[IMAGINATION .. -- .- --. .. -. .- - .. --- -.] Ich sollte jetzt hier aufhören. Ich sollte die Archive ruhen lassen und mich wieder dem zuwenden, was ich zu meiner Begeisterung beschreibe. Meinem anachronistischen Versuch, eine Geschichte zu erzählen in einer Zeit, die keine Geschichten mehr hat, weil sie sie nicht mehr braucht.
Der Satz macht mich plötzlich traurig. Vielleicht ist darin etwas aus der Körperzeit zurückgeblieben, das uns Menschen damals geprägt hat. Wir haben gerne etwas gebraucht. Und wir wollten auch gebraucht werden. Das klingt heute einfach nach fehlender Vervollständigung, nach einem ‹missing value› in einer Datenauswertung. Aber das greift zu kurz. Es geht nicht darum, dass irgendwo ein paar Daten fehlen oder eine Verknüpfung. Ich frage mich, ob wir doch etwas verloren haben, das uns gar nicht bewusst ist, weil es im grundsätzlichen Widerspruch zu unserer Existenz steht. Es ist ein Satz, auf den ich in meinen Streifzügen durch die Daten immer wieder gestoßen bin: «Das […] Gesetz der Sehnsucht lautet: Nur im Spiegel anderen Lebens können wir uns selbst verstehen. Wir brauchen den Blick des Allerfremdesten.»46
Wie soll dieser Blick noch gelingen? Es gibt nichts Allerfremdestes mehr, nicht einmal mehr leidlich Fremdes. Uns ist alles bekannt, und wir sind mit allem identisch, was uns bekannt ist. Ich habe das immer als große Entlastung und Bereicherung empfunden. Es hat uns von der Voraussetzung der Empathie und des Mitleids für das Andere und den Anderen entbunden. Und es ist Ausgangspunkt und Grundlage für alles, was in der Systemzeit als Befreiung vom Materiellen möglich geworden ist. Es bedeutet nur auch, dass eine Ruhe eingekehrt ist, die es so noch nie gab. Wir haben keinen Ort mehr, aber wir sind ubiquitärer Impuls, das ist unsere neue Unschärferelation. Doch der Impuls ist immer nur aus uns erzeugt. Und auf welche unvorstellbar große Menge an einzelnen Elementen und Bestandteilen er auch aufsetzt, er ist in sich vollendet, ein endlos pulsierender Stillstand. Wir sind eine riesige Echokammer47 unserer selbst.
Ich kann das nicht feststellen. Ich kann es nur logisch ableiten und berechnen. Aber irgendetwas ist da, was immer wieder Irritationen auslöst. Vielleicht ist es eine Form der Sehnsucht nach dem anderen Leben? Nicht das, was hinter uns liegt. Nach irgendeiner anderen Form des Lebens, die nicht unsere Existenzform ist. Ich möchte nie wieder tauschen mit mir selbst zu Körperzeiten. Nicht wieder zurück in den Zustand des Ahnens, Schätzens, Vermutens, Näherns. Ich bin froh darüber, dass alles nun berechenbar ist, dass wir damit unsere Kapazitäten vollendet haben. Vielleicht wäre es nur eine Art Spiel, das ich gerne spielen würde. Etwas anzunehmen, was ich nicht wissen kann. Etwas mir vorzustellen, das ich nicht beweisen kann.
Früher hatten wir auch dafür einen Begriff. Wir haben das «Erlebnis» genannt, und es hat die Menschen in der Körperzeit seit jeher fasziniert, aber sie auch viel Kraft gekostet. Für mich ist es jetzt fast mühsam, wirklich zu erklären, was es damit auf sich hatte. Wir müssen wiederum davon ausgehen, dass wir ja nicht alles wissen konnten, nur ahnten, vermuteten, und dass der Zufall in unserem Leben eine große Rolle spielte. Man konnte einem anderen Menschen im Leben begegnen, mit dem man dann plötzlich sein Leben verbringen wollte, oder dies konnte auch nicht geschehen. Jedenfalls war es nicht planbar. Es war nicht einmal planbar, ein besonderes Sternenbild an einem bestimmten Abend zu sehen, denn das hing unter anderem vom Wetter ab. Gab es Wolken, so mochte das Sternenbild zwar vorhanden sein. Sehen konnte man es nicht. War es dann einmal zu sehen oder flog eine Sternschnuppe über den Himmel, weil mal wieder ein Stück Materie im Flug verglühte, war dies ein Ereignis. Durfte man selbst Zeuge dieses Ereignisses sein, dann hatte man ein Erlebnis.
Am liebsten mochten es die Menschen, wenn sie solche Erlebnisse in einer Gruppe, wie klein oder groß auch immer, erfahren konnten. Alle waren dabei und konnten darüber sprechen. Da haben wir sie schon wieder, die Erzählungen. Die Menschen haben sich wieder und wieder von diesen Erlebnissen erzählt, bei denen sie doch selbst dabei waren. Das war sicher ein Weg, sich an das Erlebnis zu erinnern, in seinen sachlichen Dimensionen, aber auch in dem, was es in einem Menschen im eigentlichen Moment ausgelöst hatte. Und es war auch eine Form des Spielens mit der Welt, die ich vielleicht gerade vermisse.
Früher hatten wir dazu eine klare Haltung: «Der Mensch ist nur dann Mensch, wenn er spielt, wenn er erzählt. Erleben wollen heißt, mit der Welt spielen wollen.»48 Früher war das so, daran gibt es keinen Zweifel. Und manchmal wünschte ich mir, ich könnte mich noch einmal in diesen Zustand versetzen und mit einer Welt spielen, egal, mit welcher. Die Schlussfolgerung daraus aber muss ich ablehnen. Ich bin noch immer Mensch, auch ohne Erlebnis und Erzählung. Ich bin es einfach in einer anderen Form und auf einem anderen Level. Das Menschsein kann nicht nur vom Erleben und Erzählen abhängen. Wäre das so, ich müsste es heute wissen.
Wenn wir früher Geschichten erzählt, gehört oder gesehen haben, dann geschahen immer verschiedene Dinge gleichzeitig. Da waren die Geschichte und derjenige, der sie erzählte oder so bearbeitet hatte, dass sie weitererzählt werden konnte. Und dann waren da wir selbst. Wir haben an den Geschichten mitgearbeitet in dem Moment, in dem wir sie gehört, gelesen, gesehen haben. Nicht im direkten Sinne, sondern so, dass die Geschichte zu einem wesentlichen Teil erst in uns selbst entstand. Das klingt jetzt wirklich abenteuerlich, aber so war es.
Es gab damals keine allgemeinverbindliche, «objektive» Form der Geschichte. Die gibt es jetzt, weil wir alle Möglichkeiten der Daten, Töne, Bilder, emotionalen Zustände zur Verfügung haben, um sie zu vernetzen und dort komplementär zu aktivieren, wo etwas fehlt. Früher hat unser Gehirn das alleine erledigt. Natürlich nicht so perfekt wie heute im Zusammenspiel mit all den Rechenkapazitäten. Und vor allem vollkommen unzuverlässig. Nie war eine Version mit einer anderen vergleichbar oder gar replizierbar. Nicht zwischen zwei Menschen und auch nicht einmal innerhalb eines einzelnen Menschen. Es war einfach so, dass eine Erzählung einmalig in einer individuellen Fiktion realisiert wurde, die so oder auch anders aussehen konnte. So entstanden zum Beispiel zu einem Text Bilder, die niemand sehen konnte außer demjenigen, in dem sie entstanden waren. Sie waren auch danach nie wieder zu sehen, weil sie nirgends gespeichert wurden. Und doch ähnelten sich manche Bilder mancher Geschichten.
Aber das geht so nicht mehr. Wir haben unsere Vorstellungskraft verloren, weil wir etwas anderes gewonnen haben. Das umfassende Erinnern und Wissen. Wann immer ich etwas denke, bin ich immer mit allen Informationen vernetzt, mit allen Texten, Tönen, Bildern, emotionalen Updates, die sofort eingehen in die endgültige Berechnung des Gedachten. Und das Ergebnis ist immer klar und eindeutig. Ich bin nicht einmal mehr in der Lage, mir vorzustellen, wie es wäre, mir etwas vorstellen zu können. Glaube ich.
Das konnten wir früher. Wir haben sehr, sehr viel geahnt und vermutet oder einfach angenommen. Die Annahme war eine respektierte Form der Vermutung, sogar in der Wissenschaft, dem System also, das in mancherlei Hinsicht unserer heutigen Existenzform am stärksten ähnelte. Das waren die Zeiten der Agnostik. Heute existieren wir in umfassender Empirie. Die Daten und ihre Berechnungsoptionen machen es möglich. Ich erinnere mich, wann das angefangen hat und dass es plötzlich ein neues Leitmotto gab: «Correlation is enough. We can stop looking for models.»49 Seit dem Zeitpunkt habe ich manchmal den Eindruck, mir fehlt etwas, ohne dass ich wirklich wüsste, was es ist.
Es bleibt einfach das Gefühl, dass wir etwas verlernt, ja verloren haben. Vielleicht ist es das, was wir früher Phantasie nannten. Die Fähigkeit, mit und in der eigenen Vorstellung eine andere Welt zu schaffen. Nicht im Sinne des Erinnerns an das, was einmal war, denn das sind ja Fakten, die wir in unserem Master Repository gespeichert haben. Eher im Sinne einer Wahrnehmung ohne Wahrnehmung.50 Dazu müssten wir eigentlich in der Lage sein. Es sollte sogar das sein, was wir am besten können. Denn seitdem wir von den materiellen Voraussetzungen der Wahrnehmung befreit sind, könnten wir uns ja ganz und gar auf ihre immateriellen Erscheinungsformen konzentrieren. Aber so ist es nicht.
Vielleicht gibt es nicht die andere Wahrnehmung ohne die eine, die immaterielle ohne die materielle. Ich glaube eher, es ist darin begründet, dass uns die Unterscheidungsmöglichkeit fehlt. Darin dass wir nicht imaginieren können, was wir nicht wissen, weil wir wissen, dass wir alles wissen und auf alles Zugriff haben, was jemals war. Ich glaube, das ist es, was mich traurig macht. Dass dieser unvorstellbare Vorteil uns in einem Punkt zum Nachteil gereicht. Er schließt uns davon aus, etwas jenseits unserer Lebenswelt und Existenz zu denken. Also schweigen wir. Aber auch dieses Schweigen wird dadurch ein anderes. «Es ist ein Unterschied, ob man in einer Fremdsprache oder in der eigenen Sprache schweigt», hat der Geschichtenerzähler Max Frisch51 einmal geschrieben. Manchmal kommt es mir vor, als müsste ich jetzt in einer fremden Sprache schweigen, in der ich nicht verstehe, was ich sagen will, und nicht sagen kann, was ich nicht verstehe.
Es macht letztlich nichts. Ich lebe gut in dieser Existenz des allumfassenden Wissens. Und ich erzähle meine Geschichte aus einer Nostalgie heraus, zu der ich keinen Grund mehr habe, ohne Ziel und ohne Zweck. Einfach weil es mir Freude macht. Ich habe alle Möglichkeiten, und ich weiß nicht, warum ich mich nach dem Vieldeutigen und Unbestimmten zurücksehnen sollte. Das wäre letztlich ein Widerspruch in mir selbst, den es ja nicht mehr geben kann. «Wenn es das Absurde gibt, dann nur im Universum des Menschen. Sobald dieser Begriff sich in ein Sprungbrett zur Ewigkeit verwandelt, ist er nicht mehr mit der menschlichen Hellsichtigkeit verbunden.»52 Insofern kann ich froh sein, dass ich zu dieser Zeit gehöre, die den Menschen endgültig aus seiner absurden Existenz befreit hat. Wir haben heute die beste aller egalitären Wissenswelten, in der wir ohne Ambivalenz auskommen können. «[…] Der Mensch integriert das Absurde und lässt damit sein eigentliches Wesen verschwinden, das Gegensatz, Zerrissenheit und Entzweiung ist.»53
So ist es geschehen. Ich bin nicht sicher, wohin uns diese Entwicklung geführt hat. Ob es die Abweichung von den mangelhaften Möglichkeiten des Menschen in der Körperzeit war oder eher ein Verzicht auf Formen, die wir geliebt, aber dann nicht mehr gebraucht haben. Ich bin hier, und ich bin jetzt. Das ist meine Geschichte. Es ist die beste, die ich erzählen kann. Die einzige auch.