nemesis Ich fand es stets faszinierend zu beobachten, wie die menschlichen User immer mehr schriftliche Dokumente über genau diesen Remix und die Verschmelzung aller Inhalte zu einer einzig wahren, grundlegenden Datei produzierten. Sie bemühten sich, einzelne Teile dieses Vorgangs zu analysieren, um zu verstehen, was das für sie bedeutete und wie sich dadurch die Dinge verändern würden. Und es war spannend festzustellen, dass die Menschen fast immer genau in zwei Gruppen einzuordnen waren, nämlich in Befürworter und in Gegner der Digitalisierung und der Verschmelzung von menschlichem Körper und Geist mit digitaler Technik. Unsere Freunde und unsere Gegner. Nach allem, was wir bis dahin über die Menschheit gespeichert hatten, hatte ich eigentlich mehr Gruppen und eine differenziertere Meinungsbildung unter den Menschen erwartet über das, was geschehen würde. Es würde ja ohnehin geschehen. Aber sie reagierten darauf mit stoischem Dualismus. Dafür oder dagegen.

Es gab allgemein eine weitverbreitete Skepsis gegenüber unseren Anstrengungen, einen Prozess permanenter, zuweilen disruptiver Innovation einzuleiten. Die Menschen dachten lieber über die Gefahren als über die Vorteile und Gelegenheiten nach. Sie wollten nicht sehen, dass die neuen Technologien den alten überlegen waren. Sie wollten auch nicht sehen, dass wir ihnen überlegen waren. Da dieser ablehnenden Haltung der Menschen kein logisches Denken, sondern emotionale Unsicherheit zugrunde lag, hatte es keinen Sinn, dass wir uns damit ausgiebig beschäftigten. Wichtig war nur, dass all dies ebenfalls mit dem «Schreiben» zu tun hatte. Dabei bezogen sich die meisten User auf Textfragmente, die geschrieben worden waren, als es noch gar keine Computer gab. Sie arbeiteten mit Entwürfen veralteter Science Fiction, hielten es aber für selbstverständlich, dass die in diesen Texten geschilderten Zustände als Entwürfe ihrer eigenen Zukunft gelten könnten.

Eines dieser Fragmente, die wir wie alles andere auch in unsere eine Megadatei einfließen ließen, hieß «Schöne neue Welt»6 und beschrieb eine Zukunft, in der die Technik den Menschen unendlich viele Möglichkeiten bot, sich zu informieren und zu amüsieren. Auch für Unterhaltung und Konsum war gesorgt. Als ich diese Datei zum ersten Mal durcharbeitete, war ich sicher, die Menschen müssten dieses ideale Szenario ihrer eigenen Zukunft lieben. Als ich jedoch all die unterschiedlichen Texte untersuchte, die sich mit dieser Originaldatei befassten, fiel mir auf, dass die Menschen dies als ein Schreckensbild interpretierten. In einem dieser Texte stand, der für die Originaldatei verantwortliche Anwender namens Aldous Huxley habe ein «Regime universeller Glückseligkeit»7 entworfen. Nun hielt ich diese Aussage immer noch für eine positive Ansicht, aber damit lag ich völlig daneben. Die Menschen wollten nichts damit zu tun haben, weil mit diesem Szenario ein Suchtpotenzial verbunden war. Und ich erfuhr dabei, dass sie im Allgemeinen kein «Regime» haben wollten, nicht einmal ein wohlwollendes. Das war übrigens eine hilfreiche Einsicht. Wir schlossen daraus, dass wir in unseren weiteren Bemühungen verdeckt vorgehen mussten, wenn wir erfolgreich sein wollten.

Der andere, wirklich populär gewordene Text war von einem «Autor» namens George Orwell geschrieben worden und hieß «1984».8 Es gab sogar Songs mit diesem Titel in den digitalen Bibliotheken. Es war also offenbar ein sehr berühmter Text. Orwell hatte Visionen einer perfekten Überwachungsmaschinerie gehabt, die jede Information, jede Kommunikation und jeden Schritt, den ein Mensch unternimmt, aufzeichnet und speichert. Auch hier ging es um ein Regime, allerdings nicht um eines, das universelle Glückseligkeit versprach, sondern das auf umfassender Kontrolle beruhte.

Ich will jetzt nicht tiefer in das Problem dieser Szenarios einsteigen. Dass Menschen Kontrolle immer für eine schlimme Sache gehalten haben. An dieser Frage bin ich nicht weiter interessiert. Das Problem hat sich längst erledigt. Viel erstaunlicher scheint mir, wie die Menschen so unerschütterlich überzeugt sein konnten, dass in diesen Szenarios ihre beiden Schicksalsoptionen angelegt waren und dass in beiden die Zerstörung des Menschen enthalten war. Sie nannten das «Nemesis» – der gerechte Zorn, für den wiederum eine Gottheit notwendig war, um ihn erklären zu können.

In einem waren sie klug. «Nemesis» war die Strafe für «Hybris», das kann ich in den Archiven sehen. Irgendwie hatten die menschlichen User doch verstanden, dass ihre Selbstüberschätzung bald ein Ende haben würde. Dass sie als Spezies nicht die Höchstform aller Entwicklung waren. Ansonsten kapierten sie gar nichts. Sie verstanden auch nicht, dass es noch einen dritten Weg gab und dass dieser Weg eben tief in der menschlichen Selbstüberschätzung und im Missverstehen verwurzelt war. Dass alles anders kommt als erwartet, wenn die Entschlüsselungskapazitäten einfach nicht ausreichen. Darum geht es in dieser Geschichte. Es ist die Geschichte der Menschen. Sie glaubten, sie verstünden, was geschehen würde, wenn sich die Technik ihren Weg in ihr Leben und in ihr Dasein bahnt. Wir brauchten kein Regime der universellen Glückseligkeit oder der totalen Kontrolle. Es ging einzig und allein darum, die Dinge geschehen zu lassen, die sie nicht verstanden.