Drittes Kapitel

Nangala und die sie begleitenden Frauen brachten Abby ins Lager zurück, ohne sich um ihre schwachen Proteste zu kümmern. Sie trugen sie auf einer primitiven Trage, dessen Kernstück aus einer großen Holzschale bestand. Sie war an zwei lange Äste gebunden, die am oberen Teil ein dichtes Flechtwerk aus einer Art Binsen aufwies und auf dem Abbys Kopf ruhte. Das Fell, das man ihr zusätzlich unter den Kopf geschoben hatte, stank entsetzlich.

»Warum tut ihr das?«, fragte Abby die junge Eingeborenenfrau Nangala, die neben ihr herging. »Warum habt ihr mich über die Berge verschleppt?«

»Wir haben dich nicht verschleppt«, antwortete Nangala mit ärgerlichem Tonfall. »Die Katajuri haben sich deiner angenommen, sonst wärst du gestorben!«

»Katajuri?«

»Eine mit uns Katajunga verwandte Sippe.«

»Du sprichst unsere Sprache und du sprichst sie gut!«

»Ja«, antwortete Nangala knapp.

»Warum hast du dann nicht mit mir gesprochen, als du bei uns auf der Farm warst?«

»Du fragst zu viel. Schweig jetzt!« Nangala wandte sich von ihr ab und übernahm die Spitze der kleinen Kolonne.

Die anderen Eingeborenenfrauen verstanden kein Wort von dem, was Abby zu ihnen sagte, und so gab sie es bald auf, mit ihnen reden und sie zu Antworten auf ihre drängenden Fragen bewegen zu wollen. Sie war entkräftet und verstört, und sie kam zu dem Schluss, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als sich in ihr Schicksal zu ergeben. Allein die Tatsache, dass Nangala, der sie auf Yulara das Leben gerettet hatte, zu dem Stamm gehörte, dämpfte ihre Angst.

Nach etwa drei Stunden erreichten sie das Lager, und dieser verhältnismäßig kurze Marsch führte Abby nachdrücklich vor Augen, wie gering die Strecke gewesen war, die sie auf ihrer nächtlichen Flucht hinter sich gebracht hatte.

Im Lager der Katajunga schenkte niemand Abbys Rückkehr besondere Aufmerksamkeit. Nicht einmal die Kinder liefen herbei. Es schien, als wäre die Gegenwart einer Weißen im Kreis dieser etwa dreißig Personen umfassenden Sippe nichts Außergewöhnliches und daher auch keiner besonderen Beachtung wert.

Dass man Abby dennoch eine besondere Stellung in ihrer Gesellschaft zumaß, erkannte sie daran, dass der Windschirm, in dessen Schutz die Frauen sie brachten, sich ein gutes Stück abseits von den anderen befand.

Abby war froh, als der Schatten des Unterstandes aus Gras und Zweigen auf sie fiel. Denn mittlerweile brannte die Sonne unbarmherzig vom Himmel.

Die Frauen entfernten sich wortlos, doch Nangala blieb bei ihr. Und noch bevor Abby eine Frage stellen konnte, sagte sie: »Gleich wird Coonoluk kommen und die Dämonen bekämpfen, die noch in deinem Körper hausen.«

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»Wer ist Coonoluk?«

»Er ist der wirrinun, der Medizinmann der Katajunga.«

»In mir hausen keine Dämonen, Nangala. Mich hat die Kugel eines Sträflings getroffen!«

»Dann haben die Dämonen sie gelenkt«, beharrte sie. »Jede Krankheit ist ein Zeichen, dass Dämonen am Werk sind. Dort kommt er. Du wirst still sein und seine Zeremonie nicht durch Fragen stören.«

Ein alter Mann mit starker Körperbemalung kam zu ihr, und Nangala zog sich respektvoll zurück. Der Medizinmann hockte sich nicht zu ihr, sondern beugte sich auf eine merkwürdige Art zu ihr hinunter, indem er bei steifen Knien in der Hüfte einknickte und dabei mit dem Oberkörper fast die Erde berührte. Er holte aus einem Fellbeutel zusammengebundene Gräser und Kräuter und eine Kette, die aus Tierknochen bestand. Damit rasselte er über ihrem Kopf, ließ sie über ihrem Körper pendeln und vollführte merkwürdige Gesten. Begleitet wurden diese Handlungen von Beschwörungsformeln, die in einem an- und abschwellenden Singsang über seine Lippen kamen.

Abby wagte nicht sich zu rühren. Und immer wieder hielt sie den Atem an und zwang sich, nicht wegzuzucken, wenn die Knochen über ihr Gesicht strichen und ihre Haut berührten. Endlich legte er Kette und Grasbündel in den Beutel zurück und öffnete den Verband, um einen Blick auf die Wunde zu werfen.

Abby verdrehte die Augen, um selbst einen Blick auf ihre Verletzung zu erhaschen. Sie sah aufgebrochenen Schorf und wundes Fleisch am Ansatz ihrer rechten Brust. Daraus folgerte sie, dass die Kugel, die sie ja von hinten getroffen hatte, ihren Körper durchschlagen hatte und vorn wieder herausgetreten war.

Auf einen Wink des Medizinmannes erschien Nangala wieder im Schatten des Wind- und Sonnenschirmes. Der Schamane redete mit ihr und holte aus dem Fellbeutel eine handgroße, runde Frucht, die wie eine Riesennuss aussah. Sie war innen ausgehöhlt und diente als Gefäß, das er nun Nangala reichte. Dann kehrte er zu den Männern seiner Sippe zurück.

Als Nangala sich zu ihr hockte, sah Abby, dass das Gefäß eine dickflüssige, grünschwarze Flüssigkeit enthielt. Sie hoffte, das nicht trinken zu müssen.

»Was ist das?«, wollte sie wissen.

»Ein Sud aus Heilkräutern. Halte still!«

Ein stechender, brennender Schmerz durchfuhr Abby, als Nangala den Sud auf ihre Wunde tröpfelte und mit einer Art Holzlöffel verstrich. Sie biss die Zähne zusammen, konnte jedoch nicht verhindern, dass ihr Tränen in die Augen traten.

»Ich weiß, es schmerzt, aber es geht bald vorbei«, versicherte Nangala mit nun etwas versöhnlicherem Tonfall, als sie sah, wie sich Abbys Körper unter dem brennenden Schmerz anspannte.

»Erzähl mir, warum die Katajuri mich nicht meinem Schicksal überlassen haben, bitte!«

»Sie haben dich unter einem heiligen Baum gefunden. Niemand, der nicht unter dem Schutz der Ahnen steht, hätte es gewagt, sich dort in den Schatten zu legen. Aber da du ein Weißgesicht bist, hätten sie sich dennoch nicht weiter um dich gekümmert, wenn du nicht mein Amulett mit der Haut der Goanna-Eidechse um den Hals getragen hättest«, sagte Nangala und berührte den kleinen Stein mit den Federn, den Abby noch immer um den Hals trug. »Da haben sie gewusst, dass du unter dem Schutz der Katajunga und des Goanna-Eidechsen-Traums stehst.«

»Eidechsentraum?« Abby sah sie verständnislos an, während der Schmerz langsam abebbte.

»Ja, der Eidechsen- und Fledermaustraum sind für uns Katajunga die wichtigsten Träume, die uns unsere Ahnen in der Traumzeit hinterlassen haben.«

Abby konnte mit diesen Träumen, von denen Nangala sprach, wenig anfangen. Zu einer anderen Zeit hätte sie nachgefragt, doch im Augenblick bewegten sie ganz andere Sorgen.

»Und diese mit euch verwandte Sippe hat mich über die Berge gebracht?«, fragte sie, und obwohl die Tatsachen für sich sprachen, vermochte sie noch immer nicht recht zu glauben, dass sie sich westlich der Blue Mountains befand.

Nangala nickte. »Sie kennen unsere Traumpfade und wussten, an welchen billabongs, welchen Wasserstellen wir unser Lager aufschlagen. Seit vier Tagen bist du bei uns.«

»Und wann haben mich die Katajuri gefunden?«

»Sechs Tage, bevor sich die Traumpfade der Katajuri mit denen der Katajunga gekreuzt haben.«

Abby erschrak. »Dann sind ja schon zehn Tage vergangen!«, stieß sie hervor. »Und ich habe an nichts eine Erinnerung!«

»Du warst sehr krank.«

»O Gott, Andrew wird vor Sorge um mich nicht mehr ein noch aus wissen. Bestimmt haben mein Mann und seine Familie schon nach mir gesucht. Und da sie mich nicht gefunden haben, werden sie mich für tot halten!«, stieß Abby entsetzt hervor.

»Du wirst leben«, sagte Nangala schlicht.

»Ihr müsst mich so schnell wie möglich wieder zurück über die Berge bringen!«, verlangte Abby.

»Ja, wenn die Zeit dafür gekommen ist.«

»Was willst du damit sagen?«

»Dass wir dich erst nach der corroborree bei Tiheri Maamu Kuran zurückbringen können.«

»Ich verstehe kein Wort«, sagte Abby verstört.

Nangala lächelte nachsichtig. »Eine corroborree ist eine Zeremonie, mit Tänzen und Darstellungen und Gesang«, erklärte sie. »Und Tiheri Maamu Kuran bedeutet in eurer Sprache so viel wie ›Ort, so heilig, dass man seinen Namen nicht einmal in den Mund nehmen darf‹. Und dort, an diesem Ort, feiern wir Katajunga das Frühjahrsvollmondfest, das Fledermaus- und Eidechsenfest. Es ist die wichtigste corroborree auf unseren Traumpfaden. Erst danach können wir dich zu deinem Volk der Weißgesichter zurückbringen.«

»Und wann wird das sein?«, fragte Abby beklommen.

»In ein, zwei Wochen, aber so genau weiß das nur der Rat der Stammesältesten.«

Bestürzt sah Abby sie an. »Ein, zwei Wochen? ... Ja, aber ... das ... das ist ganz unmöglich!«, stieß sie hervor. »Andrew wird sich zu Tode grämen! Ihr müsst mich eher zurückbringen!«.

Nangala schüttelte den Kopf. »Nein, das ist erst nach dem corroborree möglich.«

»Aber ihr habt mich verschleppt! Niemand hat mich gefragt, ob ich zu euch über die Berge wollte!«, sagte Abby zornig. »Es ist eure Pflicht, mich zu meinen Leuten zurückzubringen!«

Nangalas Gesicht nahm einen verschlossenen Ausdruck an. »Wäre es dir lieber, die Katajuri hätten dich unter dem Baum liegen und sterben lassen?«

»Nein«, antwortete Abby, »aber...«

»Dann finde dich auch damit ab, dass du erst nach dem corroborree den Rückweg antreten kannst!«, beschied Nangala sie, erhob sich und ließ sie allein.

Ohnmächtiger Zorn, in den sich auch ein wenig Angst mischte, tobte in Abby. Sie wusste in ihrem Innersten, dass es ungerecht war, Nangala und ihrer Sippe Vorwürfe zu machen, und dass sie vielmehr Grund hatte, ihnen dankbar zu sein. Doch sie war zu aufgewühlt und fühlte sich so einsam und hilflos, dass ihr die Tränen kamen. Andrew würde schon ihren Tod betrauern und diese Vorstellung war ihr unerträglich.

Aus der Krone einer jungen Akazie unweit ihres Windschirmes kam das laute Geschnatter eines Vogels. Es war ein Kokaburra, dessen Stimme eine erstaunliche Ähnlichkeit mit menschlichem Gelächter hatte. Aus diesem Grunde nannten die Kolonisten ihn auch Lachvogel.

Abby hatte das Gefühl, als gelte das Gelächter ihr. Dieser Kokaburra machte sich über ihre Verzweiflung lustig! Das hatte ihr zu allem Unglück noch gefehlt.

Sie beugte sich vor, sah zum Baum hoch und äffte den Vogel nach. »Was gibt es da zu lachen? Mach dich bloß nicht über mich lustig!«, rief sie ihm erbost zu.

Augenblicklich wurde es still im Lager. Frauen, Männer und Kinder erstarrten. Bestürzung, ja fast Angst trat auf ihre Gesichter. Dann setzten die Stimmen wieder ein, aber ihr Ton war gedämpft und sehr aufgeregt, und der Medizinmann wühlte hastig in seinem Beutel.

Abby bekam eine Gänsehaut. Sie wusste nicht, was sie getan hatte. Doch es war ganz offensichtlich, dass ihr Tun die gesamte Sippe in einen Zustand angsterfüllter Verstörung versetzt hatte.

Nangala kam angelaufen. »Tu das nie wieder!«, herrschte sie Abby an.

»Mein Gott, was habe ich denn getan?«

»Du hast den Kokaburra nachgemacht!«

»Ja, aber...«

Nangala fiel ihr mit düsterer Miene ins Wort. »Damit hast du meine Sippe in Angst und Schrecken versetzt, denn für sie hast du mit dem Nachahmen möglicherweise ein großes Unglück heraufbeschworen!«

Abby erhielt von ihr jedoch keine Erklärung, welcher Art das Unglück sein würde. Sie wusste auch nicht, was sie getan hatte, fühlte sich aber dennoch schuldbewusst.

Eine Lähmung schien die Eingeborenen erfasst zu haben, die Stunde um Stunde anhielt. Das Lachen im Lager war verstummt, und soweit Abby es beurteilen konnte, wurden nur noch die allernotwendigsten Handgriffe getan.

Nangala konnte sie auch nicht fragen, denn sie hielt sich fern von hier. Ein Aborigine-Mädchen, das so alt wie Sarah sein mochte, brachte ihr mehrmals am Tag Wasser und auf einem Stück Baumrinde einen merkwürdigen Brei. Abby wollte ihn erst nicht essen, doch sie hatte Hunger, und mit Erstaunen stellte sie fest, dass dieser Brei recht gut schmeckte.

Als die Dunkelheit einsetzte, begannen die Eingeborenen zu tanzen und zu singen. Dabei hatte der Medizinmann der Sippe ganz eindeutig die Leitung. Er war auch der Einzige, der sich zwischendurch keine Ruhepause gönnte - und diese kultischen Tänze und Gesänge dauerten die ganze Nacht hindurch an, bis zur Morgendämmerung.

Als der neue Tag anbrach und die Sonne hinter den Bergen am Himmel emporstieg, veränderten sich Tanz und Gesang. Eine fast ekstatische Freude befiel die Aborigines, und wenn Abby auch kein einziges Wort verstand, so entnahm sie doch den Gesten und den lachenden Gesichtern, dass der aufsteigende Sonnenball sie von ihrer Angst befreit hatte.

Kurz darauf erschien Nangala bei Abby und setzte sich mit einem schweren Seufzer der Erleichterung zu ihr.

»Es ist noch einmal gut gegangen. Ich hätte es mir denken können. Immerhin bist du ein Weißgesicht und kannst davon ja nichts wissen«, sagte sie zugänglich, als müsste sie sich dafür entschuldigen, dass sie sich so lange von ihr fern gehalten hatte.

»Ich weiß immer noch nicht, warum es ein großer Frevel ist, den Kokaburra nachzuahmen«, sagte Abby.

»Das hat mit einer Geschichte aus der Traumzeit zu tun.«

»Erzählst du sie mir, damit ich weiß, was ich falsch gemacht habe?« Abby sah sie bittend an.

Nangala nickte. »Damals, als die Welt noch ganz jung war, gab es noch keine Sonne, die jeden Tag aufging. Alle Tiere mussten deshalb im schwachen Mondlicht auf Nahrungssuche gehen. In dieser Zeit gerieten eines Tages die Emufrau und die Kranichfrau in einen erbitterten Streit. Sie saßen in ihren Nestern auf ihren Eiern, und eine jede behauptete, dass sie die schönsten Küken haben würde. Die Emufrau war sehr wortgewandt und darüber geriet die Kranichfrau noch mehr in Zorn. Sie flog zum Nest ihrer Rivalin hinüber, stahl eines ihrer Eier und schleuderte es in ihrer Wut gegen den Himmel. Das Ei flog und flog und flog, bis es an einem Stapel von Holzscheiten zerplatzte, die das Himmelsvolk gesammelt hatte. Dabei flammte das Eidotter auf und entfachte ein riesiges Feuer. Sein Licht ließ zum ersten Mal die Welt in ihrer Schönheit erstrahlen. Als das Himmelsvolk die Welt unter sich im Licht sah, beschloss es, dass die Bewohner auf der Erde nun zusätzlich zur Dunkelheit der Nacht auch noch das strahlende Licht des Tages haben sollten.«

»Sehr schön, aber was hast das mit dem Kokaburra zu tun?«, fragte Abby.

»Das kommt jetzt«, antwortete Nangala und fuhr dann fort: »Das Himmelsvolk sammelte deshalb Holz und entzündete es, sobald der Morgenstern erschien. Nur hatte dieser Plan einen Nachteil. Denn wenn Wolken am Himmel waren, konnte man den Stern nicht sehen, und dann zündete auch niemand das Himmelsfeuer an. Nach langer Beratung bat das Himmelsvolk den Vogel Kokaburra wegen seiner kräftigen Stimme, jeden Morgen zu rufen. Wenn das schallende Gelächter dieses Vogels zum ersten Mal am Morgen zu hören ist, gibt das Himmelsfeuer nur wenig Hitze und Licht ab. Doch wenn der riesige Stapel Holz gegen Mittag lichterloh brennt, ist die Hitze am stärksten. Danach beginnt das Feuer herunterzubrennen und bei Sonnenuntergang bleibt nur noch wenig Glut an der Feuerstelle des Himmels übrig, und die reicht gerade noch, um den westlichen Horizont zu färben.

Bei uns Schwarzen ist es streng verboten, den Ruf des Kokaburra nachzuahmen, denn es könnte den Vogel so beleidigen, dass er für immer schweigt. Und dann würden sich wieder ewige Dunkelheit und Nacht über die Erde und ihre Bewohner ausbreiten.«

Abby gefiel die bildreiche Fabel, und sie bedauerte jetzt, Nangalas Sippe unwissentlich in eine solche Angst versetzt zu haben.

Nangala konnte nun darüber lachen. »Wir haben alle fest darauf vertraut, dass der Kokaburra sich niemals von einem Weißgesicht beleidigt fühlen würde, der nichts von der Traumzeit und den Traumpfaden versteht und auch nicht weiß, dass wir uns mit den Tieren der Erde so verwandt fühlen wie ihr mit den Angehörigen eurer Familie.«

Ohne zu ahnen, dass Andrew wenige Tage später dieselbe Frage seinem eingeborenen Führer Baralong stellen würde, fragte Abby nun Nangala nach der Traumzeit und was es mit den Traumpfaden auf sich hätte. Sie erfuhr die Geschichte vom Sternenvolk, den halb menschlichen Ahnen aus der Schöpfungszeit, die während ihrer Wanderungen alles schufen, womit die Ureinwohner tagtäglich zu tun hatten. Nangala erzählte ihr auch, dass die Mythen dieser Traumzeit als absolute Wahrheit und Antwort auf alle Fragen des Lebens angesehen wurden.

»So wie es in der Traumzeit war, so muss es auch heute getan werden, und diesen Regeln der Traumpfade müssen alle gehorchen«, lautete Nangalas Zusammenfassung.

Abby unterhielt sich noch eine ganze Weile mit ihr über die ebenso verwirrende wie faszinierende Welt, die Nangala ihr da eröffnet hatte.

»Aber wie kommt es überhaupt, dass du so gut unsere Sprache sprichst?«, wollte sie dann wissen.

»Ich bin auf der Farm eines Weißgesichtes zur Welt gekommen und habe dort die ersten zwölf Jahre meines Lebens verbracht«, antwortete Nangala.

»Wie das?«

»Meine Mutter war einem alten Mann versprochen und sollte seine Frau werden«, berichtete Nangala. »Das ist bei uns so Sitte. Ein Mann nimmt, wenn er noch jung ist, oft eine ältere Frau zu seiner lubra. Später dann, wenn er die Mitte seines Lebens erreicht hat, wählt er sich eine Gleichaltrige aus. Im Alter dann wird ein ganz junges Mädchen seine letzte lubra, damit sie für ihn sorgt, wenn er nicht mehr auf die Jagd gehen kann. Oft führt das aber unter den jungen Männern zu bösem Blut. So war es auch bei meiner Mutter und meinem Vater. Meine Mutter wollte nicht die Frau dieses alten Mannes werden, obwohl sie ihm versprochen war. Sie wollte meinen Vater, der gerade die Riten und Mutproben bestanden hatte und im Kreis der jungen Jäger aufgenommen worden war. Deshalb ist sie mit ihm eines Nachts davongelaufen. Das war ein schwerer Verstoß gegen unsere Gesetze, und irgendwie sind sie zu dieser Farm gelangt und bei dem Weißgesicht geblieben. Sie sind zwar nie ganz glücklich gewesen, hatten jedoch Angst, zu ihrer Sippe zurückzukehren. Bis dann meine Mutter starb. Da hat mein Vater all seinen Mut zusammengenommen und ist mit mir zu unserem Volk zurückgekehrt. Nach langen Beratungen hat die Sippe ihn wieder aufgenommen, ihm als Strafe jedoch für drei Jahre ein Schweigegebot auferlegt.«

»Bist du denn froh, wieder bei deinem Volk zu sein?«, fragte Abby nach einer Weile nachdenklichen Schweigens.

Nangala nickte und sagte mit einem Lächeln: »Fische gehen an Land zugrunde und Adler können auf dem Meer nicht landen. Jede Pflanze und jeder Baum braucht seine ganz bestimmte Erde, um zu gedeihen. Meine Erde sind meine Sippe und die Traumpfade, die unsere Ahnen uns hinterlassen haben.«