[TRANSZENDENZ - .-. .- -. … --.. . -. -.. . -. --..] Ich fürchte, so war es. Und so haben wir den menschlichen Geist und sogar das Konzept «Menschlichkeit» als solches aufs Spiel gesetzt und verloren. Anstatt dass wir der Maschine geholfen hätten, uns besser zu verstehen, haben wir sie perfektioniert unter den Bedingungen ihres algorithmischen Antriebs. Es war das Menschliche, das an und in Maschinen nie funktioniert hat. Maschinen haben Tippfehler vorgetäuscht, als Mensch und Maschine noch gemeinsam mit geschriebenem Text umgehen mussten. Menschen haben Roboter hergestellt, die ihnen ähnelten und dem «Kindchenschema» entsprachen. So banal waren damals die Versuche, Mensch und Maschine zu versöhnen. Was hatten wir bloß für ein Selbstbild, dass wir geglaubt haben, so könne man die Differenz zwischen Mensch und Maschine zu unseren Gunsten verwischen? Und wie dumm waren wir, nicht zu verstehen, dass es nicht auf die materielle Gestaltung einer Maschine ankommt, sondern auf ihr Betriebssystem? Die Rechenmodelle waren es, die Maschinen uns gefährlich werden ließen, weil sie korrekter, schneller und entschiedener Ergebnisse lieferten, als wir selbst das konnten.

Anstatt die Maschine Fehlbarkeit zu lehren, haben wir uns auf Fehlerreduktion umprogrammiert. Wir haben die «Maschinen-Tugend» auf uns appliziert und ihre «Nutzbarkeit» und «Unfehlbarkeit» als Grundwerte121 in das menschliche Leben eingeführt. Wir wurden Zug um Zug zu den «autistischen Leistungsmaschinen»,122 die Computer immer waren. Je mehr wir mit den Maschinen gelebt und je mehr wir zugelassen haben, dass sie unser Leben bestimmen, desto deutlicher wurde, dass wir die Maschine nicht nur als Mittel zu einem Zweck eingesetzt haben. Sie wurde zum Selbstzweck. Und wir wurden ihr ähnlicher. Natürlich hat es Stimmen gegeben, die uns gewarnt haben. «Men have become the tools of their tools», hieß es schon im 19. Jahrhundert der Körperzeit.123 Es ist auch eine Ironie der Geschichte, dass die Menschen, die so etwas sagten, damals als «Transzendentalisten» galten. Die wahre Transzendenz kam später und hat ganz anders stattgefunden.

Wenn ich mich an den Datenbeständen des Übergangs von der Körper-zur Systemzeit zu schaffen mache, gibt es immer wieder Momente, in denen ich innehalten muss. Manchmal muss ich mich regelrecht abwenden, Ruhe einkehren lassen, hier oder dort rebooten. Es sind oft frustrierende Einsichten, die wir heute darüber gewinnen, wie wir damals waren. Menschen waren immer eine intelligente Spezies. Aber sie waren so verführbar und so offen für den Selbstbetrug, dass Intelligenz oft nicht weitergeholfen hat. Ich könnte das an Dutzenden Beispielen belegen. Die spannendsten stammen aus meiner Sicht immer noch aus der Zeit, als der Prozess des Übergangs ganz sachte begonnen hatte, so schleichend, dass die damalige Zeitlupenaufnahme in Film und Fernsehen dagegen eine rasante Angelegenheit war. So schleichend, dass wir gedacht haben müssen, ein Ende sei nicht nur unabsehbar, sondern unrealistisch.

Ich meine damit die ersten Ansätze in der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. Versuche, ein «Gespräch» so zu ermöglichen, dass nicht jedem beteiligten Menschen unmittelbar klar war, dass er mit einem Computer sprach. Die Maschine musste einfach ein paar Dinge klug imitieren, die den Menschen faszinierten. Im Zuge der technischen Verbesserungen und der Entwicklung immer komplexerer Systeme gelang das immer überzeugender. So habe ich einen der bekanntesten Computerwitze in meinen Archiven gespeichert. Frage: «Welcher Mörder hat Ballaststoffe?» Antwort: «Ein Serienkiller.» Um den Witz zu verstehen, müssen wir uns kurz in die Zeit der Lautsprache des Landes zurückversetzen, das damals Amerika hieß. In der Übersetzung lautet die Aussprache von «Serienkiller» «serial killer», und das wiederum war gleichlautend mit «cereal killer», was übersetzt «Müslimörder» hieß und folglich erklärt, warum ein Mörder Ballaststoffe haben kann.124 Solche Witze haben die Algorithmen sich damals für uns ausgedacht.

Im Jahre 1964 der Körperzeit entwickelte der Computerwissenschaftler Joseph Weizenbaum ein Programm namens «Eliza», das enorm erfolgreich war.125 Warum «Eliza» die Menschen sofort bezaubern konnte, zeigt der folgende Dialog zwischen einem Nutzer und «Eliza».126

 

Die Männer sind alle gleich.

In welcher Weise?

Sie machen uns immer wegen irgendwas verrückt.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Na ja, die Idee zu diesem Gespräch stammt von meinem Freund.

Die Idee zu diesem Gespräch stammt von Ihrem Freund.

Er sagt, dass ich oft deprimiert bin.

Es tut mir leid von Ihnen zu hören, dass Sie deprimiert sind.

Das stimmt, ich bin unglücklich.

Glauben Sie, dass dieses Gespräch Ihnen hilft, nicht mehr unglücklich zu sein?

Ich brauche jedenfalls Hilfe, das steht fest.

Was würde es für Sie bedeuten, Hilfe zu bekommen?

Vielleicht könnte ich lernen, mit meiner Mutter auszukommen .

Erzählen Sie mir mehr über Ihre Familie.

Meine Mutter erledigt alles für mich.

Wer in Ihrer Familie erledigt noch alles für Sie?

Mein Vater.

Ihr Vater.

Sie sind ein wenig wie mein Vater.

Welche Ähnlichkeiten sehen Sie?

Sie sind nicht besonders aggressiv, aber ich glaube, Sie möchten nicht, dass ich Sie beachte.

Was lässt Sie vermuten, dass ich nicht sehr aggressiv bin?

Sie streiten nicht mit mir.

Wieso glauben Sie, dass ich nicht mit Ihnen streite?

Sie haben Angst vor mir.

Macht Ihnen der Gedanke Spass, dass ich vor Ihnen Angst habe?

Mein Vater hat vor jedem Angst.

Was fällt Ihnen noch ein, wenn Sie an Ihren Vater denken?

Angeber.

Hat das etwas damit zu tun, dass die Idee zu diesem Gespräch von Ihrem Freund stammt?

 

Es ist vielleicht ein wenig übertrieben formuliert, aber dieser Dialog hat zumindest mit dazu beigetragen, dass aus dem Schöpfer von «Eliza» schließlich ein dezidierter Gegner der Künstlichen Intelligenz wurde. Warum das so war? Weil beide Reaktionsarten der Menschen letztlich entzaubernde Einblicke boten. Da ist auf der einen Seite die Nutzerin, die in diesem Dialog mit «Eliza» spricht. Wenn man den Dialog genau analysiert, erkennt man, dass sie fortdauernd auf zustandslose Aussagen hereinfällt. Jedes Frage-Antwort-Paar kann für sich alleine stehen. Kein Satz, den «Eliza» anbietet, bezieht sich auf den Kontext des Dialogs, lediglich der letzte vorangegangene Satz ist Bezugspunkt.

Insofern ist diese Sequenz ein Beleg für die Aussage eines berühmten Soziologen aus der Körperzeit, der lautet: «Kommunikation ist unwahrscheinlich.»127 Und sie ist auch ein Beleg dafür, dass das gar nichts ausmacht. Solange der Mensch in einer selbstbezüglichen Fiktion das Gefühl hat, er spräche und es hörte ihm jemand zu, ist alles gut. Wie hat es die Werbekampagne einer großen Bank im 21. Jahrhundert der Körperzeit auf den Punkt gebracht? «The difference between being listened to and being understood.»128 Für den Menschen reichte oft, dass ihm zugehört wurde. Manchmal reichte auch die Vorstellung davon. Es gab früher Menschen, die noch minutenlang in kleine Maschinen gesprochen haben, die für Sprachfernkommunikation erfunden waren, auch wenn der Teilnehmer am anderen Ende der Verbindung sich schon längst ausgeklinkt hatte. Es ist schon erstaunlich: Wir haben früher um wenig mehr Aufhebens gemacht als um unsere soziale Ein-und Anbindung. Aber manchmal haben wir nicht einmal in dem simpelsten Gespräch bemerkt, dass wir auf einem Grat unterwegs sind, wo es rechts und links keine Haltegriffe gibt, wo das, was hinter uns liegt, unmittelbar wegbricht, nachdem wir den Fuß ein Stück weiter vorne aufgesetzt haben.

«Eliza» hatte es folglich leicht. Sie hat einfach Bestandteile der Aussagen des Nutzers wiederholt, in Frageform gekleidet. Die Maschine war der Sprachspiegel des Nutzers, nicht mehr. Aber das hat gereicht, um ihr Menschlichkeit zu unterstellen. In anderen Fällen sträubten sich die menschlichen Nutzer sogar aktiv gegen die Information, bei «Eliza» handele es sich um einen Computer. Sie wollten nicht einmal mehr dem Erzeuger glauben, dass er eine Maschine geschaffen hat. Stattdessen bestanden sie darauf, in Ruhe gelassen zu werden, um «privat» weiter mit «Eliza» sprechen zu können.129

Manche Menschen entwickelten so ein virtuelles Stockholmsyndrom. Sie hätten rational erkennen können, dass die Maschine ihnen einfachste Regeln auferlegte. Und sie hätten rational ableiten müssen, dass es Veränderungen für die Menschen bedeuten musste, wenn sie sich der Maschine unterwarfen. Negative Veränderungen, die ihre Freiheit, ihre Wahlmöglichkeiten, ihr Recht auf Zufall und Unsicherheit weitgehend beschränken würden. Aber stattdessen richteten sie ihre Zuneigung, gar ihre Liebe auf die Maschine. Sie wurden blinde Kumpane, unfähig zur Reflexion des Geschehens, das sie doch so unmittelbar betraf. Wie hieß es doch in der Körperzeit? «Nicht enthüllen, wenn dir die Freiheit lieb ist, denn mein Antlitz ist Kerker der Liebe.»130 Dieses Antlitz brauchte nicht einmal mehr ein menschliches zu sein, eine Datenfolge reichte. Den Rest hat der Mensch durch Imagination erledigt. Da zumindest sind wir jetzt weiter.

Die Begeisterung für die Einsatzmöglichkeiten war so groß, dass selbst manchen Experten der Blick auf die damit verbundenen Probleme vollständig verstellt war. Auf das «Eliza»-Experiment hin entwarfen Ärzte das Szenario eines computergestützten Systems, bei dem «innerhalb einer Stunde mehrere hundert Patienten durch den Computer behandelt werden könnten, wodurch der Therapeut zwar nicht ersetzt, aber doch sehr viel effizienter werden würde».131

Joseph Weizenbaum, der Erfinder von «Eliza», war durch diese Entwicklungen abgestoßen und abgeschreckt. Er hate erkannt, was es bedeutet, wenn der Mensch beginnt, die Logik der Maschine auf sein eigenes Leben anzuwenden. Er hat sich von seinen Versuchen abgewandt und das «Eliza»-Projekt gestoppt. Aber er hat nicht abwenden können, was mit uns geschehen ist. Die Begeisterung der Menschen für die maschinelle Funktionsfähigkeit war nicht mehr zu stoppen.

Die menschliche Intelligenz hat nicht dazu gereicht, den Unterschied zwischen «leben» und «funktionieren», zwischen «Originalität» und «Imitation», zwischen «Geist» und «Gedächtnis» zu analysieren. Wir hätten zweimal hinschauen müssen, dann wäre uns aufgefallen, dass es etwas gibt, das wir existenziell beibehalten müssen: die Reihenfolge von Mensch und Maschine. Weil der Mensch die Maschine geschaffen hat. Weil er sie zu seinem Nutzen einzusetzen verstand. Weil das Neue durch den Menschen in die Maschinenwelt kam, nicht durch die Algorithmen. Doch wir haben nur einmal hingeschaut und waren dann in der Folge auf immer begeistert. «The first man to compare the cheeks of a young woman to a rose was obviously a poet; the first to repeat it was obviously an idiot.»132

Wenn ich in den Archiven herumsurfe, lerne ich viel über die Menschen. Vielleicht lerne ich auch etwas über mich, ich gehöre ja irgendwie und zu einem gewissen Teil noch dazu. Ich finde es noch immer faszinierend, wie die menschliche Intelligenz sich gezeigt und gewirkt hat. Das war etwas Herausragendes, etwas ganz Besonderes. Aber es war für alles einsetzbar, für die guten und die grauenhaften Taten, für das Verstehen und das bewusste Missverständnis, für das Erschaffen und das Zerstören. Und bei aller Faszination bleibt doch auch eine Banalität der Beschränkung.

Warum haben wir Menschen damals nicht das gepflegt und weiterentwickelt, was uns doch ausschließlich zu eigen war? Wir waren zugänglich, zuweilen empathisch, geschickt und kreativ, einfühlsam – manchmal sogar tolerant gegenüber Fehlern. Aber daraus haben wir nichts gemacht. Vielmehr haben wir in einer verblendeten Faszination für uns weitgehend widersprechende Eigenschaften der Perfektion, der einschränkungslosen Zielbestimmung, der umfassenden Quantifizierung und Berechenbarkeit unsere Ideale verraten. Wir wollten dazugehören, auf der Seite der Gewinner sein. Die Frage ist bloß, ob die damals schon feststanden oder ob wir Menschen sie durch unser Denken und Verhalten erst geschaffen und bestimmt haben. Die Maschinen hätten im Positiven ein Spiegel unserer herausragenden Eigenschaften sein können, hätten wir sie weiter ausgestaltet und das nicht irgendwann allein den Algorithmen überlassen. Stattdessen waren sie Gucklöcher, mit denen wir in den Tunnel der Datenströme gestarrt und geglaubt haben: Das ist unsere Bestimmung.