[ENTZAUBERN . -. - --.. .- ..- -... . .-. -.] Es wussten viele, was möglich war. Die Ingenieure, die Programmierer, die Ärzte, die Biologen, die Physiker, die Designer, sie alle waren Propheten dessen, was kommen sollte. Sie haben sich fraglos der «Idee des Fortschritts» verschrieben – eine ausgezeichnete, romantische Idee, weil sie einfach zu verstehen ist. Eine gefährliche Idee.

Mir ging es irgendwann anders. Ich habe einmal an einen Fortschritt geglaubt, der immer alles zum Besseren wendet. Dann habe ich angefangen, mehr zu verstehen. Es war das Gespräch mit einem Physiker, das den Wendepunkt markiert hat. Wir haben über die «Große vereinheitlichte Theorie»133 gesprochen, die drei der vier physikalischen Grundkräfte, die starke und die schwache Wechselwirkung sowie die elektromagnetische Kraft vereinigt und wie als Wink einer göttlichen Interpretationshilfe mit «GUT» abgekürzt wird. Und wir haben auch darüber gesprochen, wie die Wissenschaft versucht, auch die vierte Kraft, die Gravitation, einzubeziehen, um die Weltformel zu finden, die «Theory of Everything». An diesem Wunsch nach der allumfassenden Erklärung der Welt ist zwar schon Johann Wilhelm Möbius in Dürrenmatts Theaterstück «Die Physiker» gescheitert,134 aber er hat die Menschen immer umgetrieben.

Heute wissen wir noch immer nicht, wie die Weltformel aussehen könnte. Aber die Welt, in der wir existieren, hat sich verändert und diese Frage nebensächlich werden lassen. Wie hatte mein Gegenüber damals gesagt? «Wir sind total überflüssig in dieser Welt, aber wir können trotzdem etwas machen.» Insofern ist es vielleicht nur konsequent, dass der Übergang in die Systemzeit uns von all dem Ballast befreit hat, den wir seit Jahrtausenden mit uns geschleppt hatten. Die Fragen nach dem Individuum, nach den Beziehungen zwischen Menschen, nach Freiheit und Begrenzung, nach Liebe und Hass, nach dem Anfang und dem Ende.

Es gibt einen Anfang und ein Ende. Unser Leben auf der Erde hat vor vier Milliarden Jahren begonnen und wird vielleicht in vier Milliarden Jahren enden. Dann wären wir heute genau in der Mitte. Vielleicht werden die Sonne und die Erde explodieren, und dann wird es nichts mehr geben. «Das Witzige ist, dass das Bakterium damals nicht wusste, wer wir sein würden, und wir heute nicht wissen, was in vier Milliarden Jahren sein wird. Vielleicht werden wir nur noch ein Duft sein, eine Farbe, eine mathematische Formel. Bis dahin arbeiten wir – um besser zu werden, um unsere Kinder zu schützen, um zu sein wie Gott oder besser als er.»135

Irgendwann zu Beginn des dritten Jahrtausends haben wir uns einen schönen Claim ausgedacht, der eine Ausgeburt unseres Selbstbetrugs war, aber uns das Leben erleichtert hat. «The new normal»136 wurde global als neues Paradigma ausgerufen. Entstanden aus einer der großen Krisen an den globalen Finanzmärkten haben wir einfach als gegeben angenommen, dass die nun anstehenden, reduzierten Lebensformen – Konjunktureinbrüche, Rückgänge im Bruttosozialprodukt, Einschränkungen im Lebensstandard – eben nicht nur eine überwindbare Delle im fortwährenden Aufwärtstrend der Welt-und Menschheitsentwicklung wären, sondern der neue Normalfall. Sozusagen die Neujustierung der Nulllinie. Und alles, was noch irgendwie darüber lag, war in Ordnung.

Und so haben wir uns darauf eingestellt. Dass nicht mehr so viel Geld zu verdienen war wie zuvor. Dass die Winter wärmer wurden. Dass kaum mehr Fische im Meer schwammen. Dass ein paar Inseln im Pazifik verschwunden waren. Dass die Energie knapper war. Dass einige Teile der Welt aufgrund von Nuklearunfällen nicht mehr bewohnbar oder zu bereisen waren. Das war der neue Normalzustand. Und hier kommt das Paradox. Wir hatten uns gerade in dem Moment an diese Entwicklungen gewöhnt, in dem die Welt komplett vermessbar und analysierbar wurde. Und so begannen wir, die Welt und uns selbst komplett zu vermessen und zu analysieren.

Das eröffnete uns den Zugang zu langfristigen Datenbeständen, an denen wir dann ablesen konnten, dass es «the new normal» eben nicht gab. Dass es sich vielmehr um ein heimtückisches Abgleiten der Normalität handelte. Dass die «Normalität» permanente Veränderung bedeutete. Wir konnten es anhand der Daten erkennen. Es gab keine Nulllinie mehr, sondern nur noch eine permanente Unter-oder Überschreitung dessen, was wir doch soeben noch als Normalfall betrachtet hatten.

Ich erinnere mich gut, wie Heerscharen von Wissenschaftlern, Analysten und Experten die Welt und sich selbst ausgewertet haben. Wir wussten alles. Wir wussten, dass es «the new normal» nicht gab. Dennoch haben wir das Paradigma beibehalten, auch als es um die Verschmelzung von Mensch und Technik, von Körper-und Systemzeit ging. Wir haben die Tatsache, dass die Algorithmen uns das Denken und Entscheiden in vielerlei Hinsicht abgenommen haben, eben als den neuen Normalzustand hingenommen. So wie es die Menschen in der Körperzeit immer gemacht haben. Sie haben die Bedrohung durch den Ausnahmezustand kurzerhand zur neuen Normalität erklärt und sind nach jeder Diskontinuität zur Kontinuität unter veränderten Voraussetzungen zurückgekehrt.

Wir haben keine Fragen gestellt. Nicht einmal die, die wir zu stellen gelernt hatten, als es um jene anderen neuen Normalfälle ging, die sich rückblickend längst als Anomalien enttarnt hatten. Wir hatten es längst mit einem «shifting baseline syndrome»137 zu tun, das uns fortwährend die Frage hätte aufdrängen müssen, ob das, was geschah, eigentlich noch normal sei, und ob wir im negativen Fall womöglich etwas unternehmen müssten, bevor es zu spät ist. So steht es in den Archiven. So können wir heute noch darauf zugreifen. Aus einem Zustand heraus, in dem sich die Dinge vielleicht weiter verschieben und verändern werden. Vielleicht aber auch nicht, weil wir nun an einem Punkt unserer Existenz angekommen sind, in dem alles ist und bleibt, wie es ist.

Eine solche Entwicklung war möglich. Das hätten wir schon zur Körperzeit aus unseren damals noch größtenteils analogen Archiven entnehmen können. In Goethes Ballade «Der Zauberlehrling»138 probiert der Lehrling in Abwesenheit seines Meisters einen von dessen Zaubersprüchen aus und verwandelt einen Besen in einen Knecht, der von nun an niedere Tätigkeiten verrichten muss. Und wie der neue Knecht so fleißig Wasser schleppt, ist der Lehrling vollkommen begeistert. Doch der verwandelte Besen schleppt immer mehr Wasser an, und bald droht das ganze Haus mit Werkstatt unter Wasser zu stehen. Leider hat der Lehrling das Zauberwort vergessen, mit dem er den Besen rückverwandeln könnte. Erst muss der Meister kommen, um dem Spuk ein Ende zu setzen.

Auch wir haben keine Zauberformel, die Mensch zu Mensch und Maschine zu Maschine zurückverwandeln könnte. Dafür gibt es keinen Algorithmus. Unser Meister wird nicht kommen. Wir warten vergeblich. Einfach weil es ihn nicht gibt. Weil wir ihn auch nie wollten, sondern uns unsere Vernunft und unsere Intelligenz zugutegehalten haben, um über uns selbst zu entscheiden. So ist es geschehen. Mehr noch: Wir vermuten, dass es so geschehen ist. Wir haben keine Beweise mehr und keine Unterscheidungsmöglichkeiten. «Heute wissen wir Zauberlehrlinge nicht nur nicht, daß wir die Entzauberungsformel nicht wissen, oder daß es keine gibt; sondern noch nicht einmal, daß wir Zauberlehrlinge sind.»139

Kann ich dennoch ein letztes Mal die Frage stellen, ob das alles normal ist? Ob wir alles als gegeben akzeptieren müssen? Ich kann sie stellen, diese Frage. Ich fürchte nur, ich werde keine Antwort darauf finden. Ich müsste fragen, ob der Maschinist, der all die Puppen dirigiert, selbst ein Tänzer ist und ob er wenigstens einen Begriff vom Schönen im Tanz haben muss. Ich müsste einfach annehmen, dass sich die Grazie wieder einfindet, wenn die Erkenntnis durch ein Unendliches gegangen ist und dort am reinsten aufscheint, wo entweder gar kein oder ein unendliches Bewusstsein herrscht.140 Ich müsste etwas erheben, etwas messen können, was einen Unterschied markiert zwischen mir und den anderen. Zwischen hier und dort. Zwischen damals, jetzt und zukünftig. Aber es gibt nichts mehr, was mir diese Unterschiede offenbaren könnte, wenn sie denn noch vorhanden wären. Ich weiß alles, was ist. Und ich weiß, es ist so, wie es ist, und nicht anders.

Früher gab es noch das Geheimnis als Lebensform. Das dauerhafte Momentum des Nicht-Wissens, der Vermutung und der fehlenden Aufklärung. Es hat uns immer wieder die Suche, die Neugier und die Fragen nach dem ‹Wie›, ‹Warum› und ‹Wozu› eröffnet. Ein Momentum des menschlichen Makels in unvollendetem Sein und unklarer Bestimmung. Und doch auch eines der Faszination, des Glücks, das Leben erst möglich gemacht hat. Heute gibt es nur noch ein Geheimnis: Was ist es, das von uns übrig blieb?