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Fwd: fw: fw
Tags darauf erwachte ich davon, dass jemand an
meine Wohnungstür hämmerte.
Eine Weile versuchte ich vergeblich, das Klopfen
auszublenden. Dann verlegte sich mein Besucher aufs Klingeln. Ich
hatte mich bei der Wahl der Türglocke zwar bewusst für eine
freundliche Melodie entschieden, aber im Moment wirkte sie auf
meine Nerven alles andere als beruhigend. Der Wecker auf meinem
Nachttisch zeigte sieben Uhr zweiundvierzig. Ächz.
Würde ich je wieder ausschlafen
können?
Ich kletterte aus dem Bett und tappte langsam zur
Tür. Der Störenfried schien ja ein ziemlich dringendes Anliegen zu
haben und würde offenbar erst Ruhe geben, wenn ich ihm Einlass
gewährt hatte.
Ein Blick durch den Türspion bestätigte meine
schlimmsten Befürchtungen. Hätte ich mir denken können – wer sonst
legte eine derartige Hartnäckigkeit an den Tag?
»Ich seh’ dein Auge im Spion!«, ertönte Johns laute
Stimme durch die massive Holztür.
»Ich mache ja schon auf!«, rief ich, schloss die
beiden Schlösser auf und öffnete die Tür.
Kaum war sie einen Spaltbreit offen, stand John
auch schon mitten in meinem Wohnzimmer. »Na endlich! Ich warte
schon seit fünf Minuten.«
»Das war nicht zu überhören«, stellte ich verärgert
fest.
»Hör mal, du Brummbär, ich weiß ja nicht, was
voriges Wochenende in dich gefahren ist, und es ist mir ehrlich
gesagt auch egal, aber jetzt haben wir ganz andere Nüsse zu
knacken.«
»Nüsse? Um diese Tageszeit?«, fragte ich
argwöhnisch und vor allem noch reichlich verschlafen.
John zeigte wenig Verständnis. »Ich meinte Nüsse im
Sinne von Problemen.«
»Ich weiß, ich weiß.« Ich schloss gähnend die Tür.
»Zoë hat mich ja auch schon angerufen. Aber ich bin nicht allein
schuld an der ganzen Misere. Ich verstehe nicht, warum ausgerechnet
ich den ersten Schritt...«
John rannte derweil aufgeregt hin und her und sah
sich suchend um. Wie ein Spürhund auf der Jagd nach einem
Vermissten. Dann hielt er inne. »Wovon redest du?«
»Na, von Sophie. Du etwa nicht?«
»Nein. Was ist denn mit ihr?« Er spähte in die Ecke
hinter meinem Esstisch und begab sich dann in die Küche.
Ich verfolgte mit schief gelegtem Kopf, wie er dort
die Schränke aufriss. »Ich dachte, es geht um...« Ich verstummte.
Es ging offenbar doch nicht um die Funkstille zwischen mir und
meiner besten Freundin. Aber was meinte er dann?
»Was suchst du eigentlich? Hast du einen
Durchsuchungsbefehl dabei?«
Jetzt trabte er den Gang entlang in Richtung
Schlafzimmer.
»Ich suche deinen Laptop.«
Ich eilte ihm hinterher. Die Vorstellung, dass er
hier herumschnüffelte, gefiel mir gar nicht. »Warum?«
Er baute sich vor mir auf, die Hände in die Seiten
gestemmt. »Du hast mir einiges zu erklären.«
Ich schüttelte den Kopf. »Was soll das nun wieder heißen?« Dann fiel mir ein, wie spät
es war. »Solltest du nicht längst im Büro sein?«
John arbeitet als Assistent eines wichtigen
Hollywood-Agenten und muss jeden Morgen um spätestens sieben auf
der Matte stehen, um für seinen Boss die E-Mails durchzusehen, in
der Fachliteratur nach relevanten Artikeln zu suchen und vor allem,
um den Müll vom Vorabend zu beseitigen und den Kaffee
vorzubereiten.
Inzwischen hatte er meinen geöffneten Laptop auf
dem Schreibtisch im Arbeitszimmer erspäht und machte einen Satz
darauf zu. »Ich war schon im Büro, aber ich
habe behauptet, ich müsste zum Arzt.«
Ich fuhr mir mit den Fingern durch das fettige,
ungekämmte Haar. »Warum denn um Himmels willen? Das tust du doch
sonst nie.«
»Das wirst du gleich sehen«, verkündete er
unheilvoll. Er hatte bereits ein Browserfenster geöffnet und tippte
eine Adresse ein.
Seufz. Typisch John, diese künstliche Dramatik. Er
macht aus allem eine kleine Seifenoper. Dagegen hatte ich
normalerweise auch gar nichts einzuwenden, aber um eine derart
unchristliche Zeit nervte es. Außerdem konnte ich mir beim besten
Willen nicht vorstellen, was so wichtig sein konnte, dass er
deswegen sogar seinen Job riskierte. Wahrscheinlich übertrieb er
wieder einmal maßlos.
Dann öffnete sich die Webseite.
Und plötzlich konnte ich seine Eile
nachvollziehen.
Ich schnappte entsetzt nach Luft und riss die Augen
auf, so weit es in meinem verschlafenen Zustand möglich war. Ich
konnte nicht glauben, was ich sah.
John drehte sich zu mir um, und seine Augen, sein
Gesicht, sein ganzer Körper erbat, nein, forderte eine Erklärung von mir.
Ich beachtete ihn nicht. Wie vom Donner gerührt
starrte ich auf den Bildschirm. Ich stand unter Schock. »Wie bist
du denn darauf gestoßen?« Meine Stimme zitterte.
»Das tut doch nichts zur Sache, Jen! Mich
interessiert vielmehr, was es bedeutet!«
Ich kratzte mich am Kopf. Mein erster Impuls war:
Lügen. Mir eine Ausrede aus den Fingern saugen. Eine einfache
Erklärung ausdenken und mit einer Geschichte ausschmücken.
Doch mein Gehirn hatte ausgesetzt. Es gab keine
Erklärung. Keine Lügen. Ich war sprachlos. Platt.
John ließ mich nicht aus den Augen, während ich
stumm auf den Bildschirm stierte.
Auf ein gutes Dutzend Fotos von... mir.
Sie waren alle hier in der Nachbarschaft
aufgenommen. Eines zeigte mich vor der chemischen Reinigung, ein
anderes vor der Tankstelle, eines im Auto, beim Essen, auf dem
Heimweg vom Pilates. Es gab sogar eines, auf dem ich mit einem
Kaffeebecher von Coffee Bean in der Hand die Straße entlangging.
Und sie waren allesamt ohne mein Wissen – und vor allem ohne meine
Erlaubnis – entstanden. Sie erinnerten fast ein wenig an die Bilder
im US Weekly, für die die Paparazzi
Tausende von Dollars kassieren, und unter denen meistens zu lesen
ist, dass Stars doch auch nur »Menschen wie du und ich« sind, weil
sie wie wir ihre Kleider von der Reinigung holen oder unterwegs
ihren Kaffee trinken. Wie es scheint, glaubt die amerikanische
Öffentlichkeit, Stars wären nicht in der Lage, im Gehen ein Getränk
zu sich zu nehmen.
In diesem Fall jedoch kommentierten die
Bildunterschriften nicht die Multitaskingfähigkeiten des Motivs. Es
ging
nämlich nicht darum, was ich zum Entstehungszeitpunkt dieser Fotos
tat. Es ging um das, was ich davor getan
hatte.
Finger
weg von Ashlyn!
Sie finden diese Frau attraktiv? Vorsicht!
Wenn sie Ihnen schöne Augen macht,
wurde sie höchstwahrscheinlich von Ihrer Frau
damit beauftragt. Nehmen Sie sich in Acht,
sonst ergeht es Ihnen wie mir!
Sie finden diese Frau attraktiv? Vorsicht!
Wenn sie Ihnen schöne Augen macht,
wurde sie höchstwahrscheinlich von Ihrer Frau
damit beauftragt. Nehmen Sie sich in Acht,
sonst ergeht es Ihnen wie mir!
Meine Gedanken rasten wirr durcheinander. Wie
hatte mich dieser Mann ausfindig gemacht? Woher wusste er, wo ich
mich aufhielt?
Es war völlig ausgeschlossen, dass der Betreffende
rein zufällig in der Nähe gewesen war – und
obendrein eine offenbar sehr gute Kamera dabei gehabt hatte -, als
ich mir diesen Kaffee geholt hatte. Und
tanken und essen und bei der Reinigung gewesen war.
Nein. Der Kerl wusste, wo ich wohnte, und er war
mir gefolgt... und zwar mehr als einmal. Aber wie? Genau um das zu verhindern, achtete ich doch stets darauf,
meine Spuren zu verwischen! Ich hätte es bemerkt, wenn mir jemand
nachgefahren wäre, schon weil ich auf dem Heimweg immer sechs Mal
abbog.
Vielleicht hatte mich eine meiner Auftraggeberinnen
in einem schwachen Moment verraten? Bei dem verzweifelten letzten
Versuch, sich mit ihrem Mann zu versöhnen? Nein. Keine von ihnen
kennt meine Adresse oder meinen richtigen Namen.
Hatte ich etwa einen Fehler gemacht? Hatte ich
irgendwann mit Jennifer Hunter unterschrieben oder eine Kreditkarte
verwendet, statt bar zu bezahlen? Oder war ich doch einmal auf
direktem Weg nach Hause gefahren?
Ich atmete tief durch. »Hör zu, John«, sagte ich
streng. »Ich muss wissen, wie du auf diese
Webseite gekommen bist.«
Er spürte wohl, dass es mir ernst war. »Ein
Bekannter hat mir den Link geschickt. Per E-Mail.«
»Per E-Mail?« Ich konnte
nur hoffen, dass ich mich verhört hatte.
John nickte ernst.
»Wusste dein Bekannter, dass wir befreundet
sind?«
»Nein...« Er schüttelte zögernd den Kopf. »Er fand
es witzig.«
Witzig. Das schmerzte.
Meine berufliche Karriere – ein Witz. Mein Lebenswerk. Meine
Mission, meine Daseinsberechtigung... witzig.
»Du meinst, es war eines dieser Spaß-Mails, die man
an seine Freunde weiterleitet und die innerhalb von ein paar Tagen
quasi einmal um die ganze Welt gehen?«
Er nickte erneut. Ich musste mich am Tisch
festhalten, weil sich plötzlich alles drehte.
»Wie kommt der Typ überhaupt an diese Fotos?«
»Oh, dafür gibt es Spezialisten, meine Liebe«,
meinte John. »Privatdetektive zum Beispiel.«
Mein Arm gab nach. Ich sank hilflos auf meinen
ledernen Schreibtischsessel und stützte den Kopf in die Hände. John
kniete sich neben mich auf den Boden und streichelte mir tröstend
übers Haar. Er konnte sich das Ganze noch immer nicht erklären,
aber er hatte begriffen, dass ich es ganz und gar nicht amüsant
fand.
»Diese Fotos sind fast alle an unterschiedlichen
Tagen entstanden. Ich kann mich noch genau an jedes meiner Outfits
erinnern. Das hier zum Beispiel« – ich deutete auf das Foto an der
Tankstelle, auf dem ich Jeans, ein weiß-rosa gestreiftes Top und
einen dunkelgrauen Pulli trug – »hatte ich
an, als ich letzten Donnerstag zum Pokerunterricht gefahren bin.
Das heißt, der Typ verfolgt mich schon seit einer Woche! Das ist ja
gruselig!«
John nickte mitfühlend.
»Woher wusste er überhaupt, wo ich hin wollte?«,
fragte ich, ohne eine Antwort zu erwarten.
John wartete schweigend ab, bis ich den ersten
Schock überwunden hatte. »Ist es wahr?«, wollte er schließlich
wissen.
Ich hob den Kopf. Sein Blick war teilnahmsvoll und
aufmerksam, und, was ich sehr beruhigend fand, nicht die Spur
tadelnd.
Ich nickte.
Er nickte ebenfalls. Versuchte, alles zu
verarbeiten. Ich sah förmlich, wie sich die Zahnräder in seinem
Kopf drehten. Plötzlich passten alle Puzzleteile zusammen.
Ungereimtheiten, die er einfach vom Tisch gewischt und rasch
vergessen hatte, klärten sich auf. Alles ergab auf einmal einen
Sinn.
»Sie engagieren dich?«,
fragte er leise. Neugierig.
Ich nickte erneut.
»Um ihre Ehemänner auf die Probe zu stellen?«
»Ich nenne es den ›Treuetest‹, und ich mache es
jetzt seit zwei Jahren. Ich wollte es euch sagen, ehrlich, aber ich
war sicher, dass ihr mich dafür verurteilen würdet. Vor allem
Sophie.« Ich seufzte.
John erhob sich lachend. »Verurteilen? Du bist mein
neues Idol!«
»Hä?«
»Du bringst die Schweine zur Strecke! Du sagst den
treulosen Tomaten den Kampf an! Du befreist die Welt von diesem
Abschaum! Das ist geradezu heldenhaft!«
Jetzt musste auch ich lachen. »Okay, jetzt
übertreibst du, aber...«
»Keineswegs!«, rief er triumphierend. »Ich finde
das super. Brillant. Du bist die neue Wonder Woman.« Er rieb sich
nachdenklich das Kinn. »Hmm... vielleicht sollte ich ja selbst in
dieses Geschäft einsteigen. Ich wette, da geht so einiges.«
»John!« Ich sprang auf und verpasste ihm einen
Klaps auf die Hand. »Ich schlafe nicht mit
den Kandidaten!«
»Du vielleicht nicht...
aber ich würde es tun.« Er nahm erneut die
Denkerpose ein. »Ich sehe schon die Werbeanzeigen vor mir:
John’s Treuetest – Keine Untreue ohne Reue!
Das wird der Hit!«
Ich verdrehte die Augen. »Schwul und untreu,
schließt sich das nicht gegenseitig aus?« Ich sank wieder auf
meinen Sessel und rollte näher an meinen Schreibtisch heran. »Geh
wieder ins Büro, John. Ich habe zu tun.«
Er spähte mir neugierig über die Schulter. »Was für
aufregende Undercoversachen machst du denn so? Schweinische Instant
Messages mit untreuen Ehemännern austauschen? Schicken dir die
verzweifelten Hausfrauen heimlich Briefe?«
»Nein.« Ich schob ihn weg und begann hektisch zu
tippen.
»Komm schon, lass dir nicht alles aus der Nase
ziehen. Benutzt du Reizwäsche und sexy Akzente? Oder...«
»John«, unterbrach ich ihn mit einem warnenden
Blick.
Er stampfte mit dem Fuß auf wie ein bockiges Kind,
das seinen Spinat nicht essen will, doch ich schüttelte lediglich
den Kopf und bemühte mich, ernst zu bleiben. John schafft es mit
seiner unnachahmlichen Art doch immer, mich zum Lachen zu bringen,
ganz gleich, was in meinem Leben gerade schiefläuft. Und es ist ihm
noch nicht einmal bewusst.
Mit zusammengekniffenen Augen stierte ich auf den
Bildschirm. »Ich sehe mich erst mal ein bisschen auf dieser
Webseite
um. www.vorsichtfalle.com – pfff! Wie überaus
einfallsreich«, stellte ich sarkastisch fest. »Ich stelle keine
Fallen. Ich initiiere nicht, ich reagiere bloß. Der Loser, der für
diese Domain verantwortlich ist, will doch bloß nicht für seine
Fehler geradestehen!«
John gab nicht auf. »Jennnn, bittebittebitte! Ich
brauche Details!«, jammerte er und zerrte an meinem T-Shirt.
Ich unterdrückte ein Stöhnen. »Also gut«, gab ich
mich genervt geschlagen. »Ich habe einmal einen britischen Akzent
imitiert, weil mir eine meiner Auftraggeberinnen verraten hat, dass
ihren Mann so etwas antörnt.«
John nickte, war aber noch nicht zufrieden.
»Und...?«
Ich musste lachen. »Und neulich hab ich mich als
Stewardess verkleidet.«
»Jetzt kommen wir der Sache schon näher!«
Ich schüttelte ungläubig den Kopf und wandte mich
wieder dem Computer zu, um nach Informationen zu fahnden, die mir
helfen konnten, dieses höchst unerfreuliche Rätsel zu lösen.
Vergeblich. »Ich finde nicht den geringsten Hinweis darauf, wer
dahinterstecken könnte.«
John zuckte die Achseln. »Guck doch mal bei einer
dieser Domain-Registrierstellen im Internet nach.«
Ich spitzte die Ohren. »Was sagst du?«
»Es gibt im Internet Datenbanken mit Informationen
zu sämtlichen Domainbesitzern – whois.com zum Beispiel.«
»Woher weißt du das?«
»Och, ich hab mich mal als Hobby-Stalker betätigt.
War hinter einem Knaben im Büro her.«
»So, so.« Ich nickte. »Und, wie ist es
ausgegangen?«
Er zuckte erneut die Achseln. »Wir waren eine Woche
zusammen.«
Ich öffnete eine neue Browser-Seite, um dem
genannten Archiv einen Besuch abzustatten. Dann tippte ich www.vorsichtfalle.com
ein und klickte auf Suchen. Sogleich
erschienen in einem neuen Fenster mehrere Zeilen mit
unverständlichen Zahlen-Buchstaben-Kombinationen. Ich hielt nach
einem Begriff oder Firmennamen Ausschau, der mir bekannt vorkam,
doch das Einzige, was auch nur annähernd einen Sinn ergab, war das
wiederholt auftauchende Wort »anonym«.
»Was zum Teufel soll das heißen, anonym?«
John beugte sich über meine Schulter. »Es heißt,
dass der Domaineigentümer seine Identität nicht preisgeben will.
Das Problem hatte ich damals auch. Sauerei, wenn du mich fragst. Wo
bleibt da das Recht auf ein bisschen harmloses Stalking?«
»John, ich bin keine Stalkerin.«
Er ließ sich auf meine Besuchercouch plumpsen. »Ja,
ja, schon klar.«
Ich klappte mit einem frustrierten Stöhnen meinen
Laptop zu und wandte mich zu ihm um. »Entsetzlich, das
alles.«
»Sieh es positiv. Du wirst berühmt, wie der
Star-Wars-Junge.«
»Wer?«
John schlug die Beine übereinander und lehnte sich
genüsslich zurück. Endlich hatte er meine volle Aufmerksamkeit.
»Erinnerst du dich nicht an den Jungen, der sich selbst bei einem
›Lichtschwert‹-Kampf in der Garage gefilmt hat, und irgendwer hat
das Video in die Hände bekommen und ins Internet gestellt?«
»Kommt mir bekannt vor, ja.«
»Das nennt sich virales Marketing und wird in der
Unterhaltungsindustrie häufig für PR-Zwecke eingesetzt. Übers
Internet verbreitet sich ja alles wie ein Lauffeuer, vor allem via
E-Mail, wie in deinem Fall. Sozusagen ›Mailpropaganda‹ statt
›Mundpropaganda‹.«
»Na toll«, brummte ich. »Ich bin also das neueste
Aushängeschild des viralen Marketings.«
»Das ist die richtige Einstellung!«
»Was für ein Start in den Tag«, stöhnte ich und
rieb mir mit den Fingerspitzen die Stirn.
»Darf ich dir einen Vorschlag machen?«, fragte John
mit ernster Miene.
»Ich imitiere keine Akzente.«
Er erhob sich, kam zu mir und legte mir die Hand
auf die Schulter. »Schränk deine Suche etwas ein.«
Ich biss mir auf die Lippe. »Würde ich ja gern,
aber ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.«
»Ich muss wieder zur Arbeit. Du solltest dir
inzwischen Gedanken machen, wer hinter dieser Sache stecken könnte.
Wer hat ein Motiv?«
»Äh, John... Da gibt es über zweihundert
Kandidaten. Keiner der Männer, die ich der Untreue überführt habe,
war sonderlich begeistert. Neulich wäre ich sogar beinahe...«
Ich brach mitten im Satz ab. Meine Gedanken
rasten.
»Was ist?«
»Parker Colman!«, stieß ich aufgebracht hervor.
»Ich habe ihn neulich in Vegas einem Treuetest unterzogen, und er
hätte mich hinterher im Lift fast zusammengeschlagen.«
»Du glaubst also, er ist der Übeltäter?«
»Er muss es sein. Er hat sich aufgeführt wie ein
Psychopath.«
»Kann er sich so etwas denn überhaupt
leisten?«
Ich verstand die Frage nicht. Meine Auftraggeber
waren samt und sonders reich. Bislang hatte sich noch keiner über
die Höhe meines Honorars oder meiner Spesen beschwert. Zugegeben,
ich machte auch mal eine Ausnahme, wenn sich eine Frau meine
Dienste nicht leisten konnte, wie bei Rani und Clayton. Aber im
Normalfall war Geld für meine Klienten kein Problem.
Die Wahrheit ist unbezahlbar.
Fand ich jedenfalls immer.
»Wie meinst du das?«
»Na, Privatdetektive, anonyme Webseiten, Versendung
von Massen-E-Mails, das hat alles seinen Preis«, erläuterte John.
»Denk mal darüber nach. Da steckt kein Amateur dahinter. Das sieht
eher nach einer landesweiten Kampagne aus. Diese Angelegenheit ist
jemandem ganz schön wichtig, und er hat offenbar eine Menge Geld
dafür übrig. Aber ich schätze, wer es sich leisten kann, dich zu
beauftragen, der...«
Ich schüttelte den Kopf. »Parker hat mich nicht
beauftragt. Und auch nicht seine Verlobte, sondern ihr Vater. Gut
möglich, dass Parker arm wie eine Kirchenmaus ist. Das war, glaube
ich, mit ein Grund dafür, dass mein Klient ihm misstraut hat. Weil
er befürchtet hat, Parker könnte hinter dem Familienvermögen her
sein.«
John nickte. »Hmm.«
Je länger ich darüber nachdachte, desto sicherer
war ich mir. Außerdem waren einige dieser Bilder vor Parkers Junggesellenabschied entstanden, etwa
das beim Tanken vor dem Pokerunterricht. Parker Colman schied
eindeutig aus.
»Dann stehst du also wieder ganz am Anfang?«,
fragte John, als ich ihn zur Tür brachte.
Ich seufzte. »Ich fürchte, ja.«
Er umarmte mich zum Abschied und drückte mich dabei
eine Spur fester als sonst. »Vergiss nicht, der Kerl hat eine Menge
zu verlieren. Mehr als die meisten vermutlich«, erinnerte er
mich.
Ich stimmte ihm zu. »Versprich mir, dass du
niemandem davon erzählst«, bat ich ihn, ehe ich die Tür schloss.
»Schon gar nicht Sophie oder Zoë. Die beiden würden es bestimmt
ganz anders sehen als du.«
»Versprochen.«
»Schwör mir absolute Verschwiegenheit!«
Er nickte. »Ich werde schweigen wie ein Grab,
Jen.«
»Gut.«
Kaum war die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen,
begann ich mir erneut das Hirn zu zermartern. Ich ging im Geiste
eine endlose Liste von Namen durch; jeder stand für eine
Geschichte. Für ein Motiv. Für eine andere Interpretation des
Wortes »Liebe«.
Und doch verschmolzen sie alle in meinem
Kopf.
»Eine landesweite Kampagne«, murmelte ich.
Was für ein Albtraum.
In meinem Bestreben, ohne Rücksicht auf Verluste
die Wahrheit aufzudecken, hatte ich die Kehrseite der Medaille
übersehen: Dass offenbar auch Rache unbezahlbar ist.