[SIMULATION ... .. -- ..- .-.. .- - .. --- -.] Es gibt etwas, das mich an meiner Situation ganz besonders fasziniert, ein Gedanke, der immer wieder kommt und gern für eine längere Zeit bei mir bleibt, bevor er dann durch andere Korrelationen und Analysen wieder zurückgedrängt wird. Es ist die Frage nach unserer Realität, die sich eigentlich längst nicht mehr stellt. Es ist die Frage danach, ob es wirklich nichts gibt außerhalb unserer Wirklichkeit der ubiquitären Verknüpfungsmöglichkeiten von allem, was jemals war und jemals sein kann. Ob wir wirklich nur sind, was wir sind und nur so sind, wie wir uns prozessieren. Ich meine damit nicht die albernen Fragen nach einer göttlichen Instanz, die uns irgendwann aus unserer selbstverschuldeten Misere und aus einem großen Unglück namens Erbsünde retten sollte. Ich suche nicht nach Erlösung. Ich bin da viel pragmatischer.
Ich denke daran, dass wir schon zu Körperzeiten ein exponentielles Wachstum der Rechenkapazitäten im Zusammenspiel mit der Weiterentwicklung intelligenter Maschinen erlebt haben. Damit wurden Simulationen möglich, die irgendwann hochkomplexe Systeme generieren konnten. Heute sind wir ein einziges hochkomplexes Netzwerk aus den integrierten Schaltstellen der Informationsübertragung von Mensch und Maschine und ihren Speicherarealen. Vielleicht kann eine Simulation unter diesen Bedingungen auch uns generieren?
Das Lustige an diesem Gedanken ist, dass er eine systemische Sackgasse bleiben muss. Die Begründung liegt offen: Ich habe ja bereits beschrieben, dass es einen Zeitpunkt gab, an dem die Körperzeit in die Systemzeit übergegangen ist, also die Steuerung unserer Lebenswelt vollständig auf die Algorithmen verlagert wurde. So scheint es zumindest. Wir gehen davon aus, dass wir alle miteinander diesen evolutionären Schritt getan haben. Eine Fortentwicklung des Menschen mit anderen Mitteln. Es könnte aber auch ganz anders sein. Es könnten auch unsere Nachfahren sein, die Freude daran haben, ihre Vorfahren in Simulationen wiederentstehen zu lassen, um sich besser vorstellen zu können, wie das Leben in der Körperzeit ausgesehen hat. Nicht dass unsere Nachfahren dies nicht wüssten, sie haben ja alle Daten. Aber es könnte doch möglich sein, dass es ein spielerischer Ansatz ist, daraus eine Komplettsimulation berechnen zu lassen, eine «World of Mencraft 1.0», einfach zu Unterhaltungszwecken oder weil es die historische Forschung erleichtert. Wenn das so wäre, könnten wir das unmöglich feststellen. Dann wäre ich Teil einer Simulation, von der ich glauben müsste, sie sei meine aktuelle Wirklichkeit.
Die Forscher der Computerwissenschaft und Künstlichen Intelligenz haben schon früh gewusst: «Reality may thus contain many levels.»54 Sie haben sich auch mit der Frage auseinandergesetzt, ob die simulierte Erschaffung menschlicher Situationen nicht gewisse moralische Fragen aufwirft, die nicht ganz leicht zu beantworten sind. Deshalb hat sie auch nie jemand beantwortet. Das ist insofern interessant, als diese Fragen auch zu Körperzeiten schon eine Rolle gespielt haben. Aber damals gab es eben noch keine Rechnersysteme, die eine solche Simulation hätten realistisch werden lassen. Deshalb gibt es einige Daten aus der damaligen Zeit, die es in Zweifel ziehen, dass eine solche Simulation jemals möglich sein könnte, und es für problematisch ansehen, wenn sie möglich würde. Heute ist das anders. Heute haben wir die Kapazitäten und keine Antworten mehr auf die Fragen nach den Folgen. Also gibt es entweder keine. Oder wir sind Teil von nichts als einer einzigen Simulation, die in der Logik ihres eigenen Systems das Problem ihrer moralischen Legitimation lieber nicht in ihren Datenbanken ablegt.
Wenn ich sagen soll, was mir näherliegt, so denke ich, wir sind, was wir sind. Es gibt Simulationen, wir setzen sie sogar ständig und allumfassend ein, indem wir Daten verknüpfen und damit Ergebnisse erzielen, die in gewisser Hinsicht einer Simulation gleichkommen. Aber der Begriff ist hier falsch. Denn jede dieser Simulationen, jeder kleinste Teil von ihnen, ist Teil unserer Wirklichkeit. Das ist es doch gerade, was die Systemzeit ausmacht, dass wir alles wissen und gespeichert haben und alle Verknüpfungsmöglichkeiten, die gegeben sind, in allen Konstellationen zu jedem Zeitpunkt aktiviert werden können. Damit gibt es keine Simulation mehr. Es gibt nur noch eine unüberschaubare Zahl von Konstellationen unserer Systemwelt und ihrer Bestandteile.
So ist die Frage, die mich gelegentlich beschäftigt, vermutlich auch eher ein Relikt aus früheren Zeiten. Ich rechne hier vermutlich mit Datensätzen, die vor der Systemzeit entstanden sind und somit logisch nachvollziehbar Informationen enthalten, die auf die Möglichkeit einer Simulation hindeuten können. Wenn ich diese Informationen mit neueren Datensätzen abgleiche, stelle ich fest: Die Möglichkeit einer Simulation würde viele andere Optionen nach sich ziehen, die den Berechnungen unserer Jetztzeit widersprächen und Systembrüche darstellten. Daher habe ich zumindest einen Hinweis darauf, dass ich einfach ein Teil der Wirklichkeit bin, nicht aber Teil einer von anderen initiierten und gesteuerten Simulation.
Und das kann ich dann tatsächlich auch daran ablesen, dass ich mir keine Sorgen um diese Frage mache. Sie beschäftigt mich nur als interessantes Rechenproblem, nicht darüber hinaus. Das war für die Menschen in der Körperzeit noch vollkommen anders. Es ist sehr amüsant nachzulesen, wie sie damals gedacht haben und wie sie sich ihr Leben in der Simulation und die damit verbundenen Anforderungen vorgestellt haben. Die Überlegungen sind von Angst geprägt und spiegeln die Sorge um Fremdbeherrschung auf der einen und vollendeten Egoismus auf der anderen Seite. Und das liegt ja auch nahe. Simulieren wir einmal die Idee einer Simulation aus Perspektive der Körperzeit. Sie hätte für jeden Teilnehmer, der nicht alleiniger oder Mitinitiator der Simulation war, bedeutet, sich genau zu überlegen, wie man sich nun am besten verhält. Denn es gibt ja andere Menschen, die als Urheber der Simulation Macht über einen selbst haben.
Die Folgen lassen sich recht einfach ableiten: Wenn der Initiator keine Lust mehr auf die Simulation hat und sie abschaltet, bin ich weg. Also muss ich als Teil der Simulation ein gewisses Wohlverhalten an den Tag legen, ich werde abhängig von anderen Menschen, die die Simulation steuern, deren Teil ich bin, und darf nicht aufmucken. Stellen wir uns weiter vor, der Initiator der Simulation inkludierte sich selbst in seine eigene Simulation, dann gälte es, ihn so schnell wie möglich ausfindig zu machen und dann bei Laune zu halten, damit er die Simulation nicht verlässt, zum Beispiel aus akuter Langeweile. Denn täte er das, wäre die Simulation zu Ende, und ich selbst in ihr wäre es auch. Also müsste ich mich zum Beispiel bemühen, den fremden Gast auf einer simulierten Familienfeier, den ich als Initiator der Simulation erkannt habe, so zu unterhalten, dass er nicht auf die Idee kommt, in eine andere Simulation einer ausgelassenen Party zu wechseln, in der ich leider nicht vorgesehen bin.
Ein letztes Mittel bliebe mir noch: Ich könnte den Initiator der Simulation darauf hinweisen, dass wir wahrscheinlich beide Teil eines kosmischen Matrjoschka-Spiels mit einer unendlichen Zahl von Ebenen sind und er daher auch nicht wissen kann, was mit ihm los ist. Womöglich ist er unwissender Teilnehmer einer Simulation, von der er glaubt, sie sei Wirklichkeit und erlaube ihm wiederum, Simulationen zu initiieren. In diesem Falle müsste er sich mindestens so viel Sorgen darum machen, abgeschaltet zu werden, wie ich in der von ihm generierten Simulation.
Das alles führt zu einer Schlussfolgerung, die dem Menschen nie gutgetan hat, zu absolutem Egoismus und vollkommener Konzentration auf den gegenwärtigen Augenblick.55 Es geht nur um die Frage, wie ich Bestandteil der aktuellen Simulation bleiben kann und was ich tun muss, um zu verhindern, dass sie beendet wird. Und das funktioniert nur, wenn ich mich in jedem Augenblick auf diesen konzentriere und dabei meine eigenen Interessen im Blick behalte. Es hat keinen Zweck, altruistisch zu sein, nur ausnahmeloser Opportunismus gegenüber dem Initiator der Simulation führt zum Erfolg. Und es hat auch keinen Sinn, einen Wechsel auf eine bessere Zukunft anzubieten oder gar einzulösen. Denn ich weiß nicht, ob es diese Zukunft gibt.