14
Fwd: fw: fw
Tags darauf erwachte ich davon, dass jemand an meine Wohnungstür hämmerte.
Eine Weile versuchte ich vergeblich, das Klopfen auszublenden. Dann verlegte sich mein Besucher aufs Klingeln. Ich hatte mich bei der Wahl der Türglocke zwar bewusst für eine freundliche Melodie entschieden, aber im Moment wirkte sie auf meine Nerven alles andere als beruhigend. Der Wecker auf meinem Nachttisch zeigte sieben Uhr zweiundvierzig. Ächz.
Würde ich je wieder ausschlafen können?
Ich kletterte aus dem Bett und tappte langsam zur Tür. Der Störenfried schien ja ein ziemlich dringendes Anliegen zu haben und würde offenbar erst Ruhe geben, wenn ich ihm Einlass gewährt hatte.
Ein Blick durch den Türspion bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen. Hätte ich mir denken können – wer sonst legte eine derartige Hartnäckigkeit an den Tag?
»Ich seh’ dein Auge im Spion!«, ertönte Johns laute Stimme durch die massive Holztür.
»Ich mache ja schon auf!«, rief ich, schloss die beiden Schlösser auf und öffnete die Tür.
Kaum war sie einen Spaltbreit offen, stand John auch schon mitten in meinem Wohnzimmer. »Na endlich! Ich warte schon seit fünf Minuten.«
»Das war nicht zu überhören«, stellte ich verärgert fest.
»Hör mal, du Brummbär, ich weiß ja nicht, was voriges Wochenende in dich gefahren ist, und es ist mir ehrlich gesagt auch egal, aber jetzt haben wir ganz andere Nüsse zu knacken.«
»Nüsse? Um diese Tageszeit?«, fragte ich argwöhnisch und vor allem noch reichlich verschlafen.
John zeigte wenig Verständnis. »Ich meinte Nüsse im Sinne von Problemen.«
»Ich weiß, ich weiß.« Ich schloss gähnend die Tür. »Zoë hat mich ja auch schon angerufen. Aber ich bin nicht allein schuld an der ganzen Misere. Ich verstehe nicht, warum ausgerechnet ich den ersten Schritt...«
John rannte derweil aufgeregt hin und her und sah sich suchend um. Wie ein Spürhund auf der Jagd nach einem Vermissten. Dann hielt er inne. »Wovon redest du?«
»Na, von Sophie. Du etwa nicht?«
»Nein. Was ist denn mit ihr?« Er spähte in die Ecke hinter meinem Esstisch und begab sich dann in die Küche.
Ich verfolgte mit schief gelegtem Kopf, wie er dort die Schränke aufriss. »Ich dachte, es geht um...« Ich verstummte. Es ging offenbar doch nicht um die Funkstille zwischen mir und meiner besten Freundin. Aber was meinte er dann?
»Was suchst du eigentlich? Hast du einen Durchsuchungsbefehl dabei?«
Jetzt trabte er den Gang entlang in Richtung Schlafzimmer.
»Ich suche deinen Laptop.«
Ich eilte ihm hinterher. Die Vorstellung, dass er hier herumschnüffelte, gefiel mir gar nicht. »Warum?«
Er baute sich vor mir auf, die Hände in die Seiten gestemmt. »Du hast mir einiges zu erklären.«
Ich schüttelte den Kopf. »Was soll das nun wieder heißen?« Dann fiel mir ein, wie spät es war. »Solltest du nicht längst im Büro sein?«
John arbeitet als Assistent eines wichtigen Hollywood-Agenten und muss jeden Morgen um spätestens sieben auf der Matte stehen, um für seinen Boss die E-Mails durchzusehen, in der Fachliteratur nach relevanten Artikeln zu suchen und vor allem, um den Müll vom Vorabend zu beseitigen und den Kaffee vorzubereiten.
Inzwischen hatte er meinen geöffneten Laptop auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer erspäht und machte einen Satz darauf zu. »Ich war schon im Büro, aber ich habe behauptet, ich müsste zum Arzt.«
Ich fuhr mir mit den Fingern durch das fettige, ungekämmte Haar. »Warum denn um Himmels willen? Das tust du doch sonst nie
»Das wirst du gleich sehen«, verkündete er unheilvoll. Er hatte bereits ein Browserfenster geöffnet und tippte eine Adresse ein.
Seufz. Typisch John, diese künstliche Dramatik. Er macht aus allem eine kleine Seifenoper. Dagegen hatte ich normalerweise auch gar nichts einzuwenden, aber um eine derart unchristliche Zeit nervte es. Außerdem konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, was so wichtig sein konnte, dass er deswegen sogar seinen Job riskierte. Wahrscheinlich übertrieb er wieder einmal maßlos.
Dann öffnete sich die Webseite.
Und plötzlich konnte ich seine Eile nachvollziehen.
Ich schnappte entsetzt nach Luft und riss die Augen auf, so weit es in meinem verschlafenen Zustand möglich war. Ich konnte nicht glauben, was ich sah.
John drehte sich zu mir um, und seine Augen, sein Gesicht, sein ganzer Körper erbat, nein, forderte eine Erklärung von mir.
Ich beachtete ihn nicht. Wie vom Donner gerührt starrte ich auf den Bildschirm. Ich stand unter Schock. »Wie bist du denn darauf gestoßen?« Meine Stimme zitterte.
»Das tut doch nichts zur Sache, Jen! Mich interessiert vielmehr, was es bedeutet!«
Ich kratzte mich am Kopf. Mein erster Impuls war: Lügen. Mir eine Ausrede aus den Fingern saugen. Eine einfache Erklärung ausdenken und mit einer Geschichte ausschmücken.
Doch mein Gehirn hatte ausgesetzt. Es gab keine Erklärung. Keine Lügen. Ich war sprachlos. Platt.
John ließ mich nicht aus den Augen, während ich stumm auf den Bildschirm stierte.
Auf ein gutes Dutzend Fotos von... mir.
Sie waren alle hier in der Nachbarschaft aufgenommen. Eines zeigte mich vor der chemischen Reinigung, ein anderes vor der Tankstelle, eines im Auto, beim Essen, auf dem Heimweg vom Pilates. Es gab sogar eines, auf dem ich mit einem Kaffeebecher von Coffee Bean in der Hand die Straße entlangging. Und sie waren allesamt ohne mein Wissen – und vor allem ohne meine Erlaubnis – entstanden. Sie erinnerten fast ein wenig an die Bilder im US Weekly, für die die Paparazzi Tausende von Dollars kassieren, und unter denen meistens zu lesen ist, dass Stars doch auch nur »Menschen wie du und ich« sind, weil sie wie wir ihre Kleider von der Reinigung holen oder unterwegs ihren Kaffee trinken. Wie es scheint, glaubt die amerikanische Öffentlichkeit, Stars wären nicht in der Lage, im Gehen ein Getränk zu sich zu nehmen.
In diesem Fall jedoch kommentierten die Bildunterschriften nicht die Multitaskingfähigkeiten des Motivs. Es ging nämlich nicht darum, was ich zum Entstehungszeitpunkt dieser Fotos tat. Es ging um das, was ich davor getan hatte.
Finger weg von Ashlyn!
Sie finden diese Frau attraktiv? Vorsicht!
Wenn sie Ihnen schöne Augen macht,
wurde sie höchstwahrscheinlich von Ihrer Frau
damit beauftragt. Nehmen Sie sich in Acht,
sonst ergeht es Ihnen wie mir!
Meine Gedanken rasten wirr durcheinander. Wie hatte mich dieser Mann ausfindig gemacht? Woher wusste er, wo ich mich aufhielt?
Es war völlig ausgeschlossen, dass der Betreffende rein zufällig in der Nähe gewesen war – und obendrein eine offenbar sehr gute Kamera dabei gehabt hatte -, als ich mir diesen Kaffee geholt hatte. Und tanken und essen und bei der Reinigung gewesen war.
Nein. Der Kerl wusste, wo ich wohnte, und er war mir gefolgt... und zwar mehr als einmal. Aber wie? Genau um das zu verhindern, achtete ich doch stets darauf, meine Spuren zu verwischen! Ich hätte es bemerkt, wenn mir jemand nachgefahren wäre, schon weil ich auf dem Heimweg immer sechs Mal abbog.
Vielleicht hatte mich eine meiner Auftraggeberinnen in einem schwachen Moment verraten? Bei dem verzweifelten letzten Versuch, sich mit ihrem Mann zu versöhnen? Nein. Keine von ihnen kennt meine Adresse oder meinen richtigen Namen.
Hatte ich etwa einen Fehler gemacht? Hatte ich irgendwann mit Jennifer Hunter unterschrieben oder eine Kreditkarte verwendet, statt bar zu bezahlen? Oder war ich doch einmal auf direktem Weg nach Hause gefahren?
Ich atmete tief durch. »Hör zu, John«, sagte ich streng. »Ich muss wissen, wie du auf diese Webseite gekommen bist.«
Er spürte wohl, dass es mir ernst war. »Ein Bekannter hat mir den Link geschickt. Per E-Mail.«
»Per E-Mail?« Ich konnte nur hoffen, dass ich mich verhört hatte.
John nickte ernst.
»Wusste dein Bekannter, dass wir befreundet sind?«
»Nein...« Er schüttelte zögernd den Kopf. »Er fand es witzig.«
Witzig. Das schmerzte. Meine berufliche Karriere – ein Witz. Mein Lebenswerk. Meine Mission, meine Daseinsberechtigung... witzig.
»Du meinst, es war eines dieser Spaß-Mails, die man an seine Freunde weiterleitet und die innerhalb von ein paar Tagen quasi einmal um die ganze Welt gehen?«
Er nickte erneut. Ich musste mich am Tisch festhalten, weil sich plötzlich alles drehte.
»Wie kommt der Typ überhaupt an diese Fotos?«
»Oh, dafür gibt es Spezialisten, meine Liebe«, meinte John. »Privatdetektive zum Beispiel.«
Mein Arm gab nach. Ich sank hilflos auf meinen ledernen Schreibtischsessel und stützte den Kopf in die Hände. John kniete sich neben mich auf den Boden und streichelte mir tröstend übers Haar. Er konnte sich das Ganze noch immer nicht erklären, aber er hatte begriffen, dass ich es ganz und gar nicht amüsant fand.
»Diese Fotos sind fast alle an unterschiedlichen Tagen entstanden. Ich kann mich noch genau an jedes meiner Outfits erinnern. Das hier zum Beispiel« – ich deutete auf das Foto an der Tankstelle, auf dem ich Jeans, ein weiß-rosa gestreiftes Top und einen dunkelgrauen Pulli trug – »hatte ich an, als ich letzten Donnerstag zum Pokerunterricht gefahren bin. Das heißt, der Typ verfolgt mich schon seit einer Woche! Das ist ja gruselig!«
John nickte mitfühlend.
»Woher wusste er überhaupt, wo ich hin wollte?«, fragte ich, ohne eine Antwort zu erwarten.
John wartete schweigend ab, bis ich den ersten Schock überwunden hatte. »Ist es wahr?«, wollte er schließlich wissen.
Ich hob den Kopf. Sein Blick war teilnahmsvoll und aufmerksam, und, was ich sehr beruhigend fand, nicht die Spur tadelnd.
Ich nickte.
Er nickte ebenfalls. Versuchte, alles zu verarbeiten. Ich sah förmlich, wie sich die Zahnräder in seinem Kopf drehten. Plötzlich passten alle Puzzleteile zusammen. Ungereimtheiten, die er einfach vom Tisch gewischt und rasch vergessen hatte, klärten sich auf. Alles ergab auf einmal einen Sinn.
»Sie engagieren dich?«, fragte er leise. Neugierig.
Ich nickte erneut.
»Um ihre Ehemänner auf die Probe zu stellen?«
»Ich nenne es den ›Treuetest‹, und ich mache es jetzt seit zwei Jahren. Ich wollte es euch sagen, ehrlich, aber ich war sicher, dass ihr mich dafür verurteilen würdet. Vor allem Sophie.« Ich seufzte.
John erhob sich lachend. »Verurteilen? Du bist mein neues Idol
»Hä?«
»Du bringst die Schweine zur Strecke! Du sagst den treulosen Tomaten den Kampf an! Du befreist die Welt von diesem Abschaum! Das ist geradezu heldenhaft!«
Jetzt musste auch ich lachen. »Okay, jetzt übertreibst du, aber...«
»Keineswegs!«, rief er triumphierend. »Ich finde das super. Brillant. Du bist die neue Wonder Woman.« Er rieb sich nachdenklich das Kinn. »Hmm... vielleicht sollte ich ja selbst in dieses Geschäft einsteigen. Ich wette, da geht so einiges.«
»John!« Ich sprang auf und verpasste ihm einen Klaps auf die Hand. »Ich schlafe nicht mit den Kandidaten!«
»Du vielleicht nicht... aber ich würde es tun.« Er nahm erneut die Denkerpose ein. »Ich sehe schon die Werbeanzeigen vor mir: John’s Treuetest – Keine Untreue ohne Reue! Das wird der Hit!«
Ich verdrehte die Augen. »Schwul und untreu, schließt sich das nicht gegenseitig aus?« Ich sank wieder auf meinen Sessel und rollte näher an meinen Schreibtisch heran. »Geh wieder ins Büro, John. Ich habe zu tun.«
Er spähte mir neugierig über die Schulter. »Was für aufregende Undercoversachen machst du denn so? Schweinische Instant Messages mit untreuen Ehemännern austauschen? Schicken dir die verzweifelten Hausfrauen heimlich Briefe?«
»Nein.« Ich schob ihn weg und begann hektisch zu tippen.
»Komm schon, lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Benutzt du Reizwäsche und sexy Akzente? Oder...«
»John«, unterbrach ich ihn mit einem warnenden Blick.
Er stampfte mit dem Fuß auf wie ein bockiges Kind, das seinen Spinat nicht essen will, doch ich schüttelte lediglich den Kopf und bemühte mich, ernst zu bleiben. John schafft es mit seiner unnachahmlichen Art doch immer, mich zum Lachen zu bringen, ganz gleich, was in meinem Leben gerade schiefläuft. Und es ist ihm noch nicht einmal bewusst.
Mit zusammengekniffenen Augen stierte ich auf den Bildschirm. »Ich sehe mich erst mal ein bisschen auf dieser Webseite um. www.vorsichtfalle.com – pfff! Wie überaus einfallsreich«, stellte ich sarkastisch fest. »Ich stelle keine Fallen. Ich initiiere nicht, ich reagiere bloß. Der Loser, der für diese Domain verantwortlich ist, will doch bloß nicht für seine Fehler geradestehen!«
John gab nicht auf. »Jennnn, bittebittebitte! Ich brauche Details!«, jammerte er und zerrte an meinem T-Shirt.
Ich unterdrückte ein Stöhnen. »Also gut«, gab ich mich genervt geschlagen. »Ich habe einmal einen britischen Akzent imitiert, weil mir eine meiner Auftraggeberinnen verraten hat, dass ihren Mann so etwas antörnt.«
John nickte, war aber noch nicht zufrieden. »Und...?«
Ich musste lachen. »Und neulich hab ich mich als Stewardess verkleidet.«
»Jetzt kommen wir der Sache schon näher!«
Ich schüttelte ungläubig den Kopf und wandte mich wieder dem Computer zu, um nach Informationen zu fahnden, die mir helfen konnten, dieses höchst unerfreuliche Rätsel zu lösen. Vergeblich. »Ich finde nicht den geringsten Hinweis darauf, wer dahinterstecken könnte.«
John zuckte die Achseln. »Guck doch mal bei einer dieser Domain-Registrierstellen im Internet nach.«
Ich spitzte die Ohren. »Was sagst du?«
»Es gibt im Internet Datenbanken mit Informationen zu sämtlichen Domainbesitzern – whois.com zum Beispiel.«
»Woher weißt du das?«
»Och, ich hab mich mal als Hobby-Stalker betätigt. War hinter einem Knaben im Büro her.«
»So, so.« Ich nickte. »Und, wie ist es ausgegangen?«
Er zuckte erneut die Achseln. »Wir waren eine Woche zusammen.«
Ich öffnete eine neue Browser-Seite, um dem genannten Archiv einen Besuch abzustatten. Dann tippte ich www.vorsichtfalle.com ein und klickte auf Suchen. Sogleich erschienen in einem neuen Fenster mehrere Zeilen mit unverständlichen Zahlen-Buchstaben-Kombinationen. Ich hielt nach einem Begriff oder Firmennamen Ausschau, der mir bekannt vorkam, doch das Einzige, was auch nur annähernd einen Sinn ergab, war das wiederholt auftauchende Wort »anonym«.
»Was zum Teufel soll das heißen, anonym?«
John beugte sich über meine Schulter. »Es heißt, dass der Domaineigentümer seine Identität nicht preisgeben will. Das Problem hatte ich damals auch. Sauerei, wenn du mich fragst. Wo bleibt da das Recht auf ein bisschen harmloses Stalking?«
»John, ich bin keine Stalkerin.«
Er ließ sich auf meine Besuchercouch plumpsen. »Ja, ja, schon klar.«
Ich klappte mit einem frustrierten Stöhnen meinen Laptop zu und wandte mich zu ihm um. »Entsetzlich, das alles.«
»Sieh es positiv. Du wirst berühmt, wie der Star-Wars-Junge.«
»Wer?«
John schlug die Beine übereinander und lehnte sich genüsslich zurück. Endlich hatte er meine volle Aufmerksamkeit. »Erinnerst du dich nicht an den Jungen, der sich selbst bei einem ›Lichtschwert‹-Kampf in der Garage gefilmt hat, und irgendwer hat das Video in die Hände bekommen und ins Internet gestellt?«
»Kommt mir bekannt vor, ja.«
»Das nennt sich virales Marketing und wird in der Unterhaltungsindustrie häufig für PR-Zwecke eingesetzt. Übers Internet verbreitet sich ja alles wie ein Lauffeuer, vor allem via E-Mail, wie in deinem Fall. Sozusagen ›Mailpropaganda‹ statt ›Mundpropaganda‹.«
»Na toll«, brummte ich. »Ich bin also das neueste Aushängeschild des viralen Marketings.«
»Das ist die richtige Einstellung!«
»Was für ein Start in den Tag«, stöhnte ich und rieb mir mit den Fingerspitzen die Stirn.
»Darf ich dir einen Vorschlag machen?«, fragte John mit ernster Miene.
»Ich imitiere keine Akzente.«
Er erhob sich, kam zu mir und legte mir die Hand auf die Schulter. »Schränk deine Suche etwas ein.«
Ich biss mir auf die Lippe. »Würde ich ja gern, aber ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.«
»Ich muss wieder zur Arbeit. Du solltest dir inzwischen Gedanken machen, wer hinter dieser Sache stecken könnte. Wer hat ein Motiv?«
»Äh, John... Da gibt es über zweihundert Kandidaten. Keiner der Männer, die ich der Untreue überführt habe, war sonderlich begeistert. Neulich wäre ich sogar beinahe...«
Ich brach mitten im Satz ab. Meine Gedanken rasten.
»Was ist?«
»Parker Colman!«, stieß ich aufgebracht hervor. »Ich habe ihn neulich in Vegas einem Treuetest unterzogen, und er hätte mich hinterher im Lift fast zusammengeschlagen.«
»Du glaubst also, er ist der Übeltäter?«
»Er muss es sein. Er hat sich aufgeführt wie ein Psychopath.«
»Kann er sich so etwas denn überhaupt leisten?«
Ich verstand die Frage nicht. Meine Auftraggeber waren samt und sonders reich. Bislang hatte sich noch keiner über die Höhe meines Honorars oder meiner Spesen beschwert. Zugegeben, ich machte auch mal eine Ausnahme, wenn sich eine Frau meine Dienste nicht leisten konnte, wie bei Rani und Clayton. Aber im Normalfall war Geld für meine Klienten kein Problem.
Die Wahrheit ist unbezahlbar.
Fand ich jedenfalls immer.
»Wie meinst du das?«
»Na, Privatdetektive, anonyme Webseiten, Versendung von Massen-E-Mails, das hat alles seinen Preis«, erläuterte John. »Denk mal darüber nach. Da steckt kein Amateur dahinter. Das sieht eher nach einer landesweiten Kampagne aus. Diese Angelegenheit ist jemandem ganz schön wichtig, und er hat offenbar eine Menge Geld dafür übrig. Aber ich schätze, wer es sich leisten kann, dich zu beauftragen, der...«
Ich schüttelte den Kopf. »Parker hat mich nicht beauftragt. Und auch nicht seine Verlobte, sondern ihr Vater. Gut möglich, dass Parker arm wie eine Kirchenmaus ist. Das war, glaube ich, mit ein Grund dafür, dass mein Klient ihm misstraut hat. Weil er befürchtet hat, Parker könnte hinter dem Familienvermögen her sein.«
John nickte. »Hmm.«
Je länger ich darüber nachdachte, desto sicherer war ich mir. Außerdem waren einige dieser Bilder vor Parkers Junggesellenabschied entstanden, etwa das beim Tanken vor dem Pokerunterricht. Parker Colman schied eindeutig aus.
»Dann stehst du also wieder ganz am Anfang?«, fragte John, als ich ihn zur Tür brachte.
Ich seufzte. »Ich fürchte, ja.«
Er umarmte mich zum Abschied und drückte mich dabei eine Spur fester als sonst. »Vergiss nicht, der Kerl hat eine Menge zu verlieren. Mehr als die meisten vermutlich«, erinnerte er mich.
Ich stimmte ihm zu. »Versprich mir, dass du niemandem davon erzählst«, bat ich ihn, ehe ich die Tür schloss. »Schon gar nicht Sophie oder Zoë. Die beiden würden es bestimmt ganz anders sehen als du.«
»Versprochen.«
»Schwör mir absolute Verschwiegenheit!«
Er nickte. »Ich werde schweigen wie ein Grab, Jen.«
»Gut.«
Kaum war die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen, begann ich mir erneut das Hirn zu zermartern. Ich ging im Geiste eine endlose Liste von Namen durch; jeder stand für eine Geschichte. Für ein Motiv. Für eine andere Interpretation des Wortes »Liebe«.
Und doch verschmolzen sie alle in meinem Kopf.
»Eine landesweite Kampagne«, murmelte ich.
Was für ein Albtraum.
In meinem Bestreben, ohne Rücksicht auf Verluste die Wahrheit aufzudecken, hatte ich die Kehrseite der Medaille übersehen: Dass offenbar auch Rache unbezahlbar ist.
Treuetest - Brody, J: Treuetest - The Fidelity Files
titlepage.xhtml
cover.html
brod_9783641026578_oeb_toc_r1.html
brod_9783641026578_oeb_fm1_r1.html
brod_9783641026578_oeb_ata_r1.html
brod_9783641026578_oeb_ded_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c01_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c02_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c03_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c04_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c05_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c06_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c07_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c08_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c09_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c10_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c11_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c12_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c13_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c14_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c15_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c16_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c17_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c18_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c19_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c20_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c21_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c22_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c23_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c24_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c25_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c26_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c27_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c28_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c29_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c30_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c31_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c32_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c33_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c34_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c35_r1.html
brod_9783641026578_oeb_c36_r1.html
brod_9783641026578_oeb_bm1_r1.html
brod_9783641026578_oeb_ack_r1.html
brod_9783641026578_oeb_cop_r1.html