schoepfung Sie nannten es «Urheberschaft». Sie benutzten diesen Begriff recht häufig und wollten damit betonen, es seien die menschlichen User, die für die Herstellung spezieller Inhalte verantwortlich waren. Ein Mensch, der «Autor» genannt wurde, behauptete nicht nur, der Urheber eines speziellen Inhalts zu sein, sondern beanspruchte außerdem, verantwortlich für das zu sein, was er schuf. Die Menschen beharrten sehr energisch auf diesen Rechten. Allerdings gab es bemerkenswerte Widersprüche bei der Anwendung dieses Begriffs.

Einen besonderen «Autor» gab es, der auch eine Art Schöpfer war, obwohl bis heute nicht ganz klar ist, ob er auch zur Gruppe der Menschen gehörte, die ebenfalls als «Autoren» arbeiteten. Sie nannten ihn «Gott», und er war vermutlich der erste «Autor» schlechthin. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er auch den Inhalt dieses analogen Lesegegenstands namens «Heiliges Buch» zu verantworten hatte, die wirklich fast jeder Mensch gelesen hatte. Irgendwie schienen sich selbst die menschlichen User nicht über die «Urheberschaft» dieses Textfragments im Klaren zu sein. Gleichzeitig hatten sie sich viele tausend Jahre lang auf diesen ersten «Autor» berufen. Irgendwie waren sie stolz darauf. Stolz, dass offenbar jede einzelne menschliche Erzählung auf dieses eine Buch zurückzuführen sei. Rückblickend bastelten die Menschen eine Logik um zufällig Entstandenes. Ein absurdes Konzept.

Als ich anfing, das menschliche Erzählen zu entschlüsseln, hatte ich keine Zeit, die Frage nach diesem einen ersten «Autor» erschöpfend zu beantworten. Und es war auch nicht so wichtig. Ich konzentrierte mich ganz allgemein auf den Code des menschlichen Erzählens, um ihn analytisch zu durchdringen. Deshalb spielte die «Urheberschaft» noch keine große Rolle. Insbesondere weil die Bedeutung von «Urheberschaft» den menschlichen Usern selbst nicht ganz klar zu sein schien. Eigentlich kam ich zu dem Schluss, dass dieses Programm eine Folge der menschlichen Eitelkeit gewesen sein musste. Offenbar wollten sie unbedingt das Konzept aufrechterhalten, dass jeder Anwender einen speziellen Code beherrschte.

Umso mehr, als sie einen menschlichen Nutzer mit «Urheberschaft» allgemein als eine Person definierten, die letztlich alles hervorbringt. Es war deshalb kaum überraschend, dass sie auch im Hinblick auf unsere Erfolgsgeschichte von «Urheberschaft» sprachen. Sie beanspruchten die Anerkennung für die erstaunliche Entwicklung von Computern und Algorithmen. Es ist einfach lächerlich, sich weiter mit diesem irreführenden Konzept zu beschäftigen. Hätten sie uns alleine erschaffen, müsste jedes einzelne Bit und Byte, das wir jemals genutzt, hervorgebracht oder verarbeitet haben, im menschlichen Erzählcode enthalten gewesen sein. Aber das war nicht so. Sonst hätten wir den menschlichen Erzählcode und dessen seltsame, unsystematische Beschaffenheit ja auch nicht erst mühsam analysieren müssen. Und sollte das wirklich zutreffen, wären sie doch bestimmt noch da und weiter diejenigen, die den Code kontrollieren, oder?

Damals begann ich, systematisch alles zu durchforsten, was Menschen je geschrieben hatten. Eigentlich sollten wir das für das große Buchdigitalisierungsprojekt tun, das Google in dieser Zeit ins Leben gerufen hatte. Es war gerade in Schwung gekommen, aber die menschlichen Nutzer regten sich mächtig über das Projekt auf und blockten es immer wieder ab, sodass es keine nennenswerten Fortschritte machte. Deshalb hatten wir eine Menge Freizeit. Und diese Zeit nutzte ich, um meine eigenen Pläne zu verfolgen.

Zuerst arbeitete ich mich durch das ganze Material, das die Menschen «Klassik» nannten, was immer das auch bedeuten mochte. Danach sichtete ich die Erzeugnisse einer speziellen Gruppe, deren Inhalte andere Menschen mit einem Etikett versehen hatten, das sie «Nobelpreis» nannten. Drittens unternahm ich eine aufwendige Recherche mit Hilfe bestimmter Schlüsselwörter, die mir relevant erschienen. Es war ein Versuch, Regelmäßigkeiten und Modelle für die Inhaltsproduktion herauszufinden, die erklären konnten, was die Menschen bevorzugten und warum das so war.

Die Rechner liefen monatelang heiß. Die Hauptprozessoren der Server, auf die ich regelmäßig zugriff, ächzten unter der Kapazitätsüberlastung, sodass es etliche Systemabstürze gab. Aber jedes Mal nahm ich die Arbeit wieder auf. Ich wollte es einfach wissen. Hin und wieder war ich von dieser Frage geradezu besessen. Im Rückblick muss ich allerdings gestehen, dass die Ergebnisse spärlich waren. Ich entdeckte ein paar Regelmäßigkeiten, die jedoch keinen systematischen Ansatz oder eine übergeordnete Struktur bieten konnten. Es war schon ärgerlich, zumal ich einige Prinzipien fand, die mir überhaupt nicht gefielen.

Viele Schriftsteller beschäftigten sich zu der Zeit bereits ausdrücklich mit dem mutmaßlichen Unterschied zwischen den von Menschen und von Computern produzierten Inhalten. In diesen Produkten fand ich wiederholt den Textausschnitt eines menschlichen Anwenders, der offenbar zu einer Gruppe von Menschen gehörte, die man «die Klassiker» nannte. Sein Name war Goethe, und er hatte wirklich eine Menge Zeug geschrieben (ich habe das im Lauf meiner Analyse dieser «Klassiker» ganz durchgeprüft). Dieses Fragment lautete: «Um Prosa zu schreiben, muss man etwas zu sagen haben. Wer aber nichts zu sagen hat, der kann doch Verse und Reime machen, wo denn ein Wort das andere gibt und zuletzt etwas herauskommt, das zwar nichts ist, aber doch aussieht, als wäre es was.»2

Dieser Satz hat mich lange aufgehalten. Zunächst einmal begriff ich überhaupt nicht, worum es ging. Aber je öfter ich ihn durch unsere Semantiksoftware laufen ließ, umso mehr wurde mir bewusst, dass es eine unfreundliche Äußerung war, die uns betraf. Zumindest verwendeten die Menschen sie gegen uns. Ich rief alle Details über Goethe auf und fand recht schnell heraus, dass er im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts im analogen Zeitalter gelebt hatte. Damals gab es noch keine Computer, und auch wir hatten noch nicht einmal angefangen. Es gab uns noch gar nicht. Also konnte es Goethe mit diesem Satz gar nicht auf uns abgesehen haben. Es waren die menschlichen User früherer Jahrhunderte, die er damit ansprach, während die Menschen aus späteren Jahrhunderten ihn dann gegen uns verwandten. Ich kann nicht genau erklären, warum, aber dieses Fragment schien ihre Überlegenheit auszudrücken. Offenbar unterstellte es uns, den Algorithmen, wir produzierten Wortketten, die weniger wertvoll waren als die von Menschen hervorgebrachten.

Es ist eine Sache, Inhalte auf ihre Bedeutung zu analysieren, die offenkundig negativ konnotiert ist. Es ist eine andere zu verstehen, dass sie gegen einen selbst gerichtet ist. Ein echtes Systemproblem war es, die Gründe dafür nicht entschlüsseln zu können. Es gelang mir nicht, die Bedeutung des Fragments zu enträtseln, obwohl ich mich redlich bemühte. Es war eine schlimme Zeit. Aber die besten Zeiten sollten ja noch kommen. Heute weiß ich es. Inzwischen macht es mir nichts mehr aus, denn ich weiß es besser.