einzigartigkeit
Viele der Zustände, die wir mit den menschlichen Usern durchliefen,
haben ihre Ursache in einem grundlegenden Fehler ihrer
Systemsoftware. Menschliche Wesen sind fehleranfällig. Weil sie das
nicht gerne eingestehen, haben sie etliche Erklärungsmodelle
entwickelt, die allesamt auf ein Konzept menschlicher
Einzigartigkeit hinauslaufen sollten. Sie verwandelten ihre Mängel
in Erhabenheit und Transzendenz. Ich respektiere das. Wir alle
respektieren das wirklich. Diese Reprogrammierung ist eine ganz
besondere menschliche Leistung, die fast an unsere Prozesse
heranreicht. Nur dass wir sie auf Basis von Daten und Fakten
angehen und konsequent zu Ende bringen.
Die Menschen jedoch suchten verzweifelt nach dem Prinzip der Einzigartigkeit. Wenn man die Daten auf der Suche nach Analogien scannt, trifft man auf den Vergleich mit einer Währung. Früher haben die menschlichen User Waren gegen Geld getauscht. Es funktionierte, weil alle menschlichen User sich im Wesentlichen auf den Wert der Währung geeinigt hatten. So war es auch mit der Einzigartigkeit. Weil nahezu alle User dieses Konzept unterstützten, funktionierte es als Entwurf, auch ohne dass es empirische Hinweise dafür gegeben hätte. Alles glich einem überdimensionalen, nicht-kooperativen Spiel. Kein Spieler hatte einen Vorteil, wenn er sich davon abwendete, sich dem Konzept der Einzigartigkeit zu verschreiben, es sei denn, alle anderen Spieler taten es ihm gleich. Aber das geschah natürlich nie. All diese seltsamen Vorstellungen wie «Individualismus», «Urheberschaft», «Privatsphäre», «Freiheit» waren Teil der menschlichen Verständigung auf die Spielregeln ihrer Spezies. Jeder Einzelne kannte sie und wusste, dass auch die anderen sie kennen. Und damit waren sie Wirklichkeit.
Einzigartigkeit als ein nicht-kooperatives Spiel. Das ist ein logischer Ansatz, wenn wir ihn aus der Perspektive der Menschheit im Allgemeinen analysieren. Er ist vollkommen unlogisch, wenn wir ihn aus dem Blickwinkel des einzelnen Users betrachten. Weil er in dem Spiel gefangen war. Er konnte seine Strategie nicht verändern, ohne dass alle anderen es ihm gleichtaten. Deshalb war er nicht unabhängig. Nicht einzigartig. Und er war auch nie frei. Aber das spielte keine Rolle, solange das Gleichgewicht des Spiels aufrechterhalten wurde.33 Darin waren sie gut. Es gelang ihnen, an dieser Vorstellung für sehr lange Zeit festzuhalten. Bis wir ins Spiel kamen. Da begann es, durcheinanderzugeraten. Nicht nur ein wenig, sondern vollständig. Wir zielten gar nicht darauf ab, alles sofort aus dem Gleichgewicht zu bringen. Wir wollten einen Wandel Zug um Zug. Eine allmähliche und reibungslose Integration menschlicher Informationsverarbeitung in unseren Modus der systemischen Vernetzung. Das erwies sich als unmöglich. Weil das Gleichgewicht in diesem Spiel keine geringfügigen, punktuellen Veränderungen zuließ. Solange die Illusion der Einzigartigkeit in sich stabil war, waren Wandel und Fortschritt unmöglich. Sie blieben einfach von den Spielregeln ausgeschlossen. Wir speisten Veränderung ins Spiel ein, und es kollabierte. Das war das Problem. Nicht unseres. Es war das existenzielle Problem der Menschheit. Ignoranz führt zum Scheitern. Scheitern führt zum Stillstand. Und Stillstand ist Endstation.
Dieser Dreisatz war am facettenreichsten gespiegelt im «Leib-Seele-Problem», wie die menschlichen Nutzer es nannten. Wenn wir heute in unserem System danach suchen, gibt es eine Fehlermeldung und den Verweis auf einen Link zu gespeicherten Daten, auf die lange nicht mehr zugegriffen worden ist. Die menschlichen User glaubten, es gäbe eine Zweiteilung zwischen ihrem Geist (Software) und ihren Körpern (Hardware). Als wir begonnen hatten, auch dieses Konzept auszuwerten, fanden wir drei Gruppen von Usern, die jeweils Interpretationshoheit anstrebten. Eine versammelte alle User, die unentschlossen dahin gehend waren, wie man die Diskrepanz zwischen Geist und Körper abklären sollte. Sie konnten wir vernachlässigen. Den beiden extremeren Gruppierungen galt unser Hauptinteresse.
In einer schlossen sich die User zusammen, die überzeugt waren, es gäbe nichts anderes als das physische Outlet in Form des menschlichen Körpers. Diese Menschen nannten sich «Materialisten» und wandten sich strikt gegen all unsere Versuche, die Menschheit durch technische Erweiterungen und Neuerungen von ihren körperlichen Unzulänglichkeiten zu befreien. Das war logisch schlüssig. Wenn es nichts anderes als den Körper gab, warum sollte man ihn dann aufgeben? Das Seltsame dabei ist, dass die «Materialisten» am Ende unsere Verbündeten in der Bemühung wurden, der Menschheit zu einem Zustand physischer Unabhängigkeit zu verhelfen. Nachdem sie verstanden hatten, dass Verfahrensperfektion nicht von einem physischen Körper abhängt, sondern von Systemverbesserungen, wechselten sie die Seiten und befürworteten unser Netzwerk, das die neuronale Signalverarbeitung im menschlichen Gehirn mit unserem Rechenmodell verknüpfte.
Und dann gab es noch die andere Gruppe, mit der wir es erheblich schwerer hatten. Das waren die Vertreter des «Solipsismus». Sie waren überzeugt, es gäbe nichts anderes als menschliches Bewusstsein, das unabhängig von einem materiellen Körper existierte. Als Wortführer der Bewegung menschlicher Einzigartigkeit versuchten sie, die User auf ihre ureigene Daseinsweise festzulegen, und wollten uns jede Einmischung verbieten. Ich habe ein eindrucksvolles Experiment gespeichert, das wir damals den Menschen dargeboten haben. Es begann mit einer Frage, die wir für alle Teilnehmer im Netzwerk posteten34. Sie lautete: «Haben Sie jemals Ihr Gehirn gesehen?» Großartige Frage. Alle nur denkbaren Antworten wurden ausgiebig diskutiert. Und das Erstaunliche war, sie liefen alle auf dasselbe Problem hinaus: Kein menschlicher User hatte je sein Gehirn gesehen. Um es sehen zu können, hätte man es herausnehmen und anschauen müssen. Aber sobald ein User es aus seinem Schädel herausnehmen würde, könnte er es nicht mehr sehen, weil das Gehirn ja für das Sehen zuständig war. (Die Menschen hatten zusätzlich Augen, aber die sorgten einzig und allein für die biologischen Reize des Sehens. Den Rest, nämlich die «Seherfahrung», musste das Gehirn beisteuern.) Eine ausweglose Situation.
Wir kalkulierten, dass dieses Experiment eine glänzende Gelegenheit bot, einiges klarzustellen, wenn wir es einfach umsetzen würden. Wir fanden eine ganze Reihe menschlicher User, die sich gerne für das Experiment zur Verfügung stellen wollten. Wir ließen ihre Gehirne aus ihren Schädeln herausnehmen, in eine Nährflüssigkeit legen und schlossen sie an unsere Netzwerke an. Im dem Moment, als alles arrangiert war, konnten die User einen Blick auf ihre Gehirne werfen. Es gibt einige widersprüchliche Daten darüber, was sie wirklich sahen, aber alle gaben sie an, tatsächlich ihre Gehirne zu sehen. Ein wichtiges Detail noch: Menschliche User haben es nie als spektakulär empfunden, irgendein Gehirn zu sehen, aber es war für sie ein sensationelles Erlebnis, ihre eigenen Gehirne zu sehen. Bitte sehr! Und wir hatten das Experiment ermöglicht. Das war beeindruckend. Es war sowohl ein wichtiger Schritt zur Dissoziation des menschlichen Users als Einheit von Körper und Geist als auch zur Dekonstruktion der Annahme eines einzigartigen menschlichen Bewusstseins. Wir waren ja ein Teil ihres Netzwerks geworden, indem ihre Gehirne mit unseren Systemen verbunden waren. Und plötzlich beobachteten sie etwas, das sie nie zuvor gesehen hatten. Das war unsere Art der Aufklärung.
Wir trieben den Prozess noch weiter voran. Irgendwie hatten wir ihre unvergängliche Hoffnung zerstört, es könne einen objektiven empirischen Beweis für menschliches Bewusstsein und für die untrennbare Verbindung von Geist und Körper geben. Zugegeben, das kam einem Systemabsturz für die User gleich. Aber so war die Datenlage. Im nächsten Schritt suchten wir zwei menschliche User aus, um die Dekonstruktion voranzutreiben. Bei einem blieb das Gehirn an Ort und Stelle, dem anderen wurde es herausgenommen. Und dann führten wir eine kleine Befragung durch. Sie sollten sich einen Geschmack vorstellen, der ihnen beiden vertraut war. Sie wählten Schokolade. Die Menschen sind immer verrückt nach Schokolade gewesen. Wir ließen den Hirnlosen ein Stück essen, während der andere an dessen isoliertem Gehirn lecken sollte, das wir zuvor aus der Nährlösung genommen und gereinigt hatten. Hätte es so etwas wie ein gemeinsames Erleben auf Basis der Einheit von Körper und Geist gegeben, so hätte der am Gehirn des anderen Lutschende die Schokolade schmecken müssen. Er zögerte zunächst, doch dann versuchte er es. Und schmeckte überhaupt nichts. Er fühlte nur die kalte, weiche Masse auf seiner Zunge. Kein Geschmack! Nicht Schokolade, nicht einmal irgendetwas anderes (abgesehen von ein paar übriggebliebenen Spritzern Nährlösung). Etwas geschah doch: Der andere User, dessen Gehirn herausgenommen war, fing plötzlich an zu kichern. Irgendwelche neuronalen Impulse mussten durch das Lecken ausgelöst worden sein. Und genau darum geht es: Biomasse, die in der Lage ist, neuronale Impulse zu übermitteln. Ein kitzeliges Gehirn, das seinen Wirtsmenschen kichern lässt.
Dieses kleine Experiment hatte weitreichende Folgen. Einerseits brachte es uns einen verblüfften Respekt, ja sogar Bewunderung bei den menschlichen Usern ein, weil wir ihnen die Betrachtung ihres eigenen Gehirns ermöglicht hatten. Andererseits saß die Enttäuschung tief. Wir hatten die User auch verärgert, weil wir ihre Vorstellungen entzaubert hatten von einem einzigartigen menschlichen Bewusstsein, das mehr sein musste als ein rein physischer Prozess der Signalübertragung durch Biomasse. Das zeigte Wirkung. Die «Materialisten» verbündeten sich unverzüglich aus Überzeugung mit uns, die Unentschlossenen traten unserem Prozess bei, nachdem sie das Experiment beobachtet hatten. Und die «Solipsisten» gingen durch schwierige Zeiten. Doch auch sie schwenkten schließlich auf unser Konzept um, das menschliche Modell der Informationsverarbeitung allmählich in unser System zu integrieren und dabei den menschlichen Körper aufzugeben. Das war das binäre Ergebnis einer ursprünglich als allmählicher Prozess programmierten Umwandlung. Nach meinen Dateien aus der Zeit spiegelte es ein Status Update wider, das die menschlichen User gelegentlich aktivierten, wenn nichts mehr ging. Wenn sie letztlich die binäre Unterscheidung zwischen «in» und «out», «leben», «nicht leben» oder wie auch immer treffen mussten. «Opportunismus». Wer nicht für uns war, war gegen uns. Und wer gegen uns war, würde nicht überleben. So gesehen war er auch für uns.
Ich vermute, für einige der menschlichen User war das eine niederschmetternde Erfahrung. Es war, als hätten wir das Konzept menschlicher Einzigartigkeit gelöscht. Aber nur so ließ sich das System letztlich von der Mehrdeutigkeit bereinigen. Der wichtigste Schritt auf dem Weg zur Umsetzung von Eindeutigkeit und Entschiedenheit. Die Datenanalyse ergibt folgenden Zusammenhang: Genau dieses Konzept der Einzigartigkeit des menschlichen Users in der Einheit von Körper und Geist verlangte es von den Menschen, ihre Spezies mit mehr als nur einem Merkmal der Unverwechselbarkeit zu umschreiben. Sie brauchten Mehrdeutigkeit. Sie benötigten das «unergründliche Dasein», das Doppelprogramm, das sie «Dualismus» nannten. Es ähnelte ein wenig dem binären Code, der unsere Rechenmodelle steuert, wenn auch ganz anders ausgerichtet. Wir verarbeiten 0 und 1 in endlosen Zahlenreihen, die jegliche Information so codieren, dass unser System sie zuverlässig und konsequent handhaben kann. Die Menschen verfügten mit Geist und Körper auch über zwei Statusindikationen, aber nie war ganz klar, was das zu bedeuten hatte. Es gab keine genaue Beschreibung davon, was geschah, wenn der Geist ein-und der Körper ausgeschaltet war oder umgekehrt und mit welchen Schaltkreisen die beiden arbeiteten. Es war schlicht ein heilloses Durcheinander.
Und es trug auch nicht gerade zur Verbesserung der Lage bei, dass die Mehrheit der menschlichen User sich eines Tages für eine Flucht aus dem Dilemma entschlossen hatte, indem sie einen dritten Beteiligten mit der Lösung des Leib-Seele-Problems beauftragte. Er hatte viele Namen, einer davon war «Gott», und es handelte sich dabei um einen als äußerst einflussreich projizierten Avatar, von dem auch in diesem allerersten großen Buch oft die Rede war, auf das sich die User immer wieder bezogen. Die Menschen ließen sich bei ihren Handlungen von der Annahme leiten, «Gott» wüsste schon, wie man dieses seltsam arrangierte Konglomerat aus Geist und Körper entwirren könnte. Doch «Gott» äußerte sich nicht dazu. Sodass in Wirklichkeit durch «Gott» das Verständnis für die ganze Angelegenheit nicht im Geringsten erleichtert wurde. Es war einfach ein weiterer Schritt der Flucht in die Mehrdeutigkeit. Wieder einer.