Fünftes Kapitel

Sydney.

Brickfield Hill mit seiner Ziegelei und den Windmühlen mit ihren segeltuchbespannten Flügeln auf den umliegenden Anhöhen fiel hinter Andrew zurück. Nun ging sein Blick weit und ungehindert über Sydney, das unbestrittene Zentrum der jungen Kolonie, und die weite Bucht hinweg.

Andrews letzter Besuch in Sydney lag schon über ein Jahr zurück. Im Gegensatz zu seinem Bruder hatte er dem Leben in der Stadt mit ihrer Enge und ameisenhaften Betriebsamkeit nie etwas abgewinnen können. Doch sogar er musste eingestehen, dass Sydney einen einzigartigen Anblick bot. Der erste Gouverneur der Kolonie, der mit den ersten Soldaten und Sträflingen vor fast einundzwanzig Jahren hier an Land gegangen war, hätte keinen landschaftlich schöneren Ort finden können, um die am weitesten von England gelegene britische Kolonie zu gründen.

Der keilförmige Hafen von Sydney Cove und die sich daran anschließende riesige Bucht, deren Wasser tiefblau leuchtete und sich von dem verwaschenen Porzellanblau des sonnengleißenden Himmels abhob, galten sogar bei Seeleuten, die schon alle Meere befahren hatten, als die schönsten und sichersten Ankerplätze der Welt. Vier Schiffe, drei Handelsfahrer und ein Walfänger, lagen im Hafen an den Piers, und weit draußen auf der Bucht schnitt ein stolzer Dreimaster unter voller Besegelung und mit schäumender Bugwelle durch die klaren Fluten.

Andrews Blick folgte dem Schiff. Matrosen enterten die Takelage auf und turnten über die Rahen. Wohin ihre Reise sie wohl führen mochte ...

Seine Gedanken kehrten kurz zu seiner Familie und zu Yulara zurück. Nur eine einzige, von schrecklichen Alpträumen erfüllte Nacht hatte es ihn auf der Farm gehalten. Das Massaker an den Eingeborenen hatte ihn erschüttert und würde ihn wohl noch lange verfolgen. In seinem Kummer erschien ihm dieses Blutbad wie ein Symbol für die Hoffnungslosigkeit, die immer stärker in ihm wurde und es ihm immer schwerer machte, einen Funken Glauben an Abbys Überleben in seinem Innersten zu bewahren.

Sein Vater und Melvin hatten versucht ihm sein Schuldgefühl, indirekt für das Gemetzel mitverantwortlich zu sein, auszureden. Doch es war ihnen nicht so recht gelungen, wie es ihnen auch nicht gelungen war, ihn davon abzuhalten, nach Sydney zu reiten und nach diesem Baralong zu suchen.

»Es sind nun zehn Tage verstrichen, mein Sohn. Wir haben alles getan, was in unserer Macht stand«, hatte sein Vater zu ihm gesagt und ihm erzählt, dass er der Warnung von Lieutenant Danesfield zum Trotz zusammen mit Melvin und drei Farmarbeitern selbst tagelang vergeblich nach einer Spur von Abby gesucht hatte. »So schwer es dir und uns auch fallen mag, aber wir müssen wohl damit beginnen, unseren Frieden mit dem bitteren Schicksal zu machen.«

»Nein, dazu bin ich noch nicht bereit, Vater«, hatte Andrew ihm geantwortet. »Und noch habe ich nicht alles getan, was ich tun kann. Ich muss Abby finden!« Dass Melvin bereit gewesen war, ihn nach Sydney zu begleiten, obwohl auch er keine Hoffnung mehr sah, hatte er seinem Bruder hoch angerechnet. Er hatte es jedoch vorgezogen, allein zur Küste zu reiten, schon um Melvin nicht in Gefahr zu bringen.

Andrew dachte kurz daran, dass sein Vater von zwei Sträflingen erfahren hatte, die nördlich von Toongabbee entflohen waren und möglicherweise für den Überfall verantwortlich sein konnten. Aber wer die schreckliche Tat am Saunder’s Creek auf sich geladen hatte, war jetzt nur noch von untergeordneter Bedeutung.

»Reiten wir in die Stadt und sehen wir, was wir erreichen können«, sagte Andrew.

Längst gehörte die Zeit der Vergangenheit an, da Sydney nichts weiter als eine wenig einladende Ansammlung von einfachen Zelten, Lehmhütten und einigen wenigen Holzbaracken gewesen war. Sydney hatte längst den Pioniercharakter der ersten Jahre abgelegt und sich in eine Kleinstadt verwandelt. Wenn die Straßen auch noch ungepflastert und daher im Sommer staubig und zur Regenzeit schlammig und die Sträflingskolonnen überall gegenwärtig waren, so hatte die Siedlung doch den Eindruck einer provisorischen Niederlassung mit zweifelhafter Zukunft verloren.

Sydney hatte sich rund um die keilförmige, hügelige Bucht ausgebreitet und wuchs stetig. Der Zustrom der freien Siedler und Kaufleute, die in Australien ihr Glück suchten, hatte in den letzten Jahren enorm zugenommen. Es kamen auch längst nicht mehr nur die Mittellosen und in der alten Heimat Gescheiterten. Dies schlug sich in den zahlreichen Werkstätten, Kontoren, Lagerhäusern, Geschäften und Wohnhäusern nieder, die nun nicht mehr wie früher aus geflochtenen Zweigen und Lehm innerhalb weniger Tage errichtet wurden, sondern als solide, dauerhafte Gebäude aus Holz oder aus Sandstein und Ziegel. Die vielen stattlichen Privathäuser auf dem sanft ansteigenden Ostufer, dem besten Wohnviertel der Stadt, gaben ein deutliches Zeugnis vom wirtschaftlichen Aufschwung ab – wie auch die zahlreichen Lagerschuppen, Kornspeicher, Kontore und Werften entlang der Hafenanlagen.

Doch wie jede Stadt, so hatte auch Sydney sein hässliches Gesicht, und das fand man in den Sträflingsunterkünften sowie auf dem felsigen Westufer. Hier erstreckten sich die berüchtigten Rocks. Tagsüber herrschte in diesem Gewirr aus übelsten Rumtavernen, Spielhöllen und Opiumhöhlen eine trügerische Ruhe. Doch nachts, im Licht von Fackeln und Laternen, erwachten die Rocks zu einem wilden lärmenden Leben. Dass die Festung des verhassten New South Wales Corps, das Fort Phillip, direkt über diesem Viertel thronte, hatte Symbolcharakter. Denn die korrupten Soldaten förderten jede Art von Laster, das in irgendeinem Zusammenhang mit Rum stand und ihnen Gewinn brachte.

Andrew begab sich zuerst zum Southern Cross, das zu den seriösen Gasthöfen der Stadt zählte und am Ostufer der Bucht lag. Er reservierte ein Zimmer und übergab den Rappen Nestor dem Stallknecht. Samantha hatte er auf Yulara gelassen, denn sie hatte Ruhe nötig gehabt. Dann machte er sich auf den Weg zum Fort, in dem sich auch das Gefängnis befand.

Der mürrische Gefängniswärter bestätigte, einen Eingeborenen namens Baralong in einem der Kerker zu haben, verweigerte aber darüber hinaus jede weitere Auskunft.

»Ohne Passierschein kommt mir keiner herein, Mister. Schon gar nicht zu diesem verkommenen Wilden. Bei mir hat alles seine Ordnung«, erklärte der fettwanstige Kerkermeister und pulte sich dabei Essensreste aus den Zähnen.

»Und wer kann mir solch einen Passierschein ausstellen?«

Für diese Frage erntete Andrew einen gering schätzigen Blick, als hätte er wissen wollen, ob auch am nächsten Morgen die Sonne wieder im Osten aufgehen würde.

»Natürlich nur die Kommandantur, Mister!«

Trotz der Unfreundlichkeit, mit der er behandelt worden war, bedankte sich Andrew und suchte die Kommandantur auf. Seinem Versuch, zu Major Grimes vorgelassen zu werden, dem das Fort und das Gefängnis unterstanden, war jedoch kein Erfolg beschieden.

Der Sergeant, der im Vorzimmer des Majors saß, hörte sich Andrews Anliegen zwar mit sichtlichem Mitgefühl an und versprach, sein Bestes zu versuchen. Doch als er wenige Minuten später aus dem Zimmer des Kommandanten zurückkam, verriet seine bedauernde Miene schon, dass er nichts hatte erreichen können.

»Tut mir Leid, Mister Chandler, aber er ist nicht bereit, Sie vorzulassen«, teilte er Andrew mit. »Ich möchte ja nicht unhöflich sein, aber mir scheint, dass einige Angehörige Ihrer Familie beim Major nicht gerade in einem guten Ruf stehen.«

Andrew hatte das insgeheim schon befürchtet und seine Miene verriet Ratlosigkeit.

»Es gibt aber eine andere Möglichkeit, an den Major heranzutreten«, sagte der Sergeant hilfsbereit nach kurzem Zögern und mit gedämpfter Stimme.

»Und die wäre?«

»Major Grimes ist verwitwet und nimmt sein Abendessen gewöhnlich im Royal Tradesmen Inn ein. Sie finden es unten am Hafen gleich gegenüber von der Grosvenor’s Wharf. Der Major ist gutem Essen und altem Port sehr zugetan, und nach einer üppigen Mahlzeit und an einem anderen Ort ist der Major einem Gespräch mit Ihnen vielleicht eher zugetan als hier im Fort. Zumindest dürfte es einen Versuch wert sein, nicht wahr?«

Andrew pflichtete dem Sergeanten bei, dankte ihm für seine Freundlichkeit und seinen hilfreichen Rat und verließ die Festung. Sein Weg führte ihn zunächst in die St. -Phillips-Kirche, wo er seinen tiefen Schmerz, aber auch seine Hoffnung in ein langes Gebet legte.

Anschließend streifte er ziellos und von starker Unruhe getrieben durch die Stadt. Die Zeit des Wartens wurde ihm lang. Schon lange vor der Essenszeit begab er sich in den Gasthof am Hafen. Er setzte sich an einen der Tische nahe dem Eingang, wo er das Kommen und Gehen der Gäste gut im Auge behalten konnte. Mit einem großzügigen Trinkgeld erkaufte er sich das Wohlwollen der Bedienung, einer jungen, rothaarigen Frau mit müden Gesichtszügen namens Becky. Von ihr erfuhr er, dass für Major Grimes stets der hintere Ecktisch reserviert sei und er den Offizier gar nicht übersehen könne.

»Halten Sie nur Ausschau nach einem Walross an Land«, flüsterte sie ihm augenzwinkernd zu.

Andrew erkannte den Major in der Tat auf den ersten Blick, und er fand, dass das mit dem Walross wirklich eine treffende Kurzbeschreibung gewesen war. Major Grimes war von massiger, dickleibiger Gestalt. Sein kahler Kopf glänzte wie eine polierte Kugel aus rotbraunem Marmor. Sein Gesicht war so rosig und pausbäckig wie das eines überaus wohlgenährten Babys. Ein buschiger Walrossbart verbarg fast völlig seinen Mund.

Es kostete Andrew größte Beherrschung, ihn nicht sofort anzusprechen, sondern sich in Geduld zu üben und zu warten, bis der Kommandant gegessen hatte, und er war ein Mann, der eindeutig eine große Schwäche für gutes und reichhaltiges Essen hatte.

Endlich hatte Major Grimes die Nachspeise bewältigt, eine große Schale Pudding mit Pflaumenkompott, und griff nun nach einem lauten Rülpser zu Pfeife und Tabaksbeutel.

Andrew gab Becky einen Wink, und wie er es mit ihr abgesprochen hatte, brachte sie ihm nun eine Karaffe vom besten Port, den der Royal Tradesmen Inn seinen Gästen zu bieten hatte.

Major Grimes zeigte eine freudig überraschte Miene. »Wie dieses, Becky?«

»Eine Aufmerksamkeit von diesem jungen Gentleman, Major«, sagte Becky und wies auf Andrew. »Er lässt fragen, ob er Ihnen für einen Augenblick Gesellschaft leisten darf.«

Der Offizier schaute zu Andrew hinüber, zögerte kurz und sagte dann: »Ich kenne ihn zwar nicht, aber eine bessere Visitenkarte als diesen Port kann ich mir nicht vorstellen. Schick ihn zu mir herüber.«

Augenblicke später stand Andrew vor Major Grimes, der ihm mit der Pfeife in der Hand bedeutete sich zu setzen. »Sie scheinen meine Schwächen zu kennen, junger Mann. Das sollte mich argwöhnisch machen. Also, heraus damit, welchem Anliegen verdanke ich diesen edlen Tropfen?«

»Mein Name ist Andrew ... Andrew Chandler.«

Der Major sah ihn verblüfft an und sein Gesicht nahm einen abweisenden Ausdruck an. »Sehr raffiniert, Mister Chandler, aber so tragisch Ihr persönliches Schicksal und das Ihrer Frau auch sein mag...«

Hastig fiel Andrew ihm ins Wort. »Sir, ich bitte Sie inständig sich zumindest anzuhören, was ich zu sagen habe. Danach steht es Ihnen frei, mich von Ihrem Tisch zu weisen.«

»Das steht mir auch jetzt frei!«

»Aber es wäre nicht sehr klug, mich wegzuschicken, ohne zu wissen, was ich Ihnen anzubieten habe.«

»Was können Sie mir schon anzubieten haben«, grollte Major Grimes.

Andrew zog einen kleinen Lederbeutel hervor, der mit Münzen prall gefüllt war, und legte ihn vor sich auf den Tisch. Er ging davon aus, dass der Major so korrupt war wie alle anderen Offiziere des Corps. Die neuen Machthaber hätten ihn wohl auch sonst nicht auf seinem Posten belassen. Aber darauf wollte er sich nicht verlassen und so hatte er sich noch einen zweiten Köder überlegt.

»Ich entstamme einer wohlhabenden und auch in England sehr angesehenen Familie«, sagte er schnell. »Ich bin bereit, mich in jeder nur denkbaren Weise für Ihr Entgegenkommen erkenntlich zu zeigen.«

Major Grimes nagte an einem Ende seines Walrossbartes. »Mit dem Ansehen der Chandlers von Yulara steht es bei uns Offizieren dafür umso schlechter bestellt!«

»Ich weiß, Sir. Mein Bruder hat Ihren Zorn erregt, und da unsere Familie sich schützend vor ihn gestellt hat, gehören nun alle Chandlers von Yulara nicht gerade zu den Lieblingen des Offizierscorps.«

»Gelinde ausgedrückt«, warf der Major bissig ein.

»Aber dennoch können wir Ihnen sehr nützlich sein!«

»Ich kann mir meinen Port noch gut selber kaufen, Mister Chandler.«

»Aber nicht die Fürsprache meines Vaters und die wird mit Gold nicht aufzuwiegen sein, wenn der König eine Untersuchung über die Amtsenthebung von Gouverneur Bligh einsetzt und die Offiziere des New South Wales Corps möglicherweise vor ein Kriegsgericht stellen lässt!«, hielt Andrew ihm vor.

»Wollen Sie mir drohen, Mann?«, zischte der Major.

»Nein, Sir«, erwiderte Andrew ganz ruhig. »Ich möchte mit Ihnen ein Geschäft auf Gegenseitigkeit abschließen. Denn ich halte Sie nicht für so dumm, dass Sie sich nicht Gedanken über Ihre Zukunft machen. Eines Tages wird es hier einen neuen Gouverneur geben, und genauso sicher ist es, dass einige Offiziere die Untersuchung kaum unbeschadet überstehen werden. Aber wer dann einen Fürsprecher hat, der nicht nur unter den Siedlern am Hawkesbury, sondern auch in England Ansehen genießt, der braucht sich darüber wohl kein großes Kopfzerbrechen zu machen.«

Die gereizte Miene des Offiziers verwandelte sich in Nachdenklichkeit. Er nahm einen ordentlichen Schluck Port und zuckte dann mit den Achseln. »Ich habe schon immer eine Schwäche für junge Burschen gehabt, die wissen, was sie wollen und wie sie es bewerkstelligen können. Und ein Geschäft, bei dem beide Seiten auf ihre Kosten kommen, gefällt mir. Ich habe eine ausgeprägte Ader für Fairness und Gerechtigkeit, müssen Sie wissen.«

Andrew versagte sich dazu wohlweislich einen Kommentar und nickte nur mit ausdrucksloser Miene.

»Also, reden wir darüber, Mister Chandler. Was genau bieten Sie und was wollen Sie?«

»Ich biete Ihnen die Fürsprache meiner Familie und diesen Beitrag zu Ihren ... Kosten«, sagte Andrew und schob ihm den Geldbeutel zu. Die Goldmünzen entsprachen in etwa dem halben Jahressold eines Majors.

Major Grimes öffnete den Beutel und seine Augen blitzten gierig auf, als er die Guineen funkeln sah. »Mhm, damit lässt sich einiges bewegen.«

»Ich will Baralong, den schwarzen Tracker.«

»Ich kann Ihnen eine Abteilung Soldaten zur Verfügung stellen«, bot der Major an ohne den Blick von den Goldmünzen zu nehmen.

»Nein, ich will den Schwarzen!«

»Baralong ist ein verkommenes Subjekt. Er hat früher mal ordentliche Arbeit geleistet, aber das war lange vor meiner Zeit, und ich bin schon acht Jahre in der Kolonie. Baralong taugt nichts mehr. Sie vergeuden nur Ihre Zeit mit diesem schwarzen Abschaum. Außerdem sitzt er ja im Kerker, wie Sie wissen.«

»Und wofür?«

»Er hat Lieutenant Brent im Suff die Uniform vollgekotzt und wollte ihm auch noch die Stiefel stehlen. Er ist mit fünf Dutzend Peitschenhieben und zwei Jahren Kerker noch billig davongekommen. Wir hätten ihm dafür auch den Strick um den Hals legen können, aber wir haben Gnade vor Recht ergehen lassen.«

Andrew dachte mit Schaudern daran, dass nach englischem Recht noch immer auf über hundertzwanzig Delikten die Todesstrafe stand. Es war grausam, mit welch einer Härte vergleichsweise harmlose Taten bestraft wurden. Schon für den Wäschediebstahl auf der Bleiche oder Taschendiebstahl mit einer Beute von mehr als einem Shilling drohte der Galgen. Und zwei Jahre Kerker waren auch keine Milde - nicht für einen Aborigine. Es war bekannt, dass noch kein Schwarzer länger als ein paar Monate Gefängnis überlebt hatte.

»Niemandem ist damit gedient, dass der Eingeborene im Kerker verrottet, Major«, sagte Andrew. »Dagegen kann er, wenn er freigelassen wird, mir und Ihnen dienen. Und Sie verfügen zweifellos über die Macht, das zu veranlassen.«

Der Major überlegte, während er dem Port zusprach und dann seine Pfeife in Brand setzte. Schließlich sagte er: »Nun ja, das ließe sich wohl einrichten, denn das Schicksal dieser schwarzen, dreckigen Haut kümmert in der Tat niemanden. Vorausgesetzt natürlich, jemand kommt für den Schaden auf, den Lieutenant Brent durch ihn erlitten hat.«

»Ich werde dafür aufkommen, Major.«

Damit war ihr Handel perfekt. Der fettleibige Offizier strich das zusätzliche Geld für eine neue Uniformjacke ein und forderte Andrew auf, am nächsten Morgen ins Fort zu kommen. Erst zum Schluss warnte er ihn: »Dieser Baralong ist ein Trunkenbold, aber auch in nüchternem Zustand, was selten genug geschieht, ist er ein seltsamer Kauz. Machen Sie mich nicht dafür verantwortlich, wenn er störrisch ist und von Ihnen nichts wissen will. Das ist jetzt Ihre Sache und geht mich nichts mehr an!«

Andrew ließ sich davon nicht beunruhigen. Wenn er einen Mann wie Major Grimes dazu bekehren konnte, sich mit ihm auf ein Geschäft einzulassen, dann würde er ja wohl auch noch einen versoffenen Schwarzen aus dem Kerker locken können!

»Erzählen Sie mir, was Sie über diesen Baralong wissen«, bat er ihn.

Der Major sah ihn verdutzt an. »Mein Gott, wer interessiert sich schon für einen gottlosen Schwarzen, Mister Chandler? Ich weiß nur, dass er sich schon gute zehn, fünfzehn Jahre in Sydney herumtreibt und uns gelegentlich als Fährtenleser gedient hat. Deshalb spricht er auch so ausgezeichnet unsere Sprache, das muss man dem Schwarzen lassen. Er soll vor meiner Zeit auch mal in den Diensten eines spleenigen Forschungsreisenden gestanden haben, der die Küste erkunden wollte, aber es ist mir nie in den Sinn gekommen, ihn nach solchen Sachen zu fragen. Ich weiß nur, dass er dem Eorastamm angehören soll, der früher hier mal gelebt hat, und dass er manchmal monatelang verschwunden ist, um dann plötzlich wieder aufzutauchen und jeden um Tabak und Rum anzuschnorren. Wie gesagt, er ist ein verkommenes Subjekt, aber Sie sind es ja, der sich mit ihm herumschlagen muss.« Er erhob sich schwerfällig und wankte, vom Port leicht angeschlagen, in den heißen Abend hinaus.

Andrew verbrachte ein Großteil der Nacht damit, an Abby zu denken und sich mit verzehrendem Schmerz nach ihr zu sehnen. Im Morgengrauen fragte er sich in einem Anflug von Resignation, ob er sich nicht doch lächerlich machte, dass er den kümmerlichen Rest seiner Hoffnungen an einen dem Suff verfallenen Schwarzen namens Baralong hängte.