Fünftes Kapitel

Zwei Tage später, als sich Abby schon kräftig genug fühlte, mehrere Stunden dem Marschtempo der Sippe zu folgen, begegneten sie einer anderen Gruppe Aborigines. Sie kam aus Nordosten und tauchte plötzlich auf den Anhöhen einer kleinen Hügelkette auf.

Abby bemerkte, dass unter den Katajunga eine leichte Unruhe entstand. Die Männer, die am Morgen zur Jagd aufgebrochen waren, fanden sich plötzlich wie aus dem Nichts gezaubert wieder bei der Sippe ein. Doch als die Entfernung zwischen den beiden Gruppen weniger als eine Meile betrug, legte sich die Anspannung unter den Katajunga. Die andere Sippe, die aus gut zwanzig Personen bestand, hatte bei einer Baumgruppe gehalten, und keiner aus ihrer Mitte zeigte Anstalten, sich den Katajunga zu nähern.

Abby wandte sich an Nangala. »Was hat das zu bedeuten?«

»Das ist eine Horde der Warkunji. Ihre Traumpfade kreuzen hier die der Katajunga.«

»Seid ihr mit den Warkunji verfeindet?«, wollte Abby wissen, weil beide Abstand zueinander hielten.

»Nein. Die Warkunji halten sich nur an die Gesetze, und die besagen, dass eine Gruppe auf Wanderschaft sich unaufgefordert nicht näher als sechshundert Schritte an ein fremdes Lager heranwagen darf, schon gar nicht, wenn es sich um eine Gruppe aus bewaffneten Männern handelt«, erklärte Nangala.

Abby sah zu den Warkunji hinüber und konnte unter den Bäumen Frauen und Kinder erkennen.

»Und wenn solch eine Gruppe wie die Warkunji mit uns Kontakt aufnehmen möchte, müssen ganz bestimmte Vorsichts- und Höflichkeitszeremonien beachtet werden«, fuhr Nangala fort. »Diese sind sehr umständlich und zeitraubend. Unsere Stammesältesten wollen jedoch keine Unterbrechung unseres Marsches, weil sie rechtzeitig zum Frühjahrsvollmond in Tiheri Maamu Kuran eintreffen wollen. Deshalb haben sie den Warkunji auch keine Zeichen gegeben, die so etwas wie eine Einladung sind, sich uns noch weiter zu nähern.«

»Und deshalb lagern sie jetzt dort drüben?«

Nangala nickte. »Mindestens einen Tag. Denn dort beginnt das Stammesgebiet der Katajunga, und jeder, der die Gebietsgrenze eines anderen Stammes überschreitet, muss durch genau bestimmte Zeremonien und Opfergaben die fremden, mächtigen Geister wohlwollend stimmen.«

Abby war beeindruckt von dem komplizierten Verhaltens- und Höflichkeitskodex der Eingeborenen, und sie wünschte ihre Landsleute in der Kolonie hätten sich mehr Mühe gegeben, das Leben und Denken dieser angeblich so primitiven und wilden Ureinwohner besser zu verstehen. Diesen Vorwurf richtete sie schuldbewusst auch an sich selbst.

Am Abend, als Nangala aus gemahlenen Grassamen wohlschmeckendes Fladenbrot zubereitete, gesellte sich ein stattlicher Mann zu ihrem Kochfeuer. Er trug eine kunstvolle Körperbemalung aus rotem und gelbem Ocker sowie wulstige Ziernarben auf Brust, Schulter und Armen.

»Das ist Jalumaluk, unser kurdungu«, raunte Nangala aufgeregt, als er sich ihnen näherte.

»Was ist ein kurdungu?«, fragte Abby.

»Später!«

Jalumaluk setzte sich zu ihnen und begann sich mit Nangala zu unterhalten. Dabei warf er Abby gelegentlich einen Blick zu.

»Du sollst ihm erzählen, was dir jenseits der Berge zugestoßen ist«, teilte Nangala mit.

»Aber das habe ich dir doch schon alles erzählt.«

»Jalumaluk möchte aber, dass ich ihm deine Worte übersetze. Er will dich sprechen hören und dabei deine Gesten studieren. Also, erzähl noch einmal.«

Abby kam der Aufforderung bereitwillig nach, und da der kurdungu offenbar auch an den Gesten eines Weißgesichtes interessiert war, unterstrich sie ihren Bericht dementsprechend gestenreich.

Nangala übersetzte, was Abby ihr erzählte.

»Tja, und dann bin ich wohl bewusstlos geworden und in eine Art Delirium gefallen«, beendete Abby schließlich ihren Bericht.

»Erzähl ihm deine Träume.«

Abby runzelte die Stirn. »Träume?«

»Ja, du wirst doch Träume gehabt haben. Träume sind wichtig für uns. Sie sind so wirklich wie das Feuer und die Grassamen.«

Abby hatte Mühe, sich ihrer Träume zu erinnern, doch sie strengte sich an und vermochte sich einiger Bruchstücke zu erinnern. Sie erzählte auch von dem Traum mit den schwarzen Schwänen, den sie vor zwei Nächten gehabt hatte, und diese Erinnerung schien Jalumaluk ganz besonders zu erfreuen.

»Warum wollte er das alles wissen?«, fragte Abby, als Jalumaluk sich wieder entfernt hatte. »Und was ist ein kurdungu überhaupt?«

»Ein Geschichtenerzähler, nein, mehr noch. Ihr würdet ihn in eurer Sprache vielleicht song-man nennen, und jede Sippe hat ihren eigenen. Seine Aufgabe ist es, neue Lieder zu erfinden und sich für die corroborrees die Darstellung von besonderen Begebenheiten aus Vergangenheit und Gegenwart einfallen zu lassen. Der Medizinmann ist wohl der am meisten gefürchtete Mann in einem Stamm, der beliebteste ist jedoch der song-man, wenn er gut ist, und Jalumaluk ist sehr gut.«

Aufmerksam und mit wachsender Verwunderung hörte Abby zu, als Nangala ihr die besondere Rolle und Fähigkeiten eines solchen song-man schilderte. Ihren Worten nach bewahrte ein Mann wie Jalumaluk nicht nur jahrhundertealte Mythen in seinen Liedern, sondern verarbeitete auch ganz aktuelle Geschehnisse in den von ihm erfundenen Liedern und Tänzen. Er war quasi ein Multitalent: Texter, Liederkomponist und Regisseur. Denn bei den corroborree-Spielen, die in feierliche Zeremonien wie die Messen der Christen und in weltliche, lustige revueartige Spiele unterschieden wurden, gab er seinen Mittänzern und Mitspielern laufend Regieanweisung.

Ein guter song-man stand in hohem Ansehen, nicht nur bei den eigenen Leuten, sondern auch bei den benachbarten Stämmen. Es gehörte sogar zu den Pflichten eines jungen song-man, dass er nach Abschluss einer vieljährigen Ausbildung bei seinem Lehrmeister eine ausgedehnte Rundreise zu den Stämmen der nahen und weiten Nachbarschaft unternahm. Dabei sollten sie die Sitten, Gebräuche und Mythen der anderen Stämme studieren und sich selbst einen Namen als Tänzer, Sänger und Geschichtenerzähler machen.

Er zog mit der fremden Sippe wochenlang mit, musste sich jedoch strengen Gesetzen unterwerfen. Die Frauen seines Gastgebers waren für ihn tabu. Er musste sich so verhalten, als würde er sie weder sehen, hören noch riechen. Verletzte er dieses Gebot, dann war sein Ruf ruiniert, und er hatte seine Zukunft verspielt. Überstand er diese harte Probezeit jedoch und kehrte er mit vielen neuen Geschichten, Liedern und Tänzen - und einer Menge Klatsch! - zurück, dann besaß er beste Aussichten, eines Tages die Nachfolge seines Lehrmeisters anzutreten.

War er dann der erste song-man eines Stammes, konnte man ihn als einen gemachten Mann bezeichnen. So wie ein gefeierter Opernstar oder Theaterregisseur in England, ja ganz Europa von Hof zu Hof zog und Vorstellungen gab, so zog auch der erfahrene song-man der Eingeborenen von Stamm zu Stamm. Und er wurde für seine Darbietungen stets reich entlohnt - mit kostbaren Farben, Fellen, Steinklingen oder seltenen Vogelfedern. Als Künstler wurde ihm in jeder Hinsicht ein Sonderstatus eingeräumt. So hatte er auch Anspruch darauf, dass für die Dauer seiner Anwesenheit eine Frau das Lager mit ihm teilte.

Was Abby jedoch ganz besonders beeindruckte, war die Tatsache, dass die Ureinwohner so etwas wie ein Urheberrecht kannten und es auch strikt befolgten, ohne dass dafür Verträge nötig waren. Wann immer ein anderer song-man Lieder, Texte oder Tänze eines »Kollegen« wiederholte, wurde vor Beginn der Vorstellung laut und deutlich der Name des fremden Komponisten, Texters und Regisseurs genannt - und für die Aufführung war ein Honorar fällig, auch wenn sich der Urheber viele Tagesreisen entfernt aufhielt. Die »Schutzgebühr« wurde hinterlegt und beim nächsten Besuch des song-man nachgezahlt.

Die song-men waren, wie Abby feststellte, fahrende Sänger, wie es sie im Mittelalter gegeben hatte, zugleich aber auch so etwas wie Handelsbeauftragte. Denn sie vereinbarten mit den fremden Stämmen Tauschgeschäfte und an welchem Ort diese stattfinden sollten. Zudem übernahmen sie auch noch die Funktion, die die Zeitungen der Weißen hatten - die Weitergabe von Nachrichten, Geschichten und Klatsch aller Art.

Am Schluss sagte Nangala: »Jalumaluk ist ein weit gereister und großer song-man. Bestimmt wird er deine Geschichte in die nächste corroborree einarbeiten.«

Abby lachte. »Meinst du wirklich?«

Nangala nickte nachdrücklich.

Und sie behielt Recht. Schon am nächsten Abend, als die Sippe sich zu einer corroborree versammelte, führte Jalumaluk einen Tanz mit Pantomime auf, der unschwer zu entnehmen war, dass sie Abbys Flucht durch den Busch, ihre Rettung durch die Katajuri, den Weg über die Berge und ihre Ankunft bei den Katajunga schilderte.

Sie schmunzelte, als sie der corroborree aus der Entfernung zusah, und fühlte sich fast persönlich geschmeichelt, als Nangala ihr hinterher mitteilte, dass Jalumaluk eine ganz wunderbare Darstellung aus ihrer Geschichte gemacht habe und alle von diesem neuen Beweis seiner großen Kunst begeistert seien.

Als Abby jedoch später auf ihrem harten Nachtlager auf den Schlaf wartete, ging ihr etwas durch den Sinn, was Nangala ihr am Tag zuvor erzählt hatte. Nämlich dass die guten Lieder und Tänze eines song-man von Stamm zu Stamm getragen und von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Ein Schauder durchlief sie, als sie daran dachte, dass ihre Geschichte vielleicht noch lange nach ihrem Tod an den Feuern der Aborigines erzählt und aufgeführt werden würde.