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Der Fluch der Seherin
Die meisten Tieflandschotten waren in den beiden
vorhergehenden Jahrhunderten zur presbyterianischen Kirche
übergetreten. Es gab Hochlandclans, die sich ihnen anschlossen,
andere aber, darunter die Frasers und die MacKenzies, waren ihrem
katholischen Glauben treu geblieben. Besonders die Frasers mit
ihren engen Verbindungen zum katholischen Frankreich.
Es gab auf Beaufort eine kleine Kapelle, aber die
inzwischen recht verfallene Abtei von Beauly war und blieb auch
weiterhin die Begräbniskirche der Lovats. Der Fußboden im Altarraum
war mit Grabplatten der verstorbenen Lovats gepflastert.
Es war ein friedlicher Ort, den ich manchmal trotz
des kalten, stürmischen Wetters aufsuchte. Ich hatte keine Ahnung,
ob die Drohung des alten Simon wirklich ernst gemeint war.
Vielleicht hatte ihn Jamie, der mich mit Dame Aliset verglichen
hatte - einer legendären »Weißen Frau« oder Heilerin, das
schottische Pendant zu La Dame Blanche - von seinem Vorhaben
abgebracht. Aber ich war mir sicher, daß es niemand wagen würde,
mich bei den Gräbern der verblichenen Frasers anzugreifen.
Eines Nachmittags, ein paar Tage nach jener Szene
in der Bibliothek, als ich eben durch einen Mauerspalt in die
verfallene Abteikirche geschlüpft war, merkte ich, daß ich nicht
allein war. Die hochgewachsene Frau, die ich vor Lovats Bibliothek
gesehen hatte, saß auf einer roten Grabplatte. Fröstelnd hatte sie
die Arme vor der Brust verschränkt und die langen Beine von sich
gestreckt.
Ich wich zurück, aber sie sah mich und winkte mich
heran.
»Sie sind die Herrin von Broch Tuarach?« sagte sie
mit ihrer weichen Hochlandstimme. Es klang mehr wie eine
Feststellung denn eine Frage.
»Ja. Und Sie sind... Maisri?«
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ihre Züge
waren interessant, etwas asymmetrisch, wie die Gesichter der Frauen
auf Modiglianis Gemälden. Das lange schwarze Haar hing ihr lose auf
die Schultern herab; es war schon weiß durchwirkt, obwohl sie
offensichtlich noch jung war. Eine Seherin? Sie sah wirklich danach
aus.
»Aye, ich habe das Zweite Gesicht«, sagte sie und
lächelte.
»Sie können auch Gedanken lesen, nicht wahr?«
fragte ich.
Ihr Lachen wurde vom Wind fortgetragen, der durch
das verfallene Gemäuer strich.
»Nein, Lady. Aber ich lese in den Gesichtern,
und...«
»Und meines ist ein offenes Buch, ich weiß«,
seufzte ich.
Eine Zeitlang standen wir nebeneinander und
beobachteten den feinen Schneeregen, der gegen den Sandstein und
auf das dichte braune Gras sprühte, das den Kirchhof
überwucherte.
»Man sagt, Sie seien eine Weiße Frau«, sagte Maisri
plötzlich. Fragend sah sie mich an, aber ohne jene Erregung, die
eine solche Äußerung gewöhnlich begleitete.
»Man sagt es«, nickte ich.
»Ah.« Sie schwieg und blickte auf ihre langen
schmalen Füße, die in Wollstrümpfen und Ledersandalen steckten.
Meine Zehen, die weitaus wärmer eingepackt waren, wurden langsam
taub. Da sie sich schon etwas länger hier aufhielt, mußten ihre
Füße zu Eis gefroren sein.
»Was machen Sie hier?« fragte ich. Bei Sonnenschein
war die Abtei wunderschön und die Ruhe wohltuend. Aber bei Schnee
und Regen konnte man sich gemütlichere Plätze vorstellen.
»Ich komme hierher, um nachzudenken«, antwortete
sie. Sie lächelte mich an, schien aber irgendwie beunruhigt. Was
auch immer sie beschäftigte, es war nichts Angenehmes.
»Worüber?« fragte ich und setzte mich auf die
Grabplatte neben sie. Die Figur eines Ritters war darauf
eingemeißelt, sein Breitschwert hielt er in der Hand, die Arme über
der Brust gekreuzt.
»Ich möchte wissen, warum!« brach es aus ihr
heraus. Ihr schmales Gesicht war voller Empörung.
»Warum was?«
»Warum! Warum ich sehen kann, was geschehen wird,
wenn ich es doch nicht ändern kann! Welchen Nutzen bringt eine
solche
Gabe? Es ist keine Gabe, es ist ein Fluch, und ich habe nichts
getan, ihn zu verdienen!«
Sie wandte sich um und starrte erzürnt auf den in
Stein gehauenen Thomas Fraser, der gelassen unter seinem Helm
hervorblickte.
»Aye, vielleicht ist es dein Fluch, du alter Narr!
Du und deine ganze verdammte Familie! Haben Sie jemals darüber
nachgedacht?« fragte sie plötzlich und zog die Augenbrauen hoch.
Ihre klugen Augen sprühten vor Empörung.
»Haben Sie sich jemals Gedanken gemacht, daß es
womöglich gar nicht Ihr eigenes Schicksal ist, das Sie zu dem
macht, was Sie sind? Daß Sie vielleicht nur deshalb das Zweite
Gesicht haben, weil es einem anderen nutzt, und gar nichts mit
Ihnen selbst zu tun hat - nur eben, daß Sie es sind, die diese Gabe
besitzt und darunter leiden muß?«
»Ich weiß nicht«, sagte ich zögernd. »Oder ja,
jetzt, da Sie es sagen, ich habe darüber nachgedacht. Warum gerade
ich? Das fragt man sich natürlich die ganze Zeit. Aber ich bin nie
zu einer befriedigenden Antwort gelangt. Sie glauben, Sie haben
diese Fähigkeit vielleicht deshalb, weil die Frasers dazu verdammt
sind, den Zeitpunkt ihres Todes schon vor der Zeit zu erfahren? Das
ist ja eine höllische Vorstellung.«
»Ja, höllisch«, nickte sie bitter. Sie lehnte sich
gegen das Grabmal aus rotem Stein und starrte in den
Schneeregen.
»Was meinen Sie?« fragte sie plötzlich. »Soll ich
es ihm sagen?«
Ich war verblüfft.
»Wem? Dem Herrn von Lovat?«
»Ja, Seiner Lordschaft. Er fragt, was ich sehe, und
er schlägt mich, wenn ich ihm sage, daß es nichts zu sehen gibt. Er
weiß es; er sieht es mir an, wenn ich das Zweite Gesicht gehabt
habe. Ich habe keine Macht außer der Macht, nicht zu sagen, was ich
weiß.« Ihre langen weißen Finger kamen unter ihrem Umhang hervor
und spielten nervös mit den Falten des regennassen Tuchs.
»Aber es besteht doch immer eine Chance, nicht
wahr?«« fuhr sie fort. Sie hatte den Kopf geneigt, so daß die
Kapuze ihres Umhangs ihr Gesicht verhüllte. »Es besteht doch die
Chance, daß es etwas ändert, wenn ich es sage. Ab und zu war das
der Fall, wissen Sie. Ich habe es Lachlan Gibbons gesagt, als ich
seinen Schwiegersohn von Seegras umschlungen vor mir sah.
Aufmerksam hörte Lachlan zu; dann ging er hinaus und schlug ein
Loch in das Boot seines Schwiegersohnes.
« Sie mußte lachen. »Mein Gott, das war eine Geschichte! Aber als
eine Woche später der große Sturm kam, ertranken drei Männer, und
Lachlans Schwiegersohn saß zu Hause und besserte sein Boot aus. Und
als ich ihn das nächstemal sah, war sein Hemd trocken, und in
seinem Haar hing kein Seegras mehr.«
»Also ist es doch möglich«, sagte ich leise.
»Manchmal.«
»Manchmal«, nickte sie, weiterhin auf den Boden
starrend. Lady Sarah Fraser lag zu ihren Füßen, auf der Grabplatte
befand sich ein Totenschädel mit überkreuzten Gebeinen. Hodie
mihi cras tibi, lautete die Inschrift. Sic transit gloria
mundi. Heute ich, morgen du. So vergeht der Ruhm der
Welt.
»Manchmal auch nicht. Wenn ich einen Mann in seinem
Leichentuch sehe, dann wird er krank - und daran ist nichts zu
ändern.«
»Mag sein«, sagte ich. Ohne Medikamente, ohne
Instrumente, ohne Wissen - ja, dann war Krankheit Schicksal, und es
war nichts zu machen. Aber wenn ein Heiler oder eine Heilerin zur
Stelle war und die Mittel besaß, um zu heilen... war es möglich,
daß Maisri die Schatten einer bevorstehenden Krankheit wie ein
echtes Symptom, so wie Fieber oder Ausschlag, sah? Und wurde dann
allein durch den Mangel an medizinischem Wissen die Prophezeiung
zum Todesurteil? Ich würde es niemals erfahren.
»Wir werden es niemals erfahren«, sagte ich und
wandte mich an sie. »Wir können es nicht sagen. Wir wissen Dinge,
die andere Menschen nicht wissen, und wir können nicht erklären,
wie oder warum. Wir besitzen diese Fähigkeit - und Sie haben recht,
es ist ein Fluch. Aber wenn man Wissen besitzt, das Schaden
abwenden könnte... glauben Sie, daß man auch Schaden verursachen
kann?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Das weiß ich nicht. Wenn man weiß, daß man bald
sterben wird, was würde man dann tun? Würde man nur Gutes tun oder
würde man seine allerletzte Chance nutzen, seinen Feinden Schaden
zuzufügen - Schaden, der sonst vermieden worden wäre?«
»Wenn ich das bloß wüßte.« Wir schwiegen wieder und
sahen zu, wie sich der Schneeregen allmählich in Schnee verwandelte
und die Flocken durch die verfallenen Mauern der Abteikirche
wirbelten.
»Manchmal weiß ich, daß etwas zu sehen ist«, sagte
Maisri, »aber ich kann es ausblenden, einfach nicht hinsehen. So
war es
auch bei Seiner Lordschaft; ich wußte, da war etwas, aber es
gelang mir, es nicht zu sehen. Aber dann befahl er mir, den Spruch
zu sprechen, der die Vision klar hervortreten läßt. Und das habe
ich getan.« Als sie den Kopf nach oben wandte, glitt ihre Kapuze
herab. Ihr weißdurchwirktes schwarzes Haar wehte im Wind.
»Er stand vor dem Feuer, aber es war taghell, und
ich sah es deutlich. Ein Mann stand hinter ihm, unbeweglich wie ein
Baum, mit schwarz verhülltem Gesicht. Und über das Gesicht Seiner
Lordschaft fiel der Schatten eines Beiles.«
Ihre Stimme klang nüchtern, dennoch lief mir ein
Schauer über den Rücken. Dann seufzte sie und sah mich an.
»Ja, ich glaube, ich sage es ihm, und dann soll er
machen, was er will. Verdammnis oder Rettung - das liegt nicht in
meiner Hand. Er hat die Wahl - und der Herr Jesus Christus möge ihm
beistehen.«
Sie wandte sich zum Gehen, ich glitt von dem
Grabstein und landete auf Lady Sarahs Grabplatte.
»Maisri«, sagte ich. Sie sah mich aus ihren
schwarzen Augen aufmerksam an.
»Aye?«
»Was sehen Sie, Maisri?« fragte ich und blieb
unbeweglich vor ihr stehen.
Sie sah mich eindringlich von allen Seiten an. Dann
lächelte sie und schüttelte den Kopf.
»Ich sehe nichts, nur Sie, Lady«, sagte sie leise.
»Nur Sie sind zu sehen.«
Sie drehte sich um und verschwand auf dem schmalen
Weg zwischen den Bäumen.
Verdammnis oder Rettung. Das liegt nicht in meiner
Hand. Ich habe nur die Macht des Wissens, keine Fähigkeit, andere
meinem Willen zu unterwerfen, keine Möglichkeit, sie daran zu
hindern, das zu tun, was sie tun werden. Da bin nur ich.
Ich schüttelte mir den Schnee vom Umhang, folgte
Maisri auf dem schmalen Weg und teilte mit ihr das bittere Wissen,
daß ich ganz allein dastand. Und nur ich allein - das war nicht
genug.
Der alte Simon verhielt sich in den folgenden
zwei, drei Wochen nicht anders als gewöhnlich, obwohl Maisri ihm
ihre Vision bestimmt geschildert hatte. Doch während er zuvor
geneigt schien, die Clansmänner und Pächter herbeizurufen und in
den Kampf zu
schicken, änderte er nun plötzlich seine Meinung und sagte, es
hätte überhaupt keine Eile damit. Diese Unentschlossenheit machte
den jungen Simon furchtbar wütend, der es kaum erwarten konnte, in
den Krieg zu ziehen und auf dem Schlachtfeld Ruhm und Ehre zu
erwerben.
»Es hat keine Eile«, sagte der alte Simon zum x-ten
Mal, nahm ein Stück Haferkuchen in die Hand, roch daran und legte
es wieder zurück. »Vielleicht sollten wir bis nach der
Frühjahrssaat warten.«
»Bis zum Frühjahr können sie in London sein!« Der
junge Simon blickte seinen Vater finster an und griff nach der
Butter. »Wenn du schon selbst nicht gehen willst, dann laß
wenigstens mich mit Seiner Hoheit in den Kampf ziehen!«
»Eile ist des Teufels«, murmelte Lord Lovat vor
sich hin. Dann fügte er etwas lauter hinzu: »Wirst du denn niemals
lernen abzuwarten?«
»Die Zeit des Abwartens ist längst vorbei!« platzte
Simon heraus. »Die Camerons, die MacDonalds, die MacGillivrays -
sie alle waren schon von Anfang an dabei. Sollen wir denn die
letzten sein und am Ende als Bettler auftreten? Sollen wir hinter
Clanranald und Glengarry den zweiten Platz einnehmen? Dann ist es
mit der Herzogswürde auch vorbei!«
Lovat hatte einen großen ausdrucksstarken Mund;
noch in seinem Alter drückte sich darin etwas von seinem Humor und
seiner Sinnlichkeit aus. Doch jetzt preßte er die Lippen fest
aufeinander und betrachtete seinen Erben verdrießlich.
»In Eile gefreit, in Muße bereut«, sagte er. »Und
bei der Wahl eines Kriegsherrn gilt das um so mehr. Eine Frau kann
man wieder loswerden.«
Der junge Simon schnaubte wütend und sah Jamie
hilfesuchend an. Im Laufe der letzten beiden Monate war sein
anfänglicher Argwohn einem widerwilligen Respekt für seinen in der
Kriegskunst offenkundig ziemlich bewanderten Verwandten
gewichen.
»Jamie sagt...«, begann er.
»Ich weiß sehr wohl, was er sagt«, fiel ihm der
alte Simon ins Wort. »Er hat es oft genug wiederholt. Ich werde mir
Zeit lassen bei der Entscheidung. Aber vergiß eines nicht, mein
Junge: Wenn man im Krieg Partei ergreifen will, hat es noch nie
geschadet abzuwarten.«
»Abwarten, um zu sehen, wer gewinnt«, murmelte
Jamie und
wischte seinen Teller mit einem Stück Brot aus. Der Alte blickte
ihn scharf an, entschloß sich aber, diesen Gesprächsbeitrag zu
übergehen.
»Du hast den Stuarts dein Wort gegeben«, fuhr der
junge Simon unnachgiebig fort. »Du willst doch nicht etwa
wortbrüchig werden? Was werden die Leute über deine Ehre
sagen?«
»Nicht mehr und nicht weniger als im Jahr 1715«,
erwiderte sein Vater in aller Seelenruhe. »Die meisten, die damals
etwas dazu zu sagen hatten, sind heute tot, bankrott oder sitzen
verarmt in Frankreich. Ich hingegen bin immer noch hier.«
»Aber...« Der junge Simon war hochrot im Gesicht,
wie so häufig, wenn er sich mit seinem Vater anlegte.
»Es reicht jetzt«, unterbrach ihn der Alte heftig.
Er sah seinen Sohn kopfschüttelnd an. »Guter Gott! Manchmal
wünschte ich mir, Brian wäre noch am Leben. Er mag ein Narr gewesen
sein, aber wenigstens wußte er, wann es genug war.«
Der junge Simon und Jamie waren beide vor Ärger rot
im Gesicht, aber nachdem sie sich einen wachsamen Blick zugeworfen
hatten, wandten sie ihre Aufmerksamkeit dem Essen zu.
»Und was betrachten Sie so aufmerksam?« murmelte
Lord Lovat. Er hatte meinen Blick aufgefangen.
»Sie«, sagte ich offen heraus. »Sie sehen gar nicht
gut aus.« Das war richtig. Lord Lovat war mittelgroß und im Alter
etwas in die Breite gegangen, doch normalerweise wirkte er noch
rüstig und voller Energie. Doch in letzter Zeit machte er einen
müden und geschwächten Eindruck, als wäre er irgendwie geschrumpft.
Die Ringe unter seinen Augen waren tiefer geworden, und er sah
kränklich blaß aus.
»Mmmpf«, murmelte er. »Natürlich nicht. Im Bett
finde ich keine Ruhe, und wenn ich wach bin, auch nicht. Kein
Wunder, wenn ich nicht wie ein frischgebackener Bräutigam
aussehe.«
»Aber doch, Vater«, warf der junge Simon boshaft
ein. Er witterte eine Chance, sich zu rächen. »Wie ein Bräutigam
nach der Hochzeitsnacht, völlig saft- und kraftlos.«
»Simon!« rügte Lady Frances. Trotzdem löste Simons
Bemerkung Heiterkeit aus, und auch Lord Lovats Mund verzog sich zu
einem leichten Grinsen.
»Aye?« sagte er. »Na, dagegen hätte ich nichts
einzuwenden, mein Junge, das kann ich dir sagen.« Er rutschte
unruhig auf seinem
Stuhl hin und her und schob die Platte mit dem Rübengemüse
beiseite, die ihm gereicht wurde. Dann griff er nach seinem
Weinglas, roch daran und stellte es verdrießlich wieder auf den
Tisch.
»Es ist unanständig, jemanden so anzustarren«,
wandte er sich kühl an mich. »Oder haben die Engländer andere
Vorstellungen von Höflichkeit?«
Ich errötete leicht, schlug die Augen aber nicht
nieder. »Ich habe mich nur gewundert - Sie haben keinen Appetit,
Sie trinken auch nicht. Was fehlt Ihnen sonst noch?«
»Sie wollen wohl zeigen, was Sie können, hm?« Lovat
lehnte sich zurück und faltete die Hände über seinem dicken Bauch
wie ein alter Frosch. »Eine Heilerin, sagt mein Enkel. Eine Weiße
Frau, aye?« Er warf Jamie einen frostigen Blick zu, der aber in
aller Ruhe weiteraß und seinen Großvater nicht beachtete. Lovat
murmelte etwas und sah mich spöttisch an.
»Ich habe nicht getrunken, Lady, weil ich nicht
pissen kann, und ich habe keine Lust, wie eine Schweinsblase
aufgeschwemmt zu werden. Ich kann nicht schlafen, da ich dauernd
aufstehen muß, um mich zu erleichtern, und dann - nichts. Was sagen
Sie dazu, Dame Aliset?«
»Vater«, mischte sich Lady Frances ein, »wirklich,
ich glaube nicht, daß du...«
»Könnte eine Blasenentzündung sein, aber es klingt
eher nach Prostatitis«, gab ich zur Antwort. Ich nahm mein Weinglas
in die Hand, trank genüßlich einen Schluck und stellte das Glas
wieder auf den Tisch. Dabei lächelte ich Seine Lordschaft gelassen
an.
»Oh, tatsächlich?« sagte er und hob die
Augenbrauen. »Und was ist das, wenn ich fragen darf?«
Ich schob die Ärmel zurück, hob die Hände und ließ
meine Finger spielen wie ein Zauberer vor einem
Taschenspielertrick. Dann streckte ich den linken Zeigefinger in
die Höhe.
»Die männliche Prostatadrüse«, begann ich
dozierend, »umschließt die Harnröhre, die von der Blase nach
draußen führt.« Ich umschloß mit zwei Fingern meiner rechten Hand
meinen linken Zeigefinger. »Wenn die Prostata sich entzündet oder
sich vergrößert - das nennt man dann Prostatitis -, drückt sie auf
die Harnröhre«, ich schloß meine beiden Finger enger um den linken
Zeigefinger, »und schneidet den Urinfluß ab. Kommt bei älteren
Männern ziemlich häufig vor. Verstehen Sie?«
Lady Frances, die mit ihrer Vorstellung von
gesitteten Tischgesprächen keinen Eindruck auf ihren Vater gemacht
hatte, flüsterte aufgeregt mit ihrer jüngeren Schwester, und beide
musterten mich argwöhnisch.
Lord Lovat hingegen folgte gebannt meinem
Vortrag.
»Aye, ich verstehe«, sagte er. Er kniff seine
schmalen Augen zusammen und blickte nachdenklich auf meine Finger.
»Und was kann man dagegen tun, wenn Sie schon so gut darüber
Bescheid wissen?«
Stirnrunzelnd kramte ich in meiner Erinnerung. Noch
nie hatte ich einen Fall von Prostatitis gesehen - geschweige denn
behandelt, da diese Krankheit bei jungen Soldaten nicht vorkam.
Doch hatte ich in einem medizinischen Lehrbuch darüber gelesen. Ich
erinnerte mich deshalb so genau an die Behandlung, weil deren
schematische Darstellung im Lehrbuch bei den Krankenschwestern so
große Heiterkeit hervorgerufen hatte.
»Tja«, sagte ich schließlich, »abgesehen von einem
operativen Eingriff bleiben nur noch zwei Möglichkeiten. Man kann
ein Metallröhrchen durch den Penis bis zur Blase einführen und die
Harnröhre auf diese Weise öffnen. Oder man kann die Prostata
massieren, damit die Schwellung zurückgeht. Durch das Rektum«,
fügte ich hilfreich hinzu.
Neben mir hörte ich ein leises Keuchen. Jamie hatte
die Augen starr auf den Teller gerichtet, doch sein Kopf, der Hals
und die Ohren waren bereits rot angelaufen. Ich sah in die Runde;
aller Augen waren gebannt auf mich gerichtet. Lady Frances, Aline
und die anderen Frauen starrten mich teils neugierig, teils empört
an, während die Augen der Männer vor Entsetzen geweitet
waren.
Nur Lord Lovat reagierte gelassen. Er rieb sich
nachdenklich das Kinn.
»Mmmpf«, sagte er. »Die Qual der Wahl. Eine Röhre
in den Schwanz oder einen Finger in den Arsch.«
»Besser noch zwei oder drei«, ergänzte ich züchtig
lächelnd. »Und zwar mehrmals.«
»Ah.« Auch Lord Lovat verzog das Gesicht zu einem
Grinsen, dann hob er langsam die Augen und blickte mich scharf an -
mit einer Mischung aus Spott und Herausforderung.
»Das klingt... unterhaltsam«, bemerkte er
freundlich. Er musterte meine Hände.
»Sie haben hübsche Hände, meine Liebe«, sagte er.
»Gepflegte Hände und so lange, weiße, schmale Finger, aye?«
Jamie schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch und
stand auf. Dann beugte er sich so weit vor, daß sein Gesicht dem
seines Großvaters nahe kam.
»Wenn du derartige Hilfe benötigst, Großvater«,
sagte er, »werde ich selbst mich darum kümmern.« Er legte seine
kräftigen Hände auf den Tisch. »Es bereitet mir kein Vergnügen,
meine Finger in deinen behaarten alten Arsch zu stecken«, eröffnete
er seinem Verwandten, »aber es ist wohl meine Kindespflicht zu
verhindern, daß es Pisse regnet, wenn du platzt, nicht wahr?«
Frances stieß ein schockiertes Kreischen aus.
Lord Lovat strafte seinen Enkel mit einem
ungnädigen Blick, dann stand er auf.
»Mach dir bloß keine Umstände«, erwiderte er
barsch. »Ich werde mir eine der Mägde dafür holen.« Er bedeutete
der versammelten Tischgesellschaft, mit dem Essen fortzufahren, und
erhob sich. Einer jungen Dienstmagd, die eben mit einer Platte
Fasan hereinkam, warf er einen forschenden Blick zu. Mit
angstgeweiteten Augen wich sie ihm aus.
Am Tisch herrschte tödliches Schweigen. Der junge
Simon sah mich an und öffnete den Mund. Dann sah er Jamie an und
schloß ihn wieder. Er räusperte sich.
»Könnte ich bitte das Salz haben?« fragte er.
»... und als Folge meiner bedauerlichen
Unpäßlichkeit, die mich davon abhält, Eurer Hoheit selbst zu
Diensten zu sein, schicke ich durch meinen Sohn und Erben ein
Unterpfand meiner Treue - nein, schreib lieber Hochachtung -, ein
Unterpfand meiner Hochachtung, mit der ich Seiner Majestät und
Eurer Hoheit zugetan bin.« Lord Lovat hielt inne und blickte
stirnrunzelnd zur Decke hinauf.
»Was sollen wir schicken, Gideon?« fragte er seinen
Sekretär. »Etwas, was Eindruck macht, aber dann doch wieder nicht
so wertvoll ist, daß ich nicht sagen könnte, es ist doch nur ein
belangloses Geschenk.«
Gideon seufzte und wischte sich mit einem
Taschentuch übers Gesicht. Er war ein stämmiger Mann in mittleren
Jahren mit beginnender Glatze und runden roten Backen, dem die
Hitze im Schlafzimmer sehr zu schaffen machte.
»Vielleicht den Ring, den Eure Lordschaft vom
Grafen von Mar bekommen hat?« schlug er zaghaft vor. Ein
Schweißtropfen rann über sein Doppelkinn und fiel auf den
Briefbogen. Verstohlen wischte er mit seinem Jackenärmel
darüber.
»Das ist nicht teuer genug«, verwarf Seine
Lordschaft den Vorschlag, »und es sind zu viele politische
Assoziationen damit verknüpft.« Mit seinen fleckigen Fingern
trommelte er gedankenverloren auf die Bettdecke.
Der alte Simon hatte gründliche Arbeit geleistet.
Er trug sein bestes Nachthemd und saß aufrecht im Bett, auf dem
Tisch neben ihm ein eindrucksvolles Sortiment von Arzneimitteln.
Auch sein Leibarzt, Dr. Menzies, war da, ein kleiner, leicht
schielender Mann, der mich mißtrauisch musterte. Der alte Simon
vertraute wohl nicht allzusehr auf die Phantasie des jungen Simon
und hatte die ganze Szenerie nur deshalb aufgebaut, damit er
Charles Stuart den beklagenswerten Zustand Lord Lovats getreulich
schildern konnte.
»Ha«, meinte Seine Lordschaft zufrieden. »Wir
schicken die goldene und silberne Picknickgarnitur. Das macht was
her, ist aber zu frivol, um als politische Unterstützung gewertet
zu werden. Außerdem«, fügte er mit praktischem Verstand hinzu, »ist
der Löffel verbeult. Das ist genau das Richtige«, sagte er zum
Sekretär. »Fahren wir fort: ›Wie Eure Hoheit wissen...‹«
Ich tauschte einen Blick mit Jamie, der mich mit
heimlichem Einverständnis anlächelte.
»Ich glaube, du hast ihm gegeben, was er braucht,
Sassenach«, hatte er mir gesagt, als wir nach jenem peinlichen
Abendessen schlafen gingen.
»Was denn?« fragte ich, »einen Vorwand, die Mägde
zu belästigen?«
»Ich bezweifle, daß er dazu einen Vorwand braucht«,
sagte Jamie trocken. »Nein, du hast ihm die Möglichkeit gegeben,
auf beiden Hochzeiten zu tanzen - wie gewöhnlich. Wenn er eine
eindrucksvoll klingende Krankheit hat, die ihn ans Bett fesselt,
dann kann ihn keiner dafür tadeln, daß er nicht mit seinen Männern
in den Kampf zieht. Wenn er seinen Erben in die Schlacht schickt,
werden die Stuarts meinen, Lovat habe sein Versprechen gehalten.
Und wenn es schiefgeht, wird der alte Fuchs den Engländern sagen,
er habe die Stuarts nicht unterstützen wollen, es sei sein Sohn
gewesen, der auf eigene Faust gehandelt hat.«
»Buchstabieren Sie einmal ›Prostatitis‹, Mädel«,
wandte sich Lord Lovat an mich, meine Gedanken unterbrechend. »Und
schreib es bloß richtig, du Trottel«, wandte er sich an seinen
Sekretär. »Seine Hoheit soll es nicht falsch verstehen.«
»P-r-o-s-t-a-t-i-t-i-s«, buchstabierte ich langsam.
»Und wie geht es Ihnen heute morgen?« fragte ich und trat näher ans
Bett seiner Lordschaft.
»Schon viel besser, danke«, sagte der Alte und
grinste mich an. »Wollen Sie sehen, wie ich pisse?«
»Ach danke, im Moment lieber nicht«, erwiderte ich
höflich.
Es war ein klarer, eisiger Tag Mitte Dezember, als
wir Beauly verließen, um uns Charles Stuart anzuschließen. Allen
guten Ratschlägen seiner Generäle, dem schlechten Wetter und dem
gesunden Menschenverstand zum Trotz drängte Charles nach England.
Doch in Derby setzten sich die Generäle schließlich durch, die
Clanführer weigerten sich weiterzumarschieren, und so wandte sich
die Hochlandarmee wieder nach Norden. In einem dringlichen Brief
hatte Charles Jamie gebeten, sich »unverzüglich« nach Süden
aufzumachen und sich mit Seiner Hoheit in Edinburgh zu treffen. Der
junge Simon, der in seinem Tartan wie das geborene Clanoberhaupt
aussah, ritt an der Spitze einer Kolonne. Die berittenen Männer
folgten ihm, der größere Teil marschierte zu Fuß.
Da Jamie und ich Pferde hatten, ritten wir mit
Simon an der Spitze der Kolonne. In Comar wollten wir uns dann
trennen. Simon sollte mit den Fraser-Männern nach Edinburgh
weiterziehen, und Jamie sollte mich nach Lallybroch begleiten,
bevor er nach Edinburgh zurückkehrte. Er hatte natürlich nicht die
leiseste Absicht zurückzukehren, aber das ging Simon nichts
an.
Gegen Mittag kam ich aus dem Unterholz am Wegrand
zurück, wo mich Jamie schon ungeduldig erwartete. Die Männer hatten
beim Aufbruch heißes Ale zu trinken bekommen, das sie für den
Marsch stärken sollte. Und obwohl heißes Ale zum Frühstück
ausgezeichnet schmeckte, zeigte es, wie ich eben feststellen mußte,
auch eine spürbare Wirkung.
Jamie schnaubte. »Frauen«, sagte er. »Wieso braucht
ihr so verdammt viel Zeit für so etwas Einfaches wie pissen? Du
bist ja schlimmer als mein Großvater.«
»Nächstesmal kannst du ja mitkommen und zuschauen«,
schlug ich bissig vor. »Vielleicht hast du ja einen hilfreichen
Vorschlag.«
Er schnaubte erneut, entgegnete aber nichts und
beobachtete die Männer, die an uns vorbeizogen. Er lächelte. Der
helle, strahlende Tag hob die Stimmung von uns allen, aber Jamie
war an diesem Morgen ganz besonders guter Laune. Kein Wunder, wir
waren auf dem Weg nach Hause. Ich wußte, daß er sich nicht der
Illusion hingab, alles könnte noch gut werden. Dieser Krieg würde
seinen Preis fordern. Aber wenn wir schon Charles nicht hatten
aufhalten konnten, dann waren wir vielleicht in der Lage, jene Ecke
Schottlands zu retten, die uns am meisten bedeutete -
Lallybroch.
Ich betrachtete die Clansmänner vor uns.
»Zweihundert Mann sind eine stattliche Zahl.«
»Hundertsiebzig«, verbesserte Jamie zerstreut und
griff nach den Zügeln seines Pferdes.
»Bist du sicher?« fragte ich neugierig. »Lord Lovat
hat aber gesagt, er schicke zweihundert. Er hat es in seinem Brief
diktiert.«
»Das stimmt aber nicht.« Jamie schwang sich in den
Sattel, stellte sich in den Steigbügeln auf und deutete den Hang
hinab, auf den fernen Punkt an der Spitze der Marschkolonne, wo das
Banner der Frasers im Wind flatterte.
»Ich habe sie gezählt, als ich auf dich gewartet
habe«, erklärte er. »Dreißig Reiter einschließlich Simon, fünfzig
mit Breitschwertern und Tartschen - das werden die Männer von der
Patrouille sein -, dann noch mal neunzig Kätner, bewaffnet mit
allem möglichen, von der Sichel bis zum Hammer.«
»Ich nehme an, dein Großvater rechnet damit, daß
Prinz Charles sie nicht persönlich nachzählt«, bemerkte ich
zynisch. »Er versucht eben, mit weniger davonzukommen.«
»Aye, aber die Namen werden in die Musterungsliste
eingetragen, wenn sie in Edinburgh ankommen«, sagte Jamie
stirnrunzelnd. »Das muß ich nachprüfen.«
Ich folgte ihm langsamer. Mein Pferd war
schätzungsweise zwanzig Jahre alt und konnte sich nur noch im
Paßgang vorwärtsbewegen. Jamies Pferd war etwas munterer, hielt
aber dem Vergleich mit Donas nicht stand. Den großen Hengst hatten
wir in Edinburgh gelassen, da ihn Prinz Charles zu offiziellen
Anlässen reiten wollte. Jamie hatte diesem Wunsch nachgegeben,
zumal er meinte, es sei dem raffgierigen alten Simon durchaus
zuzutrauen,
daß er sich das prächtige Pferd aneignete, falls er es zu Gesicht
bekam.
Nach allem, was ich erlebt hatte, mußte ich
zugeben, daß Jamie seinen Großvater völlig richtig eingeschätzt
hatte. Jamie ritt eine Weile neben dem Schreiber des jungen Simon
her und war mit ihm offenbar in eine hitzige Debatte geraten. Das
Ganze endete damit, daß Jamie die Zügel des Pferdes seines
Nebenmannes packte, das Pferd an den Rand des schlammigen Weges
dirigierte und dort zum Stehen brachte.
Die beiden Männer stiegen ab; offenbar waren sie
sich mächtig in die Haare geraten. Der junge Simon, der dies
beobachtet hatte, zügelte sein Pferd, hieß die Kolonne aber
weitermarschieren. Ich war nahe genug, um zu sehen, daß Simon vor
Zorn rot angelaufen war, der Schreiber besorgt dreinschaute und
Jamie heftig gestikulierte.
Dann zuckte der Schreiber resigniert mit den
Schultern, kramte in seinen Satteltaschen und holte schließlich
mehrere Pergamentbögen heraus. Jamie riß sie ihm aus der Hand und
sah sie rasch durch. Er ließ die Bögen zu Boden fallen, außer
einem, den er Simon Fraser vor die Nase hielt. Der sah verblüfft
drein. Er nahm den Bogen und las ihn mit einem Ausdruck der
Bestürzung. Dann nahm Jamie ihm das Pergament wieder ab, zerriß es
und stopfte die Teile in seine Felltasche.
Ich hatte inzwischen mein Pony zum Stehen gebracht,
das die Gelegenheit nutzte und im spärlichen Gras nach Futter
suchte. Der Nacken des jungen Simon war zornrot, als er sich auf
sein Pferd schwang. Jamie bestieg ebenfalls sein Pferd und ritt auf
mich zu; sein rotes Haar flatterte im Wind, seine Augen sprühten
vor Zorn, und seine Lippen waren fest zusammengepreßt.
»Der schmutzige alte Dreckskerl!« schimpfte
er.
»Was hat er getan?« erkundigte ich mich.
»Er hat die Namen meiner Männer auf seine Liste
gesetzt«, sagte Jamie. »Tat so, als gehörten sie zum
Fraser-Regiment. Der verdammte alte Knochensack!« Rachsüchtig
blickte er zurück. »Schade, daß wir schon so weit sind, zu weit,
als daß ich umkehren und dem alten Tattergreis die Leviten lesen
könnte.«
Ich widerstand der Verlockung, Jamie anzustacheln,
sich weitere Kosenamen für seinen Großvater auszudenken, und fragte
statt dessen: »Weshalb denn das Ganze? Nur damit es so aussieht,
als
würde er noch mehr Männer für die Stuarts in den Kampf
schikken?«
Jamie nickte. Allmählich beruhigte er sich
wieder.
»Aye, genau deshalb. Damit es nach mehr aussieht.
Aber nicht nur das. Das niederträchtige alte Scheusal will mein
Land zurück - das hatte er schon immer vor, seit er es hat hergeben
müssen, damals, als meine Eltern heirateten. Jetzt denkt er, wenn
alles nach Plan verläuft und er Herzog von Inverness wird, kann er
einfach behaupten, Lallybroch habe sich schon seit jeher in seinem
Besitz befunden und ich sei lediglich sein Lehnsmann - und als
Beweis dafür gibt er an, daß er Männer von Lallybroch an der Seite
der Stuarts in den Kampf geschickt hat.«
»Käme er damit wirklich durch?« fragte ich
zweifelnd.
Jamie holte tief Luft und atmete dann aus, wobei
Dampfwölkchen wie der Gifthauch eines Drachen aus seiner Nase
stiegen. Er lächelte grimmig und klopfte auf die Felltasche an
seiner Hüfte.
»Jetzt nicht mehr«, sagte er.
Die Reise von Beauly nach Lallybroch dauerte zwei
Tage - bei gutem Wetter, mit gesunden Pferden und auf trockenem
Boden, wenn man nur haltmachte, um zu essen, zu schlafen und sich
zu erleichtern. Doch zehn Kilometer hinter Beauly wurde das eine
Pferd lahm, es schneite und regnete, und der Boden gefror
stellenweise zu glattem Eis. Es dauerte fast eine Woche, bis wir
den Hang hinunterritten, der zum Gut von Lallybroch führte -
frierend, müde, hungrig und schmutzig.
Wir waren allein. Murtagh war mit dem jungen Simon
und den Männern von Beaufort nach Edinburgh geritten, um zu
erkunden, wie es um die Hochlandarmee stand.
Das Gutshaus lag im Schutze der Nebengebäude, weiß
wie die schneebedeckten Felder, die es umgaben.
Das Gefühl, zu Hause angekommen zu sein, verstärkte
sich, als ich Jamie in den Flur folgte, wo uns der
vielversprechende Duft von gebratenem Fleisch und frischem Brot
entgegenschlug.
»Abendessen«, sagte Jamie und schloß glückselig die
Augen, während er den Duft einsog. »Mein Gott, ich habe einen
Mordshunger.« Von seinem Umhang tropfte Schmelzwasser und
hinterließ Flecken auf dem Holzboden.
Unsere Stimmen drangen durch den Flur, eine Tür
öffnete sich im
oberen Stock, das Getrappel kleiner Füße war zu hören und ein
Freudenschrei, als der kleine Jamie seinen Namensvetter
entdeckte.
Der Jubel des Wiedersehens erregte die
Aufmerksamkeit der anderen Hausbewohner, und ehe wir uns versahen,
wurden wir von Jenny, der kleinen Maggie, lan, Mrs. Crook und den
Dienstmägden umarmt und begrüßt.
»Wie schön, dich wiederzusehen, mein Lieber!« sagte
Jenny nun schon zum drittenmal und stellte sich auf die
Zehenspitzen, um Jamie zu küssen. »Nach allem, was wir von der
Armee gehört haben, haben wir schon befürchtet, es würde Monate
dauern, bis ihr wieder hier seid.«
»Aye«, nickte lan. »Habt ihr auch einige unserer
Männer mitgebracht, oder ist dies nur ein Kurzbesuch?«
»Mitgebracht?« Jamie, der eben seine ältere Nichte
zur Begrüßung auf den Arm genommen hatte, hielt inne und starrte
seinen Schwager entgeistert an. Als die kleine Maggie ihn an den
Haaren zog, gab er ihr zerstreut einen Kuß und reichte sie
mir.
»Was meinst du damit, lan?« fragte er. »Die Männer
sollten doch schon vor einem Monat hier eintreffen. Sind denn nicht
alle nach Hause gekommen?«
Ich hielt die kleine Maggie im Arm, und mich
überkam eine schreckliche Ahnung, als ich sah, wie das Lächeln aus
lans Gesicht wich.
»Keiner von ihnen ist zurückgekommen, Jamie«, sagte
er langsam. »Wir haben sie nicht mehr gesehen, seit sie mit euch
weggeritten sind.«
Von draußen, wo Rabbie MacNab die Pferde in den
Stall führte, ertönte ein Ruf. Jamie lief zur Tür, stieß sie auf
und beugte sich in den Sturm hinaus.
Über seine Schultern hinweg sah ich einen Reiter,
der durch das heftige Schneetreiben galoppierte. Man konnte sein
Gesicht nicht genau erkennen, aber ich wußte sofort, wer die kleine
drahtige Gestalt war, die fest im Sattel saß. »Schnell wie der
Blitz« hatte Jamie gesagt, und er hatte recht. Eine Reise von
Beauly nach Edinburgh und dann nach Lallybroch innerhalb von einer
Woche zu schaffen, erforderte unglaubliche Zähigkeit. Es war
Murtagh, und es bedurfte Maisris seherischer Gabe nicht, um zu
erkennen, daß er schlechte Nachrichten brachte.