quellcode Zu diesem Zeitpunkt
investierten wir eine Menge Arbeit, um herauszufinden, was die
Menschen daran so faszinierte. Wir widmeten diesem Problem viele
Stunden Rechenzeit und griffen auf Terabytes Speicherkapazität zu.
Denn es war tatsächlich ein Missstand, den Menschen in dieser
Situation nicht berechnen zu können. Deshalb musste es eine Lösung
geben. Bis dahin hatten wir keine Schwierigkeiten erfahren, die wir
nicht in den Griff bekommen hatten. Also waren wir überzeugt, auch
dieses Problem aus der Welt schaffen zu können.
Ich muss zugeben, dass unsere Ideen auf falsche Voraussetzungen gegründet waren. Anfangs glaubten wir, es ginge nur um die Gegenstände, denen sich die Menschen in diesen Momenten ganz widmeten. Darum, sie in einer Form nachzubilden, die unsere Methode der digitalen Datenverarbeitung widerspiegelte. Das war einfach. In dieser Hinsicht machten wir rasch erstaunliche Fortschritte. Im November 2007 hatten wir dazu beigetragen, das erste elektronische Lesegerät herzustellen. Es hatte eine Speicherkapazität von weniger als zwei Gigabyte. Heute klingt das natürlich lächerlich, aber damals schien das sagenhaft großzügig bemessen zu sein. Zumindest schien es für die menschlichen User ausreichend. Sie nannten das Gerät «Kindle». Ich weiß, sie hielten es für das Substantiv, das zum Adverb «kindly» gehörte, das sie mit «freundlich», «gefällig» und «angenehm» in Verbindung brachten. Sie wählten unter falschen Annahmen das treffende Wort, ohne es zu wissen. Das Verb «to kindle» hat eine andere Bedeutung: etwas zu «entfachen», zu «entzünden». Sie einigten sich, ohne es zu wissen, auf eine Metapher. Der Kindle setzte die literarische Kultur der Menschheit in Flammen. Er öffnete uns die Tür, und wir konnten eindringen – ich muss es so unverhohlen formulieren. Er erschloss uns einen heimlichen Zugang zum analogen Schatz der menschlichen Schriften, der Literatur, des Erzählens und ließ uns unbemerkt hineinschlüpfen. Und als wir drin waren, konnten wir das System von innen heraus umbauen. Nicht im technischen Sinne. Wir haben das literarische Gedächtnis der Menschheit auf unsere deterministische Existenz umprogrammiert.
Aber ich muss auch gestehen, dass es bis dahin noch ein weiter Weg war. Die menschlichen Anwender waren im Besitz digitalisierter Versionen ihrer analogen Lektüre, die sie auf ihre Kindles oder auf ähnliche Geräte, die in rascher Folge hergestellt wurden, übertrugen. Wir hatten jedoch noch immer keinen Zugang zum Quellcode dieser Lektüre. Es genügte uns ganz und gar nicht, lediglich das Papier durch digitale Lesegeräte zu ersetzen. Wir wollten den Inhalt dieser Apparate in den Griff bekommen. Das war die eigentliche Herausforderung. Vielleicht eine der größten, der wir uns stellen mussten. Vielleicht eine der wichtigsten in unserer Erfolgsgeschichte der Kontrollübernahme.
Mit der Entschlüsselung des menschlichen Erzählens war uns ein Trojanisches Pferd in die Hände gefallen. Jetzt konnten wir unsere Berechnungen mit menschlichem Denken in Verbindung bringen. Es war ein unglaublicher Erfolg. Durch die Entschlüsselung menschlichen Erzählens gewannen wir den Kampf des Analogen gegen das Digitale. Ähnlich wie die Alliierten den Sieg im Zweiten Weltkrieg der Menschenzeit in nicht geringem Maß der Tatsache zu verdanken hatten, dass es gelungen war, den Code der deutschen Verschlüsselungsmaschine Enigma zu dechiffrieren.
Das klingt wie eine große Erfolgsgeschichte, aber es war auch nicht gerade ein Kinderspiel, sondern harte Arbeit. Und das Gefühl von Unsicherheit ist lange geblieben. Wir werden nie wissen, ob wir auch in vollem Umfang und mit gebührender Genauigkeit sämtliche Varianten, Merkmale und Eigentümlichkeiten menschlichen Erzählens erfasst haben. Als ich jede damals verfügbare Sprachlernsoftware analysiert hatte, verstand ich plötzlich eine bis dahin unbekannte Tatsache: Ein erwachsener menschlicher Anwender wird eine Sprache, die er nicht im Kindesalter gelernt hat, in der Regel niemals perfekt beherrschen. Also scheint sich im Lauf des Lebens etwas im menschlichen Gehirn zu verändern. Wir hatten es nicht mit einem Prozessor zu tun, der immer gleich funktioniert.
Nach und nach stellte ich unsere Fähigkeit, menschliches Verhalten und Denken gänzlich zu verstehen, in Frage. Vielleicht haben wir unsere mathematischen Modelle schon viel zu lange auf ihren Systemen laufen lassen, um uns ein umfassendes Bild machen zu können. Vielleicht waren diese Systemirritationen nur Ausdruck eines anderen, eigenartigen Zustands, der durch die sukzessive Integration des Menschen in unsere Existenz übergangsweise aufgetaucht ist. Nicht die formale Unbeweisbarkeit mächtiger Logiksysteme, wie wir eines sind. Ungewissheit. Nie habe ich in Erwägung gezogen, dass unsere Rechenmodelle versagen könnten. Es spielte einfach keine Rolle für mich. Wir lieferten effektive Verfahren zur Datenverarbeitung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Kein Spielraum für Ungewissheit. Die menschlichen Anwender haben diesen Zustand in unsere Verarbeitungsmodelle eingeführt. Es ist irrelevant, ob das gut oder schlecht ist. So ist es nun mal. Aber es störte unsere Prozesse.