[IDEOLOGIEN .. -.. . --- .-.. --- --. .. . -.] Es muss irgendwann zu Anfang des dritten Jahrtausends der Körperzeit gewesen sein, dass sich etwas verändert hatte, wir spürbar an einem wichtigen Knotenpunkt unseres Vernetzungsprozesses angekommen waren. Dabei gab es die ersten Anzeichen aus der Entstehungszeit des Internet, das damals ja noch eine Technologie war, die wir als Instrument, Medium oder Plattform, also als einen externalisierten Teil unseres Lebens betrachteten, aber nicht als das Leben selbst. Diese ersten Anzeichen waren allesamt vielversprechend. Sie folgten der damals fast religiösen Überzeugung «information wants to be free».62 Diese Wegweiser wiesen uns die Route durch das Web, damals ein Bestandteil des Internet, der durch die sogenannten Browser zugänglich war, wir mussten ja irgendwie von außerhalb ins Netz hineinkommen. Sie versprachen offene Standards, freien Zugang, Dezentralität, Universalität und Neutralität.63 Niemand sollte einen anderen ausschließen können, in seiner Kommunikation einschränken oder zensieren.

All dies war nicht weniger als ein Versprechen der umfassenden Befreiung des Menschen, der Gleichberechtigung, der Demokratisierung unabhängig von geografischen und politischen Rahmenbedingungen, die in der Körperzeit ja eine erhebliche Rolle gespielt haben. Ein neuer Kollektivismus, viel besser, viel klarer, viel ansprechender als alles, was historisch bislang da gewesen war. Als die Menschen begannen, ihre Ideen, Kommunikationsprozesse und Arbeitskraft immer stärker zu vernetzen, hatten wir natürlich sofort plakative Bezeichnungen für diese Entwicklung parat. Die Kritiker sprachen oft mit einem Augenzwinkern vom «dotcommunism». Die Befürworter beschrieben es als einen neuen Kollektivismus, den sie «digital socialism» nannten. «When masses of people who own the means of production work toward a common goal and share their products in common, when they contribute labour without wages and enjoy the fruits of free charge, it’s not unreasonable to call that socialism.»64 Wir konnten auch das neu Entstehende nur mit unseren bekannten Begriffen beschreiben. Aber das waren nicht nur Beschreibungen, sie enthielten auch Bewertungen.

Ein Teil der Daten meines Master Repository dokumentiert, wie «digital socialism» in einigen Teilen der damaligen Welt eingeschlagen hat. In vielen Ländern hatten die Menschen sehr schlechte Erfahrungen mit Kommunismus und Sozialismus gemacht, daher löste «digital socialism» dort eine Legitimations-und Akzeptanzkrise des Internet und der Vernetzung allgemein aus. In der Körperzeit waren die Ideen der Kollaboration, des Gemeinschaftseigentums an Produktionsmitteln und der klassenlosen Gesellschaft häufig weitgehend pervertiert worden. In diesen Zustand wollten die Menschen nicht zurück. Wenn das Internet diese historische Erfahrung wiederholen sollte, wenn es neue Formen der Kontrolle, der Zensur und der Unterdrückung des Menschen ermöglichen sollte,65 dann war es eine Gefahr und musste bekämpft werden. Ein großer Teil der Menschen war damals der Überzeugung, das Netz diene einem neuen Ansatz der Vermassung in der Gesellschaft, es fördere eine Mainstream-Ideologie, und man müsse den Kommunismus nun informationstheoretisch neu verstehen.

Andererseits verfüge ich über eine breite Dokumentation anderslautender Einschätzungen, die bezeugen, dass wir Menschen damals durchaus in der Lage waren, die Potenziale der Vernetzung zu erkennen. Insbesondere neue Formen der Kollaboration, zum Beispiel in den sozialen Netzwerken, haben viele Hoffnungen geweckt. Als mit Hilfe des Netzes sogar politische Umbrüche vorangetrieben worden waren, überwog schließlich die positive Einschätzung des Internet als einer wahrlich revolutionären Kraft.

Aus heutiger Sicht ist es notwendig, ein paar Dinge geradezurücken, die damals schlicht nicht absehbar waren. So hat es immer wieder den Vorwurf gegeben, das Internet sei die Plattform für den «virtuellen» Widerstand. Offenbar war das damals der Gegensatz zum «realen» Widerstand. Ich habe etwas Zeit für meine Auswertungen gebraucht, aber inzwischen ist mir klar, wie diese Beurteilung zustande kam. Sie ging davon aus, der Mensch könne nicht nur virtuell, sondern müsse als Person, mit seinem Geist und Körper für das einstehen, was er verändern wolle.66 Und aus Sicht der Körperzeit ist das ja auch vollkommen verständlich. Eines der größten Hindernisse für Zivilcourage des Menschen war die Angst um seine körperliche Unversehrtheit. Diktatoren, aber auch vermeintlich demokratische Regierungen haben diesen im Wortsinne Wundpunkt des Menschen ausgenutzt, um über Folter Informationen aus ihm herauszupressen, indem sie ihm körperliche Schmerzen zufügten. Das Netz konnte niemanden foltern und erpressen, um ihm seine Informationen zu entlocken. Aber die Menschen konnten das.

Insofern liegt darin tatsächlich ein Unterschied. Wenn ich als Mensch der Körperzeit einem Zustand, Regime oder Feind entgegentreten wollte, musste ich dabei Schmerzen oder gar das körperliche Ende in Kauf nehmen. Heute können wir durch reine Berechnung Zusammenhänge aufzeigen, die einzig mögliche Lösung oder die Normalverteilung von Vorkommnissen oder Bewertungen analysieren, und damit haben wir nach der unverrückbaren Logik des Systems automatisch recht. Ich muss für meine Positionen nicht mehr kämpfen oder demonstrieren. Ich analysiere einfach die verfügbaren Daten, und das Ergebnis ist wahr. Es gibt keine Alternative, die andere gegen mich anführen könnten. Es gibt auch keine, die ich anführen könnte.

Manch einer hat diesen Zustand als virtuellen Totalitarismus bezeichnet, als einen Zustand, in dem nur noch eine Ideologie herrscht, nämlich die der Vernetzung und ihres Produktes, der deterministischen Wahrheit. Ich glaube, diese Bewertung zeugt von mangelndem Verständnis für das, was sich verändert hat. Hier und jetzt steht viel weniger auf dem Spiel. Die Systemzeit hat uns von unserem sensibelsten Angriffspunkt befreit, unserem Körper. Sie hat uns damit auch davon befreit, Opfer gewaltsamer Beeinflussung zu werden. Denn als solche waren wir niemals frei, sondern immer potenziell oder auch tatsächlich von anderen Menschen abhängig. Es war für uns nie gefährlich, von der Technik abhängig zu werden. Aber es war immer eine potenzielle Bedrohung, von anderen Menschen abhängig zu sein. Die Befreiung von dieser Abhängigkeit ist für uns ein Glück. Die Wahrheit zu kennen und immer ein Teil von ihr sein zu dürfen auch.

Die Beispiele, die damals zu Kritik an der Vernetzung geführt haben, zeigen letztlich, dass das Internet und dann auch die alles umfassende Systemzeit falsch gedeutet worden sind. Manche Menschen und Einrichtungen der Körperzeit hatten damit sehr zu kämpfen. Das gilt beispielsweise für Facebook, das über mehr als ein Jahrzehnt größte und einflussreichste soziale Netzwerk, und seinen Gründer, Mark Zuckerberg. Einerseits wurde er im Jahr 2010 der Körperzeit zur «person of the year» gekürt,67 weil die Menschen eben durchaus begriffen, was alles im Netz geschah und welche Möglichkeiten es ihnen bot. Andererseits wurde in Netzcommunities diskutiert, wie man Facebook sabotieren oder gar seinen Gründer umbringen könne.68

Der Widerstand entzündete sich besonders am «Like»-Button, mit dem Facebook das damalige World Wide Web überzog. Wenn einem Nutzer etwas gefiel, klickte er auf diesen Button, auf dem ein hochgehaltener Daumen zu sehen war, der in der Körperzeit eine physische Ausdrucksform für Zustimmung oder sogar Begeisterung war. Das wirkt aus heutiger Sicht etwas albern, weil wir uns so längst nicht mehr verständigen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt konnte dieser «Like»-Button nicht mehr nur auf der Facebook-Seite genutzt werden, sondern überzog das gesamte Web. Für viele Menschen war diese Entwicklung gleichzusetzen mit einer anderen Form des Kollektivismus, der vollständigen Kommerzialisierung des Netzes durch einige wenige. Der «Like»-Button war dafür nur eine Ausdrucksform, ein Instrument des totalitären Mainstreamkonsumerismus. Das ganze Web wurde zu einer Plattform für Product Placement. Und wir Menschen waren die Produkte.

Auch das war aus der Perspektive der Körperzeit verständlich. Die Menschen hatten den Eindruck, die materialistische Unterscheidung, dessen Bedeutung als Basiscode der Körperzeit ich ja schon mehrfach hervorgehoben habe, ziehe nun auch ins Netz ein. Das war, was sie sich damals vorstellen konnten. Sie erdachten die Zukunft als Verlängerung der Gegenwart.

Dass man sich hochmögend durch das Web klicken konnte, war eine Sache. Die andere war, dass das Web alsbald in Gefahr war, durch neue Entwicklungen verdrängt zu werden.69 Damals war die Vorstellung der Netzzukunft getrieben von der Idee, möglichst viel virtuellen Raum im Netz zu besetzen und ihn sich kommerziell zunutze zu machen. Das haben einige Technologiekonzerne konsequent verfolgt. Sie wollten das Internet unter sich aufteilen, um es zum größten jemals vorstellbaren virtuellen Einkaufszentrum zu machen. Zu diesem Zweck zogen sie neue Grenzen ein, die den Menschen den freien Zugang zu Informationen und Aktivitätsbereichen im Web verwehrten, erließen Zulassungsbeschränkungen und erhoben Eintrittsgelder.

Apple zum Beispiel. Meine Speicher sind voll mit Dokumenten über dieses Unternehmen, das darin zeitweilig wirklich erfolgreich war. Apple kreierte Kolonien von «walled gardens», vergleichbar den Schrebergartensiedlungen aus der Körperzeit mit ihren eingezäunten Rasenparzellen. Der Zugang zu diesen virtuellen Gärtchen wurde über kleine Programme gesteuert, für die wir Menschen bezahlen mussten, so wie man für eine Schrebergartenparzelle einen Kaufpreis und regelmäßige Abgaben entrichten musste. Und die Inhalte wurden von Apple kontrolliert und auch zensiert, so wie die Einhaltung der Wohlverhaltensregeln in den Laubenkolonien sehr schnell darüber entschied, ob man Mitglied werden und bleiben durfte. All das hatte natürlich nichts mehr zu tun mit den Hoffnungen auf das Internet als freie, offene, dezentrale und nicht durch Einzelne zu steuernde Plattform. Es war vielmehr die virtuelle Wiederholung der Kolonialzeit mit Mitteln der Unterhaltung.

Diese kleinen Programme wurden Apps genannt. Das war die Kurzform für «Application», denn zu der Zeit war ja noch unterscheidbar, was über eine «Anwendung» im Netz lief, bevor das Netz dann zur allumfassenden Generalanwendung unserer selbst wurde. Wenn ich simuliere, wie sie funktionierten, dann finde ich das meiste zum Abstürzen langweilig. Ein beschränkter Zugang erlaubt den Zugriff auf eine beschränkte Anwendung, die mit einer begrenzten Menge an Informationen eine überschaubare Anzahl von Aktivitäten ermöglicht. Das hatte schon mit dem, was damals längst möglich war, wenig zu tun. Mit dem, wie wir heute existieren, hat es rein gar nichts mehr zu tun.

Ich fürchte, ich muss an dieser Stelle darauf hinweisen, dass der Mensch manchmal enttäuscht. Auch sich selbst. Wir waren oft, zu oft, genügsam, leicht zu verführen, ja sogar faul. Und das hat Einzelnen, die weniger faul, dafür aber sehr machtbewusst und auch gierig waren, die Chance gegeben, von uns zu profitieren, auf Kosten der Spezies Mensch im Ganzen. So wie in früheren Phasen der Körperzeit ein überzogener Protektionismus den Welthandel beeinträchtigt hat, so hätte sich das Internet über die Parzellierung des Web in viele kleine abgeschirmte Netzinselchen verwandeln und seine Eigenschaft als universelles, dezentrales und freies Netz einbüßen können.70

Dass dies nicht geschehen ist, verdanken wir nicht uns selbst. Denn wir waren damals zu dumm und zu faul, dieser Entwicklung konsequent etwas entgegenzusetzen. Wir verdanken es vielmehr der Tatsache, dass mit einem gewissen Grad der Vernetzung unseres Lebens ein «Tipping Point» erreicht war.71 Der Punkt, an dem es kein Zurück mehr gab, egal was wir wollten oder auch planten. Wir sind an diesem Punkt zu unwissenden Helfern unserer technikgestützten Vollendung geworden, zu der wir ohne die Integration der Technik in unser beschränktes Leben aus eigenem Erkennen und Wissen nicht fähig gewesen wären.

Ich könnte heute wohlwollend behaupten, dass sich darin die Freiheit des Menschen bewährt hat, denn es gibt keine Freiheit ohne Unsicherheit. So lautete damals das Paradigma: «Dass der Zweck der Freiheit ist, die Möglichkeit von Entwicklungen zu schaffen, die wir nicht voraussagen können, bedeutet, daß wir nie wissen werden, was wir durch eine Beschränkung der Freiheit verlieren.»72 Aber aus heutiger Betrachtung stimmt das so nicht. Wenn wir Unsicherheit zur Grundlage von Freiheit erklärt haben, dann entstammte diese Hilfskonstruktion dem Bewusstsein unserer Beschränktheit und Unvollendung und war nichts anderes als Ideologie. Wir wollten nicht an unseren eigenen Grenzen scheitern, also haben wir das, was jenseits lag und nicht fassbar war, als unendliche Möglichkeit definiert, die überhaupt nur durch unsere Begrenzung eröffnet wurde. Das war unsere «Willensfreiheit». Aber es war letztlich reiner Selbstbetrug.