Viertes Kapitel

Das Buschfeuer näherte sich Yulara nicht in geschlossener Formation wie eine Armee auf dem Schlachtfeld. Es schickte vielmehr mehrere Feuerzungen, die der breiten Phalanx der tosenden Feuerwand vorauseilten, als Vorhut voraus. Diese lodernden Speerspitzen schienen die Aufgabe zu haben, jeglichen Widerstand zu brechen und der Hauptstreitmacht den Vormarsch zu erleichtern.

Das Feuer erhellte die Nacht. Und plötzlich kam Wind auf. Es klang, als wäre ein Sturm im Anzug. Es war der Wind, den das Feuer selbst schuf, indem es die Luft erhitzte und einen mächtigen Sog bewirkte.

Es schien, als hätten geheime Späher des Feuers schon ausgekundschaftet, an welchen Stellen die Schneise noch genug Nahrung bot und deshalb am einfachsten zu überwinden war. An genau diesen Stellen griffen die Speerspitzen des Buschfeuers an. Der erste feurige Keil bohrte sich am südlichsten Punkt in den Brandgürtel.

Sofort strömten dort alle Männer und Frauen zusammen, um mit vereinten Kräften den Angriff mit nassen Decken und Säcken zurückzuschlagen.

Abby spürte die Hitze auf Gesicht und Armen, als sie mit Andrew und Jake auf einen Busch einschlug, der Feuer gefangen hatte. Rauch trieb über die Schneise und reizte Lungen und Augen. Das Prasseln des Feuers schien mit jedem Moment lauter zu werden.

»Verteilt euch! ... Nicht alle an einer Stelle!», schrie Andrew.

Die beiden Fuhrwerke rumpelten mit den restlichen Wasserfässern heran. Rasch wurde eine Kette gebildet und das Wasser schlug den gefräßigen Flammen eimerweise entgegen. Das Feuer schien sich zu winden und zischte unter den Wasserschlägen, die seine Kraft sichtlich erlahmen ließen. Es wollte ausweichen und rechts und links einen Bogen um die wassergetränkte, brandgezeichnete Erde schlagen. Doch jeder Versuch wurde vereitelt. Das Feuer fiel immer mehr zusammen.

»Beeilt euch bloß mit der nächsten Fuhre!«, schrie Jonathan der Köchin und Melvin zu. »Das hier ist nur ein erster Vorgeschmack. Bald schlägt das Feuer an einem halben Dutzend Stellen gleichzeitig zu.«

Abby eilte mit Travis Burlington und Jake Pembroke zu ihrem Abschnitt zurück, der weiter unterhalb in Richtung Fluss lag. Das Getöse des anstürmenden Feuers war erschreckend laut. Es klang wie der höhnische Schlachtruf eines siegessicheren Feindes, der erbarmungslose Vernichtung auf seine Fahnen geschrieben hatte.

Die gewaltige Feuerwand, die jetzt keine halbe Meile mehr entfernt war, versetzte auch die erfahrensten und abgebrühtesten Männer in Angst und Schrecken.

»Wenn das Feuer die Schneise überspringt, bleiben von Yulara nur noch ein verkohlter Trümmerhaufen und unzählige Kadaver übrig!«, stieß Travis entsetzt hervor und der Widerschein des Feuers tanzte über sein angespanntes Gesicht.

»Es wird die Schneise nicht überspringen!«, entgegnete Abby heftig. »Ich will so etwas nicht hören! Wir werden das Feuer aufhalten, hörst du? Wir haben gar keine andere Wahl!«

Jake nickte grimmig. »Denn wenn es den Brandgürtel überspringt und den Busch in unserem Rücken in Brand setzt, ist nicht nur Yulara verloren. Dann können wir alle unser letztes Gebet sprechen. Möchte dann den sehen, der es noch rechtzeitig bis zum Fluss hinunter schafft.«

Jonathan hatte die Geschwindigkeit der Feuerspitzen richtig eingeschätzt. Sie erreichten die Schneise an vier Stellen gleichzeitig. Und so sehr sich Männer, Frauen und Kinder in dieser Nacht auch angestrengt hatten, die hundertfünfzig Yards breite Schneise unüberwindlich zu machen, so bot der Boden doch immer noch genug trockenes Gras und Gestrüpp, um den Durchzug des Feuers zu ermöglichen.

»Passt auf den Funkenflug auf!« Diese Warnung ging wie die Parole im Schützengraben an vorderster Front von einem zum andern.

Das Feuer loderte so mächtig und hoch in den Himmel, dass der heiße Wind die Funken weit trug. Und immer wieder gelang es einem winzigen Stückchen Glut, pulvertrockenes Unterholz in Brand zu setzen. Wurden diese kleinen Feuer nicht augenblicklich ausgeschlagen, drohte eine Kettenreaktion, und dann war die Farm nicht mehr zu retten.

Abby tat es Jake und Travis gleich, die mit feuchten Jutesäcken wütend auf die Flammen einschlugen, die ihnen entgegenzüngelten. Der Kampf schien aussichtslos. Hatten sie hier ein aufloderndes Feuer erstickt, flammte ein paar Schritte weiter ein neues auf.

»Da kommt Rosanna mit Löschwasser!», rief Travis. »Das wurde aber auch Zeit.«

Abby wischte sich eine schweißnasse Strähne aus der Stirn. »Helft ihr abladen, ich halte hier indessen die Stellung!«

Travis und Jake rannten dem Fuhrwerk entgegen, um so rasch wie möglich einige der vollen Wasserfässer von der Ladefläche zu wuchten und die leeren Tonnen aufzuladen.

Das Feuer wütete weiter oberhalb heftiger als am unteren Teil des Bogens, wo Abby mit Travis und Jake Posten bezogen hatte. Dort, im Abschnitt zwischen Andrew und seinem Vater, wurde die Hauptschlacht gegen das Buschfeuer geschlagen.

Abby überlegte, ob sie nicht die Gruppe um Andrew verstärken sollte. Travis und Jake waren bestimmt in der Lage, diesen Abschnitt allein unter Kontrolle zu halten.

Plötzlich sah sie eine Bewegung.

Abby stutzte und glaubte im ersten Moment auf der anderen Seite der Feuerschneise ein Tier entdeckt zu haben, das dem Feuer zu entfliehen versuchte. Es musste verletzt sein, denn es schleppte sich mühsam voran.

Zuerst konnte sie keine genauen Umrisse erkennen, denn das Feuer sorgte für ein verwirrendes Spiel aus tiefen Schatten und grellem Flammenschein. Zudem trieben Rauchwolken durch den Busch.

Abby kniff die Augen zusammen und starrte zu den Büschen hinüber, über die der Rauch wie Nebel hinwegzog. Hatte sie wirklich nur ein Tier gesehen, oder konnte es sein, dass...

Noch bevor sie den Gedanken beenden konnte, taumelte eine Gestalt aus den Rauchwolken hervor.

Abby stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Es war kein Tier, das dort drüben zwischen den Sträuchern vorwärts taumelte und immer wieder zu Boden stürzte, sondern ein Mensch!

»Travis! ... Jake!«, schrie sie.

Die beiden Männer hatten sich breite Ledergurte über die Schultern gelegt und schleppten eine Tonne Wasser heran.

»Was ist, Abby?«, keuchte Jake.

»Da drüben ist jemand!«, schrie Abby aufgeregt. »Ein Mann oder eine Frau. So genau habe ich die Gestalt nicht gesehen. Ich glaube, sie ist verletzt. Auf jeden Fall ist da jemand, dem wir schnellstens helfen müssen!«

»Wo?«

»Da drüben zwischen den Büschen, links von der Akazie!«

Travis starrte in die Richtung, in die Abby deutete, und schüttelte den Kopf. »Da ist nichts, Abby.«

»Deine gereizten Augen haben dir einen Streich gespielt«, sagte Jake, der ebenfalls keine menschliche Gestalt erblicken konnte. »Wer soll auch da draußen sein?«

»Aber ich habe sie ganz deutlich gesehen!«, stieß Abby hervor. »Sie ist zwischen den Sträuchern zu Boden gestürzt.«

»Das hast du dir bloß eingebildet«, versicherte Travis.

Abby vergeudete keine weitere Zeit damit, Travis und Jake von dem überzeugen zu wollen, was sie gesehen hatte. Jede Sekunde war jetzt kostbar und konnte über Leben und Tod entscheiden. Sie bückte sich nach zwei Decken und tauchte sie in das Wasser.

»Was hast du vor?«, fragte Travis erschrocken.

»Was wohl?«, antwortete Abby aufgebracht, warf sich eine der triefenden Decken über den Kopf, presste die andere vor die Brust und rannte los.

»Abby! Bist du verrückt geworden? Bleib hier!«, schrie Jake hinter ihr her.

Abby hörte nicht auf ihn, sondern rannte auf die Stelle zu, wo sie die Gestalt zu Boden stürzen gesehen hatte.

Travis stieß einen Fluch aus. »Los, ihr nach! Wenn ihr was zustößt, werden wir das auszubaden haben!«

Hastig hüllten nun auch sie sich in wassergetränkte Decken und liefen ihr nach.

Abby rannte im Zickzack über die Schneise. Sie wusste, dass ihr nicht viel Zeit blieb, die Gestalt zu finden. Rauch trieb ihr entgegen. Ihre Augen tränten und sie zog einen Zipfel der Decke vor Mund und Nase, um einigermaßen atmen zu können. Hinter sich hörte sie die Schreie von Jake und Travis, die sie zur Umkehr beschworen.

Ihr Herz schlug wie wild und die Flammen eines brennenden Dickichts leckten nach ihren Beinen. Ihr war, als hätte eine Peitsche ihre nackte Haut getroffen. Sie sprang zur Seite, stolperte, ging zu Boden, rappelte sich jedoch sofort wieder auf und schaute sich in dem Inferno aus Rauch und Feuer, das sie zu umschließen drohte, gehetzt um. Für einen Augenblick hatte sie die Orientierung verloren und wusste nicht, wohin sie sich wenden musste, um zu der Gestalt zu kommen, die sie gesehen hatte. Dann bemerkte sie die Akazie und sie hetzte weiter.

Travis und Jake waren nun dicht hinter ihr.

»Zurück!«, schrie Travis und bekam ihren Arm zu fassen. »Das ist glatter Selbstmord! Das Feuer wird uns den Weg abschneiden! Wer immer hier sein soll, ihm ist jetzt sowieso nicht mehr zu helfen!«

In dem Moment sah Abby die Gestalt, die gekrümmt am Boden lag. Es handelte sich um ein Mädchen oder eine Frau, denn sie trug ein zerfetztes Kleid, nach dem nun die Flammen griffen. Ihr war, als könnte sie ein Wimmern hören.

»Da!«, schrie sie, riss sich los und war mit drei Sätzen bei ihr. Sie schlug mit der Decke nach den Flammen, die schon auf den Saum des Kleides übergesprungen waren. Ringsum brannte das hohe Gras und der Funkenregen war wie ein Hagel winziger rot glühender Nadeln, die sich in die Haut brannten und Haare versengten.

Im nächsten Moment waren Jake und Travis bei ihr.

»Hol mich doch der Teufel!«, stieß Travis ungläubig hervor. »Es ist eine Wilde! Eine von diesen Aborigines!«

»Red nicht lange, sondern pack mit an!«, schrie Jake, am Rande der Panik, und krümmte sich unter einem heftigen Hustenanfall.

Sie wickelten das wimmernde Mädchen in die Decke, die Abby über ihren schmächtigen Körper geworfen hatte, und trugen es im Laufschritt aus der akuten Gefahrenzone. Die Akazie stand mittlerweile lichterloh in Flammen.

Auf der anderen Seite der Feuerschneise ließen sie das Aborigine-Mädchen ins Gras sinken. Jake schlug die Decke zurück und drehte das Mädchen auf den Rücken. Es hatte schwere Brandverletzungen und ihr linkes Bein war blutverschmiert. Über der Ferse klaffte eine tiefe, fingerlange Wunde.

»Ich glaube, sie ist tot!«, keuchte Travis. »Und dafür haben wir unser Leben riskiert, für ein Eingeborenenbalg!«

»Unsinn!«, rief Abby. »Du siehst doch, dass sie noch atmet! Sie ist nur bewusstlos. Wir müssen sie sofort zur Farm bringen und ihre Verletzungen behandeln. Rosanna versteht sich auf Brandverletzungen.«

»Wir können hier nicht weg!«, wandte Jake ein. »Das Feuer zu bekämpfen ist ja wohl zehnmal wichtiger als so eine Wilde!«

Abby funkelte ihn an. »Sie ist ein Mensch genau wie du und es ist unsere Christenpflicht, ihr zu helfen!«, fauchte sie ihn an.

»Tut mir Leid, Abby, aber Jake hat Recht. Zuerst kommt das Feuer«, stellte sich auch Travis gegen sie. »Dein Mann und dein Schwiegervater werden uns den Kopf abreißen, wenn wir wegen einer Eingeborenen unseren Posten aufgeben und Yulara aufs Spiel setzen. Wenn der Buschbrand übergreift, ist keinem geholfen. Dann sind wir alle geliefert!«

»Los, an die Arbeit!«, drängte Jake. »Wir haben schon genug Zeit vertrödelt.«

Abby sah ein, dass zumindest Travis und Jake diesen immer noch gefährdeten Abschnitt nicht einfach verlassen durften, wie dringend dieses Mädchen auch der Hilfe bedurfte. »Also gut, ihr bleibt hier, während ich das Mädchen zur Farm bringe.«

Die beiden Männer hielten sich nicht mit weiteren Diskussionen auf, sondern griffen zu Eimern, um Wasser aus der Tonne zu schöpfen und das Feuer zu bekämpfen, das noch immer den Brandgürtel zu überwinden versuchte.

Abby packte das bewusstlose Mädchen an den Armen, zog es hoch und legte es sich über den Rücken. Bis zu den Pferden, die in einem Eukalyptushain angebunden standen, waren es gerade mal zweihundert Schritte. Doch mit ihrer Last kam Abby die Entfernung wie zwei Meilen vor.

Die Pferde stampften den Boden nervös mit ihren Hufen und zerrten an den Leinen, mit denen sie an die Bäume gebunden waren. Die flammenhelle Nacht und das laute Prasseln des Feuers versetzten die Tiere in panische Angst und sie hätten sich vielleicht losgerissen und wären längst davongestürmt, wenn man ihnen nicht die Hinterfüße zusammengebunden hätte. Abby hatte Mühe, ihr Pferd Whisper, das sonst so sanftmütig war wie kein anderes Pferd auf Yulara, zu beruhigen und ihm das Mädchen über den Rükken zu legen. Als das endlich geschafft war, löste sie die Fußfesseln, schwang sich in den Sattel und durchtrennte mit dem Messer erst dann die Leine, mit der die Zügel an den Stamm gebunden waren. Augenblicklich warf sich Whisper herum und stürmte in Richtung Hof davon.

Als Abby vor dem Farmhaus eintraf, stand das Fuhrwerk, das Rosanna übernommen hatte, vor dem Brunnen. Sarah, Clover und die Köchin waren damit beschäftigt, die leeren Fässer in fieberhafter Eile zu füllen.

»Rosanna! ... Schnell!«, rief Abby.

Die Köchin sah die reglose Gestalt, die vor Abby quer über dem Rücken des Pferdes hing, ließ den Eimer fallen und kam zu ihr gelaufen.

»Um Himmels willen, was ist passiert?«

»Ein Aborigine-Mädchen! Wir haben sie gerade noch rechtzeitig vor dem Feuer retten können, aber sie hat schwere Verletzungen davongetragen!«, sprudelte Abby hervor. »Du musst ihr helfen.«

Ein gereizter Ausdruck zeigte sich auf dem übermüdeten Gesicht der Köchin. »Unmöglich! Gleich ist das letzte Fass voll und ich muss mit dem Fuhrwerk zur Feuerschneise! Das kann ich doch nicht wegen einer Wilden einfach stehen lassen. Sie wird warten müssen, bis jemand Zeit für sie hat.«

»Ich übernehm das Fuhrwerk und du kümmerst dich um das Mädchen!«, erwiderte Abby energisch. »Nachher kommt vielleicht jede Hilfe zu spät, Rosanna, und du allein weißt, was zu tun ist.«

Die Köchin zögerte kurz und schüttelte mit grimmiger Miene den Kopf. »Du machst wirklich zu viel Aufhebens um diese Wilde. Aber du gibst ja doch keine Ruhe, wie ich dich kenne!«

Abby nickte.

»Also gut, hilf mir nur sie ins Haus zu tragen.« Erneut schüttelte sie den Kopf. »Eine heidnische Wilde unter unserem christlichen Dach! Das hätte ich mir nie träumen lassen. Was einem das Leben doch alles zumutet...«

Wenig später sprang Abby auf den Kutschbock des Fuhrwerks um die Wasserfässer zur Feuerschneise zu bringen. Und während sie die Ochsen mit knallendem Peitschenschlag zur Eile antrieb, fragte sie sich, was das Eingeborenenmädchen bloß in diese Gegend verschlagen hatte. Wieso war es von dem Buschbrand überrascht worden und beinahe den Flammen zum Opfer gefallen? Hieß es denn nicht, dass diese merkwürdigen, dunkelhäutigen und fast nackt durch den Busch streifenden Eingeborenen mit der wilden Natur dieses Landes so vertraut waren, wie es keinem Weißen jemals gelingen konnte? Und würde es überhaupt überleben, um ihr diese Fragen zu beantworten?