Zweites Kapitel
Das schmerzhafte Pochen in ihrer rechten Schulter war das Erste, was Abby bewusst wahrnahm, als sie erwachte. Benommen lag sie da und hatte Mühe, Klarheit in ihre Gedanken zu bekommen. Körper und Geist schienen von einer seltsamen Trägheit befallen zu sein. Ihr war, als stände sie unter der betäubenden Wirkung von Laudanum. Aber was hatte es bloß mit dem Schmerz in ihrer Schulter auf sich? Hatte sie sich im Schlaf verlegen oder hatte sie sich bei der Farmarbeit...
Abby führte den Gedanken nicht zu Ende, denn in diesem Moment setzte ihr Gedächtnis schlagartig ein. Die Erinnerungen stürzten wie eine Flut auf sie ein.
Die Fahrt mit Greg Halston nach Dunbar. Der Überfall am Saunder’s Creek durch die beiden Sträflinge. Ihr Fluchtversuch am Abend. Der Schuss. Ihr Versteck im Dickicht, und dann ihr verzweifelter Versuch, trotz der schweren Verletzung im Schutz der Nacht möglichst weit weg vom Lager der Sträflinge zu fliehen.
Wie weit war sie gelangt, bis sie bewusstlos zusammengebrochen war? Und wie lange hatte sie hier besinnungslos gelegen?
Abby tastete nach ihrer Wunde - und fuhr erschrocken zusammen, als ihre Finger auf eine Art von Verband stießen, der um ihre Schulter und Brust gewickelt war. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass sie die Wunde verbunden hätte. Zudem bestand der Verband nicht aus Stoff, sondern die Streifen fühlten sich wie Fell an.
Fell?
In dem Augenblick setzte der Gesang ein.
Erschrocken fuhr Abby hoch. Dabei stieß sie mit dem Kopf gegen etwas, das raschelte und nachgab. Der stechende Schmerz, der dabei durch ihre Schulter fuhr, wurde von ihrer Verstörung ins Unterbewusstsein verdrängt.
Sie bemerkte nun, dass sie sich unter einer Art Unterstand aus Zweigen und Gras befand. Lichtschein drang durch das enge Flechtwerk, und sie sah schemenhafte Umrisse, die sich im Rhythmus der seltsamen Gesänge bewegten. Jetzt fielen auch hölzern klingende Trommeln und andere Musikinstrumente ein, die sie noch nie gehört hatte.
Angst packte sie.
Wo war sie?
Wer waren diese Menschen?
Abby kroch vorsichtig unter dem schrägen Unterstand hervor und spähte um die Ecke. Und was sie sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
Aborigines!
Über ein Dutzend Eingeborene, nackt wie Gott sie geschaffen hatte und von Kopf bis Fuß bemalt, vollführten einen wilden Tanz vor dem Feuer. Es waren Männer, die dort hin und her sprangen und dabei lange Speere über den Köpfen schwangen, als wollten sie sich damit jeden Augenblick gegenseitig abstechen. Auf der anderen Seite des Feuers saßen weitere Aborigines, vermutlich die Frauen und Kinder, die den Tanz der Männer mit rhythmischem Klatschen und Gesang begleiteten.
Fassungslos starrte Abby zu ihnen hinüber. Ihre Verstörung war so groß, dass sie einen Moment brauchte, um zu begreifen, dass die Schwarzen sie wohl bewusstlos gefunden und mit diesen Fellstreifen verbunden haben mussten.
Aber was bedeutete das? Konnte sie den Wilden vertrauen?
Abby erinnerte sich plötzlich an die Furcht erregenden Geschichten, die in der Kolonie über die Mordlust und Grausamkeiten der Eingeborenen kursierten. Vieles von dem, was in den vergangenen vier Jahren darüber erzählt worden war, hatte sie stets als Übertreibung empfunden. Dennoch vermochte sie sich nicht von der Furcht zu befreien, dass es ja reichte, wenn auch nur einiges davon wahr war.
Die Ungewissheit, was die Eingeborenen wohl mit ihr vorhaben könnten, war groß genug, um ihre Angst zu schüren. Was sollte sie jetzt bloß tun?
Abby überlegte fieberhaft. Mit ihrer Verletzung war sie kaum weiter als ein, zwei Meilen gekommen. Sie versuchte sich vor ihrem geistigen Auge ein Bild von jenem Teil der Kolonie zu machen, wo sie vor den Sträflingen geflohen war. Dass sie nach Westen geflohen war, daran konnte sie sich noch gut erinnern, denn sie war genau in die Richtung der untergehenden Sonne geflüchtet.
Wo lag die nächste Farm?
Lucknam Station!
Aber konnte sie es mit ihrer Verletzung überhaupt bis dorthin schaffen?
Behutsam richtete sich Abby auf. Sie fühlte sich schwach, aber erstaunlicherweise doch nicht so entkräftet, wie es eigentlich der Fall hätte sein sollen. Und was die Schmerzen in ihrer Schulter anging, so raubten sie ihr nicht die Sinne, sondern ließen sich ertragen.
Abby überlegte nun nicht mehr lange. Das Risiko, bei den Aborigines zu bleiben und ihnen ausgeliefert zu sein, schreckte sie zu sehr.
Langsam kroch sie vom Unterstand und damit auch vom Feuer mit den tanzenden Eingeborenen weg. Der Gesang schwoll an und klang in ihren Ohren wie eine Warnung. Ein Schauer lief ihr über den Rücken.
Nichts wie weg von hier!
Gerade wollte sie sich aufrichten, als sie links vor sich zwei Hunde sah, die im tiefen Schatten eines Busches lagen. Sie hoben nun den Kopf und schauten zu ihr herüber.
Dingos!
Abby erstarrte und ihr Herz raste wie verrückt. Dann erinnerte sie sich daran, dass die Aborigines stets Wildhunde mit sich führten, und sie machte sich selber Mut, indem sie sich sagte, dass diese Dingos an Menschen gewöhnt waren und dass sie von ihnen nichts zu befürchten hatte. Die Hunde hatten sie ja auch nicht angefallen, als sie unter dem Windschirm gelegen hatte.
»Bitte, bleibt liegen und bellt nicht!«, flehte Abby leise und schlich weiter nach rechts, weg von den Hunden, die sie nicht aus den Augen ließen. Doch sie blieben liegen und kläfften auch nicht.
Augenblicke später zwängte sie sich zwischen zwei Sträuchern mit dornigen Ästen hindurch. Nun war sie den aufmerksamen Blicken der Dingos entzogen und vom Feuer aus war sie auch nicht mehr zu sehen. Die Dunkelheit der Nacht umfing sie.
Abby war dankbar, dass Andrew ihr beigebracht hatte, sich nachts anhand der Gestirne zu orientieren, denn sonst hätte sie nicht gewusst, welche Richtung sie einschlagen sollte. Sie schaute zum Kreuz des Südens hoch. Der Nachthimmel war klar und fast wolkenlos, und es fiel ihr nicht schwer, die nordöstliche Richtung, in die sie sich halten musste, zu bestimmen.
Der fremdartige Gesang der Eingeborenen begleitete sie noch sehr lange, und sie hoffte, dass die Schwarzen noch die ganze Nacht hindurch tanzten und sangen. Denn je länger ihnen verborgen blieb, dass sie aus ihrem Lager geflohen war, desto größer wurde ihr Vorsprung - und damit ihre Chance zu entkommen.
Ob die Aborigines ihre Verfolgung aufnehmen würden?
Die Angst, dass dies der Fall sein konnte, trieb sie an und ließ sie die Zähne zusammenbeißen. Denn schon bald gewann das schmerzhafte Pochen in ihrer Schulter an Stärke. Immer wieder war sie versucht sich zu Boden fallen zu lassen und sich eine Rast zu gönnen. Doch sie fürchtete, dann nicht mehr die Kraft zu finden, um wieder aufzustehen und den nächtlichen Marsch fortzusetzen.
Lucknam Station konnte nicht mehr als sechs, sieben Meilen entfernt sein. Und auch wenn sie noch so schwach war und immer langsamer vorankam, diese Strecke musste sie einfach schaffen! Bei Tagesanbruch musste sie die Farm erreicht haben. Sie fand einen trockenen Ast, den sie als Stock benutzte, um sich abstützen zu können.
Immer wieder sah sie zu den Sternen hoch, um sich zu vergewissern, dass sie die richtige Richtung beibehielt. Sie erinnerte sich an Geschichten von Kolonisten, die sich in der Wildnis verirrt hatten und im Kreis gelaufen waren. Das durfte ihr nicht passieren!
Abby dachte an Greg Halston. Sie hoffte inständig, dass ihm die Flucht gelungen war. Sie hatte keinen zweiten Schuss gehört. Vielleicht hatten die Sträflinge weder Pulver noch Blei für einen zweiten gehabt. Wenn Halston ihnen im Schutz der Dunkelheit entkommen war, dann war mit einem Suchkommando und baldiger Hilfe zu rechnen. Sie musste nur durchhalten!
Schmerzen und körperliche Schwäche zehrten jedoch immer mehr an ihrer Willensstärke. Sie versuchte sich in Gedanken an Andrew zu flüchten. Ihr Liebe musste ihr doch die Kraft geben, die Tortur zu ertragen und Lucknam Station zu erreichen!
Für eine Weile gelang ihr das auch. Doch dann schwanden Kraft und Zuversicht, und Verzweiflung stieg wie bittere Galle in ihr auf. Jeder Schritt kostete Überwindung und die Einsamkeit der Nacht und die Angst drückten auf ihre Seele wie eine Tonnenlast.
Tapfer setzte sie sich gegen die verlockende Stimme in ihr zur Wehr, die ihr einredete, sich doch nicht weiter zu quälen und sich einfach in den warmen Sand unter ihren Füßen sinken zu lassen. Sie suchte Zuflucht im Glauben und besann sich der Psalmen. Mit schwacher, zitternder Stimme sang sie die religiösen Lieder, während sie durch die Nacht nach Nordosten taumelte.
»Zu dir rufe ich, Herr, mein Fels. Wende Dich nicht schweigend von mir ab ... Denn wolltest Du schweigen, würde ich denen gleichen, die längst begraben sind ... Hör mein lautes Flehen, wenn ich zu Dir schreie ... Der Herr ist meine Kraft und mein Schild ... mein Herz vertraut ihm ... Mir wurde geholfen. Da jubelte mein Herz, ich will ihm danken mit meinem Lied ...«
Doch die Schmerzen fielen sie mit wachsender Wut an, und als sie über eine Baumwurzel stolperte und in den Sand stürzte, schien sie das Ende ihrer Kraft erreicht zu haben.
»Nur eine Atempause ... nur eine kurze Atempause«, keuchte sie. »Nur einmal bis hundert zählen. Dann gehe ich weiter.«
Ihr Zählen wurde am Schluss immer langsamer. Als sie die Hundert erreicht hatte, zwang sie sich jedoch, wieder aufzustehen und den quälenden Marsch fortzusetzen.
So willensstark sie auch war, ihr Körper verlangte in immer kürzeren Abständen nach einer Ruhepause. Dann hockte sie am Boden, gegen einen Stein oder Baumstamm gelehnt, hörte ihr Herz rasen und lauschte in die Nacht. Und wenn die Ruhepausen auch immer länger wurden, so zwang sie sich doch immer wieder auf die Beine.
Die Nacht schien kein Ende nehmen zu wollen. Endlich aber begann die Schwärze einem grauen Licht zu weichen. Das Buschland gewann mit dem zögerlichen Licht des neuen Tages an Kontur, so als stiege es aus einem Meer an die Oberfläche.
Abby befand sich in einem tranceähnlichen Zustand, hervorgerufen von Erschöpfung und Schmerzen. Wie blind taumelte sie durch einen kleinen Hain von Eukalyptusbäumen, als die Sonne aufstieg.
Als die Bäume vor ihr zurückwichen und den Blick wieder auf die wellige Weite der Buschwildnis freigaben, war es richtig hell geworden, und sie sah am fernen Horizont die gezackte Linie der Blue Mountains.
Bestürzung überkam sie.
Sie war die ganze Zeit nach Westen gelaufen!
Im nächsten Moment folgte auf die Bestürzung eisiges Entsetzen, als ihr bewusst wurde, dass die Sonne dort über den Bergen aufstieg. Aber das konnte doch unmöglich sein! Nirgendwo auf der Welt stieg die Sonne im Westen auf! Die Sonne ging hinter den Blue Mountains unter, aber sie ging doch dort niemals auf!
Mit letzter Kraft wankte Abby aus dem Schatten der Bäume, fuhr sich über die schmerzenden Augen und sagte sich, dass sie unter Halluzinationen leiden musste. Die Sonne ging im Osten auf! Immer und ewiglich! Nichts konnte dieses Naturgesetz ändern!
Die Erkenntnis traf sie plötzlich und wie ein brutaler Schlag, der alle Hoffnungen zerstörte.
Die Sonne ging im Osten auf. Nichts hatte sich daran geändert. Aber das bedeutete, dass sie sich westlich der Blue Mountains befand, auf der anderen Seite! So unvorstellbar dies auch sein mochte und so sehr sie sich auch dagegen wehren wollte, es gab keine andere Erklärung. Sie war nicht mehr in New South Wales, sondern die Kolonie lag jenseits dieser doch unüberwindlich geltenden Bergkette.
Die Aborigines hatten sie verschleppt! Über die Berge, wo sie niemand suchen und niemand finden würde!
Mit einem gellenden Schrei, mit dem sie ihr grenzenloses Entsetzen und ihre Hoffnungslosigkeit in den neuen Tag hinausschrie, brach Abby zusammen.
Sie versank in eine Taubheit, die zwischen Besinnungslosigkeit und Schlaf lag.
»Was hast du dir bloß dabei gedacht?«
Eine Stimme, die ihr fremd und merkwürdig bekannt zugleich klang, holte Abby aus ihrem Dämmerzustand zurück in die Wirklichkeit. Sie hob den Kopf und blinzelte in das helle Sonnenlicht.
Über ihr ragten vier, fünf nackte Gestalten auf. Schwarze. Frauen. Mit verschlossenen Mienen blickten sie Abby an.
»Tu das bloß nicht noch einmal!«, sagte die Stimme, die Abby so seltsam bekannt vorkam, mit deutlichem Zorn.
Abby wandte den Kopf nach links - und sah in ein von Brandnarben gezeichnetes Gesicht.
Nangala!