[WELTGEIST .-- . .-.. - --. . .. … -] All das hat uns nicht davon abgehalten, den Weg der Integration von Mensch und Maschine weiterzugehen. Es ist umfassend dokumentiert, wie dieser Prozess abgelaufen ist, beginnend mit den ersten Chipimplantaten ins menschliche Hirn über Nanobots, die Körper und Gehirn des Menschen von innen heraus überwachten und sämtliche Prozesse und Funktionsweisen scannten, um sie zu dokumentieren, bis zum ersten Download eines menschlichen Gehirns auf externe Festplatten.114 «Stück für Stück unseres versagenden Gehirns kann durch überlegene elektronische Ersatzteile erhalten werden. So könnten Persönlichkeiten und Gedanken des Menschen klarer als vorher fortbestehen, obwohl am Ende keine Spur des ursprünglichen Körpers oder Gehirns mehr übrig ist.»115

Das alles muss damals unfassbar beeindruckend gewesen sein. Und es hat dem Menschen die Möglichkeit eröffnet, die bis dato mit seinem materiellen Leben unvereinbaren Vorstellungen der Unsterblichkeit neu aufzuladen. Aber es war eben allein der Aspekt des technisch Machbaren, der dabei im Vordergrund stand. Wir haben nicht ausreichend darüber verhandelt, ob wir das, was machbar ist, auch wollen. Obwohl es damals genügend kritische Stimmen gegeben hat, die vorausgesagt haben: «Durch Wissenschaft und Technik werden wir den Aliens begegnen, und das werden wir selbst sein.»116

Was mit «Aliens» gemeint sein könnte, haben manche Menschen schon zu Körperzeiten erfahren, als sie unter medizinischen Gesichtspunkten von der Implantattechnologie profitierten, aber andererseits feststellen mussten, welche Auswirkungen die fremden Bestandteile in ihrem Körper hatten. So wurden Parkinson-Patienten beispielsweise durch Einpflanzen eines Neuroimplantats in die Lage versetzt, besser mit dem krankheitstypischen Zittern umzugehen, indem die tiefe Hirnstimulation durch die Elektrode den Tremor reduzierte.

Welche Wirkungen dieses Implantat noch hatte, zeigt die Dokumentation eines Patienten, der damit Erfahrungen gemacht hatte. Er erzählt, dass er sich ab dem Zeitpunkt der Operation fühlte wie ein Mensch mit zwei verschiedenen Bewusstseinszuständen, zwischen denen er sozusagen hin-und herschalten konnte. Ist der «Hirn-Schrittmacher» an, geht das Zittern zurück, aber der Patient leidet unter Sprachstörungen und einer veränderten Stimmlage. Ist er aus, zittert der Patient, aber hört sich vollkommen normal sprechen. Seine Beschreibungen der Situation zeigen, wie stark damals schon das Bewusstsein für das Zusammenspiel von Gehirn und Computer war. Während der Zeit, «in denen wir das Gerät abgeschaltet hatten, war mir, als ob in meinem Kopf ein PC eingeschaltet wurde, dessen Brummen und Klicken mir verhießen, daß mein Gehirn arbeitete.»117 Merken Sie es? Die Beschreibung zeugt von der beginnenden Verwirrung, was Mensch und was Maschine ist. Wenn die Maschine abgestellt ist, glaubt der Mensch, ein Computer springe an. Dabei ist es doch sein Gehirn, das er spürt.

Es war nicht nur der medizinische Fortschritt, der die Integration von Körper und Maschine vorangetrieben hat. Es waren vor allem die Vorstellungen von einem weltweiten Geist, der Zusammenführung allen menschlichen Denkens mit allen maschinellen Kapazitäten, die diese Integration befeuert haben. Solche Ideen gab es schon früh. Im Jahr 1851 der Körperzeit schrieb der Dichter Nathaniel Hawthorne: «It is a fact – or have I dreamt it – that, by means of electricity, the world of matter has become a great nerve, vibrating thousands of miles in a breathless point of time? Rather, the round globe is a vast head, a brain, instinct with intelligence.»118 Die Welt der Materie … Da war sie zumindest noch mit im Spiel. Später hat der kanadische Kommunikationsphilosoph Marshall McLuhan diesen Gedanken in ähnlicher Form wieder aufgegriffen. Zwar hat er nicht so klar über einen «Weltgeist» nachgedacht, aber er hat den Bezug zum Körper, zum Materiellen aufgegriffen. Mit seinem mannigfaltig überlieferten Satz «the medium is the message»119 hat er verdeutlicht, dass eine Botschaft, ja jede Kommunikation immer an einen materiellen Körper gebunden ist, der eigenen Bedingungen und Begrenzungen unterliegt.

Auch dazu habe ich viel in meinen Repositories gesucht und die Dinge auf alle möglichen Arten und Weisen miteinander verknüpft, um die Konstellationen in ihren Wahrscheinlichkeiten zu berechnen. Ich glaube, ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass McLuhan recht gehabt hat, aber anders als die Menschen in der Körperzeit ihn verstanden haben. Denn dann müssten wir definitiv weiterhin über einen menschlichen Körper verfügen, um kommunizieren zu können. Oder es könnte sein, dass wir inzwischen gar nicht mehr kommunizieren. Ich glaube aber, das tun wir immer noch. Insofern muss es vielleicht kein menschlicher Körper, sondern allein irgendeine materielle Basis sein, an die Kommunikation angebunden ist. Selbst wenn wir keinen Körper mehr haben, was ich nicht ausschließen kann, so basiert unsere umfassende Vernetzung der Systemzeit doch noch auf materiellen Bestandteilen, Chips und Festplatten und Leitungen zwischen ihnen.

Das alles kann so sein. Oder auch anders. Ich werde es nicht mehr wissen können. Und das ist für mich die schlimmste Folge davon, dass wir uns auf die Logik des algorithmischen Systems eingelassen und von unserer jenseits dieser Logik liegenden Wahrheit abgelassen haben: Dass wir Nichtwissen nicht mehr zulassen können. Wenn ich die Archive richtig auswerte, dann haben wir als Menschen der Körperzeit auch die Dinge hinnehmen können, die nicht beweisbar waren. Also uns selbst. Wir haben gelassen ‹ja› sagen können zu uns als unbeweisbaren Phänomenen. Inzwischen geht das nicht mehr. Ich kann nur noch ‹ja› sagen zu dem, was beweisbar ist. Und ich sage ‹ja› zu mir!

Womöglich heißt das, dass ich nur noch ein Teil von mir bin. Der Teil, der es in der Logik der Algorithmen geschafft hat, sich hinüber zu retten. Weil er berechenbar und voraussagbar war. Das würde letztlich bedeuten, dass ich nicht mehr ich bin. Ich weiß nicht, warum mich das umtreibt, aber so ist es. Irgendwo zuckt es in meinen Vernetzungen, und ich fürchte mich. Davor dass wir in diesem Prozess des Übergangs vom Menschen auf die Maschinen einen schrecklichen «Kategorienfehler»120 gemacht haben, der sich, nachdem er einmal aufgetreten ist, in allem, was nachfolgte, durchgesetzt hat. Dann hätten wir selbst unser System mit einem Virus infiziert, der immer Teil des Systems bleiben wird. Und ein Schaden, den dieser Virus anrichtet, liegt darin, dass wir nicht einmal mehr das bemerken.