Drittes Kapitel
Der Schaum flog den Pferden in dicken Flocken vom Maul, als die Chandler-Brüder den Hof erreichten. Die Flanken der Tiere waren schweißnass und zitterten vor Erschöpfung. Die Staubwolke, die sie im Galopp aufgewirbelt und wie eine Fahne hinter sich hergezogen hatten, holte sie nun ein und trieb quer über den freien Platz zwischen Farmhaus und Wirtschaftsgebäuden.
Der scharfe Ritt bei der brütenden Hitze war auch an Andrew nicht spurlos vorbeigegangen. Die Anstrengung war seinem Gesicht abzulesen. Er war müde und ihn schmerzten die Glieder. Doch im Gegensatz zu seinem völlig erledigten Bruder, der sich förmlich vom Pferd quälte, schwang Andrew sich noch mit einer energischen Bewegung aus dem Sattel.
»Halte die Pferde noch ein paar Minuten in Bewegung und reib sie dann so gut ab, als hinge dein Leben davon ab, Burlington!», rief er dem herbeieilenden Stallknecht zu. »Und sieh zu, dass sie sich nicht übersaufen.«
»Samantha und Artus sind bei mir schon in den besten Händen«, versicherte Travis Burlington und nahm in jede Hand ein Paar Zügel.
Andrew nickte ihm zu und sagte noch, bevor Burlington die Pferde wegführte: »Gib ihnen einen doppelte Ration Hafer, ja? Sie haben sie sich redlich verdient.«
Mit einem unterdrückten Stöhnen bog Melvin sein schmerzendes Kreuz durch. »Wir vielleicht nicht? Es muss ja nicht unbedingt Hafer sein. Ein guter Branntwein würde es auch tun«, sagte er.
Andrew wandte sich erst jetzt seinem Vater und Abby zu. Beide waren daran gewöhnt, dass auf einer Farm die Tiere immer zuerst kamen und eine Pflegeanweisung Vorrang vor einer Begrüßung hatte. Hätte sich Andrew anders verhalten, hätte er die stumme Missbilligung von Männern wie Burlington und den scharfen Tadel seines Vaters herausgefordert.
Abbys Blick ruhte mit einer Mischung aus Liebe, Freude und Sorge auf ihm. Manchmal erschien es ihr wie ein viel zu schöner Traum, dass sie auf Yulara dieses große Glück gefunden hatte und mit Andrew verheiratet war, der ihre Liebe mit derselben Kraft und Zärtlichkeit erwiderte. Sie fürchtete aufzuwachen und sich in der Gefängnishölle von Newgate oder im qualvoll engen Zwischendeck eines Sträflingstransporters wiederzufinden.
»Schön, dass ihr wieder zurück seid. Aber so, wie ihr die Pferde geschunden habt, lässt das nichts Gutes vermuten«, sagte Jonathan Chandler ahnungsvoll. »Man könnte meinen, die Rotröcke wären wieder auf dem Weg nach Yulara, um Melvin nun doch noch in Ketten zu legen.«
Andrew schüttelte den Kopf. »Viel schlimmer als das, Dad.«
Melvin stemmte die Fäuste in die Hüften. »Danke, Kleiner! Wie beruhigend zu wissen, dass du es für gar nicht so schlimm hältst, wenn man deinen eigenen Bruder in Ketten legt und einkerkert!», grollte er. »Da bin ich ja wirklich eine große Sorge los.«
»Melvin!« Andrews Stimme hatte einen gereizten Klang, als spräche er mit einem uneinsichtigen Kind, das den Ernst der Lage nicht begreift. »Ich habe nur gesagt, dass es Schlimmeres gibt als Rotröcke auf dem Weg nach Yulara! Denn es ist doch klar, dass wir ihnen keine Chance lassen, deiner habhaft zu werden.«
»Nun rück schon mit der Sprache heraus, was schlimmer ist als eine Abteilung Rotröcke auf dem Weg zu uns!», drängte Jonathan.
»Ein Buschfeuer, Dad.«
Die Augen des Farmers weiteten sich vor jähem Erschrecken und Abby sog unwillkürlich die Luft scharf ein. Australien war ein wildes, ungezähmtes Land und erinnerte die Kolonisten immer wieder mit verheerenden Naturkatastrophen daran, dass die Macht des Menschen Grenzen hatte und es nicht mit der Macht der Natur aufnehmen konnte, wenn diese sich gegen sie erhob. Schwere Überschwemmungen, die Ernten vernichteten und die Kolonie in Hungersnöte stürzten, waren eine der Geißeln, unter denen die Siedler zu leiden hatten. Da die Flüsse in der Regenzeit aber nicht urplötzlich um zwanzig, dreißig Fuß und mehr anstiegen, sondern innerhalb von Tagen, blieb doch meist noch Zeit, wenigstens die Herden auf höher liegendes Land zu treiben, anderes Hab und Gut zu retten und sich selbst in Sicherheit zu bringen.
Eine Überschwemmung war ein schrecklicher Feind, den man jedoch zumindest kommen sah. Ein Buschfeuer dagegen war wie ein heimtückischer Angriff aus dem Hinterhalt. Nach langer Trockenheit konnte sich der Busch an jeder beliebigen Stelle und zu jeder beliebigen Zeit selbst entzünden und sich innerhalb weniger Stunden in eine dahinrasende Feuerwalze verwandeln, die in einem Sturmwind unersättlicher Flammen über viele Meilen hinweg alles vernichtete, was sich ihr in den Weg stellte. Kein Wunder, dass die Siedler im Hinterland der Kolonie nichts mehr fürchteten als ein Buschfeuer. Und der allerschlimmste Alptraum war, nachts von einem solchen im Schlaf überrascht zu werden.
»Von wo ist das Feuer im Anzug?«, stieß Jonathan hervor. »Und welche Stärke hat es?«
Bevor Andrew antworten konnte, sagte Melvin verdrossen: »Es steht noch gar nicht fest, ob das mit dem Buschfeuer auch stimmt.«
»Meine Vermutung...«, setzte Andrew ärgerlich an.
»Ja, mein kleiner Bruder hat mich bloß aufgrund einer vagen Vermutung zu diesem Gewaltritt gedrängt«, fiel Melvin ihm ins Wort. »Inzwischen glaube ich, dass er die Pferde grundlos scheu gemacht hat - und mich dabei so mürbe wie ein rohes Stück Ochsenlende unter Rosannas hölzernem Fleischklopfer!«
»Ihr habt also noch kein Feuer gesehen!«, folgerte ihr Vater und seine Miene entspannte sich ein wenig. Doch er lebte lange genug am Hawkesbury und kannte seinen Sohn gut genug, um zu wissen, dass Andrew in solchen Dingen niemals zu Leichtfertigkeiten neigte. Ganz im Gegensatz zu Melvin, der schon in Devon mehr dem Stadtleben zugeneigt gewesen war und mit den Launen der Natur nicht auf bestem Fuße stand.
»Sicher ist es nur eine Vermutung«, räumte Andrew ein. »Aber mein Gefühl sagt mir, dass mein Verdacht noch heute Nacht Gewissheit wird.« Und er berichtete, was er beobachtet hatte.
Abby hörte aufmerksam zu und hätte gern Fragen gestellt, doch in dieser Situation gebot es der Respekt, dass sie das Wort zuerst ihrem Schwiegervater überließ.
Jonathan Chandler furchte die Stirn. »Du hast Recht, Andrew. Mir gefällt das auch nicht. Der Busch ist pulvertrocken und wir dürfen kein Risiko eingehen.«
»Wir haben doch die Feuerschneisen rund um Yulara angelegt«, warf Melvin ein, der einfach nicht wahrhaben wollte, dass ihnen eine Gefahr drohte. Er war müde, durstig und wollte sich auf der Veranda in einen der Schaukelstühle sinken lassen.
»Die aber an vielen Stellen schon wieder reichlich mit Gestrüpp zugewuchert sind«, machte sich Abby nun bemerkbar. »Wenn wirklich ein Buschfeuer im Anzug ist, kann es die Schneisen an diesen Stellen sehr wohl überwinden und auf unser Land überspringen.«
Andrew warf ihr einen dankbaren Blick für ihre Unterstützung zu und nickte. »Richtig. Wir haben bei all den anderen Arbeiten, die in den letzten Wochen zu erledigen waren, leider keine Zeit gehabt uns um die Feuerschneisen zu kümmern. Es hat ja auch niemand damit gerechnet, dass wir schon so früh solch eine Hitze bekommen würden.«
»Langes Reden bringt uns nicht weiter!«, erklärte Jonathan Chandler energisch. »Wir werden in den sauren Apfel beißen müssen und die entsprechenden Vorkehrungen treffen.«
Melvin hatte Mühe, ein gequältes Aufstöhnen zu unterdrücken.
»Am besten schicken wir jemanden auf den View Point Hill. Von dort ist das Feuer, wenn es denn kommt, zuerst zu entdecken«, schlug Andrew vor. »Alle anderen müssen hinaus zu den Feuerschneisen im Südwesten und den Brandgürtel freischlagen. Wir sollten dort für alle Fälle auch ausreichend Fässer mit Wasser bereitstellen und genügend alte Säcke deponieren. Ihr wisst ja, wie schnell bei starkem Funkenflug an unzähligen Stellen kleine Brände ausbrechen können, auch wenn das Buschfeuer an den Schneisen in sich zusammenfällt.«
»Ja, so werden wir es machen«, stimmte Jonathan Chandler ihm zu. »Wir werden dafür jedes Paar Hände benötigen. Melvin, du läufst zu den Hütten unserer Arbeiter hinüber und sagst ihnen, dass sie sich umgehend hier einzufinden haben. Andrew und Abby, ihr seht zu, dass die Zugochsen vor die beiden Fuhrwerke gespannt werden. Ich kümmere mich mit Fitzroy um die Gerätschaften, die wir da draußen brauchen.«
Abby und Andrew nickten. Eiligen Schrittes ging Jonathan zum neuen Wagenschuppen hinüber, wo Stuart Fitzroy schon auf ihn wartete. Er hatte sich so seine Gedanken gemacht, als er die Chandler-Brüder in scheinbar verantwortungslosem Galopp heranjagen gesehen hatte.
Melvin seufzte, und während er sich in Richtung der Lehmhütten entfernte, murmelte er vor sich hin: »Eine Nacht machetenschwingend im Busch, das hat mir zu meinem Glück gerade noch gefehlt!«
Abby glaubte endlich einen Moment mit Andrew allein sein zu können und ihm zu sagen, wie sehr sie sich freute, dass er wieder bei ihr war. Doch als sie ihre Hand auf seinen Arm legte und zum Sprechen ansetzte, erklang hinter ihnen die Bronzeglocke.
Clover, die zwölfjährige Küchenhilfe, schwang den Klöppel so nachdrücklich, wie die Köchin es ihr beigebracht hatte. Im selben Augenblick erschien auch Rosanna auf der überdachten Veranda des Farmhauses. Sie hatte Sarah an ihrer Seite, die ein sauberes, blauweiß gestreiftes Kleidchen trug und Andrew nun freudestrahlend entgegenlief.
»Du hast mir richtig gefehlt«, flüsterte Andrew leise.
»Du mir auch«, erwiderte Abby und drückte liebevoll seinen Arm.
Dann war Sarah auch schon bei ihnen und flog ihrem Bruder in die Arme. Andrew hob sie hoch, wirbelte sie einmal herum und setzte sie dann wieder ab.
Unwillkürlich dachte Abby daran, wie es wohl sein würde, wenn sie und Andrew Kinder hatten und es seine Tochter war, die ihn mit solch kindlicher Freude begrüßte, wenn er von einem langen Ausritt zurückkehrte. Bei diesem Gedanken durchströmte sie eine Welle von Zärtlichkeit und sie wünschte, Andrew hätte nicht solch beängstigende Nachrichten mitgebracht. Wie gern hätte sie Andrew diese Nacht ganz für sich gehabt, anstatt zu den Feuerschneisen aufzubrechen und sich dort abzuschuften. Aber ihre selbstsüchtigen Wünsche mussten natürlich hinter der Sicherheit der Farm zurücktreten.
»Wo bleiben Mister Chandler und Master Melvin?«, fragte Rosanna, Tadel in Stimme und Blick.
»Rosanna, du nimmst das Essen jetzt besser vom Feuer und sorgst für ein paar deftige Brote und vielleicht ein kaltes Stück Fleisch auf die Hand«, teilte Andrew ihr mit.
»Ich habe Hammelragout gemacht!«, verkündete Rosanna halb gekränkt und halb zurechtweisend. »Den ganzen Tag habe ich am Herd gestanden und da kann ich wohl erwarten, dass ...«
Andrew unterbrach sie. »Tut mir Leid, Rosanna, aber aus dem Festschmaus wird heute Abend leider nichts. Und wenn du die Brote fertig hast, hängst du deine gute Schürze besser an den Nagel und hältst dich bereit mit anzupacken.«
»Was hat das zu bedeuten, Master Andrew?«
»Wir müssen mit einem Buschfeuer rechnen«, sagte Abby.
Sarah riss die Augen auf und der Köchin fuhr sichtlich der Schreck in die Glieder. »Ein Buschfeuer?«, stieß sie entsetzt hervor. »Heilige Muttergottes! Warum erfahre ich erst jetzt davon?«
»Weil ich der Ansicht war, dass ich meinen Vater zuerst davon unterrichten sollte, bevor ich damit zu dir komme«, antwortete Andrew mit gutmütigem Spott. »Ich hoffe, du verzeihst mir noch einmal.«
Abby verkniff sich ein Lächeln.
Mit einer ärgerlichen Bewegung strich die stämmige Köchin ihre Schürze glatt. »Mein Hammelragout fällt einem Buschbrand zum Opfer! Sag ich es nicht immer wieder, dass es auf der Welt keine Gerechtigkeit mehr gibt?« Ihr Blick fiel auf Clover und ihr Groll fand ein wehrloses Opfer. »Was stehst du da herum und hältst Maulaffen feil? Ab in die Küche mit dir! Es wartet heute noch jede Menge Arbeit auf dich. Hast du nicht gehört, was Master Andrew gesagt hat? Aber dich werde ich schon noch auf Trab bringen, und wenn es das Letzte ist, was ich in diesem Leben noch zustande bringe!«
Innerhalb weniger Minuten erwachte Yulara, das nach einem langen Arbeitstag schon in die verdiente Trägheit des Abends gesunken war, zu hektischer Betriebsamkeit. Männer, Frauen und Kinder liefen im schwindenden Licht des Tages auf dem Hof zusammen. Pferde wurden gesattelt, Ochsen vor die Fuhrwerke gespannt, mehrere Dutzend Fässer aus Schuppen und Scheunen gerollt, alte Jutesäcke und Decken aufgestapelt sowie lange Buschmesser, Hacken und Schaufeln verteilt.
Jake Pembroke, der die scharfen Augen eines Adlers hatte, galoppierte mit Jonathan Chandlers Fernrohr in Richtung View Point Hill davon, um auf der Kuppe dieses höchsten Hügels im Umkreis von mehreren Meilen Posten zu beziehen. Wenig später brach Abby zusammen mit Andrew und neun weiteren Männern sowie drei Frauen per Pferd zu den Feuerschneisen auf, um schon mit der Arbeit zu beginnen. Die beiden Fuhrwerke, mit Wasserfässern, Decken und zusätzlichen Gerätschaften schwer beladen, folgten ihnen im Trott der Zugochsen. Die Wagen würden die ganze Nacht hindurch zwischen Fluss und Feuerschneisen hin und her pendeln. Denn der Brandgürtel sollte mit so viel Wasser wie eben möglich getränkt werden, bevor das Feuer ihn erreichte - wenn es denn überhaupt kam. Aber besser zehnmal verfrühter Alarm als einmal zu spät, beruhigte sich Andrew, als sie durch die Nacht ritten und ihm Zweifel kamen, ob er sich vielleicht nicht doch geirrt hatte.
Die Feuerschneise erstreckte sich, etwa anderthalb Meilen vom Hof entfernt, in einem weiten Halbbogen rund um das Kernstück von Yulara und lief an ihren beiden Enden am Ufer des Hawkesbury aus. Der Gürtel gerodeten Landes hatte eine Breite von mehr als hundert Yards.
Die Männer warfen sich bedeutungsvolle Blicke zu, als sie im Schein ihrer Fackeln sahen, wie sehr die Natur den erst im letzten Sommer kahl geflämmten Brandschutzgürtel wieder mit Gras und Gestrüpp zurückerobert hatte.
»Gott sei Dank, dass wir heute bloß den südwestlichen Abschnitt zu beackern haben«, sagte Vernon Spencer, der stiernackige Schmied, und griff zur Hacke.
»Als ob der nicht reichen würde, um uns diese Nacht den sowieso schon krummen Rücken zu brechen«, sagte Jeremy Porter, der noch zu der kleinen Gruppe zugewiesener Sträflinge gehörte.
»Seit wann hast du denn noch so etwas wie ein Rückgrat, Jerry«, spottete jemand und löste damit Gelächter aus, dem jedoch die heitere Note fehlte.
»An die Arbeit, Männer!», bereitete Andrew dem Gerede ein Ende, teilte die Männer und Frauen in Gruppen ein und schickte sie hinaus auf die Schneise.
In einer langen, weit auseinander gezogenen Linie rückten sie mit Macheten, Hacken und Schaufeln vor. Als die Wagen mit den restlichen Arbeitern und Kindern, die alt genug zum Helfen waren, eintrafen, half Abby beim Abladen der Wasserfässer. Eimer wurden verteilt und im Handumdrehen waren die Fässer dieser ersten Fuhre geleert.
»Ein Tropfen auf den heißen Stein«, sagte jemand bedrückt.
Rosanna übernahm eines der Fuhrwerke, während Melvin das kleine Kunstwerk gelang, sich auf den Kutschbock des anderen Wagens zu schwingen und so zu einer verhältnismäßig leichten Aufgabe zu kommen.
Niemand sagte etwas, nicht einmal sein Vater. Der ließ ihn kommentarlos davonfahren. Melvin genoss ein Sonderrecht, was jedoch nicht gleichbedeutend mit mehr Respekt war. Es machte ihn eher zu einem Außenseiter, zu einer Art Gast, den man ein wenig schonte, weil er nun mal nicht wirklich zu Yulara gehörte.
Die Arbeit war schwer, denn die Hitze hatte den Boden wie zu Stein gebacken, und das Gestrüpp setzte sich den Schlägen von Haumessern und Hacken mit zähem Widerstand zur Wehr. Die Temperaturen waren auch mit Einbruch der Dunkelheit nicht wesentlich gesunken, so dass sie alle rasch in Schweiß gebadet waren.
Die blakenden Pechfackeln, die im Abstand von rund zwanzig Schritten unruhige Lichtkreise auf den Boden warfen, bildeten eine lange Kette tanzenden Feuerscheins. Es war ein gespenstisches Bild.
Die Fuhrwerke kamen und gingen. Abby hielt sich tapfer und ignorierte die Schmerzen, die im Rücken begannen, ihre Arme befielen und schließlich auch ihre Beine erfassten, als Andrews Taschenuhr Mitternacht anzeigte. Sie wusste, dass es den anderen nicht besser erging.
Der einzige Trost war, dass Andrew an ihrer Seite auf die verfilzten Sträucher einhieb. So konnte sie sich ein wenig mit ihm unterhalten und ihre Gedanken von der stupiden Arbeit ablenken.
Andrew erzählte ihr von seinem Besuch auf Dunbar und für eine Weile hatten sie sogar ein wenig Spaß, als sie Mutmaßungen über April und Melvin anstellten.
»Wie geht es Heather?«, wollte Abby dann wissen.
»Nicht sehr gut. Sie ist sehr niedergeschlagen und war oft den Tränen nahe.«
Abby seufzte und riss ein Büschel Gras aus. »Die Arme. James hat ihr so viel bedeutet. Ich verstehe heute noch nicht, wie es zu diesem tragischen Unfall mit den Baumstämmen hatte kommen können.«
»Ein winziger Augenblick der Unachtsamkeit reicht eben schon«, sagte Andrew schwer atmend und hackte auf den Wurzelstock eines Dornenbusches ein.
»Ist Heathers Zeit nicht bald gekommen?«
»Ja, in etwa fünf Wochen, wenn ich mich recht entsinne.«
»Die Arme«, sagte Abby noch einmal und verspürte das Bedürfnis, Andrew zu umarmen und sich an ihn zu schmiegen.
Um kurz nach drei drang trommelnder Hufschlag aus der Nacht und kam schnell näher. Jeder wusste, was das zu bedeuten hatte. Die Stimmen verstummten, wie auch das Geräusch der Hacken, Schaufeln und Spaten erstarb.
Es war Jake Pembroke, den die Dunkelheit an der Feuerschneise ausspuckte. »Im Südwesten steht der Busch in Flammen!», schrie er schon von weitem. »Das Feuer zieht genau auf uns zu!«
Ein Aufstöhnen ging durch die lange Kette der Männer, Frauen und Kinder.
»Wie weit ist es noch entfernt?«, wollte Jonathan wissen. »Und wann wird es etwa hier sein?«
»Als ich es vom View Point Hill aus erkennen konnte, fraß es sich gerade über die Upper Nelson Plains«, berichtete Jake. »Ich schätze, es wird uns noch vor der Morgendämmerung erreichen.«
Jonathans Gesicht wurde hart. »Das gibt uns noch ein paar Stunden. Also, gehen wir wieder an die Arbeit! Jetzt gilt es!«
Zweieinhalb Stunden vor Anbruch des Tages begann der Himmel im Westen zu glühen, als hätte die Sonne sich entschieden, an diesem Tag einmal dort aufzugehen, wo sie auch untergegangen war. Wenig später stand ein Gutteil des westlichen Horizontes in Flammen.
Das Buschfeuer fraß sich auf einer Breite von fast zwei Meilen der Feuerschneise von Yulara entgegen. Die Stunden der Angst begannen.