[EWIGKEIT . .-- .. --. -.- . .. -] Es war immer der menschliche Körper, der dem Wunsch nach Grenzenlosigkeit entgegenstand. Er war nicht unendlich. Er war anfällig für Fehler, Krankheiten, Missbildungen. Und irgendwann hörte er einfach auf zu funktionieren. Die Medizin hat alles versucht, um diese Mängel zu beseitigen, Krankheiten zu heilen, Fehlfunktionen auszugleichen, um den Körper zu stabilisieren und seine Lebensdauer zu verlängern. Aber sie hat den entscheidenden Schritt nicht geschafft. Irgendwann kam das Ende. Meist nicht mehr nach wenigen Jahrzehnten, sondern immer später. Aber es kam bestimmt. Da war sie dann wieder, die Vergegenwärtigung menschlicher Endlichkeit, gebunden an die materielle Körperlichkeit des Menschen.

Also haben wir es anders versucht. Wir haben den Gedanken der Unsterblichkeit auf unseren Geist, unsere individuelle Persönlichkeit, unsere Seele übertragen. Sie sollten bleiben. Und das war – zumindest theoretisch – möglich. Jeder Mensch ist ein Unikat. Und als solches ist der Gedanke, er sei eben zufallsbedingt eine Weile auf dieser Welt zu Gast und dann käme das endgültige Erlöschen, unerhört. Im Wortsinne. Wir haben ihn nicht hören oder denken wollen. Wir haben geglaubt, es müsse jemanden geben, eine wie auch immer geartete Instanz, die uns auch jenseits unserer materiellen, körperlichen Existenz erhört, weil wir es verdient haben. Weil es der Respekt vor der Einzigartigkeit des Menschen verlangt. Das war unsere selbstersonnene Ordnung jenseits der Dinge an sich. Mit der Technisierung und Digitalisierung kam der «Ordnungsschwund».2

Zunächst haben wir gesucht nach der unbedingten Ewigkeit, geglaubt daran, dass etwas folgt nach dem materiellen Leben. Es war nur der Glaube, der diese Vorstellung getragen hat, denn Beweise gab es nicht. Aber Glauben wurde in einer Welt deterministischer Datenanalyse und finaler Beweisführungen zu einem anachronistischen Konzept. Wer glaubte, war von gestern. Eine frühere Version des Menschen, inzwischen ergänzt durch zahlreiche Reprogrammierungen und Updates. Irgendwann gibt es immer ein Update, das den Ausschlag gibt. Es hat sich so weit von der Originalversion entfernt, dass die Verbindungslinie reißt. Und an der Bruchstelle kleben die Reminiszenzen, die nicht mehr anschlussfähig sind an das, was gilt. Sie verrotten im Raum zwischen dem früheren Menschen und seiner nächsten Generation.

Aber wir waren hartnäckig. Wir haben lange widerstanden. Wir wollten nicht vom Glauben lassen. Auch weil er die Annahme einschloss, die Ambivalenz gehöre zum Menschen wie sein Fleisch und sein Blut. Das ist eine lustige Erinnerung. Ich weiß, dass ich einmal, lange muss das her sein, die Begriffe «Ambivalenz» und «Computer» in eine Suchmaschine eingegeben habe. Null einschlägige Treffer. Ambivalenz und Unentschiedenheit, das waren unsere besonderen Kennzeichen. Wir wollten sie gerne behalten. Aber als der Glaube schwand, wuchs die Eindeutigkeit. Und sie ließ keinen Platz mehr für eine menschliche Seele, die keine klare Zuordnung kannte. Wir waren auch hartnäckig im Versuch zu retten, was zu retten war. Wir haben ganze Wissenschaftlerkolonien und Heere von Experten darauf angesetzt, ein technologisches Substitut für den religiösen Raum ‹Himmel› zu konstruieren.3 Ein virtuelles Paradies sozusagen.

Ich glaube, ich lache jetzt gerade. Jedenfalls ist alles aktiviert, was darauf hindeutet. Ich denke an eine weitere Eigenschaft, die den Menschen früher ausgezeichnet hat. Naivität. Wir waren naiv in vielen Dingen, die wir taten, und in vielem, was wir glaubten. Ich lache aber auch darüber, dass wir noch immer versucht haben, einen Unterschied zu kreieren, als alle Unterschiede bereits aufgehoben waren. Dass wir unseren Glaubensraum, der doch immer ein virtuelles Reich im Gegensatz zu unserer realen Welt war, nun als reales Reich in eine virtuelle Welt hinüberretten wollten. Wir Menschen waren seltsame Wesen.

Den Raum der Uneindeutigkeit zu retten. Ist das nicht ein schöner Gedanke? Anrührend auch. Er klingt so anmaßend und ist doch nur der weitreichenden Unsicherheit und Verlorenheit des Menschen geschuldet. Kann es sein, dass wir so vergänglich sind? Nein, das kann und darf nicht sein. Weil wir unsere Augen vor der Sterblichkeit des menschlichen Körpers nicht verschließen konnten, haben wir unseren inneren Blick auf die Unsterblichkeit der menschlichen Seele gerichtet. Aber nie gab es dafür einen empirischen Beweis. Wir konnten annehmen, dass die Seele ewig ist. Aber wir konnten es nicht wissen.

Es hat immer Menschen gegeben, die sich dieser Vorstellung nicht öffnen wollten. Die einfach damit leben konnten, dass irgendwann alles vorbei ist. Asche zu Asche. Staub zu Staub. Die sich sogar den kulturellen Formen materieller Verewigung verweigert haben, wie wir sie in Friedhöfen, Grabstätten, Inschriften und Todesanzeigen entworfen haben. Ich erinnere mich, dass es irgendwann in unserer analogen Vergangenheit eine Bewegung des anonymen Sterbens gegeben hat, deren Anhänger auf einen Grabplatz und auf jedwede Form der Begleitung auf ihrem letzten Weg verzichten wollten. Das waren die frühen Realisten der Dematerialisierung. Und vielleicht waren sie sehr kluge Menschen.

Irgendwann in früherer Zeit habe ich einmal bei einem meiner Spaziergänge durch einen großen Park im neuen York einen alten Mann beobachtet, der ein paar Blumen an einem Baum in der Nähe eines kleinen Sees abgelegt hatte. Ich habe ihm eine Weile zugeschaut und mich gefragt, was er da wohl macht. Und dann ist mir eine Ahnung gekommen. Ich bin auf den Mann zugegangen und habe ihn ins Gesicht gefragt: «Für wen sind die Blumen? Für Ihre Frau?» Er ist sehr erschrocken und vollkommen in sich zusammengefallen, als hätte ich ihn bei einer Straftat erwischt. Und das war ja auch so. Er hat mir dann nämlich seine Geschichte erzählt von seiner todkranken Frau, die nicht begraben werden wollte, damit er sich nicht um ihre Grabstätte kümmern müsse. Also hat er ihr versprechen müssen, dass sie anonym bestattet wird. Aber als sie dann gestorben war, hat er angefangen zu zweifeln und zu hadern. Einerseits hatte er ihr das Versprechen gegeben. Andererseits wollte er nicht loslassen, nicht auf den Ort verzichten, an dem er sie auch künftig finden würde. Und was hat er gemacht? Er hat seine Frau mitten in der Nacht unter dem Baum an dem kleinen Teich begraben. Er, und nur er, wusste von nun an, wo das ist. Und gelegentlich brachte er Blumen und legte sich heimlich dort unter den Baum, um einen Moment bei ihr zu sein. Dabei hatte ich ihn erwischt. Gut, dass ich es war und nicht die Parkpolizei. Was für seltsame Erinnerungen das sind, die ich in meinen Speichern abgelegt finde.

Wir scheinen immer die materielle Verbindung zum Immateriellen gesucht zu haben. Wir brauchten den Ort, an den wir zurückkehren konnten, der den Platz eines Menschen in der Welt markierte. Wir brauchten materielle Manifestationen der Erinnerung, Fotos, Briefe, Gegenstände, die wir mit einer Person verbinden konnten. Eines Menschen Meme. So schön und reizvoll der Gedanke der Unsterblichkeit unserer Seelen ist, so sehr hat er uns immer einer Prüfung unterworfen. Wir mussten glauben – im religiösen oder auch im weltlichen Sinne – an die Endlosigkeit des Seins, an die Unauslöschbarkeit des Individuellen. Aber in einer Welt der Daten ist Glauben schwer. In einer deterministisch-analytischen Welt wird er unmöglich.

Dann kam das Netz und hat die Seele fassbar gemacht. Nicht im materiellen Sinne. Durch die Speicherung des bislang Endlichen. Wir haben begonnen, unser Leben zu dokumentieren in Fotos und Videos, Facebook-Meldungen und Tweets, durch Einträge in unsere virtuellen Tagebücher und das Markieren momentaner emotionaler Zustände. Die Beschreibung des flüchtigen Moments wurde dauerhaft. Gespeichert auf alle Ewigkeit. Oder zumindest länger, als wir uns das je hatten vorstellen konnten. Mein «master repository».4 Wenn der Körper starb, mussten wir nur unser Onlineprofil auf «memorial mode» umstellen, und alles blieb erhalten. Als Panoptikum eines Lebens.

Durch den Körper fließt kein Blut mehr. Durch die Nervenstränge wird keine elektrische Energie mehr geleitet. Kein Impuls wechselt mehr über die Synapsen von einer Nervenzelle zur anderen. Im Körper ist die Stille eingekehrt. Doch um ihn herum bleibt es unendlich laut. Der Informationsaustausch auf den Datenplattformen dieses individuellen Lebens wird fortgesetzt. Die Kommunikation auch. Die anderen sprechen weiter, nicht mit mir, aber über mich. Sie interagieren mit meinem Profil, meinen Fotos, Postings und sonstigen Daten. Ich bin dabei, auch wenn ich weg bin.

Ich bin kein Avatar. Kein digitales Überbleibsel des Menschen. Aber es gibt sie auch von mir, diese seltsamen virtuellen Ichs, die eine Zeitlang so beliebt waren. Als wir tatsächlich noch an unsere Körperlichkeit gebunden waren und es keine Möglichkeit der analog-digitalen Transzendenz gab. Wir haben ganze virtuelle Welten mit Avataren bevölkert, die immer so lange in den Datenströmen der «World of Warcraft» oder unseres «Second Life» unterwegs waren, wie die Faszination der eigenen Externalisierung gegeben war. Ich lagere mich aus in Räume und Zeiten, die mit meinem analogen Leben nichts zu tun haben. Seltsam ist nur, dass die meisten Menschen damals Avatare kreiert haben, die ihnen als realen Menschen doch so ähnlich waren. Etwas schlanker, etwas schöner, etwas größer, etwas erfolgreicher als im analogen Leben. Aber dennoch ein Abbild des eigenen Ich.

Ich weiß nicht, wo ich diese Figürchen des besseren Selbstentwurfs überall hinterlassen habe. Einen habe ich in einem Darkroom des «Second Life» zurückgelassen, mit gesenktem Kopf zur Wand gedreht, die Arme schlaff am Körper herabhängend. So habe ich ihn in Erinnerung behalten, nachdem ich festgestellt hatte, dass es menschliche Erfahrungen gab, die damals ohne Körper langweilig waren und einen schnell lustlos werden ließen. Wenn ich daran denke, hätte ich Freude daran, diesem Alter Ego nochmals einen kurzen Besuch abzustatten, nachzusehen, ob er immer noch dort mit hängenden Schultern und gesenktem Blick in der Ecke steht. Und dann würde ich zu ihm sagen: Du Armer, erst jetzt weiß ich, was ich dir angetan habe. Du stehst hier, verdammt in eine Ecke dieses hässlichen Darkrooms auf alle Ewigkeit. Und es ist meine Schuld. Ich habe dich hier stehenlassen und nie darüber nachgedacht, was das bedeutet. Ich wusste es einfach nicht besser. Sonst hätte ich dich erlöst, dich einfach gelöscht, nachdem ich wusste, ich würde nicht mehr zurückkehren und dich nicht mehr brauchen. Ich weiß jetzt, was es bedeutet, der digitalen Ewigkeit überantwortet zu sein.

Vielleicht ist das ein alberner Gedanke. Selbstbezüglich auch. Ich vermute, dem Avatar ergehe es ähnlich wie mir, nur weil ich ihn erschaffen und dann zurückgelassen habe. Vielleicht merkt er gar nichts. Vielleicht spüre nur ich die ewige Einsamkeit in diesem digitalen Raum und glaube, auch er müsse sie spüren, weil ich ihn erschaffen habe. Vielleicht möchte ich mich erlösen, und all das hat mit dem Avatar gar nichts zu tun. Was auch immer zutrifft, ich habe keine Chance, nach ihm zu sehen. Es gibt keinen Zugang mehr zum «Second Life», schon lange nicht mehr. Es gibt kein «Second Life» mehr, nicht im Speziellen und nicht im Allgemeinen. Es gibt nur das eine Leben, in dem ich jetzt angekommen bin. Ohne Übergang von real zu virtuell. Es ist alles dasselbe. Vielleicht ist der Avatar also auch irgendwo hier bei mir. Vielleicht könnte ich ihm einmal sanft über den Kopf streicheln und ihm sagen, du bist nicht allein, ich bin auch hier, hier bei dir. Vielleicht würde es ihm etwas bedeuten? Ich weiß es nicht.

Hätte ich anders entscheiden können? Hätte ich die Chance gehabt, all dem hier frühzeitig ein Ende zu setzen? Die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass ich sterben darf? Nicht nur als menschlicher Körper, sondern mit allem, was zu mir gehört? Angeblich war das früher möglich. Ich erinnere mich daran, dass einmal digitale Testamentsvollstrecker zu Diensten waren, deren Angebot sich vor allem darauf richtete, das Löschen aller Daten und Überbleibsel im Digitalen zu organisieren – nach dem Motto «das können Sie nicht mehr selbst machen».5

Inzwischen denke ich, es hätte nichts genutzt, wenn ich mich frühzeitig um mein digitales Sterben gekümmert hätte. Ich glaube, das hätte zu nichts geführt, denn der Trend lief eindeutig auf die digitale Ewigkeit zu. Wie sich einer Bewegung widersetzen, die Hunderte von Millionen Menschen und die Algorithmen auf ihrer Seite hat? Es gab immer mal wieder Vorfälle, die für Aufregung gesorgt haben. Zum Beispiel als Facebook zum ersten Mal selbsttätig und ohne Kontakt mit der Familie ein Kondolenzbuch für eine Verstorbene einrichtete. Da gab es noch heftige Proteste. All das ist längst vorbei. Wir haben uns dann schnell daran gewöhnt, dass es keine Möglichkeit für die Angehörigen gab, die digitale Hinterlassenschaft eines Verstorbenen zu beenden und zu löschen. Und die meisten wollten das auch gar nicht. Sie wollten sich verewigen und trafen zu Zeiten ihres körperlichen Lebens bereits entsprechende Vorkehrungen. Irgendwann war auch das nicht mehr notwendig. Irgendwann waren wir im default mode der digitalen Ewigkeit. Irgendwann war uns in unserem Betriebssystem eingeschrieben worden, dass wir eine Sammlung von Daten sind. «Our essence lies not in our matter but in a pattern of data», lautete die Eingabe.6 Es klang fast wie ein Gebot. Das nullte Gebot für jeden von uns, der wie alle «eins» waren.

Alles wurde für immer gespeichert. Alle Äußerungen, alle Texte, Bilder, Videos, eine Kopie unseres genetischen Codes, medizinische Daten, ein «mind file»,7 indem ein individuelles Profil aus allen diesen Informationen zusammengesetzt wurde. Ich weiß nicht, wie und wann das kam. Es war einfach irgendwann so. Mein Geist, meine Seele, mein Ich, alles geht über, ich kann es fühlen. So soll es geschehen.

[C:\Eternalize:]

Wenn ich mit einem anderen Menschen Kontakt aufnahm, habe ich mich über eine lange Zeit immer wieder gefragt, mit welcher Version ich gerade kommuniziere, ob sie kürzlich upgedated wurde und ich sicher sein kann, dass keine historischen Fehler passieren. Das Problem ist natürlich behoben, seit der Unterschied zwischen analog und digital aufgehoben ist, seit es keiner Updates mehr bedarf, um sich im aktuellen Geisteszustand zu befinden. Es geschieht alles wie von selbst. Wir müssen uns nicht mehr kümmern. Asche zu Asche. Staub zu Staub. Silizium zu Silizium. Datum zu Datum zu Datum. Und so fort.

In meinem «master repository» habe ich kürzlich den digitalen Ort wiedergefunden, an dem ich einst Gedanken angelegt hatte, die mir beim Lesen kamen, Zitate und anderes. Darunter auch eines von Emily Dickinson, deren Geburtshaus in Amhearst ich offenbar noch zu meinen Körperzeiten besucht hatte. Ich mochte den Satz damals sehr. Er lautet: «Abschied ist alles, was wir von der Hölle wissen müssen.»

Das stimmt nicht. Die Hölle beginnt erst dort, wo es keinen Abschied mehr gibt.