Sechstes Kapitel

Abby schämte sich und sah zu, dass sie schnell in Kleid und Schuhe kam. Plötzlich hatte sie Angst, das Mädchen könnte gestorben sein. Und sie hatte sich mit keinem Wort nach seinem Befinden erkundigt, sondern mit Andrew herumgetändelt! Hätte sich Whisper eine Verletzung zugezogen, ihr erster Gedanke nach dem Aufwachen hätte ihrem Pferd gegolten und ihr erster Gang hätte sie in den Stall geführt. Doch dieses dunkelhäutige Mädchen hatte sie wie eine Bagatelle, an die es sich nicht zu erinnern lohnte, völlig aus ihren Gedanken verbannt gehabt. Das machte sie betroffen. Hatte sie vielleicht die Verachtung, mit der die Mehrzahl der Kolonisten den Aborigines begegnete, unbewusst übernommen?

Auf dem Weg zurück zum Hof kam ihr zu Bewusstsein, dass sie sich nie ernsthaft Gedanken über die Aborigines und ihr Schicksal gemacht hatte. Dazu hatte es bisher auch keinen Anlass gegeben, wie sie sich vor sich selbst rechtfertigte. Die wenigen Schwarzen, die man in Sydney und Parramatta zu Gesicht bekam, konnte man an einer Hand abzählen. Sie waren völlig entwurzelte, haltlose und Abscheu erregende Gestalten, die mit verfilztem Haar in den zerlumpten Kleidern der Weißen steckten und fast ohne Ausnahme dem Alkohol verfallen waren. Einige dienten der Armee gelegentlich als Führer und Spurenleser, wenn es galt, entlaufene Sträflinge im Busch aufzuspüren. Die anderen bettelten oder schlugen sich sonst wie in den Siedlungen der Weißen durch, die ihnen ihr Stammesgebiet geraubt hatten. Gelegentlich fand sich ein Aborigine auch auf abgelegenen Farmen und neuerdings auf den Stationen der Missionare, die in diesen Jahren besonders nach Afrika und Australien strömten, um den heidnischen Eingeborenen das Wort Gottes und die Segnungen der Zivilisation zu bringen. Aber sonst sah man, auch im dünn besiedelten Busch, höchst selten einen Aborigine.

Schon in den ersten Jahren der Kolonie hatten Armee und Siedler systematisch Jagd auf die Eingeborenen gemacht. Und wer von den Schwarzen das Land, das die Weißen für sich beanspruchten, nicht schnell genug verlassen hatte, war rasch einem blutigen Strafkommando zum Opfer gefallen. Ungeziefer und Aborigines waren für die meisten Farmer ein und dasselbe: Beides musste vernichtet werden, um das eigene ungefährdete Gedeihen zu gewährleisten. Und um dieses Ziel zu erreichen, verschenkten manche Farmer an die Eingeborenen schon mal vergiftetes Mehl.

Nicht ganz ungewöhnlich waren auch ausgedehnte Jagdzüge, bei denen nicht Wild das Ziel der Flinten war, sondern die Schwarzen. Es gab genügend Siedler, die solche Ausflüge in den Busch für eine ideale Verbindung aus unterhaltsamer Jagd und nützlicher Säuberung hielten. Einen fliehenden Eingeborenen aus sicherer Entfernung mit einem Schuss in den Rücken niederzustrecken bereitete ihnen ebenso wenig Gewissensbisse, wie eine Kakerlake unter ihrem Stiefelabsatz zu zerquetschen. Das Leben eines Deportierten galt nicht viel, das eines Aborigines hatte überhaupt keinen Wert.

Abby hatte bisher weder über die Situation der Eingeborenen bewusst nachgedacht, noch hatte sie den Geschichten und abfälligen Bemerkungen von anderen Farmern über die Aborigines besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Und eigentlich verspürte sie auch jetzt kein Bedürfnis, sich damit zu beschäftigen. Es waren nun mal Wilde. Was sollte sie sich also groß Gedanken über diese Geschöpfe machen, denen man tierische Grausamkeit und heidnische Rituale nachsagte. Sie hatten ja noch nicht einmal von Jesus Christus gehört! Zudem standen sie auf einer derart primitiven Entwicklungsstufe, dass die Erfindung des Rades ohne das Eintreffen der Weißen in diesem Land wohl noch Jahrhunderte auf sich hätte warten lassen.

Die Gedanken, die Abby auf dem Weg den Hang hoch beschäftigten, empfand sie als äußerst irritierend und plötzlich regte sich Ärger in ihr, weil sie sich aus einem unerfindlichen Grund schuldig fühlte.

»Wofür überhaupt?«, murmelte sie trotzig und schlug mit dem dreckigen Kleid, das sie zusammengeknüllt in der rechten Hand hielt, nach einer fetten Raupe, die den herabhängenden Ast eines roten Feuerdornstrauches hochkroch.

Was hatte sie sich denn vorzuwerfen? Nichts. Im Gegenteil! Sie hatte das Mädchen aus dem brennenden Busch gerettet, ohne groß zu überlegen, wer sich da in Lebensgefahr befand. Dass es eine Wilde gewesen war, die sie vor dem sicheren Flammentod bewahrt hatte, hatte sie natürlich nicht geahnt. Aber auch wenn sie es gewusst hätte, wäre ihr Verhalten in jenem Moment nicht anders gewesen ...

»Wie auch immer, fest steht ja wohl, dass ich eine gute Tat vollbracht habe!« Nein, sie hatte nicht den geringsten Grund, nun Gewissensbisse zu verspüren, weil sie sich nicht weiter um das Mädchen gekümmert, sondern es völlig vergessen hatte. Rosanna hatte sicherlich getan, was in ihrer Macht stand, und das zusammen mit ihrem mutigen Eingreifen war wohl mehr an christlicher Nächstenliebe, als ein Aborigine auf irgendeiner anderen Farm am Hawkesbury oder sonstwo in New South Wales sich erhoffen konnte!

Aber sosehr sie sich auch den Gewissensbissen widersetzte, ganz abzuschütteln vermochte Abby sie nicht. Und als sie den Hof erreichte, machte sie sich auf die Suche nach Rosanna, um zuerst einmal von ihr zu erfahren, wie es dem Mädchen ging. Im Hinterkopf saß nämlich die Befürchtung, ein Totenbett vorzufinden, wenn sie einen Blick in die Kammer warf, in die sie das Mädchen kurz vor Morgengrauen gebracht hatten.

Abby blieb in der Tür stehen. »Wie geht es ihr, Rosanna?«

»Wie es einem eben geht, wenn man im Gesicht sowie an Armen und Beinen schwere Verbrennungen hat und dazu auch noch eine klaffende Wunde am Unterschenkel«, antwortete die Köchin ohne von ihrer Arbeit aufzuschauen. »Ich schätze, es geht einem dann ganz hundsmiserabel!«

Abby verbarg ihre Erleichterung nicht. »Gott sei Dank! Ich dachte schon...« Sie ließ den Satz unbeendet.

Rosanna zuckte mit den Achseln und wischte sich mit dem mehligen Handrücken über die Oberlippe. Ein kleiner weißer Streifen blieb wie ein Schnurrbart zurück. »Sie ist eine Wilde und nicht aus Zuckerwatte. Diese Schwarzen können eine Menge vertragen. Sie wird es schon überleben«, sagte sie. »Vorausgesetzt, das Fieber steigt nicht noch mehr.«

»Aber du hast sie gut verarztet, ja?«

»Meine Salben sind gut, wie ja wohl jeder auf Yulara und nicht nur hier weiß«, verkündete sie stolz, jedoch mit einem ärgerlichen Unterton. »Aber zur Wunderheilerin bin ich nicht geschaffen. Übrigens auch nicht zur Krankenschwester eines heidnischen Aborigine-Mädchens. Ich habe weiß Gott genug damit zu tun, für das leibliche Wohl der Herrschaft zu sorgen. Da kann ich nicht alle Stunde der Schwarzen die Verbände wechseln und ihr Wasser oder Brühe einflößen! Wird Zeit, dass sich andere ihrer annehmen. Immerhin habe ich sie ja nicht nach Yulara gebracht!«

Abby wusste, dass der Vorwurf und der Groll der Köchin ihr galten. »Tut mir Leid, dass ich dir all die Arbeit aufgebürdet habe«, entschuldigte sie sich. »Ich war so erledigt, dass ich das Mädchen wirklich glattweg vergessen habe.«

»Niemand hindert dich daran, deine Erinnerung aufzufrischen und Verantwortung für die Wilde zu übernehmen«, sagte Rosanna spitz. »Immerhin hast du ihr ja das Leben gerettet!«

Ärger wallte in Abby auf, dass Rosanna nichts mit dem Mädchen zu tun haben wollte, und gereizt gab sie zur Antwort: »Keine Sorge, ich werde mich schon nicht darum drücken, Rosanna. Ich habe mich noch nie vor einer Arbeit gedrückt, so unangenehm sie auch gewesen sein mochte.« Damit wandte sie sich abrupt zum Gehen.

»Warte!«, rief Rosanna schnell, ihre scharfen Worte sichtlich bereuend. »So habe ich es nicht gemeint. Leg nicht auf die Goldwaage, was ich gerade gesagt habe. So eine Nacht Auge in Auge mit einem Buschfeuer, das einem den Garaus machen möchte, kann einen ganz schön aus dem Gleichgewicht bringen. Außerdem bin ich kein junger Hüpfer mehr, der solche Strapazen einfach so aus den Kleidern schüttelt.«

Abby blieb stehen, drehte sich wieder zu ihr um und antwortete mit einem versöhnlichen Lächeln: »Zeigst du mir, was ich zu tun habe?«

»Natürlich«, sagte Rosanna und rief Clover herein, die an der Hintertür damit beschäftigt war, Feuerholz aufzustapeln. »Kräftig durchkneten und lass bloß keine Zugluft an den Teig kommen, sonst kriegst du was hinter die Ohren!«

»Ja, Miss Daly.«

Die Köchin säuberte sich von Mehl und Teig, wuchtete die schwere Bodenluke hoch und holte einen kleinen Weidenkorb mit mehreren Salbentiegeln aus dem kühlen Keller, dessen Wände aus schweren Feldsteinen bestanden. Auf dem Weg zur rückwärtigen Kammer entnahm sie einer Flurkommode einen Stapel aufgerollter Stoffstreifen, die von verschlissenen Unterröcken, Bettlaken und Küchentüchern stammten und auf Yulara als Verbandsstoff Verwendung fanden. Und da es auf einer Farm regelmäßig zu Verletzungen aller Art kam, hatte Jonathan angeordnet, dass stets ein entsprechend großer Vorrat bereitgehalten wurde.

»Sie bietet keinen allzu hübschen Anblick«, warnte die Köchin Abby.

»Das kann ich mir denken.«

Dennoch erschrak Abby, als sie die kleine Kammer betrat und die junge Schwarze in dem hohen, schmalen Bett liegen sah. Sie trug Verbände an Armen und Beinen und um den Kopf, wobei die rechte Gesichtshälfte fast völlig bedeckt war. Der weiße Stoff bot einen scharfen Kontrast zur dunkelbraunen Haut. Er wirkte wie ein Fremdkörper und schien den Eindruck von Hilflosigkeit und Krankheit noch zu verstärken.

Die Eingeborene nahm sie nicht wahr. Hohes Fieber tobte in ihrem Körper. Ihr Atem ging schnell und flach. Unverständliche Laute, die teils schmerzerfülltes Stöhnen und teils Worte einer fremden Sprache waren, entrangen sich ihrer Kehle, während ihr Kopf sich hin und her drehte. Dann und wann zuckte ihr ganzer Körper wie unter einem Krampf, einer Schmerzwelle, und dann krallten sich ihre Hände in das Betttuch.

Das dünne Laken, mit dem Rosanna sie bedeckt hatte, war bis zum Bauch hinuntergerutscht. Ihre entblößte Brust glänzte vor Fieberschweiß und sagte Abby, dass sie es nicht mit einem Mädchen, sondern vielmehr mit einer jungen Frau zu tun hatten. Um den Hals trug sie ein Amulett in Form eines flachen Steines. Er war so groß wie der Handteller eines Kindes, mit geheimnisvollen weißen Linien und Kreisen bemalt und neben der Öse für die Halsschnur noch an weiteren sechs Stellen durchbohrt. Kleine, bunte Federn verbanden diese Löcher miteinander.

Abby richtete ihren Blick wieder auf die verbundenen Arme und Beine und den Kopfverband. »O Gott, wie schrecklich«, flüsterte sie betroffen.

Rosanna nickte. »Ja, es hat sie böse erwischt. Schwere Verbrennungen sind eine schlimme Tortur. Ein Knochenbruch ist gar nichts dagegen. Aber wer kann es sich schon aussuchen, mit welchem Kreuz er geschlagen wird«, sagte sie nüchtern und begann den Verband am rechten Arm aufzuwickeln. »Wir müssen uns mit dem abfinden, was der Herrgott uns vorbestimmt hat.«

»Ich glaube nicht, dass die göttliche Vorbestimmung auch solche Verletzungen mit einschließt«, widersprach Abby. So fest ihr Glaube auch war, so hielt sie doch nichts davon, jeden Zufall und jedes Unglück als unabwendbaren Teil göttlicher Planung zu akzeptieren. Im Kerker von Newgate und im Zwischendeck des Sträflingsschiffes hatte sie die bittere Erfahrung gemacht, dass das Böse kein Schicksal war, das einem aus heiterem Himmel zustieß, sondern zumeist das Werk grausamer Menschen, die aus dem Leid und Elend anderer Vergnügen und Vorteil zogen.

»Es ist dir überlassen, dich mit dem Reverend darüber zu streiten, wenn du dich denn mit ihm anlegen willst«, erklärte die Köchin trocken. »Aber wenn du mit mir gekommen bist, um dich nützlich zu machen, kommst du besser an meine rechte Seite und hältst ihren Arm fest.«

»Entschuldige, Rosanna«, murmelte Abby und trat schnell ans Bett, um der Köchin zur Hand zu gehen. Als sie die Verbrennungen freigelegt hatten, drehte ihr der Anblick fast den Magen um.

Sie waren über eine halbe Stunde damit beschäftigt, auf die verbrannten Hautpartien neue Salbe aufzutragen und frische Verbände anzulegen. Abby achtete auf jeden Handgriff, den Rosanna tat. Manchmal war sie versucht, sie um mehr Behutsamkeit zu bitten. Denn so gründlich die Köchin auch vorging, so behandelte sie die Schwarze doch recht rau und gab nichts auf die Schmerzen, die sie ihr mit ihrer derben Art zweifellos zufügte.

Abby hütete sich jedoch Kritik zu üben. Rosanna hätte ihr das sehr übel genommen. »Danke, dass du mir gezeigt hast, wie ich sie versorgen muss«, sagte sie. »Ich werde sie von jetzt an betreuen.«

»Aber geh bloß nicht so verschwenderisch mit meinen Salben um!«, ermahnte Rosanna sie. »Ich möchte nicht, dass alles für die Wilde draufgeht und nichts mehr für unsereins übrig ist. Man muss der Natur auch ihren Lauf lassen.«

Die junge Eingeborene gab einen gequälten, halb erstickten Schmerzensschrei von sich. Er ging Abby durch Mark und Bein.

»Sie muss schreckliche Schmerzen haben.«

Rosanna ging zur Tür. »Gewiss, aber das ist ja wohl immer noch besser, als tot zu sein.«

Abby verstand nicht, wie man angesichts dieses armen, leidenden Geschöpfes so unberührt sein und eine so hartherzige Antwort geben konnte. Wo waren die Herzensgüte und Anteilnahme geblieben, mit denen sich Rosanna sonst immer der Kranken auf Yulara angenommen hatte?

»Gibt es denn wirklich nichts, was wir gegen die Schmerzen tun können, Rosanna?«

»Da hilft nur Laudanum, und das wenige, was ich davon noch habe, bleibt als eiserne Reserve im Medizinschrank!«

»Rosanna, bitte...«

»Nein, kommt überhaupt nicht in Frage!« Die Köchin blieb unerbittlich. »Irgendwo hat die Gutmütigkeit eine Grenze! Und wage es ja nicht, gegen meinen Willen über das Laudanum zu verfügen! Ich habe es damals von meinem eigenen Geld bezahlt und ich werde nicht zulassen, dass diese Kostbarkeit an eine Wilde vergeudet wird!« Damit verließ sie die Kammer.

Abby blieb noch eine Weile bei der Kranken, betupfte ihr Gesicht und ihre Lippen mit einem feuchten Lappen und wünschte bei jedem schmerzerfüllten Stöhnen, ihr ein wenig Linderung verschaffen zu können. Aber allein Laudanum vermochte sie von den Schmerzen zu befreien.

»Ich werde alles versuchen, was ich kann, damit du dich nicht so quälen musst«, sagte Abby leise zu der Kranken, bevor sie den schmalen, stickigen Raum verließ. Ihre einzige Hoffnung ruhte auf ihrem Schwiegervater. Er brauchte nur ein Wort zu sagen und Rosanna würde das Laudanum herausrücken.

Jonathan hielt sich im Pferdestall auf. Statt mit den anderen draußen auf der Koppel frei herumlaufen zu können, standen Hannibal und Homer, zwei kostbare Zuchthengste, in ihren Boxen. Beide hatten letzte Nacht Verletzungen davongetragen. Eine in Panik geratene Stute hatte im Eukalyptushain wild um sich getreten und dabei Hannibal mit ihrem Hinterhuf getroffen. Die Folge war eine lange Platzwunde an der rechten Flanke gewesen. Und Homer lahmte mit dem linken Vorderfuß.

»Mister Chandler?«

»Ja, was gibt es, Abby?«, fragte der Farmer, ohne sich jedoch zu ihr umzudrehen. Seine Aufmerksamkeit galt ganz dem lahmenden Pferd.

Abby sagte, was sie auf dem Herzen hatte. Dabei achtete sie darauf, dass sie Rosanna nicht in ein schlechtes Licht stellte. Sie betonte vielmehr, wie schlecht es um die Eingeborene stand und wie sehr sie wohl unter Schmerzen zu leiden hatte.

»Jaja, das ist eine schlimme Sache«, erwiderte Jonathan, jedoch ohne besonders beteiligt zu klingen. »Ich war mal zugegen, als man einem Waldarbeiter das völlig zertrümmerte Bein amputiert hat - ohne jede Betäubung. Es war entsetzlich, aber er ist durchgekommen. Das war noch drüben im guten, alten England.«

»Aber wir haben Laudanum«, wandte Abby mit sanftem Widerspruch ein. »Rosanna gibt es ohne Ihre Zustimmung aber nicht heraus. Vielleicht ...«

»Ja, ist gut, Abby. Ich werde mich darum kümmern und nachher mit Rosanna sprechen«, versicherte Jonathan.

Abby hoffte auf ein Machtwort ihres Schwiegervaters. Als die Bronzeglocke sie zum Abendessen rief und die Chandler-Familie geschlossen am Tisch Platz nahm, fing Jonathan den erwartungsvollen, fragenden Blick seiner Schwiegertochter auf.

»Ja, ich habe mit Rosanna gesprochen«, sagte er und schlug seine Serviette wie ein Tischtuch voller Krümel aus. »Ich muss ihr leider zustimmen, Abby. Wir haben nur noch ganz wenig Laudanum im Haus, und da man bei dieser extremen Hitzewelle nicht weiß, was noch alles kommen kann, muss dieser Rest als eiserne Reserve im Schrank bleiben.«

Abby wollte sich damit nicht abfinden. »Aber wir dürfen sie doch nicht einfach so ihren Schmerzen überlassen, wo wir doch etwas dagegen tun können!«, beschwor sie ihn.

Jonathan sah sie mit einem zurechtweisenden Blick an. »Dein Mitgefühl in Ehren. Aber ich denke nicht, dass wir uns etwas vorzuwerfen haben, was unsere Behandlung dieser Wilden betrifft, Abby! Wir haben sie unter unserem Dach aufgenommen und sie so gut es geht versorgt. Und das ist ja wohl keine Selbstverständlichkeit«, sagte er in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. »Sarah, das Gebet bitte!«

Sarah faltete die Hände über der weißen Damastdecke, senkte den Kopf und erbat mit inbrünstiger Stimme Gottes Segen.

Andrew warf Abby einen mitfühlenden Blick zu, zuckte kaum merklich mit den Achseln und schaute dann hinunter auf seine gefalteten Hände.

Abby war die Einzige am Tisch, die ihren Kopf nicht zum Gebet senkte. Sie blickte verstört zu ihrem Schwiegervater hinüber. Bisher hatte sie ihn nur als einen warmherzigen und großzügigen Mann gekannt, der sie wie eine leibliche Tochter in sein Herz geschlossen hatte und dem sie viel verdankte. Und im Konflikt mit den Offizieren vom Rumcorps hatte er Charakter und Mut gezeigt. Sie hatte geglaubt ihn zu kennen und zu wissen, wie er in bestimmten Situationen reagieren würde. Nun jedoch dämmerte ihr, dass sie sich geirrt hatte. Neben der angenehmen Seite, die sie kannte, hatte Jonathan Chandler noch eine zweite Seite, die ihr ganz und gar nicht gefiel.

Ihr Blick ging unwillkürlich zu Andrew. Ihr Herz verkrampfte sich, als sie sich voller Bangen fragte, ob dieser Mann, den sie so sehr liebte, auch ein zweites Gesicht hatte, das ihr bisher verborgen geblieben war.