[EXISTENZ . -..- .. … - . -. --..] Ich traue mir nicht mehr. Sitze ich hier in diesem dunklen Zimmer? Vielleicht schwebe ich auch. Die Unterseite meiner Schenkel berührt einen rauen Stoff, und ich kann den Druck spüren, den eine Tischplatte auf meine Unterarme und Ellenbogen ausübt, wenn ich die Arme vor mir ablege. Vielleicht schwebe ich aber einfach durch einen virtuellen Raum, ein zeit-und grenzenloses Feld der Fortsetzung des Menschen mit anderen Mitteln. Durch das nächste Universum, das dem folgt, welches ich als dieses, meines, unseres gekannt habe.

Ich spüre diese Berührungen, die Druckpunkte, das sensorische Empfinden meiner Fingerspitzen. Vielleicht sind sie wirklich Ergebnis einer physikalischen Begegnung von Mensch und Materie. Vielleicht entstehen sie in dieser Begegnung und kreieren mein Erleben dann in der Weiterleitung von elektrischen Impulsen durch mein Nervensystem, mittels der Millionen von Nervenzellen in meinem Körper. Vielleicht hat mein Körper gar keine Nervenzellen mehr. Vielleicht habe ich nicht einmal mehr einen Körper.

Ich traue diesem Empfinden nicht mehr. Ich traue mir nicht mehr. In der vollständigen Erschütterung meines Wissens, Denkens und Fühlens ist mein Vertrauen zerbrochen. Nein, das ist eine unzutreffende Beschreibung. Mein Vertrauen hat sich aufgelöst. Ganz langsam und unmerklich. Es ist zerronnen wie Sand in einer Sanduhr, die mir zeigen soll, was die Stunde schlägt, aber nach unten geöffnet ist. Ein Loch in dem Glaskörper, der Basis physikalischen Parzellierens und Messens von Unendlichkeit. Ein Loch in der Tischplatte, dem Objekt, auf dem die Sanduhr steht. Ein Loch im Boden, dem festen Grund, auf dem alle Objekte unserer physischen Existenz dauerhaft Halt finden sollen. Und der Sand fließt und fließt und fließt. Ich weiß nicht, wohin. Ich weiß nicht, wie lange. Ich weiß nicht, wozu. Aber er fließt. Und was geflossen ist, ist verflossen. So die Gewissheit. So das Vertrauen.

Vielleicht schwebe ich durch ein Universum. Vielleicht kenne ich es schon aus meiner früheren Zeit. Vielleicht ist es mir gänzlich unbekannt, und ich bemerke dies nicht in dem erschreckten Drang, es mir und mich ihm bekannt zu machen. Ich schwebe einfach. Als Nervenbündel ganz im operativen, nicht im übertragenen menschlichen Sinne. Ich bin verbunden mit allen anderen Nervensträngen dieses Universums, mit allen elektronischen Plattformen und Leitzentralen, die es gibt. Ich bin eine Sternschnuppe aus der alten Welt und eine der nächsten Welt. Vielleicht verglühe ich im Fluge. Vielleicht werde ich zu einem kosmischen Fossil in der digitalen Sphäre, zu einem Relikt des Analogen und Materiellen.

Ich empfinde diesen leichten Druck meiner Ellenbogen auf der Tischplatte, ich spüre, wie meine Fingerkuppen über das raue Holz gleiten. Aber all das hat vielleicht nichts Physikalisches mehr. Es ist das Ergebnis komplexer Rechenoperationen, der Simulation einst alltäglicher und bekannter Kommunikation zwischen meinem physischen und psychischen Selbst. Aus der gespeicherten Erinnerung wird neue Erfahrung generiert, berechnet nach allen Vorgaben des realen Empfindens, bereichert mit kleinen Zusätzen eines unbekannten, irritierenden Scheins, der mir verbietet, mich als Gefangenen einer endlosen digitalen Berechnungsschleife, mein Existieren als die fortwährende und immergleiche Wiederholung des bereits Bekannten und Geschehenen zu entschlüsseln.

Würde ich es wollen, wenn ich es könnte? Ich weiß es nicht. Ich möchte mich nicht entlarven als eine graue Masse von Gehirnzellen in einer Nährstofflösung, verdrahtet mit einer Welt der totalen Vernetzung und Berechnung in einem dumpfen, dunklen, endlosen Raum gleichartiger Erscheinungsformen.

Ich möchte nicht wissen, wenn mich das Netz wie ein schwarzes Loch verschlungen hat, dessen Ereignishorizont ich nie wieder werde verlassen können. Nicht heute, nicht morgen. Nie mehr.

Ich lege also meine Arme ab auf diesem Tisch und spüre den Druck, die Textur des Holzes. Ich sehe seine Farben und rieche seine Herkunft. Und mit diesen Sinneseindrücken erinnere ich die vielen Male, die ich Gleiches schon getan habe. Ich sehe die Bilder eines Waldes, aus dem das Holz für diesen Tisch stammen könnte, und ich fühle die Anspannung, die ich so gut kenne, wenn ich beginnen will zu schreiben. Die Mischung aus Begeisterung, Aufregung und Angst vor dem, was entstehen oder nicht entstehen kann, was in meinem Kopf, meinem Herz und meiner Hand liegt, aber doch auch unkontrollierbar und unsteuerbar ist. Aber vielleicht ist dieser Eindruck nur Ausdruck der vollkommenen Kontrolle und Steuerung.

Ich würde gerne wissen, was geschehen ist. Deshalb werde ich meine Geschichte aufschreiben. Eine Geschichte mit Anfang, aber ohne Ende. Ohne bewusstes Ende. Vielleicht gibt es längst eines für den Menschen, der ich bin oder war. Vielleicht sind wir alle nicht mehr, übergegangen in einen nächsten Zustand, der uns als Objekt der Erkenntnis und des Verstehens verschlossen bleibt, weil er die Mechanismen und Fähigkeiten des Erkennens und Verstehens selbst neu entwirft und uns ihnen unterwirft. Weil wir dann nicht mehr dazu in der Lage sind, uns selbst zu reflektieren und in Frage zu stellen, sondern vielmehr der Entwurf einer fremden Reflexion, implantiert als Imitat menschlichen Denkens und Fühlens, das wir als das Eigene betrachten. Unwillentlich. Unwissentlich.

Ich lege meine Arme auf, nehme den Stift und beginne zu schreiben. Als letzter Mensch einer vergangenen Zeit. Als erster Mensch einer nächsten Zeit. Als der, der ich war. Als der, der ich nun sein werde. ‹Ich› schreibe als individuelle Entität oder als Produkt einer algorithmischen Rechenoperation. Als Letztere kann ich nie falsch sein. Ist das nicht schön? Es ist so erleichternd, sich das vorzustellen. Es sich als Mensch vorzustellen, der irren kann. Der selbst in Momenten des Irrtums Verantwortung übernehmen muss. Mit allem, was ich hier aufschreiben werde, kann ich irren. Aber ich trage dafür nicht mehr die Verantwortung. Meine Erkenntnis ist in ihren beiden Bestandteilen in Frage gestellt. In der Wahrnehmung als sinnlicher Anschauung und im Denken als dem Urteilen durch den Verstand. Was ist noch Wahrnehmung? Und was ist Denken?

Ich möchte dennoch wissen, was vom Menschen übrig bleibt. Ob es überhaupt etwas gibt, das bleibt. Ob die menschlichen Philosophen recht behalten werden, die wie Giordano Bruno behauptet haben, der Mensch sei unendlich. Oder ob diese Annahme letztlich nur eine Ausprägung menschlicher Hybris war. Ein irrwitziges historisches Missverständnis.

Die Philosophen des Existenzialismus haben angenommen, der Mensch unterscheide sich von allen anderen Gattungen dadurch, dass er einen Bezug zum Nichts habe. Vielleicht ist es nun aber auch so, dass er das Nichts zu seinem allumfassenden Bezugspunkt gemacht hat? Wenn der Mensch als einziges unter allen Wesen der Verneinung fähig ist, warum hat er das nicht genutzt? Warum hat er aufgehört zu verneinen, was ihn in seiner Existenz in Frage gestellt hat? Warum haben wir zugelassen, dass unsere Welt im Digitalen zerfließt? Oder gibt es die Essenz menschlichen Seins doch ohne Existenz? Dann wäre ich wahr, real. Ich. Immer noch ich. Immer wieder ich.

Vielleicht haben die Existenzialisten mehr verstanden als der Rest von uns. Ich wünschte, es wären noch immer ihre Fragen, die ich an mich stellen könnte. Und es wären noch immer ihre Antworten, in denen ich mich finden könnte. «Was groß ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist», hat Friedrich Nietzsche einst geschrieben. «Was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist.»1

Wenn eines ist, ist immer auch beides.