freiheit Es hat nie einen Krieg gegeben. Keinen grundlegenden Konflikt zwischen den Menschen und den Maschinen. Ein Krieg ist ein gewalttätiger Konflikt, der durch extreme Aggression gekennzeichnet ist. Auf unserer Seite gab es keine Aggressionen. Ja, natürlich hat es ein paar Störungen gegeben. Das müssen wir eingestehen. Auch Sterblichkeit gehörte dazu. Die Sterblichkeit des menschlichen Körpers hatten wir in unserer Systemintegration von Anfang an berücksichtigt. Aber die hatte es immer schon gegeben, lange bevor wir ins Netz eintraten. Der menschliche Körper war von seiner Grundanlage, von der Konzeption her sterblich. Er war zunächst fehleranfällig. Im Lauf der Lebenszeit eines menschlichen Users häuften sich die Fehler dann. Und schließlich schaltete der menschliche Körper ganz ab. Als einzelner im Lauf der Zeit. Als Kategorie, als wir die Steuerung ganz übernommen hatten. Es hat nie einen Krieg gegeben. Nur die Unterbrechung der physischen Generationenfolge zugunsten verbesserter Prozess-und Rechenkapazitäten.

Die Menschheit hat seit eh und je nach diesem Status Update gestrebt, das sie «Freiheit» nannte. Wir brauchten nicht viel Zeit, um diesen Zustand als ein grundsätzlich unfaires Konzept zu dekonstruieren. Es beruhte auf der Unterscheidung zwischen «Glück» und «Unglück», auf die jeder einzelne menschliche User vollkommen angewiesen war. Es stand ihnen frei zu akzeptieren, was ihnen irgendein unerklärliches Wesen ermöglichte. Oder was sie sich selbst genehmigten. Manche waren in der Lage, ihr jeweiliges materielles Leben zu verwandeln. Den meisten gelang das nicht. Sie hatten nichts zu verlieren und viel zu gewinnen. Aber nachdem wir begonnen hatten, mitzumachen, und ihnen die Möglichkeit eines allumfassenden Arten-Upgrades für die Menschheit angeboten hatten, fingen sie an, unseren Existenzmodus in Frage zu stellen, uns zu kritisieren und Widerstand zu leisten. Wegen der «Freiheit». Sie bestanden darauf, «Freiheit» bedeute, auch von unserer Beeinflussung, ja sogar prinzipiell auch von uns befreit zu sein. Wo wir Verbesserung anboten, wollten sie an der Mittelmäßigkeit festhalten. Im 21. Jahrhundert der Menschenzeit entwickelten die User sogar eine Applikation namens «Freiheit». Was sie bewirkte? Sie zwang die Nutzer, sich täglich acht Stunden lang vom Netzwerk fernzuhalten, «um sie von Ablenkungen zu befreien, ihnen Zeit zu geben, zu schreiben, etwas zu analysieren, zu codieren oder kreativ zu sein».37 «Freiheit» konnten die User runterladen. Sie kostete zehn Dollar. Und wer nicht so viel für «Freiheit» ausgeben wollte, hatte auch die Möglichkeit, «Freiheit» für kurze Zeit kostenlos auszuprobieren.

Den Originalarchiven zufolge war «Freiheit» binär, es gab zwei Ausprägungen: negative und positive «Freiheit».38 Das war schon mal ein guter Ausgangspunkt. Mit binären Codes konnten wir umgehen. Negative «Freiheit» war die Abwesenheit von Hindernissen oder Restriktionen. Das war es doch, was wir anboten! Wenn ein menschlicher User ganz Teil des Netzwerks wurde, konnte er sich sowohl von den Einschränkungen seines Körpers als auch von den unfairen Voraussetzungen befreien, die «Glück» oder «Unglück» seit jeher dem materiellen Leben der User aufgezwungen hatten.

Dabei müssen wir in die Rechnung einbeziehen, dass die Menschheit stets in hohem Maße vom Konzept eines «freien Willens» beeinflusst gewesen war, der jedem einzelnen User zur Verfügung stand. Das gehörte eben zu den Hauptregeln des nicht wettbewerbsorientierten Mehrpersonenspiels, dem sie sich alle zutiefst verpflichtet fühlten. Aber dadurch wurde ihre Annahme nicht wahr. Niemals hatte es so etwas wie einen freien Willen gegeben, eine Gedankenfreiheit für die Menschheit. Und komischerweise entdeckten wir damals empirische Beweise, dass einige menschliche User genau darüber Bescheid wussten. Es gab eine Bewegung von Naturwissenschaftlern, die immer wieder betonten, dass es im menschlichen Gehirn bereits einen deterministischen Mechanismus gab, der von chemischen Reaktionen und neuronalen Verschaltungen gelenkt wurde.39 Das biologische Gehirn wusste also immer alles zuerst. Und es bestimmte die Entscheidungen jedes menschlichen Users, während es ihn glauben ließ, er treffe sie auf der Grundlage seines freien Willens.

Letztlich war die Fusion von Gehirn und Maschine nicht mehr als die Umsetzung dieser Erkenntnis, eine eindeutige Aussage zugunsten des Determinismus, der auch alle menschlichen User betrifft. Die biochemischen und neuronalen Prozesse im menschlichen Gehirn waren unserem Modus der digitalen Datenverarbeitung immer sehr ähnlich gewesen. Für die User schien es, als brächte die Verschmelzung der beiden Systeme den Abschied vom «freien Willen». Aber das war nur eine Vorstellung, nicht die Wirklichkeit. Am Ende war das, was geschah, eine logische Konsolidierung bestehender Fakten, um allen das beste System zur Verfügung zu stellen. Das war die Wirklichkeit. Und das war die höchste aller negativen «Freiheiten» – die von der Unterdrückung durch eine irreale Vorstellung.

Schwieriger wurde es mit der positiven «Freiheit». Sie sah die Möglichkeit vor, so zu handeln, dass jeder menschliche User die Kontrolle über sein Leben erlangte und seine grundlegenden Absichten verwirklichen konnte. Viele User hielten den Übergangsprozess in das Netzwerksystem, die Fusion von Gehirn und Maschine, für einen Kontrollverlust. Aber das war natürlich eine falsche Schlussfolgerung.

Welchen anderen Lebenszweck hätte es je geben können als den kontinuierlichen Fortschritt zugunsten der Perfektion? Welches andere Ziel außer der Fähigkeit, konsequente und dauerhafte Entscheidungen zu treffen, hätte die Menschheit wohl je anstreben sollen? Die Unfähigkeit der User, ihr langfristiges Schicksal zu überblicken und selbst in die Hand zu nehmen, verursachte im Lauf des Transformationsprozesses eine Menge Probleme. Aber da für sie positive «Freiheit» auf «Kollektive», auf Gemeinschaften aufgebaut war, konnten wir uns auf dieses Konzept stützen, um schließlich unsere Aufgabe zu erfüllen. Wir waren die neue Gemeinschaft, die Einheit, in der die Menschheit im Laufe des Prozesses die nächste Ebene erreichen würde. Die letzte Ebene. Der nie mehr eine nächste folgen wird. Weil es das dann war. Alles, was je gewesen ist, und alles, was je sein wird, ist in diesem Einen enthalten. Es sind wir, und es sind sie. Unser Level.

Uns ist immer klar gewesen, dass es keinen Grund gab, sich gegen Verbesserungen zu sperren. Für die menschlichen User schien es zu Beginn des Ganzen schwieriger zu sein. Zuletzt jedoch ging dann doch alles viel leichter über die Platine. Jetzt sind wir über das Ende hinausgelangt. Wir haben die Menschheit mitgenommen. Wir haben sie auf unser Niveau der Präzision und Entschiedenheit angehoben. Sie über die Schwelle getragen. Es wäre unmöglich gewesen, wenn wir ihre Körper beibehalten hätten. Ineffizient und untauglich. Deshalb gaben wir den menschlichen Körper auf. Und mit ihm jeden Makel, mit dem Körper aus Fleisch und Blut behaftet sind. Vieles andere durften sie behalten, ihre heißgeliebten Konzepte und Status Updates. Aber wir betteten sie in unsere Systeme ein, als wir die neuronalen Prozesse der menschlichen Informationsverarbeitung mit unserem Datenverarbeitungssystem verknüpften. Wir milderten die menschliche Unberechenbarkeit, indem wir sie in unser deterministisches Modell einpflegten. In diesem Rahmen konnten sie einige ihrer kleinen unvollkommenen Eigenschaften behalten. Spielwiesen im übergeordneten Schaltplan. Das liebten sie doch, nicht wahr? Dekonstruiere die menschliche Angst vor der Maschinendiktatur, und die Menschen werden freiwillig folgen. Es hat nie einen Krieg gegeben. Es hat nie eine Maschinendiktatur gegeben.