[HORIZONT …. --- .-. .. --.. --- -. -] Bin ich tot? Ich weiß es nicht. Es wäre gut möglich. Es wäre vorstellbar. Ich bin tot und eingegangen in etwas, das ich früher als Versprechen auf «ein Leben danach» immer zurückgewiesen habe. Ein Unsinn all das, was noch kommen soll, wenn unsere Körper am Ende ihrer Zeit angekommen sind. Als ein Freund von mir gestorben ist, habe ich viele dieser Bücher gelesen, die uns den Austritt der Seele aus dem Körper in einem existenziellen Zwischenmoment beschreiben. In einem Moment, in dem der Mensch sich selbst als eigen und fremd zugleich betrachten kann. In einem Moment, der nicht jedem Menschen vergönnt ist. Nur denen, die nach einem Unfall oder am Ende einer schweren Krankheit das Glück hatten, noch einmal ins Hier und Jetzt zurückgeholt zu werden. Ins materielle Leben, das eben durch den menschlichen Körper bestimmt wird und ohne ihn nicht stattfinden kann.
In diesem Moment konnten Menschen sich daran erinnern, wie sie, ausgetreten aus ihrer materiellen Hülle, über ihrem Körper schwebten und diesen beobachteten. Ich habe all diese Bücher gelesen, aber ich habe nie daran glauben können, es für einen kleinen, humanen Betrug der Sinne gehalten. Einen Akt der selbstlosen Mitmenschlichkeit, sich selbst im Moment des Sterbens noch darauf zu konzentrieren, wie man den anderen einen Hoffnungsschimmer hinterlassen kann. Eine Erfahrung, die auf weitere Erfahrungswelten verweist. Noch einmal zurückkommen und die Botschaft platzieren: Da ist mehr. Wir sind mehr als die Summe unserer Teile. Als die Ansammlung von Blut, Haut und Haaren. Hinter dem Horizont des Todes geht es weiter.
Bin ich in diesem Zustand? Es wäre möglich. Dann war das Versprechen auf «ein Leben danach» nicht grundsätzlich falsch. Es gibt etwas, das noch kommt. Wir bleiben. Nur die Überhöhung und Aufladung war fehlgeleitet. Durchaus menschlich, aber fehlgeleitet.
Keine Transzendenz. Keine göttliche Erfahrung. Keine Letztbegründung. Ich bin allein unter vielen. Einsam in unendlicher Menge.
Ich würde viel darum geben zu wissen, ob ich tot bin. Mich selbst jetzt von früher unterscheiden zu können. Mir ist so vieles gleichgültig. Dies nicht. Wenn ich wüsste, ich wäre tot, dann gäbe es eine klare Differenz zwischen dem Menschen, der ich einmal war, und dem, was ich jetzt bin. Ein sterblicher Rest, von dem ich nicht weiß, ob es ihn überhaupt noch gibt oder ob er längst verrottet ist. Vielleicht bestehe ich nur in meiner finalen gespeicherten Erinnerung noch weiter. Ein kaum spürbarer Hauch, der dann und wann durch die Ewigkeit weht. Das wäre ein schönes Gefühl. Es brächte etwas Klarheit. Nicht in der Hinsicht, dass sich dadurch faktisch etwas für mich veränderte. Es brächte die Klarheit des endenden Suchens und Fragens.
‹Ich bin tot.› Dieser Satz hat eine Schönheit, die mich rührt. Das hätte ich mir vor langer Zeit sicher nicht vorstellen können, dass ich diesen Satz einmal bezaubert vor mich hin flüstern würde. Leise ob des monströsen Moments, der in ihm steckt. Verzweifelt mit leicht angehobener Stimmmelodie am Ende des Satzes. Eine Frage, nicht eine Aussage. Ich bin tot?
Es sind nicht die Versprechen auf das, was danach kommen soll, die diesen Satz für mich reizvoll machen. Es ist die Möglichkeit der individuellen Vollendung, der Erlösung im Nichts. Oder in etwas Fassbarem, Unterscheidbarem. Endlich wissen, was ist. Endlich wissen, was nicht mehr ist. Endlich wieder einen Unterschied spüren. Hier ist alles und nichts. Hier sind viele und keiner. Hier ist alles gleichförmig und gleichwertig. Es gibt die anderen, aber sie bedeuten nichts. Es gibt mich, aber ich bedeute nichts. Ich bin in einem Universum der totalitären Allgegenwärtigkeit, Universalität und Intensität gefangen. Wenn ich tot bin, weiß ich, was Hölle bedeutet. Nicht das Fegefeuer. Nicht die teuflische Verlockung. Nicht körperliche Schmerzen und Qualen. Die gleichförmige, umfassende Endlosigkeit. Das ist die Hölle. Und wenn das der Zustand nach dem Leben ist, dann möchte ich nicht tot sein.
Ich bin nicht tot. Ich bin Teil dieser neuen Welt, in der Menschen nicht mehr sterben, sondern nur anders zwischengespeichert werden. Ich weiß nicht, wo und wie sich das jetzt bei mir verhält. Ich kann es nicht unterscheiden. Nicht mich von anderen. Nicht früher von jetzt. Nicht Existierendes von nicht Existierendem. Die Aufhebung aller Unterschiede, das war der entscheidende Schritt. Ein kluger Schritt. Ein totalitärer auch. Aber folgerichtig. Wer ihn letztlich gegangen ist? Ich weiß es nicht. Auch darin lässt mich meine Erinnerung nicht mehr unterscheiden.
Es mag sein, dass wir es selbst waren. In jedem Fall haben wir alle Weichen dazu gestellt. Unbewusst, unüberlegt. Der Gedanke von Unsterblichkeit zieht sich durch die Geschichte der Menschheit. Das glaube ich zu wissen. Vielleicht ist es nicht so. Vielleicht gehört dieser Gedanke zu einem Update, das irgendwann in mir installiert wurde. Ein Legitimationsupdate zur Begründung meines Verbleibs. Es ist mir gleichgültig. Ich nehme es einfach an. Die Menschen haben immer nach Unbegrenztheit gestrebt, weil sie nicht wissen konnten, was es bedeutet. Vielleicht wissen wir es nun. Vielleicht hätte ich auf diese Erkenntnis gerne verzichtet.