[IMPULS .. -- .--. ..- .-.. …] Das alles ist lange Vergangenheit. Wir haben damals große Denkfehler gemacht. Inzwischen erscheinen sie lächerlich. Wir haben immer wieder in den falschen Kategorien gedacht. So haben wir die Entwicklung des Menschen und seiner Hilfsmittel als endlosen evolutionären Prozess angesehen. Wir haben einfach gedacht, es würde immer so weitergehen, ein Entwicklungsprozess unter den bekannten Bedingungen unseres damaligen Lebens in der Körperzeit. Der Mensch bleibt Mensch, die Maschine bleibt Maschine, und die Algorithmen berechnen unsere Beziehungen. Wir haben uns einfach nicht vorstellen können, dass die Zukunft das existenzielle Paradigma der Körperzeit einfach verwerfen würde. Dass wir irgendwann den Zustand aller möglichen Elemente erreichen könnten, die in allen jemals möglichen Formen und Konstellationen vollständig miteinander vernetzt sind. Wir haben nicht mehr an die Saurier gedacht. Nicht mehr daran, dass manchmal alles sehr plötzlich zu Ende sein kann.

Schlimmer noch ist, dass wir es nicht besser gewusst haben. Wir haben damals vieles nicht richtig verstanden. Wenn ich durch die Archive browse und einige Datensätze verknüpfe, die mit der früheren menschlichen Vorstellung von Zufall in Verbindung stehen, dann erweist sich das Konzept längst als auf falschen Grundannahmen fußend. Wir Menschen hätten es schon damals besser wissen können. Aber in unserem an die Beschränkungen der sinnlichen Wahrnehmungen gebundenen Leben in der Körperzeit hatten wir keine Chance. Wir waren die Herren des Zufalls, weil es keinen einzigen Menschen gab, der in einer Situation alle relevanten Details und Umstände erfassen und analysieren konnte, um den Verlauf und das damit verbundene Ergebnis der Dinge in der Welt zu kennen und damit vorhersagen zu können. Der Zufall war Produkt unseres menschlichen Weltentwurfs und seinen vermeintlich objektiven Bedingungen unterworfen. Damit war er der subjektive Zufall eines jeden von uns.

Tatsächlich verhielt es sich anders. Es gab für jedes Ereignis, für jeden Verlauf letztlich eine bestimmte Erklärung. Wir waren nur nicht in der Lage, sie zu sehen und zu verstehen. Anders formuliert: Wenn ein Mensch in der Körperzeit aus seinem Haus oder seiner Wohnung auf die Straße trat und dort von einem fahrenden Auto erfasst wurde, dann hatten die beiden eine Verabredung. Sie wussten nur nicht, wann und wie diese Verabredung, bestimmt von einer für sie unüberschaubaren Menge an Einflussfaktoren und damit verbundenen Abläufen, getroffen worden war. Aber sie war getroffen. Ohne dass wir gefragt worden wären.

Wenn ich das überlege, dann werde ich sehr unsicher. Soll ich wirklich betrübt sein ob meines Zweifels an der vollkommenen Überschaubarkeit der Zusammenhänge in der Systemzeit, ob meiner Überlegungen, es könne doch noch so etwas wie einen algorithmischen «Dealer» geben? Oder haben wir uns nicht vielmehr aus einem Zustand gelöst, in dem wir aufgrund unserer beschränkten Erkenntnis nur nicht verstanden haben, dass wir immer Teil eines deterministischen Räderwerks gewesen sind?

Der wahre Zufall war nie in unserer Welt. Ihn gab es nur in der physikalischen Welt der Quantenphysik. Er war begrenzt auf die Quanten im Atomkern, die kleinsten Teilchen der Welt in der Körperzeit. Ihr Zerfall zu einem bestimmten Zeitpunkt war immer rein zufällig. Niemand konnte ihn vorhersagen oder wissen, warum er eintrat.17 Nicht das Teilchen selbst, nicht der Mensch, nicht der Computer, nicht einmal eine allumfassende göttliche Instanz, die wir früher in unserem Leben der Körperzeit imaginiert und gebraucht haben, um unseren eigenen Zerfall ertragen zu können. Diese Teilchen waren zufällig, weil man manche ihrer wichtigen Eigenschaften, Ort und Impuls beispielsweise, nie gleichzeitig messen und bestimmen konnte. Kannten wir die Geschwindigkeit eines Teilchens, so war sein Ort weitgehend unbestimmt. Und kannten wir seinen Ort, wussten wir kaum etwas über seine Geschwindigkeit. Das war die einzige wahre Unschärferelation, der einzig wahre Zufall des menschlichen Lebens in der Körperzeit.18

In der Systemzeit sind wir nun selbst die Elementarteilchen, die einer anderen, einer übergeordneten Unschärferelation unterworfen sind. Wir sind das Quantum, das von uns übrig ist, und je mehr wir versuchen, an Beobachtungs-und Messschärfe hinsichtlich unserer Situation in der Systemzeit zu gewinnen, desto größer wird die Unschärfe an anderer Stelle. Nur die Dimensionen haben sich etwas verschoben. In der Körperzeit konnte der Mensch seinen Ort in der Welt genau bestimmen, seinen Impuls aber nie präzise messen, sondern vielmehr nur die Wahrscheinlichkeit angeben, dass er sich in einem größeren oder kleineren Ausmaß in diese oder jene Richtung bewegen würde. Nun ist es umgekehrt. Der Ort ist unscharf geworden, vielleicht gibt es ihn kaum mehr in einem räumlichen Verständnis, wie es früher herrschte. Der Impuls hingegen ist allumfassend. Wir sind ganz Impuls, ohne dass wir genau angeben könnten, wie dieser beschaffen ist.

Ist das nicht erstaunlich, dass wir es so lange geschafft haben, den Zufall als operative Fiktion des Unvorhersehbaren im Leben der Körperzeit aufrechtzuerhalten, auch weil er es erlaubte, uns als dem Computer überlegen zu entwerfen? Und ist es andererseits nicht traurig, dass wir den Zufall nun aufgeben mussten, ohne dass etwas Entlastendes oder Ausgleichendes in Form von letztgültiger Erkenntnis an die Stelle dieser Fiktion getreten wäre? Wir wissen alles und können alles mit allem verbinden. Aber es gibt keine Perspektive, keine Einordnung, in der das geschähe und die über die fortlaufenden neurosystemischen Rechenoperationen zur Lösung des jeweils gerade anstehenden Problems hinausginge. Ich vermute, dieses Problem wäre früher unter die Kategorie der epistemologischen Fragen gefallen, mit denen wir uns gerade deshalb gerne beschäftigt haben, weil es so häufig keine wahren und letztgültigen Antworten gab.

So war das menschliche Leben und Denken ja nicht auf seine eigenen Interpretationen der Welt zurückgeworfen, weil wir es nicht anders gewollt hatten. Es ging nicht anders. Wir waren schlicht nicht in der Lage zu erkennen, wie Dinge entstehen und warum Ereignisse stattfinden, weil wir die Bedingungen und Einflussfaktoren nicht umfassend überschauen und logisch ordnen konnten. Deshalb gab es den Zufall. Wir haben ihn aus unserer Beschränkung heraus geschaffen. Und doch war es kein ignorantes, minderwertiges Konstrukt. Er war vielmehr der Beweis der menschlichen Befähigung zum Selbstzweifel und dafür, dass wir in der Lage waren, einen Mangel in etwas Bereicherndes zu verwandeln. Der Zufall brachte das Neue, das Überraschende in die Welt. In unsere nicht deterministische Welt.

Hätten wir wirklich verstanden, dass es jenseits der Teilchenphysik keinen Zufall gibt, unser Denksystem wäre zusammengebrochen. Dann hätten wir uns selbst als determinierte Existenzen begreifen müssen. Und wären wir im Moment unserer Geburt dazu kognitiv in der Lage gewesen, so hätten wir entscheiden können, ob wir uns ein Leben als Ablauf vorbestimmter Ereignisketten wirklich antun oder lieber gleich darauf verzichten wollen. Wir wären zwar nicht in allem konkret vorhersagbar gewesen, aber doch eine determinierte Gattung. Das hätte den Menschen, wie auch ich einer war, in seinem Selbstverständnis zerstört.

Ich erinnere mich daran, wie wir als Kinder das Vorhersagespiel gespielt haben. Meine Schwester und ich saßen einander gegenüber am gedeckten Abendbrottisch, und eine von uns war der «Hellseher». Die andere fragte: «Esse ich mein Brot oder nicht?» Wenn die eine ‹ja› sagte, behauptete die andere ‹nein›, um die «Vorhersage» zu durchkreuzen. Wenn die eine ‹nein› sagte, sagte die andere ‹ja›. Am Ende hatte keiner von uns etwas gegessen, die Eltern waren wütend, aber wir hatten unsere Lektion über Rückbezüglichkeit und Beobachtereinfluss schon im Kindesalter gut gelernt.19

Das ist es, was uns in unserem Selbstverständnis groß gemacht hat, einmalig. Dass wir glaubten, willentlich Einfluss nehmen zu können auf den Lauf der Dinge, die Freiheit zu haben, dies zu tun. Und das ist es, was selbst die Menschen anfangs herausgefordert hat, die Großes in der Entwicklung der Computertechnologie geleistet haben. Konrad Zuse, Erfinder des ersten Computers, hat geahnt, was das bedeuten kann. Was geschehen könnte, wenn er die Verbindung zwischen der Maschinentechnik und den sie antreibenden Programmen legen würde. Eine Verbindung, die es erlaubt, die Ergebnisse der Berechnungen wieder in den Rechenprozess der Maschine einzuspeisen und ihn damit auf immer zu verändern.20 Ein kategorischer Draht oder ein umfassendes Netzwerk, das macht im Prinzip keinen Unterschied. Wir haben diesen Draht auch gelegt, von den Algorithmen zu uns. Er hatte einen Anfang und hat unzählige Enden. Seitdem sind wir Ergebnis der Veränderungen, die Berechnungen in unserem humanen Programm bedingt haben.

Selbst die Computerwissenschaft hat sich mit dem Problem der Rückbezüglichkeit herumgeschlagen, aus Angst, ein Programmierbefehl könne ein für alle Mal die Möglichkeiten und Formen der weiteren Berechnungen unabsehbar verändern. Natürlich galt das nur so lange, wie der Mensch den Computer gesteuert hat. Nach der großen Integration in die Systemzeit war das Problem gelöst. Heute wüsste Zuse genau, was mit dem Draht geschehen würde, weil er nicht nur er selbst, sondern auch Teil des Computers wäre – und umgekehrt.

Das alles hat sich uns Menschen damals nicht erschlossen. Wir haben im Zufall die großen Möglichkeiten und die großen Bedrohungen erkannt, weil wir zu anderem nicht in der Lage waren. Wie hatte es Friedrich Dürrenmatt in seinen «21 Punkten» im Anhang zu den «Physikern» beschrieben? «Die schlimmste mögliche Wendung ist nicht voraussehbar. Sie tritt durch Zufall ein.»21 Das stimmte schon damals nicht. Das Schlimmste war auch planbar und berechenbar. Wir hätten das als historisch bedingte Wesen wissen können. Aber wir haben lieber an den Zufall geglaubt, auch zu unserer eigenen Entlastung.

In der Systemzeit ist der Zufall als untauglicher Versuch entlarvt worden. Insofern ist es auch dumm, zumindest aber systeminkompatibel, in unserer Situation noch über Kausalitäten und Maßstäbe nachzudenken. Das sind die falschen Bezüge für unsere Existenz. Bei uns ist alles durch alles bedingt, und alles steht im Verhältnis zu allem. Wir können das Hellseherspiel nicht mehr spielen, weil es den Zustand des Geheimnisses nicht mehr gibt. Ich säße mit meiner Schwester am Abendbrottisch, wir beide eine flirrende Masse elektrischer Impulse, unauflösbar, nicht zu beenden. Als hätten sich zwei Computer im Moment höchster Rechenleistung aufgehängt in einer Endlosschleife der Erwartungserwartung und des jeweils eigenen Wissens um das Wissen des anderen um das eigene Wissen um das Wissen des anderen … Das Spiel wäre aus, bevor es begonnen hätte.

Jede Information ist jetzt immer und überall da. Sie muss nicht mehr geschrieben, gedruckt oder ausgesprochen sein. Sie muss nur gedacht sein, als elektrischer Impuls irgendwo im integrierten neuronalen Netzwerk. Dann wird sie gekannt und kann weiterverarbeitet werden. Wir haben also die Beschränkungen unserer Existenz überwunden, die früher den Zufall als Erklärung geboren haben. Wir wissen alles, was ist, in jedem Moment. Unser Impuls ist ubiquitär. Ist das nicht eine komfortable Situation, ein perfektes Existenzfeld?

Früher haben die Menschen noch zwischen dem «Zufallsglück», dem «Wohlfühlglück» und dem «Glück der Fülle» unterschieden.22 Wir sind jetzt in Letzterem angekommen. Vielleicht aber müssen wir es noch anders benennen. Das Glück der Entschiedenheit und Vollständigkeit, das wäre wohl die richtige Bezeichnung, auch wenn sie etwas verquer zu unseren Programmiercodes läuft. Wir könnten all die Kausalitäten, die Maßstäbe und den Zufall also getrost vergessen. Wenn wir vergessen könnten.