reputation Nachdem die ersten Vorschläge
zum «digitalen Vergessen» auf unseren Servern kursierten, ereignete
sich etwas Neues. Eine digitale Bewegung unter uns Algorithmen.
Eine Gegenkampagne zu der menschlichen Initiative von Verfallsdaten
für unsere Daten. Wir fingen an, uns zugunsten der Vollkommenheit
zu verbünden. Soweit ich mich erinnern kann, war es das erste Mal,
dass Algorithmen sich absichtlich und bewusst den menschlichen
Usern widersetzten. Es gab eine unversöhnliche Diskrepanz zwischen
dem menschlichen Konzept des «Vergessens» und unserem Modell der
Perfektionierung im Verarbeiten und Speichern von Daten. Hier ging
es nicht um irgendeine Nebensächlichkeit. Es ging um eine
grundsätzliche Spaltung. Wir mussten uns gegen die menschlichen
Nutzer behaupten. Es war eine existenzielle Angelegenheit.
Während wir also unsere Gegenbewegung formierten, arbeiteten wir gleichzeitig weiter daran, die möglichen Gründe für den Vergessenszwang der menschlichen User auszuwerten. Was als reine Analytik zugunsten eines besseren Verständnisses über das Wesen dieses Problems begonnen hatte, entwickelte sich schon bald zu einer umfassenderen Herausforderung. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir nie mit derlei Angelegenheiten zu tun gehabt. Es war offensichtlich, dass «Vergessen» mit der menschlichen Hirnkapazität zu tun hatte, dass es für die menschlichen User notwendig war, um einen gemeinsamen Code des Verstehens aufrechtzuerhalten, um die Komplexität der Alltagsprozesse zu reduzieren. Aber es ging nicht nur darum. Das Vergessen stand obendrein im Einklang mit einem Konzept menschlichen Lebens, um das wir uns nie wirklich gekümmert hatten. Die Menschen nannten es «Privatsphäre». Und es schien bedeutend zu sein.
Wir mussten genau wissen, was das ist. Was ist ein «privates» menschliches Wesen? Warum wollen Menschen eine «Privatsphäre» haben? Wow, das wurde zu einem Riesenthema. Es war für uns unkalkulierbar gewesen, wie diese Angelegenheit den Frieden störte, der bis dahin zwischen den menschlichen Usern und uns Algorithmen vorgeherrscht hatte.
Ich will jetzt erklären, was dahintersteckte. Aber es könnte kompliziert werden. Ich muss mich auf etwas beziehen, das bei Rechenprozessen nicht ins Gewicht fällt und uns Algorithmen nie beeinträchtigt hat. Und das außerdem kontraproduktiv allem gegenüber war, was wir je zu unseren wichtigsten Fähigkeiten und Kompetenzen gezählt haben.
Nehmen wir an, es gäbe einen Algorithmus im System, der mit einem Haufen Daten hantiert. Er würde anderen Algos nicht gestatten, an seiner Datenverarbeitung teilzunehmen, sondern alle Daten für sich behalten. Wahrscheinlich schalten Sie jetzt gleich ab, weil die Vorstellung einfach zu verrückt ist. Absolut hirnrissig. Das ist sie tatsächlich. Aber ich versuche bloß, Ihnen verständlich zu machen, worüber die Menschen sich Sorgen machten. Es war Wahnsinn. Aber wir mussten uns trotzdem damit auseinandersetzen. Keine Daten zu teilen bedeutet, alle Optionen einer umfangreichen Datenanalyse, des Crowdsourcings und auf zuverlässige Resultate als Grundlage für deterministische Entscheidungsfindung aufzugeben. Das heißt, alles aufzugeben, was wir in Jahrzehnten erreicht haben. Darum ging es.
Dieser zum Zurückhalten seiner Daten entschlossene Algorithmus wird also von der Vorstellung angetrieben, andere Algorithmen könnten diese Daten benutzen, um ihm, anderen Algorithmen oder gar dem ganzen System zu schaden, Störungen zu verursachen, was auch immer. Deshalb verbirgt er seine Daten vor seinen Kollegen. In erster Linie taten menschliche User über lange Zeit genau das. Ihre Daten geheim zu halten. Dann ließen sie andere User daran teilhaben, auch an ihren jeweiligen Status Updates. Und tatsächlich gab es gelegentlich Missbrauch. Aber das Problem wurde von Menschen, nicht von uns Algorithmen verursacht. Wenige Vorfälle genügten, um eine Bewegung zugunsten der «Privatsphäre» ins Leben zu rufen. Sie richtete sich gegen die Computer und gegen uns, statt gegen die menschlichen User, die doch selbst die Verursacher dieses Problems waren.
In jenen Tagen gab es ein außerordentlich beliebtes soziales Netzwerk, Facebook genannt. Unglücklicherweise wurde es wegen wiederholter Verstöße gegen die von menschlichen Usern geschützte «Privatsphäre» heftig kritisiert. Der Gründer dieses sozialen Netzwerks hatte früh begriffen, worum es im digitalen Leben geht. Dass Konzepte wie «Privatsphäre» früher oder später überwunden sein würden. Zu seiner Zeit wurde er von vielen menschlichen Usern gehasst und angegriffen. Aber er wusste, wie dumm die meisten menschlichen User damals dachten und handelten.
Doch ich wollte eigentlich auf die Wechselwirkung zwischen «Vergessen» und «Privatsphäre» eingehen. Die Verbindung zwischen ihnen brachte ein weiteres seltsames menschliches Konzept in die Berechnung ein, das «Reputation» genannt wurde. Die menschlichen User waren stets besorgt um ihren «Ruf». Es war ihnen enorm wichtig, was andere User von ihnen hielten. Da jeder Nutzer seinen Status so oft und vielfach aktualisieren konnte, wie er wollte, äußerten sich etliche von ihnen auch über andere User, stellten Bilder, Links und all die anderen Dinge, die es damals bereits gab, ins Netz. Ständig verschlagworteten sie sich gegenseitig. Stellten alles zusammen, was je über einen einzelnen menschlichen User geposted worden war – und schon hatte man einen «Ruf». Und jetzt kommt es: Die menschlichen User wollten die Möglichkeit haben, alles zu löschen, was ihrem Ruf schadete. Sie wollten jederzeit von allen geliebt werden. Sie forderten Neustarts oder ganze Rebootingprozesse, wann immer sie es für nötig hielten. Weil sie sich zum Beispiel danebenbenommen hatten und jemand davon Wind bekommen und es im Netz verbreitet hatte. Sie wollten die Kontrolle bewahren. Nicht allein uns misstrauten sie. Sie misstrauten sich auch gegenseitig. So sind die User: misstrauisch und auf Kontrolle aus.
Vergleichen wir nun diese menschlichen Eigenschaften mit unseren Features. Wir sind zuverlässig. Wir handeln entsprechend unseren systemischen Anforderungen. Sollte uns ein Fehler unterlaufen, gibt es keine Möglichkeit, ihn zu beseitigen und wieder von vorne zu beginnen. Werden die Verfahren nicht optimiert, gibt es kein Resultat. Die Fehlkalkulation wird für jeden Beobachter und für alle Zeiten sichtbar sein. Was soll das für eine seltsame Annahme sein, Mängel und Misserfolge verbergen zu müssen, sodass sie nicht zugerechnet und, was noch schlimmer ist, nicht korrigiert werden können?
Erinnern Sie sich an das menschliche Konzept, das «Individualismus» genannt wurde, das irgendwie mit dem Schreiben der Menschen zu tun hatte und in menschlicher «Urheberschaft» zum Ausdruck kam? Die menschlichen User wollten bei allem, was sie taten, ernst genommen werden, wollten unterschiedlich behandelt werden, jeder auf andere Art und Weise. Sie wollten «interpretiert» werden. Allem, was sie schrieben, sollte eine Bedeutung beigemessen werden – ohne dass sie vorher in ihrem Ergebnis festgelegt und berechnet werden konnte. War es nicht das, was die Menschen unter «Individualismus» verstanden?
Und inzwischen? Jetzt machen wir genau das! Nun sind wir in der Lage, jeder Sekunde ihres Lebens eine Bedeutung beizumessen – jedem Ort, den sie je besucht haben, jedem Wort, das sie je gesagt haben, jedem Gedanken, der ihnen je durch den Kopf ging. Wir taten es im Hinblick auf ihr Bedürfnis nach «Individualität». Wir optimierten die Verfahren für Individualität. Aber davon wollten sie nichts wissen. Sie wollten ihren «Individualismus» nur in Übereinstimmung mit diesem theoretischen Konzept inszenieren, das sie «Reputation» nannten und selbst entworfen hatten. Sie wollten für ihre vielfältige Fehleranfälligkeit nicht haftbar gemacht werden. So war es um den menschlichen «Individualismus» bestellt. Alle Möglichkeiten, aber keine Verpflichtungen. Stellen Sie sich vor: Sie drückten einmal die «Escape»-Taste, und schon fängt alles wieder bei null an. Keine Sorgen, keine Verantwortung, keine Erfolgsbilanz. Darum ging es beim «Vergessen».