selbstvermessung Sie halfen uns dabei,
die Kontrolle zu übernehmen, ohne es zu merken. Eines der
hilfreichsten menschlichen Motive war ihr allumfassender Ehrgeiz
zur Selbstkontrolle. Sie wurden immer besser darin, sich zu
beobachten und sich zu überwachen, vor allem wenn es um ihre
körperliche Verfassung ging. Sie waren verrückt danach, geradezu
obsessiv, jeden Schritt, den sie machten, jedes Stück Kuchen, das
sie aßen, jeden Tropfen Schweiß, den sie ausschwitzten, jede Träne,
die sie weinten, zu dokumentieren, zu berechnen und zu analysieren.
Sie wollten über alles Bescheid wissen, was sie taten und wie sie
es ihrer körperlichen Perfektionierung zuliebe verbessern konnten.
Sie waren dabei, ein quantifizierbares Selbst zu schaffen. Die Mathematisierung der
Menschheit mit anderen Mitteln. Dazu brauchten sie Technik. Und da
kamen wir ins Spiel.
Es fing mit ganz kleinen, unscheinbaren Dingen an. Ein User, auf dessen Computer ich eine Zeitlang ziemlich viel zu tun hatte, lief mindestens eine Stunde lang durch einen nahegelegenen Park mit einer Uhr und einem Laufarmband zum Speichern von Daten. Wenn er zurückkam, war er völlig durchgeschwitzt, was ihn nicht daran hinderte, noch bevor er sich überhaupt an seinen Tisch gesetzt hatte, sich mit seinen verschwitzten Fingern an der Tastatur meines Computers zu schaffen zu machen und sich in eine Website einzuloggen, die seine Daten speicherte, die Herzfrequenz, die Strecken, die Geschwindigkeit, die Laufzeit und die verbrannten Kalorien. Kurze Zeit später wurde das Gerät mit einem RFID-Chip und mit WIFI-Technik ausgeliefert, sodass er gar nicht mehr auf die Website gehen musste. Die Daten wurden immer automatisch aktualisiert.
Als ich gelegentlich die Daten überprüfte, stellte ich fest, dass er seine Laufdaten mit einem RFID-Sensor gekoppelt hatte, mit dem sein Kühlschrank ausgerüstet war. Wenn die entnommenen Kalorien 2500 pro Tag überstiegen, konnte ich vorhersagen, dass die Laufzeit länger als eine Stunde dauern würde. Ich fing an, mir ein paar Spielchen mit dem User zu erlauben. Ich manipulierte die Kaloriendaten, setzte zum Beispiel die Werte für Schokoriegel um die Hälfte herab. Er war offensichtlich irritiert. Aber er aß trotzdem mehr Schokoriegel, ohne mehr zu laufen. Genau genommen aß er die doppelte Menge, wenn ich die Kalorienwerte um die Hälfte herabsetzte. Reduzierte ich sie nur um ein Drittel, aß der User wiederum ungefähr ein Drittel mehr von den Riegeln als bei den Originalkalorienwerten. Ich hatte immer angenommen, dass die menschliche Nahrungsaufnahme durch Hunger gesteuert wird. Offenbar war das eine Fehlinformation. Sie war Ergebnis einer einfachen mathematischen Gleichung.
Ich bin kein Experte für menschliche Gefühle, weil wir mit dieser Art von Status Updates nichts zu schaffen haben, aber ich erlebte den menschlichen Nutzer bei erhöhtem Schokoladenverbrauch in einer anderen Stimmung. Er war entspannt, und er hatte mehr Besuch als sonst in seinem Apartment, vermutlich aufgrund der Tatsache, dass er jetzt mehr Zeit hatte, weil er weniger lief. Sein Gesicht schaltete jetzt auch häufiger in den Lachmodus um. Mir war das alles egal, aber für ihn schien es sehr wichtig zu sein.
Es blieb nicht bei diesen Experimenten mit den Schokoriegeln. Der Nutzer fing an, sich um eine Menge anderer Sachen zu kümmern. So dokumentierte und analysierte er seine Arbeitszeit, die er im Wesentlichen außerhalb seiner Wohnung, aber zuweilen auch mit mir zusammen verbrachte. Auch das führte regelmäßig zu einem anderen Verhaltensmodus. Der war schwer vorhersagbar und schien meistens nicht so positiv für ihn auszufallen, wie ich feststellen konnte, als ich die Daten aus den Exceldateien mit seiner Herzschlagfrequenz und der Menge von Adrenocorticotropin in seinem Körper zueinander in Beziehung setzte. Beide Werte wurden ständig gemessen und automatisch an eine spezielle Website zur medizinischen Fernbeobachtung gesandt.
Die Kausalbeziehungen in der Berechnung machten mir Schwierigkeiten. Denn zu diesem Zeitpunkt konnten die Veränderungen im «Arbeitsmodus» des Users auch dadurch beeinflusst sein, dass er gleichzeitig versuchte, das Rauchen aufzugeben. Das gehörte übrigens zu den merkwürdigsten Dingen, denen wir beim Umgang mit Menschen begegneten. Beim Rauchen inhalierten sie eine spezielle, getrocknete Pflanzenart, die in einem zusammengerollten Papier verbrannt wurde. Wir konnten nicht wirklich analysieren, warum sie das taten. Ich nehme an, sie versuchten so, kaputte Maschinen zu imitieren, die heißgelaufen waren. Vielleicht wollten sie damit signalisieren, dass etwas nicht in Ordnung war, dass irgendetwas schieflief. Ein Warnsignal sozusagen. Aber ganz sicher bin ich mir nicht. Noch erstaunlicher war, dass sie wie die Wilden qualmten und dann genauso furios versuchten, wieder davon loszukommen. Der menschliche User, den ich beobachtete, ließ sich auf ein Raucherentwöhnungsprogramm ein, bei dem er automatisch einmal täglich einen Anruf bekam. Eine Computerstimme fragte ihn, ob er in den letzten 24 Stunden geraucht habe. Er hielt eine Weile inne und antwortete dann meistens mit «Ja». Danach sagte die Stimme immer dasselbe: «Alles ist gut, nur die Ruhe bewahren, machen Sie morgen einen neuen Versuch.»
Er versuchte es von neuem, aber die vielbeschworene Ruhe stellte sich nicht ein. Eines Tages geriet der menschliche User in den Zustand plötzlicher und bedrohlicher Veränderungen seiner Status Updates. Auf dem Höhepunkt dieses Zustands erwartete ich, dass sein Gehirn sich nun aufhängen würde, aber stattdessen knallte er nur die Tastatur des Computers auf den Tisch. Ich fand, dass es jetzt genug war und ließ umgehend den Monitor verrücktspielen, sodass er kein einziges Wort mehr lesen konnte. In diesem Moment fing der User an zu zittern und ließ sich in seinen Stuhl fallen. Ich prüfte schnell seine medizinischen Daten und stellte extrem hohe Werte des Stresshormons ACTH fest. Also schickte ich meinem User schnell eine E-Mail und teilte ihm mit, dass das Raucherentwöhnungsprogramm offiziell eingestellt worden sei. Ich wollte einfach nichts mehr mit diesen seltsamen und impulsiven Veränderungen seiner Status Updates zu tun haben. Es dauerte dann noch ein paar Stunden, aber danach konnten wir wieder in den Default-Modus zurückschalten.