Portwein anzubieten, den ich Eure Hoheit kosten lassen möchte. Ich hole ihn aus dem Keller.«
»Es muß der Belle Rouge sein«, meinte Jules de La Tour und leckte sich die Lippen. »Es erwartet Euch eine wahre Köstlichkeit, Eure Hoheit. Einen solchen Wein habe ich noch nirgendwo getrunken.«
»Tatsächlich? Dazu werdet Ihr aber bald Gelegenheit haben, Monsieur le Prince«, mischte sich der Comte de St. Germain ein, »sogar zu etwas noch Besserem.«
»Der Belle Rouge ist nicht zu übertreffen!« rief General d’Arbanville.
»Aber gewiß doch«, erklärte der Comte selbstgefällig. »Ich habe einen neuen Port entdeckt. Er wird auf der Insel Gostos vor der portugiesischen Küste erzeugt und abgefüllt. Tiefrot wie Rubin, und ein Aroma, neben dem der Belle Rouge wie gefärbtes Wasser schmeckt. Ich habe einen Vertrag über die Abnahme des gesamten Jahrgangs. Er wird im August geliefert.«
»Tatsächlich, Monsieur le Comte?« Silas Hawkins zog die buschigen, ergrauten Brauen hoch. »Sie haben also einen neuen Partner gefunden, der ins Geschäft investiert? Soviel ich weiß, waren Ihre eigenen Mittel... erschöpft - so könnte man wohl sagen - nach der traurigen Zerstörung der Patagonia.« Er nahm ein Käsehäppchen von der Platte und schob es sich genüßlich in den Mund.
Die Gesichtsmuskeln des Comte erstarrten, und über unser Ende der Tafel senkte sich bedrücktes Schweigen. Dem Seitenblick, den mir Mr. Hawkins zwvarf, und dem leisen Lächeln um seine Lippen entnahm ich, daß er alles über meine Rolle bei der Zerstörung der unglücklichen Pntagonia wußte.
Wieder griff ich nach meinem Kristall, aber der Comte sah mich nicht an. Über seiner Spitzenkrawatte war ihm die Röte ins Gesicht gestiegen, und er musterte Mr. Hawkins mit unverhohlener Abneigung. Jamie hatte recht, aus seinen Gefühlen machte er kein Geheimnis.
»Glücklicherweise, Monsieur«, erklärte er, seinen Zorn mit sichtlicher Anstrengung zügelnd, »habe ich in der Tat einen Partner gefunden, der in diese Unternehmung zu investieren wünscht. Es handelt sich um einen Landsmann unseres freundlichen Gastgebers.« Er nickte hämisch in Jamies Richtung, der soeben, gefolgt von Magnus mit einer riesigen Karaffe Belle Rouge, durch die Tür trat.
Hawkins hörte auf zu kauen und öffnete neugierig den Mund - ein unschöner Anblick. »Ein Schotte? Wer? Ich hätte nicht gedacht, daß es neben den Frasers noch Schotten im Pariser Weingeschäft gibt.«
Die Augen des Comte leuchteten amüsiert auf, als sein Blick von Mr. Hawkins zu Jamie wanderte. »Ich denke, es ist strittig, ob man den fraglichen Investor zur Zeit als Schotten betrachten darf; nichtsdestoweniger ist er Monsieur Frasers Landsmann. Er heißt Charles Stuart.«
Diese Neuigkeit zeigte die Wirkung, die sich der Comte erhofft haben dürfte. Silas Hawkins richtete sich kerzengerade auf und verschluckte sich an dem Ausruf, der ihm auf den Lippen lag. Jamie, der schon das Wort ergreifen wollte, schloß den Mund, setzte sich und musterte den Comte nachdenklich. Jules de La Tour versprühte erstaunte Bemerkungen und Speicheltröpfchen, und auch die d’Arbanvilles zeigten sich verwundert. Selbst der Herzog blickte von seinem Teller auf und zwinkerte dem Comte neugierig zu.
»Wirklich?« sagte er. »Soweit ich weiß, sind die Stuarts arm wie Kirchenmäuse. Sind Sie sicher, daß er Sie nicht hinters Licht führt?«
»Ich beabsichtige keineswegs, Verleumdungen oder Verdächtigungen auszusprechen«, warf Jules de La Tour ein, »aber bei Hof ist bekannt, daß die Stuarts kein Geld haben. Es ist zwar richtig, daß sich einige Jakobiten in letzter Zeit um Mittel bemüht haben, aber ohne Erfolg, soviel ich gehört habe.«
»Das stimmt«, bestätigte Duverney der Jüngere, der sich interessiert vorlehnte. »Charles Stuart hat sich an zwei Bankiers gewandt, die ich kenne, aber keiner will ihm unter den gegebenen Umständen eine bedeutende Summe vorstrecken.«
Rasch warf ich Jamie einen Blick zu, der mit einem fast unmerklichen Nicken antwortete. Das waren gute Nachrichten. Aber was hatte es mit der Geschichte des Comte auf sich?
»Es ist aber die Wahrheit«, sagte dieser kämpferisch. »Seine Hoheit hat von einer italienischen Bank ein Darlehen von fünfzehntausend Livres erhalten und mir die gesamte Summe überlassen, um ein Schiff anzuheuern und die Flaschenfüllung des Jahrgangs zu bezahlen. Ich habe den unterzeichneten Brief hier.« Er klopfte sich zufrieden auf die Brust, warf einen triumphierenden Blick in die Runde und verweilte schließlich bei Jamie.
»Mein Herr«, sagte er und wies auf die Karaffe, die vor Jamie auf dem weißen Tischtuch stand, »werden Sie uns nun von diesem berühmten Wein kosten lassen?«
»Selbstverständlich«, murmelte Jamie. Mechanisch griff er nach dem ersten Glas.
Louise, die den ganzen Abend still vor sich hin gegessen hatte, bemerkte Jamies Unbehagen. Daher beschloß sie, mir freundschaftlich beizuspringen und das Gespräch auf ein unverfängliches Thema zu lenken.
»Welch schönen Stein du da am Hals trägst, ma chère«, sagte sie und deutete auf meinen Kristall. »Woher stammt er?«
»Oh, dieser?« sagte ich. »Also, eigentlich...«
Ein gellender Schrei schnitt mir das Wort ab. Er brachte das Gespräch zum Erliegen und ließ den Kristallkronleuchter erzittern.
»Mon Dieu.« Der Comte de St. Germain brach das Schweigen. »Was...
Es folgte ein weiterer Schrei, dann noch einer. Offensichtlich kam der Lärm aus dem Treppenhaus.
Die Gäste erhoben sich von der Tafel wie eine aufgeregte Horde Gänse und strömten in die Halle, wo sich Mary Hawkins in ihrem zerfetzten Hemd auf dem Treppenabsatz zeigte. Da stand sie, wie zum die größtmögliche Wirkung bemüht, mit weit aufgerissenem Mund, die Arme vor der Brust verschränkt, wo die Risse im Stoff nur allzu deutlich die blauen Flecken offenbarten, die grapschende Hände an Marys Brüsten und Armen hinterlassen hatten.
Ihre Pupillen erschienen im Licht des Kandelabers winzig klein, und aus ihren Augen sprach namenlose Angst. Sie schaute hinab, nahm aber offensichtlich weder die Treppe noch die fassungslosen Zuschauer wahr.
»Nein«, kreischte sie. »Nein! Lassen Sie mich! Bitte, ich flehe Sie an! FASSEN SIE MICH NICHT AN!« Von der Droge umnebelt, wie sie war, spürte sie dennoch eine Bewegung hinter sich, denn sie drehte sich um und schlug wild um sich. Das Opfer ihrer Attacke war Alex Randall, der sich vergeblich bemühte, sie festzuhalten und zu beruhigen.
Unglücklicherweise sahen seine Anstrengungen aus unserer Perspektive eher aus wie die eines zurückgewiesenen Verführers, der nicht lockerlassen will.
»Nom de Dieu«, entfuhr es General d’Arbanville. »Racaille! Lassen Sie sie sofort Los! Der alte Soldat hechtete mit einer für sein Alter erstaunlichen Behendigkeit zur Treppe, während er instinktiv nach seinem Schwert griff - das er glücklicherweise an der Tür abgelegt hatte.
Hastig warf ich mich und meine voluminösen Röcke vor den Comte und Duverney den Jüngeren, die Anstalten machten, den General bei der Rettung zu unterstützen, aber Marys Onkel, Silas Hawkins, konnte ich nicht aufhalten. Mit hervorquellenden Augen und starr vor Schreck stand der Weinhändler einen Moment da, dann senkte er den Kopf und bahnte sich wie ein wütender Stier seinen Weg durch die Zuschauer.
Angstvoll hielt ich nach Jamie Ausschau, den ich am Rand der Menge entdeckte. Ich warf ihm einen fragenden Blick zu; in dem Stimmengewirr, durchsetzt von Marys schrillen Schreien, hätte er meine Zurufe ohnehin nicht gehört.
Jamie zuckte die Achseln, dann schaute er sich um. Sein Blick fiel auf einen dreibeinigen Tisch an der Wand, auf dem eine Vase mit Chrysanthemen stand. Er blickte auf, schätzte die Entfernung ab, schloß kurz die Augen, als empfähle er seine Seele Gott, dann schritt er zur Tat.
Er sprang auf den Tisch, griff nach dem Geländer, schwang sich darüber und erreichte den Treppenabsatz knapp vor dem General. Diesen akrobatischen Akt quittierten ein oder zwei Damen mit gedämpften Schreien der Bewunderung, in die sich Ausrufe des Entsetzens mischten.
Die Rufe wurden lauter, als Jamie die verbleibenden Stufen nahm, sich gewaltsam zwischen Mary und Alex drängte, letzteren an den Schultern packte, sorgfältig Maß nahm und ihn mit einem gezielten Kinnhaken niederschlug.
Alex, der seinen Brotherrn am Fuße der Treppe mit offenem Mund angestarrt hatte, ging willenlos in die Knie und sank in sich zusammen, die Augen immer noch weit aufgerissen, aber mit einem Mal so blicklos wie Marys.
Die Geliehene Zeit
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