36
Superheldinnen
Ich bin überzeugt, der Sonntagsbrunch wurde aus dreierlei Gründen erfunden: Erstens für Verabredungen mit Schwiegereltern, zweitens für die Discobesucher, die tags darauf erst um eins aus den Federn kommen und dann ein Frühstück brauchen, um ihren Kater zu bekämpfen, und drittens, um den Zukünftigen der besten Freundin kennenzulernen, bei dem man angeblich vor drei Wochen in einer Bar abgeblitzt ist.
Mit heftigem Herzklopfen betrat ich das Chez Michael, ein französisch-amerikanisches Bistro in Beverly Hills, in dem ich mit Sophie und Eric verabredet war.
Dieser Brunch konnte entweder so richtig gut laufen … oder so richtig in die Hose gehen. Mein Gefühl sagte mir, dass es nur diese beiden Extreme gab.
Sophie würde entweder ihren Mund halten, wie wir es vereinbart hatten, oder ständig kleine Bemerkungen fallen lassen, zum Beispiel: »Hey, Eric, kommt dir Jen nicht bekannt vor? Ich finde, sie hat ein richtiges Allerweltsgesicht.«
Natürlich war auch das Katastrophenszenario schlechthin denkbar: Dass mein Radar verrückt spielen würde, noch ehe ich richtig Platz genommen hatte, obwohl ich mir doch geschworen hatte, es für die nächsten hundertzwanzig Jahre zu ignorieren. Dass es Alarm schlagen, wie wild zu piepsen anfangen würde, weil es in unmittelbarer Nähe ehebrecherische Objekte ortete – und der einzige Mann in unmittelbarer Nähe wäre zweifellos Eric.
Das wäre in der Tat eine Katastrophe.
»Äh, ich glaube, die Reservierung lautet auf ›Sophie‹«, sagte ich zu der Angestellten am Eingang. Sie warf einen Blick in das Buch, das sie aufgeschlagen vor sich liegen hatte, und lächelte charmant. »Sie werden bereits erwartet. Hier entlang bitte …«
Ich folgte ihr durch das von verschwägerten Menschen und verkaterten Discobesuchern bevölkerte Lokal, bis ich an einem Tisch an der gegenüberliegenden Wand Sophie erspähte, und neben ihr einen groß gewachsenen, dunkelhaarigen Mann. Eric sah genau aus wie auf dem Foto, das mir Sophie gegeben hatte. Für den Treuetest, den ich nie durchgeführt hatte.
»Jen!«, rief sie und erhob sich aufgeregt, um mich zu umarmen. Dann wandte sie sich um. »Das ist Eric. Eric, Jen.« Ich ergriff seine Hand und schüttelte sie, während Sophie fahrig zwischen uns hin und her blickte.
Ich hätte ihr sagen können, dass sie sich keine Sorgen machen musste. Er würde mich nicht erkennen. Wie auch.
Ich lächelte fröhlich. »Wie schön, dass wir uns endlich kennenlernen!«
»Die Freude ist ganz meinerseits«, erwiderte er.
Sophie nahm zufrieden wieder Platz und deutete auf einen Stuhl gegenüber von ihnen. »Ist das nicht großartig?«, plapperte sie freudestrahlend. »Die allererste Begegnung zwischen meinem Verlobten und meiner besten Freundin!« Sie warf mir einen vielsagenden Blick zu und zwinkerte.
Eric und ich lachten über ihre kindliche Begeisterung. »Ja, Schätzchen«, er tätschelte ihr liebevoll den Oberschenkel. »Ich freue mich, endlich die Bekanntschaft der berühmten Jennifer zu machen.«
»Du siehst schon besser aus, Jen«, stellte Sophie fest.
Ich nickte und versuchte, mir meine Aufregung nicht gleich anmerken zu lassen.
Mit Erfolg, denn Sophie wandte sich an Eric und erklärte eifrig: »Jen und ihr … äh … Freund, oder jedenfalls der Kerl, mit dem sie zusammen war, haben sich neulich fürchterlich in die Haare gekriegt und Schluss gemacht.«
Sie bedachte mich mit einem mitfühlenden Blick, wartete auf ein bestätigendes Nicken. Stattdessen bemerkte sie jetzt den seltsamen Glanz in meinen Augen, und das Lächeln, das ich nun nicht mehr unterdrücken konnte. »Oder etwa doch nicht?«
»Also … Ehrlich gesagt …« Ich breitete meine Serviette auf dem Schoß aus.
»Du liebe Zeit!«, quiekte sie. »Ihr habt euch versöhnt?«
Ich nickte bescheiden, mit hochrotem Kopf. »Ja, gestern Abend.«
Sophie klatschte so begeistert in die Hände wie eine stolze Mutter, die bei der allerersten Schultheateraufführung ihres Kindes in der vordersten Reihe sitzt. »Wow! Erzähl! Ich will alles wissen! Was ist passiert?«
»Es war bloß ein Missverständnis.« Ich warf ihr einen warnenden Blick zu.
Sie nickte. »Klassischer Fall von Verständigungsschwierigkeiten zwischen Mars und Venus also.« Sie hatte den Wink verstanden. »Damit wollen wir dich jetzt nicht langweilen, Liebling. Jen kann mir auch später noch alles im Detail erzählen.« Sie drückte Eric einen Kuss auf die Wange.
Ich verfolgte lächelnd, wie er ihr schmachtend in die Augen sah und sie dann auf den Mund küsste. Zu meiner großen Erleichterung schwiegen meine Alarmglocken. Keine blinkenden roten Lichter, kein frenetisches Radargepiepse. Der Mann hatte keinen einzigen untreuen Knochen im Leib.
Ich war trotzdem noch nicht zufrieden. Mein Vertrauen in meinen Instinkt war erschüttert, obwohl ich in Bezug auf Jamie schlussendlich doch richtig gelegen hatte; er gehörte nicht zu den untreuen Ehemännern. Aber nach dieser Erfahrung war ich verunsichert. Skeptisch. Ich hegte ernste Zweifel an meiner Urteilsfähigkeit.
Und während mir das glückliche Paar, das sich bald das Jawort geben wollte, abwechselnd von seinem ersten Hochzeitsplanungswochenende erzählte, wurde mir klar: Ich brauchte Gewissheit.
Selbst wenn meine interne Vorhersagesoftware nur einen minimalen Spielraum für Fehleinschätzungen geboten hätte, es hätte mir nicht genügt.
Ein »Höchstwahrscheinlich« reichte nicht aus, wenn ich sah, wie glücklich, wie verliebt, wie hoffnungsvoll Sophie ihrer Zukunft entgegenblickte.
Ich brauchte ein »Definitiv«. Hundertprozentige Gewissheit.
Und ich wusste genau, wie ich sie bekommen würde.
 
Einunddreißigster Oktober. Halloween, die Zeit für makabere Scherze, die Zeit, in der Kobolde und Geister und Monster aus ihren dunklen Schlupfwinkeln hervorkriechen und um Süßigkeiten betteln.
Hannah hatte anlässlich ihres letzten »Süßes oder Saures«-Kreuzzuges zur Halloween-Verabschiedung im Haus meiner Mutter gebeten.
Halloween gehört seit jeher zu meinen Lieblingsfeiertagen. Nicht nur, weil es eine gute Ausrede liefert, sich hemmungslos mit Süßigkeiten vollzustopfen, sondern vor allem wegen der Verkleidungen. Ich habe es immer geliebt, in eine fremde Identität zu schlüpfen, und sei es nur für eine Nacht. Eine Zeit lang habe ich mir damit ja sogar meinen Lebensunterhalt verdient.
Ich parkte meinen Range Rover in der Auffahrt des Hauses von 1355 Mayfield Circle, wo ich aufgewachsen war, und stellte den Motor ab. Ehe ich ausstieg, wollte ich aber noch einen wichtigen Anruf tätigen. Ich musste jemanden anrufen, der hoffentlich bald eine wichtige Rolle in meinem Leben spielen würde.
»Hallo?«, tönte Lauren Irelands Stimme aus meinem Treo.
»Tag, Lauren, hier ist … Ashlyn. Ach, was soll’s, hier ist Jen. Eigentlich heiße ich Jennifer, aber ich werde meist Jen genannt.«
»Tag, Jen«, erwiderte sie ehrfürchtig.
»Na, planen Sie immer noch Ihre Karriere als Treuetesterin oder sind Sie inzwischen zur Besinnung gekommen?«
Sie lachte. »Bis jetzt leider nicht, nein.«
»Das freut mich zu hören. Für mich jedenfalls. Ich brauche nämlich Ihre Hilfe.«
»Im Ernst?«
»Ja. Besser gesagt, ich hätte da einen Auftrag für Sie. Haben Sie Interesse?«
»Selbstverständlich!«, sprudelte sie aufgeregt hervor, als hätte ich ihr gerade in Aussicht gestellt, ihr ein großartiges Geschenk zu machen.
Dabei war es genau umgekehrt – sie würde mir ein Geschenk machen. Ein äußerst zufriedenstellendes, beruhigendes Geschenk.
»Worum geht’s?«, fragte sie eifrig.
Ich atmete tief durch, dann begann ich, sämtliche Informationen aufzuzählen, die zu sammeln noch bis vor Kurzem meine Aufgabe gewesen war: Beruf, Hobbys, Geschmack, Ausbildung, Mitgliedschaften, Lieblingsgetränke, Lieblingsclubs. Und zu guter Letzt nannte ich ihr den Namen des Testobjektes: Eric Fornell.
 
»Errätst du, wer ich bin?«, krähte Hannah aufgekratzt, sobald ich über die Schwelle getreten war. Sie sprang von der Couch auf und kam angerannt, um mich zu begrüßen. Ich trat einen Schritt zurück und betrachtete sie eingehend von Kopf bis Fuß. Sie trug einen Jeansmini, kniehohe rote Stiefel und ein schwarzes Top mit U-Boot-Ausschnitt und einer großen roten Ansteckblume. Die blonden Locken hatte sie sich mit einer ganzen Packung Haarnadeln lose hochgesteckt.
»Ähm …« Jetzt war höchste Vorsicht geboten. Eine falsche Antwort auf die Frage »Wer bin ich?« ist für verkleidete Kinder ja so ziemlich die schlimmste Beleidigung überhaupt.
Zum Glück war Hannah zu ungeduldig, um meine Antwort abzuwarten. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte mir ins Ohr: »Ich bin Carrie aus Sex and the City
»Ah«, machte ich und betrachtete noch einmal ihr Outfit. »Klasse!«
Sie erhob sich wieder auf die Zehenspitzen. »Olivia ist Samantha, Rachel ist Charlotte und Michelle ist Miranda, weil sie als Einzige rote Haare hat.«
»Das wird bestimmt ein Spaß.«
»Mom hat keine Ahnung«, erklärte sie leise. »Sie glaubt, ich hätte mich als Hannah Montana verkleidet.« Sie verdrehte die Augen und kicherte spöttisch.
Ich begrüßte Mom und Julia, stellte meine Siebensachen auf dem Esstisch ab und ließ mich aufs Sofa fallen. Ich hatte schon befürchtet, nach unserem letzten Telefonat könnte die Stimmung zwischen Mom und mir etwas angespannt sein, aber zu meiner Erleichterung benahm sie sich ganz normal.
»Warte!«, rief Hannah, kaum dass mein Hintern mit der Couch in Berührung gekommen war. »Ich muss dir was zeigen!«
Ich erhob mich etwas widerwillig und folgte ihr in die Küche, wo sie sich erst misstrauisch umsah, ehe sie ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus der Tasche ihres Jeansrockes zog. »Das ist der zweite Brief, den ich bekommen habe«, flüsterte sie. »Wieder von demselben Absender.« Sie war sichtlich stolz auf ihre detektivische Spürnase.
Ich lächelte anerkennend und schickte mich an, den Brief zu entfalten. Mal sehen, wo mich Raymond Jacobs’ Fotograf diesmal aufgespürt hatte. Dann wurde mir klar, dass es seit meiner kleinen Überraschungsvisite völlig gleichgültig war. Raymond Jacobs konnte mir nichts mehr anhaben. Wozu sollte ich ihm die Genugtuung geben und mir den Brief überhaupt ansehen?
Also zerknüllte ich ihn stattdessen und warf ihn in den Mülleimer unter der Spüle.
Hannah verfolgte es so entsetzt, als hätte ich gerade das letzte Beweisstück zerstört, das zur Verurteilung eines Serienmörders hätte führen können. »Warum hast du das getan?«
»Weil es nicht mehr wichtig ist«, sagte ich nüchtern. »Ich habe die Angelegenheit geklärt.«
»Aber wer war der Absender, und warum hat er dir einen anderen Namen gegeben?«
Ich hatte mir die vergangenen drei Wochen den Kopf zermartert bei dem Versuch, mir eine glaubwürdige Story aus den Fingern zu saugen. Eine Story, mit der ich alles erklären, mein Geheimnis hüten und Hannah vor der kalten, grausamen Wahrheit bewahren konnte. Sie war eindeutig noch zu jung, um bereits mit der rauen Welt der Erwachsenen konfrontiert zu werden.
Irgendwann war mir klar geworden, dass mein Problem nicht darin bestand, eine Geschichte zu erfinden, mit der ich all ihre Fragen beantworten konnte. Mein Problem war, dass es keine solche Geschichte gab, weil ich mit der Annahme, Lügen seien besser als die kalte, grausame Wahrheit, schon völlig falsch lag. Tatsächlich sind Lügen mindestens genauso destruktiv.
Pech für Hannah, wenn es Dinge gab, für die sie noch nicht alt genug war. Pech für mich, wenn ich in ihren Augen nicht mehr die coole Tante war, nur weil ich sie ihr verschwieg.
Ich sah auf sie hinunter und strich ihr zärtlich lächelnd eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Ich erzähle dir alles, wenn du älter bist. Okay?«
Ich wappnete mich für verächtliche Blicke und vorwurfsvolles Gemecker, rechnete damit, dass sie herummaulen und mir vorwerfen würde, ich sei wie ihre Mutter, doch siehe da, sie zuckte die Achseln, murmelte »Meinetwegen«, und damit war die Angelegenheit vergessen.
Sie eilte zurück ins Wohnzimmer, zum Aufbruch bereit. Ich folgte ihr.
»Bist du so weit?«, fragte Julia und griff nach Autoschlüssel und Handtasche.
»Mom«, stöhnte Hannah. »Zum allerletzten Mal, du kannst nicht mitkommen! Wir treffen uns bei Rachel und machen uns dann in ihrer Nachbarschaft auf den Weg.«
»Ich muss schon sagen, Hannah, für jemanden, der fast schon ›zu alt‹ ist für Halloween, nimmst du die ganze Sache aber ziemlich ernst«, bemerkte Julia.
Meine Nichte wandte sich zu mir um. »Sie macht mich wahnsinnig«, murmelte sie mit zusammengebissenen Zähnen.
Ich grinste, dann flüsterte ich: »Nimm’s ihr nicht übel. Sie liebt dich eben sehr.«
Hannah verzog das Gesicht, drehte sich aber widerstrebend zu ihrer Mutter um. »Also gut, du kannst mich zu Rachel rüberfahren, aber das war’s dann.«
Julia lächelte und ging kopfschüttelnd zur Tür. »Dann mal los, Hannah Montana.«
Die Tür fiel ins Schloss. Meine Mutter und ich standen einen Augenblick verlegen herum. Dann ging ich zur Couch, setzte mich und wühlte in der großen Schüssel mit den Süßigkeiten. Hm, lecker, ein Erdnussbutter-Schokoriegel.
Ich packte ihn schweigend aus, biss hinein und vermied es dabei geflissentlich, Mom anzusehen. Bis auf das Rascheln der Plastikfolie war es still im Raum.
Ich kaute, sah mich angespannt im Wohnzimmer um. Hier hatte ich meinen Vater beim Ehebruch erwischt. Ehe ich wusste, was das überhaupt war. Ehe ich begriff, was es bedeutete.
Zum Glück hatte meine Mutter die Couch schon vor Jahren ausgetauscht und sich auch gleich farblich darauf abgestimmte Vorhänge zugelegt. Der Couchtisch war sogar noch neuer als die Couch, der Teppich ebenso. Doch die Schuld war nach wie vor dieselbe.
Und sie schien auch zu den neuen Möbeln, den neuen Vorhängen und dem neuen Teppich tadellos zu passen.
»Tut mir leid, dass ich dich neulich am Telefon so aufgeregt habe, Jenny.« Mom setzte sich neben mich, nahm einen Milky-Way-Riegel aus der Schüssel und wickelte ihn aus.
»Hast du nicht«, sagte ich leise. »Ich meine … ich habe mich nicht deinetwegen aufgeregt. Du hast völlig recht – ich muss lernen, ihm zu vergeben. Ich weiß nur nicht, wie.«
Als sie die Hand ausstreckte und mir sanft übers Haar fuhr, lehnte ich mich an sie, und die Tränen begannen, zu fließen. Sie schloss mich in die Arme und küsste mich auf den Scheitel.
Sie konnte nicht ahnen, wie viele Geheimnisse, die ich Zeit meines Lebens für mich behalten hatte, nach draußen drängten. Geheimnisse, deren Offenbarung alles verändert und ihr ein glücklicheres Leben ermöglicht hätte.
Doch wie immer behielt ich sie für mich. Bis zum nächsten Mal. Vielleicht für immer.
»Schon gut, Liebes. Alles bestens«, murmelte sie mir ins Ohr und tätschelte mir den Kopf, während ich an ihrer Brust »Es tut mir leid, es tut mir so leid« wimmerte.
Sie lachte nachsichtig. »Du musst dich doch nicht entschuldigen.«
»Und ob ich das muss!«, hätte ich am liebsten gerufen. »Ich sollte dich auf Knien um Verzeihung bitten! Ich habe dein Leben ruiniert, also lass mich wenigstens dafür um Verzeihung bitten!«
Doch ich schmiegte mich lediglich in ihre Arme und trocknete mir die tränennassen Wangen.
»So sind die Menschen eben«, stellte Mom fest. »Wir machen alle Fehler. Das gehört zum Leben dazu. Dein Vater hat einen Fehler gemacht. Es stimmt, noch einmal würde ich ihn nicht heiraten. Ich könnte ihn nie wieder so lieben, wie ich ihn geliebt habe. Und ich bereue es nicht, dass ich ihn verlassen habe. Aber vom Verlassen allein heilt das Herz noch lange nicht. Dafür muss man schon verzeihen.«
Ich hob den Kopf und sah sie an. Sie wischte mir eine letzte Träne von der Backe. Woher nahm sie bloß ihre Kraft? War das überhaupt meine Mom? Sie klang eher wie eine Zen-Meisterin, die versuchte, ein Häufchen verlorener Seelen auf den richtigen Weg zurückzuführen. War das wirklich die gekränkte Ehefrau mit dem gebrochenen Herzen, das labile Opfer, das ich in den vergangenen zwei Jahren so oft getröstet hatte?
Und jetzt wollte sie mir auf einmal weismachen, ich müsste verzeihen? Es erschien mir so völlig unmöglich. Wie kann man eine Tat verzeihen, die einen so lange in einem Leben gefangen hielt, für das man sich gar nicht selbst entschieden hat?
Man kann doch nicht einfach einen Schalter umlegen und den Schuldigen von seinen Sünden lossprechen.
Oder doch?
»Ich kann nicht«, wisperte ich. »Ich kann es nicht hinter mir lassen. Ich kann einfach nicht vergessen, was passiert ist, und welche Folgen es hatte.«
»Natürlich kannst du das«, widersprach sie beschwichtigend. »Wenn ich es konnte, kannst du es auch.«
Ich schüttelte den Kopf, spürte meine Unfähigkeit, ihm zu vergeben wie eine Mauer, die mich umgab, eine Mauer, die ich nicht die Kraft hatte, zu überwinden. »Ich kann ein Übel, für das ich mein Leben lang versucht habe, Wiedergutmachung zu leisten, nicht verzeihen«, murmelte ich halblaut. Es war nicht für ihre Ohren bestimmt, aber sie hörte es trotzdem. Irgendwie wollte ich sogar, dass sie es hörte und mir sagte, was ich tun sollte.
Und genau das tat sie auch.
»Du musst, wenn du glücklich werden willst«, sagte sie schlicht. Als wäre das die einzig wichtige Wahrheit im Leben, als diente alles andere nur dazu, uns die Sicht zu verstellen, uns in die Irre zu führen, unsere Aufmerksamkeit auf destruktivere Gedanken zu lenken. »Du musst lernen, loszulassen, dich von Wut und Groll zu befreien. Wenn du dich weiter daran klammerst, werden sie dich nämlich auffressen, bis nichts mehr von dir übrig ist.«
Sie sprach zwar nach wie vor über meinen Vater, aber ich wusste, es gab noch jemand anderes, dessen Vergebung ich seit Jahren zu erlangen versuchte. Und dieses Unterfangen gestaltete sich ungleich schwieriger.
Die Türklingel ließ mich zusammenfahren und holte mich abrupt in die Realität zurück. Halloween. Süßes oder Saures. Verkleidete Kinder. Ich schniefte, wischte mir mit dem Handrücken die Nase ab und schnaubte leicht belustigt angesichts meines aufgelösten Zustandes.
Mom legte mir die Hand auf den Arm. »Ich gehe schon«, sagte sie und griff zu den Süßigkeiten.
»Nein, nein«, wehrte ich ab und nahm ihr die Schale aus der Hand. »Lass mich.«
Ich brachte Kleider und Frisur in Ordnung, während ich die zehn Schritte zur Tür ging. Die Tür, die einst mein täglicher Fluchtweg aus einem Gefängnis gewesen war, von dem ich angenommen hatte, ich könnte ihm nie ganz entkommen.
Es würde rein gar nichts nützen, meine Mutter in meine unzähligen Geheimnisse einzuweihen. Es würde bloß weitere Seelenqualen hervorrufen. Ich konnte das alles nur hinter mir lassen, indem ich meinem Vater verzieh, dass er den Grundstein für all diese Heimlichkeiten gelegt hatte.
Wahre Freiheit erlangen, würde ich allerdings erst, wenn ich noch viel, viel tiefer schürfte. Wenn ich einem Menschen verzieh, der mir ungleich näher stand: mir selbst. Und das war eine viel größere Herausforderung.
Mit der Schale voller verlockender Süßigkeiten unter dem Arm und einem breiten Lächeln im Gesicht öffnete ich die Tür und sah mich drei sieben- oder achtjährigen Mädchen gegenüber.
»Süßes oder Saures!«, trompeteten sie im Chor.
»Ihr habt euch aber herausgeputzt!«, lobte ich sie, während ich diverse Köstlichkeiten in ihre Beutel fallen ließ.
»Mit wem habe ich denn die Ehre?«
»Ich bin She-Ra, Prinzessin der Macht«, verkündete die Kleine in der Mitte und lüftete stolz ihren Umhang. Darunter trug sie ein enges Kleid in Weiß und Gold, und auf dem Kopf einen geflügelten goldenen Helm. Dann deutete sie auf die etwas weniger mutige Freundin zu ihrer Linken, die ein goldenes Stirnband und einen rot-blauen Gymnastikanzug anhatte. »Das ist Wonder Woman. Wir werden oft verwechselt, aber wir sind total verschieden.«
»Ich weiß«, entgegnete ich ernst.
»Wonder Woman kann fliegen, und She-Ra hat übermenschliche Kräfte«, erklärte sie naseweis.
»Tatsächlich? Das ist mir allerdings neu. Und wer bist du?«, fragte ich die dritte Besucherin, die ebenfalls allerliebst anzusehen war in ihrem roten Top, der roten Hose und dem roten Tuch auf dem Kopf.
Sie lächelte schüchtern und wippte vor und zurück. »Ich bin Electra.«
»Cool«, staunte ich und fügte neugierig hinzu: »Und welche speziellen Fähigkeiten hat Electra?«
»Electra ist eine Ninja-Auftragskillerin«, mischte sich She-Ra ein. »Sie kann sich superschnell bewegen, und sie hat Gummigelenke. Ich glaube, sie macht Yoga oder so.«
Ich unterdrückte ein Kichern. »Also, ihr seht echt toll aus.«
»Danke!«, flöteten die drei, dann wirbelten sie auf ihren glitzernden Absätzen herum und hopsten nach nebenan.
Ich schloss mit einem zufriedenen Lächeln die Tür und lehnte mich dagegen, um noch ein wenig meinen Gedanken nachzuhängen. Mom war in der Küche verschwunden.
Eigentlich war es nur ein einziger Gedanke, der mir durch den Kopf ging.
Einer, der durchaus die kommenden zwei Jahre meines Lebens bestimmen konnte.
Es gibt einfach nicht genügend weibliche Superhelden auf der Welt.
Treuetest - Brody, J: Treuetest - The Fidelity Files
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