Sechstes Kapitel

Es war später Vormittag. Unter freiem Himmel hatte die Sonne die Kraft eines Brennspiegels. In den Kerker des Eingeborenen Baralong fiel jedoch nicht ein einziger Sonnenstrahl. Der Wärter, der Andrew in die Zelle führte, hatte draußen im Gang eine rußende Pechfackel in eine der Eisenhalterungen an der Wand gesteckt. Zugluft ließ die Flamme unruhig hin und her tanzen.

»Er gehört ganz Ihnen, Mister«, sagte der Wärter mit unverhohlener Geringschätzung. »Sehen Sie zu, dass Sie ihn herauskriegen. Mache drei Kreuzzeichen, wenn dieser stinkende Bastard endlich weg ist. Sogar die Ratten meiden ihn!« Damit ging er.

Der Gestank in der fensterlosen Kerkerzelle war infernalisch. Kot, Urin, verschimmeltes Stroh und fauliges Wasser vermischten sich zu einem entsetzlichen Geruch. Andrew fürchtete, sich übergeben zu müssen, und rettete sich vor dem Gestank, indem er darauf achtete, nur noch durch den Mund zu atmen.

Der Kerker maß etwa vier Schritte im Quadrat. Es gab weder eine Pritsche noch einen Hocker. Baralong kauerte in einer Ecke, neben sich eine verbeulte Blechschüssel und einen ebenso verformten Blechbecher. Er trug einen uralten Seemannsrock, an dem alle Knöpfe fehlten und der zahlreiche Löcher aufwies. Zerrissen war auch die graue Hose aus Segeltuch, die ihm nur bis zu den Knien reichte und viel zu groß war. Ein schwarzer Dreispitz, dessen oberer Teil fehlte und dichtes krauses Haar von merkwürdiger, gelbbrauner Farbe zeigte, saß auf seinem Kopf. Ein dichter, verfilzter Bart, der schon fast völlig ergraut war, umwucherte sein von tiefen Furchen durchzogenes Gesicht. Über einer kurzen, breiten Nase lagen zwei erstaunlich klare Augen.

Und diese Augen waren das Einzige, was sich bewegte, als Andrew in den Kerker trat. Sie richteten sich auf ihn, ohne dass ihr Ausdruck irgendeine Gefühlsregung verriet, und blieben an ihm haften.

Ein eigenartiges Gefühl befiel Andrew. »Mein Name ist Andrew Chandler und du bist Baralong, nicht wahr?«

Der Schwarze sah ihn unverwandt an, zeigte jedoch nicht die geringste Reaktion.

Andrew trat näher auf ihn zu. »Ich bin hier, um dich aus diesem Kerker zu holen. Ich habe mit dem Major gesprochen. Deine Strafe wird dir erlassen, wenn du mir hilfst.«

Der Blick des Schwarzen blieb so starr wie sein Mund geschlossen. Er hätte ebenso gut aus Stein gehauen sein können. Nicht einmal seine Lider bewegten sich.

Andrew hockte sich ihm gegenüber in das verrottete Stroh. »Ich brauche dich als Fährtenleser. Meine Frau Abby ist im Busch verschollen. Bisher hat sie niemand finden können. Doch ich habe gehört, dass keiner so gut Spuren lesen kann wie du. Ich brauche deine Hilfe.«

Kein Blinzeln, keine Antwort.

»Verstehst du, was ich sage?«, fragte Andrew eindringlich, obwohl die Frage überflüssig war. Denn von Major Grimes wusste er ja, dass Baralong ihre Sprache sehr gut verstand.

»Ich hole dich aus diesem schändlichen Loch heraus. Du bist jetzt erst vier Wochen hier, doch deine Kerkerzeit beträgt zwei Jahre. Weißt du, was das heißt? Du wirst diese zwei Jahre nie und nimmer überleben.«

Noch immer keine Reaktion.

Andrew zwang sich zur Ruhe und begann nun, ihm ganz langsam zu erzählen, was seiner Frau und Greg Halston zugestoßen, wie erfolglos die Suche nach Abby bisher verlaufen und wie verzweifelt er war.

Fast eine geschlagene Stunde redete er auf den Schwarzen ein, doch dieser blieb reglos und stellte sich taub, was Andrew an den Rand seiner Selbstbeherrschung brachte. Er bekämpfte jedoch das Verlangen, ihn bei den Schultern zu packen, ihn zu rütteln und anzuschreien.

Schließlich wusste er sich keinen Rat mehr. Er erhob sich. »Warum willst du lieber hier sterben, als frei zu sein und mir zu helfen?«

Baralong starrte ihn stumm an.

»Du bist meine letzte Hoffnung gewesen«, sagte Andrew maßlos enttäuscht und wandte sich zum Gehen.

»Nebel und flüssigen Geist.«

Andrew fuhr unter der Stimme des Eingeborenen wie elektrisiert herum. »Was hast du gesagt?«, fragte er aufgeregt und konnte es kaum glauben, dass Baralong nun endlich sein Schweigen gebrochen hatte.

Der Eingeborene zog ein handlanges Stück Eisenrohr vom Umfang eines Gewehrlaufes aus der Jackentasche seines Seemannsrocks, setzte es kurz an den Mund und sog dadurch die Luft ein. »Blauen Nebel!«, sagte er mit kehliger Stimme.

Andrew begriff nun. »Du willst Tabak?«

»Und flüssigen Geist!«, verlangte der Eingeborene.

»Rum?«, vergewisserte sich Andrew.

Baralong nickte. »Blauen Nebel und flüssigen Geist!«, wiederholte er seine Forderung.

Andrew lachte erleichtert auf. »Tabak und Rum, einverstanden. Das sollst du bekommen, so viel du möchtest, wenn du mir nur hilfst, Abby zu finden.« Und aus Freude streckte er ihm die Hand hin.

Baralong sah einen Augenblick auf die Hand, als wüsste er nicht, was er damit anfangen sollte. Dann ergriff er sie mit seiner Rechten, während er mit seiner Linken Andrews Arm abtastete. Offenbar spürte er die Muskeln, die Andrew beim Händedruck anspannte, und so etwas wie ein anerkennendes Lächeln huschte über sein Gesicht.

Der Wärter begleitete sie mit angewiderter Miene vor das Tor. »Sehen Sie bloß zu, dass Sie dem Wilden ein Bad verpassen, sonst prügelt man Sie noch aus der Stadt. Er stinkt wie die Pestilenz!« Und zu Baralong gewandt sagte er abfällig: »Beim nächsten Mal werden sie dir ’n Strick um deinen dreckigen Hals legen!«

»Lassen Sie ihn in Ruhe!«, fuhr Andrew den Wärter wütend an.

»Sind wohl ’n verdammter Missionar und Schwarzenfreund, was?«, blaffte der Wärter zurück und knallte das Tor hinter ihm zu.

Einen Moment war Andrew unschlüssig, wie es nun weitergehen sollte. »Ich besorge Proviant, Tabak und Rum und ein Pferd für dich. Wir reiten heute noch los.«

»Ich brauche keinen Proviant und auch kein Pferd«, antwortete Baralong. »Ich gehe.«

»Das geht nicht«, wandte Andrew ein. »Zu Fuß kommen wir viel zu langsam voran.«

»Zu Fuß«, beharrte Baralong. »Spuren finden sich am Boden, nicht in der Luft.«

»Aber die Fährte beginnt doch viel weiter im Westen!«, versuchte Andrew ihn zur Einsicht zu bringen.

Vergeblich. Baralong weigerte sich standhaft ein Pferd zu besteigen. »Du kannst reiten, Gubba. Ich gehe.«

»Mein Name ist Andrew Chandler, Baralong.«

»Ich gehe, Gubba Andrew.«

Andrew warf ihm einen gereizten Blick zu. »Kannst du mir mal sagen, was das Gubba bedeuten soll?«

»Gubba ist der Geist der Toten.«

»Vor dir steht aber kein Toter, Baralong. Ich bin überaus lebendig und ich mag es nicht, wenn du mich Gubba nennst!«

Baralong zuckte gleichmäßig mit den Schultern. »Alles hat seinen Namen. Gubba ist unser Name für euch Weißgesichter - so wie wir uns auch nicht Eingeborene oder Aborigines nennen, sondern Yapa. Es gab einmal eine Zeit, da glaubten wir Yapa, ihr kommt aus dem Totenreich jenseits der See. Damals war der Stamm der Eora noch zahlreich«, sagte er mit einem reichen Wortschatz, der ein deutlicher Hinweis darauf war, wie viele Jahre er schon mit der Sprache der Kolonisten vertraut war.

Bevor Andrew noch etwas erwidern konnte, fuhr Baralong, das Thema abrupt wechselnd, fort: »Ich gehe zu meiner Hütte. Wenn die Sonne über dem Kirchturm steht, warte ich dort auf dem Hügel auf Gubba Andrew.« Er deutete auf die Hügelkette, die sich im Süden der Stadt mit ihren Windmühlen auf den Kuppen erhob und über die die Landstraße ins Landesinnere nach Parramatta führte. »Dann will ich meinen blauen Nebel und flüssigen Geist.«

Andrew schätzte, dass der Eingeborene mit dem Sonnenstand die Mittagsstunde meinte, wenn der Glutball seinen höchsten Punkt am Himmel erreicht hatte. Bei dem Gedanken, ihn jetzt quasi laufen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass er auch wirklich kommen würde, befiel ihn ein mulmiges Gefühl. Doch dann sagte er sich, dass Baralong, wenn er denn sein Wort brechen wollte, später im Busch tausend Gelegenheiten hatte, sich abzusetzen. Ihm blieb gar keine andere Wahl, als ihm zu vertrauen.

»Also gut«, sagte er deshalb.

Wortlos wandte sich Baralong um und entfernte sich barfüßig in Richtung Cockle Bay, die auf der anderen Seite des Forts lag.

Andrew sah Baralong nach, wie er in seiner zerrissenen Kleidung und mit dem oben offenen Dreispitz den staubigen Weg hochging - eine ebenso lächerliche wie traurige Gestalt. Ein Aborigine, ein Yapa, der seinen Stamm aufgegeben oder verloren hatte, vor vielen Jahren den trügerischen Verlockungen der Zivilisation erlegen war und trotz all seiner hilfreichen Dienste in der Welt der Weißgesichter nur Verachtung und Demütigung erfuhr.