KAPITEL NEUNUNDZWANZIG

Manche Vampire sind besessen von Tätigkeiten, die Menschen alltäglich erscheinen. Mir ist die Geschichte eines Adligen bekannt, der für jeden Tag des Jahres einen anderen Koch beschäftigte und seine menschlichen Gäste beobachtete und befragte, wenn sie deren Speisen aßen. Als die Revolution seiner Existenz ein Ende setzte, hatte er über tausend Köche in seinen Diensten und Paris zur kulinarischen Hauptstadt Europas gemacht.

– Die geheime Geschichte der Welt von MJB

Sie taten es alle.

Sophie war die Erste, die vortrat, die Finger beider Hände hinter ihre Augäpfel schob und sie mit einem Ruck herausriss. Schwarzes Blut lief wie Tränen über ihre Wangen. Ihre Lippen waren zusammengepresst, aber Franz-Josef sah, wie sie zitterten. Sophie taumelte und wäre wohl gestürzt, wenn Karl sie nicht festgehalten hätte.

»Was für ein Eifer«, sagte Seine Eminenz. Es klang ironisch.

»Willst du uns damit prüfen?«, rief Karl. Er hielt Sophie weiterhin aufrecht. »Glaubst du, ein Vampir ist dir mehr ergeben, wenn er sich das Augenlicht nimmt?«

Seine Eminenz antwortete nicht.

Sophie tastete nach Karls Wange und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Karl sah in ihre leeren Augenhöhlen, als hätte sie den Verstand verloren, dann antwortete er etwas ebenso leise.

Sophie nickte.

Karl ließ sie los und zog zwei Stühle von einem Stapel neben der Tür. Ruhig stellte er sie hin, führte Sophie zu dem einen und setzte sich selbst auf den zweiten. Nach einem letzten Kopfschütteln bohrte er die Finger in seine Augen.

Ferdinand war der nächste. Er schien keinen Schmerz zu spüren, im Gegensatz zu Edgar, der stöhnend und wimmernd vor Seiner Eminenz auf die Knie fiel und ihm seine herausgerissenen Augen reichte. Ein wilder Vampir nahm sie ihm ab. Edgar versuchte dessen Hände zu küssen, dachte wohl, es wäre Seine Eminenz, aber der Vampir fauchte ihn nur an.

Ludwig erbrach rotes Zofenblut, als er sich die Finger in die Augenhöhlen steckte, Pierre umarmte den blinden Edgar, bevor auch er den Befehl befolgte.

Franz-Josef wich zurück. Die Verzögerung seiner Reaktionen ließ nach. Ob Seine Eminenz sie aufgehoben oder ob sie nur eine Nachwirkung des Betörens gewesen war, konnte er nicht sagen.

Er suchte nach einem Ausweg, nach einer Gelegenheit zur Flucht, aber wilde Vampire bewachten die Türen und stießen alle, die sich ihnen näherten, weg.

Wohin Franz-Josef auch blickte, leere Augenhöhlen starrten zurück. Vampire tasteten sich an den Wänden entlang, schlurften mit unsicheren Schritten aufeinander zu, prallten gegeneinander, gegen Stühle, Tische und Eimer voller Schnee. Ein paar warfen sie um. Weißer Schnee vermischte sich mit schwarzem Vampirblut. Wilde Vampire liefen zwischen ihnen hindurch und sammelten Augäpfel ein wie bei einer Kollekte beim Sonntagsgottesdienst.

Franz-Josef hob die Hände, versuchte sich vorzustellen, wie er seine eigenen Augen herausriss, und ließ sie wieder sinken.

Ich kann es nicht, dachte er.

Seine Eminenz schritt durch den Saal, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Über hundert Vampire hatten seine Helfer in den Saal gebracht und mit Erschrecken bemerkte Franz-Josef, dass er niemanden mehr sah, in dessen Augenhöhlen sich etwas anderes als schwarzes Blut befand.

Oh Gott, ich bin der Letzte.

Seine Eminenz stieg über Ludwig hinweg, der am Boden hockte und die Hände vors Gesicht geschlagen hatte, und setzte seinen Weg fort. Noch hatte er Franz-Josef nicht bemerkt, aber er kam unaufhaltsam näher.

Ich habe Ludwig immer für schwach gehalten, dachte Franz-Josef, während er weiter zurückwich und sich hinter zwei blinden Vampiren, die reglos wie Statuen im Saal standen, verbarg. Aber er hatte den Mut zu tun, was ich nicht fertigbringe.

In diesem Moment roch er sie.

Sissi?

Er fuhr herum. Kühler Wind strich über seine Wange. Irgendwo musste jemand ein Fenster geöffnet haben oder eine Tür. Sein Blick glitt über die Wände. Um sich herum steigerte sich das Stöhnen und Wimmern. Noch immer sprach niemand, als hätten die Vampire mit ihrem Augenlicht auch die Fähigkeit verloren, zu sprechen. Doch sie hoben die Köpfe und blähten die Nasenflügel. Sie rochen Mensch.

Natürlich schweigen sie, dachte Franz-Josef. Sie können sich nicht sehen. Jeder von ihnen glaubt, die anderen hätten nichts bemerkt.

Er sah sich um, versuchte dem, was er roch und spürte, eine Richtung zu geben, doch erst, als er den Blick zum dritten Mal auf eine Stelle an der Wand zwischen zwei Stuhlstapeln richtete, bemerkte er den Spalt – und sah Sissis Kopf. Bleich starrte sie auf den Anblick, der sich ihr bot. Ihr Mund stand offen.

Franz-Josef drehte sich um. Seine Eminenz war keine zehn Schritte mehr von ihm entfernt, hockte sich gerade vor Ludwig und zog ihm die Hände vom Gesicht. Als er die leeren Augenhöhlen sah, legte er ihm die Hand auf den Kopf wie bei einer Segnung.

Franz-Josef wandte sich ab. Schlurfend und unsicher, so wie die anderen um ihn herum, bewegte er sich dem Spalt entgegen. Er war nicht der Einzige. Immer mehr Vampire drehten sich nach Sissi um, streckten die Hände aus und tasteten sich in ihre Richtung. Von einem Menschen zu trinken, bedeutete ein Ende der Schmerzen und die Rückkehr des Augenlichts. Jeder, der sich der Prüfung, wenn es denn eine war, unterzogen hatte, gierte nach nichts anderem. Franz-Josef hörte es in ihrem Stöhnen, sah es in ihren schmerzverzerrten Gesichtern.

Er schob sich an zwei dicken russischen Vampiren, einem Mann und einer Frau, vorbei. Die Frau fauchte wütend und schlug nach ihm, als ahne sie, dass er ihr zuvorkommen wollte.

Nun hob auch einer der wilden Vampire den Kopf. Wären sie nicht abgelenkt gewesen, hätten sie Sissi schon viel früher bemerkt. Sie schien die Gefahr zu erkennen, denn ihr Kopf verschwand hinter der Tür. Nur der Spalt war noch zu sehen.

»Anscheinend«, ertönte plötzlich die Stimme Seiner Eminenz, »schätzt du dein Augenlicht mehr als deine Loyalität, Junge.«

Franz-Josef drehte sich nicht zu ihm um, setzte stattdessen zu einem Sprung an, der ihn direkt zur Tür brachte. Aus den Augenwinkeln sah er, wie einer der wilden Vampire ihm entgegenlief.

Franz-Josef warf die beiden Stuhlstapel rechts und links um und riss die Tür auf. Blinde Vampire stolperten über die Stühle, prallten mit anderen zusammen und stürzten.

»Lasst ihn gehen«, sagte Seine Eminenz. »Er hat seine Entscheidung getroffen, so wie ihr auch.«

Franz-Josef schloss die Tür hinter sich. Sissi wartete im Gang auf ihn. Das Licht einer Kerze erhellte ihr Gesicht. Franz-Josef schlug sie ihr versehentlich aus der Hand, als er nach ihrem Arm griff. »Komm!«

»Ich kann nichts sehen.«

Einen Moment lang tauchten leere Augenhöhlen in Franz-Josefs Vorstellung auf. Er schüttelte sich, hob Sissi hoch und lief mit ihr auf den Armen den Gang entlang. Er fand Treppen, die nach oben führten, und folgte ihnen bis zu einer Tür, die er mit einem Tritt aufstieß.

Über ihm erstreckte sich ein sternenklarer, kalter Nachthimmel. Sie befanden sich auf dem Dach der Hofburg. Es hatte aufgehört zu schneien.

Franz-Josef ließ Sissi los. Sie umarmte ihn, er küsste sie.

»Danke«, sagte er leise.

Sie löste sich aus seiner Umarmung. »Was war das nur für ein schrecklicher Kerl?«, fragte sie. »Und die ganzen Vampire … ihre Augen. Was …«

»Er«, unterbrach Franz-Josef sie, »ist unser Herr, unser Kaiser.«

»Ich dachte, das wärst du.«

»Nein, ich bin das nur in den Augen der Menschen.« Er trat an den Rand des Dachs. Unter dem dicken weißen Schnee wirkten die Gärten leblos wie ein Gemälde.

»Und was meinte dieser Kaiser, als er sagte, du hättest deine Entscheidung getroffen?«

Franz-Josef hob hilflos die Schultern. »Ich weiß es nicht.« Er wünschte sich, Sissi hätte geschwiegen und ihm Zeit zum Nachdenken gegeben, aber sie ließ nicht locker.

»Du solltest dir die Augen herausreißen, aber du weißt nicht, wofür?«, fragte sie. Ihre Stimme klang aufgekratzt. »Wie ist das möglich?«

Franz-Josef fuhr herum. »Weil mir niemand je etwas sagt!« Die Heftigkeit seiner Reaktion schien Sissi zu überraschen. Sie wich einen Schritt zurück.

»Sophie und Karl machen die Politik unter sich aus. Sie würden eher Ferdinand um seine Meinung bitten als mich.«

»Aber sie haben dich doch zum Kaiser gemacht, oder?«

»Aus Respekt vor meinen Vater.« Franz-Josef trat in einen Schneehaufen. Flocken stoben auf wie weiße Funken aus einem Feuer. »Er war jeder französische König, von dem du in den letzten dreihundert Jahren gehört hast, außer Ludwig dem Sechzehnten. Ich wollte ihm nacheifern, ich wollte …«, er breitete die Arme aus, versuchte Worte für das zu finden, was er ausdrücken wollte, »… etwas von diesem Respekt auch für mich. Karl war dagegen, mich zum Kaiser zu ernennen, einige andere auch, aber Sophie setzte sich durch, wahrscheinlich, weil sie wusste, dass ich mich nie gegen ihren Willen auflehnen würde.«

Sissi öffnete den Mund, sicherlich, um ihm zu widersprechen, aber er ließ es nicht zu. Sie hatte das Recht, die Wahrheit über ihn zu erfahren, nun, da er bereit war, sie sich selbst einzugestehen.

»Und weißt du was? Sie lag richtig. Ich wollte zwar Kaiser sein, aber als Sophie mir am Tag meiner Krönung die Aktenberge auf dem Schreibtisch zeigte und von Leuten redete, deren Namen ich noch nie gehört hatte, sagte ich: ›Was soll ich tun?‹ Nicht: ›Erkläre es mir‹, sondern: ›Was soll ich tun?‹ In diesem Moment war es bereits vorbei.« Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Seine Haut war so kalt wie die Nacht. »Sieh mich doch nur an. Ich bin schwach, Sissi, sogar zu schwach, um mir die Augen herauszureißen.«

Sie berührte seinen Arm. »Ich halte das nicht für ein Zeichen von Schwäche.«

»Wenn man es aus Angst nicht tut, dann schon. Es war eine Prüfung und ich habe versagt – als Einziger.«

Er ließ sich von Sissi in die Arme nehmen, erwiderte ihre Berührung jedoch nicht. »Sei nicht so hart zu dir«, sagte Sissi leise. »Du hast so viel Zeit, dich zu ändern, wenn du es willst, mehr als die meisten.«

Franz-Josef lächelte unwillkürlich, als ihm klar wurde, wie sehr sie sich um eine diplomatische Antwort bemühte. »Du stimmst mir also zu«, sagte er.

Ihre Augen weiteten sich. »Nein, natürlich nicht. Ich halte dich nicht für schwach.« Sie zögerte. »Aber ich glaube, dass du dich mehr um deine Staatsgeschäfte kümmern solltest und … ich weiß, dass Leute dir Dinge verheimlichen.« Sie hob den Kopf und sah ihm in die Augen. »Ich habe dir zum Beispiel etwas verheimlicht.«

Oh Gott, dachte Franz-Josef. Was denn jetzt noch?

»Es geht um Edgar.«

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