[ERWEITERUNG . .-. .-- . .. - . .-. ..- -. --.] Ich fürchte, es ist zu spät, das zu entscheiden oder der Frage auf den Grund zu gehen, was jetzt ist. Aber ich kann erkennen, was einmal war und wo der Fehler lag. Wenn ich analysiere, was der Körper des Menschen einst bedeutet hat, welche umfassende Rolle er in allen menschlichen Lebensformen gespielt hat, dann ist schwer nachzuvollziehen, warum er stets verändert werden sollte und warum er aus dem Motiv vermeintlicher Verbesserung so bekämpft worden ist. Vielleicht hat es nicht einmal mit der Entwicklung der Maschinen zu tun, dass der Mensch den Körper aus dem Blick verloren hat. Vielleicht war er nur Mittel zum Zweck der Welterfahrung und des Weltbestehens. Darin lag seine Funktion. Und wenn er nicht funktionierte, wurde er wertlos.

Es ist schon ein eigentümlicher Widerspruch in der Geschichte des Menschen, dass er den Körper einst brauchte, um die Welt zu «begreifen». Und dass wir Menschen die Technik entwickelt haben, «als Kniff, die Welt so einzurichten, daß wir sie nicht erleben müssen. […] Technik als Kniff, die Welt als Widerstand aus der Welt zu schaffen.»107 Das ist, als hätte ich mir als Mensch der Körperzeit das Leben genommen, um schmerz-und leidensfrei zu existieren.

Begonnen hat es mit den Erweiterungen von Körper und Geist, dem «Enhancement». Das Wort klang besser als «Medizin» oder «Drogen» oder «Hilfsmittel». Jedes körperliche Funktionsproblem wurde durch genaueste Messungen festgestellt und dann mit dem richtigen «Enhancer» behandelt oder behoben. Zu dicke Menschen erhielten Mittel zur Befeuerung des Stoffwechsels und Kalorienverbrauchs. Wer rauchte oder andere körperlich unzuträgliche Genussmittel konsumierte, wurde in ein Programm der computergesteuerten Überwachung und Selbstkontrolle aufgenommen, das regelmäßige Nachfragen und Warnungen damit verband, erheblichen moralischen Druck auf den Menschen zu erzeugen. Wer sich nicht konzentrieren konnte oder langsam im Kopf war, hatte freien Zugang zu diversen Turbobeschleunigern, «Ritalin» zum Beispiel, ein Medikament, das nach meinen Speichern ursprünglich zur Behandlung ganz anderer Krankheitsbilder entwickelt worden war, aber nun auch in diesem Zusammenhang seinen Dienst tat.

Tatsächlich hat es eine Zeit der heftigen kontroversen Diskussionen über diese Form des menschlichen Verbesserungs-und Erweiterungsstrebens gegeben. Aber darin fanden vor allem die Experten Gehör, die der Meinung waren, «dass es keine überzeugenden grundsätzlichen Einwände gegen eine pharmazeutische Verbesserung des Gehirns oder der Psyche gibt. Vielmehr sehen wir im pharmazeutischen Neuro-Enhancement die Fortsetzung eines zum Menschen gehörenden geistigen Optimierungsstrebens mit anderen Mitteln.»108

Es bedurfte also keiner Gesundheitsdiktatur, es reichten eine kleine Expertokratie und ein wachsendes Anreicherungsproletariat, um den biokapitalistischen Kommunismus zu ermöglichen.

Wann das Pendel umgeschlagen ist, lässt sich aus den Repositories nicht mehr ganz genau rekonstruieren. Aber es gab offenkundig zwei Entwicklungen, die dabei entscheidend mitgeholfen haben. Da war zum einen die aus damaliger Sicht faszinierende Entschlüsselung des menschlichen Genoms, die im Jahr 1990 der Körperzeit begann und 2003 abgeschlossen war. Mit den in diesem Projekt gewonnenen Erkenntnissen konnte die medizinische Forschung zur Behandlung von Erbkrankheiten voranschreiten. Sie konnte das Zusammenspiel unterschiedlicher Gene erklären und Medikamente entwickeln, um die Krankheiten frühzeitig behandeln oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Es war eines von zwei Großprojekten der Menschheit in der späteren Körperzeit, die sich Perfektion und Determinismus auf die Fahnen geschrieben hatten. Wer sich längst nicht mehr die Frage gestellt hatte, ob Fehler, Missbildungen oder metaphorisch «das Böse» in der Welt einen Sinn haben könnten, der stellte sich zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr die Frage, ob die systematische Löschung dieser Fehler ihrerseits ein solcher sein könnte.109

Zunächst war diese Entschlüsselung unglaublich teuer und kostete etwa 300 Millionen Dollar in dem Land, in dem der ganze Forschungsaufwand losgegangen war. Aber mit der Zeit wurde sie sehr viel billiger, und der Preis landete irgendwo zwischen einem und zehn Dollar.110 Damit wurde die Entschlüsselung zu einem Massenangebot für jeden Interessierten. In den Archiven gibt es das Tagebuch eines Schriftstellers, er ist offenbar der neunte Mensch der Körperzeit gewesen, der diese Entschlüsselung hat durchführen lassen. Er macht ein ziemliches Gewese um die Entscheidung, das Ganze auszuprobieren, um dann zu dem Schluss zu kommen: «Medizinisch gesehen werden meine sechs Milliarden Daten mir nichts weiter liefern als Wahrscheinlichkeiten, die meisten davon nicht einklagbar, aber es sind Wahrscheinlichkeiten, die im Laufe der Zeit wahrscheinlicher werden.»111 Und da irrte er. Es ist rückblickend völlig unerheblich, ob die Daten naturwissenschaftlich nur Wahrscheinlichkeiten geliefert haben. Für uns Menschen haben sie Wahrheiten offenbart. Wahrheiten, hinter die wir nicht mehr zurückkonnten.

Ich glaube nicht, dass ich oder eine meiner Vorgängerversionen jemals so etwas haben machen lassen, aber ich bin nicht sicher. In meinem Master Repository ist ein Gesprächsdokument abgelegt, das einen Dialog aus dem Jahr 2008 der Körperzeit enthält. Der Codierung und den Tags nach bin ich einer der Gesprächspartner, aber das kann auch einfach eine falsche Verschlagwortung sein. Ich habe keine Erinnerung daran, und dann kann es eigentlich nicht sein. Jedenfalls ist das Gespräch aufschlussreich. Offenbar sitzen die beiden Sprecher bei einer Versammlung nebeneinander und unterhalten sich darüber, dass die Genomanalyse nun marktreif sei. Der eine fragt den anderen: «Haben Sie mal überlegt, so was machen zu lassen?» – «Nicht nur überlegt», antwortet der andere. «Meine Frau und ich haben längst eine Probe in die Post gegeben und warten gespannt auf die Ergebnisse.» – «Und was machen Sie, wenn die Ergebnisse zeigen, dass einer von Ihnen mit hoher Wahrscheinlichkeit schwer erkrankt?» An dieser Stelle ist eine größere Lücke in dem Dokument. Ich vermute, der Angesprochene schweigt. «Ich weiß es nicht», sagt er dann. «Haben Sie mit Ihrer Frau über dieses Problem gesprochen?» – «Ja, das haben wir allerdings.» – «Und was haben Sie besprochen?» – «Dass wir die Proben lieber gar nicht abgeschickt hätten.»

Das ist der Knackpunkt. Als Menschen der Körperzeit waren wir nicht in der Lage, auf Grundlage eines hundertprozentigen Informationsstands zu überleben. Denn darin hätte es immer Daten gegeben, die auf Fehler, Probleme, Missbildungen und Mängel hingewiesen hätten. Und diese Daten hätten uns fortwährend in einen moralischen Konflikt gebracht, zwischen der Perfektion des allumfassenden Wissens und der Fehlerbehaftung unseres Körpers und Geistes zu entscheiden. So wie der Mensch damals gebaut war, musste er auf Grundlage von Teilinformationsmengen entscheiden. Zu allem anderen war er nicht fähig.

Wir haben das damals ziemlich kompliziert als «Reduktion von Komplexität» beschrieben. Es war letztlich nichts anderes als eine Datenvorverarbeitung oder -filterung. Sie hat das Leben in der Körperzeit unter Bedingungen der Unvollständigkeit erst ermöglicht. Ich glaube, wir hätten die Wahl gehabt. Wir hätten auf den umfassenden Fortschritt mit Hilfe von Technik zurückhaltender reagieren können, um die Lebensform der Körperzeit weiter in die Zukunft zu retten. Aber wir haben uns dagegen entschieden. Wir haben uns der umfassenden Information und Perfektion verschrieben und alles ausgemerzt, was dieser Zielvorstellung entgegenstand.

Zu diesem über ein Jahrhundert andauernden Prozess gehörte auch der Mensch-Maschine-Merger. Einige haben darauf hingewiesen, es handele sich um eine ungleiche, ja gar unfreundliche Übernahme durch die Maschine. Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Wir konnten ja zu dem Zeitpunkt mit entscheiden. Und das haben wir getan. Ohne weitreichende Zweifel. Auch ohne wirklich prüfen zu können, was auf dem Spiel stand. Wir haben entschieden auf der Grundlage unvollständiger Informationen.