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Superheldinnen
Ich bin überzeugt, der Sonntagsbrunch wurde aus
dreierlei Gründen erfunden: Erstens für Verabredungen mit
Schwiegereltern, zweitens für die Discobesucher, die tags darauf
erst um eins aus den Federn kommen und dann ein Frühstück brauchen,
um ihren Kater zu bekämpfen, und drittens, um den Zukünftigen der
besten Freundin kennenzulernen, bei dem man angeblich vor drei
Wochen in einer Bar abgeblitzt ist.
Mit heftigem Herzklopfen betrat ich das Chez
Michael, ein französisch-amerikanisches Bistro in Beverly Hills, in
dem ich mit Sophie und Eric verabredet war.
Dieser Brunch konnte entweder so richtig gut laufen … oder so richtig in die Hose gehen. Mein Gefühl sagte mir,
dass es nur diese beiden Extreme gab.
Sophie würde entweder ihren Mund halten, wie wir es
vereinbart hatten, oder ständig kleine Bemerkungen fallen lassen,
zum Beispiel: »Hey, Eric, kommt dir Jen nicht
bekannt vor? Ich finde, sie hat ein richtiges
Allerweltsgesicht.«
Natürlich war auch das Katastrophenszenario
schlechthin denkbar: Dass mein Radar verrückt spielen würde, noch
ehe ich richtig Platz genommen hatte, obwohl ich mir doch
geschworen hatte, es für die nächsten hundertzwanzig Jahre zu
ignorieren. Dass es Alarm schlagen, wie wild zu piepsen anfangen
würde, weil es in unmittelbarer Nähe ehebrecherische Objekte ortete
– und der einzige Mann in unmittelbarer Nähe wäre zweifellos
Eric.
Das wäre in der Tat eine
Katastrophe.
Ȁh, ich glaube, die Reservierung lautet auf
›Sophie‹«, sagte ich zu der Angestellten am Eingang. Sie warf einen
Blick in das Buch, das sie aufgeschlagen vor sich liegen hatte, und
lächelte charmant. »Sie werden bereits erwartet. Hier entlang bitte
…«
Ich folgte ihr durch das von verschwägerten
Menschen und verkaterten Discobesuchern bevölkerte Lokal, bis ich
an einem Tisch an der gegenüberliegenden Wand Sophie erspähte, und
neben ihr einen groß gewachsenen, dunkelhaarigen Mann. Eric sah
genau aus wie auf dem Foto, das mir Sophie gegeben hatte. Für den
Treuetest, den ich nie durchgeführt hatte.
»Jen!«, rief sie und erhob sich aufgeregt, um mich
zu umarmen. Dann wandte sie sich um. »Das ist Eric. Eric, Jen.« Ich
ergriff seine Hand und schüttelte sie, während Sophie fahrig
zwischen uns hin und her blickte.
Ich hätte ihr sagen können, dass sie sich keine
Sorgen machen musste. Er würde mich nicht erkennen. Wie auch.
Ich lächelte fröhlich. »Wie schön, dass wir uns
endlich kennenlernen!«
»Die Freude ist ganz meinerseits«, erwiderte
er.
Sophie nahm zufrieden wieder Platz und deutete auf
einen Stuhl gegenüber von ihnen. »Ist das nicht großartig?«,
plapperte sie freudestrahlend. »Die allererste Begegnung zwischen meinem Verlobten und
meiner besten Freundin!« Sie warf mir einen vielsagenden Blick zu
und zwinkerte.
Eric und ich lachten über ihre kindliche
Begeisterung. »Ja,
Schätzchen«, er tätschelte ihr liebevoll den Oberschenkel. »Ich
freue mich, endlich die Bekanntschaft der berühmten Jennifer zu
machen.«
»Du siehst schon besser aus, Jen«, stellte Sophie
fest.
Ich nickte und versuchte, mir meine Aufregung nicht
gleich anmerken zu lassen.
Mit Erfolg, denn Sophie wandte sich an Eric und
erklärte eifrig: »Jen und ihr … äh … Freund, oder jedenfalls der Kerl, mit dem sie
zusammen war, haben sich neulich fürchterlich in die Haare gekriegt
und Schluss gemacht.«
Sie bedachte mich mit einem mitfühlenden Blick,
wartete auf ein bestätigendes Nicken. Stattdessen bemerkte sie
jetzt den seltsamen Glanz in meinen Augen, und das Lächeln, das ich
nun nicht mehr unterdrücken konnte. »Oder etwa doch nicht?«
»Also … Ehrlich gesagt …« Ich breitete meine
Serviette auf dem Schoß aus.
»Du liebe Zeit!«, quiekte sie. »Ihr habt euch
versöhnt?«
Ich nickte bescheiden, mit hochrotem Kopf. »Ja,
gestern Abend.«
Sophie klatschte so begeistert in die Hände wie
eine stolze Mutter, die bei der allerersten Schultheateraufführung
ihres Kindes in der vordersten Reihe sitzt. »Wow! Erzähl! Ich will
alles wissen! Was ist passiert?«
»Es war bloß ein Missverständnis.« Ich warf ihr
einen warnenden Blick zu.
Sie nickte. »Klassischer Fall von
Verständigungsschwierigkeiten zwischen Mars und Venus also.« Sie
hatte den Wink verstanden. »Damit wollen wir dich jetzt nicht langweilen, Liebling. Jen kann mir
auch später noch alles im Detail erzählen.« Sie drückte Eric einen
Kuss auf die Wange.
Ich verfolgte lächelnd, wie er ihr schmachtend in
die Augen sah und sie dann auf den Mund küsste. Zu meiner großen
Erleichterung schwiegen meine Alarmglocken. Keine blinkenden roten
Lichter, kein frenetisches Radargepiepse. Der Mann hatte keinen
einzigen untreuen Knochen im Leib.
Ich war trotzdem noch nicht zufrieden. Mein
Vertrauen in meinen Instinkt war erschüttert, obwohl ich in Bezug
auf Jamie schlussendlich doch richtig gelegen hatte; er gehörte
nicht zu den untreuen Ehemännern. Aber nach dieser Erfahrung war
ich verunsichert. Skeptisch. Ich hegte ernste Zweifel an meiner
Urteilsfähigkeit.
Und während mir das glückliche Paar, das sich bald
das Jawort geben wollte, abwechselnd von seinem ersten
Hochzeitsplanungswochenende erzählte, wurde mir klar: Ich brauchte
Gewissheit.
Selbst wenn meine interne Vorhersagesoftware nur
einen minimalen Spielraum für Fehleinschätzungen geboten hätte, es
hätte mir nicht genügt.
Ein »Höchstwahrscheinlich« reichte nicht aus, wenn
ich sah, wie glücklich, wie verliebt, wie hoffnungsvoll Sophie
ihrer Zukunft entgegenblickte.
Ich brauchte ein »Definitiv«. Hundertprozentige
Gewissheit.
Und ich wusste genau, wie ich sie bekommen
würde.
Einunddreißigster Oktober. Halloween, die Zeit
für makabere Scherze, die Zeit, in der Kobolde und Geister und
Monster aus ihren dunklen Schlupfwinkeln hervorkriechen und um
Süßigkeiten betteln.
Hannah hatte anlässlich ihres letzten »Süßes oder
Saures«-Kreuzzuges zur Halloween-Verabschiedung im Haus meiner
Mutter gebeten.
Halloween gehört seit jeher zu meinen
Lieblingsfeiertagen. Nicht nur, weil es eine gute Ausrede liefert,
sich hemmungslos mit Süßigkeiten vollzustopfen, sondern vor allem
wegen der Verkleidungen. Ich habe es immer geliebt, in eine fremde
Identität zu schlüpfen, und sei es nur für eine Nacht. Eine Zeit
lang habe ich mir damit ja sogar meinen Lebensunterhalt
verdient.
Ich parkte meinen Range Rover in der Auffahrt des
Hauses von 1355 Mayfield Circle, wo ich aufgewachsen war, und
stellte den Motor ab. Ehe ich ausstieg, wollte ich aber noch einen
wichtigen Anruf tätigen. Ich musste jemanden anrufen, der
hoffentlich bald eine wichtige Rolle in meinem Leben spielen
würde.
»Hallo?«, tönte Lauren Irelands Stimme aus meinem
Treo.
»Tag, Lauren, hier ist … Ashlyn. Ach, was soll’s,
hier ist Jen. Eigentlich heiße ich Jennifer, aber ich werde meist
Jen genannt.«
»Tag, Jen«, erwiderte sie ehrfürchtig.
»Na, planen Sie immer noch Ihre Karriere als
Treuetesterin oder sind Sie inzwischen zur Besinnung
gekommen?«
Sie lachte. »Bis jetzt leider nicht, nein.«
»Das freut mich zu hören. Für mich jedenfalls. Ich
brauche nämlich Ihre Hilfe.«
»Im Ernst?«
»Ja. Besser gesagt, ich hätte da einen Auftrag für
Sie. Haben Sie Interesse?«
»Selbstverständlich!«, sprudelte sie aufgeregt
hervor, als hätte ich ihr gerade in Aussicht gestellt, ihr ein
großartiges Geschenk zu machen.
Dabei war es genau umgekehrt – sie würde mir ein Geschenk
machen. Ein äußerst zufriedenstellendes, beruhigendes
Geschenk.
»Worum geht’s?«, fragte sie eifrig.
Ich atmete tief durch, dann begann ich, sämtliche
Informationen aufzuzählen, die zu sammeln noch bis vor Kurzem
meine Aufgabe gewesen war: Beruf, Hobbys, Geschmack, Ausbildung,
Mitgliedschaften, Lieblingsgetränke, Lieblingsclubs. Und zu guter
Letzt nannte ich ihr den Namen des Testobjektes: Eric
Fornell.
»Errätst du, wer ich bin?«, krähte Hannah
aufgekratzt, sobald ich über die Schwelle getreten war. Sie sprang
von der Couch auf und kam angerannt, um mich zu begrüßen. Ich trat
einen Schritt zurück und betrachtete sie eingehend von Kopf bis
Fuß. Sie trug einen Jeansmini, kniehohe rote Stiefel und ein
schwarzes Top mit U-Boot-Ausschnitt und einer großen roten
Ansteckblume. Die blonden Locken hatte sie sich mit einer ganzen
Packung Haarnadeln lose hochgesteckt.
»Ähm …« Jetzt war höchste Vorsicht geboten. Eine
falsche Antwort auf die Frage »Wer bin ich?« ist für verkleidete
Kinder ja so ziemlich die schlimmste Beleidigung überhaupt.
Zum Glück war Hannah zu ungeduldig, um meine
Antwort abzuwarten. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und
flüsterte mir ins Ohr: »Ich bin Carrie aus Sex
and the City.«
»Ah«, machte ich und betrachtete noch einmal ihr
Outfit. »Klasse!«
Sie erhob sich wieder auf die Zehenspitzen. »Olivia
ist Samantha, Rachel ist Charlotte und Michelle ist Miranda, weil
sie als Einzige rote Haare hat.«
»Das wird bestimmt ein Spaß.«
»Mom hat keine Ahnung«, erklärte sie leise. »Sie
glaubt, ich hätte mich als Hannah Montana verkleidet.« Sie
verdrehte die Augen und kicherte spöttisch.
Ich begrüßte Mom und Julia, stellte meine
Siebensachen auf dem Esstisch ab und ließ mich aufs Sofa fallen.
Ich hatte schon befürchtet, nach unserem letzten Telefonat könnte
die Stimmung zwischen Mom und mir etwas angespannt sein, aber zu
meiner Erleichterung benahm sie sich ganz normal.
»Warte!«, rief Hannah, kaum dass mein Hintern mit
der Couch in Berührung gekommen war. »Ich muss dir was
zeigen!«
Ich erhob mich etwas widerwillig und folgte ihr in
die Küche, wo sie sich erst misstrauisch umsah, ehe sie ein
zusammengefaltetes Blatt Papier aus der Tasche ihres Jeansrockes
zog. »Das ist der zweite Brief, den ich bekommen habe«, flüsterte
sie. »Wieder von demselben Absender.« Sie war sichtlich stolz auf
ihre detektivische Spürnase.
Ich lächelte anerkennend und schickte mich an, den
Brief zu entfalten. Mal sehen, wo mich Raymond Jacobs’ Fotograf
diesmal aufgespürt hatte. Dann wurde mir klar, dass es seit meiner
kleinen Überraschungsvisite völlig gleichgültig war. Raymond Jacobs
konnte mir nichts mehr anhaben. Wozu sollte ich ihm die Genugtuung
geben und mir den Brief überhaupt ansehen?
Also zerknüllte ich ihn stattdessen und warf ihn in
den Mülleimer unter der Spüle.
Hannah verfolgte es so entsetzt, als hätte ich
gerade das letzte Beweisstück zerstört, das zur Verurteilung eines
Serienmörders hätte führen können. »Warum hast du das getan?«
»Weil es nicht mehr wichtig ist«, sagte ich
nüchtern. »Ich habe die Angelegenheit geklärt.«
»Aber wer war der Absender, und warum hat er dir
einen anderen Namen gegeben?«
Ich hatte mir die vergangenen drei Wochen den Kopf
zermartert bei dem Versuch, mir eine glaubwürdige Story aus den
Fingern zu saugen. Eine Story, mit der ich alles erklären, mein
Geheimnis hüten und Hannah vor der kalten, grausamen Wahrheit
bewahren konnte. Sie war eindeutig noch zu jung, um bereits mit der
rauen Welt der Erwachsenen konfrontiert zu werden.
Irgendwann war mir klar geworden, dass mein Problem
nicht darin bestand, eine Geschichte zu erfinden, mit der ich all
ihre Fragen beantworten konnte. Mein Problem war, dass es keine
solche Geschichte gab, weil ich mit der Annahme, Lügen seien besser
als die kalte, grausame Wahrheit, schon völlig falsch lag.
Tatsächlich sind Lügen mindestens genauso destruktiv.
Pech für Hannah, wenn es Dinge gab, für die sie
noch nicht alt genug war. Pech für mich, wenn ich in ihren Augen
nicht mehr die coole Tante war, nur weil ich sie ihr
verschwieg.
Ich sah auf sie hinunter und strich ihr zärtlich
lächelnd eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Ich erzähle dir alles,
wenn du älter bist. Okay?«
Ich wappnete mich für verächtliche Blicke und
vorwurfsvolles Gemecker, rechnete damit, dass sie herummaulen und
mir vorwerfen würde, ich sei wie ihre Mutter, doch siehe da, sie
zuckte die Achseln, murmelte »Meinetwegen«, und damit war die
Angelegenheit vergessen.
Sie eilte zurück ins Wohnzimmer, zum Aufbruch
bereit. Ich folgte ihr.
»Bist du so weit?«, fragte Julia und griff nach
Autoschlüssel und Handtasche.
»Mom«, stöhnte Hannah. »Zum allerletzten Mal, du
kannst nicht mitkommen! Wir treffen uns bei
Rachel und machen uns dann in ihrer
Nachbarschaft auf den Weg.«
»Ich muss schon sagen, Hannah, für jemanden, der
fast schon ›zu alt‹ ist für Halloween, nimmst du die ganze Sache
aber ziemlich ernst«, bemerkte Julia.
Meine Nichte wandte sich zu mir um. »Sie macht mich
wahnsinnig«, murmelte sie mit zusammengebissenen Zähnen.
Ich grinste, dann flüsterte ich: »Nimm’s ihr nicht
übel. Sie liebt dich eben sehr.«
Hannah verzog das Gesicht, drehte sich aber
widerstrebend zu ihrer Mutter um. »Also gut, du kannst mich zu
Rachel rüberfahren, aber das war’s
dann.«
Julia lächelte und ging kopfschüttelnd zur Tür.
»Dann mal los, Hannah Montana.«
Die Tür fiel ins Schloss. Meine Mutter und ich
standen einen Augenblick verlegen herum. Dann ging ich zur Couch,
setzte mich und wühlte in der großen Schüssel mit den Süßigkeiten.
Hm, lecker, ein Erdnussbutter-Schokoriegel.
Ich packte ihn schweigend aus, biss hinein und
vermied es dabei geflissentlich, Mom anzusehen. Bis auf das
Rascheln der Plastikfolie war es still im Raum.
Ich kaute, sah mich angespannt im Wohnzimmer um.
Hier hatte ich meinen Vater beim Ehebruch erwischt. Ehe ich wusste,
was das überhaupt war. Ehe ich begriff, was es bedeutete.
Zum Glück hatte meine Mutter die Couch schon vor
Jahren ausgetauscht und sich auch gleich farblich darauf
abgestimmte Vorhänge zugelegt. Der Couchtisch war sogar noch neuer
als die Couch, der Teppich ebenso. Doch die Schuld war nach wie vor
dieselbe.
Und sie schien auch zu den neuen Möbeln, den neuen
Vorhängen und dem neuen Teppich tadellos zu passen.
»Tut mir leid, dass ich dich neulich am Telefon so
aufgeregt habe, Jenny.« Mom setzte sich neben mich, nahm einen
Milky-Way-Riegel aus der Schüssel und wickelte ihn aus.
»Hast du nicht«, sagte ich leise. »Ich meine … ich
habe mich nicht deinetwegen aufgeregt. Du hast völlig recht – ich
muss lernen, ihm zu vergeben. Ich weiß nur nicht, wie.«
Als sie die Hand ausstreckte und mir sanft übers
Haar fuhr, lehnte ich mich an sie, und die Tränen begannen, zu
fließen. Sie schloss mich in die Arme und küsste mich auf den
Scheitel.
Sie konnte nicht ahnen, wie viele Geheimnisse, die
ich Zeit meines Lebens für mich behalten hatte, nach draußen
drängten. Geheimnisse, deren Offenbarung alles verändert und ihr
ein glücklicheres Leben ermöglicht hätte.
Doch wie immer behielt ich sie für mich. Bis zum
nächsten Mal. Vielleicht für immer.
»Schon gut, Liebes. Alles bestens«, murmelte sie
mir ins Ohr und tätschelte mir den Kopf, während ich an ihrer Brust
»Es tut mir leid, es tut mir so leid« wimmerte.
Sie lachte nachsichtig. »Du musst dich doch nicht
entschuldigen.«
»Und ob ich das muss!«, hätte ich am liebsten
gerufen. »Ich sollte dich auf Knien um Verzeihung bitten! Ich habe
dein Leben ruiniert, also lass mich wenigstens dafür um Verzeihung
bitten!«
Doch ich schmiegte mich lediglich in ihre Arme und
trocknete mir die tränennassen Wangen.
»So sind die Menschen eben«, stellte Mom fest. »Wir
machen alle Fehler. Das gehört zum Leben dazu. Dein Vater hat einen
Fehler gemacht. Es stimmt, noch einmal würde ich ihn nicht
heiraten. Ich könnte ihn nie wieder so lieben, wie ich ihn geliebt
habe. Und ich bereue es nicht, dass ich ihn verlassen habe. Aber
vom Verlassen allein heilt das Herz noch lange nicht. Dafür muss
man schon verzeihen.«
Ich hob den Kopf und sah sie an. Sie wischte mir
eine letzte Träne von der Backe. Woher nahm sie bloß ihre Kraft?
War das überhaupt meine Mom? Sie klang eher wie eine Zen-Meisterin,
die versuchte, ein Häufchen verlorener Seelen auf den richtigen Weg
zurückzuführen. War das wirklich die gekränkte Ehefrau mit dem
gebrochenen Herzen, das labile Opfer, das ich in den vergangenen
zwei Jahren so oft getröstet hatte?
Und jetzt wollte sie mir auf einmal weismachen, ich
müsste
verzeihen? Es erschien mir so völlig unmöglich. Wie kann man eine
Tat verzeihen, die einen so lange in einem Leben gefangen hielt,
für das man sich gar nicht selbst entschieden hat?
Man kann doch nicht einfach einen Schalter umlegen
und den Schuldigen von seinen Sünden lossprechen.
Oder doch?
»Ich kann nicht«, wisperte ich. »Ich kann es nicht
hinter mir lassen. Ich kann einfach nicht vergessen, was passiert
ist, und welche Folgen es hatte.«
»Natürlich kannst du das«, widersprach sie
beschwichtigend. »Wenn ich es konnte, kannst du es auch.«
Ich schüttelte den Kopf, spürte meine Unfähigkeit,
ihm zu vergeben wie eine Mauer, die mich umgab, eine Mauer, die ich
nicht die Kraft hatte, zu überwinden. »Ich kann ein Übel, für das
ich mein Leben lang versucht habe, Wiedergutmachung zu leisten,
nicht verzeihen«, murmelte ich halblaut. Es war nicht für ihre
Ohren bestimmt, aber sie hörte es trotzdem. Irgendwie wollte ich
sogar, dass sie es hörte und mir sagte, was ich tun sollte.
Und genau das tat sie auch.
»Du musst, wenn du glücklich werden willst«, sagte
sie schlicht. Als wäre das die einzig wichtige Wahrheit im Leben,
als diente alles andere nur dazu, uns die Sicht zu verstellen, uns
in die Irre zu führen, unsere Aufmerksamkeit auf destruktivere
Gedanken zu lenken. »Du musst lernen, loszulassen, dich von Wut und
Groll zu befreien. Wenn du dich weiter daran klammerst, werden sie
dich nämlich auffressen, bis nichts mehr von dir übrig ist.«
Sie sprach zwar nach wie vor über meinen Vater,
aber ich wusste, es gab noch jemand anderes, dessen Vergebung ich
seit Jahren zu erlangen versuchte. Und dieses Unterfangen
gestaltete sich ungleich schwieriger.
Die Türklingel ließ mich zusammenfahren und holte
mich abrupt in die Realität zurück. Halloween. Süßes oder Saures.
Verkleidete Kinder. Ich schniefte, wischte mir mit dem Handrücken
die Nase ab und schnaubte leicht belustigt angesichts meines
aufgelösten Zustandes.
Mom legte mir die Hand auf den Arm. »Ich gehe
schon«, sagte sie und griff zu den Süßigkeiten.
»Nein, nein«, wehrte ich ab und nahm ihr die Schale
aus der Hand. »Lass mich.«
Ich brachte Kleider und Frisur in Ordnung, während
ich die zehn Schritte zur Tür ging. Die Tür, die einst mein
täglicher Fluchtweg aus einem Gefängnis gewesen war, von dem ich
angenommen hatte, ich könnte ihm nie ganz entkommen.
Es würde rein gar nichts nützen, meine Mutter in
meine unzähligen Geheimnisse einzuweihen. Es würde bloß weitere
Seelenqualen hervorrufen. Ich konnte das alles nur hinter mir
lassen, indem ich meinem Vater verzieh, dass er den Grundstein für
all diese Heimlichkeiten gelegt hatte.
Wahre Freiheit erlangen, würde ich allerdings erst,
wenn ich noch viel, viel tiefer schürfte. Wenn ich einem Menschen
verzieh, der mir ungleich näher stand: mir selbst. Und das war eine
viel größere Herausforderung.
Mit der Schale voller verlockender Süßigkeiten
unter dem Arm und einem breiten Lächeln im Gesicht öffnete ich die
Tür und sah mich drei sieben- oder achtjährigen Mädchen
gegenüber.
»Süßes oder Saures!«, trompeteten sie im
Chor.
»Ihr habt euch aber herausgeputzt!«, lobte ich sie,
während ich diverse Köstlichkeiten in ihre Beutel fallen
ließ.
»Mit wem habe ich denn die Ehre?«
»Ich bin She-Ra, Prinzessin der Macht«, verkündete
die Kleine in der Mitte und lüftete stolz ihren Umhang. Darunter
trug sie ein enges Kleid in Weiß und Gold, und auf dem Kopf einen
geflügelten goldenen Helm. Dann deutete sie auf die etwas weniger
mutige Freundin zu ihrer Linken, die ein goldenes Stirnband und
einen rot-blauen Gymnastikanzug anhatte. »Das ist Wonder Woman. Wir
werden oft verwechselt, aber wir sind total verschieden.«
»Ich weiß«, entgegnete ich ernst.
»Wonder Woman kann fliegen, und She-Ra hat
übermenschliche Kräfte«, erklärte sie naseweis.
»Tatsächlich? Das ist mir allerdings neu. Und wer
bist du?«, fragte ich die dritte Besucherin, die ebenfalls
allerliebst anzusehen war in ihrem roten Top, der roten Hose und
dem roten Tuch auf dem Kopf.
Sie lächelte schüchtern und wippte vor und zurück.
»Ich bin Electra.«
»Cool«, staunte ich und fügte neugierig hinzu: »Und
welche speziellen Fähigkeiten hat Electra?«
»Electra ist eine Ninja-Auftragskillerin«, mischte
sich She-Ra ein. »Sie kann sich superschnell bewegen, und sie hat
Gummigelenke. Ich glaube, sie macht Yoga oder so.«
Ich unterdrückte ein Kichern. »Also, ihr seht echt
toll aus.«
»Danke!«, flöteten die drei, dann wirbelten sie auf
ihren glitzernden Absätzen herum und hopsten nach nebenan.
Ich schloss mit einem zufriedenen Lächeln die Tür
und lehnte mich dagegen, um noch ein wenig meinen Gedanken
nachzuhängen. Mom war in der Küche verschwunden.
Eigentlich war es nur ein einziger Gedanke, der mir
durch den Kopf ging.
Einer, der durchaus die kommenden zwei Jahre meines Lebens bestimmen
konnte.
Es gibt einfach nicht genügend
weibliche Superhelden auf der Welt.