29
Die Brennesseln
»Schottland«, seufzte ich und dachte an die kühlen
Flüßchen und dunklen Kiefern von Lallybroch. »Können wir nicht
heimfahren?«
»Es wird uns wohl nichts anderes übrigbleiben«,
meinte er trokken. »In der Begnadigung des Königs heißt es, wenn
ich Frankreich nicht bis Mitte September verlassen habe, sitze ich
wieder in der Bastille. Vermutlich hat Seine Majestät auch eine
Begnadigung von der englischen Krone erwirkt, so daß ich nicht
sofort aufgeknüpft werde, wenn ich in Inverness an Land
gehe.«
»Wir könnten vermutlich auch nach Rom oder nach
Deutschland gehen«, schlug ich vorsichtig vor. Nichts wollte ich
lieber, als nach Lallybroch zurückzukehren und im stillen Frieden
der schottischen Highlands wieder gesund zu werden. Beim Gedanken
an Königshöfe und Intrigen und ein Leben voller Gefahren und
Unsicherheiten wurde mir schwer ums Herz. Aber wenn Jamie meinte,
wir müßten unbedingt...
Er schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe die Wahl:
Schottland oder die Bastille«, erwiderte er. »Unsere Überfahrt ist
schon gebucht, um ganz sicherzugehen.« Er strich sich das Haar aus
der Stirn und lächelte gequält. »Ich vermute, der Herzog von
Sandringham - und vielleicht auch König George - wollen mich nach
Hause schicken, wo sie ein Auge auf mich haben können. Keine
Spionage in Rom, keine Geldbeschaffung in Deutschland. Die zwei
Monate Aufschub sind wahrscheinlich eine freundliche Geste
gegenüber Jared, damit er Zeit hat, nach Hause zu kommen, bevor ich
abreise.«
Ich saß auf dem Fenstersitz meines Zimmers und
blickte auf das grüne wogende Meer der Wälder von Fontainebleau
hinaus. Die heiße, drückende Sommerluft nahm mir alle Kraft.
»Ich will nicht behaupten, daß ich mich nicht
freue«, seufzte ich,
während ich meine Wange an der Fensterscheibe kühlte. Auf den
Regen von gestern war ein schwüler Tag gefolgt, so daß mir Kleider
und Haare unangenehm feucht am Leib klebten. »Glaubst du, es
besteht keine Gefahr mehr? Ich meine, wird Charles aufgeben, nun,
da der Comte tot ist und Manzettis Geld verloren ist?«
Jamie runzelte die Stirn und strich sich über die
Bartstoppeln.
»Ich wüßte nur zu gern, ob er in den letzten
vierzehn Tagen einen Brief aus Rom erhalten hat«, bemerkte er, »und
wenn ja, was darin steht. Aber, aye, ich glaube, wir haben es
geschafft. Kein Bankier wird einem Mitglied der Familie Stuart noch
einen Penny leihen, soviel steht fest. Philipp von Spanien hat
etwas Besseres zu tun, und Louis...« Jamie zuckte die Achseln und
verzog den Mund. »Gegen den Einfluß eines Monsieur Duverney und
eines Herzogs von Sandringham wird Charles schwerlich ankommen. Was
meinst du, soll ich mich rasieren?«
»Meinetwegen nicht«, erwiderte ich. In dieser Frage
schwang die alte Vertrautheit mit, und sie machte mich plötzlich
verlegen. Wir hatten letzte Nacht in einem Bett geschlafen, waren
aber beide erschöpft gewesen, und das zarte Band, das wir geknüpft
hatten, hätte vielleicht nicht gehalten, wenn wir versucht hätten,
miteinander zu schlafen. Die ganze Nacht über war mir Jamies Nähe
und Wärme schmerzlich bewußt gewesen, aber unter den gegebenen
Umständen wollte ich den ersten Schritt ihm überlassen.
Als er sich nun umdrehte, um sein Hemd anzuziehen,
sah ich, wie das Licht auf seinen Schultern spielte, und mich
packte das Verlangen, ihn zu berühren, seinen glatten, festen
Körper, seine Lust zu spüren.
Er zog sich das Hemd über den Kopf, und seine Augen
begegneten den meinen, jäh und ungeschützt. Er hielt inne, sah mich
an, sagte aber nichts. Jenseits des Schweigens, das uns umgab,
drangen die morgendlichen Geräusche des Chäteau zu uns herein: das
Hantieren der Dienerschaft, Louises hohe Stimme, die offenbar
ungehalten ihre Anordungen traf.
Nicht hier, sagten Jamies Augen. Nicht
inmitten all dieser Leute.
Mit gesenktem Blick begann er sein Hemd
zuzuknöpfen. »Hält Louise Reitpferde?« fragte er. »Ein paar Meilen
von hier gibt es Felsen. Wir könnten hinreiten. Wahrscheinlich ist
es dort kühler.«
»Ich glaube, sie hat welche«, entgegnete ich. »Ich
werde fragen.«
Wir erreichten die Felsen um die Mittagszeit. Es waren weniger
Felsen als vielmehr Kalksteinsäulen und -grate, die inmitten der
mit dürrem Gras bewachsenen Hügel herausragten wie die Ruinen einer
prähistorischen Stadt. Die hellen Grate waren von den Unbilden der
Witterung zerfurcht, und in den Ritzen hatten sich Tausende von
seltsamen kleinen Pflanzen eingenistet.
Wir ließen die Pferde mit Fußfesseln auf der Wiese
zurück und kletterten zu einer breiten Felsspalte direkt unterhalb
der höchsten Erhebung hinauf. Auf dem Kalksteinboden wuchs hie und
da rauhes Gras, und die wenigen Büsche spendeten kaum Schatten,
aber wenigstens wehte hier oben eine kühle Brise.
»Mein Gott, ist das heiß«, stöhnte Jamie. Er löste
die Schnalle seines Kilts, der zu Boden fiel, und schlüpfte aus
seinem Hemd.
»Was machst du da, Jamie?« fragte ich
schmunzelnd.
»Ich zieh’ mich aus«, erklärte er sachlich. »Warum
tust du das nicht auch, Sassenach? Du bist noch verschwitzter als
ich, und hier sieht uns keiner.«
Nach kurzem Zögern folgte ich seinem Vorschlag.
Hier herrschte vollkommene Einsamkeit. Selbst für Schafe war die
Gegend zu karg und zu felsig, also war es unwahrscheinlich, daß
sich ein Schäfer hierher verirrte. Und allein, nackt in der
Wildnis, weit weg von Louise und ihren Heerscharen aufdringlicher
Dienstboten... Jamie breitete seinen Plaid auf dem Boden aus,
während ich mich meiner schweißnassen Kleider entledigte.
Er streckte sich faul auf dem Boden aus, die Arme
unter dem Kopf verschränkt: weder neugierige Ameisen noch
vereinzelte Kieselsteine schienen ihn zu stören.
»Du mußt ein Fell wie eine Ziege haben«, bemerkte
ich. »Wie kannst du so auf der nackten Erde liegen?« Hüllenlos wie
er machte ich es mir auf dem Plaid bequem, das er mir fürsorglich
überlassen hatte.
Jamie zuckte die Achseln. Das Licht hüllte seinen
Körper ein, der in der Mulde aus dem dunklem, rauhem Gras rotgolden
leuchtete.
»Mir ist’s recht so«, meinte er. Dann sagte er
nichts mehr, aber er war mir so nah, daß ich seinen Atem hören
konnte, obwohl der Wind leise heulend über die Felsen strich.
Ich rollte mich auf den Bauch, bettete das Kinn auf
meine verschränkten Arme und betrachtete ihn. Er hatte breite
Schultern und schmale Hüften; die kräftigen Gesäßmuskeln zeichneten
sich auch
in dieser entspannten Lage unter seiner Haut ab. Die warme Brise
trocknete die weichen zimtfarbenen Haare unter seinen Achseln und
zerzauste die kupferroten Haare, die ihm über die gekreuzten
Handgelenke fielen. Der leichte Wind war mir willkommen, denn die
Herbstsonne brannte heiß auf meine Schultern und Waden.
»Ich liebe dich«, sagte ich ganz leise, damit er es
nicht hörte, einfach aus Freude daran, es zu sagen.
Aber er hörte es trotzdem, denn die Andeutung eines
Lächelns spielte um seinen breiten Mund. Nach einer Weile rollte er
sich auf das Plaid neben mir in die Bauchlage. Ein paar Grashalme
klebten ihm am Rücken und am Po. Behutsam streifte ich einen davon
ab, und Jamies Haut schauderte unter meinen Fingern.
Ich beugte mich über ihn, um seine Schulter zu
küssen und den warmen Duft und den leichten salzigen Geschmack
seiner Haut zu genießen.
Doch statt meinen Kuß zu erwidern, rückte er ein
wenig ab, stützte den Kopf auf den Ellbogen und sah mich an. In
seinem Gesichtsausdruck sah ich etwas, was ich nicht verstand. Mir
wurde ein wenig unbehaglich zumute.
»Ich wüßte zu gern, was in deinem Kopf vorgeht«,
sagte ich und ließ meinen Finger über die Krümmung seiner
Wirbelsäule gleiten. Er rückte noch ein Stück ab, bis er außer
Reichweite war, und holte tief Luft.
»Ich habe mich gefragt...«, begann er, dann hielt
er inne. Er senkte den Blick und spielte mit einer kleinen Blume,
die im Gras wuchs.
»Was hast du dich gefragt?«
»Wie es war... mit Louis.«
Einen Augenblick lang dachte ich, mein Herz bliebe
stehen. Mühsam rang ich mir eine Antwort ab.
»Wie... es... war?«
Da blickte er auf und brachte sogar halbwegs ein
schiefes Lächeln zustande.
»Na ja«, meinte er. »Schließlich ist er der König.
Man möchte meinen, daß es irgendwie... anders ist. Weißt du...
vielleicht etwas Besonderes?«
Sein Lächeln erstarb, und sein Gesicht war nun
ebenso bleich wie meines. Er sah nach unten, um meinem
verzweifelten Blick auszuweichen.
»Ich glaube, ich habe mich einfach gefragt«,
murmelte er, »ob er... ob er... ob er anders war als ich.« Er biß
sich auf die Lippen, als wollte er die Worte ungesagt machen, aber
dafür war es zu spät.
»Woher weißt du es, verdammt noch mal?« Mir war
schwindelig, und ich fühlte mich bloßgestellt. Ich drehte mich auf
den Bauch und drückte mich fest auf das struppige Gras.
Er schüttelte den Kopf und biß sich auf die
Unterlippe. Als er endlich losließ, blieben tiefe rote Druckstellen
zurück.
»Claire«, sagte er leise. »Ach, Claire. Du hast
dich mir von Anfang an ganz hingegeben, du hast nichts
zurückgehalten. Das hast du nie getan. Als ich dich um Ehrlichkeit
bat, sagte ich dir, daß du nicht lügen kannst. Wenn ich dich so
berührte...« Seine Hand umfaßte meinen Po, und ich zuckte bei der
unerwarteten Berührung zusammen.
»Wie lange liebe ich dich nun schon?« fragte er
ganz ruhig. »Ein Jahr? Seit dem Augenblick, als ich dich sah. Und
wie oft habe ich deinen Körper geliebt? Dreihundertmal, oder
öfter?« Er streichelte mich mit einem Finger, der zart wie ein
Schmetterlingsflügel meinen Arm hinaufglitt, über die Schulter und
den Brustkorb hinunter, bis ich anfing zu zittern, von ihm
wegrollte und ihn ansah.
»Du bist nie vor meinen Händen zurückgeschreckt.«
Seine Augen verfolgten den Weg, den sein Finger genommen hatte, und
ruhten dann auf meiner Brust. »Auch nicht beim erstenmal, wo du es
ruhig hättest tun können, es hätte mich nicht überrascht. Aber du
bist nicht zurückgeschreckt. Du hast mir alles gegeben, von Anfang
an, und nichts zurückgehalten, mir nichts verweigert. Aber
jetzt...«, sagte er und zog seine Hand zurück. »Zuerst dachte ich,
es ist nur, weil du das Kind verloren hast, und du dich nach der
langen Trennung vor mir scheust. Aber dann wußte ich, daran liegt
es nicht.«
Es folgte ein langes Schweigen. Ich spürte meinen
stetigen Herzschlag und hörte den Wind in den Kiefern unter uns
rauschen. Aus der Ferne drangen Vogelrufe zu uns. Ich wünschte, ich
wäre ein Vogel. Oder wenigstens weit weg.
»Warum?« fragte er leise. »Warum willst du mich
anlügen? Wo ich doch ohnehin glaubte, es zu wissen, als ich zu dir
kam?«
Ich starrte auf meine Hände, die ich unter meinem
Kinn gefaltet hatte, und schluckte.
»Wenn...«, begann ich und schluckte wieder. »Wenn
ich dir
erzählt hätte, daß ich mit Louis... dann hättest du Fragen
gestellt. Ich dachte, du könntest es nicht vergessen... verzeihen
vielleicht, aber du würdest es nie vergessen, und es würde immer
zwischen uns stehen.« Noch einmal schluckte ich schwer. Trotz der
Hitze waren meine Hände kalt, und ich hatte einen Eisklumpen im
Magen. Aber wenn ich ihm jetzt die Wahrheit sagte, mußte ich ihm
alles sagen.
»Wenn du mich gefragt hättest... und das hast du,
Jamie! Dann hätte ich darüber reden müssen, es wieder lebendig
werden lassen, und ich hatte Angst...« Ich verlor den Faden,
brachte kein Wort mehr heraus, aber er ließ nicht locker.
»Angst wovor?«
Ich drehte den Kopf ein wenig zur Seite, mied
seinen Blick, sah aber hinter dem lichtdurchfluteten Vorhang meiner
Haare die Konturen seines Körpers dunkel und bedrohlich vor der
Sonne.
»Angst, dir zu sagen, warum ich es getan habe«,
erwiderte ich leise. »Jamie, ich mußte es tun, um dich aus der
Bastille zu holen. Dafür hätte ich auch Schlimmeres getan. Aber
dann... und danach... hoffte ich fast, daß es dir jemand erzählen
würde, daß du es herausfinden würdest. Ich war so wütend, Jamie,
wegen des Duells und wegen des Babys. Und weil du mich gezwungen
hattest, es zu tun... zu Louis zu gehen. Ich wollte etwas tun, um
dich von mir fernzuhalten, um sicherzugehen, daß ich dich nie
wiedersehe. Ich habe es auch getan... weil ich dich verletzen
wollte«, flüsterte ich.
Sein Mund zuckte, aber er starrte weiter auf seine
verschränkten Hände. Der Abgrund zwischen uns, so mühsam
überbrückt, hatte sich wieder aufgetan.
»Aye. Das ist dir gelungen.«
Die Lippen fest aufeinandergepreßt, schwieg er eine
Weile. Schließlich drehte er sich zu mir um und sah mir in die
Augen. Ich wäre seinem Blick gern ausgewichen, konnte aber
nicht.
»Claire«, sagte er leise. »Was hast du empfunden...
als ich Jack Randall meinen Körper überließ? Als ich mich ihm
auslieferte, in Wentworth?«
Der Schreck fuhr mir in alle Glieder. Mit dieser
Frage hatte ich am wenigsten gerechnet. Mehrmals machte ich den
Mund auf und wieder zu, bevor ich eine Antwort fand.
»Ich... weiß es nicht«, erklärte ich matt. »Ich
dachte nicht
darüber nach. Wütend war ich natürlich. Wutentbrannt, außer mir.
Und elend war mir zumute. Ich hatte Angst um dich. Und... du hast
mir leid getan.«
»Warst du eifersüchtig? Als ich dir später davon
erzählt habe... daß er mich erregt hat, obwohl ich es nicht
wollte?«
Ich holte tief Luft. Das Gras kitzelte mich an der
Brust.
»Nein. Zumindest glaube ich es nicht. Damals nicht.
Schließlich hast du es ja nicht... gewollt.« Ich biß mir auf die
Lippen und senkte die Augen. Ruhig und sachlich sprach er
weiter.
»Ich hätte nicht gedacht, daß du das Lager mit
Louis teilen wolltest, oder?«
»Nein!«
»Aye.« Er nahm einen Grashalm zwischen beide Daumen
und konzentrierte sich darauf, ihn langsam mit den Wurzeln
auszureißen. »Ich war auch wütend. Und mir war elend zumute, und es
tat mir leid.« Der Grashalm löste sich mit einem leisen Quietschen
aus der Erde.
»Als es mit mir geschah«, fuhr er fast im
Flüsterston fort, »dachte ich, du könntest die Vorstellung nicht
ertragen, und ich hätte dir keinen Vorwurf daraus gemacht. Ich
wußte, daß du dich von mir abwenden würdest, und ich wollte dich
fortschicken, damit ich den Ekel und den Schmerz in deinem Gesicht
nicht zu sehen brauchte.« Er schloß die Augen und führte den
Grashalm fast bis an die Lippen.
»Aber du wolltest nicht gehen. Du hast mich an
deine Brust genommen und mich umsorgt. Du hast mich geheilt. Und
trotzdem geliebt.« Unsicher atmete er ein und wandte mir wieder
sein Gesicht zu. In seinen Augen glitzerten Tränen.
»Ich dachte, vielleicht brächte ich es über mich,
für dich zu tun, was du für mich getan hast. Und aus diesem Grund
bin ich schließlich doch nach Fontainebleau gekommen.«
Er blinzelte, und seine Augen wurden wieder
klar.
»Als du mir gesagt hast, es sei nichts geschehen,
habe ich dir ein wenig geglaubt, weil es so schön gewesen wäre.
Aber dann... sah ich es, Claire. Ich konnte mir nichts vormachen,
und ich wußte, daß du gelogen hast. Ich dachte, du hast nicht genug
Vertrauen in meine Liebe oder... daß du ihn wirklich wolltest und
Angst hattest, ich könnte es merken.«
Er ließ den Grashalm fallen, und sein Kopf sank
nach vorn auf seine Arme.
»Du sagst, du wolltest mich verletzen. Die
Vorstellung, daß du beim König liegst, hat schlimmer weh getan als
das Brandmal auf meiner Brust oder die Peitschenhiebe auf meinem
nackten Rücken. Aber das Wissen, daß du nicht genug Vertrauen in
meine Liebe setzt, ist wie das Erwachen nach dem Würgen des
Stranges, um das Schlachtmesser in meinem Bauch zu spüren.
Claire...« Er preßte die Lippen fest aufeinander, bis er die Kraft
fand, weiterzusprechen.
»Ich weiß nicht, ob die Wunde tödlich ist, aber
Claire... wenn ich dich ansehe, ist mir, als müßte ich
verbluten.«
Das Schweigen zwischen uns wurde undurchdringlich
wie eine Mauer. Die Luft vibrierte vom leisen Summen eines
Insekts.
Reglos wie ein Fels saß Jamie da und starrte mit
ausdruckslosem Gesicht auf den Boden. Ich konnte diesen Anblick und
die Vorstellung, was in seinem Kopf vorgehen mußte, nicht ertragen.
In der Laube hatte ich eine Ahnung von Jamies verzweifeltem Zorn
bekommen, und mir wurde flau bei dem Gedanken an diese Wut, die er
mit einer solch erschreckenden Kraftanstrengung meisterte. Doch
damit dämpfte er nicht nur die Wut, sondern auch Vertrauen und
Freude.
Verzweifelt suchte ich nach einer Möglichkeit, das
Schweigen zu brechen, das zwischen uns stand. Jamie setzte sich
auf, verschränkte die Arme und blickte mit abgewandtem Gesicht auf
das friedliche Tal hinaus.
Lieber Gewalt, dachte ich, als Schweigen. Über den
Abgrund hinweg streckte ich die Hand nach ihm aus und griff nach
seinem Arm. Er fühlte sich sonnenwarm und lebendig an.
»Jamie«, flüsterte ich. »Bitte.«
Langsam drehte er sich zu mir um. Sein Gesicht
wirkte immer noch ruhig, doch seine schmalen Katzenaugen wurden
noch schmaler, als er mich schweigend anblickte. Schließlich
streckte er die Hand aus und packte mich am Handgelenk.
»Du willst also, daß ich dich schlage?« fragte er
leise. Sein Griff war so hart, daß ich unwillkürlich zusammenzuckte
und versuchte, mich loszureißen. Er aber rückte ein Stück ab und
zerrte mich dabei über das rauhe Gras zu sich, so daß sich unsere
Körper berührten.
Ich zitterte und bekam eine Gänsehaut, aber
schließlich brachte ich das Wort über die Lippen.
»Ja«, sagte ich.
Seine Miene war undurchdringlich. Unverwandt sah er
mir in die
Augen, während er mit seiner freien Hand zwischen den Steinen
herumtastete, bis er ein Bündel Brennesseln gefunden hatte. Er
hielt die Luft an, als er die Stengel berührte, dann biß er die
Zähne zusammen und riß die Pflanzen mit den Wurzeln aus dem
Boden.
»Die Bauern in der Gascogne schlagen ein treuloses
Weib mit Brennesseln«, erklärte er. Sachte strich er mir mit den
zackigen Blättern über die Brust. Der jähe Schmerz nahm mir den
Atem, und wie durch Zauberei erschien ein hellroter Fleck auf
meiner Haut.
»Möchtest du, daß ich es tue?« fragte er. »Soll ich
dich auf diese Weise bestrafen?«
»Wenn... wenn es dir beliebt.« Meine Lippen
zitterten so sehr, daß ich kaum sprechen konnte. Die Striemen auf
meiner Brust brannten wie Feuer. Ich schloß die Augen und stellte
mir in lebhaften Farben vor, wie sich eine Tracht Prügel mit einem
Büschel Brennesseln anfühlen mußte.
Plötzlich lockerte sich der schraubstockartige
Griff um mein Handgelenk. Als ich die Augen öffnete, sah ich Jamie
mit untergeschlagenen Beinen neben mir sitzen. Er hatte die
Pflanzen weggeworfen, und ein reuiges Lächeln spielte um seine
Lippen.
»Einmal habe ich dich aus gutem Grund geschlagen,
Sassenach, und du hast gedroht, mir mit meinem eigenen Dolch den
Bauch aufzuschlitzen. Jetzt bittest du mich, dich mit Brennesseln
auszupeitschen?« Verwundert schüttelte er den Kopf und legte seine
Hand auf meine Wange. »Ist dir mein Stolz so viel wert?«
»Ja. Ja, verdammt noch mal!« Ich setzte mich auf,
packte ihn an den Schultern und küßte ihn, zu unser beider
Überraschung, unbeholfen und heftig.
Ich spürte, wie er zusammenzuckte, doch dann zog er
mich an sich, die Arme fest um meinen Rücken geschlungen, und
erwiderte meinen Kuß. Er drückte mich flach auf die Erde, so daß
ich mich unter seinem Gewicht nicht mehr rühren konnte. Seine
Schultern verdeckten den hellen Himmel über mir, und mit den Händen
hielt er meine Arme fest.
»Gut«, flüsterte er. Unverwandt sah er mir in die
Augen und zwang mich, seinem Blick standzuhalten. »Gut. Wenn du es
wünschst, werde ich dich bestrafen.« Gebieterisch bewegte er seine
Hüften, und meine Beine öffneten sich für ihn.
»Niemals«, flüsterte er. »Niemals. Nie ein
anderer außer mir!
Sieh mich an! Versprich es mir! Sieh mich an, Claire!« Er
drang hart in mich ein. Ich stöhnte und hätte am liebsten den Kopf
weggedreht, doch er hielt mein Gesicht mit beiden Händen fest und
zwang mich, ihm in die Augen zu blicken und seinen sinnlichen,
schmerzverzerrten Mund zu sehen.
»Niemals.« Seine Stimme wurde noch leiser. »Denn du
gehörst mir. Mein Weib, mein Herz, meine Seele.« Schwer wie ein
Fels lag er auf mir, so daß ich stillhalten mußte, aber ich spürte
ihn in mir und warf mich ihm entgegen, weil ich mehr wollte. Immer
mehr.
»Mein Leib.« Nach Luft ringend gab er mir, was ich
begehrte. Ich bäumte mich unter ihm auf, als wollte ich entkommen,
und mein Rücken wölbte sich wie ein Bogen, mein Körper preßte sich
noch heftiger an ihn. Nun legte er sich der Länge nach auf mich,
fast ohne sich zu bewegen, so daß unsere innigste Berührung kaum
enger war als die Vereinigung Haut an Haut.
Das Gras unter mir war hart und stachelig, der
aromatische Duft der geknickten Stengel vermischte sich mit dem
Geruch des Mannes, der mich nahm. Meine Brüste wurde flachgedrückt,
und die Haare auf seiner Brust kitzelten mich, während wir uns
umarmten. Ich wand mich unter ihm, drängte ihn zur Gewalt, spürte
seine harten Schenkel, als er mich niederdrückte.
»Niemals«, flüsterte er, das Gesicht ganz nahe an
meinem.
»Niemals«, erwiderte ich, wandte mich ab und schloß
die Augen, um seinem durchdringenden Blick zu entgehen.
Mit sanftem, aber unerbittlichem Druck zwang er
mich, ihn wieder anzusehen, während er sich weiter rhythmisch
bewegte.
»Nein, meine Sassenach«, flüsterte er. »Öffne die
Augen. Schau mich an. Denn das ist deine Strafe ebenso wie meine.
Schau, was du mir angetan hast, so wie ich weiß, was ich dir
angetan habe. Schau mich an.«
Und ich sah, als seine Gefangene, an ihn gefesselt.
Sah, wie er die letzte Maske fallen ließ und mir seine Abgründe
zeigte und die Wunden seiner Seele. Ich hätte um seine Qualen
geweint, und um meine, wenn ich gekonnt hätte. Aber seine Augen
hielten die meinen fest, offen, tränenlos, grenzenlos wie das Meer.
Sein Leib hielt den meinen gefangen, trieb mich vor sich her wie
der Westwind, der die Segel einer Bark bläht.
Und ich trat die Reise an in sein Innerstes, so wie
er in mich, und als die letzten Stürme der Liebe mich
erschütterten, schrie er auf,
und wir ritten zusammen auf den Wellen als ein Fleisch und
erblickten uns selbst in den Augen des anderen.
Die Nachmittagssonne brannte heiß auf die weißen
Kalkfelsen und warf tiefe Schatten. Endlich fand ich, was ich
suchte. Trotz des Mangels an Erdreich wuchs es fröhlich in einer
schmalen Spalte eines gewaltigen Findlings. Ich brach einen Stengel
Aloe ab, spaltete ein fleischiges Blatt und verteilte das kühle,
grüne Gel auf den Striemen auf Jamies Handfläche.
»Besser?« fragte ich.
»Viel besser.« Jamie krümmte die Finger und verzog
das Gesicht. »Bei Gott, diese Nesseln brennen!«
»Wie wahr.« Ich zog den Ausschnitt meines Mieders
herunter und beträufelte meine Brust behutsam mit Aloesaft. Die
Kühle wirkte sofort lindernd.
»Ich bin froh, daß du mich nicht beim Wort genommen
hast«, sagte ich und warf einen gequälten Blick auf ein Büschel
blühender Brennesseln.
Grinsend tätschelte er meinen Po.
»Ja, das war knapp, Sassenach. Du solltest mich
nicht so in Versuchung führen.« Dann beugte er sich über mich und
küßte mich zärtlich.
»Nein, mo duinne. Ich habe dir einen Eid
geleistet, und damit war mir ernst. Niemals werde ich im Zorn die
Hand gegen dich erheben. Schließlich«, fügte er etwas leiser hinzu,
»habe ich dir genug Schmerzen zugefügt.«
Ich hätte die qualvolle Erinnerung lieber
verdrängt, aber auch ich schuldete ihm Gerechtigkeit.
»Jamie«, sagte ich mit zitternden Lippen. »Das...
Kind. Es war nicht deine Schuld. Zuerst dachte ich, du seist
schuld, aber das stimmt nicht. Ich glaube... ich glaube, es wäre
auf jeden Fall geschehen, auch wenn du nicht mit Jack Randall
gekämpft hättest.«
»Aye? Wirklich...« Warm und tröstend lag sein Arm
auf meiner Schulter. »Das macht es ein bißchen leichter. Obwohl ich
weniger an das Kind gedacht habe als an Frank. Glaubst du, du
kannst mir das verzeihen?« Mit sorgenvollem Blick sah er mich
an.
»Frank?« rief ich bestürzt. »Aber... da gibt es
doch gar nichts zu verzeihen.« Aber möglicherweise wußte Jamie gar
nicht, daß Jack
Randall noch lebte, schoß es mir durch den Kopf. Schließlich hatte
man ihn unmittelbar nach dem Duell verhaftet. Aber wenn er es nicht
wußte... Ich holte tief Luft. Er mußte es ohnehin erfahren,
vielleicht besser von mir als von anderen.
»Du hast Jack Randall nicht getötet, Jamie«, sagte
ich.
Zu meiner Verwirrung war er nach dieser Mitteilung
weder entsetzt noch überrascht. Er schüttelte den Kopf. Sein Haar
leuchtete in der Sonne. Um es zusammenzubinden, war es noch nicht
lang genug, aber im Gefängnis war es ein schönes Stück gewachsen,
so daß er es sich ständig aus den Augen streichen mußte.
»Das weiß ich, Sassenach«, sagte er.
»Wirklich? Aber... was...« Ich verstand gar nichts
mehr.
»Du... weißt es nicht?« fragte er zögernd.
Trotz der Sonnenwärme kroch mir ein Kälteschauer
über die Arme.
»Was?«
Er biß sich auf die Unterlippe und musterte mich
widerstrebend. Schließlich seufzte er.
»Nein, ich habe ihn nicht getötet. Aber verwundet
habe ich ihn.«
»Ja. Louise sagte, du hättest ihn schwer verletzt,
aber er sei auf dem Weg der Besserung.« Plötzlich sah ich die
letzte Szene im Bois de Boulogne vor mir. Jamies Schwertspitze, die
das regenfleckige Rehleder aufschlitzte. Der rote Fleck, der sich
auf der Hose ausbreitete... und der Winkel der funkelnden Klinge,
als Jamie mit aller Kraft zustieß.
»Jamie!« rief ich. Meine Augen weiteten sich vor
Entsetzen. »Du hast doch nicht... Jamie, was hast du getan?«
Er schlug die Augen nieder und rieb seine striemige
Hand an seinem Kilt. Dann schüttelte er den Kopf, als wunderte er
sich über sich selbst.
»Ich war so ein Narr, Sassenach. Ich konnte es
nicht mit meiner Mannesehre vereinbaren, ihn mit dem, was er dem
Jungen angetan hatte, ungestraft davonkommen zu lassen, und doch...
die ganze Zeit dachte ich bei mir: ›Du darfst den Bastard jetzt
nicht umbringen, das hast du versprochen. Du darfst ihn nicht
umbringen.‹« Mit einem freudlosen Lächeln besah er die Striemen auf
seiner Hand.
»Mein Zorn kochte über wie ein Topf Porridge auf
dem Herd, doch an diesen Gedanken klammerte ich mich. ›Du darfst
ihn nicht umbringen.< Und das tat ich auch nicht. Aber ich war
rasend vor
Kampfeswut, und das Blut brauste mir in den Ohren... da überlegte
ich nicht lange, warum ich ihn nicht töten durfte, nur an mein
Versprechen dachte ich. Und als ich ihn da auf dem Boden vor mir
hatte, mit der Erinnerung an Wentworth und an Fergus und mit der
messerscharfen Klinge in der Hand...« Jäh hielt er inne.
Mir wurde schwindelig, und ich ließ mich schwer auf
einen Felsen fallen.
»Jamie«, sagte ich. Hilflos zuckte er die
Achseln.
»Sassenach.« Er mied noch immer meinen Blick. »Ich
kann nur das eine sagen, es ist eine verdammt üble Stelle für eine
Verwundung.«
»Mein Gott.« Überwältigt von dieser Enthüllung, saß
ich da und rührte mich nicht. Jamie hatte sich neben mir
niedergelassen und betrachtete seine breiten Hände. Auf dem rechten
Handrücken war immer noch eine kleine rosafarbene Narbe zu sehen.
Jack Randall hatte ihm an dieser Stelle einen Nagel durchgeschlagen
- in Wentworth.
»Haßt du mich nun, Claire?« fragte er leise, fast
zaghaft.
Ich schüttelte den Kopf und schloß die Augen.
»Nein.« Als ich sie wieder aufmachte, sah ich
Jamies besorgtes Gesicht. »Ich weiß nicht genau, was ich jetzt
denke, Jamie. Wirklich nicht. Aber ich hasse dich nicht.« Ich legte
meine Hand auf die seine und drückte sie. »Nur... ich möchte eine
Weile allein sein, ja?«
Ich hatte mir das inzwischen trockene Kleid
angezogen. An meinen Händen steckte je ein silberner und ein
goldener Ring. Meine beiden Eheringe waren immer noch da, und ich
hatte keine Ahnung, was es bedeutete.
Jack Randall würde niemals ein Kind zeugen. Jamie
schien sich dessen sicher zu sein, und weitere Fragen wollte ich
ihm lieber nicht stellen. Und dennoch trug ich nach wie vor Franks
Ring. Ich konnte mich an meinen ersten Mann erinnern, an seine
Eigenheiten und seine Taten. Wie war es dann denkbar, daß er nie
existieren sollte?
Ich schüttelte den Kopf und schob mir die vom Wind
getrockneten Locken hinter die Ohren. Ich wußte es nicht. Und
höchstwahrscheinlich würde ich es nie erfahren. Aber ob man nun die
Zukunft ändern konnte oder nicht - und anscheinend hatten wir sie
geändert -, ich war mir sicher, daß es an der unmittelbaren
Vergangenheit nichts zu rütteln gab. Was geschehen war, ließ sich
nicht
ändern, und ganz gleich, was ich tat, ich hatte keinen Einfluß
mehr darauf. Jack Randall sollte nie Vater werden.
Von dem Abhang hinter mir rollte ein Stein
herunter. Ich drehte mich um und blickte zu Jamie auf, der, nun
ebenfalls wieder bekleidet, die Gegend dort oben erkundete.
Das Geröllfeld oberhalb war neueren Datums.
Frische, weiße Bruchstellen zeigten sich im schmutzigen Braun des
verwitterten Kalksteins, und nur winzige Pflanzen fanden zwischen
den übereinandergestürzten Steinen Halt. Dieser Hang war nicht wie
der Rest des Hügels von dichtem Gestrüpp bedeckt.
Jamie bewegte sich langsam seitwärts. Ich sah, wie
er einen riesigen Findling umrundete und sich dabei an den Felsen
klammerte, und das leise Schaben seines Dolches am Stein drang
durch die stille Nachmittagsluft zu mir.
Dann verschwand er. Während ich darauf wartete, daß
er auf der anderen Seite des Findlings wieder auftauchte, genoß ich
die warmen Sonnenstrahlen auf meinen Schultern. Aber Jamie erschien
nicht mehr, und nach einer Weile machte ich mir Sorgen. Vielleicht
war er ausgerutscht, hingefallen und mit dem Kopf auf einen Felsen
aufgeschlagen. Ich raffte meine Röcke und machte mich an den
Aufstieg.
»Jamie!«
»Hier bin ich, Sassenach.« Seine Stimme hinter mir
erschreckte mich so sehr, daß ich beinahe das Gleichgewicht
verloren hätte. Er nahm meinen Arm und hob mich zu sich auf eine
kleine freie Fläche zwischen den herabgestürzten Steinen
herunter.
Dann drehte er mich zu der Kalksteinwand, die
Moder- und Rauchflecken aufwies. Aber nicht nur das.
»Schau«, sagte er leise.
Ich sah in die Richtung, die er mir zeigte, nach
oben an die glatte Höhlenwand, und keuchte.
Tiere galoppierten über die Felswand und sprangen,
die Hufe hoch in die Luft geschleudert, nach oben auf das Licht zu.
Kleine Herden von Bisons und Hirschen flohen mit erhobenen
Schwänzen, und am Ende der Felsplatte waren Zeichnungen von
feingliedrigen Vögeln, die über den dahinstürmenden Erdentieren
schwebten.
In Rot, Schwarz und Ocker gemalt donnerten die
flüchtenden Gestalten lautlos dahin. Einst hatten sie ihr Dasein im
Dunkel der Höhle gefristet, erleuchtet nur von den Feuern jener,
die sie geschaffen
hatten. Nachdem nun die Höhlendecke eingestürzt war, waren sie der
Sonne ausgesetzt und wirkten so lebendig wie jedes andere Wesen auf
Erden.
In die Betrachtung der massiven Leiber auf dem
Gestein versunken, hatte ich Jamie ganz vergessen, bis er nach mir
rief.
»Sassenach! Kommst du mal her?« Seine Stimme hatte
einen merkwürdigen Unterton, und so eilte ich zu ihm. Er stand am
Eingang einer kleinen Nebenhöhle und blickte auf den Boden.
Sie lagen hinter einem Felsvorsprung, als hätten
sie Schutz vor dem Wind gesucht, der den Bison vor sich
hertrieb.
Es waren zwei, und sie lagen nebeneinander auf der
festgestampften Erde. Durch die trockene Höhlenluft konserviert,
hatten die Knochen überdauert, während das Fleisch längst zu Staub
zerfallen war. Ein winziger Rest brauner, pergamentartiger Haut
haftete noch an einem Schädel, eine verblichene Strähne wehte
sachte im Luftzug, den wir verursacht hatten.
»Mein Gott«, flüsterte ich, als fürchtete ich, sie
zu stören. Ich trat näher zu Jamie, der seine Hand um meine Taille
legte.
»Glaubst du... sie wurden... hier getötet? Geopfert
vielleicht?«
Jamie schüttelte den Kopf und starrte nachdenklich
auf das Häufchen zerbrechlicher Knochen.
»Nein.« Auch er sprach leise, als befände er sich
im Allerheiligsten einer Kirche. Er wandte sich um und zeigte auf
die Wand hinter uns, wo Hirsche sprangen und Kraniche sich in die
Lüfte erhoben.
»Nein«, wiederholte er. »Menschen, die solche Tiere
geschaffen haben... wären dazu nicht imstande gewesen.« Noch einmal
blickte er auf die beiden Skelette, die in inniger Umarmung zu
unseren Füßen lagen. Er beugte sich über sie, zeichnete behutsam
die Linien der Knochen mit dem Finger nach, ohne deren
elfenbeinfarbene Oberfläche zu berühren.
»Schau, wie sie liegen«, sagte er. »Sie sind hier
nicht gestürzt, und ihre Körper wurden auch nicht aufgebahrt. Sie
haben sich selbst so hingelegt.« Seine Hand glitt über die langen
Armknochen des größeren Skeletts.
»Er hatte seine Arme um sie gelegt«, erklärte er.
»Seine Schenkel lagen an den ihren, er hielt sie eng an sich
gedrückt, und sein Kopf ruhte auf ihrer Schulter.«
Seine Hände bewegten sich über die Skelette,
erklärten dieses, zeigten jenes und verliehen ihnen neues Leben, so
daß ich sie vor mir
sah, wie sie gewesen waren, in einer letzten, ewig währenden
Umarmung. Die beiden hatten Hand in Hand auf den Tod
gewartet.
Jamie war aufgestanden und nahm das Innere der
Höhle in Augenschein. Die Spätnachmittagssonne malte karminrote und
okkerfarbene Flecken auf die Felswände.
»Da.« Er deutete auf eine Stelle neben dem
Höhleneingang. Der Fels war dort von Staub und Alter gebräunt, aber
nicht durch eindringendes Wasser und Erosion rostrot gefärbt wie im
Höhleninnern.
»Das war früher der Eingang«, erklärte er. »Die
Felsen sind schon einmal herabgestürzt und haben den Zugang
verschüttet.« Er drehte sich um und legte die Hand auf den
Felsvorsprung, der die Liebenden vor dem Licht schützte.
»Bestimmt haben sie sich Hand in Hand durch die
Höhle getastet«, überlegte ich, »auf der Suche nach einem Ausgang,
gefangen in Staub und Dunkelheit.«
»Aye.« Jamie lehnte die Stirn gegen den Stein und
schloß die Augen. »Und das Feuer war erloschen, und die Luft war
bald verbraucht. Also legten sie sich im Dunkeln nieder, um zu
sterben.« Die Tränen hinterließen feuchte Spuren auf seinem
staubbedeckten Gesicht. Auch ich rieb mir die Augen, nahm seine
freie Hand und verflocht meine Finger mit den seinen.
Wortlos wandte er sich mir zu, und mit einem tiefen
Seufzer zog er mich an sich. Im schwindenden Licht der
untergehenden Sonne suchten unsere Hände begierig nach der Wärme
und Gewißheit lebendiger Haut, und die Härte der unsichtbaren
Knochen darunter mahnte uns, wie kurz das Leben ist.