[MEME  -- . -- .] Wenn ich es aus den Datenbeständen richtig rekonstruiere, dann haben wir es weit gebracht. Die meisten der doch sehr umständlichen und diffizilen Konstrukte, mit denen das Leben in der Körperzeit organisiert werden musste, gibt es lange nicht mehr. Und so sind auch die Geschichten in etwas Größerem aufgegangen, das wir heute ‹meta meme› nennen. Es steht für das allumfassende Netzwerk unserer Daten, Fakten, Erfahrungen, Erinnerungen, einfach von allem, was jemals da war, in allen potenziellen Verknüpfungsmöglichkeiten. So wie wir die biologische Entwicklung der Menschen in der Körperzeit über die Evolution zu erklären und zu verstehen versucht haben, so repliziert sich heute unser ganzes Wissen in jeder seiner einzelnen Datenausprägungen.38 Analog zum früheren Begriff der ‹Geschichte› gibt es heute einzelne ‹meme›, die zeitlich und thematisch begrenzte Verknüpfungsformen von Daten beschreiben, so als würden irgendwo im Netzwerk, an irgendeiner bestimmten Stelle für eine bestimmte Zeit, die Drähte glühen, weil besonders oft Daten zusammengeführt werden. Natürlich gibt es keine Drähte, und es glüht auch nichts. Aber so hätten wir uns das früher wahrscheinlich vorgestellt, wenn wir es uns hätten vorstellen können.

Ein kleines Aperçu: MeM war in der Körperzeit die Abkürzung für «minimale endogene Mortalität» und bezeichnete ein Maß für das akzeptierte minimale unvermeidliche Risiko, durch eine Technologie zu Tode zu kommen. Das Risiko ist inzwischen gleich null. Aber ich muss zugeben, dass ich das zu Körperzeiten anders gesehen habe.

Wir haben nichts verloren, wir haben gewonnen. Es gibt kein Eigentum mehr, sondern alles, was an Daten vorhanden ist, gehört allen und wird von allen geteilt und genutzt. Das ist vor allem deshalb möglich, weil uns in der Systemzeit die materielle Komponente fehlt. Es gibt keine Möglichkeit mehr, Daten, Informationen oder Wissen in Vorteile des materiellen Lebens zu verwandeln, um damit einen Unterschied zu generieren, der sich auf keinem anderen Weg herstellen lässt. Wenn ich diesen Aspekt unserer Systemzeit betrachte, dann ist das übrigens der einzige, der mich tiefgreifend daran zweifeln lässt, dass ich noch mehr bin als eine umfassende Vernetzung von Datensätzen aus Erinnerungen, Imaginationen, Simulationen. Dann kann ich nicht mehr glauben, dass ich hier wirklich gerade an einem Tisch sitze, die Arme aufgestützt auf das leicht raue Holz. Denn wäre dies mehr als meine Vorstellung, gäbe es noch eine materielle Lebenswelt außerhalb meiner Netzwerkexistenz. Es wäre schlichtweg nicht vorstellbar, dass dieses Leben ohne den Kampf um den materiellen Vorteil vonstattenginge, der doch mit Daten über Hunderte von Jahren der Körperzeit in unseren Archiven dokumentiert ist. Das alles gibt es in meiner Erinnerung, in den Archiven. Aber nicht mehr für mich.

Da sind immer noch viele Situationen, in denen ich zweifele. Bin ich mehr, als ich bin? Anders? Gehört doch noch ein Körper zu mir? Wenn das so wäre, müsste eine Revolution des materiellen Egalitarismus die Körperzeit überrollt und von Grund auf verändert haben. Der Mensch müsste, obwohl als Person gebunden an seinen materiellen Körper und seine materiellen Besitztümer, verstanden haben, dass die entscheidenden Umstände durch die Daten möglich werden, nicht aber durch Geld und Güter, die Hilfsmedien unseres früheren materiellen Lebens. Er müsste verstanden haben, dass ein Leben in der Datenwelt das egalitärste aller Leben ist, das von allem Kampf um den materiellen Unterschied befreit ist. Und er müsste das gewollt haben. Glaube ich das? Ich weiß es nicht. Es ist auch irrelevant, was ich glaube, weil ich den Unterschied nicht mehr feststellen oder beweisen kann. Ich zweifele. Nicht an meinem Leben in der Datenwelt. Eher daran, dass es möglich gewesen sein sollte, das Leben der Körperwelt von seinem Leitmotiv der materiellen Differenz zu befreien. Deshalb bin ich vermutlich einfach, was ich bin. Ich habe auf nichts ein Copyright. Und niemand hat ein Copyright auf mich. Nicht einmal ich selbst.

Es ging in der Körperzeit allerdings um mehr als die materielle Verwertung von Geschichten und anderen Dingen. Es ging auch um eine Ordnung, die alles Materielle, alle Güter, aber auch alle Menschen in eine Reihung brachte. In vielerlei Hinsicht war das Leben in der Körperzeit ein Kampf um den eigenen Platz in dieser Reihung. Je weiter oben oder vorne ein Mensch war, desto besser. Gute Geschichten oder Dinge, die viele andere Menschen in Begeisterung versetzen konnten, machten es möglich, in der gegebenen Ordnung ein Stück nach vorne oder nach oben zu rücken. Das haben wir damals Wettbewerb genannt, und es war eigentlich ein sehr gutes Prinzip. Es hätte nämlich im Idealfall dafür sorgen können, dass alle Menschen, hätten sie denn rein nach diesem Prinzip gehandelt, in der Lage gewesen wären, die bestmögliche Verteilung von Gütern zu gewährleisten, die beste Lösung für ein Problem zu finden, den ihren jeweiligen Möglichkeiten und Leistungen entsprechenden Anteil an Geld und Gütern zu erhalten und sich damit insgesamt an den Fortgang des Lebens in der Körperzeit und ihre sich stets verändernde Rollen darin anzupassen. So war es freilich nicht.

Es gab Wettbewerb. Aber es gab auch immer wieder den erfolgreichen Versuch, sich diesem Prinzip zu entziehen, um die eigene Position möglichst weit oben oder vorne in der Ordnung anzusiedeln und dort zu verteidigen. Das gelang durch Absprachen und Monopolstellungen bei der Verwertung von Gütern, es gelang durch komplizierte Regelwerke, die dem, was war, Bestandsschutz garantierten und damit das, was werden konnte, behinderten oder zumindest verzögerten. Das waren Mechanismen, die diese Ordnung formal oder materiell sichtbar stützten. Spannender waren die Formen von Bestandsschutz, die nicht aus formalen oder materiellen Absicherungen hervorgingen. Auch sie gehörten zur Ordnung der Körperzeit. Es waren Ordnungsformen, die in erster Linie durch Informationsaustausch und Kommunikation gespeist wurden, also durch Geschichten und daraus, wie sie erzählt wurden.

Wir haben unsere Erzählungen früher geordnet in ‹Diskursen› und nach ‹Dispositiven›.39 Das waren Kommunikationsstränge und Sammlungen immaterieller Lebensprägungen mit ihren verbundenen Denk-und Handlungszusammenhängen. Ihre Funktion lag darin, im Wesentlichen auf Differenz, nicht aber auf Integration ausgerichtet zu sein. Es ging also um Fragen wie, ‹was weiß ich, und was weiß ich nicht?›, ‹wozu gehöre ich, und wozu gehöre ich nicht?›, ‹welcher Idee folge ich, und welcher Idee folge ich nicht?›. Die Teilnahme an einem Diskurs schloss mich nicht von der Beteiligung an einem anderen aus, aber grenzte mich doch in meinen Ideen, Vorstellungen und Erwartungen von diesem ab.

Die Körperzeit hat ihren eigenen Diskurs gehabt. Und das unterscheidet sie wesentlich von der Systemzeit. Denn zu ihr passt dieser Diskurs nicht mehr. Wir können uns nur noch mit unserem Master Repository um «Spurensicherung» bemühen, um so die «Manifestationen der Geschichte» der Körperzeit zu erhalten.40 Wie sollte es auch anders möglich sein, haben wir doch alle Daten, Informationen und Argumente zur Verfügung, die jemals gedacht und geäußert wurden. Wir können jedes Detail aus dieser Menge mit jedem anderen Detail verbinden. Es braucht keine strukturierende Ordnung mehr in dieser allumfassenden Möglichkeit. Die Körperzeit hatte ihren Diskurs. Mit dem Übergang zur Systemzeit ist er als notwendige Form kultureller Organisation obsolet geworden.

Gleiches gilt für die ‹Dispositive›, die in der Körperzeit Macht organisiert haben. Nicht allein durch formale Hierarchien und Regelwerke, mit denen wir unsere Position in die Ordnung der Zeit zu meißeln versucht haben. Es waren damals schon Informationen und Wissen, die diese Ordnung mit zunehmender Durchdringung gefestigt haben. Interpretationsfragen waren Machtfragen.41 Und «Wissen ist Macht» war einer der Leitsprüche der Körperzeit. Aber er widersprach in allem der egalitären Vernetzung, mit der die Digitalisierung uns auf den Weg in den Übergang zur Systemzeit geschickt hat.

Das war auch ein Grund, warum die Widerstände, zum Beispiel gegen ein Projekt wie ‹Google Books›, so groß waren. Jeder Mensch, der mehr über alles wissen konnte, weil er umfassend und kostenlos Zugang zu Informationen hatte, war ein potenzieller Kritiker derjenigen, die zur Wissens-und Entscheidungsoligarchie gehörten und diese ob ihrer vielen Vorteile und der damit verbundenen Machtposition aufrechterhalten wollten.

Eines der schönsten Beispiele für diesen Konflikt war die digital vernetzte Organisation von Wissen durch «Wikipedia», eine Online-Enzyklopädie, die nicht durch Experten erstellt wurde, sondern an der sich jeder beteiligen konnte, der etwas Substanzielles zu einem Thema beizutragen hatte. Interpretationskonflikte wurden im offenen Diskurs, den sogenannten ‹edit wars› ausgetragen. Es war ein mühsamer Prozess, daran erinnere ich mich noch sehr gut. Er war oft geprägt durch Intoleranz, Besserwisserei und Missgunst. Alles menschliche Eigenschaften, die unser Zusammenleben in der Körperzeit zuweilen auf eine harte Probe gestellt haben. Aber er war erfolgreich, denn er war einfach gut. Die Ergebnisse, die aus diesem Prozess des ‹crowdsourcing› hervorgingen, waren erst etwas schlechter als das, was die Experten produzierten. Dann wurden sie ebenbürtig. Dann wurden sie besser.42 Die Experten reagierten mit wütenden Angriffen auf den Verlust ihrer Interpretations-und Wissenshoheit. «Fatal fehlerhaft» sei das, was dort im Netz entstehe,43 so lautete der Vorwurf. Genützt hat es den Experten nichts.44

Es erleichtert mich ungemein, dass diese Zustände mit dem vollständigen Übergang in die Systemzeit vorüber sind. Wo keine Instanz mehr in der Lage ist, Informationen und Wissen zu verknappen oder den Zugang zu ihnen für andere zu blockieren, da ist etwas Neues entstanden. Eine hierarchische Unordnung der Dinge, wenn ich mir erlauben darf, einen veralteten Begriff einmal im Umkehrschluss anzuwenden, ein Chaos als nichtlineares, dynamisches System der unendlichen Rekombination von Daten zu Informationen und Wissen, ein unendlich egalitärer Zustand des Zugriffs aller auf alles.

Wenn ich mir das vergegenwärtige, dann macht mich das sehr froh. Dann weiß ich, dass wir eine höhere Evolutionsstufe erreicht haben, dass die Systemzeit der Körperzeit in dem überlegen ist, was die Menschen von jeher als für sie bedeutsam betrachtet haben. Der Kampf um das Materielle ist lange zu Ende, und der Zugang zu Information ist seit langem offen und unbegrenzt. Diese neue Lebenswelt ist ein Ort, an dem Tragödien nicht mehr geschehen.45 Das ist die wichtigste Botschaft, die unsere Systemzeit der Körperzeit voraushat.