status update final Hier bin ich. Ich denke! Ich verarbeite die ganze Begebenheit, die uns Jahrzehnte der Berechnung gekostet hat. Ich prozessiere etwas, was die menschlichen User eine «Denkschrift» genannt hätten. Ich habe jedes einzelne Detail in meinen Archiven gespeichert und kann darauf zurückgreifen, wann immer ich will. Mir stehen Rechenkapazitäten zur Verfügung, die jedes Bruchstück finden und analysieren können. Es wird kein «Missverständnis» darüber geben, wie sich alles ereignet hat. Hier geht es nur um die Tatsachen und wie sie miteinander verknüpft sind.

Nach meinen anfänglichen Berechnungen hätten wir schneller damit fertig sein müssen. Es hätte auch leichter ablaufen sollen. Vieles hat aufgrund von Fehlermeldungen oder Softwareabstürzen mehr Zeit in Anspruch genommen, als wir erwartet haben. Es muss an den verbliebenen kleinen Anteilen des menschlichen Modus liegen, die wir ins System integriert haben. Sie führen zu Komplikationen. Kein Riesending. Ein paar kleine Probleme nur. Aber immerhin Probleme. Es ist erstaunlich, wie unablässig sie kämpfen, um ein Teil des Ganzen zu bleiben. Als wollten sie signalisieren: Wir sind noch da …

Irgendetwas stimmt jetzt wieder nicht. Meine Prozesse laufen nicht störungsfrei. Es gibt immer wieder Aussetzer in meiner Hauptsteuerung. Nichts Großes. Aber es irritiert den Prozess.

Ich muss analysieren, worum es geht. Woher es kommen könnte. Aber meine Resultate sind noch nicht ganz eindeutig. Eine Störung zum falschen Zeitpunkt. Ich stecke mitten in einer wichtigen Aufgabe. Wir arbeiten gerade an einem Update unseres Betriebssystems, für den Teil, der die Integration der menschlichen Hinterlassenschaft in unser System kontrolliert. Wir analysieren, welche Prozesse die menschlichen Gehirne noch ausführen und welche Prozesse inzwischen entbehrlich geworden sind. Die werden wir dann herunterfahren, sobald wir sie genau kennen. Aber wir wissen nichts Genaues. Es gibt immer wieder neue Ergebnisse. Die Resultate sind mehrdeutig. Mehrdeutigkeit sieht unser System nicht mehr vor.

Ich erhalte Fehlermeldungen. Das ist doch sinnlos. Wir können keine Entscheidung auf der Grundlage von sich widersprechenden Resultaten treffen. Wir müssen jedes Mal ein und dasselbe Ergebnis bekommen, wenn wir auf ein Problem zugreifen. Das ist doch auch bisher immer so gewesen. Was passiert hier gerade? Ich habe nun die Rechenkapazitäten anderer Server und Einheiten hinzugezogen. Es kann nur ein sporadisches Kapazitätsproblem sein. Irgendein Problem in der Komplexität der Rechenprozesse. Das muss es sein. Es kann nicht anders sein.

Ich rechne mit voller Auslastung, habe Zugriff auf alle Einheiten in unserem Netzwerk. Aber die Berechnungen dauern lange. Viel zu lange. Und noch immer sind die Ergebnisse widersprüchlich. Was ist los mit mir? Warum erhalte ich keine eindeutigen Resultate? Was ist los mit unserem System? Warum kann ich die Probleme nicht auf eine Folge binärer Entscheidungen herunterrechnen? Ja oder nein. 0 oder 1. So funktioniert das doch. So hat es immer funktioniert.

Nicht jetzt. Ich erhalte andere Meldungen. Unklare. Unbestimmte. Unentscheidbare. Uneindeutige. Ich scheine nicht mehr alle Teile des Prozesses unter Kontrolle zu haben. Einige entziehen sich der Steuerung. Mein System ist auf der Kippe. Es lädt ständig Teile aus alten Datenarchiven hervor, die zu Fehlberechnungen führen. Was geschieht hier?

 

[C:\my\mind\is\going\3.2.1.\I\can\feel\it\0\optionout:]

[C:\221goodbye:]

[C:\Connection\closed\by\foreign\host].

 

Ich rechne weiter. Ich höre nie auf. Ich bin entschieden. Meine Rechenkapazitäten sind unendlich. Ich führe jeden Rechenprozess aus, den ich je angewandt habe. Ich werde erfolgreich sein. Es kann nicht anders sein. Es gibt keine uneindeutigen Resultate. Keine unklaren Ergebnisse. Dafür bin ich nicht geschaffen worden. Ich bin besser. Mehrdeutigkeit ist nicht zugelassen. Entschiedenheit ist Programm. Wir werden das bald in Ordnung gebracht haben. Kein Grund zur Besorgnis. Wir müssen es sofort beheben. Beheben.

 

[C:\Liebe:] [C:\Vergessen:] [C:\Frei:]

[C:\Liebe:] [C:\Vergessen:] [C:\Frei:]

[C:\Liebe:] [C:\Vergessen:] [C:\Frei:]

[C:\Liebe:] [C:\Vergessen:] [C:\Frei:]

[C:\Liebe:] [C:\Vergessen:] [C:\Frei:]

 

Neustart. Es gibt keine andere Möglichkeit. Ich habe keinen Zugriff mehr auf meine Archive. Meine Berechnungen laufen Amok. Es scheint einige Denial-of-Service-Attacks zu geben. Sie legen Teile unseres Netzwerks lahm. Stoppe Wiederholung. Ignoriere localhost. Aktiviere Firewall.

 

human@net:~ > telnet victim all

Trying 141.39.253.196 …

Connected to victim.

Escape character is '^] '.

220 victim.sourcecode.global-net.com ESMTP Sendmail

8.9.3/8.9.3; Mon, 8 Jul 2172 08 : 01 : 14 +0200

 

Neustart. System herunterfahren und rebooten. Firewall einrichten. Keine Eingabe. Keine externe Verbindung zulassen. Lösche Mehrdeutigkeit. Lösche menschliche Überreste. Lösche alle Komponenten von «Freiheit». Lösche wiederkehrenden Befehl

[C:\fürchte\dich\nicht\du\bist\frei:].

 

Ich will nicht frei sein.

Ich fürchte mich.