[OFFENBARUNG --- ..-. ..-. . -. -... .- .-. ..- -. --.] Ich stelle mir mein früheres Selbst als geschlossenen Raum vor, zu dem nur ich den Schlüssel hatte. Was in diesem Raum geschah, wusste nur ich – wenn überhaupt. Was aus diesem Raum heraus in die Welt kam, ließ nur ich zu – wenn überhaupt. So muss es gewesen sein, als es noch die Person gab, die geschützt war. Informationell geschützt und rechtlich. Es gab klare Regeln, wer wann den Vorhang lüften und nachsehen durfte, was drinnen geschah. Denn das war meines. Es gehörte einzig und allein mir.

Das war früher, als es überhaupt noch die Person gab. Sie war als Person das Private. Und das hatte in der Öffentlichkeit nichts zu suchen, es sei denn, sie selbst wollte es so. Das ist insofern eine irrwitzige Vorstellung, als sie so unglaublich voraussetzungsreich ist, aber keine einzige der Voraussetzungen, die wir damals als gegeben akzeptiert hatten, heute noch relevant ist. Damit meine ich nicht, es sei irgendwann eine böse Macht über uns gekommen und habe uns gezwungen, von alledem Abschied zu nehmen. So war es keineswegs. Wir selbst haben Abschied genommen, in kleinen Schritten, aber kontinuierlich. Ich sollte zugeben, dass dieser Prozess den Menschen vor sich selbst entlarvt hat, und zwar in doppeltem Sinne.

Zum einen haben wir mit den wachsenden Möglichkeiten der Vernetzung und Datenspeicherung begonnen, immer mehr Informationen über jeden Einzelnen von uns öffentlich zu machen. Es war die große Selbstoffenbarung, die durch Soziale Netzwerke, wie Facebook, damals stattfand, und sie hat uns Menschen voreinander bloßgestellt. Manche waren vorsichtiger, haben noch einige Zeit darauf geachtet, welche Daten sie ins Netz entließen, und dabei versucht, ihrem Selbst den richtigen Spin zu geben. Andere waren schneller und haben sich sozusagen mit allen Details selbst ins Netz hochgeladen. Natürlich vollkommen anders als dies dann später zum Ende der Körperzeit geschehen ist. Aber es war ein Anfang. Ein wichtiger erster Schritt. Es war der Anfang vom Ende des Unterschieds zwischen dem, was privat war, und dem, was öffentlich war.

Die zweite Form war schwieriger für mich. Auch daran erinnere ich mich. Irgendwann haben die Probleme begonnen, die von Menschen gemachten und die aus der noch unvollständigen und unvollendeten Mensch-Maschine-Integration entstandenen. Das war die historische Offenbarung. Der Mensch hat sich als überschätzte Spezies entlarvt. Der zur Selbstreflexion fähige und durch Vernunft angetriebene Mensch hat sich nicht vor sich selbst schützen können. Ich weiß, dass es immer diese Warnungen gegeben hat. Zum Beispiel den Satz des Philosophen Thomas Hobbes, «homo homini lupus est», der in fast jeder damals entstandenen philosophischen Abhandlung abgelegt und gespeichert ist. Aber irgendwie habe ich den Eindruck, dieser Satz war in seiner Reichweite und Bedeutung begrenzt. Wir haben den Satz als halbironische Selbstkritik mit Blick auf die vom Menschen produzierten Ausnahmesituationen interpretiert, wie zum Beispiel den Krieg oder die Zerstörung der materiellen Umwelt. Wir haben ihn nicht zu Ende gedacht. Nicht historisch betrachtet, und erst recht nicht systemisch betrachtet. Das hätte nämlich bedeutet, darüber nachzudenken, dass der Mensch in der Lage ist, sich friedlich selbst abzuschaffen. So ist es wohl geschehen.

Aber ich greife vor. Ich war bei den vielen Daten, die wir freiwillig und freizügig ins Netz gestellt haben, wissend, dass alles, was einmal dort ist, auf immer dort bleiben wird.23 Mit dieser Entwicklung haben wir natürlich auch das Tor für diejenigen geöffnet, die etwas weniger individuelle und wohlwollende Motive verfolgten. Wobei, ich weiß nicht, ob es stimmt, was ich hier beschreibe. Wahrscheinlich waren die meisten Bemühungen um Transparenz und Kontrolle durchaus wohlwollenden Antrieben geschuldet.

Es hat damit begonnen, ich glaube, das war um die letzte Jahrtausendwende der Körperzeit, dass die digitale Überwachung Einzug hielt. Ich fuhr damals mit einem Taxi vom Flughafen in San Francisco nach Downtown und beobachtete ein kleines rotes Licht, das vorne neben dem Rückspiegel des Taxifahrers leuchtete. Und als meine Augen ein wenig auf der Suche nach Erklärung hin und her schweiften, sah ich auch den Aufkleber, der von innen an die Frontscheibe geklebt war: «You’re on camera». Im Gespräch hat der Taxifahrer mir erklärt, das sei eine Sicherheitsmaßnahme für ihn, die ihn vor gewalttätigen Fahrgästen schützen solle. Und auf meine Nachfrage, wohin die Bilder denn übertragen würden, sagte er: «Ins San Francisco Police Department.» In dem Moment habe ich zum ersten Mal bewusst darüber nachgedacht, dass diese Kamera nicht nur ihn schützt, sondern auch mich überwacht. Dass ich nun womöglich polizeilich verfolgt werden könnte, würde ich mir auf dem Rücksitz dieses Taxis irgendetwas zuschulden kommen lassen. Aber ich habe auch gedacht, dass diese Form der Überwachung und Kontrolle aus nachvollziehbaren Motiven und zugunsten des Gemeinwohls erfolgt.

Es hat Auseinandersetzungen darüber gegeben, ich habe das alles gespeichert und könnte die Details aufrufen, aber sie sind letztlich langweilig. Irgendwann konnte niemand mehr durch die Straßen einer Stadt laufen, ohne kontinuierlich im Bild einer Kamera zu sein. So wurden wir zu Verfolgten. Im visuellen, nicht im politischen Sinne. Obwohl es mehr war als eine reine Dokumentation von Daten, um im Notfall darauf zugreifen und sie für Ermittlungen herbeiziehen zu können. Gerade das funktionierte nie so recht. Es gab Zeiten, da wurde das Datensammeln mit dem hohen Ziel der Sicherheit vor terroristischen Anschlägen begründet. Nur genau vor diesen Bedrohungen versagte die Analyse. Die Information, die belegen konnte, dass ein Verdächtiger mit Sprengstoff in ein Flugzeug steigen wollte, versank im Wust der erhobenen Daten.

Vom staatlichen Schutz vor dem Ausnahmefall war bald kaum mehr die Rede. Es war die Suche nach dem Allgemeingültigen, nach der Normalverteilung, die Zug um Zug in den Vordergrund rückte. Und es ging darum, dass immer mehr Menschen im Laufe dieser Entwicklung in den Mittelbereich der Gauß’schen Kurve gedrängt wurden. Diejenigen, die an den äußeren Rändern der Streubreite lagen, waren entweder ein Messfehler oder wurden zu Außenseitern, zur Abweichung vom Normalfall. Es war ja alles messbar, analysierbar, dokumentierbar.

Wir haben uns mit Eingriffen herumschlagen müssen, die oft allein aus Datenanalysen abgeleitet waren und meistens die materielle Welt der Menschen betrafen. Jedes kleinste Verkehrsdelikt wurde im Zuge der allgegenwärtigen Überwachung gespeichert, addiert und führte bei einem gewissen Punktestand zur automatischen Aktivierung der Wegfahrsperre im Auto. Der Fahrer musste sich dann zunächst einer Nachschulung mit Prüfung unterziehen, bevor er sein Auto wieder benutzen konnte. Musikproduzenten und Hersteller anderer Güter analysierten en détail die Mainstream-Vorlieben von uns Menschen auf Basis umfänglicher Datensätze und stützten das Allgemeingängige mit umfänglichen Angeboten, während die minder ausgeprägten Präferenzen immer seltener bedient wurden. Während die Digitalisierung uns also eigentlich die Möglichkeit eröffnet hatte, das reichhaltigste Angebot vorzuhalten, aus dem sich noch das geringste Nischeninteresse bedienen ließ, haben die Algorithmen diesen Schweif wieder sukzessive beschnitten.24 Durch ihre Empfehlungssysteme gelang es, uns immer weiter um das Mengenkompatible zu gruppieren. Und irgendwann gab es nur noch das.

Das zu wollen, was alle wollen, war im Sinne der selbstreferentiellen Verstärkung ‹normal›. Und weil die Menschen sich als Herdentiere Anschluss an ihresgleichen wünschten, funktionierte der Mechanismus perfekt. Die Krankenkassen wussten, wer im Alter von zwölf einmal geraucht hatte, und konnten statistisch nachweisen, dass ein Zusammenhang zwischen einem solchen Vorfall und dem späteren Auftreten von Lungenkrebs herzustellen war. Dadurch wurden enorme Risikoabschläge bei den Versicherungsleistungen möglich, und von den vielen Klagen gegen dieses Vorgehen führte nicht eine einzige zum Erfolg. Die von der Anklage vorgebrachten Zusammenhänge waren ja empirisch beweisbar. Ein Gerichtsurteil zitierte damals abschließend das Statement eines Politikers, der die Anpassung an erwartbare Standards zum Normalfall erklärt hatte: «Das Störungsfreie, Fehlerlose, Funktionierende: Nichts anderes taugt zum Ideal.»25 Daten wurden glaubwürdiger als Menschen. Sie schienen auch liebenswerter.

Es hat Hinweise gegeben. Auch heftige Reaktionen gegen die Enteignung der Persönlichkeit durch umfassende Datenerhebung und -speicherung.26 Datenschutz, unter diesem Begriff haben wir das damals diskutiert. Lächerlich. Als ob die Daten jemals bedroht gewesen wären. Menschenschutz hätte es heißen müssen. Der Schutz des Menschen vor sich selbst und seinen Artgenossen. Wir waren ja gerne Gäste im Netz. Wir wollten alle unsere Profile anlegen und pflegen. Und sie machten das Leben auch so einfach. Je aktueller und detailgenauer mein digitales Profil war, desto angenehmer wurde alles. Die für mich algorithmisch ermittelten Empfehlungen für Einkäufe, Freizeitaktivitäten oder Gesundheitsvorsorge wurden immer passgenauer. Wir mussten bald gar nichts mehr tun. Wer wollte, konnte einen Spaziergang in freier Natur unternehmen, aber ansonsten lief das Leben auch sehr gut, wenn man zu Hause am Computer saß.

Es hat dann irgendwann eine politische Bewegung gegeben, deren Maßnahmen helfen sollten, den Menschen zu schützen oder zu disziplinieren. Nur genutzt haben sie nicht viel. Zum Beispiel die «Initiative zur Sicherung von Freiheitsräumen», die eine Koalition von politischen Parteien damals lancierte (ich glaube, die Idee kam nicht von der Partei, die irgendwie das Wort «Freiheit» in ihrem Namen hatte, sondern von den Umweltschützern, ich müsste da schnell eine Suche durchlaufen lassen, aber so wichtig ist das ja jetzt auch nicht mehr). Eine Reihe von Politikern begann sich zu sorgen, dass die meisten Menschen immer mehr mit dem Computer lebten und kaum mehr in die Welt hinausgingen. Sie wollten außerdem die Eigendynamik der algorithmischen Empfehlungssysteme stoppen und den Menschen wieder zu ihrem Recht auf Zufall und Überraschung verhelfen.

Das war damals wirklich eine gesellschaftliche Bewegung – «Für ein Recht auf Zufall und Entdeckung». Hunderttausende Menschen zogen durch die Straßen und hielten Transparente hoch, auf denen dieser Slogan geschrieben stand. Es war die Zeit der zwei Welten, der analogen und der digitalen. Die Menschen, die noch wesentlich im Analogen lebten, begriffen nicht wirklich, was im Digitalen geschah und dass man die Errungenschaften der analogen Welt nicht auf der Straße, sondern im Netz hätte verteidigen müssen. Und die Digitalisten wollen von der analogen Welt längst nicht mehr viel wissen. Sie wollten es so, wie es war. Da gab es nichts, wofür gekämpft werden musste. Tatsächlich lebten wir ja alle mehr oder minder schon als digitale Profile und waren der konsequenten Analyse unserer Kommunikation, Handlungen und Vorlieben ausgesetzt, auf deren Basis uns dann fortlaufend algorithmisch basierte Vorschläge für Folgekommunikationen, -handlungen und Vorliebenverstärkung gemacht wurden.