Zehntes Kapitel

Anderthalb Wochen später rumpelte ein Fuhrwerk, von zwei Braunen gezogen und mit Greg Halston auf dem Kutschbock, den Hang zum Hof von Yulara hoch. Der untersetzte, stämmige Farmer mit dem schlohweißen Vollbart brachte vier Mutterschafe und einen Bock. Dieser war von den anderen Schafen abgetrennt und benahm sich äußerst rabiat. Immer wieder rammte er sein ansehnliches Gehörn gegen die Bretter der Seitenwand. Dieses Krachen war schon von weitem zu hören, lange bevor man auf dem Hof das Knarren und Ächzen des Fuhrwerks vernehmen konnte.

»Greg, du bist es wirklich! Himmel, es geschehen wahrlich noch Zeichen und Wunder!«, begrüßte Jonathan Chandler ihn mit freundschaftlichem Spott und lachte dabei über das ganze Gesicht. »Und ich dachte schon, du hättet den Weg nach Yulara vergessen!«

»Bessie und Molly haben sich noch erinnert. Ich habe sie einfach trotten lassen, das schien mir das Sicherste zu sein. Aber ob du es nun glaubst oder nicht, streckenweise habe auch ich den Weg zu euch wiedererkannt«, ging Greg Halston auf den Spott ein, rutschte schwerfällig vom Bock und rückte die breiten Hosenträger zurecht. Sein verbeulter Lederhut war um das Stirnband schweißgetränkt.

Die beiden Farmer tauschten einen herzlichen Händedruck. Dann trug Jonathan Chandler dem Stallknecht auf, sich des Gespanns anzunehmen. »Und du kümmerst dich am besten um die Schafe«, sagte er zu Andrew. »Du wolltest sie ja unbedingt haben.«

»Ja, Dad«, sagte Andrew.

Abby folgte ihm. »Ich helfe dir.«

Greg Halston zwinkerte Andrew zu und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. »Du hast eine gute Wahl getroffen. Und irgendwann werden wir deinen Vater auch noch zur Einsicht bringen.«

Andrew lächelte. »Sie sind zu selten auf Yulara«, murmelte er. »Sonst würden Sie solche Voraussagen nicht so leichtfertig machen. Dad ist und bleibt ein Rindermann.«

Das Geschäft mit den vier Mutterschafen und dem Zuchtbock hatte Andrew mit Greg Halston abgeschlossen, als er Dunbar zusammen mit Melvin einen Besuch abgestattet hatte. Die Schafherden von Yulara konnten frisches Blut gut gebrauchen. Andrew fand, dass sein Vater sich völlig auf die Wollproduktion konzentrieren und aufhören sollte, so viel Schweiß und Geld in den Aufbau einer gewinnträchtigen Rinderzucht zu investieren. Das Land war für Schafe geschaffen, besonders für die Merinos, die seit einigen Jahren vom Kap und aus Europa eingeführt wurden. Dagegen gediehen Rinder, weniger genügsam und weitaus anfälliger für Krankheiten, auf den Buschweiden entschieden weniger gut. Die Zukunft gehörte ganz eindeutig dem Schaf. Darin war sich Andrew mit Greg Halston einig.

Melvin freute sich ganz besonders, den Farmer von Dunbar für ein, zwei Tage auf Yulara zu Gast zu haben. Und er erteilte Rosanna sofort die Anweisung, zur Ehre ihres Besuches etwas ganz besonders Schmackhaftes aufzutischen. Die Köchin empfand diese Aufforderung als völlig unnötig, ja beinahe als Kränkung.

»Als wüsste ich nicht, was ich bei Besuch zu tun habe!«, ärgerte sich Rosanna und verpasste Clover eine Kopfnuss, nur weil sie ihr im Weg stand.

Auch Andrew ärgerte sich, wenn auch aus einem ganz anderen Grund. »Ich kann mir den Mund fusselig reden und tausend gute Argumente bringen, Dad wird dennoch an seinem Konzept festhalten«, sagte er grimmig, nachdem er mit Abby Mutterschafe und Bock in getrennten Pferchen untergebracht hatte.

»Er denkt wohl, was in Devon richtig gewesen ist, kann hier nicht ganz falsch sein«, mutmaßte Abby.

Andrew verzog das Gesicht. »In Devon haben wir im Oktober die Felder abgeflämmt und uns im Januar in unsere wärmsten Jacken gehüllt. Sollen wir hier deshalb morgen unsere Felder noch vor der Ernte niederbrennen und im Hochsommer in dicken Felljacken herumlaufen? Mein Gott, in diesem Land ist nichts so wie in Devon!«, erregte er sich. »Ich kann doch nicht versuchen die Natur so hinzubiegen, dass sie meinen Wünschen entspricht. Als Farmer hat man sich vielmehr den Bedingungen des Landes anzupassen und diese für sich zu nutzen, statt ihnen zu trotzen und auf Methoden zu beharren, die hier nichts zu suchen haben.«

»Mich brauchst du nicht zu überzeugen«, sagte Abby. »Ich bin ganz deiner Meinung. Aber wie du vor ein paar Wochen so richtig gesagt hast: Yulara ist das Werk deines Vaters und wir sollten uns damit abfinden, dass er im Zweifel das letzte und entscheidende Wort hat.«

»Und ich habe dir ebenfalls gesagt, dass ich es mir sehr gut vorstellen kann, irgendwo selbst Land zu erwerben und dort mit dir etwas Eigenes aufzubauen«, erklärte er. »Eine Farm, wo ich nicht der ›junge Master Chandler‹ bin und du nicht die Schwiegertochter, die immer springen muss, wenn Dad oder mein Bruder irgendeine Frauenarbeit erledigt haben möchte.«

Abby lächelte versonnen. »Das klingt schön ... und fast ein wenig zu schön. Und so wie die Dinge liegen, ich meine mit dem arrestierten Gouverneur und den Offizieren, wird das wohl noch für einige Zeit ein Traum bleiben.«

Andrew schüttelte energisch den Kopf. »Es wird nicht mehr lange dauern, bis wieder geordnete Verhältnisse in New South Wales einkehren. Und dann werde auch ich mir das Recht nehmen, das sich mein Bruder ja auch genommen hat, nämlich eigene Pläne zu verwirklichen. Dad ist ja noch kein alter Mann und Yulara kommt auch ohne uns gut zurecht.«

»Warten wir es ab«, sagte Abby, die zwar gelernt hatte, nie die Hoffnung aufzugeben - aber auch, dass es nur Kummer brachte, wenn man sein Herz zu sehr an hochfliegende Wünsche hing. Es war schon schön, nur davon zu träumen.

Er seufzte und klopfte sich das Stroh von seiner Hose. »Gehen wir ins Haus zu den andern.«

Abby wurde auf halbem Weg von der jungen Frau eines Farmarbeiters aufgehalten, mit der sie auf freundschaftlichem Fuß stand und die ihr die freudige Nachricht mitteilte, dass ihre Gebete endlich erhört worden waren und sie ein Kind erwartete.

Als Abby ins Haus kam, drang ihr schon Greg Halstons volltönende Stimme aus dem Wohnsalon entgegen. »... geht das Leben nun mal weiter. Und Heather hat mittlerweile selber eingesehen, dass sie sich so schnell wie möglich wieder verheiraten muss. Sie ist zu jung, um das Leben einer Witwe zu führen und ihrem ersten Mann nachzutrauern.«

»Ja, das ist wider die Natur der Jugend«, pflichtete Jonathan Chandler seinem Nachbarn bei.

»Zudem braucht sie einen Vater für ihr Kind, das ja bald zur Welt kommt, und ich einen aufrechten Schwiegersohn, der einmal meine Nachfolge auf Dunbar antritt.«

»Heather hat bestimmt keine Schwierigkeiten, einen tüchtigen Ehemann zu finden«, versicherte Melvin höflich.

»In der Tat!«, bestätigte Greg Halston nicht ohne Stolz. »Es gibt da schon einige Bewerber. Natürlich lässt Heathers derzeitiger Zustand nicht zu, dass sie sich ihr gegenüber offen erklären.«

»Das wäre vor der Geburt des Kindes ihres verstorbenen Ehemannes sehr unschicklich«, warf Jonathan Chandler zustimmend ein.

»Gewiss, Jonathan, aber die Zeit des Wartens ist zum Glück abzusehen«, sagte Greg Halston, »und Henry, der zweite Sohn der Fairfields von Glendale, hat schon mein Vertrauen und meine Zustimmung gesucht. Ich bin sehr zuversichtlich, dass Heather seinen Antrag in ein paar Monaten annehmen wird. Auf jeden Fall werde ich ihr gut zureden.«

»Henry Fairfield ist ein anständiger junger Mann und deine Tochter wird wissen, was sie ihrem Kind und dir schuldig ist«, sagte Jonathan Chandler.

Abby hätte beinahe spöttisch aufgelacht. Arme Heather, dachte sie. Henry mochte zwar anständig sein, war jedoch so anziehend wie eine Bohnenstange, so steif und hager und mundfaul wie er war.

»Ich bin wirklich froh, wenn wieder ein zweiter Mann im Haus ist«, hörte sie Greg Halston sagen. »Diese Frauenwirtschaft zehrt reichlich an meinen Nerven. Und April ist in letzter Zeit so unruhig wie ein junges Füllen, das es aus dem sicheren Stall hinaus auf die Weide drängt.«

»Aufgepasst, Melvin!«, murmelte Abby belustigt. »Das ist an deine Adresse gerichtet.« Sie blieb im Flur stehen, denn sie wusste, dass die Männer dem Gespräch geschickt eine neue Wendung geben würden, wenn sie zu ihnen trat.

»Ein reizendes Mädchen, deine kleine April«, lobte Jonathan Chandler, als hätte er sich mit Greg Halston abgesprochen. »Das heißt, sie ist jetzt ja schon eine junge Frau und alt genug, einen Ehering zu tragen. Ein Glückspilz der Mann, der einen Blick für die besonderen Qualitäten einer Frau wie April hat und sie zur Frau nimmt!«

»Ja, das habe ich auch schon zu Melvin gesagt, als wir von unserem letzten Besuch auf Dunbar zurückkamen. Er hat sich auch wunderbar mit April unterhalten«, bemerkte Andrew süffisant und Abby musste sich draußen im Gang ein lautes Auflachen verkneifen.

»Jaja, April ist... äh...«, begann Melvin mit belegter Stimme und wusste dann nicht weiter.

Abby hörte hinter dem Knick des Flures eine Tür schlagen und Schritte näher kommen, die ganz nach Rosanna klangen. Sie konnte also nicht länger im Gang stehen bleiben und ging ins Zimmer zu den Männern.

Ihr Erscheinen erlöste Melvin aus seiner Verlegenheit und bewahrte ihn davor, weiter den Verkupplungsversuchen der drei Männer ausgesetzt zu sein und sich näher über seine Gefühle zu April äußern zu müssen.

Wie Abby es geahnt hatte, wechselte Greg Halston bei ihrem Eintreten augenblicklich das Thema und sprach nun wieder von Heather.

»Ah, du kommst wie gerufen! Vielleicht kannst du mir einen Rat geben, was ich bloß tun soll, Abby«, seufzte er, setzte seine klobige Pfeife in Brand und umhüllte sich mit Rauchwolken.

»Ich werde es gern versuchen«, sagte Abby freundlich und nahm neben Andrew Platz. »Nur muss ich erst einmal wissen, worum es überhaupt geht, Mister Halston.«

»Natürlich um Heather, mein Sorgenkind. Wie du ja weißt, ist ... äh, die Zeit ihrer Niederkunft erst in ein paar Wochen gekommen. Aber seit sie weiß, dass Missis Wintworth, die Hebamme, für eine Weile zu ihrer Nichte nach Parramatta gefahren ist, fürchtet sie plötzlich zehnmal am Tag eine Frühgeburt«, klagte der Farmer ihnen sein Leid. »Sie steigert sich in die Angst hinein, nun auch noch das Kind zu verlieren, und bringt mich mit ihrem ständigen Gejammer noch ins Grab. Was immer ich sage, um sie zu beruhigen, es fällt bei ihr auf taube Ohren. Sie glaubt mir kein Wort, weil ich ein Mann bin und von solchen Dingen nichts verstehe, wie sie mir vorhält. Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll.«

»Das wird sich schon wieder geben«, tröstete ihn Jonathan Chandler unbeeindruckt.

»Ja, wenn Missis Wintworth wieder aus Windsor zurück ist. Aber bis dahin wird wohl noch eine gute Woche vergehen, und davon wird jeder Tag eine Ewigkeit aus hysterischen Anfällen sein«, sagte der Farmer mit bedrückter, ahnungsvoller Miene. »Und April ist in dieser Hinsicht weder mir noch Heather eine Hilfe. Was die jüngere Schwester sagt, hat für Heather so wenig Gewicht wie mein Wort. Ach, ich wünschte, jemand könnte ihr das Gefühl geben, dass mit ihrem Kind schon alles in Ordnung gehen wird.«

Abby hörte sehr wohl heraus, was Greg Halston sie nicht direkt zu fragen wagte. Auch Andrew, Melvin und ihrem Schwiegervater blieb das stillschweigende Anliegen ihres Nachbarn nicht verborgen.

Andrew warf ihr einen vielsagenden Blick zu, während Melvin das Gesicht zu einem vergnügten Lächeln verzog, als wüsste er schon, wie die Sache ausgehen würde.

Jonathan Chandler räusperte sich und richtete seinen Blick auf Abby. »Du verstehst dich doch sehr gut mit Heather, nicht wahr?«

»Sicher.«

»Ja, auf Abby hört meine Tochter«, bestätigte Greg Halston eilfertig. »Die beiden sind immer prächtig miteinander ausgekommen. Ich übertreibe wirklich nicht, wenn ich sage, dass Heather zu ihr aufschaut.«

Abby konnte nur bescheiden lächeln.

»Was hältst du davon, wenn du für ein paar Tage nach Dunbar gehst und Heather ein wenig Mut zusprichst?«, schlug Jonathan Chandler vor.

»Wenn das Ihnen und Heather eine Hilfe ist, gern. Aber ich bin keine Hebamme und verstehe von diesen Dingen so wenig wie Sie, Mister Halston«, gab Abby zu bedenken, wusste jedoch, dass die Entscheidung längst gefallen war.

Und so war es auch.

»Aber du bist eine verheiratete Frau, und Heather wird es nicht wagen, sich in deiner Gegenwart so überspannt und patzig zu benehmen«, sagte der weißbärtige Farmer mit sichtlicher Erleichterung.

So machte sich Abby denn am nächsten Morgen mit Greg Halston auf den langen, staubigen Weg nach Dunbar, um dort eine Woche zu verbringen. Niemand ahnte, dass sie niemals dort ankommen würde.