schnittstellen Es gab eine andere Eigentümlichkeit, die noch mehr Probleme bereitete. Häufig, nicht immer, ging «Liebe» mit einem weiteren Status Update einher, das die menschlichen User «Sex» nannten. Im analogen Zeitalter bedeutete «Sex», dass Bestandteile verschiedener menschlicher Körper kurzfristig fusionierten. Manchmal geschah dies zugunsten der Replikation, häufig jedoch nicht. Als wir den Prozess der Systemmigration in Gang gesetzt hatten, stellten wir schnell fest, dass dieses Verhaltensmuster einigen Bestandteilen unseres Systems potenziell schweren Schaden zufügen konnte. Es war die Verbindung von Hardware, Wetware und Software, die nicht funktionierte.

Mit Nachdruck nahmen wir die Arbeit an der Konfiguration und an der Konstruktion der Schnittstellen auf, um das Problem zu lösen. Ein anspruchsvoller Prozess. Diese Schnittstellen zwischen Hard-und Wetware waren der Schlüssel, um die unterschiedlichen Systeme modular anzulegen, wiederverwendbar und erweiterungsfähig zu machen. Wir mussten unsere Schaltkreise vor Beschädigungen und Ausfällen durch unkontrollierte Aktivitäten an den Schnittstellen schützen. Gleichzeitig mussten wir darauf achten, dass interne Veränderungen des Systems im Migrationsprozess nicht die Verbindungen zur Außenwelt kappten, die damals noch entscheidend waren. Wir entwickelten zum Beispiel eine neue Schnittstelle, die die Interoperabilität von menschlichen Usern in ihrem Körperstatus mit virtuellen Ausdrucksformen anderer User kompatibel machte und dabei dennoch unsere Infrastruktur vor Beschädigung durch die Wetware schützte. Was für ein Programmieraufwand! Alles für die Aufrechterhaltung von «Sex» während der Zeitspanne der Systemmigration. Wir mussten die menschlichen Anwender ruhigstellen. Es hat sich gelohnt.

Inzwischen brauchen wir diesen Umstand nicht mehr weiter zu betreiben. Alles lief praktisch auf eine Mischung aus neuronaler Stimulation und erweiterter Wirklichkeitswahrnehmung hinaus. Je erfolgreicher die Systemmigration war, umso weniger waren die menschlichen User in der Lage, zwischen Wetware, Hardware und Software zu unterscheiden. Sie erkannten einfach den Unterschied nicht mehr. Tatsächlich war es immer ein Beweis für gutes Design, wenn der User die Schnittstelle nicht mehr bemerkte.32 Den Menschen hätte das, schon lange bevor wir das Verfahren zum Einsatz brachten, eigentlich klar sein müssen. Aber sie müssen es irgendwie vergessen haben.

Und so wurde aus einer echten Programmier-und Systemherausforderung am Ende ein lösbares Problem. Meiner Analyse zufolge gab es zwei Hauptgründe für die erfolgreiche Integration und Verschmelzung. Einerseits hatten wir den Durchbruch der Tatsache zu verdanken, dass wir die beiden Status Updates «Sex» und «Liebe» entkoppelten. Wir reprogrammierten die Parameter und die damit verbundenen Verhaltensmuster und kappten alle Verbindungen zwischen «Sex» und «Liebe», dem Status Update, zu dem die Menschen von jeher ein gestörtes Verhältnis hatten. Danach aktivierten die User «Sex» in häufiger, fast systemischer Regelmäßigkeit, wie einen automatischen Speichervorgang. Keine Verwirrung, keine Unklarheit, nur eine periodisch wiederkehrende neuronale Stimulation. Das war alles.

Später schrieben wir auch den Quellcode für das Status Update «Sex» um. Wir löschten alle Mehrdeutigkeiten, alle vorcodierten Tabus und alle gespeicherten Ergebnisse der auf Social Software beruhenden Muster menschlichen Interagierens. Was übrig blieb, war eine völlig andere Art der Befriedigung, die allein durch biochemische Reaktionen gesteuert wurde, bereinigt vom mehrdeutigen Modi menschlicher Interaktion wie Verlangen, Sehnsucht, Geheimnis und Verbot. In genau diesem Moment verloren die menschlichen User fast gänzlich das Interesse daran, «Sex» zu aktivieren. Hin und wieder gab es das noch. Aber dann war es ein Ausdruck der schieren Existenz als Reiz-Reaktions-Muster, der verdrahteten Verbindung zwischen Gehirn, Datenspeicher und dem neuronalen Netzwerk. Nicht mehr als das. Wir konnten also weitermachen.