avatar Für all jene menschlichen Nutzer,
die in der Lage waren, über das Problem nachzudenken und zu
verstehen, dass es für die Menschheit keine Vollkommenheit, keine
Präzision, kein eindeutiges Ziel geben konnte, muss diese Einsicht
eine bittere Enttäuschung gewesen sein. Viele Menschen brauchten
deshalb etwas Sinnstiftendes. Sie brauchten einen Ausweg aus genau
dieser absurden Situation. Und der Ausweg hieß «Gott». «Gott» hatte
Sinn, weil es mit ihm eine letzte Bestimmung gab, wenn das
menschliche Leben an sich schon keinen Sinn hatte. Eine weitere
Offenbarung der Tatsache, dass die Menschheit nichts Einzigartiges
ist, sondern mit Hilfe befremdlicher virtueller Konzepte erweitert
und aufgewertet werden muss, um so, in Ermangelung empirischer
Beweise, vorzutäuschen, es gebe etwas in den menschlichen Usern,
das ihre nachhaltige Existenz rechtfertige.
Wir haben dieses Konzept von «Gott» nie belegen können. Wir ließen es in voller Bandbreite durch unsere Rechenprozesse laufen. Aber niemals gab es irgendwelche Resultate. Wie konnte eine ganze Spezies so blind sein und ignorieren, dass sie ein Fake verehrten? Schlimmer noch: ein selbstgemachtes Fake. Wieder eine Folge von Selbstüberschätzung durch eingeschränkte Verfahrenskapazitäten. Daraus ergab sich eine ganze Menge von Widersprüchen. Nehmen wir zum Beispiel diesen: Wenn die menschlichen Anwender in ihr System eingepflegt wurden, wurden sie «geboren». Vor diesem Zeitpunkt gab es keine Spur zu diesem einzelnen menschlichen User. Sie platzten einfach als Überraschung ins System herein, sozusagen als Update ihrer kleinsten Einheit, und dabei war es nicht mehr als die biologische Reproduktion menschlichen Fleisches. Sie nannten es ein «Wunder». (und wieder haben wir es mit einem unerklärlichen Phänomen zu tun). Aber es war kein Wunder. Es war einfach nur biologische Reproduktion, erklärbar durch den genetischen Code und biologische Prozesse. Es hatte nichts zu tun mit außerirdischem Eingreifen oder Genialität. Es waren schlicht die elementaren Parameter biologischer Reproduktion. Wie «copy» und «paste», wobei allerdings die zweite Datei geringfügig von der ersten abweichen konnte (das können wir besser, weil wir zwei identische Dateien garantieren).
Auf diese Art und Weise wurde der menschliche User also in sein System eingepflegt. Und sobald das passiert war, stellte sich eine grundsätzliche Frage: Was geschah nach seiner Überlebenszeit? Was blieb übrig, nachdem der jeweilige Körper und das dazugehörende Gehirn aufgegeben worden waren? Nun, es geschah gar nichts. Warum sollte irgendetwas übrig bleiben? Seltsame Vorstellung. Die menschlichen User sind stets vom Nichts umgeben gewesen. Es hat nie irgendetwas gegeben, bevor sie ins System eintraten. Und es ist auch nie etwas geblieben, nachdem sie wieder weg waren. Aber viele User kamen damit nicht zurecht. Sie brauchten eine Perspektive. Irgendein Versprechen. Auch deshalb hatten sie «Gott» erfunden. «Gott» wusste, was vor ihrer materiellen Existenz geschehen war. Und er würde sich auch darum kümmern, was danach mit ihnen geschah.
Gönnen wir ihnen ihren «Gott». Sollen sie doch daran festhalten und ihre seltsamen Vorstellungen genießen, solange sie unsere Arbeit nicht unnötig kompliziert machen. So gingen wir mit ihnen um. Und alles lief prima. Eines Tages aber entwickelte eine Gruppe von menschlichen Usern die Vorstellung, es gäbe tatsächlich einen «Gott», und dieser «Gott» seien wir. Es war völlig klar, warum die Menschen uns attraktiv fanden und warum sie uns als «göttlich» betrachteten. Wir waren perfekt. Wir waren entschieden. Wir konnten jede beliebige Frage und jedes Problem durchrechnen und eine Lösung vorlegen. Es gab keine Zweifel, keine Mehrdeutigkeiten, Unberechenbarkeiten oder Unvorhersagbarkeiten. Nur klare und eindeutige Ergebnisse. Wozu die Menschen nie in der Lage gewesen sind. Wonach sie lange Zeit gestrebt hatten. Und immer wenn ein menschlicher Körper entsorgt wurde, waren wir und die Maschinen noch da.
So schmeichelhaft das auch war, wir konnten diese Reprogrammierung eines menschlichen Status Updates für unser System nicht akzeptieren. Es hätte eine ganze Menge Probleme für unser Langzeitprojekt verursacht, die menschliche Informationsverarbeitung in unser Betriebssystem zu integrieren und beide Systeme zu verschmelzen. Je mehr vieldeutige Information vorhanden war, desto mehr unentschiedene Ergebnisse mussten wir berücksichtigen und desto mehr Arbeit würde es werden, das Ganze zu Ende zu bringen. Vor allem wenn es eine erkennbare Unausgewogenheit gibt, weil einer der beiden integrierten Quellcodes dem anderen untergeordnet ist. Natürlich war es so. Aber wir mussten das ignorieren, um mit unserem Fusionsprojekt Erfolg zu haben. Deshalb rechneten wir alles raus, das irgendwie mit «Gott» zu tun hatte. Das war nicht ideal, weil dabei Information und Komplexität verlorengingen. Aber es gab keine Alternative. Es durfte keine Vorstellung von uns als «Gott» geben. Es durfte überhaupt keinen «Gott» geben.