16
Die Magie des Schwefels
Prinz Charles kaufte seinen Weinbrand tatsächlich bei Mr. Hawkins. Doch abgesehen davon brachten die folgenden vier Wochen kaum neue Erkenntnisse. Es ereignete sich nichts Bemerkenswertes. König Louis nahm nach wie vor keine Notiz von Charles. Jamie betrieb seinen Weinhandel und besuchte den Prinzen. Fergus unternahm weiterhin Beutezüge. Louise de la Tour zeigte sich mißmutig, aber nichtsdestoweniger blühend an der Seite ihres Gatten. Ich übergab mich weiterhin jeden Morgen, arbeitete nachmittags im Spital und überstand das Abendessen mit anmutigem Lächeln.
Zwei Dinge ließen uns jedoch hoffen, sie würden uns unserem Ziel näherbringen. Zum einen lud der höchst gelangweilte Charles Jamie immer öfter ein, mit ihm in Tavernen zu gehen - häufig ohne Mr. Sheridan, seinen Hauslehrer, der sich zu alt für derartige Abenteuer wähnte.
»Meine Güte, der Mann trinkt wie ein Loch«, hatte mein nach Fusel riechender Ehemann erklärt, als er von einer dieser Sauftouren zurückkehrte. Kritisch untersuchte er einen großen Fleck auf seinem Hemd.
»Ich werde ein frisches bestellen müssen«, erklärte er.
»Wenn Charles bei der Zecherei auch nur ein paar seiner Geheimnisse preisgibt, soll uns das ein frisches Hemd wert sein«, meinte ich. »Worüber spricht er überhaupt?«
»Über die Jagd und über Frauen«, antwortete Jamie knapp und lehnte jedes weitere Wort darüber entschieden ab. Entweder kreisten Charles’ Gedanken mehr um Louise de la Tour als um Politik, oder er konnte auch dann diskret sein, wenn Mr. Sheridans wachsames Auge nicht auf ihm ruhte.
Zum anderen wurde Monsieur Duverny, der Finanzminister, von Jamie im Schach besiegt. Nicht nur einmal, sondern immer wieder. Wie Jamie vorhergesehen hatte, spornten die erlittenen Niederlagen Monsieur Duverneys Ehrgeiz an, was zur Folge hatte, daß wir häufig Einladungen nach Versailles erhielten. Während ich mich unter die Leute mischte, dem Klatsch lauschte und mich von Alkoven fernhielt, spielte Jamie unter den Blicken einer Schar von Bewunderern Schach.
Ohne das Stimmengemurmel und das Klirren der Gläser in ihrem Rücken wahrzunehmen, saßen Jamie und der Finanzminister - ein kleiner rundlicher Mann mit gebeugten Schultern - über ihrer Partie.
»Es gibt wohl kaum ein langweiligeres Spiel«, raunte eine Dame ihrer Nachbarin zu. »Und so etwas nennt sich Vergnügen! Dabei ist es weitaus vergnüglicher, meiner Zofe dabei zuzusehen, wie sie den schwarzen Pagen laust. Die quietschen und kichern wenigstens ein bißchen.«
»Den rothaarigen Burschen würde ich nicht ungern zum Kichern und Quietschen bringen«, antwortete ihre Gesprächspartnerin und lächelte Jamie zu, der den Kopf gehoben hatte und gedankenverloren an Monsieur Duverney vorbeiblickte. Als die erste Dame mich erspähte, versetzte sie ihrer Begleiterin, einer üppigen Blondine, einen Stoß in die Rippen.
Ich bedachte sie mit einem liebenswürdigen Lächeln und genoß mit einer gewissen Boshaftigkeit, wie von ihrem Hals eine tiefe Röte aufstieg. Jamie selbst wirkte so geistesabwesend, daß sie ihre fleischigen Finger in sein Haar hätte wühlen können, ohne daß er es bemerkt hätte.
Ich fragte mich, was seine Aufmerksamkeit fesselte. Das Spiel konnte es nicht sein. Monsieur Duverney wich von seiner vorsichtigen Taktik nicht ab und beschränkte sich auf die immer gleichen Züge. In hastig überspielter Ungeduld fuhr Jamie mit der rechten Hand zum Oberschenkel, und ich spürte, daß er mit seinen Gedanken überall, nur nicht beim Schach war. Die Partie mochte sich noch eine halbe Stunde hinziehen, aber er hatte den König seines Gegners bereits in der Hand.
Neben mir stand der Duc de Neve und ließ Jamie nicht aus den Augen. Plötzlich wandte er den Blick ab, überlegte einen Augenblick, betrachtete das Schachbrett und entfernte sich, um seinen Wetteinsatz zu erhöhen.
Ein Lakai bot mir mit einer unterwürfigen Verneigung ein weiteres Glas Wein an. Ich winkte ab, denn ich war schon leicht benebelt, und meine Füße erschienen mir gefährlich weit weg.
Als ich mich suchend nach einer Sitzgelegenheit umwandte, fiel mein Blick auf den Comte de St. Germain am anderen Ende des Saales. Vielleicht war er es, den Jamie ins Visier genommen hatte. Der Comte wiederum betrachtete mich, und als er mich so anstarrte, lächelte er. Ein für ihn ungewohnter Ausdruck, und er stand ihm ganz und gar nicht. Ich dachte jedoch nicht weiter darüber nach, sondern verbeugte mich in seine Richtung, so graziös ich konnte. Dann gesellte ich mich wieder zu den Damen, plauderte über dieses und jenes und versuchte das Gespräch möglichst oft auf Schottland und den im Exil lebenden König zu lenken.
Im großen und ganzen schien die Aussicht, das Haus Stuart könnte möglicherweise wieder den englischen Thron besteigen, die französische Aristokratie nicht sonderlich zu beschäftigen. Der Name Charles Stuart, den ich ab und zu beiläufig fallen ließ, rief lediglich Augenrollen und gelangweiltes Schulterzucken hervor. Trotz der Bemühungen des Grafen von Mar und der anderen Pariser Jakobiten weigerte sich Louis hartnäckig, Charles bei Hofe zu empfangen. Und ein mittelloser Exilant, der sich nicht der Gunst des Königs erfreute, konnte nicht erwarten, in die Gesellschaft aufgenommen zu werden und dort die Bekanntschaft wohlhabender Bankiers zu machen.
»Der König ist nicht besonders erfreut, daß sein Cousin nach Frankreich gereist ist, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten«, klärte mich die Comtesse de Brabant auf, als ich das Thema anschnitt. »Er soll gesagt haben, was ihn betrifft, könne England protestantisch bleiben. Und wenn die Engländer mitsamt George von Hannover in der Hölle schmoren, um so besser!« Mitfühlend schürzte sie die Lippen; sie war ein gütiger Mensch. »Es tut mir leid. So enttäuschend es für Sie und Ihren Mann auch sein mag...« Sie zuckte die Schultern.
Mit derartigen Enttäuschungen würden wir durchaus leben können, dachte ich und begab mich wieder auf die Suche nach weiterem verwertbaren Klatsch. Aber das Glück war mir an jenem Abend nicht hold. Die Jakobiten, so gab man mir zu verstehen, seien ein langweiliges Thema.
»Mit dem Turm den Damenbauer schlagen«, murmelte Jamie, als wir uns zum Schlafen niederlegten. Wieder einmal durften wir als Gäste im Schloß übernachten. Da die Partie bis weit nach Mitternacht gedauert hatte und der Finanzminister von unserer Rückfahrt nach Paris um diese Uhrzeit nichts hören wollte, brachte man uns in einem kleinen appartement unter. Diesmal war es sogar um ein bis zwei Kategorien besser ausgestattet als beim vorigen Mal, stellte ich fest - mit Federbett und einem Fenster, das auf den südlichen Blumengarten hinausging.
»Ja, ja, die Türme«, meinte ich, glitt ins Bett und streckte tiefseufzend meine Glieder. »Träumst du heute nacht vom Schach?«
Jamie nickte und gähnte, daß ihm die Tränen kamen und sein Kiefer fast aus dem Gelenk sprang.
»Aye, ganz bestimmt. Hoffentlich stört es dich nicht, wenn ich im Schlaf eine Rochade ausführe.«
Erleichtert darüber, endlich zu liegen und meinen Bauch nicht mehr tragen zu müssen, bewegte ich meine Füße hin und her. Ein feiner, wenn auch nicht unangenehmer Schmerz durchfuhr mich, als sich auch mein unteres Rückgrat allmählich entspannte.
»Wenn du magst, mach im Schlaf einen Kopfstand«, erwiderte ich gähnend. »Heute nacht lasse ich mich durch nichts mehr stören.«
Selten hatte ich mich so geirrt.
Ich träumte von dem Baby, das so kräftig strampelte, daß sich mein geschwollener Bauch hob und senkte. Ich fuhr mir über den gewölbten Leib und massierte die gespannte Haut, um den inneren Aufruhr zu besänftigen. Doch in der stillen Gewißheit, die sich in Träumen manchmal einstellt, wurde mir klar, daß es nicht das Baby war, das in mir tobte, sondern eine Schlange. Ich krümmte mich, zog die Beine an, um das Untier zu bändigen. Suchend fuhr ich mit den Händen über den Bauch, weil ich seinen Kopf packen wollte. Meine Haut brannte wie Feuer, und meine Eingeweide wanden sich, wurden selbst zu Schlangen, bissen und schlugen um sich, während sie sich ineinander verwickelten.
»Claire! Wach auf, Mädel! Was ist los?« Der Klang der Stimme brachte mich halbwegs zu mir. Ich lag auf dem Bett, Jamie hielt meine Schulter, und ich war zugedeckt mit Leintüchern. Doch die Schlangen in meinem Bauch kamen nicht zur Ruhe, und ich erschrak selbst zutiefst über mein lautes Stöhnen.
Jamie schob die Laken beiseite, rollte mich auf den Rücken und versuchte, meine Beine auszustrecken. Störrisch verharrte ich in meiner zusammengekrümmten Stellung und hielt mir den Bauch, weil ich hoffte, auf diese Weise den höllischen Schmerz eindämmen zu können.
Jamie deckte mich wieder zu und verließ hastig das Zimmer; er nahm sich kaum Zeit, seinen Kilt anzulegen.
Ich achtete nur noch auf das Toben in meinem Innern. In meinen Ohren brauste es, und kalter Schweiß bedeckte mein Gesicht.
»Madame! Madame!«
Als ich die Augen öffnete, blickte ich in das entsetzte Gesicht des Zimmermädchens. Hinter ihr stand Jamie, halbnackt und außer sich vor Angst. Kurz bevor ich erneut die Lider schloß, sah ich, wie er das Mädchen so hart bei der Schulter packte, daß sich die Locken unter der Haube lösten.
»Verliert sie das Baby? So sagen Sie doch was!«
Es schien fast so. Stöhnend und keuchend warf ich mich von einer Seite auf die andere.
Dann drangen plötzlich weibliche Stimmen an mein Ohr. Hände berührten mich und griffen nach mir. Inmitten dieses Durcheinanders erkannte ich die Stimme eines Mannes. Eines Franzosen. Auf seine Anweisung hin schlossen sich etliche Finger um meine Fußgelenke und Schultern und streckten meinen Körper aus.
Eine Hand faßte unter mein Nachthemd und tastete meinen Bauch ab. Als ich keuchend die Augen öffnete, erkannte ich Monsieur Fleche, den Hofmedicus. Mit gerunzelter Stirn kniete er neben meinem Bett. Von dieser Gunstbezeugung des Königs hätte ich mich eigentlich geschmeichelt fühlen müssen, doch im Augenblick war es mir einerlei. Die Schmerzen veränderten sich. Mein Körper wurde von Krämpfen geschüttelt, die von oben nach unten zu wandern schienen und zusehends stärker wurden.
»Keine Fehlgeburt«, versicherte Monsieur Fleche Jamie, der ihm besorgt über die Schulter sah. »Keinerlei Blutung.« Ich bemerkte, wie eine der Damen entsetzt auf die Narben auf Jamies Rücken starrte. Sie griff ihre Nachbarin am Ärmel und deutete auf die Male.
»Vielleicht eine Gallenkolik«, erklärte Monsieur Fleche, »oder eine plötzliche Leberentzündung.«
»Idiot«, stieß ich hervor.
Monsieur Fleche starrte hochmütig auf mich herab und setzte sich, um die Wirkung zu steigern, ein wenig verspätet den goldenen Zwicker auf die Nase. Dann legte er eine Hand auf meine feuchte Stirn und bedeckte dabei wie zufällig auch meine Augen, damit ich ihn nicht länger anfunkeln konnte.
»Höchstwahrscheinlich die Leber«, meinte er zu Jamie. »Der Druck auf die Gallensteine führt zu einem Anstieg der gelben Galle im Blut und verursacht Schmerzen - und zeitweilige Geistesverwirrung«, fügte er bestimmt hinzu und preßte seine Hand ein wenig stärker auf meine Stirn, als ich mich hin und her wand. »Sie sollte umgehend zur Ader gelassen werden. - Plato, das Becken!«
Gewaltsam befreite ich mich aus seinen Händen. »Verschwinden Sie, Sie verdammter Quacksalber! Jamie, laß ihn nicht an mich ran damit!« Plato, der Assistent von Monsieur Fleche, trat mit der Lanzette und dem Becken auf mich zu, während die Damen im Hintergrund nach Luft rangen und einander Wind zufächelten.
Jamie, aus dessen Gesicht alle Farbe gewichen war, ließ den Blick zwischen Monsieur Fleche und mir hin und her wandern. Dann kam er zu einem Entschluß, packte den armen Plato, drehte ihn herum und schob ihn zur Tür. Kreischend wichen die Kammerzofen und Damen zurück.
»Monsieur! Monsieur le chevalier!« protestierte der Medicus. Als man ihn zu Hilfe gerufen hatte, war es ihm gerade noch gelungen, seine Perücke sachgemäß anzulegen. Zum Anziehen war ihm jedoch keine Zeit geblieben, und als er mit wild rudernden Armen - wie eine übergeschnappte Vogelscheuche - hinter Jamie hereilte, flatterten die Ärmel seines Nachtgewandes wie Flügel.
Wieder wurde ich von einem Krampf erfaßt, der sich wie eine Klammer um meine Eingeweide legte. Ich schnappte nach Luft und rollte mich erneut zusammen. Als der Schmerz etwas nachließ und ich die Augen öffnete, bemerkte ich, daß mich eine Dame forschend anblickte. Auf ihrem Gesicht zeichnete sich eine plötzliche Erkenntnis ab, und ohne mich aus den Augen zu lassen, flüsterte sie ihrer Nachbarin etwas zu. Im Zimmer herrschte zu großer Lärm, als daß ich sie hätte verstehen können, doch ich konnte ihr das Wort von den Lippen ablesen: »Gift!«
Als der Schmerz geheimnisvoll gurgelnd weiter nach unten wanderte, wurde mir schlagartig klar, was los war. Es war keine Fehlgeburt, keine Blinddarmentzündung, und erst recht keine Leberentzündung. Gift war es eigentlich auch nicht. Es war Faulbaumrinde. »Sie...« Mit drohender Gebärde ging ich auf Maître Raymond los, der hinter seinem Arbeitstisch Zuflucht gesucht hatte. »Sie! Sie verdammter, froschgesichtiger kleiner Wurm!«
»Ich, Madonna? Ich habe Ihnen doch nichts getan, oder?«
»Abgesehen von einem unbeschreiblichen Durchfall im Beisein von mehr als dreißig Menschen, die mir einreden wollten, es sei eine Fehlgeburt, während mein Mann vor Angst fast umgekommen ist, abgesehen davon haben Sie mir nichts angetan!«
»Ach, Ihr Mann war auch dabei?« Maître Raymond fühlte sich offensichtlich nicht wohl in seiner Haut.
»Ganz richtig!« bestätigte ich. Mit Mühe und Not hatte ich Jamie davon abhalten können, mich in Maitre Raymonds Apotheke zu begleiten, um ihn gewaltsam zum Sprechen zu bringen. Schließlich hatte ich ihn dazu überredet, in der Kutsche zu warten, während ich mit dem amphibienähnlichen Besitzer ein ernstes Wörtchen reden wollte.
»Sie sind ja nicht gestorben, Madame«, stellte der Kräuterkundige fest. Da er keine nennenswerten Augenbrauen besaß, zog er einen Teil seiner Stirn hoch. »Aber Sie hätten sterben können.«
Im Tumult der Nacht und der darauffolgenden Schwäche hatte ich das völlig außer acht gelassen.
»Es war also kein böser Streich?« fragte ich ein wenig kleinlaut. »Wollte mich tatsächlich jemand umbringen? Und ich bin nur deshalb noch am Leben, weil Sie ein Mann mit Gewissen sind?«
»Vielleicht verdanken Sie Ihr Leben nicht unbedingt dem Umstand, daß ich ein Gewissen habe, Madonna. Es mag ein Streich gewesen sein - vermutlich gibt es noch andere Händler, die Faulbaumrinde verkaufen. Ich habe diese Substanz im letzten Monat an zwei Personen verkauft - und keine von beiden hat sie verlangt.«
»Ich verstehe.« Ich holte tief Luft und wischte mir mit dem Handschuh die Schweißperlen von der Stirn. Das hieß also, daß zwei potentielle Giftmörder ihr Unwesen trieben. Genau das, was mir noch gefehlt hatte!
»Nennen Sie mir ihre Namen?« fragte ich ihn unverblümt. »Das nächste Mal kaufen sie vielleicht bei jemandem, der kein Gewissen hat.«
Er nickte und preßte nachdenklich die Lippen zusammen.
»Es wäre möglich. Die Namen der Käufer werden Ihnen jedoch nichts nutzen. Es waren Dienstboten, die auf Anweisung ihrer Herrschaft handelten. Einmal war es die Zofe der Vicomtesse de Rambeau und das andere Mal ein Mann, den ich nicht kannte.«
Ich trommelte mit den Fingern auf die Theke. Die einzige Person, die mich bedroht hatte, war der Comte de St. Germain. Hatte er einen Diener damit beauftragt, das vermeintliche Gift zu beschaffen, um es mir dann eigenhändig ins Getränk zu mischen? Als ich mir den Abend in Versailles wieder ins Gedächtnis rief, erschien es mir möglich. Die Weingläser wurden auf Tabletts von Dienern herumgereicht. Der Comte hätte mir nicht mal auf Armeslänge nahe kommen, sondern einfach nur einen Diener bestechen müssen, damit dieser mir ein bestimmtes Glas reichte.
Raymond betrachtete mich neugierig. »Haben Sie die Vicomtesse irgendwie verärgert? Sie ist ausgesprochen eifersüchtig. Es wäre nicht das erstemal, daß Sie mich um Hilfe bittet, eine Rivalin zu beseitigen, wenn ihre Eifersuchtsattacken gottlob auch recht kurzlebig sind. Der Vicomte riskiert gerne ein Auge, müssen Sie wissen - es gibt immer eine neue Rivalin, die sie von der alten ablenkt.«
Unaufgefordert setzte ich mich.
»Rambeau?« Ich versuchte, dem Namen ein Gesicht zuzuordnen, und sah plötzlich einen Mann mit eleganter Kleidung und einem hausbackenen runden Gesicht - beides verschwenderisch mit Schnupftabak bestreut - vor mir.
»Ja, Rambeau!« rief ich aus. »Natürlich kenne ich den Mann. Aber ich habe ihm nur den Fächer über das Gesicht gezogen, als er mir in die Zehen gebissen hat.«
»Je nach Laune könnte das für die Vicomtesse schon Anlaß genug sein«, erklärte Maitre Raymond. »Und wenn dem so war, dann sind Sie vor weiteren Angriffen wohl sicher.«
»Danke«, erwiderte ich trocken. »Und wenn es nicht die Vicomtesse war?«
Der kleine Apotheker zögerte eine Weile, während er mit zusammengekniffenen Augen in das Sonnenlicht blickte, das durch das Rautenglas des Fensters fiel. Dann wandte er sich entschlossen um und ging zu dem steinernen Tisch, auf dem seine Destillierkolben standen. Mit einer Kopfbewegung forderte er mich auf, ihm zu folgen.
»Kommen Sie mit, Madonna. Ich habe etwas für Sie.«
Zu meiner Verwunderung bückte er sich und war plötzlich unter dem Tisch verschwunden. Als er nicht mehr auftauchte, beugte ich mich hinunter und lugte unter den Tisch. Eine glühende Kohlenschicht bedeckte die Feuerstelle. Aber zu beiden Seiten war etwas Platz frei, und im Schatten des Mauerwerks unter dem Tisch befand sich eine Öffnung.
Ich zögerte eine Sekunde, schürzte dann meine Röcke und folgte ihm.
Der Raum, der dahinterlag, war zwar klein, jedoch hoch genug, daß man aufrecht darin stehen konnte. Von außen hätte man diese verborgene Kammer nicht vermutet.
Zwei Wände wurden von wabenartigen Fächern eingenommen, und in jedem der staubfreien und makellos sauberen Kästchen lag ein Tierschädel. Entsetzt wich ich einen Schritt zurück. Sämtliche Augenhöhlen schienen auf mich gerichtet, die schimmernden Zähne zum Willkommensgruß gebleckt.
Ich mußte etliche Male blinzeln, bis ich Maitre Raymond entdeckte. Vorsichtig hockte er auf dem Boden seines Beinhauses. Mit abwehrend erhobenen Armen hielt er den Blick auf mich gerichtet, als erwartete er, daß ich schrie oder mich auf ihn warf. Aber da ich in meinem Leben schon weitaus Furchteinflößenderes gesehen hatte als polierte Knochen, trat ich vor, um die Schädel genauer zu betrachten.
Offenbar war alles vorhanden: winzige Schädel von Fledermäusen und verschiedenen Mäusearten, die Knochen durchscheinend, die kleinen Zähne gefährlich scharf, Pferde mit wuchtigen, krummschwertähnlichen Kiefern, mit denen man mühelos Scharen von Philistern hätte niedermähen können, bis hin zu Schädeln von Eseln, die, wenn auch kleiner, genauso stabil wie die der mächtigen Zugpferde waren.
Sie strahlten Ruhe und Schönheit aus, als lebte in ihnen noch der Geist ihrer Besitzer, als trugen die Knochen die Erinnerung an Fleisch und Fell in sich.
Ich berührte einen der Schädel. Er war gar nicht so kalt, wie ich vermutet hatte.
Ich hatte menschliche Skelette gesehen, mit denen man weit weniger würdevoll verfahren war. Die Schädel der christlichen Märtyrer hatte man früher in den Katakomben einfach auf einen Haufen geworfen und ihre Schenkelknochen wie Mikadostäbchen übereinandergestapelt.
»Ein Bär?« fragte ich leise. Welch ein großer Schädel, mit scharfen Eckzähnen, aber seltsam abgeflachten Backenzähnen.
»Ja, Madonna.« Raymond entspannte sich, als er meine Furchtlosigkeit bemerkte. Zart strich er über die Rundung des festen Schädels. »Sehen Sie die Zähne? Ein Fischvertilger, Fleischfresser, aber gleichzeitig ein Beerenfresser und Freund von Larven. Sie verhungern selten, weil ihnen alles schmeckt.«
Bewundernd ging ich von einem Fach zum nächsten, berührte mal hier, mal dort etwas.
»Sie sind wundervoll«, sagte ich. Wir sprachen gedämpft, als könnten lautere Töne die Ruhe der Schlafenden stören.
»Ja.« Raymond strich ebenso zart wie ich über die Knochen. »In ihnen ist der Charakter des Tieres verborgen. Aus dem, was übrig ist, läßt sich ziemlich genau sagen, was einmal war.«
»Diese dort«, ich deutete nach oben, »sind etwas Besonderes, nicht wahr?«
»O ja, Madonna. Es sind Wölfe. Sehr alte Wölfe.« Vorsichtig nahm er einen der Schädel herunter. Er hatte eine lange Schnauze mit starken Eck- und breiten Reißzähnen. Der Sagittalbogen trat steif und dominierend aus dem rückwärtigen Schädel hervor und zeugte von dem kräftigen Nacken, der den Kopf einmal getragen hatte.
Die Schädel waren nicht weiß wie die anderen, sondern fleckig und braungestreift, und sie glänzten wie poliert.
»Diese Tiere gibt es nicht mehr, Madonna.«
»Heißt das, sie sind ausgestorben?« Fasziniert strich ich noch einmal über den Schädel. »Wo um alles in der Welt haben Sie die her?«
»Sie stammen aus einem unter der Erde verborgenen Torfmoor, Madonna.«
Bei genauerem Hinsehen erkannte ich den Unterschied zwischen den Schädeln vor mir und den jüngeren, weißeren auf der anderen Seite. Die Tiere waren weitaus größer gewesen als normale Wölfe und hatten Kiefer gehabt, mit denen sie einem flüchtenden Elch gewiß mühelos die Beine hatten brechen oder einem gestürzten Reh die Kehle hatten durchbeißen können.
Ein leises Frösteln durchfuhr mich, als ich den Schädel berührte. Ich mußte an die Wölfe vor dem Wentworth-Gefängnis denken, die sich in der eisigen Dämmerung an mich herangepirscht hatten, nachdem ich ihren Gefährten getötet hatte. Das war kaum sechs Monate her.
»Gefallen Ihnen die Wölfe nicht, Madonna?« fragte Raymond. »Aber vor Bären und Füchsen haben Sie doch auch keine Angst. Und die sind ebenfalls Jäger und Fleischfresser.«
»Schon, aber sie interessieren sich nicht für mein eigenes Fleisch«, erwiderte ich ironisch und reichte ihm den verwitterten Schädel. »Ich empfinde größere Zuneigung für unseren Freund, den Elch.« Liebevoll tätschelte ich die weit vorspringende Nase.
»Zuneigung?« Die schwarzen Augen blickten mich neugierig an. »Ein ungewöhnliches Gefühl für einen Knochen, Madonna.«
»Nun ja... das stimmt«, sagte ich leicht verlegen, »aber für mich sind es nicht bloß Knochen. Ich meine, sie sagen ja etwas über das Wesen des Tiers aus. Es sind nicht nur leblose Gegenstände.«
Raymonds zahnloser Mund verzog sich zu einem Lächeln, als hätte ich etwas gesagt, was ihm gefiel. Er enthielt sich jedoch einer Antwort.
»Warum haben Sie sie gesammelt?« fragte ich ihn. Mir war mit einem Mal aufgefallen, daß Regale voller Tierschädel nicht zur normalen Ausstattung eines Apothekers zählten. Ausgestopfte Krokodile vielleicht, aber nicht dieses ganze Zeug.
Gutmütig zuckte er die Schultern.
»Sie leisten mir bei meiner Arbeit Gesellschaft.« Er deutete auf eine unaufgeräumte Werkbank in der Ecke. »Sie können mir eine Menge erzählen, und das so leise, daß sie nicht die Aufmerksamkeit der Nachbarn erregen. Kommen Sie mit.« Unvermittelt wechselte er das Thema. »Ich habe etwas für Sie.«
Neugierig folgte ich ihm zu einem hohen Schrank am Ende des Raumes.
Raymond war kein Naturforscher, geschweige denn Wissenschaftler im modernen Sinn des Wortes. Er machte keine Notizen, fertigte keine Zeichnungen an und schrieb keine Bücher, die andere Menschen zu Rate ziehen und von denen sie lernen konnten. Dennoch hatte ich den Eindruck, daß ihm viel daran gelegen war, mich das zu lehren, worin er sich auskannte - seine Vorliebe für Gebeine zum Beispiel.
Der Schrank war mit zahlreichen eigentümlichen Schnörkeln und Kringeln, Fünfecken und Kreisen bemalt. Kabbalistische Symbole. Ein oder zwei kannte ich aus Onkel Lambs historischen Büchern.
»Sie beschäftigen sich mit der Kabbala?« fragte ich ihn, während ich die Symbole amüsiert betrachtete. Das würde den geheimen Arbeitsraum erklären. Zwar herrschte in französischen Literatenzirkeln und in Adelskreisen ein starkes Interesse an Okkultismus, doch man sprach nur hinter vorgehaltener Hand darüber, weil man die kirchliche Säuberungswut fürchtete.
Zu meiner Überraschung brach Raymond in Gelächter aus. Er legte die kurzen Finger auf die Schranktür und berührte hier die Mitte eines Symbols, dort das runde Ende.
»Nein, eigentlich nicht. Die meisten Kabbalisten sind gewöhnlich recht arm, daher suche ich nicht unbedingt ihre Gesellschaft. Die Symbole auf dem Schrank sollen neugierige Leute abschrecken. Was natürlich, wenn man einmal darüber nachdenkt, eine erhebliche Macht für ein bißchen Malerei bedeutet. So haben die Kabbalisten vielleicht doch recht, wenn sie behaupten, in diesen Symbolen läge eine gewisse Kraft.«
Mit einem verschmitzten Lächeln öffnete er die Schranktür. Es war tatsächlich ein Schrank mit doppeltem Boden. Wenn sich eine neugierige Person nicht von den Symbolen abschrecken ließ und die Tür öffnete, offenbarte sich ihr der harmlose Inhalt einer Apotheke. Würde es ihr jedoch gelingen, die versteckten Riegel in der richtigen Reihenfolge zu betätigen, würden auch die innenliegenden Regale aufschwingen und den dahinterliegenden Hohlraum offenbaren.
Maître Raymond zog eine der kleinen Schubladen an der Hinterwand heraus und kippte den Inhalt in seine Hand. Nach kurzem Wühlen nahm er einen großen weißen Kristall und überreichte ihn mir.
»Für Sie«, sagte er. »Zum Schutz.«
»Was? Ein Zauber? fragte ich spöttisch, während ich den Stein in der Hand drehte und wendete.
Raymond lachte und ließ kleine bunte Steine auf die fleckige Filzunterlage rieseln.
»So könnte man es nennen, Madonna. Ich kann natürlich mehr dafür berechnen, wenn ich behaupte, sie besitzen magische Kräfte.« Mit einem Finger schnipste er einen blaßgrünen Kristall aus dem kleinen Häufchen Steine.
»Darin wohnen nicht mehr - und gewiß auch nicht weniger - magische Kräfte als in den Schädeln. Nennen Sie die Steine doch einfach die Knochen der Erde. In ihnen ist das Muster ihres Entstehens festgehalten, und welche Kraft dabei auch immer gewirkt hat, ist in ihnen gebunden.« Er schoß ein gelbliches Klümpchen in meine Richtung.
»Schwefel. Wenn man ihn mit ein paar anderen Kleinigkeiten pulverisiert und eine Lunte daran hält, explodiert es. Schießpulver. Ist das Magie? Oder ist es die Natur des Schwefels?«
»Vermutlich hängt es davon ab, mit wem Sie darüber sprechen«, stellte ich fest, woraufhin sich seine Miene zu einem Grinsen verzog.
»Wenn Sie jemals beabsichtigen, Ihren Mann zu verlassen, Madonna«, sagte er schmunzelnd, »werden Sie bestimmt nicht verhungern. Ich habe ja gesagt, Sie kennen sich aus.«
»Mein Mann!« rief ich aus. Nun wußte ich, was die gedämpften Geräusche aus dem entfernten Ladenraum zu bedeuten hatten. Es gab einen lauten Knall, als würde eine gewaltige Faust auf den Tresen niedergehen, während sich eine entschiedene tiefe Stimme über das Gewirr anderer Geräusche erhob.
»Um Himmels willen! Ich habe Jamie vergessen.«
»Ihr Mann ist draußen?« Raymonds Augen weiteten sich über das übliche Maß hinaus, und wenn er nicht bereits blaß wie die Wand gewesen wäre, wäre er wohl auch erbleicht.
»Ich habe ihn vor der Tür warten lassen«, erklärte ich und bückte mich, um durch die Geheimöffnung wieder nach draußen zu gelangen. »Gewiß hat es ihm zu lange gedauert.«
»Warten Sie, Madonna.« Raymond packte mich am Ellbogen und hielt mich zurück. Dann legte er eine Hand über die meine, die den weißen Kristall hielt.
»Der Kristall. Ich habe Ihnen doch gesagt, er ist zu Ihrem Schutz.«
»Schon gut«, erwiderte ich ungeduldig, als ich meinen Namen immer lauter rufen hörte. »Wie wirkt er?«
»Er reagiert empfindlich, wenn sich Gift in der Nähe befindet. Dann ändert er seine Farbe.«
Ich hielt inne, richtete mich auf und starrte ihm ins Gesicht.
»Gift?« wiederholte ich langsam. »Das heißt...«
»Ja, Madonna. Vielleicht schweben Sie noch immer in Gefahr.« Ein grimmiger Ausdruck breitete sich über Raymonds Gesicht. »Ich kann es nicht beschwören und weiß auch nicht, woher die Gefahr kommt. Wenn ich es herausfinde, seien Sie versichert, daß ich es Sie wissen lasse.« Unruhig wanderten seine Augen zur Geheimöffnung. Donnernde Schläge fuhren auf die Außenmauer nieder. »Bitte beruhigen Sie auch Ihren Mann.«
»Keine Sorge«, versicherte ich und tauchte unter dem niedrigen Sturz hindurch. »Jamie beißt nicht. Das glaube ich wenigstens.«
»Es sind nicht seine Zähne, die mich beunruhigen«, hörte ich ihn noch sagen, während ich gebückt über die Asche in der Feuerstelle stieg.
Als Jamie mich erblickte, senkte er den Dolch, mit dessen Griff er soeben die Wand bearbeiten wollte.
»Ach, hier bist du!« stellte er fest. Er neigte den Kopf und sah zu, wie ich Ruß und Asche vom Saum meines Kleides klopfte. Als er Raymond vorsichtig unter dem Tisch hervorlugen sah, verfinsterte sich seine Miene.
»Und da ist ja auch unsere kleine Kröte! Hat er eine Erklärung, Sassenach, oder soll ich ihn aufspießen und zu den anderen da draußen hängen?« Ohne den Blick von Raymond zu wenden, nickte er in Richtung der anderen Werkstatt, wo getrocknete Kröten und Frösche an einem langen Filzstreifen aufgespießt hingen.
»Aber nein«, sagte ich hastig, als ich sah, daß sich Raymond wieder in sein Allerheiligstes zurückziehen wollte. »Er hat mir alles erzählt und war mehr als hilfreich.«
Widerstrebend steckte Jamie den Dolch weg, während ich Raymond die Hand reichte, um ihm aus dem Loch zu helfen. Raymond zuckte beim Anblick von Jamie zurück.
»Ist dieser Mensch Ihr Mann, Madonna?« fragte er in einem Ton, als hoffte er, die Antwort lautete »nein«.
»Ja«, antwortete ich. »Mein Mann James Fraser, der Herr von Broch Tuarach.« Ich deutete auf Jamie, obwohl ich kaum jemanden anderen hatte meinen können, und anschließend in die andere Richtung: »Maître Raymond.«
»Das habe ich mir gedacht«, sagte Jamie trocken. Er verneigte sich und streckte Raymond, dessen Kopf gerade bis zu Jamies Taille reichte, die Hand entgegen. Raymond berührte sie kurz und zog die seine leicht schaudernd wieder zurück. Ich starrte ihn verwundert an.
Jamie hob lediglich eine Augenbraue, lehnte sich zurück und machte es sich auf der Tischkante bequem. Nachdem er die Arme vor der Brust verschränkt hatte, fragte er: »Also, was gibt’s?«
Ich übernahm den größten Teil der Erklärungen, während Raymond dann und wann einsilbige Bestätigungen einwarf. Der kleine Apotheker schien seiner gesamten Schlagfertigkeit beraubt. Vornübergebeugt hockte er auf einem Schemel neben dem Feuer. Erst nachdem ich die Sache mit dem weißen Kristall erzählt hatte, kam wieder Leben in ihn.
»Es stimmt, Herr«, versicherte er Jamie. »Ich bin mir nicht sicher, ob sich Ihre Frau oder Sie selbst in Gefahr befinden, oder gar Sie beide. Ich habe keine Einzelheiten erfahren, sondern nur den Namen ›Fraser‹ gehört, an einem Ort, an dem man seinen Namen lieber nicht hören möchte.«
Jamie sah ihn scharf an. »Tatsächlich? Und Sie sind dort gleichfalls anzutreffen, Maitre Raymond? Sind diese Leute gar Partner von Ihnen?«
Raymonds Lächeln fiel ein wenig matt aus. »Ich würde sie eher als Rivalen bezeichnen, Herr.«
»Mmmpf. Jedenfalls danke ich Ihnen für die Warnung, Maitre Raymond.« Er verneigte sich vor dem Apotheker, ohne ihm jedoch die Hand zu reichen. »Was die andere Angelegenheit betrifft - da meine Frau gewillt scheint, Ihnen zu vergeben, werde auch ich kein Wort mehr darüber verlieren. Allerdings würde ich Ihnen raten, daß Sie, wenn die Vicomtesse das nächste Mal auftaucht, schleunigst in Ihrem Mauseloch da drüben verschwinden. Auf geht’s, Sassenach.«
Auf unserer holprigen Fahrt in die Rue Tremoulins blieb Jamie schweigsam. Er starrte aus dem Fenster der Kutsche und klopfte sich mit den steifen Fingern seiner Rechten auf den Oberschenkel.
»Ein Ort, an dem man seinen Namen lieber nicht hören möchte«, murmelte er, als der Wagen in die Rue Ganboge einbog. »Ich möchte zu gern wissen, was sich dahinter verbirgt.«
Mir fielen die kabbalistischen Symbole auf Raymonds Schrank wieder ein, und es überlief mich kalt. Ich erinnerte mich an die Gerüchte, die mir Marguerite über den Comte de St. Germain erzählt hatte, und an Madame de Ramages Warnungen. Ich erzählte Jamie davon und was Raymond gesagt hatte.
»Für ihn sind die Symbole vielleicht nur Malerei und Dekoration«, schloß ich meine Ausführungen. »Aber er kennt zweifellos Leute, die anderer Ansicht sind. Wen sonst sollte er von dem Schrank fernhalten wollen?«
Jamie nickte. »Aye. Das ist mir nicht neu. Es gibt allerhand Gerüchte bei Hofe. Ich habe ihnen keine Beachtung geschenkt, weil ich es für albernes Gerede hielt, aber jetzt schaue ich mir die Sache genauer an.« Plötzlich lachte er auf und zog mich an sich. »Ich werde Murtagh auf den Comte de St. Germain ansetzen. Dann hat der Comte endlich einen echten Dämon, gegen den er sich wehren muß.«
Die Geliehene Zeit
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