Erstes Kapitel

Es war, als hätte die glühende Sonne die Luft über dem australischen Buschland in klares, heißes Öl verwandelt. Die immergrünen Eukalyptusbäume und die silbrigen Dornenbüsche, das graubraune, struppige Gras und die rotbraune, hart gebackene Erde schwammen am Horizont im Hitzeglast. Dabei war erst Oktober und im Land unter dem Kreuz des Südens war das normalerweise die sonnig milde Zeit des Frühlings. Die weiten Ebenen und schier endlosen Hügelketten hätten in diesem Monat eigentlich mit einem bunten Teppich wilder Blumen und blühender Sträucher überzogen sein und das Auge der Farmer mit frischem Grün erfreuen müssen. Stattdessen war die Erde in der Sträflingskolonie New South Wales verdorrt. Denn schon seit Mitte September brannte die Sonne mit einer sengenden Kraft vom Himmel wie in anderen Jahren nur in den Hochsommermonaten Januar und Februar.

Der blendend grelle Himmel schien ausgestorben. Kein Vogelschwarm warf seine Schatten über den Busch. Es war, als hätte kein Vogel die Kraft in die wabernde Luft aufzusteigen und sich in der Schattenlosigkeit der grenzenlosen Weite länger als ein paar Flügelschläge zu halten. Und so ausgestorben wie der Himmel wirkte auch das Land - bis auf die beiden Reiter, die aus südwestlicher Richtung kamen und den Spurrillen folgten. Eisenbeschlagene Räder klobiger Fuhrwerke hatten sie aus der grasbewachsenen Ebene gekerbt und sintflutartige Regengüsse hatten sie ausgewaschen. Mensch und Tier litten unter der Hitze, wie dem müden Trott der Pferde und der Haltung der beiden jungen Männer unschwer zu entnehmen war. Der Reiter auf dem pechschwarzen Wallach machte einen besonders erschöpften Eindruck. Er kauerte so zusammengesunken im Sattel, als ducke er sich vor der Sonne wie ein wehrloses Opfer vor den Schlägen eines übermächtigen Angreifers.

Sein Name war Melvin Chandler.

»Lass uns eine Pause einlegen, Andrew.«

»Bis nach Yulara sind es noch einige Stunden, Melvin«, wandte Andrew Chandler ein. »Und wir wollen doch noch vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein.«

»Ich reite lieber bei Nacht als bei solch einer Affenhitze. Die verdammte Sonne brennt mir noch das Hirn aus dem Schädel!«, stöhnte Melvin Chandler. »Wir sitzen jetzt schon zwei Stunden im Sattel und haben uns eine etwas längere Rast als bei der letzten Wasserstelle redlich verdient. Und die Pferde auch.«

Andrew warf seinem Bruder, der drei Jahre älter war und kurz vor Weihnachten vierundzwanzig wurde, einen kurzen Blick zu. Melvin war ein gut aussehender Mann von hoch gewachsener Gestalt. Doch im Augenblick sah er weder gut noch hoch gewachsen aus, sondern ausgelaugt und zusammengefallen.

»Also gut, Bruderherz, reiten wir dort zu den Eukalyptusbäumen hinüber und gönnen wir uns eine Ruhepause«, lenkte Andrew ein. Dabei deutete er auf eine Anhöhe links von ihnen, wo sich mehrere dieser intensiv duftenden Bäume erhoben.

Melvin gab einen Seufzer der Erlösung von sich, als sie wenig später in den Schatten der Eukalyptusbäume eintauchten. Und Andrew dachte einmal mehr, dass sein Bruder für das harte, entbehrungsreiche Farmerleben im Busch wahrlich nicht geschaffen war. Deshalb hatte er die väterliche Farm am Hawkesbury River ja auch verlassen und war nach Sydney gegangen, um sich im Handel zu betätigen.

In einem Kontor über Rechnungsbüchern zu sitzen war für Melvin das Richtige wie für ihn, Andrew, das Leben auf Yulara. Er liebte das Buschland und die Herausforderung, die das Farmen in diesem sonnendurchglühten, wilden Land für jeden freien Siedler und ehemaligen Sträfling, Emanzipist genannt, darstellte. Glücklicherweise teilte Abby auch diese Liebe mit ihm. Sie war, was das betraf, aus demselben harten Holz geschnitzt wie er.

Melvin glitt mit einem unterdrückten Stöhnen vom Rücken des Wallachs, hängte seinen breitkrempigen Lederhut über den Sattelknauf und griff zum Wasserschlauch aus Ziegenleder, der prall gefüllt war. In einem dicken Strahl ließ er das warme Wasser herausschießen und über sein schweißglänzendes Gesicht strömen, den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen geschlossen und den Mund weit geöffnet. Das Wasser tränkte Haare und Kleidung und spritzte nach allen Seiten weg.

»O Gott!«, prustete er dabei. »Tut das gut!«

Andrew bedachte ihn mit einem ungehaltenen Blick, den sein Bruder jedoch nicht bemerkte. Niemals, unter keinen Umständen ging man im Busch so leichtfertig mit Wasser um! Auch dann nicht, wenn man sich nur wenige Reitstunden von der nächsten Farm oder Wasserstelle entfernt wusste.

Die Kolonie war noch jung, das Hinterland spärlich besiedelt und die Wildnis unberechenbar. Deshalb begnügte man sich mit einigen bedächtigen Schlucken und nässte vielleicht noch das Halstuch, um sich damit das Gesicht abzuwischen, so wie er es sich jetzt erlaubte. Aber man vergeudete dieses kostbare Nass doch nicht, indem man es in einem daumendicken Strahl in alle Richtungen davonspritzen ließ!

Andrew hatte schon eine Bemerkung auf der Zunge, schluckte sie jedoch hinunter. Melvin hatte es schwer genug, auch ohne die Ermahnungen eines jüngeren Bruders, wie gerechtfertigt sie in der Sache auch sein mochten. Denn statt in Sydney, das zwei anstrengende Tagesreisen im Südosten an der Küste lag, seinen Geschäfte nachgehen zu können, musste Melvin gezwungenermaßen auf Yulara ausharren. Die Farm war zu einem Exil geworden. Und mit jedem Monat, der verstrich, bedrückte es ihn mehr. Nun schon seit mehr als acht Monaten am Hawkesbury leben zu müssen bedeutete für ihn eine harte Prüfung.

Am 26. Januar 1808, auf den Tag genau am zwanzigsten Jahrestag der Gründung der Kolonie, hatten die korrupten Offiziere des New South Wales Corps gegen ihren Gouverneur, William Bligh, rebelliert. Sie hatten ihn unter Hausarrest gestellt und die Macht über die Kolonie nun ganz an sich gerissen. Die Offiziere im roten Rock des Königs hatten um ihre einträglichen Geschäfte im Rumhandel gefürchtet, denn mit Rum hatten sie die Kolonie wirtschaftlich beherrscht und ausgenommen. Daher hießen sie bei den freien Siedlern, Emanzipisten und Sträflingen auch verächtlich »die Rumrebellen vom Rumcorps«.

William Bligh, als eiserner Captain des Meutererschiffes Bounty zu zweifelhaftem Ruhm gekommen, hatte im Auftrag der Krone diesem Rummonopol ein Ende bereiten wollen. Doch die Offiziere waren ihm mit ihrem Umsturz zuvorgekommen. Und wer sich wie Melvin für den Gouverneur und gegen die machthungrige Offiziersclique ausgesprochen hatte, war im Handumdrehen unter fadenscheinigen Anklagen im Gefängnis gelandet. Melvin war an jenem Tag vor acht Monaten seinen Häschern um Haaresbreite entkommen und Abby hatte am Gelingen dieser nächtlichen Flucht aus Sydney einen großen Anteil gehabt.

Danach hatte es Versuche gegeben, Melvin auf Yulara zu verhaften. Doch die Rumrebellen hatten schließlich eingesehen, dass ihre Macht mit jeder Meile jenseits von Sydney und Parramatta, den beiden großen Siedlungen der Kolonie, beträchtlich schwand. Sie hatten erkennen müssen, dass sie nicht genug Soldaten aufbieten konnten, um sein Versteck im Buschland am Hawkesbury River ausfindig zu machen. So war es dann zu einer Art Waffenstillstand gekommen, den ihr Vater Jonathan ausgehandelt hatte: Die Offiziere hatten ihre falschen Beschuldigungen gegen seinen ältesten Sohn fallen gelassen und den Haftbefehl zurückgezogen und Melvin hatte sich im Gegenzug mit seinem Ehrenwort dazu verpflichtet, sich von Sydney fern zu halten und zudem noch jeglicher politischer Betätigung gegen die neuen Machthaber zu enthalten. Yulara war damit zu seinem Exil geworden, bis der König in London sein Urteil über die Rechtmäßigkeit oder Unrechtmäßigkeit der gewaltsamen Amtsenthebung von Gouverneur Bligh gesprochen hatte.

Aber London war weit, im günstigsten Fall eine Seereise von sechs Monaten. Vor Anfang nächsten Jahres war kaum mit einer Reaktion zu rechnen und niemand wusste, wie sie ausfallen würde. Würde der König Truppen schicken, um das New South Wales Corps, das noch nie den Pulverdampf einer Schlacht gerochen hatte, abzulösen und die Anführer in Ketten zu legen? Entsandte er vielleicht nur einen neuen Gouverneur? Oder musste man mit beidem rechnen? Wie auch immer, bis dahin konnten die Rumrebellen in der Sträflingskolonie schalten und walten, wie es ihnen beliebte.

Andrew lehnte sich gegen einen der Eukalyptusbäume, deren merkwürdige Rinde wie aufgebrochen in langen, rissigen Streifen vom Stamm hing. Die ersten Siedler hatten diese Bäume, von denen es zahllose verschiedene Arten gab, Gumtree, also Gummibaum, genannt. Andrew wusste nicht, warum sie gerade auf diesen Namen verfallen waren. Vielleicht, weil sie sich so schwer fällen ließen. Das Holz dieser Bäume ruinierte jedes Beil oder Sägeblatt im Handumdrehen.

»Ich wünschte, du hättest mich nicht dazu überredet, dich auf deinem Ritt nach Dunbar zu begleiten«, sagte Melvin brummig und mit einem leichten Vorwurf in der Stimme, als er daran dachte, welche Strecke Weges durch den Busch noch vor ihnen lag.

»Aber du hast dich doch gut mit Greg Halston unterhalten«, wandte Andrew ein. »Und hast du nicht selbst gesagt, dass du mit keinem so gut über Politik reden kannst wie mit Greg?«

»Ja, schon«, gab Melvin widerstrebend zu und setzte fast trotzig hinzu: »Aber dennoch!«

Der Vorwurf seines Bruders ärgerte Andrew. Denn eigentlich hatte er sich nur deshalb zu einem Besuch bei den Halstons auf Dunbar entschlossen, damit Melvin ein wenig Abwechslung vom Farmalltag auf Yulara bekam und einmal andere Gesichter sah. Greg und seine beiden Töchter Heather und April hatten sich auch sehr gefreut.

»Und April hast du mit deinem Besuch zudem eine besonders große Freude gemacht«, konnte sich Andrew nicht verkneifen zu sagen. »Ich hatte auch ganz und gar nicht den Eindruck, dass dir der lange Hinweg zu viel gewesen wäre.«

Melvin stieg die Röte der Verlegenheit ins Gesicht. »Wie darf ich das verstehen?«

Andrew lächelte. »Meinst du, ich hätte nicht gesehen, wie ihr euch angeschaut habt?«

»Nun mach mal aus einem freundlichen Lächeln bloß keinen Heiratsantrag!«, protestierte Melvin ein wenig zu laut und zu heftig, um überzeugend zu wirken. »April ist ein nettes Mädchen ...«

»Mehr als nur nett, wenn du mich fragst«, warf Andrew ein. »Sie ist klug, sehr ansprechend und hat das Herz auf dem rechten Fleck. Und zu arbeiten versteht sie auch.« Ihre zwei Jahre ältere Schwester Heather, die ihren Mann nach nicht einmal einem Jahr Ehe vor wenigen Monaten bei einem tödlichen Unfall verloren hatte, war hochschwanger, so dass die meiste Arbeit nun auf den schmalen Schultern der siebzehnjährigen April lastete. Denn Greg, ihr Vater, litt immer stärker unter Gichtanfällen und vertrug die Hitze fast so schlecht wie Melvin.

»Du hast gut reden und anpreisen, Bruder. Nicht jeder hat das Glück, jemanden wie Abby Lynn zur Frau zu gewinnen.« Er klang ein wenig neidisch auf das Glück seines jüngeren Brudes, der seit vier Monaten mit Abby verheiratet war und darauf hoffte, dass seinem Antrag auf ihre Begnadigung bald entsprochen wurde. Heiratete ein freier Siedler, war die Begnadigung gewöhnlich eine reine Formsache. Aber die Eingabe eines Chandlers von Yulara würde vermutlich mit anderen Augen beurteilt werden.

Ein Ausdruck von Stolz und Glück trat auf das Gesicht von Andrew. »Ich freue mich, dass wir wenigstens darin einer Meinung sind«, sagte er lächelnd und ließ seinen Blick über das Buschland streifen, das sich vor ihnen wie die sanfte Dünung einer scheinbar endlosen rotbraunen See erstreckte.

In der Ferne, am westlichen Horizont, zeichneten sich die zerklüfteten Bergzüge der Blue Mountains ab, die der britischen Strafkolonie, in der sich von Jahr zu Jahr immer mehr freie Siedler niederließen, nach Westen hin eine natürliche Grenze setzten. Bisher war es keinem noch so Wagemutigen gelungen, diesen schroffen Gebirgszug zu überqueren, der sich von Norden nach Süden über viele hundert Meilen parallel zur Küste hinzog. Zumindest war noch keiner von solch einem Unternehmen erfolgreich zurückgekehrt.

Wie man hörte, versuchten immer wieder mal entlaufene Sträflinge über die Blue Mountains zu entkommen. Denn seit Jahren hielt sich das Gerücht – nicht nur unter den aus England Deportierten -, dass man hinter diesen blau schimmernden Bergen auf dem Landweg nach China gelangte, wenn man nur ausdauernd genug war und das Glück auf seiner Seite hatte. Andrew glaubte jedoch nicht daran, dass hinter den Bergen der Weg zum geheimnisvollen China lag. Er gehörte vielmehr zu denjenigen, die den Berichten und Vermutungen jener Kartographen und Forschungsreisenden Glauben schenkten, die Australien für eine riesige Insel, ja für einen ganz neuen Kontinent hielten.

»Mein Gott, in was für ein Land hat uns unser Vater bloß geschleppt, dass ich mich dabei ertappe, wie ich meinen jüngeren Bruder um einen Sträfling beneide, den man uns als Arbeiterin und Kindermädchen für unsere kleine Schwester nach Yulara geschickt hat«, sagte Melvin kopfschüttelnd und ließ einen weiteren Schwall Wasser über seine Brust fließen.

»Sträfling ist nicht gleich Sträfling, einmal ganz davon abgesehen, dass du sehr wohl die Geschichte kennst, wie Abby in London unschuldig in die Mühlen der Justiz geraten ist«, erinnerte Andrew seinen Bruder geduldig und ohne ihm böse zu sein. Er wusste nur zu gut, wie sehr auch Melvin Abby mochte und respektierte. Es waren einfach seine persönliche, prekäre Lage und das Gefühl, mehr oder weniger nach Yulara verbannt worden zu sein, was seinen Bruder in letzter Zeit so oft unleidlich werden ließ und zu Bemerkungen veranlasste, die er so in Wirklichkeit gar nicht meinte und später auch immer bereute.

Melvin ging nicht darauf ein. »Wenn Vater nach Mutters Tod doch bloß die Finger vom Glücksspiel gelassen hätte! Dann hätten wir heute noch unseren Hof in Devon, den du eines Tages übernommen hättest - und ich hätte meine Studien am College beenden können«, beklagte er sein Schicksal. »Stattdessen hat es uns ans schäbigste Ende des britischen Empires verschlagen!«

Andrew bedachte ihn mit einem spöttischen Blick. »Was du nicht sagst! Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie du auf der Überfahrt vor fast fünf Jahren davon gesprochen hast, dass New South Wales für uns alle eine neue Chance ist und dass du eigentlich nie recht Gefallen am College gefunden hast.«

»Ach, damals...«, winkte Melvin müde ab und hockte sich mit angezogenen Beinen gegen den Baumstamm.

»Also ich bin froh, dass es so und nicht anders gekommen ist«, sagte Andrew und dachte dabei an Abby. Das Schicksal hatte es gut mit ihnen gemeint und dieses Land war zu ihrer Heimat geworden. Nichts zog ihn nach England zurück. Aufmunternd fügte er hinzu: »Colonel Johnston und seine Rebellenclique werden sich nicht ewig in Sydney halten. Man wird sie zur Rechenschaft ziehen. Denn niemals wird der König zulassen, dass ein Haufen korrupter Offiziere einen Gouverneur, den er selbst eingesetzt hat, entmachtet und dann auch noch ungestraft davonkommt.«

Melvin verzog das Gesicht. »Natürlich wird die Macht des Rumcorps nicht ewig dauern. Aber es kann schon noch ein gutes halbes Jahr, ja vielleicht sogar ein ganzes Jahr vergehen, bis sich königstreue Truppen in England eingeschifft haben, um den halben Globus gesegelt sind und hier eintreffen, um in der Kolonie wieder für Recht und Ordnung zu sorgen.«

»Was ist schon ein halbes Jahr.«

Melvin blickte gequält zu ihm hoch. »Eine verflucht lange Zeit für jemanden wie mich, das kann ich dir sagen!«

»Vielleicht solltest du demnächst mal öfter nach Dunbar reiten«, schlug Andrew halb im Scherz und halb im Ernst vor.

»Was du nicht sagst!«

»Ja, Greg und seine Töchter können ein Paar zupackende Männerhände jetzt dringend gebrauchen. Und vielleicht brächte dich das auf andere Gedanken, mal von der Arbeit abgesehen ...«

Melvin fand das überhaupt nicht witzig, wie sein Tonfall verriet. Doch was genau er erwiderte, bekam Andrew nicht bewusst mit. Denn eine Bewegung zwischen den Büschen am Fuß der Hügelkette hatte seine Aufmerksamkeit erregt.

»Merkwürdig«, murmelte er, beschattete die Augen mit der flachen Hand und kniff die Augen zusammen, weil ihn die Sonne blendete. Ihm war, als hätte er dort unten einen Wombat, ein biberähnliches Beuteltier von recht putzigem Aussehen, durch das Gras huschen sehen. Aber das war eigentlich unmöglich. Er musste sich getäuscht haben ...

Melvin ließ sich weitschweifig über die Ungerechtigkeit und Launenhaftigkeit des Schicksals aus und merkte gar nicht, dass sein Bruder ihm gar nicht mehr zuhörte. Ihm entging auch völlig, dass Andrew sein kleines Fernrohr aus der Satteltasche holte und damit erst das Gebiet am Fuß der Hügelgruppe absuchte und dann das blitzende Messingrohr nach Westen richtete.

»Das gefällt mir nicht!», stieß Andrew plötzlich hervor, das Gesicht eine düstere Miene. »Das gefällt mir ganz und gar nicht.«

Melvin lachte grimmig auf. »Sage ich doch die ganze Zeit! Und du kannst dich darauf verlassen, dass sich die Beamten im Kolonialamt auch die nächsten Jahre einen Dreck darum scheren werden, dass die wahllose Deportation von Sträflingen nicht das geeignete Mittel ist, um eine vernünftige Besiedlung...«

Andrew unterbrach ihn schroff. »Nein, das meine ich nicht. Der Wombat und der Himmel, das ist es, was mir ganz und gar nicht gefällt.«

Melvin sah seinen Bruder verständnislos an. »Wombat? Wovon, zum Teufel, redest du überhaupt?«

»Komm hoch und schau es dir selber an!« Andrew drückte ihm das Fernrohr in die Hand und sagte ihm, wo er zu suchen hatte. »Es ist jetzt kurz vor dem morschen Baumstumpf. Siehst du es?«

»Ja, und? Es ist ein stinknormaler Wombat! Was ist daran so ungewöhnlich?«, wollte Melvin wissen.

»Wombats sind nur nachts unterwegs. Bei Tageslicht halten sie sich in ihren Erdbauten versteckt und diese verlassen sie tagsüber nur bei großer Gefahr.«

Melvin runzelte die Stirn. Er hatte nie gelernt die Zeichen der Natur zu lesen und zu deuten, weil es ihn nie interessiert hatte. »Vielleicht ist irgendein Dingo oder sonstwer hinter ihm her.«

Andrew schüttelte den Kopf. »Es befindet sich auf der Flucht, aber nicht vor einem anderen Tier. Es ist eine andere Art von Gefahr, vor der es flieht. Und wenn ich mir den Himmel im Westen anschaue, der auf einmal von so merkwürdig rußgrauer Farbe ist, regt sich in mir eine böse Ahnung, die ich gar nicht auszusprechen wage.«

Melvin begriff nun und machte ein erschrockenes Gesicht. »Ein Buschfeuer?«

Andrew biss sich auf die Lippe und zögerte mit der Antwort. Der Busch war trocken genug, um einen jener verheerenden Brände möglich zu machen, die immer wieder die Kolonie heimsuchten und für die man gewappnet sein musste, wollte man nicht an einem Tag alles verlieren, wofür man viele Jahre lang hart gearbeitet hatte.

»Ich bin mir nicht sicher, aber mein Gefühl sagt mir, dass wir uns beeilen sollten nach Yulara zu kommen«, sagte Andrew schließlich, schob das Fernrohr zusammen und schwang sich in den Sattel seiner Fuchsstute, die auf den Namen Samantha hörte.

Melvin folgte stumm und mit besorgter Miene dem Beispiel seines Bruders, den er in diesen Dingen neidlos als überlegen anerkannte.

Andrew nahm die Zügel auf und warf dabei noch einen ahnungsvollen Blick nach Westen. Nein, die Verfärbung des Himmels gefiel ihm so wenig wie der Wombat, der im hellen Tageslicht durch den Busch nach Osten lief. Dann richtete er sein Augenmerk wieder gen Nordosten, wo Yulara am diesseitigen Ufer des Hawkesbury lag, und preschte aus dem Schatten der Eukalypten hinaus in den gleißenden Sonnenschein.

Die Luft flirrte noch immer vor Hitze, doch ihm lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter und hinterließ eine Gänsehaut.